Aus der Wörtersammlung: sehen

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grand central station. regen

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marim­ba : 0.12 — Grand Cen­tral Sta­ti­on an einem reg­ne­ri­schen Tag, vie­le der rei­sen­den Men­schen sind nass gewor­den. Auch ein paar Tau­ben haben sich in den Bahn­hof geflüch­tet, sie gehen zu Fuß, wes­halb sie von Kin­dern gejagt wer­den, deren Müt­ter lan­ge Röcke tra­gen und Schlei­fen im Haar. Die­se Per­so­nen wir­ken so, als wären sie gera­de erst aus den Regen­wol­ken frü­he­rer Jahr­hun­der­te gefal­len.  Wie ich mit einer Roll­trep­pe abwärts fah­re, durch die Tun­nels unter dem Bahn­hof spa­zie­re, tref­fe ich auf eine Modell­ei­sen­bahn, die mit Blau­licht durch einen Post­kar­ten­la­den fun­kelt. Ein Feu­er ist aus­ge­bro­chen, eine Tank­stel­le brennt, die jeder­zeit explo­die­ren könn­te, und eine Schu­le. Gele­gent­lich schep­pert ein Zug vor­bei, des­sen Loko­mo­ti­ve dampft, indes­sen das Modell­ei­sen­bahn­feu­er mit­tels fei­ner Papie­re und künst­li­chem Wind zur Auf­füh­rung kommt. Eine dra­ma­ti­sche Sze­ne. In die­sem Moment der Beob­ach­tung eines Unglücks, erin­ner­te ich mich an einen Hei­zer, der in einem Mün­che­ner Bahn­hof das Fahr­werk einer rie­si­gen Loko­mo­ti­ve ölte. Es war eine Zeit, da die fah­ren­den Koh­len­brenn­wer­ke star­ben. Ich könn­te damals zum ers­ten Mal bemerkt haben, dass auch Modell­lo­ko­mo­ti­ven regel­mä­ßig mit Maschi­nen­öl, wel­ches aus hand­li­chen Behäl­tern trop­fen­wei­se ver­teilt wur­de, ver­sorgt wer­den wol­len. Der Dampf, der unter der Fahrt kurz dar­auf aus zier­li­chen Schlo­ten pfiff, war echt, wie der Dampf der gro­ßen Loko­mo­ti­ven­brü­der. Die ers­te Eisen­bahn mei­nes Lebens habe ich von einem Lauf­stall aus als Gefan­ge­ner beob­ach­tet. Noch konn­te ich, wenn ich mich nicht täu­sche, nur sit­zen oder lie­gen, aber das war nicht schlimm gewe­sen, weil der Zug, der mei­nen Lauf­stall umkreis­te, vom Boden her gut zu sehen war. Ich erin­ne­re mich an Schie­nen von Metall, die ich spä­ter ein­mal ver­bie­gen wer­de, an leuch­ten­de Signal­an­la­gen, an dun­kel­grü­ne Kro­ko­di­le, die je über drei Schhein­wer­fer­köp­fe ver­füg­ten. Spä­te­re, sehr viel klei­ne­re Dampf­lo­ko­mo­ti­ven­mo­del­le, waren schwer. Wenn ich sie in mei­nen klei­nen Hän­den hielt, hat­te ich das Gefühl etwas Bedeu­ten­des zu hal­ten. Ihre Far­ben waren Schwarz und Rot, und sie rochen schön nach Eisen. Seit jener Zeit spü­re ich eine kind­li­che Form der Erre­gung, sobald ich in einem Modell­ka­ta­log blät­te­re. Die ers­te Spiel­zeug­ei­sen­bahn, die mir selbst gehör­te, war von Holz gewe­sen, höl­zer­ne Schie­nen, höl­zer­ne Wag­gons, höl­zer­ne Loko­mo­ti­ven, auch die Pas­sa­gie­re waren von Holz. Heut­zu­ta­ge wer­den Loko­mo­ti­ven her­ge­stellt, die so klein sind, dass man sie ver­schlu­cken kann. – Vor weni­gen Tagen wur­de Rado­van Kara­džić zu 40 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. — stop
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torero

