india : 6.32 — Ein Solarisschiff, von dem ich träumte, war derart nahtlos in ein düsteres Stadthaus von enormer Größe montiert, dass niemand, der nicht in Kenntnis gesetzt worden war, seine Existenz wahrzunehmen vermochte. Natürlich spielte die Fahrstuhlanlage eine bedeutende Rolle. Dort war eine zentrale Achse des Raumkreuzers hineingedacht, umgebende Wohnungen gehörten dazu, Teile der Küchen, Bäder, Flure, Wohnzimmer, auch weiter entfernte Abteilungen des Gebäudes, in dem allerorten Wasser von den Decken tropfte. An einem Abend, von dem ich präzise träumte, wurden rauschhafte Feste unter Regenschirmen gefeiert. Sie dienten einem einzigen Zweck, Weltraumreisende nämlich von zurückbleibenden Menschen zu separieren. Ich konnte im Traum den ein oder anderen Bewohner des Hauses leicht narkotisiert von einem Apartment in das nächste wandeln sehen. Als ich erwachte, hockte ein kleiner blauer Hummer an der Wand meines Zimmers. — stop

Aus der Wörtersammlung: teile
mann mit stäbchen
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india : 21.02 — Ich habe einen Mann betrachtet. Dieser Mann war ganz sicher weit über 70 Jahre alt, trug trotz großer Hitze einen schäbigen Wintermantel, Turnschuhe, einen zerschrammten Rucksack vor der Brust, außerdem Lederhandschuhe, schmutzige Teile, eine Brille mit randlosen, runden Gläsern, und eben ein filigranes Stäbchen, einen Spazierstock genauer, mit dem er über den Boden tastete. Dieser Stock nun war kein gewöhnlicher, vielmehr ein höchst merkwürdiger Stock. Er war von hellem Metall und konnte mittels kleiner, im Inneren des Stockes befestigter Elektromotoren, ein- und ausgefahren werden, eine Art Teleskopstock, außerdem leicht und blitzblank, sodass sich die Stadt und der Himmel über ihr in ihm spiegelten. An der Spitze des Stockes einerseits war ein rundlicher Vorsatz befestigt, am entgegengesetzten Ende entkamen einem Knauf zwei Kabel, die mit Hörgeräten verbunden waren, die der alte Mann in seinen Ohren trug. Diese Beobachtungen, die ich machte, als ich die Madison Avenue südwärts spazierte, führten zunächst zu der Vermutung, der alte Mann belausche den Boden, weil ich die Verstärkung an der Spitze seines Stockes, zunächst für ein Mikrofon gehalten habe. Dann aber blieb der alte Mann Höhe 42nd Straße nahe der Bordsteinkante stehen. Er tastete im Rinnstein, eine Hand führte den Stock, die andere bewegte sich in der Tasche seines Mantels. Indem ich ebenfalls stehenblieb und mich dem alten Mann zuwendete, verkürzte sich plötzlich mittels einer geschmeidigen Bewegung der Stock des Mannes so weit, dass der alte Mann einen halben Dollar von seinem Ende pflücken konnte, ohne in die Knie gehen zu müssen. — Ende der Geschichte. Donnerstag. Es ist Abend, die Luft kühl vom Regen. Eine Fliege tastet über den Bildschirm meiner Schreibmaschine, der Himmel blitzt, die Seen sind voll, das Schilf neigt sich dem Boden zu. — stop

eisfischer
echo : 3.28 — Ein Film, der von einer Reise nach Nordkorea erzählte. Dort für Stunden geblieben, in kuriosen Geschichten weiterer Filme, Geschichten, die von schneekalten Bibliotheken erzählten, von hungrigen Eisfischern, von Menschen, die ihre Reisen durchs Land zu Fuß unternehmen, nachts sollen die Städte Nordkoreas stockdunkel sein. Da waren, kurz nach Mitternacht meiner europäischen Zeit, drei Arbeiter, die an einem Flussufer sich mit Schaufeln in die Erde gruben. Gleich neben ihnen wartete eine Frau, die sich kaum bewegte, sie bewachte die grabenden Männer mit ihren Augen, wie andere Augenpaare Schnee räumende Menschenkolonnen