Aus der Wörtersammlung: alt

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eine funkuhr

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sier­ra : 7.01 — Weni­ge Stun­den nach­dem mein Vater im April des ver­gan­ge­nen Jah­res gestor­ben war, über­reich­te mir mei­ne Mut­ter eine Uhr. Sie sag­te, ich, der ältes­te Sohn der Fami­lie, sol­le sie tra­gen. Viel­leicht mein­te sie, ich sol­le die Uhr mei­nes Vaters bewah­ren und damit die Zeit mei­nes Vaters behü­ten. Ja, genau so könn­te das gewe­sen sein, denn die klei­nen und die gro­ßen Uhren der Men­schen, die gestor­ben sind, blei­ben nicht sofort ste­hen, auch die Uhr mei­nes Vaters, die ich in die­sem Moment an mei­nem lin­ken Unter­arm tra­ge, zeigt uner­müd­lich wei­ter die vor­rü­cken­de Zeit. Sie knis­tert, wenn ich sie an mein Ohr lege. Das Geräusch ist so lei­se, dass ich nicht sagen kann, ob das Werk der Uhr knis­tert oder mein Ohr in der Begeg­nung mit dem küh­len Gehäu­se. Vie­le Tage und Wochen lang habe ich die Uhr mei­nes Vaters nicht getra­gen, sie ruh­te auf mei­nem Schreib­tisch. Manch­mal, indem ich sie beob­ach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, sie war­te. Immer wie­der ein­mal hob ich sie in die Luft, um die genaue, die wirk­li­che Zeit ange­zeigt zu bekom­men. Bei der Uhr mei­nes Vaters han­delt es sich näm­lich um eine Funk­uhr, die zu jeder Zeit auf die Sekun­de genau die all­ge­mein­gül­ti­ge Zeit anzu­zei­gen ver­mag. Ihr Zif­fer­blatt ist über­sicht­lich gestal­tet, ein gro­ßer Kreis für Halb­ta­ges­zeit und klei­ner Kreis in der unte­ren Hälf­te, in dem der Sekun­den­zei­ger sich um Minu­ten­zeit fort­be­wegt. Die­se Uhr und ihre drei Zei­ger ist nun mei­ne Uhr. Am ver­gan­ge­nen Sonn­tag setz­te ich mich mit ihr auf mein Sofa. Es war kurz vor zwei Uhr zur Nacht­zeit. Um genau zwei Uhr beschleu­nig­te der Minu­ten­zei­ger wie von Geis­ter­hand, dreh­te sich schnell ein­mal im Kreis her­um, dann war Som­mer gewor­den, ein selt­sa­mer Moment, weil ich für einen Augen­blick den Ein­druck hat­te, mein Vater selbst beweg­te den Zei­ger der Uhr, die sei­ne letz­te gewe­sen ist, weil er auf mich und mei­ne Zeit ach­tet. — Ges­tern habe ich mir einen Hut gekauft. — stop

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ameisengesellschaft lh — 1232

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN — 1232 [ lin­e­pi­the­ma humi­le ] Posi­ti­on 42°27’N 14°0’O nahe Pes­ca­ra / Fol­gen­de Objek­te wur­den von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das süd­west­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : acht­und­zwan­zig tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], zwei­und­fünf­zig Baum­stäm­me [ à 12 Gramm ], acht Rau­pen in Grün, drei­und­dreis­sig Rau­pen in Oran­ge, fünf Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die drei­er Zitro­nen­fal­ter ], acht Streich­holz­köp­fe [ à ca. 2 Gramm ], sechs Flie­gen der Gat­tung Cyclor­rha­pha [ Deckel­schlüp­fer ] in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 150 Gramm aus ver­gan­ge­nem Jahr ], drei Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], drei gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 7252 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], zwei Ele­phan­ten­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], drei Aas­ku­geln eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, sechs Wild­bie­nen, eine Kar­ne­vals­kro­ne [ Mat­tel X7892 — Bar­bie Glam ] 5.6 Gramm. — stop

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javier

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alpha

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : JAVIER IAN
date : april 1 13 10.12 p.m.