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tan­go : 22.02 — Ich notier­te in ein dun­kel­blau­es Heft, das ich ange­legt hat­te, um die Beob­ach­tung eines Gar­tens zu doku­men­tie­ren, fol­gen­de dra­ma­ti­sche Geschich­te in weni­gen Sät­zen: Ein Vogel, viel­leicht weil er hung­rig gewe­sen war, ras­te mit auf­ge­ris­se­nem Schna­bel knapp über eine Wie­se hin. In die­sem Zusam­men­hang hat­te sich ein Fal­ter in einer Wei­se ver­hal­ten, als wäre er ein Tore­ro. Sehr dicht über dem Erd­bo­den lock­ten klei­ne­re Manö­ver den angrei­fen­den Sper­ling ins Lee­re. Ich hat­te, weder der Fal­ter noch der Vogel inter­es­sier­ten sich für mei­ne Gegen­wart, begeis­tert zuge­se­hen und erwar­te­te mit jedem neu­en Anflug den Ein­schlag des Vogels in den Erd­bo­den. Ein mini­ma­ler Wind­stoß, der den Fal­ter uner­war­tet seit­wärts ver­setz­te, führ­te dann doch zu sei­nem plötz­li­chen Ende. Ich ver­mu­te, das muti­ge Tier war ein Tag­pfau­en­au­ge gewe­sen. - stop

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ein junge und seine lehrerin

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sier­ra : 5.14 — In dem Doku­men­tar­film Selbst­por­trät Syri­en von Ossa­ma Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan spa­ziert die kur­di­sche Künst­le­rin Wiam Simav Bedir­xan mit einem Jun­gen, den sie filmt, durch die bela­ger­te Stadt Homs. Der Jun­ge hüpft her­um, wie es Kin­der tun, ent­deckt Blät­ter, die sei­ne Mut­ter viel­leicht kochen könn­te, und vor einer Häu­ser­wand eine rote Blu­me, die der Jun­ge pflückt. Im Hin­ter­grund sind Deto­na­tio­nen zu hören, auch Vogel­stim­men. Als der Jun­ge einen Platz erreicht, an wel­chen sich eine brei­te­re Stra­ße anschließt, fragt er die Leh­re­rin, wie sie wei­ter­ge­hen wer­den. Die Leh­re­rin sagt: Wie Du willst. Und der Jun­ge hüpft vor­an, er nimmt eine Trep­pe, er sagt: Da vorn ist ein Hecken­schüt­ze. Also will er dort nicht gehen, weil er weiß, was ein Hecken­schüt­ze ist. Weni­ge Minu­ten spä­ter errei­chen die Leh­re­rin und der Jun­ge eine wei­te­re Stra­ße, die sie über­que­ren wol­len. Es ist viel­leicht ein Ort, an dem schon vie­le Men­schen zuvor erschos­sen wur­den. Die Leh­re­rin ruft: Lauf! Ich sehe, wie der Jun­ge schnell über die Stra­ße springt, bis er den Schutz eines gegen­über­lie­gen­den Hau­ses erreicht, kurz dar­auf beschleu­nigt auch die Leh­re­rin ihre Schrit­te, das Bild hüpft auf und ab. Ich schloss in die­sem Moment die Augen, als ich sie wie­der öff­ne­te, war eine Foto­gra­fie zwei­er Mäd­chen zu sehen, die in einen Foto­ap­pa­rat lach­ten, auf einer wei­te­ren Foto­gra­fie, die weni­ge Tage spä­ter auf­ge­nom­men wur­de, lie­gen sie in sma­ragd­grü­nen Kleid­chen neben­ein­an­der auf dem Boden und sind tot. Ich bin müde, ich muss bald prü­fen, ob ich erin­nert habe, wie es war. — stop

