schachtelzimmer

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echo : 0.02 — Julio Cortázar erzählt in seinem Kalei­doskop Reise um den Tag in 80 Wel­ten eine Geschichte, in welch­er eine Fliege von zen­traler Bedeu­tung ist. Diese Fliege soll auf dem Rück­en geflo­gen sein, als der Autor sie ent­deck­te, Augen nach unten demzu­folge, Beinchen nach oben, ein für Fliegen­tiere nicht üblich­es Ver­hal­ten. Natür­lich musste diese selt­same Fliege unverzüglich näher betra­chtet wer­den. Julio Cortázar erfand deshalb ein Zim­mer, in welchem die Fliege for­t­an existierte, und einen Mann, der die Fliege zu fan­gen suchte. Wie zu erwarten gewe­sen, war der Mann in sein­er Beweglichkeit viel zu langsam, um die Fliege behut­sam, das heißt, ohne Beschädi­gung, erhaschen zu kön­nen. Er bemühte sich redlich, aber die Fliege schien jede sein­er Bewe­gun­gen vorherzuse­hen. Nach ein­er Weile machte sich der Mann daran, das Zim­mer, in dem er sich mit der Fliege aufhielt, zu verklein­ern. Er fal­tete Papiere zu Schachteln, die den Flu­graum der beson­deren Fliege nach und nach der­art begren­zten, dass sie sich zulet­zt kaum noch bewe­gen kon­nte. Fliege und Fänger waren in einem licht­losen Raum inner­halb eines Schachtelz­im­mers gefan­gen, daran erin­nere ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich diese Geschichte bere­its vor langer Zeit gele­sen habe, immer wieder von ihr erzählte, weshalb sich die Geschichte verän­dert, von der ursprünglichen Geschichte ent­fer­nt haben kön­nte. Das Buch, in dem sie sich aufhält, befind­et sich zur Zeit außer Reich­weite, aber ich werde die Geschichte sobald wie möglich über­prüfen. Es ist eine Geschichte, die behil­flich sein kön­nte, sehr schnelle Drohnen­vögel einz­u­fan­gen, wenn man ihrer Gat­tung ein­mal zufäl­lig begeg­nen sollte oder von ein­er Mikro­drohne ver­fol­gt sein würde. Ich glaube, ich habe noch etwas Zeit, das Jahr ist erst wenige Tage alt. — stop
ping

remington

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whiskey : 1.28 — In der ver­gan­genen Nacht träumte ich von ein­er Schreib­mas­chine. Diese Schreib­mas­chine ver­fügte über ein Band von rot­er und schwarz­er Farbe, sowie über einen Satz Ham­merze­ichen, die sich nur dann bewegten, wenn ich die Tas­ten mit großer Kraft in das mech­a­nis­che Getriebe der Mas­chine drück­te. Manch­mal, während ich notierte, blieben einzelne der Tas­ten in der Tiefe hän­gen, als wollte die Schreib­mas­chine nicht von dem Zeichen lassen, das sie ger­ade noch auf das Papi­er geset­zt hat­te. Eine Taste nach der anderen fiel aus, bis ich nur noch das Zeichen M bewe­gen kon­nte. Ich erin­nere mich, in meinem wirk­lichen Leben tat­säch­lich eine Schreib­mas­chine wie die geträumte Schreib­mas­chine besessen zu haben. Sie stand lange Zeit auf meinem Schreibtisch, ich hob sie nur sel­ten an, weil sie schw­er gewe­sen war, 10 oder 15 Kilo­gramm. Es war eine Rem­ing­ton mit einem Farb­band trock­en wie namibis­ch­er Wüsten­sand. Da nie­mand wusste, auf welchem Wege man an ein frisches Farb­band gelan­gen kon­nte, erzeugte die Schreib­mas­chine zeitlebens kein sicht­bares, aber tast­bare Zeichen, und doch tippte ich manch­mal auf der Mas­chine herum, als würde ich etwas auf­schreiben, als würde ich üben, laut­lose Musik, Gesten, stumme Gedanken. In meinem Traum der ver­gan­genen Nacht wurde die Mas­chine unter meinen Hän­den immer klein­er, bis sie zulet­zt ver­schwun­den war. Ich habe dann noch etwas weit­er geträumt. Ich war in einem U-Boot unter­wegs. Ich fuhr den Mis­sis­sip­pi aufwärts. Das Wass­er war dunkel. Ich beobachtete leuch­t­ende Rinder, wie sie auf dem Grund des Flusses durch knieho­hen Schlamm wateten. — stop
polaroidzeichnungen

