yanuk : monkeys

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papa

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MONKEYS
date : nov 2 08 8.17 p.m.

Habe zwei Tage und zwei Nächte ohne Unter­brechung geschlafen. Hat­te von einem Blatt gekostet, das mir nicht bekan­nt gewe­sen war. Ich sage Dir, Mr. Louis, eine Müdigkeit, ganz wun­der­bar, sehr plöt­zlich, leicht und warm, unwider­stehlich warm. Es ist jet­zt kurz vor acht Uhr und bere­its dunkel gewor­den. Ich sitze noch immer auf Höhe 286 im Zelt unter 15 kleinen Affen. Sie sind zurück­gekehrt während ich schlief, haben meine Vor­räte an Trock­en­fleisch geplün­dert und toben und kreis­chen herum, dass man uns meilen­weit hören wird. Will noch erwäh­nen, ich sehe sehr selt­sam aus, trage auf der recht­en Seite meines Kopfes kaum noch Haar, weil ein­er der Tama­rine eine Schere im Ruck­sack ent­deck­te. Werde, wenn es wieder hell gewor­den sein wird, eine Fotografie ver­suchen, vielle­icht kann ich sie Dir senden. Hoffe, dass der Regen bald aufhören wird. Seit ich meine kleine Nachricht an Dich zu schreiben begann, ist ein Affe nach dem anderen näher gekom­men. Sie sitzen nun im Kreis um meine Mas­chine herum und beobacht­en meine Hände. Ich ahne, was sie sich bald wün­schen wer­den. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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22.52 UTC
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coltrane! coltrane!

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echo : 8.27 — Das warme Licht, das im Holz der Kon­tra­basse bren­nt, ein Glühen, in das ich vernar­rt bin, soweit ich zurück­denken kann? Die Schuhe eines ural­ten Bassis­ten, wie sie vor dem kleinen Jun­gen sehr fest auf dem Boden ein­er Keller­bühne ste­hen, während die Welt drumherum aufgewühlt ist, schwarze, spiegel­blanke Schuhe, und irgend­wo weit oben am Sch­neck­en­turm, dun­kle Hände, die wie Ech­sen über Holz und kupferne Seile sprin­gen. — Mein selt­sam füh­len­der Bauch. — Wun­derte mich, dass sie miteinan­der sprechen, während sie spie­len, lachen, spaßen, sich befeuern und beim Namen nen­nen. Hört ich nicht ger­ade noch Thelo­nius Sphere Monks Stimme wie er im Jahre 1957 : Coltrane! Coltrane! ruft?  — stop

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lichtwellensegel

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romeo : In der ver­gan­genen Nacht war ich begeis­tert in Chica­go auf dem Bild­schirm. Ich hat­te deshalb keine Zeit, einen Text zu schreiben oder über einen Text nachzu­denken. Will nun stattdessen ein kleines Stück zitieren, das ich im Okto­ber des ver­gan­genen Jahres bere­its notierte, als ich sehr glück­lich gewe­sen war. Fol­gen­des: Man stelle sich ein­mal ein Zim­mer vor, ein fre­undlich­es, helles Zim­mer von aller­fe­in­ster Qual­len­haut, von Wass­er, von Salz, von Licht. Man kön­nte dieses Zim­mer, und alles was sich im Zim­mer befind­et, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­büch­er und auch die Schreib­maschi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schw­er in die Hosen­tasche steck­en. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und set­zt sich in ein Kaf­fee­haus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter ein­er Ven­ti­la­tor­mas­chine an einem Tisch, trinkt einen Bech­er Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil nie­mand weiß, dass man ein Zim­mer in der Hosen­tasche mit sich führt, ein Zim­mer, das man jed­erzeit aus­pack­en und mit etwas Wass­er, Salz und Licht, zur schön­sten Ent­fal­tung brin­gen kön­nte. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tassen im Schrank?

