schachtelzimmer

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echo : 0.02 – Julio Cortázar erzählt in seinem Kalei­do­skop Reise um den Tag in 80 Welten eine Geschichte, in welcher eine Fliege von zentraler Bedeu­tung ist. Diese Fliege soll auf dem Rücken geflogen sein, als der Autor sie entdeckte, Augen nach unten demzu­folge, Bein­chen nach oben, ein für Flie­gen­tiere nicht übli­ches Verhalten. Natür­lich musste diese selt­same Fliege unver­züg­lich näher betrachtet werden. Julio Cortázar erfand deshalb ein Zimmer, in welchem die Fliege fortan exis­tierte, und einen Mann, der die Fliege zu fangen suchte. Wie zu erwarten gewesen, war der Mann in seiner Beweg­lich­keit viel zu langsam, um die Fliege behutsam, das heißt, ohne Beschä­di­gung, erha­schen zu können. Er bemühte sich redlich, aber die Fliege schien jede seiner Bewe­gungen vorher­zu­sehen. Nach einer Weile machte sich der Mann daran, das Zimmer, in dem er sich mit der Fliege aufhielt, zu verklei­nern. Er faltete Papiere zu Schach­teln, die den Flug­raum der beson­deren Fliege nach und nach derart begrenzten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewegen konnte. Fliege und Fänger waren in einem licht­losen Raum inner­halb eines Schach­tel­zim­mers gefangen, daran erin­nere ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich diese Geschichte bereits vor langer Zeit gelesen habe, immer wieder von ihr erzählte, weshalb sich die Geschichte verän­dert, von der ursprüng­li­chen Geschichte entfernt haben könnte. Das Buch, in dem sie sich aufhält, befindet sich zur Zeit außer Reich­weite, aber ich werde die Geschichte sobald wie möglich über­prüfen. Es ist eine Geschichte, die behilf­lich sein könnte, sehr schnelle Droh­nen­vögel einzu­fangen, wenn man ihrer Gattung einmal zufällig begegnen sollte oder von einer Mikro­drohne verfolgt sein würde. Ich glaube, ich habe noch etwas Zeit, das Jahr ist erst wenige Tage alt. – stop
ping

remington

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whiskey : 1.28 – In der vergan­genen Nacht träumte ich von einer Schreib­ma­schine. Diese Schreib­ma­schine verfügte über ein Band von roter und schwarzer Farbe, sowie über einen Satz Hammer­zei­chen, die sich nur dann bewegten, wenn ich die Tasten mit großer Kraft in das mecha­ni­sche Getriebe der Maschine drückte. Manchmal, während ich notierte, blieben einzelne der Tasten in der Tiefe hängen, als wollte die Schreib­ma­schine nicht von dem Zeichen lassen, das sie gerade noch auf das Papier gesetzt hatte. Eine Taste nach der anderen fiel aus, bis ich nur noch das Zeichen M bewegen konnte. Ich erin­nere mich, in meinem wirk­li­chen Leben tatsäch­lich eine Schreib­ma­schine wie die geträumte Schreib­ma­schine besessen zu haben. Sie stand lange Zeit auf meinem Schreib­tisch, ich hob sie nur selten an, weil sie schwer gewesen war, 10 oder 15 Kilo­gramm. Es war eine Remington mit einem Farb­band trocken wie nami­bi­scher Wüsten­sand. Da niemand wusste, auf welchem Wege man an ein frisches Farb­band gelangen konnte, erzeugte die Schreib­ma­schine zeit­le­bens kein sicht­bares, aber tast­bare Zeichen, und doch tippte ich manchmal auf der Maschine herum, als würde ich etwas aufschreiben, als würde ich üben, laut­lose Musik, Gesten, stumme Gedanken. In meinem Traum der vergan­genen Nacht wurde die Maschine unter meinen Händen immer kleiner, bis sie zuletzt verschwunden war. Ich habe dann noch etwas weiter geträumt. Ich war in einem U-Boot unter­wegs. Ich fuhr den Missis­sippi aufwärts. Das Wasser war dunkel. Ich beob­ach­tete leuch­tende Rinder, wie sie auf dem Grund des Flusses durch knie­hohen Schlamm wateten. – stop
polaroidzeichnungen

