Aus der Wörtersammlung: einmal

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o l i m a m b o

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del­ta : 22.01 — Neh­men wir ein­mal an, eine noch nie zuvor gehör­te Spra­che wäre über Nacht, wäh­rend ich schlief, wie Regen vom Him­mel gefal­len und hät­te sich in mei­nem Gehirn ver­sam­melt, in dem sie alle dort ges­tern noch vor­han­de­nen Wör­ter und Wen­dun­gen ersetz­te. Und wie ich nun erwa­che, sehe ich einen Lam­pi­on, eine Lam­pe, aber ich den­ke ein Wort, das ich nicht ken­ne. Und so wun­de­re ich mich, und auch das Wun­dern selbst wird mit selt­sa­men Geräu­schen bezeich­net. Da ist ein Kühl­schrank, und da sind eine Com­pu­ter­ma­schi­ne und ein Tele­fon, je Erschei­nun­gen ohne ver­trau­tes Wort. Ich kann sie sehen, ich kann sie berüh­ren, aber nicht ein­deu­tig bezeich­nen, wie mei­ne Augen nicht und mei­ne Nase und mei­nen Mund. In die­ser ers­ten Stun­de des Tages mit neu­er Spra­che ver­mag ich nur zu deu­ten, nicht zu erzäh­len. Ja, neh­men wir das ein­mal an, merk­wür­di­ge Sache. mika­di­ka­ma­du. — stop
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lichtbild : eine straße in manhattan

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ulys­ses : 8.05 — Ein­mal ent­deckte ich nach stun­den­lan­ger Suche in den Archi­ven der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek eine Foto­gra­fie auf einem Mikro­film­strei­fen und ich wuss­te sofort, dass ich die­ses Licht­bild besit­zen muss­te. Ich bat eine Biblio­the­ka­rin, aus dem Mate­rial das Bes­te her­aus­zu­ho­len, höchs­te Auf­lö­sung, wes­we­gen ich bald einen klei­nen Sta­pel Papiers ent­ge­gen­neh­men konn­te, den ich im Arbeits­zim­mer an einer Wand zum Bild zurück sor­tier­te, wie in der ver­gan­ge­nen Nacht noch ein­mal, zurück zur Ansicht einer Stra­ße des Jah­res 1934 prä­zise, einer Stra­ße nahe des Bel­le­vue Hos­pi­tals zu New York. Stau­bige Bäu­me, eilen­de Men­schen­schat­ten, die Sil­hou­ette einer alten, in den Kno­chen gebeug­ten Frau, der Wagen eines Eis­ver­käu­fers, ros­tige Hydran­ten, die sprö­de Stein­haut der Stra­ße, zwei Vögel unbe­kann­ter Gat­tung, Spu­ren von Hit­ze, und ich erin­nere mich noch gut, dass ich eine Zei­le von links nach rechts auf das Papier notier­te: Die­se Stra­ße könn­te Mal­colm Lowry über­quert haben, an einem Tag viel­leicht, als er sich auf den Weg mach­te, sei­nem Kör­per den Alko­hol zu ent­zie­hen. Und weil ich schon ein­mal damit begon­nen hat­te, das Bild zu ver­fei­nern, zeich­nete ich in Wor­ten wei­tere Sub­stan­zen auf das Papier, Unsicht­ba­res oder Mög­li­ches. Einen Schuh notier­te ich west­wärts: Hier flüch­tet Jan Gabri­el, weil sie Mr. Low­ry’s Lie­be nicht län­ger glau­ben konn­te. Da lag ein Notiz­buch im Schat­ten eines Bau­mes und ich sag­te: Die­ses Notiz­buch wird Mal­colm Lowry fin­den von Zeit zu Zeit, er wird es auf­he­ben und mit zit­tern­den Hän­den in sei­ne Hosen­ta­sche ste­cken. Schon segel­ten fie­bernde Wale über den East River, der zwi­schen zwei Häu­sern schim­merte, ein Schwarm irrer Bie­nen tropf­te von einer Fens­ter­bank, und da waren noch zwei Mäd­chen, bar­fuß, — oder tru­gen sie doch Strümp­fe, doch Schu­he? — sie spiel­ten Him­mel und Höl­le, ihre fröh­li­chen Stim­men. Ich geste­he, dass Dai­sy und Vio­let nicht damals, son­dern in die­ser letz­ten Stun­de einer hei­te­ren Arbeits­nacht ins Bild gekom­men sind. — stop