luftwesen

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india : 0.14 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Fol­gen­des: Eine Drohne in der Gestalt eines Kolib­ris sta­tion­iert seit weni­gen Minuten in einem Abstand von 1.5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beobacht­en, wie ich ger­ade über sie notiere. Kurz zuvor war das kleine Wesen in meinem Zim­mer herumge­flo­gen, hat­te meinen Kak­teen­tisch unter­sucht, meine Büch­er, das Lat­er­nensignal­licht, welch­es ich vom Groß­vater erbte, auch meine Papiere, Fotografien, Schreib­w­erkzeuge. Ruckar­tig ver­lagerte das Luft­ti­er seine Posi­tion von Gegen­stand zu Gegen­stand. Ich glaube, in den Momenten des Still­standes wur­den Auf­nah­men gefer­tigt, genau in der Art und Weise wie in diesem Moment eine Auf­nahme von mir selb­st, indem ich auf dem Arbeitsso­fa sitze und so tue als gin­ge mich das alles gar nichts an. Von der Drohne, die ich ver­sucht bin, tat­säch­lich für einen Kolib­rivo­gel zu hal­ten, war zunächst nichts zu hören gewe­sen, kein­er­lei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minuten, meine ich einen leise pfeifend­en Luftzug zu vernehmen, der von den nicht sicht­baren Flügeln des Luftwe­sens auszuge­hen scheint. Diese Flügel bewe­gen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschärfe der Luft wahrzunehmen sind. Ein weit­eres, ein helles feines Geräusch ist zu hören, ein Wis­pern. Dieses Wis­pern scheint von dem Schn­abel des Kolib­ris her zu kom­men. Ich habe diesen Schn­abel zunächst für eine Attrappe gehal­ten, jet­zt aber halte ich für möglich, dass der Drohnen­vo­gel doch mit diesem Schn­abel spricht, also vielle­icht mit mir, der ich auf dem Sofa sitze und so tue, als gin­ge mich das alles gar nichts an. Ich kann natür­lich nicht sagen, was er mit­teilen möchte. Es ist denkbar, dass vielle­icht eine ent­fer­nte Stimme aus dem Schn­abel zu mir spricht, ja, das ist denkbar. Nun warten wir ein­mal ab, ob der kleine sprechende Vogel sich mir näh­ern und vielle­icht in eines mein­er Ohren sprechen wird. — stop
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ai : CHINA

