kilimandscharo : 6.55 — Am Samstag der vergangenen Woche erreichte mich eine Warensendung, die in einem Dorf namens San Lorenzo de Esmeraldas bereits im Juli aufgegeben worden war. Die kleine Ortschaft liegt nahe der Grenze zu Kolumbien im Dschungel unweit der Pazifikküste, lange Nächte, feuchte Luft, kreischende Tamarine. Das Päckchen, ich hatte lange darauf gewartet, enthielt ein Kästchen von Holz in der Größe einer Zigarrenschachtel, das mittels eines blauen Gummiriemens verschlossen wurde. Ich stellte das Kästchen auf meinen Schreibtisch ab, um es vorsichtig zu öffnen. Feiner, heller Sand wurde sichtbar, Sand, so fein wie gemahlener Kampot-Pfeffer. Bald arbeitete ich mich mit einem Pinsel vorsichtig in die Tiefe voran, bis ich auf zwei Körper stieß. Es handelte sich um Käferwesen, die deshalb etwas Besonderes darstellten, weil sie je über zwei Köpfe verfügten und über sechs Fühler, die im Moment meiner Besichtigung nicht im Geringsten auf meine Gegenwart reagierten. Nach einer halben Stunde, ich hatte die Käfer bis dahin liebevoll betrachtet, waren endlich Lebenszeichen zu erkennen, die Fühler der Käfer bewegten sich, und ich hob sie aus ihrem Sandbett und sie schlugen mit den Flügeln, als wollten sie mich begrüßen. Ihre Körper waren weich, sie bebten, und sie verströmten einen feinen Duft, der mich an Mandeln erinnerte. Zur ersten Probe setzte ich einen der Käfer an mein linkes Ohr, und der Käfer drang unverzüglich in mich ein, sehr behutsam, bis ich bemerkte, dass seine Fühler mein Trommelfell betasteten. Kurz darauf weitete sich sein Körper, ich hörte ihn knistern, bis er meinen Gehörgang vollständig füllte. Ein Pochen war zu vernehmen, das mich müde werden ließ. Kaum hatte ich den zweiten Käfer in das andere meiner Ohren gesetzt, schlief ich ein. Zwölf Stunden lang schlief ich tief und fest, meine Stirn ruhte auf dem Schreibtisch. Als ich erwachte, hatten sich beide Käfer wieder in ihr Sandbett zurückgezogen. Es ist jetzt früher Morgen. — stop

Aus der Wörtersammlung: hell
lego
tango : 6.28 — Einmal träumte ich, wie ich in einem hell beleuchteten Saal auf dem Boden sitze und einen menschlichen Körper, auch seine kleinsten Strukturen, mittels Legosteinen nachbilde. Ich arbeitete dort bereits seit über 200 Jahren. Weil sich ein Finger der Modellgestalt bewegte, wachte ich auf. — stop

shanghai
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india : 6.52 — Haruki, der in einer kleinen europäischen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glauben mochte. Schon sein Name schien seltsam zu sein. Er habe, sagte er, manchmal das Bedürfnis, mitten in der Nacht zu telefonieren. Nicht weil er fürchte, sterben zu wollen, sondern weil er glücklich sei, wenn er einfach nur los erzählen könne, wenn ihm seine Worte von einem aufmerksamen Ohr sozusagen aus dem Mund gezogen würden. Genau dieses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wunderbare Gelegenheiten erinnere, als er im Erzählen Geschichten entdeckte, die ihm ohne diese Art des Sprechens niemals eingefallen wären. Leider würde ihm inmitten der Nacht niemand mehr zuhören, Menschen, die er persönlich kenne, eilten längst nicht mehr ans Telefon, wenn er sich bei ihnen melde. Er habe deshalb andere, wildfremde Menschen angerufen, die sich bei ihm beschwerten, ob er denn noch bei Verstand sei. Das war der Grund gewesen, weswegen er vor wenigen Wochen damit begonnen habe, Rufnummern in Übersee zu kontaktieren. Es meldeten sich dort Menschen, die Haruki in englischer, französischer, chinesischer oder spanischer Sprache begrüßten. Sobald die Stimme eines Menschen hörbar wurde, begann Haruki zu erzählen. Er formulierte in einer so hohen Geschwindigkeit, dass er sich selbst kaum noch verstehen konnte. 