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emilia nabokov no2

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hima­la­ya : 5.15 — Vor län­ge­rer Zeit hat­te ich von einem Freund erzählt, der den foto­gra­fi­schen Schat­ten einer Künst­le­rin via Inter­net ver­folg­te. Er arbei­tet selbst seit vie­len Jah­ren in digi­ta­len Räu­men, bei­na­he könn­te ich sagen, dass er seit vie­len Jah­ren in digi­ta­len Räu­men zu exis­tie­ren scheint. Zahl­rei­che sei­ner Arbei­ten ver­bin­den sich mit Arbei­ten ande­rer Men­schen, weil man auf ihn ver­weist, weil man auf ihn war­tet, auf Tex­te, auch auf Bil­der, Fil­me, Geräu­sche, die er auf­nimmt, sobald er etwas Inter­es­san­tes zu hören meint. Mit jeder Minu­te der ver­ge­hen­den Zeit wächst sein elek­tri­scher Schat­ten. Er macht das ähn­lich wie eine New Yor­ker Foto­gra­fin, die stun­den­lang durch die Stadt spa­ziert und mit einem iPho­ne all das foto­gra­fiert, was ihr ins Auge fällt. Manch­mal sind es hun­der­te Foto­gra­fien an einem ein­zi­gen Tag, die nur Sekun­den nach Auf­nah­me von ihrem Foto­ap­pa­rat, mit dem sie gleich­wohl tele­fo­nie­ren kann, an das Flickr – Medi­um gesen­det wer­den. Mein Freund erzähl­te, dass er den Ein­druck habe, die jun­ge foto­gra­fie­ren­de Frau in Echt­zeit zu beob­ach­ten, ihr im Grun­de so nah gekom­men zu sein, dass er kurz vor Weih­nach­ten fürch­te­te, etwas Ernst­haf­tes könn­te ihr wider­fah­ren sein, weil drei Tage in Fol­ge kei­ne Foto­gra­fie gesen­det wur­de. Am vier­ten Tag erkun­dig­te er sich mit­tels einer E‑Mail, die er an Flickr sen­de­te, ob es der schweig­sa­men Foto­gra­fin gut gehe, er mache sich Gedan­ken oder Sor­gen. Man muss das wis­sen, mein Freund hat­te der Foto­gra­fin nie zuvor geschrie­ben, kann­te nicht ein­mal ihren wirk­li­chen Namen, son­dern nur ein Pseud­onym: Emi­lia Nabo­kov No2. Eine hal­be Stun­de, nach­dem die E‑Mail gesen­det wor­den war, erschien, als habe ihm die spa­zie­ren­de Künst­le­rin zur Beru­hi­gung geant­wor­tet, eine Foto­gra­fie ohne Titel. Die­se Foto­gra­fie erzähl­te davon, dass sich Emi­lia Nabo­kov No2 ver­mut­lich nicht in New York auf­hielt, son­dern in Montauk, weil auf der Foto­gra­fie ein Leucht­turm auf einem ver­schnei­ten Hügel zu sehen war, der ein­deu­tig zur klei­nen Stadt Montauk an der nord­öst­li­chen Spit­ze Long Islands gehör­te. Im Hin­ter­grund das Meer, und vorn, ob nun mit Absicht oder nicht, ein Fuß in einem Gum­mi­stie­fel von knall­ro­ter Far­be. stop. Es ist jetzt April 2014 gewor­den. Nach Erschei­nen der Foto­gra­fie, die den roten Gum­mi­stie­fel zeigt, wur­den von der Künst­le­rin Emi­lia Nabo­kov No 2 wei­te­re 2756 Foto­gra­fien gesen­det, im Okto­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res dann die letz­te Auf­nah­me, seit­her Stil­le. — stop