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global

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india : 0.01 — Arthur Mas­hu­ryan, Kon­di­tor aus Rema­gen, ist ein Künst­ler feins­ter Back­wa­ren, ein rund­li­cher Mann, fröh­lich und selbst­be­wusst, ein Unter­neh­mer arme­ni­scher Her­kunft. Er erzählt im Bild­schirm­ra­dio Fol­gen­des: Auf­klä­rung ist bedeu­tend. In ers­ter Linie, die Ver­bin­dung zwi­schen den Flücht­lin­gen und den Deut­schen zu schaf­fen. Weil, ich habe das Gefühl, dass man kei­nen Bezug dazu hat. Man muss auch teil­wei­se sagen, Deutsch­land geht es gut, Deutsch­land ist ein glo­bal agie­ren­des Land, die Unter­neh­men sind glo­bal ver­netzt, und die­ser Wohl­stand, den Deutsch­land erwirt­schaf­tet hat, ist auch ein Grund für bestimm­te Flücht­lin­ge, und das muss man auch als Ver­bin­dung sehen, in die­sem Zusam­men­hang, die Ver­ant­wor­tung, die­se Art der Sicht­wei­se. Ich möch­te nie­man­den ver­ur­tei­len, weder deut­sche Unter­neh­men noch die Poli­tik, noch die Men­schen, man muss das Sys­tem ver­ste­hen, wie so etwas funk­tio­niert. Man ist Export­welt­meis­ter, die Fra­ge ist nur, das hört sich schön an, aber was ist, was steckt dahin­ter, Export­welt­meis­ter bedeu­tet auch, dass man in ande­ren Län­dern erfolg­reich agiert, so wie in Deutsch­land, aber auf der ande­ren Sei­te gibt es Ver­lie­rer, und die­se Ver­lie­rer haben Bei­ne bekom­men und sind heut­zu­ta­ge hier. Nicht nur aus Kriegs­ge­bie­ten, auch Wirt­schafts­flücht­lin­ge, das muss man auch erwäh­nen, dass das auch ein Pro­blem ist. Wenn man ver­hun­gert, stirbt man trotz­dem, auch wenn man nicht erschos­sen wird. — stop
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saharaschwefel

