Aus der Wörtersammlung: tür

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zebraaffen

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whis­key : 0.01 — Ich soll­te einen Brief schrei­ben. Der Inhalt des Brie­fes wäre bedeu­tungs­los, wes­we­gen ich auf ein Schrift­stück im Umschlag ver­zich­ten könn­te. Ich wer­de per E‑Mail Fol­gen­des notie­ren: Lie­ber L., in weni­gen Tagen, wenn alles gut gegan­gen sein wird, wirst Du einen Brief erhal­ten. Soll­te Dich der Brief tat­säch­lich errei­chen, musst Du ihn nicht öff­nen, das Kuvert ist leer. Wür­dest Du mir bit­te den Emp­fang des Brie­fes bestä­ti­gen. Ich wäre Dir dank­bar, es ist ein Ver­such. Ja, so wer­de ich notie­ren, den Brief sorg­fäl­tig adres­sie­ren, auch mein Absen­der wird nicht feh­len. Ich stel­le mir vor, einen grö­ße­ren Brief­um­schlag zu ver­wen­den, ich wer­de 1 gül­ti­ges Post­wert­zei­chen befeuch­ten und auf dem Brief befes­ti­gen. Von die­sem gül­ti­gen Post­wert­zei­chen abge­se­hen, wer­den 25 wei­te­re Post­wert­zei­chen auf dem Umschlag zu fin­den sein, sagen wir Brief­mar­ken, die Giraf­fen und Fische zei­gen, Schmet­ter­lin­ge, Zebra­af­fen, Vögel, Insek­ten. Die­se Brief­mar­ken fer­ner Län­der, die ich von wei­te­ren Brie­fen lös­te, wer­den natür­lich bereits gestem­pelt sein, man könn­te sagen, die­ser Brief wird geschrie­ben wer­den, um die Sorg­falt der Behör­den zu pro­bie­ren. — stop

george1

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schatten eines mädchens

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nord­pol : 0.58 — Ich notier­te: Viel­leicht ist das so, dass sich die See­le eines Ortes, bei­spiels­wei­se die See­le eines Fähr­schif­fes, auf Wör­ter über­trägt, wenn die­se Wör­ter an dem Ort, von dem sie erzäh­len, geschrie­ben wer­den wäh­rend einer län­ge­ren Zeit der Beob­ach­tung. Ich sehe, was ich nicht erfin­den kann. Oder ich erfin­de, was ich nur hier erfin­den kann. Ja, so könn­te das sein. South Fer­ry. Hur­ri­ca­ne Deck. Zit­tern­des, schep­pern­des Brum­men. Obwohl Mai, bläst eis­kal­ter Wind durch eine halb­ge­öff­ne­te Tür ins Inne­re des Schif­fes. Ein Mäd­chen, das unent­wegt lei­se spricht, hüpft über den höl­zer­nen Boden des Decks. May i have your atten­ti­on, plea­se. The Fer­ry is docking short­ly. Die Stim­me des Mäd­chens, die kaum hör­bar ist, aber sicht­bar, spricht die Sät­ze der Maschi­nen­stimm­loops nach. Sie lacht und eilt, ihre Mut­ter hin­ter sich her zie­hend, zum Heck des Schif­fes, wo sich in die­sem Moment das Land dem Schiff durch die Dun­kel­heit in Gestalt einer eiser­nen Brü­cke ent­ge­gen fal­tet, Trom­pe­ten­ge­räu­sche, wim­mern­des Metall, Klän­ge, die das lachen­de Mäd­chen imi­tie­rend zu über­tö­nen sucht. Ein paar Möwen, die dicht über dem Schiff krei­sen, ver­ren­ken ihre Köp­fe, als ob sie dem Mäd­chen zuhö­ren wür­den. — stop
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perugia