Nach wie vor bewegt sich Fran­kie sehr lang­sam den Hud­son River ent­lang. Es geht nur weni­ge hun­dert Meter am Tag vor­an. Fran­kie, als ob er ein Ziel ver­folg­te, kennt nur eine Rich­tung: süd­wärts. Der Ver­kehr auf der 12th Ave­nue ist grau­en­voll gefähr­lich bei Tag und bei Nacht. In den ers­ten Stun­den, da das Eich­hörn­chen den Cen­tral Park ver­las­sen hat­te, moch­ten wir kaum glau­ben, dass es über­le­ben wür­de. Aber er ist schnell und er scheint zu wis­sen, dass ihm die Stra­ßen der Stadt zum Ver­häng­nis wer­den könn­ten. Wir bemü­hen uns Fran­kie zu schüt­zen, wo und wie auch immer wir kön­nen. Erfolg­los haben wir nahe Man­hat­tan Crui­se Ter­mi­nal einen Hot­dog-Ver­käu­fer gebe­ten, Fran­kie nicht wei­ter zu füt­tern. Wir wis­sen jetzt, dass er Gur­ken­schei­ben und Zwie­beln bevor­zugt. Von Mit­te Febru­ar bis in die ers­te März­wo­che hin­ein war kaum eine Bewe­gung Fran­kies zu ver­zeich­nen gewe­sen. Wir haben sein Ver­hal­ten zunächst mit den groß­zü­gi­gen Spen­den des alten Man­nes aus Puer­to Rico begrün­det. Als aber Javier Ian eini­ge Tage mit sei­nem fah­ren­den Stand nicht erschie­nen war, bemerk­ten wir, dass Fran­kie Kreuz­fahrt­schif­fe beob­ach­te­te. Es waren die MS Aida, die MS Car­ni­val Mira­cle, die MS Free­dom of the Seas, die pracht­voll beleuch­tet an den Piers fest­ge­macht hat­ten. Fran­kie hock­te auf einer jun­gen Eibe, immer auf dem­sel­ben Ast, Stun­de um Stun­de. Es ist nicht mög­lich zu ver­ste­hen, was ihn an dem Blick auf den Fluss und auf die rie­si­gen Schif­fe fes­sel­te, er schien kaum zu schla­fen und er dul­de­te uns in sei­ner Nähe, wir kamen so nah an ihn her­an, dass wir ihn bei­na­he zu berüh­ren ver­moch­ten. Am 6. März brach Fran­kie wie­der auf. Er schien nach uns zu sehen, ob wir ihm fol­gen. Und tat­säch­lich war­te­te er, wenn wir uns zur Pro­be ver­steck­ten in einer der Stra­ßen, die zum Fluss füh­ren. Die Näch­te sind nach wie vor kalt, aber ohne Frost. Unser Fran­kie ist kräf­tig, ist stark über den Win­ter gekom­men. Wir befin­den uns Höhe 41. Stra­ße. Es ist Mon­tag, der 1. April 2013, frü­her Abend. — Aller­bes­te Grü­ße sen­det Mal­colm / code­wort : medusenkopfauge

emp­fan­gen am
1.04.2013
2034 zeichen

mal­colm to louis »

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vom zufall

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del­ta : 0.12 — Hen­ry erzähl­te, er habe vor eini­gen Wochen eine Kar­ton­schach­tel erwor­ben für 80 Cent. Zu Hau­se habe er im Inne­ren der Schach­tel ein­hun­dert­und­zwölf Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien ent­deckt, Foto­gra­fien einer Zeit um das Jahr 1965 her­um. Men­schen, die auf die­sen Foto­gra­fien zu sehen sind, tra­gen Schuh­werk jener Jah­re, Män­tel, Hüte. Auch Auto­mo­bi­le, die da und dort im Hin­ter­grund zu sehen sind, ver­wei­sen auf die Mit­te eines Jahr­zehn­tes, als Hen­ry selbst gebo­ren wor­den war. Er habe die Bil­der nun digi­ta­li­siert und wür­de sie in weni­gen Tagen auf einer Web­sei­te ver­öf­fent­li­chen mit der Bit­te, sich bei ihm zu mel­den, sobald man sich selbst auf einer der Foto­gra­fien ent­de­cken wür­de. Ich woll­te wis­sen, war­um er so han­de­le. Hen­ry ant­wor­te­te, er habe das Gefühl, die­se Auf­nah­men könn­ten viel­leicht feh­len, irgend­je­man­dem, einem Album, einer Geschich­te. Ja, selbst­ver­ständ­lich sei ihm bewusst, dass nur durch einen Zufall sei­ne Sei­te von genau jenen Men­schen besucht wer­den wür­de, die sich wie­der erken­nen könn­ten, es gehe ihm rein um die Mög­lich­keit, dass sich die­ser Zufall ereig­nen kön­ne, er habe im Grun­de die Mög­lich­keit eines Zufal­les geschaf­fen. Eine der Foto­gra­fien soll ein höl­zer­nes Feu­er­wehr­au­to zei­gen, das von Kin­der­hand geführt über einen Tep­pich fährt. In dem Tep­pich sei ein Loch, das ihn an ein Brand­loch erin­nert habe. Eine wei­te­re Auf­nah­me zei­ge eine Gar­di­ne, die sich im Wind zu bewe­gen schei­ne, im Hin­ter­grund etwas Him­mel, Wol­ken und ein Flug­zeug. Und die­se alte Frau, die auf einer Park­bank sitzt, sie wird, sag­te Hen­ry, viel­leicht oder sehr sicher nicht mehr unter den Leben­den sein. Sie hält einen Foto­ap­pa­rat, es könn­te sich um eine Lei­ca han­deln, in ihren Hän­den. Die alte Frau lacht, es ist Som­mer, sie lacht wie jene ande­re, etwas jün­ge­re Frau, die auf einem stei­ni­gen Weg breit­bei­nig steht, ein Fuß ist zur Sei­te geknickt, auch sie hält eine Kame­ra, ein Lei­ca viel­leicht, ihn ihren Hän­den. — stop