polaroidflug

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nachts

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del­ta : 0.18 — Ich bat einen Freund, eine Geschich­te zu erzäh­len vom Glück, als er noch ein Kind gewe­sen war. Er muss­te nicht lan­ge über­le­gen. Er sag­te, dass er abends, sobald das Licht in sei­nem Zim­mer aus­ge­schal­tet wur­de, heim­lich in sei­nen Büchern gele­sen habe. Zu die­sem Zweck hat­te er eine Taschen­lam­pe unter sei­nem Kopf­kis­sen ver­steckt. Er las immer im Sit­zen, die Bei­ne ver­schränkt, Jules Ver­nes zum Bei­spiel. Auf­re­gend, nicht nur die Bücher, son­dern das ver­bo­te­ne Lesen zur Nacht­zeit selbst. Wäh­rend mein Freund von sei­nem Glück berich­te­te, erin­ner­te er sich, wie sein Bru­der, der in dem­sel­ben Zim­mer geschla­fen hat­te, ihm ein­mal erzähl­te, er, der Älte­re der bei­den, habe zur Som­mer­zeit wie ein leuch­ten­der Berg aus­ge­se­hen, der sich manch­mal beweg­te. Hin und wie­der fla­cker­te das Licht, weil die Kraft der Bat­te­rien in der klei­nen Lam­pe zur Nei­ge ging. Man muss­te dann immer ein wenig war­ten, bis sich die Bat­te­rien wie­der erhol­ten. Oft war er in die­ser Zeit des War­tens noch im Sit­zen ein­ge­schla­fen. — stop
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gedankengang

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echo : 3.18 — Ich gehe ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. Ich habe schon viel nach­ge­dacht, wäh­rend ich ging. Und ich habe schon viel ver­ges­sen, wäh­rend ich ging. Wenn ich gehe, kom­men die Gedan­ken aus der Luft und ver­schwin­den wie­der in die Luft. Wenn ich sit­ze, kom­men die Gedan­ken aus mei­nen Hän­den. Sobald ich ein­mal nicht schrei­be, ruhen mei­ne Hän­de auf den Tas­ten der Schreib­ma­schi­ne und war­ten. Sie war­ten dar­auf, dass eine Stim­me in mei­nem Kopf dik­tiert, was zu schrei­ben ist. Ich könn­te viel­leicht sagen, dass mei­ne Hän­de dar­auf war­ten, mein Gedächt­nis zu ent­las­ten. Was ich mit mei­nen Hän­den in die Tas­ta­tur der Maschi­ne schrei­be, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb, nicht gelernt, nicht gespei­chert, weil ich weiß, dass ich wie­der­kom­men und lesen könn­te, was ich notier­te. Selt­sa­me Din­ge. Ich den­ke manch­mal selt­sa­me Din­ge zum zwei­ten oder drit­ten Mal. Gera­de eben habe ich wahr­ge­nom­men, dass es nicht mög­lich ist, zwei Zei­chen zur sel­ben Zeit auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu schrei­ben, immer ist ein Zei­chen um Bruch­tei­le von Sekun­den schnel­ler als das ande­re Zei­chen. Wenn ich selt­sa­me Din­ge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht blei­ben, wo ich bin. Die Freu­de ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung ver­setzt. Ich sprin­ge auf, wenn ich saß, oder ich sprin­ge in die Luft, wenn ich bereits auf mei­nen Bei­nen stand. Dann gehe ich ein paar Schrit­te nach links, dann gehe ich ein paar Schrit­te nach rechts. Sobald ich gehe, den­ke ich in einer ande­ren Art und Wei­se, als wür­de ich noch sit­zen. — Kurz nach vier Uhr auf dem Mai­dan-Platz, Kyjiw. — stop

