Aus der Wörtersammlung: tief

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PRÄPARIERSAAL : kreide

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del­ta : 22.56 — Gewit­ter­him­mel. Abend. Mos­ki­t­o­fi­sche segeln von Zim­mer zu Zim­mer. Seit zwei Stun­den Juli­an, sei­ne tie­fe Ton­band­stim­me. Selt­sam ist, dass ich mich an Juli­ans Gesicht nicht erin­nern kann. Zeit und Ort der Ton­band­auf­nah­me, ein klei­nes Café in Schwa­bing zu Mün­chen, sind hin­ge­gen sofort erreich­bar. Sams­tag. Win­ter. Sobald sich die Tür des Cafés öff­ne­te, weh­te Schnee­wind her­ein. > Wir haben zunächst das Prä­pa­rat auf dem Tisch her­um­ge­dreht. Aber das sagt sich so leicht. Man kann das Prä­pa­rat nicht allei­ne her­um­dre­hen. Das Prä­pa­rat ist zu schwer, um von einer Per­son auf einem schma­len Tisch her­um­ge­dreht wer­den zu kön­nen. Wir haben das Prä­pa­rat gemein­sam bewegt. Ein inten­si­ver Moment. Wir schwit­zen. Wir hal­ten den Atem an. Das Prä­pa­rat ist feucht. Eine Hand hält den feuch­ten Kopf des Prä­pa­ra­tes, eine wei­te­re Hand einen feuch­ten Arm, Hän­de hal­ten feuch­te, küh­le Schen­kel, einen feuch­ten, küh­len Rücken, einen feuch­ten, küh­len Nacken. Wir haben noch nicht an Tie­fe gewon­nen, wir haben noch kei­nen Schnitt gesetzt. Wir sind noch am Anfang. Wir sind noch am ers­ten Tag. Wir haben noch nicht dar­über geschla­fen. Ich sehe, wie ich ein Stück Krei­de in die Hand neh­me. Ich neh­me die­ses Stück Krei­de in die rech­te Hand. Mit der lin­ken Hand tas­te ich über den Rücken mei­nes Prä­pa­ra­tes. Ich ertas­te Untie­fen, Kno­chen, fes­te Struk­tu­ren, die mei­nen Fin­gern Ori­en­tie­rung bie­ten. Sobald ich mit der lin­ken Hand eine Untie­fe, einen Kno­chen­punkt ertas­tet habe, zie­he ich mit der rech­ten Hand einen Kreis. Wenn ich mit der Krei­de den Kör­per berüh­re, gibt der Kör­per nach. Mein Fin­ger ist ein Werk­zeug des Tas­tens, die Krei­de ein Werk­zeug des Beschrei­bens. Ich zeich­ne dem Prä­pa­rat die Form eines Her­zens auf die Brust. Ich zeich­ne einen Magen auf den Bauch. Ich zeich­ne in die Tie­fe eine Nie­re links, eine Nie­re rechts. Ich habe die Ver­mu­tung eines Her­zens, ich habe die Ver­mu­tung eines Magens, ich habe die Ver­mu­tung einer Nie­re da und einer Nie­re dort. Das Prä­pa­rat ist ohne Geräusch. Es ist merk­wür­dig, alles scheint schon sehr lan­ge her zu sein, und doch habe ich den Ein­druck, dass kaum Zeit ver­gan­gen ist. Das Prä­pa­rat auf dem Tisch, die­ser Mensch, ist fast ver­schwun­den. — stop

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manhattan transfer

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fox­trott

~ : oe som
to : louis
sub­ject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.