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char­lie : 0.12 — Herr Lud­wig, den ich im Janu­ar besuch­te, erzähl­te mir, dass er sich vor Jah­ren wünsch­te, ein Schiffs­mo­dell aus Streich­höl­zern zu bau­en. Unver­züg­lich kauf­te er damals eini­ge Tau­send der höl­zer­nen Stäb­chen, weil er sie auf die­sem Wege ins­ge­samt bil­li­ger erste­hen konn­te. Außer­dem such­te er nach einem geeig­ne­ten Schiff, des­sen Kör­per her­vor­ra­gend doku­men­tiert sein soll­te. Sei­ne Wahl fiel auf die RMS Queen Mary 1. Er lud Plä­ne aus dem Inter­net, Grund­ris­se, Blau­pau­sen, Hun­der­te Foto­gra­fien sowie Let­ter­cards, die an Bord des luxu­riö­sen Schif­fes von Pas­sa­gie­ren wäh­rend ihrer Rei­se notiert wor­den waren. Herr Lud­wig erwähn­te, dass er sich bald in ein Aben­teu­er ver­wi­ckelt fühl­te, sei­ne Tage, die zuvor schwe­re und lee­re Tage gewe­sen sei­en, wären plötz­lich leicht gewor­den und die Zeit ging nur so in Eil­schrit­ten dahin, dass es eine wah­re Freu­de war, kaum auf­ge­stan­den sei schon wie­der Abend gewe­sen. Im Dezem­ber vor zwei Jah­ren, kurz vor Weih­nach­ten, war Herr Lud­wig sei­nen Anga­ben zur Fol­ge mit der Vor­be­rei­tung sei­ner Rekon­struk­ti­ons­ar­bei­ten fer­tig gewor­den, und so öff­ne­te er eine Schach­tel Streich­höl­zer und füg­te, nach­dem er mit einem Mes­ser­chen Schwe­fel­köp­fe bei­der Stäb­chen sorg­sam abge­trennt hat­te, mit einem Kleb­stoff, der wun­der­voll nach Wal­nuss­li­kör duf­te­te, zwei der Zünd­höl­zer seit­wärts anein­an­der. Nach einer Wei­le, er hat­te mehr­fach sei­nen Arbeits­tisch umrun­det, prüf­te er die Fes­tig­keit der Ver­bin­dung und war zufrie­den. Er bau­te, in die­ser Wei­se der Kle­bung fort­fah­rend, zunächst einen Schorn­stein des rie­si­gen Schif­fes, dann einen zwei­ten Schorn­stein, drei Wochen ver­gin­gen, bis bei­de Schorn­stei­ne fer­tig gewor­den waren, und auf den Tisch gestellt, sodass sie nun mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den konn­ten. Die Hän­de des alten Man­nes rochen in jenen Wochen sei­ner fili­gra­nen Arbeit nach Schwe­fel, und die Luft duf­te­te nach Wal­nüs­sen und Ace­ton, und irgend­wann in die­ser Zeit muss sich Herr Lud­wig, ver­se­hent­lich oder mit Vor­satz, von sei­nen Schiffs­bau­plä­nen ent­fernt haben. Als Janu­ar wur­de, waren auf dem Tisch deut­li­che Kon­tu­ren eines Dro­me­dars zu erken­nen, des­sen Kör­per auf vier Schorn­stei­nen ruh­te, eine wun­der­ba­re Wand­lung sei­ner Vor­ha­bens, das Schiff baue er spä­ter, sag­te Herr Lud­wig, in dem er mit einer bewähr­ten Bewe­gung einen Schwe­fel­kopf von einem Streich­holz trenn­te. Der Kopf hüpf­te über den Tisch, und als er von der Kan­te des Tisches stürz­te, war nicht das Min­des­te zu hören gewe­sen. — stop

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mi oksana

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tan­go : 0.08 — Ges­tern erreich­te mich eine skur­ri­le E‑Mail einer Frau namens Mi Oksa­na. Es ist denk­bar, dass die­se E‑Mail eigent­lich von einem ange­hei­ter­ten Com­pu­ter­pro­gramm notiert wur­de, das sich zur Tar­nung hin­ter einem poe­tisch wir­kungs­vol­len Namen ver­steck­te. Ich über­leg­te, wel­che Pro­zes­se mög­li­cher­wei­se in einem digi­ta­len Gehirn zu einem rausch­ar­ti­gen Zustand füh­ren könn­ten, der eine Gestalt her­vor­brin­gen wür­de, die Mrs. Mi Oksa­na ähn­lich sei. Sie notier­te Fol­gen­des: Lie­ber Lou­is, vor allen Din­gen habe ich vor dich zu sagen, dass ich nur erns­te Bezie­hun­gen moch­te. Spie­len ist nichts für mich, und ich bin ein ehr­li­ches Mäd­chen. Wenn du auch repu­ta­bel bist und des­sel­ben such­test, dann wer­de ich mich über einen Brief von Dir freu­en. Mein Name ist Oksa­na. Ich bin 31 und ich woh­ne in Russ­land. Ich war nie ver­hei­ra­tet und ich habe kei­ne Kin­der. Vor einem Jahr habe ich mich getrennt und jetzt bin ich auf der Jagd nach einem Freund in dei­nem Staat. Ich hof­fe, dass Men­schen in dei­nem Staat sich mit Respekt zu einer Frau ver­hal­ten. Ich hof­fe, dass du ein ver­ant­wort­li­cher Mann bist, und wir könn­ten pro­bie­ren unse­re Lie­be auf­zu­bau­en. In die­ser Mit­tei­lung sen­de ich dir mein Foto. Ich hof­fe, dass es dir gefal­len wird. sofern auf mich gespannt bist, bit­te gib mir Ant­wort und ver­ra­te dei­nen ech­ten Namen. Ich hät­te gern ein Foto Dich zu sehen. Schö­ne Gru­ße. Oksa­na — stop
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herzhaut