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MELDUNG. Selt­sa­me Din­ge gesche­hen in den spät win­ter­li­chen Gär­ten zu Peru­gia. 2657 spa­ni­sche Oster­lu­zei­fal­ter der Gat­tung zeryn­thia XZF 88C* haben sich zu Grup­pen ver­sam­melt, flie­gen in For­ma­tio­nen, bil­den Kugeln, Qua­der und wei­te­re geo­me­tri­sche Kör­per. Bei leich­tem Regen, so heu­te Mor­gen gesche­hen, stellt man exakt gezir­kel­te Tür­me in die Luft. Die Stadt wird unter Qua­ran­tä­ne gestellt. — stop

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yolande

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marim­ba : 5.06 — Schwie­rig sei, sag­te Yolan­de, dass sie eine Groß­mutter habe, die in Arme­ni­en gebo­ren wur­de, und einen Groß­va­ter, der in Usbe­ki­stan leb­te, und dass ihre Mut­ter ihre Kind­heit in der Tür­kei ver­brach­te, dass sie ihren Mann in Grie­chen­land ken­nen­lern­te, dass sie zwei Töch­ter gebar in Deutsch­land im Jahr 1995, dass die Spra­che ihrer Mut­ter nicht Deutsch gewe­sen sei, dass sie selbst zunächst aber die deut­sche Spra­che lern­te, dass sie in die­ser Spra­che träu­me, das sage man doch so, und dass sie über einen deut­schen Pass ver­fü­ge, dass sie aber zugleich die­ses dunk­le Haar tra­ge und ihre Augen von der Natur schwarz und man­del­för­mig gestal­tet wor­den sei­en, wes­we­gen sie sich stets anhö­ren müs­se, wie gut sie inte­griert sei in Deutsch­land, und wie gut sie doch die deut­sche Spra­che spre­chen wür­de, so gut, dass man fast mei­nen wür­de, dass sie eine Deut­sche sei, wo das aber doch nicht mög­lich ist, weil sie doch die­se ihre Augen tra­ge, und ihre Haut etwas dunk­ler sei auch im Win­ter, und die­ses Haar, denkt man, sag­te Yolan­de am 16. März des Jah­res 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie soeben in einem Zug Platz genom­men hat­te. — stop

