tango : 6.45 — Nehmen wir einmal an, irgendwo auf dieser Welt würde eine Wiese existieren, die nicht eine wirkliche Wiese ist, sondern eine Wiese künstlicher Gräser, künstlicher Blumen, künstlicher Tiere, eine Hightechwiese, in welcher nicht ein einziges Gramm organischen Materials aufzuspüren wäre. Diese Wiese verhielte sich natürlichen Wiesen gleich, sie würde wachsen und summen und knistern unter der Bewegung künstlicher Winde. Alles ist täuschend ähnlich dargestellt, die Grashüpfer der Wiese, reinste feinmechanische Wunderwerke, wie auch ihre Regenwürmer, Ameisen, Bienen, Farne, Moose, Blütenkelche, die sich öffnen, wenn der Morgen graut, die sich schließen, wenn es Nacht werden soll. Ja, die Nacht über einer Wiese, wie ich sie gerade erfinde, die Tiere der Dunkelheit, die sich in ihren Geräuschen bemerkbar machen, das Zirpen der Grillen, das sonore Brummen der Nachtschmetterlinge. Gerade eben stelle ich mir die Existenz eines Herrn vor, der zu dieser Wiese gehören wird. Tief sitzt er stundenlang über einen Tisch gebeugt, ein Feinmechaniker, der für Reparaturarbeiten an der Wiese in jeder Hinsicht verantwortlich zeichnet. Wie er sich mit Werkzeugen der Uhrmacher vorarbeitet. Seine besondere Brille, die auch kleinste Gegenstände sichtbar werden lässt. Gerade eben öffnet er vorsichtig ein Glühwürmchen, weil es nur noch fliegen, aber nicht mehr leuchten will. All diese kleinen Schrauben, Gewinde, Scharniere. — stop

Aus der Wörtersammlung: morgen
kamele
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alpha : 8.02 — Wartete in der Metrostation Charles Michels auf einer hölzernen Bank, hatte meine Füße in warmen Sand gesteckt. Dünen, kniehoch, eilten von Süden nach Norden durch die Untergrundstation, ohne dass eine Windbewegung zu spüren gewesen wäre. Da waren Kamele in der Größe menschlicher Hände. Sie bewegten sich mit den Dünen und sie waren blau, von einem vornehmen Blau, ultramarin oder etwas dunkler. Bald ließen sie sich vor mir nieder und ruhten, wie Kamele ruhen, den Kopf hocherhoben, kauend, mal das eine Auge geschlossen, dann das andere. Wie ich sie so träumend betrachtete, erinnerte ich mich, dass ich diesen Traum schon einmal träumte. Ich ahnte, dass bald ein Zug aus dem Tunnel kommen würde, ein Zug gefüllt mit Sand, und dass ich mich erheben und in den Zug steigen und erwachen würde. Genau so ist es gekommen. Und jetzt sitze ich hier am Schreibtisch und notiere diesen Traum, obwohl ich doch von der Entdeckung der Eisbücher berichten wollte. – Guten Morgen!

luftgespräch
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tango : 15.01 — Eine Notiz wiedergefunden, die Mr. Salter vor einigen Jahren unter dem Titel Elephantisland notierte. Er schrieb Folgendes: Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stürmischer See Elephantisland erreicht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenommen. Südwestliche Bewegung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeelefantengruppen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mittags dann auf menschliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Untergrund, hüfthoher Steinwall nordwärts. Im Windschatten: drei gebleichte Walknochen, ein halbes Dutzend fingerdicker Hautstücke, ein Kamm, zwei rostige Kugelschreiber, eine Blechtasse, zwölf Pinguinschnäbel, fünf Batterien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruchstücke eines Sonneneillektors und einer Schreibmaschine. Das Werkzeug war in einer Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und richtete ein Messer gegen einen Seeelefanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armeslängen entfernt und scheuerte mit dem Rücken über den Felsen. Eigenartige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine verbeulte Trompete verschluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreischende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeitpunkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wandernde Spuren von Dehydration. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg angetreten, indessen, bei genauerer Betrachtung unserer Umgebung, auf Felsformationen entlang der Küste Fragmente von Zeichenketten entdeckt. Eindeutig Millers Handschrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause. — Mittwoch: Ein wispernder, knatternder, singender, knirschender, lirrpender, pfeifender, sirrender Bauch. Tiere von Luft sind zu Besuch gekommen, hüpfen, springen, seilen unter dem Zwergfelldach. Gespräche tatsächlich, die ich hören kann. — stop