Anstren­gen­de Tage lie­gen hin­ter uns, Regen, stür­mi­sche Win­de, schwe­rer See­gang, Peli­ka­ne krei­sen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zuletzt schick­ten wir Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer zu Noe hin abwärts. Ein schwe­res Buch, das in vier­hun­dert Fuß Tie­fe von einer war­men süd­li­chen Strö­mung abge­trie­ben wur­de, bald dar­auf in einer Pen­del­be­we­gung der­art hef­tig nord­wärts gezo­gen wur­de, dass wir fürch­te­ten, Noe könn­te von dem Gewicht des Romans getrof­fen oder das Buch von der Sen­k­lei­ne in uner­gründ­li­che Tie­fen fort­ge­ris­sen wer­den. Drei Stun­den spä­ter hielt Noe John Dos Pas­sos in Hän­den. Unser Tau­cher bemerk­te sogleich, dass es sich bei die­sem wei­te­ren Unter­was­ser­buch um ein beson­de­res Werk han­deln muss­te, eine umfang­rei­che Satz­ver­samm­lung, von innen her, Sei­te für Sei­te, Zei­chen für Zei­chen apri­ko­sen­far­ben sanft beleuch­tet. In der­sel­ben Minu­te, da Noe das Buch öff­ne­te, begann er laut zu lesen. Er las drei Stun­den, dann schlief er kurz ein, um noch im Halb­schlaf befind­lich sei­ne Lek­tü­re fort­zu­set­zen: Die Son­ne ist nach Jer­sey gerückt, die Son­ne steht hin­ter Hobo­ken. Hül­len schnap­pen über Schreib­ma­schi­nen, Roll­la­den­schreib­ti­sche schlie­ßen sich. Auf­zü­ge fah­ren leer in die Höhe, kom­men voll­ge­pfropft her­un­ter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flat­bush, Wood­lawn, Dyck­man Street, Sheep­s­head Bay, News Lots Ave­nue, Can­ar­sie. Rosa Zei­tun­gen, grü­ne Zei­tun­gen, graue Zei­tun­gen. Sämt­li­che Bör­sen­kur­se. Sport­re­sul­ta­te. Let­tern wir­beln über laden­mü­de, büro­mü­de schlaf­fe Gesich­ter, wun­de Fin­ger­spit­zen, schmer­zen­de Fuß­ris­te, mus­ku­lö­se Män­ner, Gedrän­ge im U‑Bahn-Express. — Kurz vor Son­nen­un­ter­gang. Das Meer sucht nach uns, mit Zun­gen von Gischt. Ein rie­si­ger Schwarm Makre­len nähert sich von Nor­den her, unge­heu­re Bewe­gung, wie eine rie­si­ge Hand fährt sie auf dem Radar­schirm lang­sam die Küs­te ent­lang. Noe wünscht, eine Foto­gra­fie John Dos Pas­sos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gege­ben. — Ahoi! Dein OE

gesen­det am
31.07.2011
1962 zeichen

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anatomischer traum

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alpha : 18.02 — Im Traum die maß­stabs­ge­treue ana­to­mi­sche Dar­stel­lung eines Tief­see­ele­fan­ten­rüs­sels auf der Madi­son Ave­nue ent­rollt. Leuch­tend rote Mus­kel­grup­pen, stau­nen­de Pas­san­ten, Poli­zei­fahr­zeu­ge sperr­ten Kreu­zun­gen, Stun­den rau­schen­den Glücks, bis ich Höhe 129th Street das Ende der For­ma­ti­on erreich­te. Unver­züg­lich mit der Sub­way down­town 23rd Street zurück. Abend war gewor­den, Nacht, ich begann im Licht einer Stirn­lam­pe, jeden ein­zel­nen Mus­kel der 120000 Struk­tu­ren hand­schrift­lich und ana­to­misch sinn­voll zu bezeich­nen: mus­cu­lus ama­zo­ni­us ori­ens. Arbei­te­te einen Block nord­wärts, bald fehl­ten wei­te­re Wör­ter. — stop

ping

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regentaucher

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sier­ra : 18.55 — Ich habe Geräu­sche ent­deckt, Töne, die vie­le Jah­re zurück ein­mal in mei­nem Leben exis­tier­ten. Ich lag damals oft auf dem Rücken in einem Wagen, der schau­kel­te. Groß war ich zu jener Zeit noch nicht gewe­sen, ich war nicht län­ger als 50 cm. Meis­tens trug ich kei­ne Schu­he. Ich erin­ne­re mich, dass die Wol­ken und der Him­mel über mir schau­kel­ten, und da war ein höl­zer­nes Röhr­chen, von dem wei­te­re höl­zer­ne Röhr­chen bau­mel­ten, die klim­per­ten, hel­le Geräu­sche, wäh­rend sich der Wagen und ich beweg­ten, oder auch dann hel­le Geräu­sche, wenn der Wagen ange­hal­ten war, weil ich sofort mit mei­nen klei­nen Hän­den nach den Röhr­chen lang­te. Jetzt, da ich jene ent­fern­ten Geräu­sche erin­ner­te und ihre Ent­ste­hung, kann ich sie belie­big zur Auf­füh­rung brin­gen, obwohl sie so unmög­lich in der Wirk­lich­keit sind, wie Geräusch des Regens für einen Tief­see­tau­cher uner­reich­bar. — stop
ping

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taubenstadt

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hima­la­ya

~ : oe som
to : louis
sub­ject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.

