Aus der Wörtersammlung: farbe

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grand central station. regen

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marim­ba : 0.12 — Grand Cen­tral Sta­ti­on an einem reg­ne­ri­schen Tag, vie­le der rei­sen­den Men­schen sind nass gewor­den. Auch ein paar Tau­ben haben sich in den Bahn­hof geflüch­tet, sie gehen zu Fuß, wes­halb sie von Kin­dern gejagt wer­den, deren Müt­ter lan­ge Röcke tra­gen und Schlei­fen im Haar. Die­se Per­so­nen wir­ken so, als wären sie gera­de erst aus den Regen­wol­ken frü­he­rer Jahr­hun­der­te gefal­len.  Wie ich mit einer Roll­trep­pe abwärts fah­re, durch die Tun­nels unter dem Bahn­hof spa­zie­re, tref­fe ich auf eine Modell­ei­sen­bahn, die mit Blau­licht durch einen Post­kar­ten­la­den fun­kelt. Ein Feu­er ist aus­ge­bro­chen, eine Tank­stel­le brennt, die jeder­zeit explo­die­ren könn­te, und eine Schu­le. Gele­gent­lich schep­pert ein Zug vor­bei, des­sen Loko­mo­ti­ve dampft, indes­sen das Modell­ei­sen­bahn­feu­er mit­tels fei­ner Papie­re und künst­li­chem Wind zur Auf­füh­rung kommt. Eine dra­ma­ti­sche Sze­ne. In die­sem Moment der Beob­ach­tung eines Unglücks, erin­ner­te ich mich an einen Hei­zer, der in einem Mün­che­ner Bahn­hof das Fahr­werk einer rie­si­gen Loko­mo­ti­ve ölte. Es war eine Zeit, da die fah­ren­den Koh­len­brenn­wer­ke star­ben. Ich könn­te damals zum ers­ten Mal bemerkt haben, dass auch Modell­lo­ko­mo­ti­ven regel­mä­ßig mit Maschi­nen­öl, wel­ches aus hand­li­chen Behäl­tern trop­fen­wei­se ver­teilt wur­de, ver­sorgt wer­den wol­len. Der Dampf, der unter der Fahrt kurz dar­auf aus zier­li­chen Schlo­ten pfiff, war echt, wie der Dampf der gro­ßen Loko­mo­ti­ven­brü­der. Die ers­te Eisen­bahn mei­nes Lebens habe ich von einem Lauf­stall aus als Gefan­ge­ner beob­ach­tet. Noch konn­te ich, wenn ich mich nicht täu­sche, nur sit­zen oder lie­gen, aber das war nicht schlimm gewe­sen, weil der Zug, der mei­nen Lauf­stall umkreis­te, vom Boden her gut zu sehen war. Ich erin­ne­re mich an Schie­nen von Metall, die ich spä­ter ein­mal ver­bie­gen wer­de, an leuch­ten­de Signal­an­la­gen, an dun­kel­grü­ne Kro­ko­di­le, die je über drei Schhein­wer­fer­köp­fe ver­füg­ten. Spä­te­re, sehr viel klei­ne­re Dampf­lo­ko­mo­ti­ven­mo­del­le, waren schwer. Wenn ich sie in mei­nen klei­nen Hän­den hielt, hat­te ich das Gefühl etwas Bedeu­ten­des zu hal­ten. Ihre Far­ben waren Schwarz und Rot, und sie rochen schön nach Eisen. Seit jener Zeit spü­re ich eine kind­li­che Form der Erre­gung, sobald ich in einem Modell­ka­ta­log blät­te­re. Die ers­te Spiel­zeug­ei­sen­bahn, die mir selbst gehör­te, war von Holz gewe­sen, höl­zer­ne Schie­nen, höl­zer­ne Wag­gons, höl­zer­ne Loko­mo­ti­ven, auch die Pas­sa­gie­re waren von Holz. Heut­zu­ta­ge wer­den Loko­mo­ti­ven her­ge­stellt, die so klein sind, dass man sie ver­schlu­cken kann. – Vor weni­gen Tagen wur­de Rado­van Kara­džić zu 40 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. — stop
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minutenzeitung