beaufsichtigten, die eine Autobahn, auf der keine Autos fuhren, vom Tageseis befreiten. In einer Wohnung saß eine ältere Frau von äußerst freundlicher Erscheinung, die vom Gaskrieg erzählte, den die Amerikaner ins Land tragen könnten, und dass sie selbst dafür zuständig sei, sobald sie das Gas entdecken würde, Masken an ihre Nachbarn im Haus auszuteilen. Der große Führer. Das Land der Morgenstille. Dampflokomotiven werden mit Reifenresten beheizt. Unter der Hauptstadt Pjöngjang fahren Züge der Berliner Verkehrsbetriebe. In einer Vitrine im Museum im Inneren eines Berges, der Kopf eines Bären, den noch Ceausescu geschossen haben soll. — stop
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abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 1458, Luftfahrt — 2011, Automobile — 32569 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 6, 19. Jahrhundert – 56, 20. Jahrhundert – 582 , 21. Jahrhundert — 32 ], physical memories [ bespielt — 122, gelöscht : 88 ], Lichtfangmaschinen [ Hasselblad 503 CW : 1 ], Öle [ 0.3 Tonnen ], strahlende Fische [ 2.98 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 5, Kniegelenke – 8, Hüftkugeln – 25, Brillen – 4582 ], Schuhe [ Größen 28 – 37 : 987, Größen 38 — 45 : 458 ], Kühlschränke [ 57 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 2, mit Taucher – 68 ], Engelszungen [ 32 ] | stop |
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malta : operation odyssey dawn
echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdina rauf zu den felsigen Höhen, ihrem großartigen Blick südwärts über das Meer. Links und rechts der asphaltierten Straße, Felder, wie in Fächer gelegt von steinernen Wällen umgeben. In den Blättern der Kakteengewächse sitzen Schnecken in Höhlen und schmausen vom faulig gewordenen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Widerständen der wilden Landschaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in nächster Nähe sind, himmelwärts zu pfeifen, ein afrikanischer Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem militärischen Operationsgebiet, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erreiche, wie mein Augenlicht sich zu einem Kameralicht verwandelt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu können und zu fliegen weit raus auf himmelblaue Wasserfläche, deren Ende nicht zu erkennen ist. Kein Flugzeug, kein Schiff, außer einem kleineren Boot, das auf dem Weg nach Misurata sein könnte, eingeschlossenen Menschen Mehl und Medikamente zu bringen. Tauben lungern im bereits tief über dem Horizont stehenden Licht der Sonne auf warmen Steinen, Eidechsen, grün und blau und golden schimmernd, sitzen erhobenen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hätten sie noch nie zuvor ein menschliches Wesen gesehen. — stop
malta : lower barracca gardens
india : 23.37 – Samstag. stop. Seit bald zwei Tagen keine Zeitung gelesen. Über den wolkenlosen maltesischen Himmel streunen Wasserflugzeuge. Es ist heiß in der Sonne, aber es weht ein angenehm kühler Wind durch die Gassen der alten Stadt. Habe in den Lower Barracca Gardens Stunden versucht, seltsam luftige Wesen zu fotografieren, sie sind ohne Ausnahme, sobald ich auf den Auslöser drücke, Flüchtende, das heißt, Abwesende, als ob sie meine planenden Gedanken lesen könnten, segeln mit einem sirrenden Geräusch unter verwitterten Bäumen davon, Grillen vielleicht, Grillenvögel, weil sie nicht springen, sondern fliegen, aber nicht von der Gestalt der Vögel, sondern von der Gestalt der Insekten sind. Goldgelb die Farbe ihres Körpers, wie die Steine