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ameisengeschichte

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india : 6.15 — Die müde Stim­me eines Freun­des ges­tern Abend auf dem Anruf­be­ant­wor­ter. Ich hat­te um einen Rück­ruf gebe­ten, der Rück­ruf kam bald. Er mel­de­te, er sei gera­de auf dem Land in sei­nem Haus und kämp­fe mit Amei­sen. In den dar­auf­fol­gen­den Minu­ten hat­ten wir mehr­fach kür­ze­re Ver­bin­dun­gen, die je nur Sekun­den­zeit dau­er­ten. Das waren Ver­bin­dun­gen einer Art gewe­sen, die man viel­leicht von frü­her her kennt, Stör­ge­räu­sche, Wort­fet­zen, Stim­men von sehr weit her, geheim­nis­voll. Nach eini­gen Minu­ten war dann end­lich eine sta­bi­le Ver­bin­dung erreicht. Ich hör­te einen Bericht jener Vor­gän­ge, die sich fern, im Rhein­gau, in einem klei­nen Haus, das sich in der Nähe eines Wal­des befin­det, abspiel­ten. Möbel wur­den ver­rückt, in Mau­er­spal­ten geleuch­tet, Die­len ange­ho­ben, um das Nest der Amei­sen­tie­re, die wie­der ein­mal in das Haus ein­ge­wan­dert waren, auf­zu­spü­ren. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te ich noch immer die Vor­stel­lung eines Kamp­fes, der mit den Werk­zeu­gen der Uhr­ma­cher gefoch­ten wur­de, Lupen, Pin­zet­ten, dazu feins­te Net­ze, Nadeln, Honig­trop­fen. Rasch wur­de deut­lich, dass ich mich in Dimen­sio­nen der Vor­stel­lung beweg­te, die mit der Wirk­lich­keit mei­nes Freun­des nichts zu tun hat­ten, mein Freund kämpf­te mit Schau­feln, mit Besen, mit Gif­ten, mit Feu­er, mit Was­ser. Er sag­te, er habe ein­zel­ne Tie­re bereits vor Wochen wahr­ge­nom­men, sie aber zunächst nicht ernst genom­men. Ich stell­te mir vor, wie sie nun über­all sind, ein Haus, das von Amei­sen geflu­tet wird, ein Haus, das eine Haut von Amei­sen­kör­pern trägt. Sie sol­len als Staats­we­sen ohne beson­de­re Intel­li­genz sein. Sie bemer­ken nicht, dass man sie bekämpft, sie wer­den weni­ger, aber sie hören nicht auf, sie flüch­ten nicht, gera­de des­halb sind sie viel­leicht nicht zu bezwin­gen. Und wie­der die Fra­ge, neh­men wir ein­mal an, ein Volk von Wan­der­amei­sen näher­te sich, was wür­de ich hören? Viel­leicht ein gut sicht­ba­res Geräusch? — stop