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hima­la­ya : 5.16 — Ges­tern erzähl­te Mut­ter, nein, nein, sie lese kei­nes­wegs lang­sa­mer durch ihre mor­gend­li­che Zei­tung als frü­her noch, viel­mehr sei­en die Zei­tun­gen selbst schwe­rer, das heißt, umfang­rei­cher oder dicker gewor­den. Das kön­ne nie­mand mehr lesen, jeden Tag eine neue dicke Zei­tung. Ich dach­te, man müss­te ein­mal die Zeit anhal­ten, sagen wir für zwei oder drei Mona­te. Alles wür­de zit­ternd still­ste­hen auf unse­rer Erd­ku­gel, allein Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten wären noch beweg­lich. Sie rei­sen nun her­um, betrach­te­ten fünf Minu­ten Zeit welt­weit, die sich über­all so lan­ge wie­der­holt, bis sie von Spra­che und Foto­gra­fie erfasst sein wird. In einem Flücht­lings­la­ger hält eine Groß­mutter ein gera­de gebo­re­nes Kind aus einem Zelt her­aus, der Vater kippt etwas Regen­was­ser über den klei­nen rosa­far­be­nen Leib, und schon sind fünf Minu­ten Zeit ver­gan­gen und das Kind wie­der in den Leib der Mut­ter zurück­ge­kehrt. Als das Kind unver­züg­lich erneut gebo­ren wird, sind drei wei­te­re Foto­gra­fen vor das Zelt getre­ten, um das Kind zu foto­gra­fie­ren, wie es von sei­nem Vater gewa­schen wird. In Oslo sto­ßen zwei Stra­ßen­bah­nen so lan­ge gegen­ein­an­der, bis end­lich über sie berich­tet wird. Auf Neu­see­land, nahe Parapa­ra, fällt ein Kind von einem Baum, Minu­ten­wei­se klet­tert es wie­der hin­auf und fällt wie­der zu Boden, ehe ein Repor­ter vor­über kom­men wird, um viel­leicht gera­de noch recht­zei­tig das Kind auf­zu­fan­gen. Auch die alte Mar­tha will bemerkt wer­den, sie hat wie­der ein­mal ein paar Match­box­au­tos ver­schluckt in Lon­don im Kauf­haus bei Har­rods. Eine umfang­rei­che Zei­tung könn­te ent­ste­hen, eine Welt­zei­tung von 5 Minu­ten Zeit, die von zehn­tau­sen­den Jour­na­lis­ten notiert wur­de, die wie Wan­der­amei­sen Blät­ter, Wör­ter, Gedan­ken, Foto­gra­fien sam­mel­ten, um zu erzäh­len, was der Fall ist. – Fünf Uhr sech­zehn in Ido­me­ni, Grie­chen­land. – stop
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nahe montauk

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char­lie : 3.28 — Z. erzähl­te vor weni­gen Tagen, sie habe einen Freund besucht, der in einem Strand­haus nahe Montauk auf Long Island lebe. Er habe ihr im wort­wört­li­chen Sin­ne sein Herz geschenkt. Die­ses geschenk­te Herz soll sich seit zwei Jah­ren frei­schwe­bend in Kon­ser­vie­rungs­flüs­sig­keit befin­den, indes­sen das neue Herz ihres Freun­des, ein tat­säch­lich sehr jun­ges Herz, sich inzwi­schen mit einem sehr viel älte­ren Kör­per gut ange­freun­det habe. Z. sag­te, sie habe das Herz, wel­ches von Glas umman­telt sei, sorg­fäl­tig in ihrem Ruck­sack ver­staut und sei damit in den Zug gestie­gen. Im Zug habe sie das Herz her­vor­ge­holt und vor sich auf den Tisch des Abteils gestellt. Sie habe wäh­rend der lan­gen Fahrt nach New York zurück das alte Herz ihres Freun­des ein­ge­hend stu­diert, vor allem wie sich im Mee­res­licht, das durch das Zug­fens­ter ein­ström­te, die Kon­tu­ren des Her­zens und sei­ne Far­ben leb­haft ver­än­der­ten. — stop
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von muffins