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Der bekan­nte tibetis­che Mönch Kar­ma Tse­wang wurde am 6. Dezem­ber 2013 in Cheng­du im Süd­west­en Chi­nas unter dem Vor­wurf der “Gefährdung der Staatssicher­heit” inhaftiert. Sechzehn sein­er Unter­stützer wur­den, als sie seine Freilas­sung forderten, eben­falls festgenom­men. Den Mönchen wurde kein Zugang zu Rechts­beistän­den gewährt. Es beste­ht die Gefahr, dass sie gefoltert wer­den. / Kar­ma Tse­wang ist der hochange­se­hene Abt (Khen­po) des Klosters Gongya in der Autonomen Tibetis­chen Präfek­tur Yushu, Prov­inz Qing­hai. Er wurde am 6. Dezem­ber während ein­er Geschäft­sreise in Cheng­du, Prov­inz Sichuan, von Sicher­heit­skräften aus Chang­du (Cham­do, Autonome Tibetis­che Präfek­tur) festgenom­men. Laut seines Anwalts Tang Tian­hao wird er wegen des Ver­dachts der “Gefährdung der Staatssicher­heit” fest­ge­hal­ten; genaueres wurde noch nicht bestätigt. Momen­tan befind­et er sich an einem unbekan­nten Ort in Chang­du in Haft. / Nach Kar­ma Tse­wangs Inhaftierung unter­schrieben 4.000 Men­schen, unter ihnen tibetis­che Mönche, eine Peti­tion, um seine Freilas­sung zu fordern. Am 10. Dezem­ber nah­men mehr als 600 Men­schen, darunter Mönche aus dem Kloster von Gongya, in Nangqian an ein­er zweistündi­gen Demon­stra­tion teil. Sie hiel­ten Trans­par­ente mit Fotos von Kar­ma Tse­wang hoch, riefen Parolen und ver­langten seine Freilas­sung. Sicher­heit­skräfte aus dem Bezirk Nangqian bedro­ht­en die an der Demon­stra­tion beteiligten Mönche und warn­ten sie, Kar­ma Tse­wang werde noch schw­er­er bestraft, falls sie ihre Proteste nicht ein­stell­ten. Am 20. und 21. Dezem­ber wur­den 16 Mönche festgenom­men, obwohl sie die Demon­stra­tion am 10. Dezem­ber been­det hat­ten. / Am 23. Dezem­ber begab sich Kar­ma Tse­wangs Anwalt nach Chang­du, um seinen Man­dan­ten zu besuchen. Doch die örtliche Polizei hin­derte ihn daran, den Mönch zu tre­f­fen. Sicher­heit­skräfte des Bezirks Nangqian dro­ht­en den Fam­i­lien von Kar­ma Tse­wang und den 16 anderen inhaftierten Mönchen, sie eben­falls in Haft zu nehmen, wenn sie sich Rechts­beistände suchen soll­ten. / Kar­ma Tse­wang ist unter TibeterIn­nen auf­grund sein­er Arbeit für die Förderung der tibetis­chen Sprache und Kul­tur sehr bekan­nt. Er engagiert sich zudem in der Katas­tro­phen­hil­fe, beispiel­sweise nach dem Erd­beben in Yushu in der Prov­inz Qing­hai im Jahre 2010, bei dem über 2.000 Men­schen ums Leben kamen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 19. Feb­ru­ar 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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code blue

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gink­go

~ : mal­colm
to : louis
sub­ject : CODEBLUE
date : jan 8 14 3.15 p.m.

Eis schin­delt auf der Upper New York Bay. Es ist kalt gewor­den, klare Luft. Seit zwei Tagen ankert das Fährschiff John F. Kennedy vor dem Saint George Ter­mi­nal. Wir haben Erlaub­nis an Bord zu bleiben. Not­beleuch­tung auf den Decks. Alli­son war kurz an Land gegan­gen, um Erd­nüsse für Frankie zu besor­gen. Er tollt jet­zt schon seit Stun­den auf dem Schiff herum, als würde es ihm allein gehören. Wir erleben in dieser Weise eine ruhige Zeit, nie­mand hier, der Frankie zu nahe kom­men kön­nte. Von der Besatzung des Schiffes ist nur ein Matrose geblieben. Er hat damit begonnen, die Rah­men der Fen­ster zu stre­ichen. Auf den Fährschif­f­en, die an uns vor­beiziehen, sind ver­mummte Pas­sagiere zu erken­nen. Manche wagen sich auf die Prom­e­naden hin­aus, viele tra­gen Masken vor ihrem Gesicht, ein unheim­lich­er Anblick. Und das Knis­tern des Eis­es, das sich in Ufer­nähe sofort wieder hin­ter den Schif­f­en schliesst. Noch ist es kein Hin­der­nis. Schollen richt­en sich senkrecht auf, bleiben ste­hen wie messer­scharfe Zähne. Ein Tran­sis­tor­ra­dio spielt Jazzmusik. Stündlich Nachricht­en von der Lage in der Stadt. Kirchen und Schutzräume sollen für Per­so­n­en ohne Woh­nung geöffnet wor­den sein. Wir fra­gen uns, ob Frankie im Cen­tral Park über­lebt haben würde. Weit­er­hin, auch nachts, sind Möwen am Him­mel. — Mal­colm. Ahoi! / code­wort : code­blue