koralle
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himalaya : 6.45 — In den vergangenen Stunden über Gestalt und Leben der Wasserengel nachgedacht. Wenn ich mich mit einer Erfindung beschäftige, die von einem frisch entdeckten Wort ausgegangen ist, öffnen sich Räume von enormer, von unbekannter Weite. Mit jedem Satz, den ich daraufhin notiere, werden diese Räume sichtbar und seltsamerweise enger, als ob jeder Wasserengel im Moment seiner Erfindung bereits über einen persönlichen Raum verfügte, der von den Gesetzen der Logik beschränkt wird oder von meiner Begabung. – Früher Morgen. Gewitterhimmel. Wolken spazieren über die Straße. — stop

notvögel
~ : malcolm
to : louis
subject : NOTVÖGEL
date : june 16 12 0.12 a.m.
Guten Morgen, Louis! Wie geht es Ihnen? Alles in Ordnung? Eine Woche ist vergangen, seit wir Frankie, das Eichhörnchen, operierten. Er scheint bei bester Gesundheit. Wir haben die Krallen seiner Pfoten gestutzt, damit er sich die Narbe auf seinem Bauch nicht bald öffnen wird. Wir beobachteten, dass sie ihn reizt, nicht so sehr das USB – Gerät, dessen Kontur sich unter der rosafarbenen Haut deutlich abzeichnet, vielmehr ist es die rasierte Stelle insgesamt, die Frankie immer wieder betrachtet. Wir haben den Eindruck, er wundert sich in höchsten Maße. Indessen scheinen ihn jene kreisförmigen Solarzellen, die wir auf seiner Stirn links und rechts montierten, nicht weiter zu interessieren, auch das GPS-Funkgerät, das wir hinter seinem linken Ohr im Leib versenkten, blieb bislang unbemerkt. Es ist nicht viel größer als 1 Centmünze. Heute ist also Frankie’s erster Tag in relativer Freiheit. Wir haben den kleinen Mann von seinen Käfigfesseln befreit, weswegen er seit Stunden aufgeregt in der Wohnung tollt. In zwei oder drei Tagen, wenn alles gut gehen wird, planen wir Frankie in der Dämmerung eines Abends im Central Park, Höhe 87. Straße West, in die Wildnis zu entlassen. Hinsichtlich der Entwicklung essbarer Notvögel ist Folgendes zu sagen. Zeisige, Finken, Amseln, Stare erscheinen uns nicht geeignet. Lerchen indessen sind insofern bereits gelungen, als sie ihrem Zuchtbehälter vollständig federlos entkommen. Wir haben ihr Wachstum beschleunigt, sie werden nach Bestellung binnen dreier Tage fertig und im Geschmack Süßmandeln ähnlicher geworden sein. Leider sind sie noch blind, taub und stumm. Natürlich sind wir weiterhin in jeder Hinsicht um Fortentwicklung bemüht. In diesem Sinne, äußerst zuversichtlich, grüßen wir Sie herzlich. – Ihr Malcolm / codewort : lilliput
empfangen am
16.06.2012
1861 zeichen

kamele
echo : 0.02 — Im Traum konnte ich mein eigenes Herz sehen. Ich war durchsichtig geworden, Haut, Fleisch, Knochen. Saß an einem Tisch. Warum auf dem Tisch eine kleine Eisenbahn im Kreis fuhr, kann ich nicht sagen. Die Lokomotive dampfte. Eine Karawane durchsichtiger Kamele wanderte kreuz und quer. Alles das Kleine war von der Farbe des Schnees. Ich erwachte. Dunkle, zornige Gewitterwolken zogen unter glücklichen, weißen Cumuluswolken über der Stadt. — Man sieht es den Bäumen am Morgen nicht an, aber sie schlafen. — stop