luftwesen

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india : 0.14 – Kurz nach Mitter­nacht. Folgendes: Eine Drohne in der Gestalt eines Koli­bris statio­niert seit wenigen Minuten in einem Abstand von 1.5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beob­achten, wie ich gerade über sie notiere. Kurz zuvor war das kleine Wesen in meinem Zimmer herum­ge­flogen, hatte meinen Kakte­en­tisch unter­sucht, meine Bücher, das Later­nen­si­gnal­licht, welches ich vom Groß­vater erbte, auch meine Papiere, Foto­gra­fien, Schreib­werk­zeuge. Ruck­artig verla­gerte das Luft­tier seine Posi­tion von Gegen­stand zu Gegen­stand. Ich glaube, in den Momenten des Still­standes wurden Aufnahmen gefer­tigt, genau in der Art und Weise wie in diesem Moment eine Aufnahme von mir selbst, indem ich auf dem Arbeits­sofa sitze und so tue als ginge mich das alles gar nichts an. Von der Drohne, die ich versucht bin, tatsäch­lich für einen Koli­bri­vogel zu halten, war zunächst nichts zu hören gewesen, keinerlei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minuten, meine ich einen leise pfei­fenden Luftzug zu vernehmen, der von den nicht sicht­baren Flügeln des Luft­we­sens auszu­gehen scheint. Diese Flügel bewegen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschärfe der Luft wahr­zu­nehmen sind. Ein weiteres, ein helles feines Geräusch ist zu hören, ein Wispern. Dieses Wispern scheint von dem Schnabel des Koli­bris her zu kommen. Ich habe diesen Schnabel zunächst für eine Attrappe gehalten, jetzt aber halte ich für möglich, dass der Droh­nen­vogel doch mit diesem Schnabel spricht, also viel­leicht mit mir, der ich auf dem Sofa sitze und so tue, als ginge mich das alles gar nichts an. Ich kann natür­lich nicht sagen, was er mitteilen möchte. Es ist denkbar, dass viel­leicht eine entfernte Stimme aus dem Schnabel zu mir spricht, ja, das ist denkbar. Nun warten wir einmal ab, ob der kleine spre­chende Vogel sich mir nähern und viel­leicht in eines meiner Ohren spre­chen wird. – stop
ping

ai : CHINA

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Der bekannte tibe­ti­sche Mönch Karma Tsewang wurde am 6. Dezember 2013 in Chengdu im Südwesten Chinas unter dem Vorwurf der “Gefähr­dung der Staats­si­cher­heit” inhaf­tiert. Sech­zehn seiner Unter­stützer wurden, als sie seine Frei­las­sung forderten, eben­falls fest­ge­nommen. Den Mönchen wurde kein Zugang zu Rechts­bei­ständen gewährt. Es besteht die Gefahr, dass sie gefol­tert werden. / Karma Tsewang ist der hoch­an­ge­se­hene Abt (Khenpo) des Klos­ters Gongya in der Auto­nomen Tibe­ti­schen Präfektur Yushu, Provinz Qinghai. Er wurde am 6. Dezember während einer Geschäfts­reise in Chengdu, Provinz Sichuan, von Sicher­heits­kräften aus Changdu (Chamdo, Auto­nome Tibe­ti­sche Präfektur) fest­ge­nommen. Laut seines Anwalts Tang Tianhao wird er wegen des Verdachts der “Gefähr­dung der Staats­si­cher­heit” fest­ge­halten; genaueres wurde noch nicht bestä­tigt. Momentan befindet er sich an einem unbe­kannten Ort in Changdu in Haft. / Nach Karma Tsewangs Inhaf­tie­rung unter­schrieben 4.000 Menschen, unter ihnen tibe­ti­sche Mönche, eine Peti­tion, um seine Frei­las­sung zu fordern. Am 10. Dezember nahmen mehr als 600 Menschen, darunter Mönche aus dem Kloster von Gongya, in Nang­qian an einer zwei­stün­digen Demons­tra­tion teil. Sie hielten Trans­pa­rente mit Fotos von Karma Tsewang hoch, riefen Parolen und verlangten seine Frei­las­sung. Sicher­heits­kräfte aus dem Bezirk Nang­qian bedrohten die an der Demons­tra­tion betei­ligten Mönche und warnten sie, Karma Tsewang werde noch schwerer bestraft, falls sie ihre Proteste nicht einstellten. Am 20. und 21. Dezember wurden 16 Mönche fest­ge­nommen, obwohl sie die Demons­tra­tion am 10. Dezember beendet hatten. / Am 23. Dezember begab sich Karma Tsewangs Anwalt nach Changdu, um seinen Mandanten zu besu­chen. Doch die örtliche Polizei hinderte ihn daran, den Mönch zu treffen. Sicher­heits­kräfte des Bezirks Nang­qian drohten den Fami­lien von Karma Tsewang und den 16 anderen inhaf­tierten Mönchen, sie eben­falls in Haft zu nehmen, wenn sie sich Rechts­bei­stände suchen sollten. / Karma Tsewang ist unter Tibe­te­rInnen aufgrund seiner Arbeit für die Förde­rung der tibe­ti­schen Sprache und Kultur sehr bekannt. Er enga­giert sich zudem in der Kata­stro­phen­hilfe, beispiels­weise nach dem Erdbeben in Yushu in der Provinz Qinghai im Jahre 2010, bei dem über 2.000 Menschen ums Leben kamen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 19. Februar 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