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nadja einzmann : zeit vergeht

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tan­go : 8.25 — Ein warmer Wind wehte gestern Abend Laub von der Straße her ins Cafe. Lauschte ein­er angenehmen Stimme. Hörte eine Geschichte, die ein­mal meine Geschichte gewe­sen war und noch immer zu mir gehört und doch eine aus­ge­wan­derte, eine geschenk­te Geschichte ist. Diese Geschichte schildert eine erste Wahrnehmung der Zeit. Als ich sie vor zwei oder drei Jahren an genau jen­em Tisch erzählte, an dem sie nun aus einem Buch vorge­le­sen wurde, hat­te ich nicht die Erwartung, sie ein­mal kun­stvoll zwei Sätzen eingeschrieben und gedruckt zu sehen: Seine vielle­icht erste Erin­nerung, dass er unter dem Wei­h­nachts­baum liegt und sich in ein­er roten Wei­h­nacht­skugel spiegelt. Als er sich im fol­gen­den Jahr wieder so gespiegelt vorfind­et, denkt er zurück und weiß auf ein­mal, dass Zeit ver­gan­gen ist, dass Zeit verge­ht. Nad­ja Einz­mann

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yanuk : zwergseerosen

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char­lie

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.

Drei lange Stun­den gek­let­tert, um Höhe 310 zu erre­ichen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dichter, küh­ler Nebel. Auf­stieg fort­ge­set­zt. Ich kon­nte die kleinen Affen hören, ihr unen­twegtes, leis­es Knat­tern, mit dem sie sich ver­ständi­gen, wenn sie sich nicht sehen kön­nen, eine Art Radar­sprache, die nichts bedeutet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräusches! Sie haben mich begleit­et. Nehme an, auch ich war für sie unsicht­bar gewe­sen, aber sie kon­nten wohl meinen Atem hören, das Kratzen mein­er Fin­ger an der Rinde, mein Schuh­w­erk, mein Ächzen, wenn ich mich weit­erziehen musste. Kurz bevor wir Höhe 382 erre­icht­en, wurde es heller, dann eine scharfe Lin­ie zwis­chen Dampfluft und trock­en­er Luft. Es war ganz so, als hätte ich meinen Kopf aus dem Wass­er gestreckt, als hätte ich Tage lang getaucht. Die Affen war schon da, begrüßten mich kreis­chend. Sie sahen lustig aus, feucht­es Fell, waren über und über mit Blüten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Louis, ein phan­tastis­ch­er Aus­blick. Aber­tausende Zwergseerosen schweben oder schwim­men auf der Ober­fläche des Nebels. Ich weiß jet­zt, weshalb es in den ver­gan­genen Tagen so düster gewe­sen ist. Werde mich jet­zt ein­richt­en hier oben und etwas aus­ruhen. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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20.12 UTC
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schlafen in turku

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echo : 8.28 — Ist Ihnen vielle­icht bekan­nt, dass Wale, Pottwale genauer, wenn sie schlafen, Kopf nach oben im Wass­er schweben? Langsam sink­ende Türme, leise sin­gend, leise knat­ternd, fried­volle Ver­samm­lun­gen, die mit dem Golf­strom treiben. Wenn Sie ein­mal wach liegen soll­ten, wenn Sie nicht schlafen kön­nen, weil Sor­gen Sie bedrän­gen oder andere schmerzvolle Gedanken, wird es hil­fre­ich sein, eine Tauch­fahrt zu unternehmen im Kopf durchs Bild der träu­menden Wale. Oder Sie reisen an die Ost­see, nehmen die näch­ste Fähre nach Turku. Sie wer­den dann schon sehen. Bal­lone, zum Beispiel, Bal­lone wer­den Sie sehen am Hor­i­zont, Bal­lone am dämm­ri­gen Him­mel, dort müssen Sie hin. Alles ist gut zu Fuß zu erre­ichen, eine Stunde oder zwei, nicht länger, je nach Gepäck. Man wird Sie schon erwarten, man wird Sie fre­undlich begrüßen, man wird Sie fra­gen, wie lange Zeit Sie zu schlafen wün­schen, welch­er Art die Dinge sind, die Sie zu vergessen haben, die Sie beschw­eren. Man wird Ihren Blick zum Him­mel lenken und Sie wer­den erken­nen, dass unter den Bal­lo­nen Men­schen schweben, aufrecht und reg­los, in Daunen­män­tel gehüllt, von einem leicht­en Wind hin und her geschaukelt, hun­derte, ja tausende Men­schen. — - Stille herrscht. — - Nur das Fauchen der Feuer­maschi­nen von Zeit zu Zeit. – Guten Mor­gen! Heute ist Dien­stag oder Mittwoch oder Sam­stag. Auf nach Turku!