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tan­go : 1.10 — In der ver­gan­ge­nen Nacht hat­te ich einen lus­ti­gen Traum. Ich beob­ach­te­te, wie ich mit einem gespitz­ten Stück blau­er Krei­de in mein Papier­no­tiz­buch notier­te. Ich schrieb unge­fähr ein Wort auf eine Sei­te. Sobald das Wort, das ich schrei­ben woll­te, über zu vie­le Zei­chen für den Umfang einer Sei­te mei­nes Notiz­bu­ches ver­füg­te, über­leg­te ich, ob viel­leicht ein kür­ze­res Wort exis­tie­ren könn­te, um das län­ge­re Wort zu erset­zen. Plötz­lich näher­te sich eine Hand von der Sei­te her, nahm mir das Stück Krei­de behut­sam aus den Fin­gern, reich­te mir statt­des­sen einen Blei­stift, und ich schrieb in gro­ßen Buch­sta­ben wei­ter, die von Sei­te zu Sei­te immer klei­ner wur­den, klei­ner und klei­ner, bis ich mei­ne Schrift nicht mehr lesen konn­te. Immer noch Traum. Ich gehe spa­zie­ren. Fri­scher Nacht­schnee knis­tert unter mei­nen Füßen. Es ist ein son­ni­ger Tag in Brook­lyn, am Ende einer Stra­ße schim­mert das Meer. Ein paar glän­zen­de Flug­zeu­ge schwe­ben dort über den Him­mel, sie flie­gen auf dem Kopf. Kurz dar­auf betre­te ich ein Café, es ist, glau­be ich, das Buon Gus­to in der Mon­ta­gue Street. Vor einer Vitri­ne in der Tie­fe des schma­len Rau­mes war­tet ein Poli­zist. Er ist groß und von kräf­ti­ger Sta­tur und sei­ne Haut sehr schwarz, und ich den­ke, er weiß, dass ich den­ke, dass er sehr schwarz ist, und er lacht und deu­tet ins Inne­re der Vitri­ne, wo ein gutes Dut­zend Muf­fins auf apri­ko­sen­far­be­nen Deck­chen ruhen. Einer der klei­nen Kuchen bewegt sich, ein Blau­beer­muf­fin, seit­wärts ragt ein gefie­der­tes Flü­gel­chen her­aus, das wild um sich schlägt, wes­halb der klei­ne Kuchen sich immer schnel­ler auf der Stel­le dreht. Sei­te an Sei­te ste­hen der rie­si­ge Mann und ich, ein klei­ner Mann, leicht vor­ge­beugt und stau­nen über das Gesche­hen in der Vitri­ne. Plötz­lich wird es still, der Flü­gel ist im Muf­fin ver­schwun­den, und der Poli­zist flüs­tert mir zu: Er gehört zu Ihnen, nicht wahr! Ich ant­wor­te: Ich glau­be, er ist ein­ge­schla­fen. — stop