ping

code blue

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ginkgo

~ : malcolm
to : louis
subject : CODEBLUE
date : jan 8 14 3.15 p.m.

Eis schin­delt auf der Upper New York Bay. Es ist kalt geworden, klare Luft. Seit zwei Tagen ankert das Fähr­schiff John F. Kennedy vor dem Saint George Terminal. Wir haben Erlaubnis an Bord zu bleiben. Notbe­leuch­tung auf den Decks. Allison war kurz an Land gegangen, um Erdnüsse für Frankie zu besorgen. Er tollt jetzt schon seit Stunden auf dem Schiff herum, als würde es ihm allein gehören. Wir erleben in dieser Weise eine ruhige Zeit, niemand hier, der Frankie zu nahe kommen könnte. Von der Besat­zung des Schiffes ist nur ein Matrose geblieben. Er hat damit begonnen, die Rahmen der Fenster zu strei­chen. Auf den Fähr­schiffen, die an uns vorbei­ziehen, sind vermummte Passa­giere zu erkennen. Manche wagen sich auf die Prome­naden hinaus, viele tragen Masken vor ihrem Gesicht, ein unheim­li­cher Anblick. Und das Knis­tern des Eises, das sich in Ufer­nähe sofort wieder hinter den Schiffen schliesst. Noch ist es kein Hindernis. Schollen richten sich senk­recht auf, bleiben stehen wie messer­scharfe Zähne. Ein Tran­sis­tor­radio spielt Jazz­musik. Stünd­lich Nach­richten von der Lage in der Stadt. Kirchen und Schutz­räume sollen für Personen ohne Wohnung geöffnet worden sein. Wir fragen uns, ob Frankie im Central Park über­lebt haben würde. Weiterhin, auch nachts, sind Möwen am Himmel. – Mal­colm. Ahoi! / code­wort : code­blue

empfangen am
8.01.2014
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malcolm to louis »

polaroidlungen

fenster süd

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echo : 2.28 – Fünf Mari­en­käfer sitzen auf einem Rollo, das das Südfenster meiner Wohnung von innen her verdun­kelt. Sie sind sehr klein, unge­fähr so groß wie der Glas­kopf einer Steck­nadel. Noch nie habe ich derart kleine Käfer gesehen. Vermut­lich sind sie hier in meiner Wohnung entstanden, kennen von der Welt nichts als meine Zimmer, Diele, Bad und Küche. Ich glaube, es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit sie geschlüpft sind, ein oder zwei Tage viel­leicht. Wenn ich mich mit einer Lupe nähere, gehen sie etwas in die Knie, legen den Panzer auf Grund, und warten ab, dass sich das große Auge, das sie betrachtet, wieder zurück­zieht. Eine Weile las in einer Erzäh­lung von Julian Barnes herum, ruhte auf dem Sofa. Von dort aus konnte ich, obwohl sie wirk­lich sehr klein waren, die Körper der Käfer auf dem großen Weiß erkennen. Zunächst dachte ich, sie bewegten sich nicht. Wenn ich mich aber längere Zeit auf die Sätze des Buches konzen­trierte, waren ihre Körper doch weiter­ge­rückt, sobald ich zum Fenster blickte. Ich dachte, dass sie sich viel­leicht nur dann bewegten, wenn ich sie nicht betrach­tete, dass sie also ihrer­seits mich beob­ach­teten. Wahr­schein­li­cher ist, dass mein Gehirn ihre lang­same Art und Weise der Bewe­gung nicht zu erfassen vermag, weil sein Nahzeit­spei­cher äusserst flüchtig zu sein scheint. Einmal stand ich auf und pflückte einen Käfer vom Rollo und warf ihn vorsichtig in die Luft. Damit hatte der Käfer nicht gerechnet. Er stürzte, ohne seine Flügel geöffnet zu haben, auf die weiche Fläche meines Sofas ab. Unver­züg­lich schlief der Käfer ein, weil es immerhin weit nach Mitter­nacht geworden war. Werde selbst bald schlafen, zuvor aber fünf kleine Mari­en­käfer in eine Schachtel setzen, werde den Deckel der Schachtel mehr­fach mit einer Gabel perfo­rieren, und diese Schachtel in meinen Kühl­schrank legen, 6° Celsius. Bald Früh­ling. – stop
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im zimmer. mitternacht