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schlafende wale

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nord­pol : 0.12 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Notierte fol­gen­den Text: „Das Meer ruhig. Nichts zu hören, nur das Blasen der Wale. Küh­les Geräusch von Wass­er, von Luft. Sie liegen um die Ret­tungsin­sel herum. Habe den Ein­druck sie warten. 12 Tiere. Gewaltige, weiße Kör­p­er. Helle Augen, schwarz geze­ich­nete Flossen. Auch das Heck, schwarz. Längs, über den Rück­en hin, eine hand­bre­ite Zeich­nung, orange­far­ben und exakt, als sei sie von ein­er Mas­chine aufge­tra­gen. Sie wer­den ein oder zwei Stun­den unter Wass­er gewe­sen sein, vielle­icht waren es fünf, vielle­icht sechs, vielle­icht sieben Stun­den. Die Luft riecht nach Met­all, nach Salz, nach Tang. Von Zeit zu Zeit tauchen sie ab, kreuzen unter der Insel, ohne uns zu berühren, ohne das Wass­er zu bewe­gen, als woll­ten sie uns scho­nen. Auch Mrs. Ander­son, unbe­wegt. Keine Raub­fis­che. Warte auf Ret­tung. Joe Ellis hier — Joe Ellis — Rufe Lon­don.“ — In diesen Tagen, da ich einen atlantis­chen Text ver­tiefe, immer wieder das Staunen darüber, dass ich in ein­er Art und Weise über Wale schreibe, als hätte ich Jahre an ihrer Seite schwim­mend zuge­bracht. – stop

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nehmen wir einmal an …

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fox­trott : 7.28 — Nehmen wir ein­mal an, ich würde gefragt, ob ich vielle­icht über ein weit­eres Auge ver­fü­gen möchte, ein wirk­lich­es drittes Auge, ein Auge für sich, ein Auge, mit dem ich in die Welt hin­auss­chauen kön­nte, was wäre zu tun? – Ruhe bewahren! – Nach­denken! – Antworten! – Sehr bald antworten, jawohl ja, das wäre ein feines Geschenk, dieses Auge würde ich sehr gerne und sofort ent­ge­gen­nehmen. Natür­lich würde das nicht so leicht sein, ich meine, die Über­gabe eines weit­eren Auges an meinen bere­its existieren­den Kör­p­er, wie man sich das vielle­icht vorstellen mag, nein, nein, das wäre sich­er eine außeror­dentlich kom­plizierte Geschichte. Ein geeigneter Ort würde zu find­en sein, an dem das brand­neue Sin­nesor­gan an meinem Kör­p­er oder in meinem Kör­p­er mon­tiert wer­den kön­nte, und ich müsste mich vielle­icht zunächst entschei­den, welch­er Art das Auge sein sollte, ein großes, strahlen­des Schmuck­auge beispiel­sweise, oder ein eher kleines, kaum sicht­bares Auge, ein geheimes Auge, sagen wir, um unbe­merkt die Welt um mich herum unter­suchen zu kön­nen. An diesem schö­nen Nebel­mor­gen nun, ich bin noch nicht ganz wach gewor­den, würde ich fol­gen­des fra­gen: Ist es eventuell möglich, das Auge rechter Hand in den mit­tleren Fin­gerknöchel nahe des Han­drück­ens einzuset­zen? Wann kön­nten wir damit begin­nen? Sind Sie noch bei Ver­stand, oder wie oder was? — Ja, so würde ich wohl sprechen, genau diese Bestel­lung würde ich aufgeben. Stellt sich nun die Frage, was würde ein Auge dieser Art mit meinem Gehirn unternehmen? Würde es wach­sen? Und wohin würde es wach­sen? — Ich muss das nicht heute entschei­den!