15 Minuten, länger durfte ein Gespräch mit Shanghai nicht dauern. Manchmal vernehme er Stimmen von der anderen Seite her, helle Stimmen, zitternde, wispernde Töne, weshalb er das Telefongerät ein wenig von seinem Ohr entferne, ohne indessen zu verstummen. Nach 15 Minuten verabschiede er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop
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heliumzeit
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echo : 2.55 — Am Abend besuche ich Louis in seiner Küche unter dem Dach, Duft von Zimt und warmem Brot, in einer Lampe sirrt eine Wespe herum. Auf dem Küchentisch stapeln sich Tonbandspulen, 528 kleine Kassetten, die beschriftet sind: No 24 — Café Mozart 8. Mai / Laura — Über Lungenflügel : 1 Stunde 25 Minuten. Oder: No 48 — Botanischer Garten 5. Juni / Sebastian — Herzbetrachtungen : 2 Stunden 3 Minuten. Ich sehe Louis, wie er vor dem Tisch sitzt. Er ist alt geworden. Eine Schreibmaschine ruht unweit der Spulen. Es ist eine Hewlett Packard mit einem Bildschirm, sehr große Schriftzeichen, weil Louis nicht mehr gut sieht. Ein Satz ist dort zu lesen: Die Augen gehen auf, aber niemand sieht einen an. Ich höre Stimmen, sehr helle Stimmen. Stimmen in etwa so, wie sie klingen, wenn ein Mensch spricht, der Helium atmet. Louis sagt, das komme davon, dass er seine Tonbandmaschine schneller laufen lasse, beschleunigte Zeit, aus einer Stunde des Sprechens würde eine halbe Stunde, aus einem langen Schweigen ein kürzeres Schweigen. So, sagt Louis, ist das vielleicht zu schaffen in diesem Sommer, wenn ich nicht schlafe bis Ende September. — stop
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am karibasee
alpha : 20.22 — Nadine Gordimer erzählte vor wenigen Tagen in einem Fernsehgespräch, man habe vor langer Zeit ihren Roman Burger’s Daughter auf geheimen Wegen zu Nelson Mandela ins Gefängnis geschmuggelt. Auf denselben geheimen Wegen sei ihr kurz darauf ein persönlicher Brief Nelson Mandelas übermittelt worden, zeitlebens ein kostbares Dokument. Ich hörte Nadine Gordimer’s helle Stimme zum ersten Mal. Während ich lauschte und ihr anmutiges Gesicht betrachtete, erinnerte ich mich an den ersten Moment, da ich vor Jahren die Lektüre einer ihrer Erzählungen aufgenommen hatte, Something out There. Ich folgte damals nach wenigen Sätzen dem Wunsch, in der digitalen Sphäre eine Fotografie des Karibasees zu suchen, weil Nadine Gordimer vom künstlichen Gewässer in der Savannenlandschaft erzählte, von Elefanten gleichwohl, die sich in seine Fluten stürzten, um uralten Wanderrouten zu folgen. — Was hatten die ertrinkenden Tiere dort unter dem Wasserspiegel gesehen? — Wovon hatten sie gehört in ihrer letzten Lebenssekunde? — Ich las von der Tiefe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sollen, von der Luftfeuchtigkeit und vom Gewicht der Elefantenkörper, von der Biodichte ihrer Körper und von Kulturen in Seenähe siedelnder Menschen. Und während ich so vor mich hin studierte, von Seite zu Seite, von Link zu Link, verging eine Stunde Zeit. Plötzlich erinnerte ich mich an das Buch, das ich neben mir abgelegt hatte, und setzte meine Lektüre fort. — Heute ist Nadine Gordimer gestorben. — stop

