kilimandscharo : 2.12 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Seit einer halben Stunde schaue ich aus dem Fenster. Angeblich soll die Raumstation ISS soeben den Himmel über mir passieren. Ich suche vergeblich. Wolken versperren die Sicht, auch ist die Stadt viel zu hell, um das Forschungsschiff erkennen zu können. Trotzdem schaue ich nach oben und freue mich. Vorhin habe ich noch einen Text notiert, der von einem alten Radio handelt, das von einem Tisch fällt, weil es Maceo Parker spielte. Gerade noch rechtzeitig, ehe es den Boden erreichte, wurde es aufgefangen, um kurz darauf auf dem Tisch festgeklebt zu werden. Das Radio war eines gewesen, wie ich es früher einmal hatte, ein Radio mit einem elektrischen Auge. Sobald ich auf einen Knopf drückte, glühte das Auge zunächst dämmernd, dann leuchtete das Auge grün wie das Wasser eines Bergsees und ich hörte seltsame Stimmen und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es existierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selbst und musste nie zur Reparatur gebracht werden. Nur einmal hüpfte eine Taste heraus und das Radio sah fortan aus, als habe es einen Zahn verloren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich gerade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fallschirmjäger seien über Zypern abgesprungen. Von einem Konflikt war die Rede und das Auge des Radios leuchtete dazu und die Membran seines Lautsprechers zitterte. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirklicher Krieg, der erste Kriegsbeginn, den ich als Wellenempfänger miterlebte. Später verschwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio konnte Geräusche speichern, und so speicherte ich Geräusche, singende Frösche vielleicht, oder meine Stimme, die mich befremdete, die nie meine eigene Stimme gewesen war, sondern immer die Stimme eines anderen, der ähnliche Dinge sagte. Bald machte ich mit einer weiteren Maschine Filme, nein, ich zeichnete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bagdad an einem Vorkriegsmorgen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Himmel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwitscherte. Vielleicht saß der Vogel auf einer gepanzerten Kamera, die das Bild der leuchtenden Stadt zu mir hin übertrug. Dieser Vogel war noch Radio gewesen. — stop

Aus der Wörtersammlung: hell
linie 12 : 2 uhr und 25 minuten
echo : 3.08 — In dieser Nacht fahren funkensprühende Straßenbahnen durch die Stadt, uralte Modelle, und die Luft duftet pelzig nach Zinn und Eisen unter Stromabnehmern, welche über Leitungen raspeln, deren gefrorene Wassermäntel im Licht der Laternen schimmern. Dieses Feuer, mal blau, mal schrill und gleissend hell, mal in den milden Farben der Kerzenflammen. Erscheinungen, als würde Lava aus Adern dringen, die über Straßen gespannt. In den Wagons der Trams stehen Männer. Sie tragen Handschuhe und lederne Schürzen, warum? — stop

von den regenschirmtieren
india : 2.05 – Gestern ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich hatte einem Bekannten, den ich lange Zeit nicht gesehen habe, eine E‑Mail gesendet. Kaum war die kleine elektrische Botschaft auf den Weg gebracht, kam eine Antwort zurück. Ich war sehr erstaunt gewesen, ich hatte angenommen, dass sich mein Bekannter viel Zeit nehmen würde, mir zu antworten, immerhin war ich etwas nachlässig, zögerlich darin, ihm zu schreiben. Ich hatte sogar einmal das Gefühl, er könnte vielleicht längst nicht mehr am Leben sein, weiß der Teufel, warum. Die Antwort, die ich erhielt, war folgende gewesen: Guten Tag! Ich habe Deine Nachricht erhalten, bin gerade in Tasmanien, ich werde so bald wie möglich antworten. Um Dir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schicke ich Dir eine Geschichte, die Dir vielleicht Freude bereiten wird. Es handelt sich um eine Traumgeschichte, die davon erzählt, dass ich wieder einmal von Regenschirmtieren träumte. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich in dieser Weise, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut von der Art der Flughaut eines Abendseglers. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es war kurz nach Mitternacht. Es regnet noch immer. — stop