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ai : TÜRKEI

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MENSCH IN GEFAHR: „Der syri­sche Flücht­ling F.M. befin­det sich seit dem 15. März 2015 unter unmensch­li­chen Bedin­gun­gen im Flug­ha­fen Istan­bul-Ata­türk will­kür­lich in Haft. Er läuft wei­ter­hin Gefahr, jeder­zeit nach Syri­en abge­scho­ben zu wer­den. / Der Syrer F.M. ist im August 2012 aus Syri­en geflo­hen, um dem Wehr­dienst zu ent­ge­hen. Er wird seit dem 15. März 2015 in einem “Raum für pro­ble­ma­ti­sche Pas­sa­gie­re” im Flug­ha­fen Istan­bul-Ata­türk fest­ge­hal­ten. Im Novem­ber 2015 war er in den Liba­non geflo­gen, wo ihm die Ein­rei­se jedoch ver­wei­gert wur­de, wor­auf­hin er in die Tür­kei zurück­reis­te. Die Inhaf­tie­rung von F.M. im Flug­ha­fen scheint will­kür­lich zu sein und jeg­li­cher recht­li­chen Grund­la­ge zu ent­beh­ren. Der Rechts­bei­stand von F.M. hat einen Antrag auf Frei­las­sung gestellt, bis zum 4. März 2016 ist jedoch noch kei­ne Ent­schei­dung getrof­fen wor­den. / In dem “Raum für pro­ble­ma­ti­sche Pas­sa­gie­re” gibt es ledig­lich künst­li­ches Licht, das 24 Stun­den am Tag ein­ge­schal­tet ist. Zudem gibt es kei­ne Bet­ten und kei­ne Pri­vat­sphä­re. Die Bedin­gun­gen ent­spre­chen einer grau­sa­men, unmensch­li­chen und ernied­ri­gen­den Behand­lung und es ver­stößt gegen die Recht­spre­chung des Lan­des und gegen das Völ­ker­recht, wenn Per­so­nen in sol­chen Ein­rich­tun­gen für einen län­ge­ren Zeit­raum — in die­sem Fall seit einem Jahr — fest­ge­hal­ten wer­den. / F.M. hat Ver­wand­te in ande­ren Län­dern, die ver­su­chen, ihn finan­zi­ell bei der Bean­tra­gung eines Visums zu unter­stüt­zen. Amnes­ty Inter­na­tio­nal vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen zufol­ge hat jedoch bis­lang kein Ver­tre­ter einer aus­län­di­schen Bot­schaft F.M. in Haft besucht, um ihn für den Antrag zu befra­gen. Es ist aller­dings unklar, ob dies dar­an liegt, dass der Kon­takt durch die tür­ki­schen Behör­den ver­wei­gert wur­de, oder ob tat­säch­lich kein Ver­such von Sei­ten der Bot­schaf­ten unter­nom­men wur­de. / F.M. ist in Gefahr, jeder­zeit nach Syri­en zurück­ge­schickt zu wer­den. Es ist bekannt, dass die tür­ki­schen Behör­den Rück­füh­run­gen von Flücht­lin­gen nach Syri­en und in den Irak durch­füh­ren, wo ihnen schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen dro­hen. Dies stellt einen Ver­stoß gegen den für die Tür­kei bin­den­den Grund­satz der Nicht­zu­rück­wei­sung (Non-Refou­le­ment) gemäß dem natio­na­len Recht und dem Völ­ker­recht dar. Es sind außer­dem Fäl­le bekannt, in denen Flücht­lin­ge von den tür­ki­schen Behör­den unter Druck gesetzt wur­den, in ihr Hei­mat­land zurück­zu­keh­ren, indem man ihnen mit einer unbe­fris­te­ten Inhaf­tie­rung gedroht hat. F.M. hat Ver­wand­ten gegen­über gesagt, dass er in Erwä­gung zieht, einer Rück­kehr nach Syri­en zuzu­stim­men. Er sag­te: “Dort ster­be ich wenigs­tens sofort und es ist vor­bei, anstatt jeden Tag, den ich hier ver­brin­ge, ein biss­chen mehr zu ster­ben.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 21. April 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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saharaschwefel