sofia
delta : 5.57 — Im Flughafenterminal 1 existiert ein Mann, den ich vor sieben oder acht Tagen bemerkte. Ich war an einer Bank vorüber gekommen, auf welcher der Mann schlafend lagerte. Bevor er eingeschlafen war, muss er seine Schuhe sorgsam nebeneinander unter das festgeschraubte Bett gestellt haben. Sein Kopf ruhte auf Armen, die in den Ärmeln eines hellblauen Hemdes steckten. Er trug keine Strümpfe. Koffer waren in seiner Nähe nicht zu sehen. An jedem Morgen seither, sah ich ihn wieder, immer in derselben Position auf derselben Bank liegend. Auch seine Schuhe waren immerzu anwesend. Gestern hatte ich den Eindruck, als würde der Mann möglicherweise gar nicht existieren, sondern wäre nur eine Idee, ein Bild, aber der Mann atmet, das ist gut zu sehen. Auch scheint er sich zu rasieren, wenn ich nicht da bin. Er muss seit seiner Ankunft mehrfach aufgewacht sein, um zu trinken oder zu essen oder ein wenig zu spazieren. Dieser Mann könnte der einzige Mensch sein, den ich seit langer Zeit kenne, ohne seine geöffneten Augen je gesehen zu haben. Er kommt vielleicht aus Bukarest, oder aus Athen, Belgrad, Sofia, das ist denkbar. — stop

nordseebild
himalaya : 0.58 — Eine Postkarte, die mich gestern erreichte, zeigt die Fotografie einer Insel. Die Aufnahme wurde aus großer Höhe, vermutlich aus einem Flugzeug, aufgenommen. Ein reetgedecktes Haus. Und Schafe. 12 dunkelhaarige und 21 hellhaarige Schafe. Auf einem Pfad, der zu einem Ladungssteg führt, ein Mann neben einem Fahrrad. Er blickt vielleicht auf das Meer. Weder die Farbe des Fahrrades noch das Alter des Mannes ist zu erkennen, der Mann könnte eine Frau sein. Auf der Rückseite der Postkarte wurde mit ungelenken Schriftzeichen eine Botschaft notiert: Liebe Aka, es ist hier sehr schön. Es ist 25 °C. Das Wasser ist 15 °C. Wir waren natürlich drin. Euer J. – Eine Anschrift fehlte. — stop

valletta : west street
nordpol : 2.54 — Gestern Abend erreichte mich eine E‑Mail von Georges. Er schreibt: Mein lieber Louis, wie ich durch die Stadt Valletta schlenderte, bemerkte ich in der West Street nahe St. Lucia eine kleine Werkstatt. Sie war düster, aber gerade noch hell genug, dass ich ein Mädchen erkennen konnte, das an einem Tisch saß, sie schien Hausaufgaben zu machen. Ich richtete meine Kamera auf das Mädchen, um es zu fotografieren, da hob sie den Kopf und sah mich an, mit einem freundlichen Blick. Ich fragte, ob ich eintreten dürfe. Es war ein wirklich düsterer Ort, das Licht der Straße erreichte gerade noch den Tisch, auf dem das Schulheft des Mädchens lag, und es war kühl, und es ging ein leichter Wind. In der Tiefe des Raumes erkannte ich einen weiteren Tisch, der von einer Glühbirne beleuchtet wurde, die ohne Schirm von der Decke baumelte. Hinter dem Tisch hockte ein dunkelhäutiger, alter Mann mit weißem Haar. Ich grüßte auch in seine Richtung. Als ich mich gerade herumdrehen wollte, um auf die Straße zurückzukehren, schaltete der Mann einen gläsernen Leuchtglobus an. Ein schönes blaues und gelbes Licht von Meeren und Wüsten strahlte in den Raum, vor dessen Wänden Regale bis zur Decke ragten. Dort warteten weitere Erdkugeln, es waren einige Hundert bestimmt. Ich bemerkte, dass der Mann auf dem Tisch Gläschen mit Farbe zu einer Reihe abgestellt hatte, er selbst hielt einen feinen Pinsel und ein