matrjoschka
romeo : 6.28 — Seit meiner Kindheit besitze ich eine Puppe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babuschka kennengelernt. Dieser Name war so lange gültig gewesen, bis mir eine russische Bekannte erzählte, dass es sich eigentlich um eine Matrjoschkapuppe handeln würde. Man kann diese Puppe öffnen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch derart entzweit, dass sie tatsächlich aus zwei Teilen mit exakt geschnittenen Rändern besteht, einem unteren Teil mit Füssen, die in Farbe auf das helle Holz aufgetragen sind, und einem oberen Teil mit einem gezeichneten Kopf. Mit dieser Trennung geht die Gestalt der Puppe jedoch nicht wirklich verloren, weil sie in einer kleiner gewordenen Ausgabe, die sich in der größeren Puppenform versteckte, weiterhin vorliegt. Sie verfügt über das gleiche Gesicht, wie ihre Hülle, über einen etwas kleineren Mund, und gleichfalls gerötete Wangen und kleinere Augen, und sie drückt in dieser Erscheinung nichts anderes aus als: Ich bin nur eine Hülle, ich trage mein eigentliches Inneres in mir, mein Wesen, öffne mich! Und so weiter und so fort. Gestern nun habe ich einen Brief gelesen, in dem von der Gattung der Babuschkapuppen die Rede war. Ich hatte den Brief noch nicht zu Ende studiert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm meine Puppe seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand und öffnete sie. Tatsächlich habe ich sofort ein intensives Gefühl wahrgenommen, eine Empfindung meiner Kindheit, zugleich in der Zeit weit entfernt und nah und vertraut. Hier der Brief, der mir meine Puppe von Holz in Erinnerung gerufen hatte. Miriam erzählt von Erfahrungen des Präpariersaales: Zuerst also haben wir die Haut entfernt und dann das Fett. Das war wie ein zweiter Mantel gewesen, und dann kamen die Muskeln dran, und plötzlich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an diese Babuschkapuppen gedacht. Die werden ja auch immer kleiner, wenn man eine geöffnet hat und danach die nächste. Aber dann waren auf dem Tisch plötzlich nur noch Arme und Beine und ein Kopf, der aus zwei Teilen bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hingelegt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ordnung habe ich versucht. Das sah also aus wie ein Strichmännchen. Aber eben ohne Bauch. Ich erinnere mich in diesem Moment sehr gut an eine merkwürdige Geschichte aus der Anfangszeit des Kurses. Ich war schon sehr früh am Morgen im Präpariersaal des Institutes. Ich hatte schlecht geschlafen wegen einer leichten Grippe, und so war ich eine der ersten Studentinnen gewesen, die an diesem Tag die Arbeit an ihrem Leichnam aufgenommen haben. Ich präparierte an einem der Arme, eine recht komplizierte Angelegenheit war das gewesen, und ich dachte immer wieder, dass meine Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so feine Aufgabe auszuführen. Ich fluchte also ein wenig vor mich hin und dann entschuldigte ich mich plötzlich. Ganz im Ernst. Ich entschuldigte mich bei dem Leichnam für meine unfreundlichen Worte. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sorry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nachdem mir bewusst geworden war, dass ich zur Leiche gesprochen hatte, noch ein wenig so weitergemacht. Eine Unterhaltung war das natürlich nicht. Ein Monolog. One way! Aber gut. — stop