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char­lie : 0.12 — Herr Lud­wig, den ich im Janu­ar besuch­te, erzähl­te mir, dass er sich vor Jah­ren wünsch­te, ein Schiffs­mo­dell aus Streich­höl­zern zu bau­en. Unver­züg­lich kauf­te er damals eini­ge Tau­send der höl­zer­nen Stäb­chen, weil er sie auf die­sem Wege ins­ge­samt bil­li­ger erste­hen konn­te. Außer­dem such­te er nach einem geeig­ne­ten Schiff, des­sen Kör­per her­vor­ra­gend doku­men­tiert sein soll­te. Sei­ne Wahl fiel auf die RMS Queen Mary 1. Er lud Plä­ne aus dem Inter­net, Grund­ris­se, Blau­pau­sen, Hun­der­te Foto­gra­fien sowie Let­ter­cards, die an Bord des luxu­riö­sen Schif­fes von Pas­sa­gie­ren wäh­rend ihrer Rei­se notiert wor­den waren. Herr Lud­wig erwähn­te, dass er sich bald in ein Aben­teu­er ver­wi­ckelt fühl­te, sei­ne Tage, die zuvor schwe­re und lee­re Tage gewe­sen sei­en, wären plötz­lich leicht gewor­den und die Zeit ging nur so in Eil­schrit­ten dahin, dass es eine wah­re Freu­de war, kaum auf­ge­stan­den sei schon wie­der Abend gewe­sen. Im Dezem­ber vor zwei Jah­ren, kurz vor Weih­nach­ten, war Herr Lud­wig sei­nen Anga­ben zur Fol­ge mit der Vor­be­rei­tung sei­ner Rekon­struk­ti­ons­ar­bei­ten fer­tig gewor­den, und so öff­ne­te er eine Schach­tel Streich­höl­zer und füg­te, nach­dem er mit einem Mes­ser­chen Schwe­fel­köp­fe bei­der Stäb­chen sorg­sam abge­trennt hat­te, mit einem Kleb­stoff, der wun­der­voll nach Wal­nuss­li­kör duf­te­te, zwei der Zünd­höl­zer seit­wärts anein­an­der. Nach einer Wei­le, er hat­te mehr­fach sei­nen Arbeits­tisch umrun­det, prüf­te er die Fes­tig­keit der Ver­bin­dung und war zufrie­den. Er bau­te, in die­ser Wei­se der Kle­bung fort­fah­rend, zunächst einen Schorn­stein des rie­si­gen Schif­fes, dann einen zwei­ten Schorn­stein, drei Wochen ver­gin­gen, bis bei­de Schorn­stei­ne fer­tig gewor­den waren, und auf den Tisch gestellt, sodass sie nun mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den konn­ten. Die Hän­de des alten Man­nes rochen in jenen Wochen sei­ner fili­gra­nen Arbeit nach Schwe­fel, und die Luft duf­te­te nach Wal­nüs­sen und Ace­ton, und irgend­wann in die­ser Zeit muss sich Herr Lud­wig, ver­se­hent­lich oder mit Vor­satz, von sei­nen Schiffs­bau­plä­nen ent­fernt haben. Als Janu­ar wur­de, waren auf dem Tisch deut­li­che Kon­tu­ren eines Dro­me­dars zu erken­nen, des­sen Kör­per auf vier Schorn­stei­nen ruh­te, eine wun­der­ba­re Wand­lung sei­ner Vor­ha­bens, das Schiff baue er spä­ter, sag­te Herr Lud­wig, in dem er mit einer bewähr­ten Bewe­gung einen Schwe­fel­kopf von einem Streich­holz trenn­te. Der Kopf hüpf­te über den Tisch, und als er von der Kan­te des Tisches stürz­te, war nicht das Min­des­te zu hören gewe­sen. — stop

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von kreide und schnee

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nord­pol : 22.01 — Far­ben ant­ark­ti­schen Eises auf einem Gesicht, noch Krei­de­far­ben, noch Pig­men­te ohne Öle, Wan­gen, Nase, Lip­pen, Stirn, von flin­ken, träu­men­den Fin­gern im Pro­zess der Arbeit schein­bar ohne Bewusst­sein im Ver­se­hen auf die eige­ne Haut gezeich­net, Anmu­tun­gen von Blau, von Grau, von Weiß, von Schwarz. Es scheint bedeu­tend, wenn nicht unver­zicht­bar zu sein, Far­ben von Schwarz, von Umbra, Kern­schat­ten­far­ben, in die Hand zu neh­men, die Far­ben der Wüs­ten­ge­stei­ne, um das Eis der Ant­ark­tis, das Eis eines grön­län­di­schen Glet­schers vor­aus zeich­nen zu kön­nen. Ein lei­ses Gespräch, wis­pernd, in dem Sand­ge­stei­ne sich auf die Lein­wand legen, zärt­lich fau­chend, das Licht in den meer­wärts flie­ßen­den Schat­ten, in den Win­keln eines Mun­des. Wie Mel­ly Cus­aro, die an einem win­ter­li­chen Tag beschloss, den Mars zu berei­sen, fort­an das Wesen des Eises und des Schnees zu begrei­fen sucht. Wer nach Was­ser for­schen wird in der Welt­raum­fer­ne, sagt sie, muss sich von der Wüs­te und vom Schnee eine prä­zi­se Vor­stel­lung gezeich­net haben. Es schnei­te in Brook­lyn, Schnee lehn­te an Wän­den alter Häu­ser, türm­te sich auf Bal­ko­nen, rie­sel­te im zar­ten Atem eines fast wind­stil­len Tages von den Ulmen. Wer moch­te, konn­te mit Schlitt­schu­hen über die Pro­me­na­de auf den Höhen fah­ren. Wel­ches Geräusch wür­de in der Stil­le ein Kon­tra­bass von Eis erzeu­gen? — stop
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vom zeitfalten