Messer mit einer winzigen Klinge in der Hand. Außerdem ruhte der Globus vor dem Mann auf dem Kopf, vielleicht deshalb, weil er einmal aus seiner Fassung genommen und augenscheinlich herumgedreht worden war, der Südpol befand sich im Norden, der Nordpol im Süden der leuchtenden Kugel, an welcher der Mann mit seinen Werkzeugen arbeitete. Es war eine Arbeit für ruhige Hände. In dem Moment, als ich näher gekommen war, nahmen sie gerade die Entfernung des Schriftzuges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf stehend in das Blau des Meeres jenseits des afrikanischen Kontinentes reichte. Aus nächster Nähe nun beobachtete ich, wie der alte Mann die Spuren, die die Radierung des Schriftzuges erzeugt hatte, mit blauer Farbe füllte. Immer wieder prüfte er indessen den Ton der Pigmente, in dem er eine Lupe in sein linkes Auge klemmte. Er schien weitgehende Erfahrung in dieser Arbeit gesammelt zu haben, seine Hände bewegten sich schnell, es roch nach Terpentin, und der Mann hauchte gegen das Meer, wohl um seine Trocknung zu beschleunigen. Dann begann er zu schreiben, er schrieb Cape Town, er schrieb die Wörter so, dass sie richtig herum vor unseren Augen erschienen. Ich erinnere mich an ein Motorrad, das auf der Straße vorbei knatterte. Das Mädchen hatte seine Schulhefte geschlossen und war ins Licht der Sonne getreten. Plötzlich war es verwunden. — stop

tucholsky : dos passos
echo : 5.32 — Um kurz nach vier Uhr entdecke ich das Patent eines Bürostuhls, der sich mit Strom versorgen lässt, um Schlafende durch leichte oder mittelschwere elektrische Schläge zu wecken. Kurz darauf, schon hell, ein Text Kurt Tucholskys aus dem Jahr 1928. Ich zitiere: John Dos Passos, ›Manhattan Transfer‹ Da ist ›Manhattan Transfer‹ von John Dos Passos (bei S. Fischer in Berlin). Dieser halbe Amerikaner, dessen ›Drei Soldaten‹ (im Malik-Verlag) gar nicht genug zu empfehlen sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich denke, dass die Mode der amerikanischen Romane, die uns die Verleger und die Snobs durch Übermaß sacht zu verekeln beginnen, nachgelassen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil nervöse und wenig erfolgreiche Reaktionäre der Literatur, zum Beispiel in den ›Münchner Neuesten Nachrichten‹, gegen die Übersetzungen aus dem Fremdländischen poltern –, sondern weil es zwischen der Hysterie der Anbetung und der Neurasthenie der Verdammung ein vernünftiges Mittelmaß gibt. Man soll fremde Länder kennenlernen – man soll sie nicht sofort segnen und nicht gleich verfluchen. ›Manhattan Transfer‹ ist ein gutes Buch – die Amerikaner haben sich da einen neuen Naturalismus zurechtgemacht, der zu jung ist, um an den alten französischen heranzureichen, aber doch fesselnd genug. Es sind Fotografien, nein, eigentlich gute kleine Radierungen, die uns da gezeigt werden; ob sie echt sind, kann ich nicht beurteilen, die Leute, die lange genug drüben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Großstadt darin, eine männliche Lyrik. Der Einsame auf der Bank: »Fein hast du dein Leben versaut, Josef Harley. Fünfundvierzig und keine Freude und keinen Cent, um dir gütlich zu tun.« Das hat einmal so gehießen: »Qu’as tu fait de ta jeunesse?«, und das ist von Verlaine und ist schon lange her, aber doch neu wie am ersten Tag. Das Mädchen da liegt auf ihrem Zimmer in der großen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bettkante sitzt, und da ist eine Frau, seine Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötzlich sieht er, dass er »hagere rötliche Füße hat, von Treppen und Trottoirs verkrümmt. Auf beiden kleinen Zehen saß ein Hühnerauge.