der Stadt so goldgelb, für einen Moment dachte ich, dass sie selbst steinerne Wesen sein könnten, dass sie den Wänden der Häuser entkommen, dass die Stadt in dieser Weise in kleinen Teilen gegen die Abendluft zu entweichen wünscht, eine Stadt kurz vor dem Abflug, aber noch nicht entschlossen, kehrt sie zurück, ehe die Sonne ganz verschwunden ist. Da sind Fühler an den fliegenden Steintieren befestigt, länger als ihr Hauptkörper sind sie, und hauchdünne Segelflügel, die Dämmerung vom Himmel rufen. Lotsenschiffe verlassen den Hafen. Gegen Mitternacht werden sie zurückkommen, Tankschiffe, riesigen gewässerten Zeppelinen ähnlich, im Schlepp. — stop
prypjat
echo : 5.57 — Die Stadt Prypjat an einem sonnigen Apriltag des Jahres 1986. Dunstige Haut lag über farbigen Bildern des Films, spielende Kinder vor Häuserblocks, ein Karussell, ein Riesenrad, flanierende Bürgerinnen und Bürger, Alltag, Frieden. Manche der Menschen trugen Taschen, andere hielten ihre Söhne und Töchter an der Hand, ein Dreirad glaubte ich gesehen zu haben, Bäume von hellem Grün, und den Himmel, wolkenlos. Aber da war noch etwas anderes gewesen, etwas Unheimliches, da waren Punkte, Kreise, helle Erscheinungen, in Bruchteilen rasender Zeit tauchten sie auf und waren sofort wieder verschwunden. So rasch und so unerwartet traten sie aus der Bewegung des Films hervor, dass ein menschlicher Betrachter nicht sicher sein konnte, ob die Erscheinung, die er gerade wahrgenommen hatte, tatsächlich zu sehen oder nicht ein Irrtum seines Gehirns gewesen war, helle Schirme, pelzig, weich. Dieses blitzende Licht, das ich vor einigen Jahren beobachtete, zeigte Verletzungen des bildtragenden Materials an, Verheerungen, die durch strahlende Teilchen des brennenden Graphitreaktors zu Tschernobyl verursacht wurden, Teilchenspurlicht, deshalb so unheimlich, so tragisch, weil dieses Licht in den Augen des Filmbetrachters von einer späteren Wirklichkeit aus wahrgenommen werden konnte, nicht aber von jenen Menschen, die sich in der Wirklichkeit der Aufnahme vor der Kamera bewegten durch einen lebensgefährlichen Tag, den sie für einen glücklichen Tag ihres Lebens gehalten haben mochten, weil niemand sie vor der unsichtbaren Bedrohung, die sich in der Atmosphäre befand, warnte. — Ich muss meine Erinnerung sofort überprüfen. — stop
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zivilisation
romeo : 5.51 — Ein schwergewichtiger Mann unlängst am Ende der Nacht während einer Straßenbahnfahrt. Drückt mich samt Schreibmaschine zur Seite. Ein harter, zunächst schweigender Körper, fahles Gesicht. Dann mit gepresster Stimme. Ich sei einer, der in der 1. Klasse reisen sollte. Unterdrückte, massive Gewaltbereitschaft, die bei leisester Provokation hemmungslos auszubrechen droht. Enormer Hass aus kleinen Augen. Ein Moment, da ich glaube, dem Bösen höchstpersönlich zu begegnen. Der massige Mann folgt mir an diesem Frühlingsmorgen klarer Luft über die Straße. Das Singen der Amseln in den Bäumen. Der glühende Wunsch in meinem Kopf, die Gestalt hinter mir mittels eines Skalpells sorgfältig in kleinste Teile zu zerlegen. Ein Hauch nur, so fein die Haut der Zivilisation, die mich im Innern schützt. — Erneut endende Nacht. Ein Reporter stand gerade noch vor mir auf einem Dach in Tokio. Er sagte, diese Situation, morgens zu erwachen und zu bemerken, dass wieder ein Kernreaktor explodiert ist, sei surreal. — Man müsste, denke ich, auf der Stelle Käferwesen erfinden, die sich rasch vermehren, Milliarden Käfer Stunde um Stunde, Wesen, die sich unverzüglich auf die Jagd nach kleinsten Teilchen in der Atmosphäre machen würden, um sie zu verspeisen, weil das ihre Bestimmung ist, ihre Leidenschaft, das Jagen, das Fangen und das Segeln auf strahlenden Flügeln weit aufs Meer hinaus. — stop