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olimambo : 0.15 – Auf der Suche nach Danill Charms Text­samm­lung Fälle balan­ciere ich vor dem Bücher­regal auf einem Stuhl. Noch ist Samstag. Ich erhoffe mir in dem gesuchten Buch einen Ort zu finden, dessen Exis­tenz ich fortan beweisen könnte. Ich stehe mitten im Zimmer. Woran denke ich? Ein bemer­kens­werter Satz. Wie ich von meinem Stuhl steige und wieder auf dem Boden stehe, halte ich den Krimi­nal­fall Der verschwun­dene Kopf des Damas­ceno Monteiro in Händen. Das Buch wurde im Jahre 2000 gekauft und neun Jahre später mit einer Widmung versehen. Der Lieben P. und dem lieben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lissa­bon­reise, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Nun fällt mir auf, dass G. und J. gestorben sind, während P. und ich, der ich das Buch ausge­liehen habe, noch leben. Auch Daniil Charms ist tot und sein Über­setzer Peter Urban seit wenigen Wochen. Ein trau­riger Moment. In meinem Kühl­schrank herr­schen 7° C. Ich werde mich gleich auf die Suche nach meinen fünf Mari­en­kä­fern machen, die im Kühl­schrank in einer Schachtel über­win­tern sollen. Zwei habe ich bereits entdeckt, das war vor drei Stunden gewesen, vermut­lich ist das so, dass ich in dieser Minute alle Käfer aus den Augen verloren habe. Aber ich kann immerhin sagen, dass ich die Käfer gesehen, sie mir also gestern nicht einge­bildet hatte. Käfer No 1 sass in der Diele nahe der Tür, als würde er warten. Käfer No 2 bewegte sich im Arbeits­zimmer über das Fenster, hinter dem es stock­dunkel gewesen war. Bevor ich mich auf die Suche mache, sollte ich viel­leicht doch noch einmal einen Versuch unter­nehmen, meinen Danill Charms zu finden. Gleich vorsichtig, nur nicht stürzen, den Stuhl besteigen. Hin und wieder träumte ich, von einem Berg zu fallen. Langsam ich gehe durchs Zimmer. Und während ich so gehe, erin­nere ich mich lebhaft an G., an unseren letzten gemein­samen Spazier­gang über den Münchener Südli­chen Friedhof, wie ich mich wunderte, dass sie genau diesen Weg genommen hatte, um mich zur U-Bahn zu bringen, da sie ahnte oder wusste, dass sie bald sterben würde. Es war ein warmer Sommer­abend. Sie ging von Schmerzen gebeugt. In der wind­losen Luft tanzten Flie­gen­türme. Ich kann mich nicht erin­nern, worüber wir gespro­chen haben. Aber an ihre Stimme, an ihren Blick, ihren letzten Blick, der ein Abschied war. – stop
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lampedusa

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echo : 22.01 – Das Wort Lampe­dusa in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Lampe­dusa denke. Wie viel Gramm? – stop