« Und da hat er Mitleid mit sich und weint. Das Buch ist auch formal gut – Dos Passos ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein begabter Schriftsteller. Sehr hübsch ist diese Denkfigur, der man öfter bei ihm begegnet: »Auf dem Treppenabsatz befand sich ein Spiegel. Kapitän James Merivale blieb stehen, um Kapitän James Merivale zu betrachten.« Und diese, die gradezu programmatisch ist und viel tiefer als sie, leichtgefügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähnliche Drehtür des Stils steht bei Sinclair Lewis, im ›Elmer Gantry‹, einem Buch von dem hier noch ausführlich die Rede sein soll … Ein einziger Klub, heißt es da, wird Herrn Gantry, den Prediger, vielleicht aufnehmen. »Des Ansehens wegen. Um zu beweisen, dass sie unmöglich den Gin in ihren Schränken haben können, den sie in ihren Schränken haben.« Die Übersetzung von ›Manhattan Transfer‹ durch Paul Baudisch ist sauber und anständig. Kleine Anmerkung: Man sagt im Deutschen kaum: »Das macht mich zipflig« –, sondern wohl immer: »Das macht mich kribblig«. Und was ist dies hier? »Dü Mauretania läuft öben eun; vürundzwanzig Stunden Verspötung« – Spricht eine alte gezierte Dame so? ein Oberhofprediger? Nein, das ist die Übersetzung irgendeines ›slang‹, und die Männer, die sich mit Übertragungen aus dem Englischen befassen, sollten sich das abmachen. — Der Morgen kommt. Tauben sitzen auf dem Fensterbrett. Sie haben tief geschlafen. — stop

quallenhautkoffer
ulysses : 3.25 — Ein blauer italienischer Himmel und Wärme, Hitze. Mitte Mai. Über den Sandboden schaukeln müde Eidechsen, zwei Enten sitzen auf einer Parkbank in unserer Nähe im Park. Als wir telefonierten, erinnert sie mich daran, dass sie in einer Grenzsituation lebe. Ich vergesse immer wieder ihr Alter. Sie sei bald vollständig belichtet, reise aber noch viel herum, Koffer werden ihr getragen, mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken, Notizbüchern, einem Notebook. Das Notebook ruht in diesem Moment auf ihren Knien. Sie sucht in der digitalen Sphäre einen Text, an den ich mich erinnern kann. Sie liest mir vor, und ich notiere vom Quallenzimmer. Sie will das Zimmer von meiner Hand in ihrem Notizbuch haben. Ich schreibe langsam. Im Notizbuch finden sich zahlreiche weitere Handschriften, die nicht ihre Handschriften sind. Sie scheint Geschichten zu sammeln, oder Augenblicke des Schreibens. Ich höre meine eigene Geschichte, eine Entdeckung meiner Hände, die von einem freundlichen, hellen Raum erzählen, einem Zimmer von feinster Quallenhaut, einem Zimmer von Wasser, einem Zimmer von Salz, einem Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles, was sich im Zimmer befindet, das Quallenbett, die Quallenuhr, und all die Quallenbücher und auch die Schreibmaschinen von Quallenhaut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosentasche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffeehaus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Ventilatormaschine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass man ein Zimmer in der Hosentasche mit sich führt, ein Zimmer, das man jederzeit auspacken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfaltung bringen könnte. — stop