sekundenromane : nachts
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEKUNDENROMANE : NACHTS
Für Stunden versucht, zwei Buchstaben zur selben Zeit auf elektrischer Schreibmaschine zu notieren, immer ist ein Zeichen um Bruchteile von Sekunden schneller als das andere Zeichen auf dem Bildschirm sichtbar geworden, niemals liegen sie übereinander. — Guten Abend, Ihr Zwei! Wenn Euch diese Nachricht erreichen wird, habe ich drei oder vier Tage bereits weitergelebt, das hoffe ich jedenfalls, bin glücklich mit sehr wesentlichen Fragen beschäftigt, die meine Wahrnehmung der Zeit betreffen oder die Wahrnehmung einer menschlichen Stimme im Schlaf, genauer, die Stimme eines schlafenden Menschen, in dem sie hörbar wird in den Ohren eines wachenden Menschen für Sekunden, Wortgeräusche, welche sehr viel mehr als nur ein Wort in sich bergen, eine ganze Geschichte vielleicht in jedem dieser Laute, wie sie zärtlich aus nächster Nähe zu mir durch den dunklen Raum geflogen kommen, unvergesslich und doch nicht wiederholbar, das Zirpen schnellster Erzählung, Romane in Sekundenzeit, dann wieder Atemzüge, Meldungen des Lebens. >
Ich hatte eine seltsame Idee, liebe Daisy, liebe Violet, ich überlegte, in dem ich nachtwärts mit meiner Stirn an einem sanftwarmen, an einem träumenden Rücken lehnend lauschte, ob ich nicht einen dieser besonderen Laute aufzeichnen und an Euch übermitteln könnte, dorthin wo man vielleicht zu spielen vermag mit der Geschwindigkeit der Zeit, wie sie sich bewegt, so dass Ihr mir bald einmal erzählen könntet, wovon gesprochen wurde in dieser einen oder anderen Sekunde, an die sich die Schlafende, nachdem sie erwachte, nicht erinnern konnte. Und so habe ich eine kleine Sammlung der Wortgeräuschromane für Euch aufgezeichnet. Ich bitte Euch herzlich, sie langsamer, sie lesbar zu machen für mich. Anbei, wie versprochen, eine Minute gefilmter Zeit vom Laufen über den East River von Brooklyn aus nach Manhattan. Euer Louis, cucurrucu, wünscht eine gute Nacht!
gesendet am
14.01.2011
22.08 MEZ
1785 zeichen
kalkutta
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echo : 17.05 — Im Traum in Kalkutta gewesen. Spazierte unter einem Regenschirm bis zu den Hüften hin in schillerndem Wasser. Büchsen und Tüten und Schuhe dümpelten um mich herum, darunter strahlende, lachende Gesichter von Kindern, die badeten, in dem sie mit hellen Stimmen zu mir sprachen. Bald zogen sie mich mit sich fort durch enge Straßen, die hölzerne Häuser säumten. In die Wand eines dieser Häuser war ein Computerbildschirm eingelassen, darunter eine Tastatur mit Tasten je so groß wie eine ausgewachsene menschliche Hand. Die Kinder erzählten, jene gefangene Maschine sei ihre Maschine. Sie hüpften vor der Wand hin und her, in dem sie einen Text notierten, den ich nicht lesen konnte. Auch deshalb nicht lesen konnte, weil ich meine Arme und Beine beobachtete, die je in eine andere Himmelsrichtung fortgetragen wurden. Eine Selbstauflösung, die sich in Minutenfrist vollzog, als sei der Text der Kinder eine Beschwörung gewesen, die meine anatomische Gestalt sorgfältig in kleinere Teile zerlegte. Eines der Kinder nahm meinen Kopf mit sich nach Hause. Behutsam wurde ich getragen und voller Stolz herumgezeigt. Eine gespenstische Geschichte vielleicht, die sich ereignete am Montag bereits gegen 3 Uhr am Nachmittag. — stop