emp­fan­gen am
8.01.2014
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polaroidlungen

fenster süd

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echo : 2.28 — Fünf Marienkäfer sitzen auf einem Rol­lo, das das Süd­fen­ster mein­er Woh­nung von innen her ver­dunkelt. Sie sind sehr klein, unge­fähr so groß wie der Glaskopf ein­er Steck­nadel. Noch nie habe ich der­art kleine Käfer gese­hen. Ver­mut­lich sind sie hier in mein­er Woh­nung ent­standen, ken­nen von der Welt nichts als meine Zim­mer, Diele, Bad und Küche. Ich glaube, es ist noch nicht viel Zeit ver­gan­gen, seit sie geschlüpft sind, ein oder zwei Tage vielle­icht. Wenn ich mich mit ein­er Lupe nähere, gehen sie etwas in die Knie, leg­en den Panz­er auf Grund, und warten ab, dass sich das große Auge, das sie betra­chtet, wieder zurückzieht. Eine Weile las in ein­er Erzäh­lung von Julian Barnes herum, ruhte auf dem Sofa. Von dort aus kon­nte ich, obwohl sie wirk­lich sehr klein waren, die Kör­p­er der Käfer auf dem großen Weiß erken­nen. Zunächst dachte ich, sie bewegten sich nicht. Wenn ich mich aber län­gere Zeit auf die Sätze des Buch­es konzen­tri­erte, waren ihre Kör­p­er doch weit­erg­erückt, sobald ich zum Fen­ster blick­te. Ich dachte, dass sie sich vielle­icht nur dann bewegten, wenn ich sie nicht betra­chtete, dass sie also ihrer­seits mich beobachteten. Wahrschein­lich­er ist, dass mein Gehirn ihre langsame Art und Weise der Bewe­gung nicht zu erfassen ver­mag, weil sein Nahzeit­spe­ich­er äusserst flüchtig zu sein scheint. Ein­mal stand ich auf und pflück­te einen Käfer vom Rol­lo und warf ihn vor­sichtig in die Luft. Damit hat­te der Käfer nicht gerech­net. Er stürzte, ohne seine Flügel geöffnet zu haben, auf die weiche Fläche meines Sofas ab. Unverzüglich schlief der Käfer ein, weil es immer­hin weit nach Mit­ter­nacht gewor­den war. Werde selb­st bald schlafen, zuvor aber fünf kleine Marienkäfer in eine Schachtel set­zen, werde den Deck­el der Schachtel mehrfach mit ein­er Gabel per­fori­eren, und diese Schachtel in meinen Kühlschrank leg­en, 6° Cel­sius. Bald Früh­ling. — stop
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im zimmer. mitternacht