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ryūnosuke akutagawa

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char­lie : 5.05 — Nach der mög­li­chen Exis­tenz von Droh­nen im New Yor­ker Luft­raum gefragt, soll der Bür­ger­meis­ter der Stadt geant­wor­tet haben, dass man sol­che Ent­wick­lun­gen nicht auf­hal­ten kön­ne. „Wir wer­den mehr Sicht­bar­keit und weni­ger Pri­vat­sphä­re haben”. Es sei kei­ne Fra­ge, ob er selbst das gut oder schlecht fin­de. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwi­schen einer Droh­ne in der Luft und einer Kame­ra auf einem Gebäu­de.“ — In die­sem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, ver­lässt die Vor­stel­lung eines Posau­nis­ten, der früh­mor­gens an Bord der Fäh­re MS John F. Ken­ne­dy spie­lend einen neu­en Mor­gen begrüßt, wäh­rend er von einem sum­men­den Flug­ob­jekt in der Grö­ße einer Man­da­ri­ne umrun­det wird, ihren poe­ti­schen Raum. — stop. — Minus 5 Grad Cel­si­us. — stop. — Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sitzt eine Amsel. Ich neh­me an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu sin­gen. Ich habe eine hal­be Stun­de lang in der Beob­ach­tung des klei­nen dunk­len Vogel­schat­tens mein Gedächt­nis trai­niert, indem ich ver­such­te, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu ler­nen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryū­no­suke Aku­tag­awa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts wei­ter. — stop

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kairo

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india : 7.00 — Weder darf ich ihren Namen ver­ra­ten, noch in wel­cher Stadt sie wohnt oder für wen sie arbei­tet. Alles ande­re darf ich erwäh­nen, dass sie wirkt, als sei sie einem Felli­ni-Film ent­kom­men, zum Bei­spiel. Sie trägt blaue Turn­schu­he, hel­le Sei­den­strümp­fe und einen grau­en, kur­zen Man­tel mit einem Pelz­kra­gen, der nicht echt ist oder doch, ich kann es nicht sagen. Wenn sie auf ihren lan­gen, äußerst dün­nen Bei­nen vor mir steht, über­ragt sie mich um einen hal­ben Kopf, kann somit mei­nen Schei­tel betrach­ten, was nie geschieht, weil sie mir stets auf oder in die Augen schaut, wenn wir mit­ein­an­der spre­chen. Auch dann näm­lich schaut sie mir in die Augen, wenn ich ihren Blick nicht erwi­de­re, weil ich gera­de irgend­ei­nen ande­ren Ort ihrer Erschei­nung besich­ti­ge. An ihrem Hals sitzt ein grün­gel­ber Schmet­ter­ling, der zu einem Tat­too gehört, das längst ihren hal­ben Kör­per bede­cken soll. Ich habe ein­mal einen flüch­ti­gen Ein­druck des Haut­ge­mäl­des erhal­ten, als sie mir ihren Bauch zeig­te. Ich war begeis­tert, aber auch ein wenig erschro­cken gewe­sen, ich konn­te ihre Rip­pen sehen, so dünn ist sie, so zer­brech­lich, dass man sie als eine Hun­ger­künst­le­rin bezeich­nen könn­te, eine, die gera­de so wenig isst, dass sie dar­an nicht stirbt. Über­haupt, ja, über­haupt das Leben, es ist nicht leicht, das sagt sie mit einer tie­fen Stim­me. Ihr Mund ist ein klei­ner Mund, ihre Augen sind grau, ihr Haar reicht bis fast zu den Knie­keh­len her­ab. Jeder Mann, aber auch alle Frau­en dre­hen sich nach ihr um, wenn sie erscheint und wie­der ver­schwin­det. Unlängst hat­te sie einen klei­nen Kof­fer gepackt und war mit ihm nach Kai­ro geflo­gen. Ich frag­te, ob sie sich nicht gefürch­tet habe. Nein, ant­wor­te­te sie, es sei ihr nicht so wich­tig am Leben zu blei­ben, weil sie eigent­lich nicht sehr ger­ne lebe, das sei schon immer so gewe­sen, wes­we­gen sie nur ungern trin­ken und essen wür­de. Um ein Schäl­chen Hafer­flo­cken zu sich neh­men zu kön­nen, muss ein hal­ber Tag ver­ge­hen. Das ist für ein Schäl­chen Hafer­flo­cken eine lan­ge Zeit. Sie lacht jetzt. Wenn doch die Män­ner nicht immer das­sel­be woll­ten, na, Du weißt! Der Künst­ler, der ihr das Haut­ge­mäl­de fer­tig­te, habe ihr gesagt, dass er sich fürch­tet über ihren blan­ken Rip­pen mit der Nadel zu arbei­ten. Wie­der lacht sie, ein wär­men­des Geräusch. — stop