Seit ges­tern end­lich wie­der ruhi­ge See, ein wol­ken­lo­ser Him­mel über uns. Noe, wohl­auf in 550 Fuß Tie­fe, liest Javier Tome­os Tau­ben­stadt. Groß­ar­ti­ges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begon­nen, Noes Stim­me auf­zu­neh­men. Wun­der­vol­le Funk­ge­räu­sche seit­her ohne Unter­bre­chung. Als wir Noe berich­te­ten, dass wir sei­ne lesen­de Stim­me ver­zeich­nen, dass man ihm zuhö­ren kön­ne in Lis­sa­bon, in Lima, in Shang­hai, dass er eine Sen­sa­ti­on sei, ein Mann, der das Lesen was­ser­fes­ter Bücher erprobt, ein Mann im Tau­cher­an­zug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlan­tik vor Neu­fund­land lebt, eine mensch­li­che Sta­ti­on, ein beleuch­te­ter Kör­per in Licht­lo­sig­keit, – seit wir ihm gebeich­tet haben, dass wir ihn kon­ser­vie­ren, scheint Noes lesen­de Stim­me ruhi­ger gewor­den zu sein. Wir haben den Ein­druck, dass unser Mann nun fort jedes Zei­chen genießt, das wir ihm zur Ver­fü­gung stel­len. Nach wie vor hef­ti­ge Debat­ten über die Tem­pe­ra­tur des Tees, den wir in die Tie­fe lei­ten. Noe behaup­tet, der Tee sei zu kalt. Er wol­le in die­sem Tee weder baden noch wol­le er ihn trin­ken, wir soll­ten end­lich alle Lei­tun­gen behei­zen, die zu ihm füh­ren. Viel­leicht weil er sich dar­über hef­tig erreg­te, ver­lor Noe ges­tern, um 20 Uhr und zwölf Minu­ten, Ovids Lie­bes­kunst an das Meer. Eine Tra­gö­die. In die­sen Minu­ten, da ich Dir tele­gra­fie­re, liest Noe wie­der ruhig vor sich hin. Wir hören sei­nen Atem. Wir hören das Fun­ken der Wale. Bes­te Grü­ße Dein OE

gesen­det am
17.07.2011
1579 zeichen

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PRÄPARIERSAAL : erste schritte erste minuten

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nord­pol : 3.12 — Abends spät erreicht mich die E‑Mail eines jun­gen Man­nes, den ich längst ver­ges­sen hat­te, ich mei­ne, ich hat­te ver­ges­sen, dass die­ser Mann jemals exis­tier­te, weil ich lan­ge Zeit, ein Jahr unge­fähr, nicht an ihn dach­te. Sein Name ist Elia. Elia hat­te auf eine Fra­ge, die ich ihm schrift­lich stell­te, nicht geant­wor­tet. Irgend­wann habe ich auf­ge­hört zu war­ten, ich kann nicht sagen, wann genau das gewe­sen sein könn­te, im Win­ter viel­leicht oder bereits im Herbst. Selt­sam ist, das fällt mir in die­ser Minu­te des Notie­rens auf, dass ich nie wahr­neh­men kann, wenn ich etwas ver­ges­se, den exak­ten Zeit­punkt des Leich­ter­wer­dens genau­er, weil ich das Ver­ges­sen stets mit einem Ein­druck der Schwe­re­lo­sig­keit in Ver­bin­dung setz­te. Das Ver­ges­sen scheint ein heim­li­cher Pro­zess zu sein, so heim­lich, dass ich erst dann, wenn etwas Ver­ges­se­nes zurück­kehrt ins Leben, über­haupt in der Lage bin, sein Ver­schwin­den zu bemer­ken. Nun ist sie also wie­der hier bei mir, mei­ne ver­ges­se­ne Fra­ge. Ich hat­te Elia gefragt, wie er die ers­ten Minu­ten in einem ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal erleb­te. Er beob­ach­te­te Fol­gen­des: > Zuerst habe ich das Gebäu­de von außen gese­hen, die Milch­glas­fens­ter, die rie­si­gen Röh­ren an den Fens­tern vor­bei und die Run­dun­gen des ver­hei­ßen­den und mich ängs­ti­gen­den Rau­mes. dann hat mich das ehr­wür­di­ge Gebäu­de ver­schluckt. die Trep­pe hin­auf konn­te ich die­sen wider­li­chen Geruch atmen. ich fand es unglaub­lich, mit wel­cher Lie­be zum Detail die­ses Gebäu­de aus­ge­stat­tet ist. auf der Suche nach einem Ansprech­part­ner habe ich die Ver­zie­run­gen im Boden bewun­dert. nach­dem ich die Erlaub­nis bekom­men hat­te, bin ich den lan­gen Gang an den haut­far­be­nen Spin­den vor­bei­ge­gan­gen zur Tür des Prä­pa­rier­saa­les. sie war ver­schlos­sen. aber durch den klei­nen Spalt konn­te ich in eine Apsis vol­ler mit rot leuch­ten­den Wachs­tü­chern bedeck­ter Kör­per sehen. ich habe nur die Tücher gese­hen, aber ich wuss­te, was dar­un­ter sein wür­de und war mir dabei trotz­dem nicht sicher. ich hat­te Angst. in der Nacht hat­te ich Alb­träu­me und mach­te Sezier­ver­su­che. am nächs­ten Tag hat­te ich mei­nen fri­schen wei­ßen Kit­tel dabei, der aber durch das Bevor­ste­hen­de schon jetzt mit einer selt­sa­men Schwe­re ver­se­hen war. ich wur­de an ein paar Assis­ten­ten über­ge­ben. wil­len­los folg­te ich ihnen mit einer Mischung aus Angst und Neu­gier in den Saal. nach fünf Schrit­ten blieb ich ste­hen. ich hat­te das Gefühl, ich wür­de auf­ge­saugt vom Geruch und dem tosen­den Lärm der klap­pern­den Instru­men­te. mir war heiß und kalt. ich muss­te mich wider­wil­lig zwin­gen tie­fer zu atmen. und atme­te noch inten­si­ver den süß­lich ste­chen­den Duft des For­mal­ins. dies­mal mit den ent­spre­chen­den Bil­dern vor mei­nen Augen. ich befahl mir genau hin­zu­se­hen. ich zwang mei­ne Augen ihre Bli­cke über die Kör­per schwei­fen zu las­sen. um nicht mit den Mosai­ken im Boden zu ver­schmel­zen, muss­te ich alle Bil­der vor mei­nen Augen mit Wör­tern versehen.