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von kreide und schnee

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nord­pol : 22.01 — Far­ben ant­ark­ti­schen Eises auf einem Gesicht, noch Krei­de­far­ben, noch Pig­men­te ohne Öle, Wan­gen, Nase, Lip­pen, Stirn, von flin­ken, träu­men­den Fin­gern im Pro­zess der Arbeit schein­bar ohne Bewusst­sein im Ver­se­hen auf die eige­ne Haut gezeich­net, Anmu­tun­gen von Blau, von Grau, von Weiß, von Schwarz. Es scheint bedeu­tend, wenn nicht unver­zicht­bar zu sein, Far­ben von Schwarz, von Umbra, Kern­schat­ten­far­ben, in die Hand zu neh­men, die Far­ben der Wüs­ten­ge­stei­ne, um das Eis der Ant­ark­tis, das Eis eines grön­län­di­schen Glet­schers vor­aus zeich­nen zu kön­nen. Ein lei­ses Gespräch, wis­pernd, in dem Sand­ge­stei­ne sich auf die Lein­wand legen, zärt­lich fau­chend, das Licht in den meer­wärts flie­ßen­den Schat­ten, in den Win­keln eines Mun­des. Wie Mel­ly Cus­aro, die an einem win­ter­li­chen Tag beschloss, den Mars zu berei­sen, fort­an das Wesen des Eises und des Schnees zu begrei­fen sucht. Wer nach Was­ser for­schen wird in der Welt­raum­fer­ne, sagt sie, muss sich von der Wüs­te und vom Schnee eine prä­zi­se Vor­stel­lung gezeich­net haben. Es schnei­te in Brook­lyn, Schnee lehn­te an Wän­den alter Häu­ser, türm­te sich auf Bal­ko­nen, rie­sel­te im zar­ten Atem eines fast wind­stil­len Tages von den Ulmen. Wer moch­te, konn­te mit Schlitt­schu­hen über die Pro­me­na­de auf den Höhen fah­ren. Wel­ches Geräusch wür­de in der Stil­le ein Kon­tra­bass von Eis erzeu­gen? — stop
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von teefliegen

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india : 3.22 — Seit Stun­den sit­ze ich wie­der ein­mal im Dun­keln, weil ich her­aus­zu­fin­den wün­sche, ob Libel­len auch in licht­lee­ren Räu­men flie­gen, schwe­ben, jagen. Als ich ges­tern näm­lich gegen den Mit­tag zu erwach­te, balan­cier­te eine Libel­le, mari­ne­blau, auf dem Rand einer Karaf­fe Tee, die ich neben mei­nem Bett abge­stellt hat­te, sie schau­te mir beim Auf­wa­chen zu und nasch­te, indem sie rhyth­misch mit einer sehr lan­gen Zun­ge bis auf den Grund des zimt­far­be­nen Gewäs­sers tauch­te. Viel­leicht jag­te sie nach Fischen oder Lar­ven oder klei­nen Flie­gen, nach Tee­flie­gen, kochend heiß, die küh­ler gewor­den sein moch­ten, wäh­rend ich schlief. Oder aber sie hat­te end­lich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, wes­halb ich kurz vor Mit­ter­nacht einen Löf­fel Honig erhitz­te und auf die Fens­ter­bank trop­fen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so war­te ich nun bereits seit drei Stun­den und höre selt­sa­me Geräu­sche, von Men­schen viel­leicht oder ande­ren wil­den Tie­ren. — stop

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zwergdrache

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marim­ba : 2.24 – Ort: Upper Bay von New York. Zeit: Som­mer 1958. Auf einem Fähr­schiff, des­sen Name ich nicht ermit­teln konn­te, steht am Heck ein Jun­ge im Alter von unge­fähr 12 Jah­ren. Es ist frü­her Nach­mit­tag, die Schu­le ver­mut­lich gera­de vor­über, der Jun­ge fährt mit dem Schiff von Man­hat­tan nach Hau­se. Er trägt Halb­schu­he, ein hel­les Hemd, eine Kra­wat­te und ein dunk­les Jackett, sei­ne Schul­ta­sche lehnt an einem Pfei­ler, der für schwe­re Schiffstaue vor­ge­se­hen ist. Im Hin­ter­grund, am Hori­zont, sind Krä­ne zu erken­nen, die wie eiser­ne Vögel auf stel­zen­ar­ti­gen Füs­sen ste­hend, zu war­ten schei­nen. Eini­ge Meter über dem Jun­gen schwebt eine Möwe, auch sie ist, wie der Jun­ge selbst, reg­los in einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie gefan­gen. Zwei älte­re Per­so­nen, eine Frau in einem hel­len Kleid, und ein Mann, der einen dunk­len Anzug trägt, lun­gern auf einer Bank. Sie küs­sen sich gera­de auf den Mund, sind viel­leicht eigent­li­che Ursa­che der Foto­gra­fie, der Jun­ge, der gefähr­lich nah an der Kan­te zum Was­ser steht, ist also mög­li­cher­wei­se ver­se­hent­lich mit auf das Bild gera­ten. Eine Hand des Jun­gen ist nach vorn hin aus­ge­streckt, es ist sei­ne lin­ke Hand, wäh­rend sei­ne rech­te Hand einen Faden, so fein, dass er kaum noch sicht­bar ist, um die­se lin­ke aus­ge­streck­te Hand wickelt, als wäre sie eine Spu­le. Der Jun­ge scheint im Moment der Auf­nah­me mit sei­ner Arbeit des Wickelns bei­na­he fer­tig gewor­den zu sein, das Ende des Fadens wird bereits sicht­bar, ein klei­ner Dra­che von Papier ist dort befes­tigt, ein Dra­che nicht län­ger als zehn Zen­ti­me­ter und nicht brei­ter als sechs Zen­ti­me­ter, ein Zwerg­dra­che, in der ein­fach gekreuz­ten Form der Kin­der­dra­chen, des­sen Kör­per mit Sei­den­pa­pier bespannt gewe­sen sein könn­te, unbe­kann­te Far­be, viel­leicht blau, viel­leicht gelb. Eine erstaun­li­che Ent­de­ckung. Zwei­ter Blick. – stop