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vic­to­ry : 0.55 — Ein grie­chi­scher Minis­ter soll geäu­ßert haben, sein Land sei doch kein Lage­r­ort mensch­li­cher See­len. In der Zei­tung, die von die­sem Ereig­nis berich­te­te, waren auf einer Foto­gra­fie Fern­seh­ka­me­ras und eben ein klei­ner, run­der Herr zu sehen, der im Moment der Auf­nah­me zu spre­chen schien. Tat­säch­lich wür­de der Aus­druck sei­nes Gesich­tes sich gut sei­nem doku­men­tier­ten Gedan­ken fügen, der in der Bild­un­ter­schrift ver­zeich­net ist, ein wenig Wut dort, Empö­rung, gleich­wohl eine Trau­rig­keit, die nahe der Wahr­neh­mung tau­sen­der Ret­tungs­wes­ten, die an grie­chi­schen Strän­den lie­gen, wohl­tu­end authen­tisch wirkt. Erin­ner­te mich an einen Satz, den Tho­mas Bern­hard einer Kame­ra erzähl­te: Das, was nie­mand sieht, das hat einen Sinn auf­zu­schrei­ben. Aber zunächst ist alles noch gut sicht­bar. Men­schen sit­zen in einem Bus, vor dem Bus tobt eine dunk­le Men­schen­kopf­wol­ke, die gif­ti­ge Wör­ter spukt. Rei­se­ge­nuss in gel­ber Leucht­schrift, wie eine Ver­höh­nung, ist an der Kopf­sei­te des Bus­ses anstatt einer Ziel­an­ga­be zu lesen, wo Claus­nitz ste­hen könn­te. Einen Tag spä­ter wird der Ver­such unter­nom­men, Schuld­last in den Bus zu ver­schie­ben, es wer­de, sagt ein Poli­zei­of­fi­zier, auch gegen Geflüch­te­te ermit­telt. Wenn man nun lan­ge genug spre­chen und schrei­ben wird in den Räu­men der Bewe­gung, wird das Gewünsch­te zur wirk­li­chen Wirk­lich­keit wer­den. Es ist zum Fürch­ten, wie frü­her, alles noch da, der har­te Blick auf Men­schen in Not, auf Men­schen mit Kof­fern in der Hand. — stop