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alpha : 0.55 — Ich erin­ner­te mich, ich weiß nicht war­um, an eine Geschich­te Julio Cortázar’s, die von einer Flie­ge erzählt, die auf dem Rücken geflo­gen sein soll, als der Autor sie ent­deck­te, Augen nach unten dem­zu­fol­ge, Bein­chen nach oben, ein für Flie­gen­tie­re nicht übli­ches Ver­hal­ten. Natür­lich muss­te die­se selt­sa­me Flie­ge unver­züg­lich näher betrach­tet wer­den. Julio Cor­tá­zar erfand des­halb ein Zim­mer, in wel­chem die Flie­ge fort­an exis­tier­te, und einen Mann, der die Flie­ge zu fan­gen such­te. Wie zu erwar­ten gewe­sen, war der Mann in sei­ner Beweg­lich­keit viel zu lang­sam, um die Flie­ge behut­sam, das heißt, ohne Beschä­di­gung, erha­schen zu kön­nen. Er bemüh­te sich red­lich, aber die Flie­ge schien jede sei­ner Bewe­gun­gen vor­her­zu­se­hen. Nach einer Wei­le mach­te sich der Mann dar­an, das Zim­mer, in dem er sich mit der Flie­ge auf­hielt, zu ver­klei­nern. Er fal­te­te Papie­re zu Schach­teln, die den Flug­raum der beson­de­ren Flie­ge nach und nach der­art begrenz­ten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewe­gen konn­te. Flie­ge und Fän­ger waren in einem licht­lo­sen Raum inner­halb eines Schach­tel­zim­mers gefan­gen, dar­an erin­ne­re ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich die­se Geschich­te bereits vor lan­ger Zeit gele­sen habe, immer wie­der von ihr erzähl­te, wes­halb sich die Geschich­te ver­än­dert, von der ursprüng­li­chen Geschich­te ent­fernt haben könn­te. Sicher ist, dass die­se Geschich­te von einer Flie­ge erzählt, die auf dem Rücken fliegt, und auch, dass ich nicht sagen kann, war­um ich mich plötz­lich an sie erin­ner­te, und auch nicht, ob ich mich jemals wie­der an sie erin­nern wer­de. — stop