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gedankengeschichte

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romeo : 16.25 — Mit ein­er jun­gen Ärztin im Gespräch über Men­schen, die sich aus modis­chen Grün­den von kleineren Teilen ihrer Wan­gen tren­nen, um sie durch edel­ste Hölz­er zu erset­zen, je nach Teint, stellte ich mir vor, hellere oder etwas dun­klere Mate­ri­alien, die man polieren kann, die glühen wie die Sub­stanzen fein­er Pfeifenköpfe. Ich erzählte diese Gedankengeschichte bei ein­er Tasse Schoko­lade, rück­te mit mein­er Phan­tasie langsam vor­wärts, weil ich erwartete, sie würde vielle­icht auf­sprin­gen und sich ent­fer­nen wollen. Stattdessen stellte sie die Frage, ob man die Mate­ri­alien des Waldes, über die ich nachgedacht hat­te, als Schmuck­ware betra­cht­en sollte, die im Fleisch des Kör­pers schwim­men würde, oder eher um Bojenkör­p­er, welche mit einem der Gesicht­sknochen ver­bun­den sein müssten. Sie machte eine kleine Pause und noch ehe ich antworten kon­nte, stellte sie nüchtern fest: Die Rän­der der Natür­lichkeit sind ein Prob­lem. stop. Kurz nach vier Uhr und fast schon dunkel. Seit ein­er Stunde Regen. Er kommt in ein­er Weise vom Him­mel gefall­en, dass ich ihn wieder hören kann. — stop

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geraldine : walfisch

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nord­pol

~ : geral­dine
to : louis
sub­ject : WALFISCHE

Ich habe das Mit­tagessen ver­schlafen. Vor­mit­tags war ich schon auf dem Haupt­deck, schön­stes Wet­ter, keine Wolke am Him­mel, das Meer ganz ruhig. Papa hat mich hoch getra­gen, es ist anstren­gend für ihn, obwohl er nicht sehr alt ist, aber ich bin kein leicht­es Mäd­chen. Papa sagte, man habe ihm von Walen erzählt, die auf dem Radarschirm sicht­bar gewe­sen seien. Es ist also möglich, dass ich heute Wale sehen werde. Merk­würdig, ich sage immer Wale, aber ich denke Wal­fis­che. Und so wartete ich auf die Wal­fis­che und während ich wartete, bin ich eingeschlafen. Es war sehr warm gewor­den unter der Decke, die Papa über mich gebre­it­et hat­te. Als ich aufwachte, war das Mit­tagessen längst vor­bei und der junge Mann, der Stew­art, von dem ich Ihnen schon geschrieben habe, saß neben mein­er Liege auf dem Boden. Er hat­te ein Fer­n­glas dabei. Ich glaube, er hat­te das Fer­n­glas für mich mit­ge­bracht. Ich habe zuerst noch so getan, als würde ich schlafen, und habe ihn mir angeschaut, Sie ver­ste­hen, Mr. Louis, Sehschlitza­u­gen. Er ist hüb­sch. Er mag die Sonne. Er mag die Sonne sehr. Und fast bin ich mir sich­er, dass er mich wie die Sonne mag. Oft ist er in mein­er Nähe. Wenn er nur nicht immer so trau­rig schauen würde. Mal sieht er mich ver­liebt an, dann wieder, als würde es reg­nen in seinem Herzen. Vielle­icht weiß er, dass ich sehr krank bin, ja, vielle­icht weiß er das, und trotz­dem ist er ver­liebt. Das wär schön, wenn er sich in mich ver­lieben kön­nte, obwohl er weiß, dass ich sehr krank bin. Ich habe mir oft gedacht, dass ich alleine bin, ein­sam, weil die jun­gen Män­ner mit einem kranken Mäd­chen keine Liebe haben wollen, obwohl ich ein schönes Mäd­chen bin. Oh, wie glück­lich wäre ich, wenn er alles von mir wüsste. Ich müsste nichts ver­ber­gen. Wale haben wir bis­lang keine gese­hen. Vielle­icht später, vielle­icht am Abend. – Ihre Geral­dine auf hoher See