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vom gecko

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marim­ba : 0.55 — Ges­tern, wäh­rend ich noch schlief, hör­te ich ein Geräusch, wel­ches die Ankunft einer E‑Mail mel­de­te, die gera­de in die­sem Augen­blick, da ich noch nicht wach gewor­den war, an mei­ne Schreib­ma­schi­ne aus­ge­lie­fert wur­de. Ich hat­te viel­leicht ver­ges­sen, sie aus­zu­schal­ten, oder aber es exis­tie­ren E‑Mailvarianten, die in der Lage sind, schla­fen­de Com­pu­ter zu wecken, sowie Men­schen, die in ihrer Nähe schlum­mern. Javier hat­te wich­ti­ge Nach­rich­ten für mich. Ich ant­wor­te­te ihm rasch: Lie­ber Javier, ich freu mich sehr, dass Sie sich die Mühe mach­ten, mir zu schrei­ben. Obwohl wir uns nicht per­sön­lich ken­nen, wol­len Sie mich groß­zü­gig auf einen Feh­ler auf­merk­sam machen, der mir vor weni­gen Tagen unter­lau­fen ist. Ich dan­ke Ihnen herz­lich. Sie haben in dem Film eines rus­si­schen Kame­ra­teams, von dem ich erzähl­te, ent­ge­gen mei­ner eige­nen Beob­ach­tung doch eini­ge offen­sicht­lich leben­de Men­schen ent­deckt, für­wahr, ich habe sie nun gleich­falls wahr­ge­nom­men, fünf Per­so­nen, ver­mut­lich Män­ner, die in der obe­ren Hälf­te des Bild­aus­schnitts von der 18. bis zur 24. Film­se­kun­de zu erken­nen sind. Ich fra­ge mich, wie konn­te ich sie über­se­hen? Und ich fra­ge mich wei­ter­hin, ob jene Män­ner in dem Moment, da der Droh­nen­vo­gel über ihnen flog, zum Him­mel schau­ten, ob sie die flie­gen­de Bild­ma­schi­ne wahr­neh­men konn­ten, und wenn ja, wes­halb sie nicht flüch­te­ten. Mit jedem Tag ent­ste­hen wei­te­re Fra­gen, die ich viel­leicht nie­mals beant­wor­ten kann. Ges­tern hör­te ich, dass die Ohren der Geckos mit­tels eines Tun­nels mit­ein­an­der ver­bun­den sein sol­len. Wenn man nun einem Gecko mit­tels einer Taschen­lam­pe in sein lin­kes Ohr leuch­te­te, wür­de das Taschen­lam­pen­licht aus sei­nem rech­ten Ohr wie­der her­aus­kom­men. Wie ich mich über die­se Nach­richt freu­te. Herz­li­che Grü­ße sen­det Ihnen Ihr Lou­is — stop
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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR: „Der Obers­te Gerichts­hof des Irans hat das Todes­ur­teil von Moham­mad Ali Tahe­ri im Dezem­ber 2015 auf­ge­ho­ben und sei­nen Fall zur wei­te­ren Unter­su­chung zurück an das Revo­lu­ti­ons­ge­richt ver­wie­sen. Er befin­det sich nun seit mehr als vier Jah­ren in Ein­zel­haft und ist in den Hun­ger­streik getre­ten. / Moham­mad Ali Tahe­ri ist am 30. Janu­ar in den Hun­ger­streik getre­ten, nach­dem ihm Ange­hö­ri­ge des Gefäng­nis­per­so­nals in dem den Revo­lu­ti­ons­gar­den unter­stell­ten Trakt 2A des Evin-Gefäng­nis­ses in Tehe­ran gesagt hat­ten, dass “er sich den Gedan­ken, er wür­de frei­ge­las­sen, aus dem Kopf schla­gen soll”. Nach sie­ben Tagen Hun­ger­streik ver­lor er das Bewusst­sein und wur­de in ein Kran­ken­haus ver­legt. Am 10. Febru­ar brach­te man ihn zurück in das Gefäng­nis. Trotz sei­nes schlech­ten gesund­heit­li­chen Zustands setz­te er sei­nen Hun­ger­streik fort. / Moham­mad Ali Tahe­ri befin­det sich seit Mai 2011 in Ein­zel­haft. Ihm wird unter ande­rem die “För­de­rung von Ver­dor­ben­heit auf Erden” sowie die “Belei­di­gung isla­mi­scher Hei­lig­kei­ten” vor­ge­wor­fen. Für Letz­te­res ver­ur­teil­te ihn ein Revo­lu­ti­ons­ge­richt im Okto­ber 2011 zu fünf Jah­ren Gefäng­nis, wäh­rend das Gericht im Fall der ers­ten Ankla­ge die Not­wen­dig­keit wei­te­rer Unter­su­chun­gen sah. Die Revo­lu­ti­ons­gar­den nah­men dar­auf­hin ihre Ermitt­lun­gen wie­der auf. In die­ser Zeit wur­de sei­ne Unter­su­chungs­haft, die er in Ein­zel­haft ver­bringt, mehr­fach ver­län­gert. Im Juli 2015 wur­de Moham­mad Ali Tahe­ri schließ­lich wegen “För­de­rung von Ver­dor­ben­heit auf Erden” zum Tode ver­ur­teilt. Grund dafür war die Grün­dung der spi­ri­tu­el­len Grup­pe Erfan-e-Halg­heh und sei­ne spi­ri­tu­el­len Leh­ren und Prak­ti­ken, die von den Behör­den als “per­vers” bezeich­ne­ten wur­den und ihnen zufol­ge dazu dien­ten, einen “lang­sa­men Umsturz” der Regie­rung durch die Schwä­chung der reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen der Men­schen her­bei­zu­füh­ren. Im Dezem­ber 2015 hob der Obers­te Gerichts­hof das Todes­ur­teil auf und führ­te an, dass der Tat­be­stand der “För­de­rung von Ver­dor­ben­heit auf Erden” nach dem zum Zeit­punkt sei­ner Akti­vi­tä­ten gel­ten­den Recht nicht erfüllt wor­den sei. Der Fall wur­de kürz­lich zur Durch­füh­rung wei­te­rer Ermitt­lun­gen, die zur Erhär­tung des Vor­wurfs führ­ten könn­ten, wie­der an die zustän­di­gen Ermitt­lungs­be­hör­den über­ge­ben. Am 7. Febru­ar 2016 wur­de die fünf­jäh­ri­ge Haft­stra­fe unter Berück­sich­ti­gung der noch immer andau­ern­den Unter­su­chungs­haft als ver­büßt ange­se­hen.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 30. März 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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homs