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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz

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bamako : 2.58 – Beob­ach­te­te im Prä­pa­rier­saal kurz vor acht Uhr mor­gens eine Assis­ten­tin, indem sie sich mit­tels eines Skal­pells und einer Pin­zet­te in die Tie­fe eines Lun­gen­flü­gels vor­ar­bei­te­te. Fei­ne, zup­fen­de Hand­be­we­gun­gen einer Uhr­ma­che­rin. Ein metal­le­ner Ton, sobald die Assis­ten­tin etwas Gewe­be am Rand einer Scha­le von ihren Werk­zeu­gen streif­te. Wort­los stand die jun­ge Frau am Tisch, schein­bar ohne sich an mei­ner Gegen­wart zu stö­ren. Nach eini­gen Minu­ten dann schob sie das Lun­gen­prä­pa­rat zur Sei­te und wen­de­te sich einem Her­zen zu, das in unmit­tel­ba­rer Nähe eines wei­te­ren Lun­gen­flü­gels auf einem Blech schau­kel­te, als sei es noch von eige­ner Kraft in Bewe­gung. Das war ein kräf­ti­ges Herz gewe­sen, ich erin­ne­re mich noch gut, über das Gewicht in mei­nen Hän­den gestaunt zu haben. Ich hat­te das Prä­pa­rat vom Tisch geho­ben und hielt es in der Scha­le mei­ner Hän­de fest, um die Arbeit der Assis­ten­tin zu erleich­tern. Das Herz ist schwer, sag­te ich. Ein mäch­ti­ger Mus­kel, ant­wor­te­te die Frau, ja, ein mäch­ti­ges Herz, fest und dun­kel, das Herz eines Läu­fers. Oder ein Künst­ler­herz viel­leicht. Schwei­gen jetzt. Sie trom­mel­te mit ihren Werk­zeu­gen auf den höl­zer­nen Rand des Tisches. Mei­nes wird wohl etwas klei­ner sein, setz­te ich vor­sich­tig hin­zu, ein hel­les Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also flie­gen, bemerk­te die jun­ge Frau und lach­te, das ist eine gute Geschich­te! — Wie sie für den Bruch­teil einer Sekun­de ihr Gehirn mit einem Lid bedeck­te.  Fin. – stop