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luftmeduse

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echo : 0.28 — Eine Pflan­ze ist denk­bar, wel­che zeit­le­bens als flie­gen­des Wesen exis­tiert. Sie wird in der Luft gebo­ren und dort stirbt sie am Ende auch, ohne je den Erd­bo­den berührt zu haben. Irgend­wie scheint sie trotz­dem den Laub­moo­sen ver­wandt, sie schätzt den Wind und den Regen, vor län­ge­rer Zeit ein­mal muss sie dann abge­ho­ben sein, hält sie sich nun bevor­zugt in einer Höhe von 1000 bis 2000 Metern frei schwe­bend auf. Es darf dort nicht zu kalt und nicht zu tro­cken sein, sie ist dem­zu­fol­ge ein Geschöpf eher feuch­ter, war­mer, äqua­to­ria­ler Gebie­te. Man könn­te sagen, dass sie mit­tels einer Lupe betrach­tet Medu­sen­tie­ren ähn­lich ist, Zwerg­me­du­sen, weil von klei­ner Gestalt, ihre Blü­ten, dort wo der Wind sie bestäubt, sind trans­pa­ren­te Gewe­be, nicht grö­ßer als Mari­en­kä­fer­ge­häu­se, wel­che der­art ange­ord­net sind, dass der Wind die flie­gen­de Pflan­ze in eine vor­be­stimm­te Him­mels­rich­tung treibt. Man ernährt sich vom Licht der Son­ne, vom Was­ser, das sich in der Luft, das heißt, in den Wol­ken befin­det, und von mine­ra­li­schen Stäu­ben, die die Welt umkrei­sen. Ihre Wur­zeln sind fei­nen Füh­lern ähn­lich, aller­dings abwärts gerich­tet, dem Erd­bo­den zu, sie sind in der Lage, mit kleb­ri­gem Film, der sie bedeckt, alles das fest­zu­hal­ten oder ein­zu­fan­gen, was in der Grö­ße zu ihnen passt. Manch­mal, in den Zei­ten größ­ter Not, fres­sen sie ein­an­der auf, was im Prin­zip eine leich­te Sache ist, weil man nicht sel­ten, zu Kolo­nien ver­wach­sen, in nächs­ter Nähe zuein­an­der lebt, wes­halb man vor­ein­an­der nicht flüch­ten kann. Die schnel­le­re unter zwei Nach­bar­pflan­zen gewinnt, ist aller­dings sehr häu­fig bereits selbst schon von ande­rer Sei­te her behut­sam ange­tas­tet. Das sind Tra­gö­di­en der Luft, die sich unauf­hör­lich und voll­kom­men geräusch­los voll­zie­hen, ein Kom­men und Gehen, wo sie sich über den Him­mel bewe­gen, herrscht Däm­me­rung, ster­ben die Wäl­der des Bodens, Wie­sen, Step­pen, Gär­ten. Flie­gen­de Pflan­zen sind nicht ohne Grund strengs­tens ver­bo­te­ne Erfin­dun­gen. – stop

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im zimmer. mitternacht

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oli­mam­bo : 0.15 — Auf der Suche nach Daniil Charms Text­samm­lung Fäl­le balan­cie­re ich vor dem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Noch ist Sams­tag. Ich erhof­fe mir in dem gesuch­ten Buch einen Ort zu fin­den, des­sen Exis­tenz ich fort­an bewei­sen könn­te. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Wor­an den­ke ich? Ein bemer­kens­wer­ter Satz. Wie ich von mei­nem Stuhl stei­ge und wie­der auf dem Boden ste­he, hal­te ich den Kri­mi­nal­fall Der ver­schwun­de­ne Kopf des Dama­s­ce­no Mon­tei­ro in Hän­den. Das Buch wur­de im Jah­re 2000 gekauft und neun Jah­re spä­ter mit einer Wid­mung ver­se­hen. Der Lie­ben P. und dem lie­ben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lis­sa­bon­rei­se, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Nun fällt mir auf, dass G. und J. gestor­ben sind, wäh­rend P. und ich, der ich das Buch aus­ge­lie­hen habe, noch leben. Auch Daniil Charms ist tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit weni­gen Wochen. Ein trau­ri­ger Moment. In mei­nem Kühl­schrank herr­schen 7 °C. Ich wer­de mich gleich auf die Suche nach mei­nen fünf Mari­en­kä­fern machen, die im Kühl­schrank in einer Schach­tel über­win­tern sol­len. Zwei habe ich bereits ent­deckt, das war vor drei Stun­den gewe­sen, ver­mut­lich ist das so, dass ich in die­ser Minu­te alle Käfer aus den Augen ver­lo­ren habe. Aber ich kann immer­hin sagen, dass ich die Käfer gese­hen, sie mir also ges­tern nicht ein­ge­bil­det hat­te. Käfer No 1 saß in der Die­le nahe der Tür, als wür­de er war­ten. Käfer No 2 beweg­te sich im Arbeits­zim­mer über das Fens­ter, hin­ter dem es stock­dun­kel gewe­sen war. Bevor ich mich auf die Suche mache, soll­te ich viel­leicht doch noch ein­mal einen Ver­such unter­neh­men, mei­nen Daniil Charms zu fin­den. Gleich vor­sich­tig, nur nicht stür­zen, den Stuhl bestei­gen. Bis­wei­len träum­te ich, von einem Berg zu fal­len. Lang­sam, ich gehe durchs Zim­mer. Und wäh­rend ich so gehe, erin­ne­re ich mich leb­haft an G., an unse­ren letz­ten gemein­sa­men Spa­zier­gang über den Mün­che­ner Süd­fried­hof, wie ich mich wun­der­te, dass sie genau die­sen Weg genom­men hat­te, um mich zur U‑Bahn zu brin­gen, da sie ahn­te oder wuss­te, dass sie bald ster­ben wür­de. Es war ein war­mer Som­mer­abend. Sie ging von Schmer­zen gebeugt. In der wind­lo­sen Luft tanz­ten Flie­gen­tür­me. Ich kann mich nicht erin­nern, wor­über wir gespro­chen haben. Aber an ihre Stim­me, an ihren Blick, ihren letz­ten Blick, der ein Abschied war. — stop
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fenster süd