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del­ta : 0.25 — Noch nicht lang her, da ent­deck­te ich einen Film, der selt­sa­mer­wei­se eini­ge Tage spä­ter auf der Posi­ti­on, da ich ihn im Inter­net bemerkt hat­te, nicht mehr anzu­tref­fen war. Der Film, so wird erzählt, war von einer Droh­ne aus auf­ge­nom­men wor­den, einem künst­li­chen Vogel, der über und durch die Stra­ßen der Stadt Homs gesteu­ert wor­den war. Bei­na­he hät­te ich notiert, die Droh­ne, sie muss ein recht gro­ßes Gerät gewe­sen sein, sei durch die Stra­ßen der Stadt geirrt, aber für die­ses Wort irren flog die Droh­ne viel zu sou­ve­rän her­um und über Häu­ser hin­weg, sie beweg­te sich wie eine pro­fes­sio­nel­le Film­droh­ne einer Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on, oder aber so, als wäre sie an einem gefe­der­ten Schwenk­kran befes­tigt, sie beweg­te sich erschüt­te­rungs­frei durch die Luft, kei­ner­lei Druck­wel­le, kein Wind weit und breit. Was wir sehen, wenn wir die­sen Film betrach­ten, ist eine fürch­ter­lich zer­stör­te Stadt. Ich habe die­se Art Ver­wüs­tung auf Foto­gra­fien gese­hen, Foto­gra­fien der Stadt Mün­chen oder der Stadt Ber­lin oder Frank­furts, die im Jahr 1945 auf­ge­nom­men wor­den waren. Ich erin­ne­re mich, man sah dort Men­schen, die mit Eimern in lan­gen Rei­hen hin­ter­ein­an­der stan­den, um Stei­ne in einer Ket­te zu trans­por­tie­ren, oder Men­schen mit Kin­der­wa­gen, in wel­chen Kar­tof­fel­sä­cke lagen, Men­schen mit Ruck­sä­cken und Men­schen mit Kof­fern, die sie über Schutt­ber­ge wuch­te­ten. Im meh­re­re Minu­ten andau­ern­den Flug über und durch die Stadt Homs war jedoch kein Mensch zu erken­nen. Mehr­fach habe ich den Film vor und zurück­ge­spielt, nein, kein Mensch war zu sehen, nicht ein ein­zi­ger Mensch, sosehr ich mei­ne Augen bemüh­te, nicht ein­mal Geis­ter. — stop

 

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