josephine auf der mary murray
tango : 6.34 — Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung, wie sich Josephine an einem warmen Samstagvormittag auf den Weg macht nach New Jersey, um das Wrack der MS Mary Murray zu besichtigen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fahrer erzählt, dass er noch nie eine so weite Fahrt unternommen habe im Auftrag. Eigentlich dürfe er mit seinem Wagen die Stadt nicht verlassen. Also steigen sie in Josephines Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahrzehnt nicht aus der Garage bewegt worden war. Sie nehmen die Verrazano-Narrows Bridge südwärts. Josephine raucht schon lange nicht mehr, aber heute macht sie eine Ausnahme, eine. Ihr dünnes weißes Haar, das im Wind flattert, fängt sie mit wendigen Fingern wieder ein. Sie trägt Turnschuhe und ein orangefarbenes, sommerliches Kleid. Die Haut ihrer Beine, Arme, Schultern sind hell wie ihr Haar. Eine Stunde rauschen sie wortlos auf dem New Jersey Turnpike dahin. Nahe Freeholf halten sie an. Gleich neben dem Highway bewegt sich ein Fluss, dunkles, müdes Wasser, langsam. Am Ufer wartet ein junger, bärtiger Mann in einem Paddelboot von leuchtend roter Farbe. Wie Josephine sich in diesem Augenblick wünscht, fotografiert zu werden, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Strohhut mit beiden Händen zurechtrückt, dann fahren sie los, unter mächtigen Brücken hindurch in Richtung des Raritanflusses. Möwen stehen im brackigen Wasser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Paddels, ein paar Fliegen brummen durch die Luft. Einmal nähert sich ein Hubschrauber der Küstenwache, dreht wieder ab. Und plötzlich ist sie zu sehen, eine Fata Morgana in der Landschaft, das ausrangierte gewaltige Fährschiff der Staten Island Flotte, die MS Mary Murray. Schlagseite steuerbords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libellen schießen hin und her, blaue und grüne riesige Tiere. Wie sich Josephine und der junge Mann dem Schiffswrack vorsichtig nähern. Wie der junge Mann eine Leiter am Rumpf des Schiffes befestigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vorsichtig Sprosse um Sprosse erklimmt. Ihr behutsamer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Farben vom Schiffskörper fallen, von Stürmen und Regen gepeitscht, von der Sonne gebrannt, kann man das hölzerne Herz der alten Flottendame erkennen, Käfer und Ameisen spazieren über die Sitzbänke der Promenade. Josephine muss nicht lange suchen, im Schatten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beugen scheint, eine Sitzbank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwester Geraldine zu entdecken sein, ein Satz nur, den das kleine Mädchen im Jahr 1952 an einem Sommernachmittag auf dem Weg von Manhattan nach Staten Island in das Holz der Bank geritzt hatte, während ihre Zwillingsschwester Charlotte sie vor Entdeckung schützte. Wie Josephines zitternde Finger in diesem Augenblick über die Vertiefung der Zeichen fahren. — stop

uhrenwesen
sierra : 6.33 — Im Traum saß ich einmal in einem Zug in nächster Nähe eines Mannes und wunderte mich, weil ich ein merkwürdiges, ein sandig wisperndes Geräusch vernahm, das von dem Mann auszugehen schien. Er schlief tief und fest, erwachte auch dann nicht, als ich mich über ihn beugte und in eine der Taschen seines Mantels spähte. Die Tasche war gefüllt mit Armbanduhren. Als ich eine der Uhren herausnahm, ruhte sie warm in meiner Hand. Ich legte ein Ohr an den Körper der Uhr und hörte das Herz der Uhr leise schlagen und eine helle Stimme noch, die Sekunden zählte. — stop

lamelleniris