mikroskop3

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pocket george

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tan­go : 2.58 — Geor­ge schrieb vor weni­gen Tagen einen hand­schrift­li­chen Brief. Er wen­de sich mit einer drin­gen­den Bit­te an mich, er benö­ti­ge etwas Geld, weil er im Moment zu wenig davon habe. Sei­ne Tele­fon­rech­nung sei ihm über den Kopf gewach­sen, außer­dem habe er sich bei einem Auf­trag für den Druck eines Buches ver­tippt, er habe anstatt 200 Exem­pla­ren 20000 Exem­pla­re sei­ner Geschich­te vom Wal­fisch­or­ches­ter bestellt. Die­se wun­der­ba­re Auf­la­ge sei prompt und ohne jede Nach­fra­ge gelie­fert wor­den. Wäh­rend er sich noch wun­der­te, wie ein Paket nach dem ande­ren Paket von drei oder vier Män­nern in sei­ne Woh­nung ver­frach­tet wur­de, war bereits ein erheb­li­cher Betrag von sei­nem Kon­to abge­bucht, sodass er jetzt kaum noch die Mög­lich­keit habe, sich Brot, Käse oder Was­ser zu besor­gen, er sei ver­schul­det bis über bei­de Ohren hin­aus bereits seit drei Mona­ten. Natür­lich habe er gehofft, aber sein Hof­fen habe nicht gewirkt, nun sei­en nicht nur er selbst, son­dern auch sei­ne Archi­ve bedroht, die er in digi­ta­ler Sphä­re auf Posi­ti­on POCKET gesam­melt habe. Ihm sei damit gedroht, bei wei­te­rem Zah­lungs­ver­zug, sein pro­fes­sio­nel­les Kon­to unver­züg­lich in ein nicht pro­fes­sio­nel­les Kon­to zu ver­wan­deln, sei­ne Daten wür­den ver­lo­ren gehen, wes­we­gen er nun sehr ver­zwei­felt sei, nicht nur ver­zwei­felt, son­dern müde, er zöge­re, sei­nen Com­pu­ter über­haupt noch mit dem Inter­net zu ver­bin­den, weil das Inter­net dann sei­ne Daten sogleich aus sei­nen Spei­chern zurück­ho­len wür­de, er habe nicht geahnt, dass er ein­mal in eine der­art ver­zwei­fel­te Lage kom­men, dass sich das Inter­net als ein der­art gefrä­ßi­ges Tier dar­stel­len wür­de, wel­ches sei­nen Com­pu­ter, sei­ne Samm­lung aus dem Web ver­schwun­de­ner Sei­ten an sich rei­ßen wür­de, man kann mit die­sen Raub­tie­ren nicht ein­mal tele­fo­nie­ren, schrieb Geor­ge vor weni­gen Tagen.- stop

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zerzaust

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vic­tor : 0.55 — L. erzählt, sie habe ein­mal eine Frau gekannt, die weder in Büchern las noch in Zei­tun­gen. Trotz­dem sei die­se Frau, deren Namen sie nicht in Erin­ne­rung habe, Wör­tern sehr eng ver­bun­den gewe­sen, da sie pau­sen­los Wör­ter notier­te. Sie schrieb mit der Hand, sie schrieb in Cafés, U‑Bahnen, auf Bän­ken sit­zend in Parks einer Stadt, die sie ein Leben lang nie ver­las­sen haben soll. Sie schrieb an einem ein­zi­gen Buch, an einem Buch, das sie stets in einer wei­te­ren Vari­an­te mit sich führ­te, im Grun­de an einem Buch einer­seits, das sie bereits auf­ge­schrie­ben hat­te, und einem Buch ande­rer­seits, in dem sie das Buch, das zu Ende geschrie­ben wor­den war, wie­der­hol­te, aber natür­lich nicht, ohne das Buch im Pro­zess des Abschrei­bens zu ergän­zen. Jede Ergän­zung wur­de sorg­fäl­tig über­legt, manch­mal wur­den Wör­ter ersetzt, gan­ze Sät­ze oder ein Gedan­ke hin­zu­ge­fügt, sel­ten eine Pas­sa­ge gestri­chen. In die­ser Wei­se ver­än­der­te sich das Buch, das Buch nahm an Umfang zu, wur­de lang­sam schwe­rer. Immer dann, wenn ein Buch abge­schrie­ben wor­den war, ver­schwand das abge­schrie­be­ne Buch. Und wie­der­um begann die Frau eine wei­te­re Kopie anzu­fer­ti­gen, die sich im Pro­zess der Ver­dopp­lung schein­bar nur unwe­sent­lich von ihrem Ori­gi­nal unter­schei­den wür­de. Der Rücken der Frau war leicht gekrümmt, sie ging viel spa­zie­ren und war stets sorg­fäl­tig geklei­det. Sie soll schon ein wenig wild aus­ge­se­hen haben, zer­saust, aber glück­lich, sagen wir, zer­zaust und immer beschäf­tigt und irgend­wie fröh­lich. Sie notier­te zier­li­che, äußerst exak­te Zei­chen. — stop
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