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nazamins schwester

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echo : 5.08 — Ich träum­te von merk­wür­di­gen Tie­ren, die sehr flach sind und weich und außer­dem schön gestal­tet. Wenn man eines die­ser Tie­re auf einem Tisch in der Wirk­lich­keit vor sich lie­gend betrach­ten könn­te, wür­de man viel­leicht die Ähn­lich­keit zu Brief­mar­ken erken­nen, so wie wir sie als Kin­der ent­de­cken und zu sam­meln begin­nen. Tat­säch­lich han­delt es sich bei jenen Tie­ren, wel­che ich träum­te, um Brief­mar­ken­tie­re, die leicht sind, man­che tra­gen die Zeich­nung wei­te­rer Tie­re auf ihrem Kör­per, Zebras oder Schmet­ter­lin­ge oder Sing­vö­gel sind häu­fig auf ihrem Rücken zu erken­nen. An einem ihrer gezahn­ten Rän­der sit­zen sehr klei­ne Augen fest, dort soll sich gleich­wohl ein Mund befin­den, der feins­te Stäu­be aus der Luft ent­nimmt, Pol­len­sa­men, Bak­te­ri­en, Spo­ren jeder Art, davon ernäh­ren sich Brief­mar­ken­tie­re vor­nehm­lich, es sein denn, sie wer­den mit feins­tem Puder­zu­cker vor­sätz­lich gefüt­tert. Brief­mar­ken­tie­re sol­len dort zu erwer­ben sein, wo man auch her­kömm­li­che Post­wert­zei­chen bestel­len kann, sie sind zunächst nicht so preis­wert wie das papie­re­ne Mate­ri­al, dafür mehr­fach ver­wend­bar. Um einen Brief mit einem Brief­mar­ken­tier zu ver­se­hen, legt man das betref­fen­de Schrift­stück im Kuvert auf einen Tisch, setzt nun behut­sam eines der Brief­mar­ken­tie­re an geeig­ne­te Stel­le, näm­lich genau dort­hin, wo nor­ma­ler­wei­se papie­re­ne Brief­mar­ken auf­zu­tra­gen sind, und schon wird man beob­ach­ten, wie sich das Brief­mar­ken­tier mit sei­nem neu­en Zuhau­se ver­bin­det, es schmiegt sich an und ist fort­an vom Brief nur noch mit­tels Gewalt zu tren­nen. Wie es jetzt leuch­tet, wie es sei­ne wun­der­ba­ren Far­ben zeigt, wie es mit Mus­tern spielt und mit Bil­dern, die zu Fil­men wer­den, zu Geschich­ten, die das Brief­mar­ken­tier irgend­wo gelernt haben muss. Und wenn nun der Brief auf die Rei­se geht, reist das Brief­mar­ken­tier mit ihm mit, und bleibt dem Brief so lan­ge ver­bun­den, bis der Brief geöff­net wird. In die­sem Moment der Öff­nung löst sich das Brief­mar­ken­tier von sei­nem Brief, der nun nicht mehr sein Brief sein kann. Es ist kaum zu glau­ben, aber es ist wahr, ich hab’s geträumt, das Brief­mar­ken­tier segelt sogleich durch die Luft davon, es ist schnell unter­wegs, schnell wie ein Zug­vo­gel kehrt es zu sei­nem Absen­der zurück, Tage oder auch Wochen ist es unter­wegs, Schwär­me von Brief­mar­ken­tie­ren wur­den bereits in gro­ßer Höhe über dem Erd­bo­den beob­ach­tet. Zu Hau­se end­lich ange­kom­men, lun­gern sie dann gern an den Fens­tern und war­ten. stop. Ende mei­nes Trau­mes. stop – Naza­mins Schwes­ter wur­de am ver­gan­ge­nen Sams­tag in den Ber­gen nahe Sem­din­li ver­mut­lich von tür­ki­scher Mili­tär­po­li­zei getö­tet. Naza­mins Schwes­ter wird nie wie­der erwa­chen. – stop