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ohren gebraten

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tan­go

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : OHREN

In der ver­gan­ge­nen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spa­zier­ten am Atlan­tik an einem frü­hen Abend in der Däm­me­rung. Schnee war gefal­len. Eis schin­del­te in der Bucht vor Coney Island, ein ver­rück­tes Geräusch, eines, das ich nicht beschrei­ben kann, viel­leicht weil das Geräusch so flüch­tig gewe­sen war, dass ich nichts fest­hal­ten konn­te von sei­ner Sub­stanz in mei­ner Erin­ne­rung, obwohl uns das Geräusch über Stun­den beglei­te­te. Ihr hat­tet rote Stie­fel an den Füßen und wart in Pel­ze gewi­ckelt, viel zu groß, sodass man Euch kaum noch sehen konn­te. Ein­mal wach­te ich auf, sah mich im Zim­mer um, schlief dann sofort wei­ter, weil ich Eue­re hel­len Stim­men noch hören konn­te. Ihr hat­tet Euch in der Nähe einer fahr­ba­ren Bude in den Schnee gesetzt. Feu­er fla­cker­ten in Fäs­sern. Unweit lag ein Wal­fisch im Was­ser ohne Haut. Über den Flam­men schau­kel­ten Pfan­nen, in wel­chen mensch­li­che Ohr­mu­scheln in der Hit­ze saus­ten. Das Kra­chen, das Knis­tern des knusp­ri­gen Flei­sches zwi­schen unse­ren Zäh­nen beglei­te­te mich durch den ver­gan­ge­nen Tag, der ein Tag gewe­sen war, da ich bald stünd­lich die Gegen­wart mei­ner Wach­oh­ren prüf­te. Nie zuvor habe ich mir vor­zu­stel­len ver­sucht, wie ich selbst oder mei­ne Ohren, – nein, das ist schon eine ganz ande­re Geschich­te, die ich Euch nur dann erzäh­len wer­de, wenn Ihr mir schrei­ben soll­tet, dass ihr sie unbe­dingt hören wollt. Euer Lou­is, gute Nacht!

gesen­det am
27.05.2011
8.48 MESZ
1433 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 1458, Luft­fahrt — 2011, Auto­mo­bi­le — 32569 ], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 6, 19. Jahr­hun­dert – 56, 20. Jahr­hun­dert – 582 , 21. Jahr­hun­dert — 32 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 122, gelöscht : 88 ], Licht­fang­ma­schi­nen [ Has­sel­blad 503 CW : 1 ], Öle [ 0.3 Ton­nen ], strah­len­de Fische [ 2.98 Ton­nen ],  Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 5, Knie­ge­len­ke – 8, Hüft­ku­geln – 25, Bril­len – 4582 ], Schu­he [ Grö­ßen 28 – 37 : 987, Grö­ßen 38 — 45 : 458 ], Kühl­schrän­ke [ 57 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 2, mit Tau­cher – 68 ], Engels­zun­gen [ 32 ] | stop |

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malta : operation odyssey dawn

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echo : 22.01 – Zu Fuß die Stra­ße von Mdi­na rauf zu den fel­si­gen Höhen, ihrem groß­ar­ti­gen Blick süd­wärts über das Meer. Links und rechts der asphal­tier­ten Stra­ße, Fel­der, wie in Fächer gelegt von stei­ner­nen Wäl­len umge­ben. In den Blät­tern der Kak­teen­ge­wäch­se sit­zen Schne­cken in Höh­len und schmau­sen vom fau­lig gewor­de­nen Fleisch. Was ich höre in die­sen Minu­ten des Lau­fens ist der Wind, der sich an den Wider­stän­den der wil­den Land­schaft reibt. Er scheint gegen die stei­len Fel­sen, die schon in nächs­ter Nähe sind, him­mel­wärts zu pfei­fen, ein afri­ka­ni­scher Wind an die­sem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem mili­tä­ri­schen Ope­ra­ti­ons­ge­biet, das einen Namen trägt: Odys­sey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an die­ser Stel­le, in die­sem Moment, da ich die Cliffs errei­che, wie mein Augen­licht sich zu einem Kame­ra­licht ver­wan­delt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kur­zen Moment glau­be, abhe­ben zu kön­nen und zu flie­gen weit raus auf  him­mel­blaue Was­ser­flä­che, deren Ende nicht zu erken­nen ist. Kein Flug­zeug, kein Schiff, außer einem klei­ne­ren Boot, das auf dem Weg nach Misu­ra­ta sein könn­te, ein­ge­schlos­se­nen Men­schen Mehl und Medi­ka­men­te zu brin­gen. Tau­ben lun­gern im bereits tief über dem Hori­zont ste­hen­den Licht der Son­ne auf war­men Stei­nen, Eidech­sen, grün und blau und gol­den schim­mernd, sit­zen erho­be­nen Kop­fes und war­ten. Sie beneh­men sich, als hät­ten sie noch nie zuvor ein mensch­li­ches Wesen gese­hen. — stop



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