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echo : 2.28 — Fünf Mari­en­kä­fer sit­zen auf einem Rol­lo, das das Süd­fens­ter mei­ner Woh­nung von innen her ver­dun­kelt. Sie sind klein, unge­fähr so groß wie der Glas­kopf einer Steck­na­del. Noch nie habe ich der­art klei­ne Käfer gese­hen. Ver­mut­lich sind sie hier in mei­ner Woh­nung ent­stan­den, ken­nen von der Welt nichts als mei­ne Zim­mer, Die­le, Bad und Küche. Ich glau­be, es ist noch nicht viel Zeit ver­gan­gen, seit sie geschlüpft sind, ein oder zwei Tage viel­leicht. Wenn ich mich mit einer Lupe nähe­re, gehen sie etwas in die Knie, legen den Pan­zer auf­grund, und war­ten ab, dass sich das gro­ße Auge, das sie betrach­tet, wie­der zurück­zieht. Eine Wei­le las in einer Erzäh­lung von Juli­an Bar­nes her­um, ruh­te auf dem Sofa. Von dort aus konn­te ich, obwohl sie wirk­lich sehr klein waren, die Kör­per der Käfer auf dem gro­ßen Weiß erken­nen. Zunächst dach­te ich, sie beweg­ten sich nicht. Wenn ich mich aber län­ge­re Zeit auf die Sät­ze des Buches kon­zen­trier­te, waren ihre Kör­per doch wei­ter­ge­rückt, sobald ich zum Fens­ter blick­te. Ich dach­te, dass sie sich viel­leicht nur dann beweg­ten, wenn ich sie nicht betrach­te­te, dass sie also ihrer­seits mich beob­ach­te­ten. Wahr­schein­li­cher ist, dass mein Gehirn ihre lang­sa­me Art und Wei­se der Bewe­gung nicht zu erfas­sen ver­mag, weil sein Nah­zeit­spei­cher äußerst flüch­tig zu sein scheint. Ein­mal stand ich auf und pflück­te einen Käfer vom Rol­lo und warf ihn vor­sich­tig in die Luft. Damit hat­te der Käfer nicht gerech­net. Er stürz­te, ohne sei­ne Flü­gel geöff­net zu haben, auf die wei­che Flä­che mei­nes Sofas ab. Unver­züg­lich schlief der Käfer ein, weil es immer­hin weit nach Mit­ter­nacht gewor­den war. Wer­de selbst bald schla­fen, zuvor aber fünf klei­ne Mari­en­kä­fer in eine Schach­tel set­zen, wer­de den Deckel der Schach­tel mehr­fach mit einer Gabel per­fo­rie­ren, und die­se Schach­tel in mei­nen Kühl­schrank legen, 6° Cel­si­us. Bald Früh­ling. — stop
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luftwesen