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foxtrott : 15.07 — Die Suchmaschine, von der ich gestern noch träumte am helllichten Tag, war so groß wie eine Streichholzschachtel. Sie hockte auf meinem Sofa und rührte sich nicht. Indem ich sie betrachtete, wirkte sie zunächst so, als wäre sie vollkommen unbeweglich, denn es waren an dem Suchmaschinenwesen keine Beine zu erkennen, dafür an jeder Seitenfläche ein kleines Auge, mit dem es sogar zwinkern konnte. Seine Haut ähnelte der Haut eines jungen Elefanten, es hatte jedoch keine Ohren und auch keine Arme oder Hände, tatsächlich wirkte das Wesen in diesem Moment als könnte es sich nicht von der Stelle bewegen. Welch ein Irrtum! Das Wesen konnte ganz anders, es konnte sich zum Beispiel von meinem Sofa erheben und durch die Luft fahren wie ein Ballon. Dazu holte es tief Luft, wurde größer und immer größer, bis es in etwa doppelt so groß geworden war wie zuvor. In dieser neuen Gestalt flog die kleine Suchmaschine in Richtung meines Bücherregals davon. Es war nun in diesem Flug kein Geräusch zu hören, vollkommen lautlos schwebte sie durch mein Zimmer, wurde von einem Luftzug kurz aus der Bahn geworfen, fing sich wieder und ich rief ihr noch zu: Lamelleniris! Es war erstaunlich, ein kleines Wunder. Das Wort schien sie zu beschleunigen, sie erreichte rasch mein Regal und flog von links nach rechts die Reihe der Buchrücken entlang, hielt vor jedem der Bücher einmal kurz an, und sie erweckte den Eindruck, als ob sie sich in jedem dieser Momente tatsächlich mit dem Buch selbst beschäftigte, in das Buch hineinsah oder von seinem Duft kostete, wie auch immer. Nach einigen Flügen auf und ab, hielt sie vor einem der Bücher an, es handelte es sich um eine kleine Geschichte der Fotografie, die von Peter Nadas aufgeschrieben worden war. Nun wird man nicht glauben, was dann zu sehen war. Die kleine Suchmaschine machte sich an dem Buch zu schaffen, sie schien über unsichtbare Werkzeuge zu verfügen, ein Buch in den Griff zu bekommen. Und das Buch parierte, es ließ sich aus dem Regalfach lösen und flog mit der kleinen Maschine, die sich unter das Buch begeben hatte, durch den Raum zu mir zurück, um in meiner Nähe sanft zu landen. Behutsam setzte sie sich neben das Buch, das sie für mich herbeigeholt hatte und bedeutete mir mit stillem Nachdruck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamelleniris enthalten ist. Und so waren wir immerhin schon einen Schritt weiter als noch zuvor. — stop

PRÄPARIERSAAL : feuerherz
nordpol : 7.07 — In der vergangenen Nacht habe ich in meinen Verzeichnissen nach einem E‑Mailbrief gesucht, den mir eine junge Frau, Lidwien, vor einigen Jahren notiert hatte. Ich konnte den Brief nicht finden, keine meiner Suchmaschinen, weil ich den Brief versehentlich ohne Namen abgelegt hatte. Ich erinnere mich noch gut an Lidwien. Sie war eine zierliche, freundliche und zielbewusste Person, die mit einem leicht französischen Akzent formulierte. Ich hatte sie einmal beobachtet, wie sie im Präpariersaal mit ihren Händen in einem Säckchen wühlte, um kurz darauf innezuhalten und die Augen zu schließen. In dem Säckchen, das von schwarzem, lichtundurchlässigem Stoff gewesen war, befanden sich Knochen einer Hand. Es war die Aufgabe Lidwiens gewesen, unter den Knochen einen bestimmten Knochen zu finden und durch reines Tasten eindeutig zu identifizieren. Ich beobachtete die junge Frau, wie sie während ihrer Suche in dem strahlend hellen Licht des Saales stehend die Augen schloss, als ob sie in dieser Weise mit ihren Fingerspitzen in der Dunkelheit des Säckchens besser sehen könnte. Ein Gespräch folgte über Bilder, die der Saal in Lidwiens Geist erzeugte. Kurz darauf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedanken präzisierte. Genau diesen Brief suchte ich vergeblich, dann erinnerte ich mich an den Titel eines Films, von dem die junge Frau berichtet hatte, und schon war der Brief in meinen Archiven aufzuspüren gewesen. Lidwien notierte unter anderem Folgendes: Wissen Sie, auf die Frage, ob die Bilder aus dem Saal in meinen Alltag hinübergleiten, kann ich mit einem total aufrichtigen NEIN antworten. Ich habe überlegt, wie das überhaupt sein kann, da muss ein Filter sein und ich finde diesen Filter in meinem Gehirn wirklich faszinierend. Neulich habe ich ein Interview mit einer ehemaligen Kindersoldatin aus dem Sudan gesehen, die eine Biografie mit dem Titel FEUERHERZ geschrieben hatte. Dramatische Dinge muss sie erlebt und für uns nahezu unvorstellbare Bilder gesehen haben. Auf die Frage, wie sie mit diesen grausamen Bildern umging, antwortete sie: Ich habe diese Bilder nicht besonders verarbeitet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe diese Aussage mit meinen Erfahrungen in Beziehung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Präparierhallen regelmäßig betrete und viele Stunden des Tages darin verbringe, werden all die toten Körper, all die Präparate, die man auf ungewohnte und seltsame Weise mit den eigenen Händen bewirkt, ja gerade zu erschafft, und der beißende Geruch des Formalins, zu meinem Alltag. In diesem Alltäglichen, in der Routine, verlieren menschliche Emotionen und die dazugehörigen Bilder an Gewicht und Polarität: Aus leidenschaftlicher Liebe wird Freundschaft und Zusammenhalt, und aus Angst und Furcht wird Fatalismus und Gelassenheit. – Und deshalb bleiben meine Bilder im Saal und ich lasse sie dort, wenn ich nach Hause zu meiner Familie gehe. — stop

josephine besucht chelsea
ulysses : 15.07 — Ich erinnere mich an einen Tag im Mai des Jahres 2010, als Josephine und ich durch den Central Park spazierten. Es war ein warmer Tag gewesen, ein Tag, an dem Waschbären ihre Verstecke im Unterholz flüchteten, um den Sommer zu begrüßen. Nie zuvor hatte ich Waschbären persönlich gesehen, und auch an diesem Tag hatte ich kaum Zeit, sie zu beobachten, weil die betagte Dame an meiner Seite südwärts drängte. Gut gelaunt schien sie ihr Alter nicht im mindesten zu spüren, und so folgten wir der 8th Avenue Richtung South Ferry, passierten die Port Authority Busstation, das zentrale Postamt und die Penn Station, um nahe dem Joyce-Theater in die 18th Straße einzubiegen. Beinahe zwei Stunden waren wir bis dorthin unterwegs gewesen, es dämmerte bereits. Vor dem Haus 264 West blieb Josephine stehen. Sie holte ihr Telefon aus der Handtasche und meldete mit lauter Stimme, dass sie bereits unten vor dem Haus stehen würde und abgeholt zu werden wünsche! Ein Herr, in etwa demselben Alter, in dem sich Josephine befand, öffnete uns kurz darauf die Tür. Er war mit einem Hausmantel bekleidet, der in einem tiefen Blau leuchtete, hatte keinerlei Haar auf dem Kopf und trug Turnschuhe. Ich erinnere mich, dass ich mich wunderte über seine großen Füße, denn der Mann, den mir Josephine mit dem Namen Valentin vorstellte, war eher zierlich, wenn nicht klein geraten. Während wir eine enge Treppe in den sechsten Stock hinaufstiegen, dachte ich an diese Schuhe und auch daran, ob ich selbst in ihnen überhaupt laufen könnte. Bald traten wir durch eine schmale Tür, hinter der sich ein Raum von unerwarteter Größe befand, ein Saal vielmehr, mit einer hohen Decke und einem gut gepflegten Boden von Holz, der nach Orangen duftete. Linker Hand öffnete sich ein Fenster, das die gesamte Breite des Raumes füllte, mit einem großartigen Ausblick auf Chelsea, auf Dachgärten, Antennen und Satellitenwälder, ich glaubte, vor einer Stadt ohne Straßen zu stehen. Und da war nun dieser alte Mann