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fan­gen am 16.11.2008
22.27 MEZ

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die malerei kleinster teilchen

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sier­ra : 8.02 — Ohne die Zeit noch zu bemerken, sechs Stun­den lang erste Spuren eines anatomis­chen Hör­spiels bear­beit­et. Kurz vor Mit­ter­nacht dann in angenehmer Bal­ance mit Cor­mac McCarthys düsterem Roman Die Straße auf dem Sofa. Ein Buch, das mir Freude macht, nicht weil es Endzeit, nein, weil es in kleinen Abteilen vor­wärts erzählt. Als würde in einem unendlich großen, dun­klen Raum je für kurze Zeit das Licht angeschal­tet, Phasen zeichen­los­er Dunkel­heit, Sekun­den-, Minuten-, Stun­den­sprünge, dann wieder ruhige Sprache, ein­fache, präzise Sätze. Darüber eingeschlafen. Mor­gens von Regengeräuschen geweckt, die nicht wirk­lich existierten. — Kurz nach sieben Uhr und noch immer wun­dere ich mich, dass ich ein­genickt war, ohne auch nur ein­mal zu denken: Du wirst gle­ich schlafen. Die Idee, dass vielle­icht Büch­er existieren, die als Schlaf­büch­er anzuse­hen sind, Büch­er, die einen geheimen Code enthal­ten, hyp­no­tis­che Zeichen­fol­gen, unwider­stehlich in ihrer Wirkung. Man kön­nte in Buch­hand­lun­gen eine weit­ere Kat­e­gorie sortieren, die der Narkoti­ka näm­lich, Romane, die ins Jen­seits befördern, nicht zu lesen im Gehen, in Zügen, im Ste­hen! – Guten Mor­gen!

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schweigende augen

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char­lie : 12.25 — Bemerkt, dass wir die Stürme, die uns das Woch­enende über ein Lied pfeifen wer­den, schon in diesen Stun­den betra­cht­en kön­nen, während sie noch über dem Atlantik zirkulieren. Fast alles kann man vorausse­hen, nah­se­hen, verzögert oder in der echt­en, syn­chro­nen Zeit. Stellte mir vor, wie Amerikan­er und Russen durch je ein Satel­lite­nauge den Unter­gang eines hölz­er­nen Schiffes 50 Seemeilen vor Lampe­dusa beobacht­en. Und bei­de Augen schweigen.