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india : 0.14 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Fol­gen­des: Eine Droh­ne in der Gestalt eines Koli­bris sta­tio­niert seit weni­gen Minu­ten in einem Abstand von 1,5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beob­ach­ten, wie ich gera­de über sie notie­re. Kurz zuvor war das klei­ne Wesen in mei­nem Zim­mer her­um­ge­flo­gen, hat­te mei­nen Kak­te­en­tisch unter­sucht, mei­ne Bücher, das Later­nen­si­gnal­licht, wel­ches ich vom Groß­va­ter erb­te, auch mei­ne Papie­re, Foto­gra­fien, Schreib­werk­zeu­ge. Ruck­ar­tig ver­la­ger­te das Luft­tier sei­ne Posi­ti­on von Gegen­stand zu Gegen­stand. Ich glau­be, in den Momen­ten des Still­stan­des wur­den Auf­nah­men gefer­tigt, genau in der Art und Wei­se wie in die­sem Moment eine Auf­nah­me von mir selbst, indem ich auf dem Arbeits­so­fa sit­ze und so tue, als gin­ge mich das alles gar nichts an. Von der Droh­ne, die ich ver­sucht bin, tat­säch­lich für einen Koli­bri­vo­gel zu hal­ten, war zunächst nichts zu hören gewe­sen, kei­ner­lei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minu­ten, mei­ne ich einen lei­se pfei­fen­den Luft­zug zu ver­neh­men, der von den nicht sicht­ba­ren Flü­geln des Luft­we­sens aus­zu­ge­hen scheint. Die­se Flü­gel bewe­gen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschär­fe der Luft wahr­zu­neh­men sind. Ein wei­te­res, ein hel­les fei­nes Geräusch ist zu hören, ein Wis­pern. Die­ses Wis­pern scheint von dem Schna­bel des Koli­bris her­zu­kom­men. Ich habe die­sen Schna­bel zunächst für eine Attrap­pe gehal­ten, jetzt aber hal­te ich für mög­lich, dass der Droh­nen­vo­gel doch mit die­sem Schna­bel spricht, also viel­leicht mit mir, der ich auf dem Sofa sit­ze und so tue, als gin­ge mich das alles gar nichts an. Ich kann natür­lich nicht sagen, was er mit­tei­len möch­te. Es ist denk­bar, dass viel­leicht eine ent­fern­te Stim­me aus dem Schna­bel zu mir spricht, ja, das ist denk­bar. Nun war­ten wir ein­mal ab, ob der klei­ne spre­chen­de Vogel sich mir nähern und viel­leicht in eines mei­ner Ohren spre­chen wird. — stop
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schachtelzimmer

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echo : 0.02 — Julio Cor­tá­zar erzählt in sei­nem Kalei­do­skop Rei­se um den Tag in 80 Wel­ten eine Geschich­te, in wel­cher eine Flie­ge von zen­tra­ler Bedeu­tung ist. Die­se Flie­ge soll auf dem Rücken geflo­gen sein, als der Autor sie ent­deck­te, Augen nach unten dem­zu­fol­ge, Bein­chen nach oben, ein für Flie­gen­tie­re nicht übli­ches Ver­hal­ten. Natür­lich muss­te die­se selt­sa­me Flie­ge unver­züg­lich näher betrach­tet wer­den. Julio Cor­tá­zar erfand des­halb ein Zim­mer, in wel­chem die Flie­ge fort­an exis­tier­te, und einen Mann, der die Flie­ge zu fan­gen such­te. Wie zu erwar­ten gewe­sen, war der Mann in sei­ner Beweg­lich­keit viel zu lang­sam, um die Flie­ge behut­sam, das heißt, ohne Beschä­di­gung, erha­schen zu kön­nen. Er bemüh­te sich red­lich, aber die Flie­ge schien jede sei­ner Bewe­gun­gen vor­her­zu­se­hen. Nach einer Wei­le mach­te sich der Mann dar­an, das Zim­mer, in dem er sich mit der Flie­ge auf­hielt, zu ver­klei­nern. Er fal­te­te Papie­re zu Schach­teln, die den Flug­raum der beson­de­ren Flie­ge all­mäh­lich der­art begrenz­ten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewe­gen konn­te. Flie­ge und Fän­ger waren in einem licht­lo­sen Raum inner­halb eines Schach­tel­zim­mers gefan­gen, dar­an erin­ne­re ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich die­se Geschich­te bereits vor lan­ger Zeit gele­sen habe, immer wie­der von ihr erzähl­te, wes­halb sich die Geschich­te ver­än­dert, von der ursprüng­li­chen Geschich­te ent­fernt haben könn­te. Das Buch, in dem sie sich auf­hält, befin­det sich zur­zeit außer Reich­wei­te, aber ich wer­de die Geschich­te so bald wie mög­lich über­prü­fen. Es ist eine klei­ne Geschich­te, die behilf­lich sein könn­te, schnel­le Droh­nen­vö­gel ein­zu­fan­gen, wenn man ihrer Gat­tung ein­mal zufäl­lig begeg­nen soll­te oder von einer Mikro­droh­ne ver­folgt sein wür­de. Ich glau­be, ich habe noch etwas Zeit, das Jahr ist erst weni­ge Tage alt. — stop
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