polaroidnachtvogel

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von nachthüten

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echo : 6.48 — Es war das ers­te Mal, dass ich ein Hut­ge­schäft betre­ten habe. Es roch sehr gut, es roch nach fei­nen Stof­fen und nach Leder, es roch eigent­lich eher nach einem Schuh­ge­schäft als nach einem Geschäft für Hüte. Der Mann hin­ter dem Tre­sen trug natür­lich selbst einen Hut auf dem Kopf. Als ich mich näher­te, war er gera­de in ein Gespräch ver­tieft mit einem Herrn, der sich Hüte vor­füh­ren ließ. Er schien über sehr viel Geld zu ver­fü­gen, weil er jeden Hut, der ihm gefiel, unver­züg­lich kauf­te. Ein Turm von Hut­schach­teln, so hoch wie der Mann selbst, hat­te sich neben ihm gebil­det. Der Turm wur­de von einem Ange­stell­ten des Ladens fest­ge­hal­ten, damit er nicht stürz­te. Ein wei­te­rer jun­ger Mann klet­ter­te auf einer Lei­ter hin­ter dem Tre­sen vor einem Regal her­um, das aus einem frü­he­ren Jahr­hun­dert zu kom­men schien, das heißt, das Regal war übrig geblie­ben, wäh­rend ande­re Gegen­stän­de der­sel­ben Zeit längst ver­schwun­den waren. Eini­ge Minu­ten nahm kei­ner der Men­schen, die sich in dem Laden befan­den, Notiz von mir, und so konn­te ich die­se klei­ne Geschich­te beob­ach­ten, auch den Aus­füh­run­gen lau­schen, mit wel­chen der Mann, der Hüte kauf­te, sein Ver­hal­ten begrün­de­te. Obwohl auf sei­nem Kopf noch sehr viel Haar zu ent­de­cken war, schien der Mann sich bereits jetzt Gedan­ken dar­über zu machen, wie lang er über sein Haar noch ver­fü­gen wür­de. Er schien damit zu rech­nen, dass er bald kein ein­zi­ges oder nur räu­di­ges Haar auf dem Kopf tra­gen wür­de, dar­un­ter blo­ße Haut, nichts also als sei­nen Kopf, was für ihn inak­zep­ta­bel sein konn­te. Er woll­te nun vor­sorg­lich Hüte wie Fri­su­ren besit­zen, woll­te nichts ande­res, als mäch­tig sein über sei­ne Zukunft, vor­be­rei­tet, sagen wir. Selbst noch nachts, stell­te er sich vor, soll­te ein Hut sei­nen Kopf bede­cken, wes­we­gen er nach Nacht­hü­ten frag­te, aber so etwas gibt es nicht, oder bis­her nicht, Müt­zen ja, aber nicht Hüte, nicht Nacht­hü­te, was selt­sam ist, nicht wahr, dass es alles Mög­li­che gibt auf die­ser Welt, aber kei­ne Hüte, die rei­ne Nacht­hü­te sind. Seit ich das Hut­ge­schäft vor Stun­den ver­las­sen habe, den­ke ich dar­über nach, was einen Nacht­hut genau genom­men aus­ma­chen wür­de, was ihn von ande­ren Hüten unter­schei­den wür­de. Es müss­te ver­mut­lich sehr weich sein, das könn­te sein. Sehr viel wei­ter bin ich in mei­nen Über­le­gun­gen bis­lang nicht gekom­men. Es ist jetzt kurz nach drei Uhr. Schnee­wol­ken nähern sich von Nord­os­ten her. – stop