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nüsse. 20 gramm

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olimambo : 0.15 – Als ich unlängst von einer Reise zurück­kehrte, entdeckte ich Esme­ralda auf dem Rahmen der Tür zum Arbeits­zimmer. Die kleine Schnecke hockte genau dort, wo ich sie vor meiner Abreise zuletzt gesehen hatte. Viel­leicht konnte sie das Gewicht meiner Schritte auf der Treppe spüren, ihre Fühler­augen jeden­falls waren bereits ausge­fahren, als ich die Tür zur Wohnung öffnete. Esme­ralda schien den heim­keh­renden Mann in aller Ruhe zu betrachten. Ich über­legte, kaum hatte ich die Wohnung betreten, ob es möglich sein könnte, dass sich das Schne­cken­wesen in der Zeit meiner Abwe­sen­heit nicht von der Stelle bewegt haben könnte. Geschälte Pekan­nüsse, die ich im Dezember noch in Küche und Diele auf den Boden legte, waren unbe­rührt. Nun aber, da ich meinen Koffer auspackte, rührte sich Esme­ralda. Sie schien an Gewicht verloren zu haben, war in ihrer Wande­rung  jedoch so schnell wie üblich, weshalb ich behaupten möchte, dass Esme­ralda keinen Schaden genommen haben dürfte. Nach einer Weile erreichte sie das Arbeits­zimmer und klet­terte unver­züg­lich zur Decke empor, um direkt über meinem geöff­neten Koffer Platz zu nehmen. Dort verweilte sie für mehrere Stunden, auch als ich meinen Koffer längst entleert und das Licht im Zimmer ausge­schaltet hatte, rührte sie sich nicht. Direkt unter ihr, auf dem Sofa, lagen ein Paar Hand­schuhe und ein Notiz­buch. Gegen Mitter­nacht meldete sich L. Er berich­tete, er habe einen Auftrag ange­nommen, nämlich in die Gegend von Narvik zu reisen, um zwei­hun­dert tief­ge­fro­rene Seen, die noch ohne Namen sein sollen, zu bezeichnen. Als ich kurz darauf in mein Arbeits­zimmer zurück­kehrte, genau in dem Moment, da ich das Licht anschal­tete, liess Esme­ralda sich von der Decke fallen. Sie landete weich auf meinen Hand­schuhen. Ein unglaub­li­cher Anblick, es schien, als würde die Schnecke in dras­ti­scher Weise mit mir kommu­ni­zieren. Indem ich sie in die Luft hob, versuchte sie vergeb­lich, sich in ihr Haus zurück­zu­ziehen. Jetzt wieder Ruhe. Nebel­nacht. – stop

nach­richten von esme­ralda »

polaroidmonroe2

malta

picping

MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 82 hupende Rüssel­rosen, nahe Valletta [ Malta ] gesichtet. Man wandert in krei­sender Bewe­gung. – stop

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strings

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sierra : 1.15 – Ohrtrom­pete. Pauken­höhle. Manchmal denke ich, zunächst waren wunder­volle Wörter auf der Welt, dann wurden wir Menschen diesen Wörtern nach­ge­macht. – stop

ping

von ohren

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nordpol : 2.08 – Montag. Fried­volle Nacht, sofern ich meine Fenster schliesse, meine Tele­fone, den Fern­seh­ap­parat, das Radio und meinen Router ausschalte, und mich mit nichts als mit Buch­staben beschäf­tige. Ich entdeckte bei den Gebrü­dern Grimm 320 Wörter in der Umge­bung des Wortes Ohr. Würde ich dieses Wort und seine zentrale Bedeu­tung nicht kennen, sollte ich sehr bald vermuten, dass es sich um ein bedeu­tendes Wort, eine bedeu­tende Eigen­schaft oder einen bedeu­tenden Gegen­stand handeln könnte. Sehr schöne Wort­le­be­wesen darunter, welche tatsäch­lich exis­tieren. Eines aber habe ich höchst­per­sön­lich erfunden. Auch dieses Wort exis­tiert fortan als ein Wort unter den Öhren­wör­tern: Ohrba­cken Ohrberge Ohrbommel Ohrbrausen Ohrbusch Ohren­affe Ohren­bläser Ohren­ge­flüster Ohrengel Ohrge­wölbe Ohren­gift Ohren­läpp­lein Ohren­perle Ohren­raupe Ohren­sucht Ohren­tau­cher Ohren­teufel Ohren­zeuge Ohren­zirpe Ohrfasan Ohrfeige Ohrgä­be­lein Ohrgang Ohrge­dächtnis Ohrge­gend Ohrkru­spel Ohrlil­li­taner Ohrküssen Ohrlippe Ohrlitze Ohrenlos Ohrmu­schel­stein Ohrpinsel Ohrrose Ohrschallen Ohrspritze Ohrstein­chen Ohrringen Uhrwerk – stop

ping

propellerfeige

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delta : 2.38 – Wie man mit einem Stift eine Substanz zu einem Zeichen auf Papier setzt, wird mit dem Skal­pell die Atmo­sphäre des Präpa­rier­saales in einen Körper einge­tragen. Zerglie­dern heißt zunächst, Räume zu schaffen für das Licht. – Oder das Denken. Wie man von Satz zu Satz Räume öffnet zu weiteren Gedanken, die bereits lange Zeit unbe­merkt exis­tiert haben könnten. Wörter, die sich wie Antennen in unbe­kannte Zimmer tasten. Propel­ler­feige. – stop