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walfischspaziergang

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himalaya : 8.05 — Wie ich mor­gens erwache und anstatt in einem Zim­mer zu liegen, mich unter einem schö­nen freien Him­mel wiederfinde. Das ist eigentlich noch keine große Sache. Ich würde zunächst die Augen schließen und denken, das kenne ich doch, wie oft schon bin ich von einem Traum in den näch­sten gewan­dert. Ganz still würde ich warten, um kurz darauf meine Augen erneut zu öff­nen, und schon wieder oder noch immer wäre dieser schöne Him­mel über mir, ein leichter Wind würde wehen und die Luft duften nach Salz und Tang. Wie ich mich auf­set­ze und schaue, hur­ra, Wass­er in allen Rich­tun­gen, Wass­er hin bis zum Hor­i­zont. Was für ein sel­tener Anblick, was für eine merk­würdi­ge Erfahrung! So plöt­zlich auf hoher See, und der Boden, auf dem ich sitze, zit­tert, nein bebt, nein pulst, und ich würde denken, wie kost­bar dieses Leben doch ist und dass ich mich nicht erin­nern kann, wie ich hier­her auf den Rück­en eines Wales gekom­men bin. – Es ist jet­zt zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht, die Luft riecht nach Schnee und die Welt ist still. Alles schläft. Auch Sie wer­den schlafen, während ich diesen Text notiere. Aber nun ist etwas Zeit ver­gan­gen, und da Sie wach gewor­den sind, wer­den Sie vielle­icht fra­gen, wie ich zu dieser Über­legung ein­er nächtlichen Meeres­lan­dung gekom­men bin. Nun, das ist ganz ein­fach. Vor weni­gen Tagen hörte ich, eine Frau habe sich gewün­scht, ein­mal in ihrem Leben auf dem Rück­en eines Wales zu ste­hen. Sie würde sich, sagte man, ihrer Schuhe entledi­gen und auf dem Rück­en des Wales spazieren wie auf einem Unter­see­boot. Natür­lich habe ich darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn dieser Wal, von dem hier tat­säch­lich die Rede ist, sich nicht in der Nähe ein­er Küste, son­dern auf dem offe­nen Meer, auf hoher See, befind­en würde. Ja, und was würde geschehen, wenn der Wal zu tauchen wün­schte, vielle­icht weil er hun­grig gewor­den ist, obwohl er doch die Schritte ein­er Men­schen­frau auf seinem Rück­en spürte. Stellen Sie sich vor, ich weiß wie er das macht. Der Wal wird langsam und geräusch­los sinken, jawohl. Aber noch ehe voll­ständig in die Tiefe abge­taucht wer­den wird, wird er noch ein­mal zurück­kehren und ruhig neben der schwim­menden Frau im Wass­er liegen, wird etwas Luftschaum blasen und ihr sein Auge zeigen. Ja, so genau wird der Wal das machen, und dann wird er in der Tiefe ver­schwun­den sein, und vielle­icht, nein, sehr sich­er, wird die schwim­mende Frau einen feinen Gesang aus der Tiefe vernehmen, die Geschichte ein­er Begeg­nung von einem Wal den Walen erzählt, eine Kurzgeschichte, mehr Zeit ist nicht. — stop


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fliegender wal

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kapri­ole : 3.15 — Das neue Leben­s­jahr begin­nt voller Zuver­sicht mit Fre­un­den unter gebrate­nen Vögeln und Fis­chen. – Mari Boine idjagiedas. – Bewegtes Bild dieser Nacht. Wie ich einem Zim­mer­aquar­i­um einen Zwerg­w­al ent­nehme, wie ich das fin­ger­lange Tier durch die Woh­nung trage, wie ich ihm vom Fliegen erzäh­le.

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schneegeräusch

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oli­mam­bo : 8.08 — Wieder weit ins Weltall leucht­en. – stop – Schneelicht. – stop — Nach­mit­tags. – stop — Der Schnee knur­rt, knustert, gurpt, lurpt, gur­rt, gnurzt, mur­rt, drumbt unter den Schuhen. – stop — Nachts. – stop — Der Schnee gir­rt, lirpt, knir­rt, knirzt, knit­tert, knat­tert, knis­tert unter den Schuhen. stop. dschi­bon — stop

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yanuk : zeitherz

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.

Höhe 310. Beobachte Pflanzen seit drei Tagen. Auch in den Nächt­en, wenn ich unterm Pfeifen der Moski­tos nicht ein­schlafen kann, warte ich am Rande der Plat­tform, lasse die Beine baumeln, hoffe, dass der Schwarm schweben­der Zwergseerosen sich wieder in Bewe­gung set­zten wird. Lange Stun­den der Ruhe, des Still­standes, stolz zeigen sie ihre weißen, ihre blauen Blüten, schwim­men oder schweben fast reg­los auf dem Nebel. Ist dieser Nebel vielle­icht schon eine Wolke, bin ich so weit gekom­men, dass ich die Wolk­endecke durch­stoßen habe? Ja, Stun­den der Bewe­gungslosigkeit, nur von einem leicht­en Windzug gestre­ichelt, aber dann, sehr plöt­zlich, schließen sie zur sel­ben Sekunde ihre lock­enden Kelche, eine Welle süßen Duftes wan­dert gegen den Him­mel, und es wird so still, als wären all die pfeifend­en, sin­gen­den, kreis­chen­den Geschöpfe des Waldes betäubt von der schw­eren Sub­stanz der Pflanzen­luft. Habe die Zeit gemessen, habe ver­sucht einen Rhyth­mus des Schließens und Öff­nens zu find­en, verge­blich, vielle­icht, weil ich sie Jahre beobacht­en müsste, um ihre Fre­quenz zu ver­ste­hen. Ein­mal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wurzel­haar unter­sucht, fil­igrane Gefäße, rosa­far­ben, aber keine Verbindung von Pflanze zu Pflanze. Ein Wun­der, wie sie das machen, syn­chron, simul­tan, als ver­fügten sie über ein gemein­sames, ein geheimes Herz, das die Zeit zählen kann. – Wieder let­zte Minuten vor Däm­merung. Das Rudel der Affen liegt um meine Schreib­mas­chine herum. Du kannst Dir nicht vorstellen, Mr. Louis, von welch weich­er, geschmei­di­ger Gestalt glück­liche Affen sind. Selb­st die Knochen ihrer kleinen Köpfe scheinen der Schw­erkraft nachzugeben. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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22.18 UTC
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kakteenorchester : telegramm