in seinem blauen Hausmantel, der uns bat, auf einem Sofa Platz zu nehmen, welches das einzige Möbelstück gewesen war, das ich in dem Raum entdecken konnte. Ein paar Wasserflaschen reihten sich an einer der Wände, die von Backstein waren, von hellem Rot, und an diesen Wänden waren nun Papiere, Fotokopien von Buchseiten, genauer, akkurat aneinander gereiht, sodass sie die Wände des Saales bedeckten. Josephine schien sehr berührt zu sein von diesem Anblick. Sie saß mit durchgedrücktem Rücken auf dem Sofa und bewunderte das Werk ihres Freundes, der uns zu diesem Zeitpunkt bereits vergessen zu haben schien. Er stand vor einer der Buchseiten und las. Es handelte sich um ein Papier des 1. Band der Entdeckungsreisen nach Tahiti und in die Südsee von Georg Forster in englischer Übersetzung. Und wie wir den alten Mann beobachteten, erzählte mir Josephine, dass er das mit jedem der Bücher machen würde, die er lesen wolle, er würde sie entfalten, ihre Zeichenlinie sichtbar machen, er lese immer im Stehen, er sei ein Wanderer. — stop

josephine auf dem bildschirm
echo : 15.07 — Gestern Abend habe ich zum ersten Mal mit Josephine, einer alten Dame, die in Brooklyn wohnt, ein Gespräch über Skype geführt. Ich weiß nicht genau, wie lange Zeit ich benötigte, sie davon zu überzeugen, dass das Telefonieren mittels eines Computers nicht gefährlich sei, vielmehr angenehm, weil man einander sehen könne, wenngleich etwas in der Zeit verzögert. Ich glaube, es waren Monate gewesen. Ich musste ihr zuletzt hoch und heilig versprechen, keine Fotografien von ihrem Abbild zu machen, oder nur dann, wenn sie mir das Fotografieren ausdrücklich gestatten würde. — Früher Nachmittag in Brooklyn, die Sonne schien noch, genau die Sonne, die bei mir längst untergegangen war. Josephine hatte eine Lesebrille aufgesetzt, ihr rotes Haar schimmerte im hellen Licht, das von den Fenstern her auf sie fiel. Aber das Zimmer, in dem sie saß, lag im Schatten. Ich konnte eine Lampe erkennen, die neben jenem Schreibtisch stand, vor dem Josephine Platz genommen hatte, um genau in diesem Moment mein Gesicht auf einem Bildschirm zu betrachten. Wir waren uns schon einmal persönlich begegnet, aber nicht in dieser Weise, ich konnte sehen, dass sie sich geschminkt hatte und ein wenig nervös war, vermutlich deshalb, weil sie nicht wie üblich im Gespräch mit ihrem Telefon auf und ab laufen konnte. Wie geht es Ihnen, erkundigte sie sich. Ich antwortete, dass es mir gut gehen würde, eine leichte Erkältung vielleicht, nichts Ernstes. Es soll kalt werden in den kommenden Tagen, sagte Josephine. Sie sprach langsam, überlegt, wie immer, wenn sie in deutscher Sprache formulierte, und sie lachte und stand kurz darauf vor dem Computer auf, sodass sie für mich unsichtbar wurde. Sie fragte, ob ich sie noch hören könne, das Bild, das ich auf dem Schirm meines Computers sehen konnte, wackelte jetzt, weil sich der Computer der alten Dame selbst zu bewegen schien. Tatsächlich hatte sie ihr Netbook vom Tisch gehoben und war mit ihm zum Fenster gelaufen, hatte die kleine Maschine auf das Fenstersims gestellt, sodass ich einen Ausblick hatte auf die Brooklyn Heights Promenade, auf das dunstige Meer, es war ein wunderbarer Moment gewesen. Ich konnte Menschen erkennen, die unter Regenschirmen spazierten, es schien windig zu sein, Kinder spielten im Garten des Hauses, unter dessen Dach Josephine seit Jahrzehnten lebt, Laub wirbelte herum, ein paar Läufer kreuzten durch das Bild, am Pier 5 ankerten zwei Schlepper. Es war ein beinahe vertrauter Ausblick gewesen. Und wieder wackelte das Bild und das Meer verschwand und Josephine wurde erneut sichtbar. Können Sie mich sehen, wollte sie wissen, können Sie mich wirklich sehen? — stop