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lissabon

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sier­ra : 6.52 — Eines der letz­ten beweg­ten Bil­der, die ich von mei­nem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in sei­nem Arbeits­zim­mer am Com­pu­ter arbei­tet. Auf dem Bild­schirm sind dut­zen­de Pro­gramm­fens­ter geöff­net. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in sei­nem Ses­sel. Manch­mal tas­tet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wie­der auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zei­ger über den Bild­schirm fah­ren. Ein wei­te­res Pro­gramm­fens­ter öff­net sich. Ein klei­nes Mäd­chen fährt in die­sem Fens­ter auf einem Fahr­rad über einen san­di­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­ni­en dahin, lacht hoch zur Kame­ra, die rück­wärts durch die Luft zu flie­gen scheint. Es ist ein hei­te­rer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öff­net sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fens­ter, das den hei­te­ren Film ver­deckt. Eine Foto­gra­fie, Mut­ter nahe Lis­sa­bon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­pu­ter sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schu­he. Auch mei­ne Mut­ter trägt Turn­schu­he. Ich frag­te mich, wer die­se Auf­nah­me mach­te, und kom­me nicht dar­auf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­gra­fen viel­leicht. In die­sem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zim­mer her, dass das Mit­tag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fens­ter, die er im Lau­fe des Vor­mit­ta­ges geöff­net hat­te, wie­der zu schlie­ßen. Nein, alles muss auf­ge­räumt wer­den. Mein Vater steht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­che­ren Schrit­tes auf die Trep­pe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zei­ger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fens­ter nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schlie­ßen der Fens­ter zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­de­cken, nicht zu erken­nen. Der Zei­ger irrt auf dem Bild­schirm her­um, Fens­ter drän­gen sich in den Vor­der­grund und ver­schwin­den wie­der. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schrit­te auf der Trep­pe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Gar­ten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­pu­ter längst ein­ge­schla­fen. — stop

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konzert für posaune

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lima : 2.12 — Vor weni­gen Stun­den, am spä­ten Nach­mit­tag, wur­den in der Cham­bers Street 155, drit­ter Stock, zwei Sau­er­stoff­fla­schen für den Trans­port in Rich­tung der Lex­ing­ton Ave­nue vor­be­rei­tet. Es han­del­te sich um zwei schlan­ke, metal­le­ne Behäl­ter von je 12 Kilo­gramm Gewicht. Sie schim­mer­ten sehr schön im Licht der tief ste­hen­den Son­ne, die durch die Fens­ter eines exqui­si­ten Ladens strahl­te, in dem man Zube­hör für Tau­cher und ande­re Was­ser­men­schen erwer­ben kann, see­fes­te Bücher, schwe­ben­de Stüh­le und Tische, Kie­men­vö­gel, Pracht­schne­cken, Leucht­mol­lus­ken und vie­le wei­te­re Gegen­stän­de, die man sich viel­leicht wün­schen wird, wenn man es mit einer dau­er­haf­ten Exis­tenz im oder unter dem Was­ser zu tun haben wür­de. Nun waren an den Sau­er­stoff bewah­ren­den Behäl­tern je zwei beson­de­re Vor­rich­tun­gen zu ver­mer­ken, Pro­pel­ler oder etwas Ähn­li­ches, die sich zur Pro­be mit einem hel­len Sau­sen so schnell dreh­ten, dass man sie in der Luft nicht sehen, aber spü­ren konn­te. Vier Ange­stell­te des klei­nen Ladens prüf­ten sehr sorg­fäl­tig eine hal­be Stun­de lang die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Appa­ra­tu­ren, dann mon­tier­ten sie zwei metal­le­ne Schläu­che, an wel­chen sich Mund­stü­cke befan­den, die den Mund­stü­cken der Trom­pe­ten ähnel­ten. Denk­bar, dass jene beob­ach­te­ten Sau­er­stoff­fla­schen durch das Was­ser schwe­ben wer­den, wäh­rend man etwas Luft von ihnen nip­pen könn­te. Mei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit aber galt einem Zet­tel, der dem Trans­port bei­gefügt wor­den war. Dort war ver­merkt, dass die Behäl­ter am spä­ten Abend mit­tels eines Taxi­trans­fers an Mrs. Sün­ja Täp­pin­nen aus­ge­lie­fert wer­den soll­ten, wohn­haft in der Lex­ing­ton Ave­nue 1285, wie bereits erwähnt, 14. Eta­ge. Ursäch­lich für die Bestel­lung könn­te ein Unter­was­ser­jazz­kon­zert gewe­sen sein, das genau in die­sen Minu­ten, da ich mei­ne Nach­richt notie­re, zur Auf­füh­rung kom­men wird. Es ist nun alles, auch wirk­lich alles mög­lich, was man sich den­ken kann in die­ser schö­nen Win­ter­nacht. — stop

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