polaroidairbus

bambus

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marimba : 3.58 – In einem Moment der Stille beob­ach­tete ich vor wenigen Stunden ein Bücher­regal, das in meinem Arbeits­zimmer steht. Ich meinte, ein Geräusch wahr­ge­nommen zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bambus­rohr legen, durch welches Kiesel­steine fallen. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befinden, die ich noch nicht gelesen habe, wartende Bücher, sagen wir, Mahnende. Kurz darauf wanderte das Geräusch in die Mitte des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­perte, John Berger, Janet Frame, Antonio Tabucchi. Ich hatte für einige Minuten den Eindruck, das Geräusch oder seine Ursache könnte sich verviel­fäl­tigt haben. Wenn nun folgendes geschehen wäre, dass sich die Bücher meines Regals in Funk­bü­cher verwan­delten, in Bücher, die nur vorgeben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Seiten verfügen, die eigent­lich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typi­sche Geräusch vernommen habe, das in genau dem Moment entsteht, da der Autor eines Buches mittels Funk­wellen eine erneu­erte Fassung seines Werkes in die Zimmer der Welt entsendet. Ich muss darüber nach­denken, was die Möglich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören können, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zimmer rascheln würde, oder Dantons Tod, Georg Büchner? – Noch zu tun: Regen­wörter erfinden. – stop
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luftmeduse

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echo : 0.28 – Eine Pflanze ist denkbar, welche zeit­le­bens als flie­gendes Wesen exis­tiert. Sie wird in der Luft geboren und dort stirbt sie am Ende auch, ohne je den Erdboden berührt zu haben. Irgendwie scheint sie trotzdem den Laub­moosen verwandt, sie schätzt den Wind und den Regen, vor längerer Zeit einmal muss sie dann abge­hoben sein, hält sie sich nun bevor­zugt in einer Höhe von 1000 bis 2000 Metern frei schwe­bend auf. Es darf dort nicht zu kalt und nicht zu trocken sein, sie ist demzu­folge ein Geschöpf eher feuchter, warmer, äqua­to­rialer Gebiete. Man könnte sagen, dass sie mittels einer Lupe betrachtet Medu­sen­tieren ähnlich ist, den Zwerg­me­dusen, weil von kleiner Gestalt, ihre Blüten, dort wo der Wind sie bestäubt, sind trans­pa­rente Gewebe, nicht größer als Mari­en­kä­fer­ge­häuse, welche derart ange­ordnet sind, dass der Wind die flie­gende Pflanze in eine vorbe­stimmte Himmels­rich­tung treibt. Man ernährt sich vom Licht der Sonne, vom Wasser, das sich in der Luft, das heißt, in den Wolken befindet, und von mine­ra­li­schen Stäuben, die die Welt umkreisen. Ihre Wurzeln sind feinen Fühlern ähnlich, aller­dings abwärts gerichtet, dem Erdboden zu, sie sind in der Lage mit kleb­rigem Film, der sie bedeckt, alles das fest­zu­halten oder einzu­fangen, was in der Größe zu ihnen passt. Manchmal, in den Zeiten größter Not, fressen sie sich gegen­seitig auf, was im Prinzip eine leichte Sache ist, weil man nicht selten, zu Kolo­nien verwachsen, in nächster Nähe zu einander lebt, weshalb man vorein­ander nicht flüchten kann. Die schnel­lere unter zwei Nach­bar­pflanzen gewinnt, ist aller­dings sehr häufig bereits selbst schon von anderer Seite her behutsam ange­tastet. Das sind Tragö­dien der Luft, die sich unauf­hör­lich und völlig geräuschlos voll­ziehen, ein Kommen und Gehen, wo sie sich über den Himmel bewegen herrscht Dämme­rung, sterben die Wälder des Bodens, Wiesen, Steppen, Gärten. Flie­gende Pflanzen sind nicht ohne Grund strengs­tens verbo­tene Erfin­dungen. – stop

ping

medianusgabel

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tango : 3.22 – Hörte Thomas Bern­hard sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­denes. Glück­lich bin ich über diesen Satz. – Anato­mi­sche Arbeits­wörter der späten Nacht : Mandel­brot­struktur Lebens­baum Augapfel Pyra­mi­den­bahn Venens­tern Liquor Media­nus­gabel Herz­beutel Situs inversus. – stop

polaroidkueste

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