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oli­mam­bo : 0.15 — Auf der Suche nach Danill Charms Textsamm­lung Fälle bal­anciere ich vor dem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Noch ist Sam­stag. Ich erhoffe mir in dem gesucht­en Buch einen Ort zu find­en, dessen Exis­tenz ich for­t­an beweisen kön­nte. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Woran denke ich? Ein bemerkenswert­er Satz. Wie ich von meinem Stuhl steige und wieder auf dem Boden ste­he, halte ich den Krim­i­nal­fall Der ver­schwun­dene Kopf des Dam­a­s­ceno Mon­teiro in Hän­den. Das Buch wurde im Jahre 2000 gekauft und neun Jahre später mit ein­er Wid­mung verse­hen. Der Lieben P. und dem lieben J. zur Erin­nerung an ihre Liss­abon­reise, anlässlich eines Blitzbe­such­es. Von ihrer G. Nun fällt mir auf, dass G. und J. gestor­ben sind, während P. und ich, der ich das Buch aus­geliehen habe, noch leben. Auch Dani­il Charms ist tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit weni­gen Wochen. Ein trau­riger Moment. In meinem Kühlschrank herrschen 7° C. Ich werde mich gle­ich auf die Suche nach meinen fünf Marienkäfern machen, die im Kühlschrank in ein­er Schachtel über­win­tern sollen. Zwei habe ich bere­its ent­deckt, das war vor drei Stun­den gewe­sen, ver­mut­lich ist das so, dass ich in dieser Minute alle Käfer aus den Augen ver­loren habe. Aber ich kann immer­hin sagen, dass ich die Käfer gese­hen, sie mir also gestern nicht einge­bildet hat­te. Käfer No 1 sass in der Diele nahe der Tür, als würde er warten. Käfer No 2 bewegte sich im Arbeit­sz­im­mer über das Fen­ster, hin­ter dem es stock­dunkel gewe­sen war. Bevor ich mich auf die Suche mache, sollte ich vielle­icht doch noch ein­mal einen Ver­such unternehmen, meinen Danill Charms zu find­en. Gle­ich vor­sichtig, nur nicht stürzen, den Stuhl besteigen. Hin und wieder träumte ich, von einem Berg zu fall­en. Langsam ich gehe durchs Zim­mer. Und während ich so gehe, erin­nere ich mich leb­haft an G., an unseren let­zten gemein­samen Spazier­gang über den Münch­en­er Südlichen Fried­hof, wie ich mich wun­derte, dass sie genau diesen Weg genom­men hat­te, um mich zur U-Bahn zu brin­gen, da sie ahnte oder wusste, dass sie bald ster­ben würde. Es war ein warmer Som­mer­abend. Sie ging von Schmerzen gebeugt. In der wind­losen Luft tanzten Fliegen­türme. Ich kann mich nicht erin­nern, worüber wir gesprochen haben. Aber an ihre Stimme, an ihren Blick, ihren let­zten Blick, der ein Abschied war. — stop
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lampedusa

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echo : 22.01 — Das Wort Lampe­dusa in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Lampe­dusa denke. Wie viel Gramm? — stop

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nüsse. 20 gramm

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oli­mam­bo : 0.15 — Als ich unlängst von ein­er Reise zurück­kehrte, ent­deck­te ich Esmer­al­da auf dem Rah­men der Tür zum Arbeit­sz­im­mer. Die kleine Sch­necke hock­te genau dort, wo ich sie vor mein­er Abreise zulet­zt gese­hen hat­te. Vielle­icht kon­nte sie das Gewicht mein­er Schritte auf der Treppe spüren, ihre Füh­ler­au­gen jeden­falls waren bere­its aus­ge­fahren, als ich die Tür zur Woh­nung öffnete. Esmer­al­da schien den heimkehren­den Mann in aller Ruhe zu betra­cht­en. Ich über­legte, kaum hat­te ich die Woh­nung betreten, ob es möglich sein kön­nte, dass sich das Sch­neck­en­we­sen in der Zeit mein­er Abwe­sen­heit nicht von der Stelle bewegt haben kön­nte. Geschälte Pekan­nüsse, die ich im Dezem­ber noch in Küche und Diele auf den Boden legte, waren unberührt. Nun aber, da ich meinen Kof­fer aus­pack­te, rührte sich Esmer­al­da. Sie schien an Gewicht ver­loren zu haben, war in ihrer Wan­derung  jedoch so schnell wie üblich, weshalb ich behaupten möchte, dass Esmer­al­da keinen Schaden genom­men haben dürfte. Nach ein­er Weile erre­ichte sie das Arbeit­sz­im­mer und klet­terte unverzüglich zur Decke empor, um direkt über meinem geöffneten Kof­fer Platz zu nehmen. Dort ver­weilte sie für mehrere Stun­den, auch als ich meinen Kof­fer längst entleert und das Licht im Zim­mer aus­geschal­tet hat­te, rührte sie sich nicht. Direkt unter ihr, auf dem Sofa, lagen ein Paar Hand­schuhe und ein Notizbuch. Gegen Mit­ter­nacht meldete sich L. Er berichtete, er habe einen Auf­trag angenom­men, näm­lich in die Gegend von Narvik zu reisen, um zwei­hun­dert tiefge­frorene Seen, die noch ohne Namen sein sollen, zu beze­ich­nen. Als ich kurz darauf in mein Arbeit­sz­im­mer zurück­kehrte, genau in dem Moment, da ich das Licht anschal­tete, liess Esmer­al­da sich von der Decke fall­en. Sie lan­dete weich auf meinen Hand­schuhen. Ein unglaublich­er Anblick, es schien, als würde die Sch­necke in drastis­ch­er Weise mit mir kom­mu­nizieren. Indem ich sie in die Luft hob, ver­suchte sie verge­blich, sich in ihr Haus zurück­zuziehen. Jet­zt wieder Ruhe. Nebel­nacht. — stop