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herbst

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nord­pol : 17.05 — Das Wort Hepa­rin, wel­ches einen Wirk­stoff bezeich­net, der zur Hem­mung der Blut­ge­rin­nung ein­ge­setzt wird, ist ein altes Wort. Es ist in mei­nen Ohren ein altes Wort, weil ich mich erin­nern kann, die­ses Wort bereits als Kind gehört zu haben, wie mir scheint, solan­ge Zeit ken­ne ich die­ses Wort, es ist ein Wort, sagen wir, mei­ner Lebens­zeit, ein auch unheim­li­ches Wort. — Sams­tag. Spa­zier­gang im Nym­phen­bur­ger Schloss­park. Der Herbst springt mit sei­nen Far­ben in die Bäu­me. Schwä­ne segeln, gefä­cher­te Flü­gel, über einen See ohne Wind. Das Geräusch der Schrit­te auf dem san­di­gen Boden, der wie­der trägt. Eich­hörn­chen toben mit ihren rasen­den Her­zen durchs Laub. Schla­fen­de Men­schen, wenn sie aus dem Tief­schlaf erwa­chen, wer­den sie wei­nen. — stop

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pjöngjang

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hima­la­ya : 1.58 — Über einer Geschich­te Italo Calvino’s, die vom Bauch eines Geckos erzählt, schla­fe ich ein. Sofort aus der Woh­nung spa­ziert. Ich sage: Sei vor­sich­tig, Du schläfst! Wie ein alter Mann, der sich an dem Gelän­der einer Trep­pe fest­hal­ten muss, stei­ge ich zur Stra­ße hin ab, drei oder vier Stun­den, 52 Stock­wer­ke, um mei­nen Brief­kas­ten zu öff­nen. Ich fin­de dort eine Post­kar­te vor, die in der Stadt Pjöng­jang auf­ge­ge­ben wor­den sein könn­te. Selt­sa­me Schrift­zei­chen sind auf der Rück­sei­te der Post­kar­te zu lesen, die ich nicht ent­zif­fern kann. Aber mein Name und mei­ne Anschrift sind kor­rekt in latei­ni­scher Schrift dar­ge­stellt, Buch­sta­ben, sehr groß, wie gemalt. Auf dem Weg zurück nach oben, sage ich noch: Sei vor­sich­tig, Du schläfst! Vie­le Stun­den wie­der­um bin ich unter­wegs hin­auf unters Dach. Men­schen, die ich nicht ken­ne, kom­men mir ent­ge­gen. Sie sind ohne Far­be, auch ich selbst bin farb­los gewor­den, mei­ne Hän­de, mei­ne Schu­he, mei­ne Hose. Ein­mal begeg­ne ich einem Mäd­chen mit man­del­för­mi­gen Augen. Ich zei­ge ihr mei­ne Post­kar­te und sie lacht und wir setz­ten uns auf eine Trep­pen­stu­fe und sie liest mir die Post­kar­te vor, wes­we­gen ich nun weiß, wie die Wör­ter, die ich nicht lesen kann, klin­gen. — stop
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