leuchtfeuer
echo : 8.01 — Die Wiederholung einer Nachtzeit vor wenigen Stunden noch. Regen. Das Geräusch des Wassers, ein Geräusch des Bodens, der Stämme, der Dächer, der Regenrinnen. Vielleicht, weil in ihm Zeit enthalten ist, Tropfen für Tropfen zu einer regelmäßigen Bewegung, höre ich dieses Geräusch als ein beruhigendes Geräusch. Oder auch deshalb, weil ich das Wesen der Kiemenmenschen in mir trage, weil ich von Menschenwohnungen erzähle, die unter Wasser stehen. An diesem kühlen Morgen ist etwas Wesentliches festzuhalten, ein angenehmes Wort, das Wort Leuchtfeuer. Und dass ich von Kranichen träumte, ja träumte, selbst ein Kranich unter Kranichen zu sein. Wir flogen eine Küste entlang. Ich erinnere mich, dass ich durstig gewesen war, weil viel Sonne vom Himmel brannte. Die Kraniche bemerkten bald, dass mich die Hitze quälte. Sie suchten nach meinem Schnabel, um mich mit Wasser zu füttern. Aber ich hatte keinen Schnabel, sondern einen menschlichen Mund, weshalb sie bald aufgaben, mich füttern zu wollen. Stattdessen näherte sich einer nach dem anderen, um nachzusehen, welch seltsamer Vogel mit ihnen nach Norden flog. — stop

ein inspektor der stille
sierra : 16.05 — Seit einigen Tagen spaziert ein drahtiger Herr von kleiner Gestalt in meinem Kopf herum. Er ist so deutlich zu sehen, dass ich meinen könnte, ich würde ihn einmal persönlich gesehen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärmquellen, die so beschaffen sind, dass man ihnen mit professionellen Mitteln zu Leibe rücken könnte, Hupen, zum Beispiel, oder Pfeifgeräusche jeder Art, Klappern, Kreischen, verzerrte Radiostimmen, Sirenen, alle diese verrückten Töne, die nicht eigentlich begründet sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Notwendigkeit vielleicht längst verloren haben im Laufe der Zeit, der Jahre, der Jahrzehnte. Ich erinnere mich in diesem Moment, da ich von meiner Vorstellung erzähle, an einen schrillen Ton in der Subway Station Lexington Avenue / 63. Straße nahe der Zugangsschleusen. Dieser Ton war ein irritierendes Ereignis der Luft. Ich hatte bald herausgefunden, woher das Geräusch genau kam, nämlich von einer Klingel mechanischer Art, die über dem Häuschen der Stationsvorsteherin befestigt war. Diese Klingel schien dort schon lange Zeit installiert zu sein, Kabel, von grünem Stoff ummantelt, die zu ihr führten, waren von einer Schicht öligen Staubes bedeckt. Äußerst seltsam an jenem Morgen war gewesen, dass ich der einzige Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch interessierte, weder die Zugreisenden, noch die Tauben, die auf dem Bahnsteig lungerten, wurden von dem Geräusch der Klingel berührt. Auch die Stationsvorsteherin war nicht im mindesten an dem schrillenden Geräusch interessiert, das in unregelmäßigen Abständen ertönte. Ich konnte keinen Grund, auch keinen Code in ihm erkennen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebewesen, dessen Existenz nicht angetastet werden sollte. Wenn da nun nicht jener Herr gewesen wäre, der sich der Klingel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notizheft, telefonierte, dann wartete er. Kaum eine Viertelstunde verging, als einem U‑Bahnwaggon der Linie 5 zwei junge Männer entstiegen. Sie waren in Overalls von gelber Farbe gehüllt. Unverzüglich näherten sie sich der Klingel. Der eine Mann faltete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klingel und durchtrennte mit einem mutigen Schnitt die Leitung, etwas Ölstaub rieselte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. — stop