nachricht­en von esmer­al­da »

polaroidmonroe2

malta

picping

MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 82 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Val­let­ta [ Mal­ta ] gesichtet. Man wan­dert in kreisender Bewe­gung. — stop

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strings

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sier­ra : 1.15 — Ohrtrompete. Pauken­höh­le. Manch­mal denke ich, zunächst waren wun­der­volle Wörter auf der Welt, dann wur­den wir Men­schen diesen Wörtern nachgemacht. — stop

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von ohren

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nord­pol : 2.08 — Mon­tag. Fried­volle Nacht, sofern ich meine Fen­ster schliesse, meine Tele­fone, den Fernse­hap­pa­rat, das Radio und meinen Router auss­chalte, und mich mit nichts als mit Buch­staben beschäftige. Ich ent­deck­te bei den Gebrüdern Grimm 320 Wörter in der Umge­bung des Wortes Ohr. Würde ich dieses Wort und seine zen­trale Bedeu­tung nicht ken­nen, sollte ich sehr bald ver­muten, dass es sich um ein bedeu­ten­des Wort, eine bedeu­tende Eigen­schaft oder einen bedeu­ten­den Gegen­stand han­deln kön­nte. Sehr schöne Wortle­be­we­sen darunter, welche tat­säch­lich existieren. Eines aber habe ich höch­st­per­sön­lich erfun­den. Auch dieses Wort existiert for­t­an als ein Wort unter den Öhren­wörtern: Ohrback­en Ohrberge Ohrbom­mel Ohrbrausen Ohrbusch Ohre­naffe Ohren­bläs­er Ohrenge­flüster Ohren­gel Ohrgewölbe Ohrengift Ohren­läp­plein Ohren­per­le Ohren­raupe Ohren­sucht Ohrentauch­er Ohrenteufel Ohren­zeuge Ohren­zirpe Ohrfasan Ohrfeige Ohrgä­belein Ohrgang Ohrgedächt­nis Ohrge­gend Ohrkrus­pel Ohrlil­li­tan­er Ohrküssen Ohrlippe Ohrl­itze Ohren­los Ohrmuschel­stein Ohrpin­sel Ohrrose Ohrschallen Ohrspritze Ohrsteinchen Ohrrin­gen Uhrw­erk — stop

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propellerfeige

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delta : 2.38 — Wie man mit einem Stift eine Sub­stanz zu einem Zeichen auf Papi­er set­zt, wird mit dem Skalpell die Atmo­sphäre des Prä­pari­er­saales in einen Kör­p­er einge­tra­gen. Zer­gliedern heißt zunächst, Räume zu schaf­fen für das Licht. — Oder das Denken. Wie man von Satz zu Satz Räume öffnet zu weit­eren Gedanken, die bere­its lange Zeit unbe­merkt existiert haben kön­nten. Wörter, die sich wie Anten­nen in unbekan­nte Zim­mer tas­ten. Pro­peller­feige. — stop