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marim­ba : 8.02 — Pal­men­garten. stop. Wüsten­haus. stop. Das feine Geräusch der Kak­teen, sobald ich ihr Stachel­horn mit einem Pin­sel, einem Mika­dostäbchen, einem Fin­ger berühre. Hell. stop. Fed­ernd. stop. Pro­pellernd. stop. Klänge, für die in meinem suchen­den Wort­ge­hör noch keine eigene Zeichen­folge zu find­en ist. stop. stop. Die Stille beim Durch­blät­tern eines feucht­en Buch­es in der Man­groven­abteilung. stop.

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libellencafe

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tan­go : 8.08 — Ein Notizbuch, ein beson­ders Notizbuch, eines, das meine Gedanken verze­ich­nen würde, sobald ich spazieren gehe. Han­dlich müsste es sein und leicht und geräusch­los schreiben. Vielle­icht wäre es möglich diese kleine Gedanken­schreib­mas­chine, so zu pro­gram­mieren, dass sie jene Gedanken, die neue Gedanken sind, zu unter­schei­den ver­mag von allen weit­eren Gedanken, von Gedanken, die sich wieder und wieder denken wollen, von kreisenden Gedanken, von Karus­sellgedanken. – Während ich gestern Abend vor der Kasse eines Super­mark­tes wartete, hat­te ich die Idee, dass man eines Tages ein­mal ein Haus erfind­en müsste, ein Kaf­fee­haus, in dem unter Gästen Libellen schwirren, prächtig­ste Flug­we­sen, die an Wän­den und auf Tis­chen sitzen, auf den Tassen, den Gläsern, den Zeitun­gen, den Gästen selb­st. Ja, das wäre eine feine Sache, ein aufre­gen­der Ort, eine angenehme Phan­tasie, die von der Gedanken­schreib­mas­chine, die ich mir wün­sche, sehr sich­er und sofort notiert wor­den wäre. Man würde zum Früh­stück zur Füt­terung der Libel­len­tiere dort vielle­icht Fliegen­schälchen reichen. Ja, das ist sehr gut denkbar, Fliegen­schälchen großer Fliegen für große Libellen, und Fliegen­schälchen klein­er Fliegen für kleine Libellen. Wie würde die Atmo­sphäre dieses Ortes wohl auf der Zunge schmeck­en? Und was wäre noch zu hören vom Gespräch der Gäste?

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tuba auditiva

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vic­to­ria : 8.12 — Anatomis­che Arbeit­en. Spielte Ton­band­stim­men, las zum Gehör, studierte Struk­turen der Muschel. — Zehn Uhr und zweiundzwanzig Minuten MEZ in Shangil Tobay, Dar­fur.

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atolle

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oli­mam­bo : 8.10 — Ein Gedanke zunächst, dann ein Wort, ein erstes Wort, ein Satz, ein erster Satz. Dort herum wach­sen weit­ere Gedanken, langsame Tage des Sam­melns, langsame Nächte des Wartens, Land entste­ht, Land, auf dem sich’s leben und erzählen lässt. Zeichen für Zeichen, das Wach­sen eines Koral­len­mundes.

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