von den glücksgeräuschen der froschvögel
ulysses : 4.18 — Früher Morgen. Windstille. Licht noch schwach. Die Luft ist kühl geworden über die Nacht. Vor dem Teich im Garten die Spuren meiner Füße im Gras. Am Ufer des kleinen Sees ruht ein Molch, äußerst langsam geht sein Herzschlag, da muss doch ein Geräusch zu hören sein. Ich erinnere mich, gestern wurde die Entdeckung eines neuen Teilchens im Atom bekannt gegeben. Das Teilchen trägt den Namen: Xi_b^0. Hätte ich von seiner Entdeckung nicht gelesen, wäre ich in der Beobachtung meiner Hand, die auf meinem Knie ruht, nicht so aufmerksam wie an diesem frühen Morgen. Ich frage mich, wie viele Teilchen der Bezeichnung Xi_b^0 sich in meiner halbschlafenden Hand wohl befinden mögen, wie alt sie sind und woher sie vielleicht gekommen waren. Es ist still am Morgen heute. Die Amseln schlafen noch. Ein Wasserläufer überquert den Teich. In diesem Moment bemerke ich ein ballonartiges Wesen, das hoch über mir am Himmel schwebt. Es nähert sich langsam, in dem es tiefer kommt. Das Wesen ist hell, es ist weiß, es verfügt über Flügel, die sich sehr schnell bewegen, Fühleraugen, wie die Augen der Lungenschnecken, es ist ein Vogel. Der Vogel scheint den See unter ihm aufmerksam zu betrachten. Jetzt öffnet sich sein Bauch an erdnaher Stelle, ein Mund spitzt seine fahlrosa Lippen, Beutel fallen heraus aus diesem Mund, sie schlagen hohe Wellen im Teich. Der Molch verschwindet im Gras, Wasserläufer, die bewegungslos an Seerosenblattspitzen dämmerten, flitzen auf und davon. Jene Beutelchen, das kann ich von meiner Position aus gut erkennen, die aus dem Vogel herausgefallen sind, haben sich geöffnet, Kaulquappen, tausende, schwärmen nach allen Richtungen aus. Noch immer schwebt der Vogel über mir über dem See über der Wiese. Ein faszinierendes Geräusch ist von seinem Körper her zu vernehmen, ein Hupen, das Trompetengeräusch eines Zwergelefanten. Es ist nun denkbar, dass ich als erster Mensch die Glücksgeräusche der Froschvögel wahrgenommen habe. — stop
für meine Mutter,
für meinen Vater

fliegende brillen
alpha : 17.03 – Heute Morgen, war noch dunkel im Haus, hörte ich ein sirrendes Geräusch. Das Geräusch näherte sich über die Treppe abwärts. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine der Brillen meiner Mutter, die seit dem Vorabend über zarte Rotoren verfügen, welche in der Lage sind, Brillenkonstruktionen bis hin zu einem Gewicht von 80 Gramm in die Luft zu heben, sie vorwärtszubewegen oder rückwärts durch Räume oder den Garten. Langsam durchquerte die Brille den Raum, kreiste einmal um meinen Kopf, und landete schließlich sanft auf dem Esstisch in der Nähe des Stuhles, auf dem meine Mutter sitzt, sobald sie ihr Frühstück zu sich nehmen möchte. Über drei Brillen verfügt meine Mutter, und jede dieser Brillen kann nun fliegen. Eine Brille wurde im Dachgeschoss stationiert, eine weitere Brille im Erdgeschoss, die dritte zu ebener Erde. Wenn nun Morgen wird, zu einer Zeit, da fast alle Menschen noch schlafen, erwachen vor den Vögeln bereits die Brillen meiner Mutter. Sie beginnen zu blinken, Dioden in gelber Farbe, Zeichen, dass sie sich mittels Funksignalen orientieren. Bald fliegen sie los, die Dachgeschossbrille ins Dachgeschoss, die Brille der ersten Etage in die erste Etage, die Brille des Erdgeschosses ins Erdgeschoss. Das Suchen hat nun ein Ende, alles wird gut! – stop