polaroidairbus

bambus

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marim­ba : 3.58 — In einem Moment der Stille beobachtete ich vor weni­gen Stun­den ein Bücher­re­gal, das in meinem Arbeit­sz­im­mer ste­ht. Ich meinte, ein Geräusch wahrgenom­men zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr leg­en, durch welch­es Kiesel­steine fall­en. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Büch­er befind­en, die ich noch nicht gele­sen habe, wartende Büch­er, sagen wir, Mah­nende. Kurz darauf wan­derte das Geräusch in die Mitte des Regals, Christoph Rans­mayr klimperte, John Berg­er, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hat­te für einige Minuten den Ein­druck, das Geräusch oder seine Ursache kön­nte sich vervielfältigt haben. Wenn nun fol­gen­des geschehen wäre, dass sich die Büch­er meines Regals in Funkbüch­er ver­wan­del­ten, in Büch­er, die nur vorgeben Büch­er von Papi­er zu sein, in Büch­er also, die über Seit­en ver­fü­gen, die eigentlich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typ­is­che Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment entste­ht, da der Autor eines Buch­es mit­tels Funkwellen eine erneuerte Fas­sung seines Werkes in die Zim­mer der Welt entsendet. Ich muss darüber nach­denken, was die Möglichkeit oder die Exis­tenz der Funkbüch­er bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören kön­nen, für Anfang und Ende ein­er Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zim­mer rascheln würde, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­n­er? – Noch zu tun: Regen­wörter erfind­en. — stop
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luftmeduse

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echo : 0.28 — Eine Pflanze ist denkbar, welche zeitlebens als fliegen­des Wesen existiert. Sie wird in der Luft geboren und dort stirbt sie am Ende auch, ohne je den Erd­bo­den berührt zu haben. Irgend­wie scheint sie trotz­dem den Laub­moosen ver­wandt, sie schätzt den Wind und den Regen, vor län­ger­er Zeit ein­mal muss sie dann abge­hoben sein, hält sie sich nun bevorzugt in ein­er Höhe von 1000 bis 2000 Metern frei schwebend auf. Es darf dort nicht zu kalt und nicht zu trock­en sein, sie ist demzu­folge ein Geschöpf eher feuchter, warmer, äqua­to­ri­aler Gebi­ete. Man kön­nte sagen, dass sie mit­tels ein­er Lupe betra­chtet Medusen­tieren ähn­lich ist, den Zwergme­dusen, weil von klein­er Gestalt, ihre Blüten, dort wo der Wind sie bestäubt, sind trans­par­ente Gewebe, nicht größer als Marienkäfer­ge­häuse, welche der­art ange­ord­net sind, dass der Wind die fliegende Pflanze in eine vorbes­timmte Him­mel­srich­tung treibt. Man ernährt sich vom Licht der Sonne, vom Wass­er, das sich in der Luft, das heißt, in den Wolken befind­et, und von min­er­alis­chen Stäuben, die die Welt umkreisen. Ihre Wurzeln sind feinen Füh­lern ähn­lich, allerd­ings abwärts gerichtet, dem Erd­bo­den zu, sie sind in der Lage mit kle­brigem Film, der sie bedeckt, alles das festzuhal­ten oder einz­u­fan­gen, was in der Größe zu ihnen passt. Manch­mal, in den Zeit­en größter Not, fressen sie sich gegen­seit­ig auf, was im Prinzip eine leichte Sache ist, weil man nicht sel­ten, zu Kolonien verwach­sen, in näch­ster Nähe zu einan­der lebt, weshalb man vor­einan­der nicht flücht­en kann. Die schnellere unter zwei Nach­barpflanzen gewin­nt, ist allerd­ings sehr häu­fig bere­its selb­st schon von ander­er Seite her behut­sam ange­tastet. Das sind Tragö­di­en der Luft, die sich unaufhör­lich und völ­lig geräusch­los vol­lziehen, ein Kom­men und Gehen, wo sie sich über den Him­mel bewe­gen herrscht Däm­merung, ster­ben die Wälder des Bodens, Wiesen, Step­pen, Gärten. Fliegende Pflanzen sind nicht ohne Grund streng­stens ver­botene Erfind­un­gen. – stop

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medianusgabel

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tan­go : 3.22 — Hörte Thomas Bern­hard sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­denes. Glück­lich bin ich über diesen Satz. — Anatomis­che Arbeitswörter der späten Nacht : Man­del­brot­struk­tur Lebens­baum Augapfel Pyra­mi­den­bahn Venen­stern Liquor Medi­anus­ga­bel Herzbeu­tel Situs inver­sus. — stop

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