Aus der Wörtersammlung: alt

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giuseppi logan

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hima­la­ya : 6.45 — Vor zwei oder drei Mona­ten habe ich eine Geschich­te gele­sen, von der ich mich sagen hör­te, sie sei eine Geschich­te, die ich nie wie­der ver­ges­sen wer­de, die Geschich­te selbst und auch nicht, dass sie exis­tiert, dass sie sich tat­säch­lich ereig­ne­te, eine Geschich­te, an die ich mich erin­nern soll­te selbst dann noch, wenn ich mei­nen Com­pu­ter und sei­ne Datei­en, mei­ne Notiz­bü­cher, mei­ne Woh­nung, mei­ne Kar­tei­kar­ten bei einem Erd­be­ben ver­lie­ren wür­de, alle Ver­zeich­nis­se, die ich stu­die­ren könn­te, um auf die Geschich­te zu sto­ßen, wenn sie ein­mal nicht gegen­wär­tig sein wür­de. Die­se Geschich­te, ich erzäh­le eine sehr kur­ze Fas­sung, han­delt von Giu­sep­pi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazz­mu­si­ker, ein Mann von dunk­ler Haut. Logan, so wird berich­tet, atme Musik mit jeder Zel­le sei­nes Kör­pers in jeder Sekun­de sei­nes Lebens. In den 60er-Jah­ren spiel­te er mit legen­dä­ren Künst­lern, nahm eini­ge bedeu­ten­de Free­jazz­plat­ten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Dro­gen und war plötz­lich ver­schwun­den, man­che sei­ner Freun­de ver­mu­te­ten, er sei gestor­ben, ande­re spe­ku­lier­ten, er könn­te in einer psych­ia­tri­schen Anstalt ver­ges­sen wor­den sein. Ein Mann wie ein Black­out. Über 30 Jah­re war Giu­sep­pi Logan ver­schol­len, als man ihn vor weni­gen Jah­ren in einem New Yor­ker Park lebend ent­deck­te. Er exis­tier­te damals noch ohne Obdach, man erkann­te ihn an sei­nem wil­den Spiel auf einem zer­beul­ten Saxo­fon, ein­zig­ar­ti­ge Geräu­sche. Freun­de besorg­ten ihm eine Woh­nung, eine Plat­te wur­de auf­ge­nom­men, und so kann man ihn nun wie­der spie­len hören, live, weil man weiß, wo er sich befin­det von Zeit zu Zeit, im Tomp­kins Squa­re Park näm­lich zu Man­hat­tan. Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. — stop
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MELDUNG : ameisengesellschaft ln — 788

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 788 [ lasi­us niger ] : Posi­ti­on 48°21’N 07°01’O : Fol­gen­de Objek­te wur­den von 14.00 – 15.55 Uhr MESZ über das nord­west­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : sie­ben­und­zwan­zig tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], sech­zehn Baum­stäm­me [ à 5 Gramm ], vier Rau­pen in Grün, zwei­hun­dert­zwölf Rau­pen in Oran­ge, zwei Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die eines Zwerg­kopf­nacht­fal­ters ], fünf Streich­holz­köp­fe [ à 2 Gramm ], vier Flie­gen der Gat­tung Cal­li­pho­ri­dae in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 20 Gramm ], ein­hun­dert-vier­und­vier­zig Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], acht gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 5328 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], sechs Rüs­sel­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], die Aas­ku­gel eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, eine Wild­bie­ne, sieb­zehn Frag­men­te eines Blat­tes [ Ili­as / Homer ] 7.5 Gramm. – stop

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quallenuhr

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ulys­ses

~ : oe som
to : louis
sub­ject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plötz­lich, lie­ber Lou­is, habe ich Lust bekom­men, Dir zu schrei­ben. Eigent­lich woll­te ich mich erst am kom­men­den Sams­tag mel­den, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu war­ten, ob er uns mit vol­ler Wucht tref­fen wird. Ver­mut­lich ist es die­se War­te­rei, die an unse­ren Ner­ven zerrt. Auch, dass die Tage wie­der kür­zer wer­den. Ges­tern haben wir einen Schwarm Tin­ten­fi­sche beob­ach­tet, der unser Schiff umkreis­te. Ein unge­wöhn­li­cher Anblick, die Tie­re waren schnee­weiß. Wir haben eini­ge gefan­gen, sie schme­cken süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Man­deln. Beun­ru­hi­gend ist, dass sie weder über Her­zen noch Augen ver­fü­gen. Eine hal­be Nacht haben wir einen Fisch nach dem ande­ren durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hat­ten, um unse­re Suche fort­set­zen zu kön­nen, ist Mil­ler mit dem Bei­boot los­ge­fah­ren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Mee­res, weit oben jedoch rasen­de Wol­ken von West nach Ost. Ja, lie­ber Lou­is, wir durch­le­ben schwie­ri­ge Tage. Und Noe, unser Noe in der Tie­fe, ist von Fie­ber befal­len. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­ho­ben, damit er Licht sehen kann. Seit meh­re­ren Stun­den wie­der­holt er eine klei­ne Geschich­te, von der wir nicht wis­sen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stel­le sich ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, ein Zim­mer von Was­ser, ein Zim­mer von Salz, ein Zim­mer von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer, und alles, was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Noe sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt eine Tas­se Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass er ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das er jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von feins­ter Qual­len­haut. — Bes­te Grü­ße. Ahoi. Dein OE SOM

gesen­det am
12.09.2012
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oe som to louis »

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herzwanderung

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gink­go : 0.28 — Auf Notiz­kärt­chen, die ich im Prä­pa­rier­saal beschrif­te­te, das Wort Herz­wan­de­rung ent­deckt. Ich notier­te die­ses Wort, kurz, nach­dem ich einen jun­gen Mann beob­ach­tet hat­te, wie er mit einem klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen, das er zuvor unter Anlei­tung eines Assis­ten­ten aus dem Brust­korb einer alten Frau ope­rier­te, durch den Saal eil­te, um es unter kal­tem Was­ser zu waschen. Unmit­tel­bar hin­ter ihm war­te­te ein Kol­le­ge. Auch er hielt ein Herz in Hän­den. Die­ses Herz schien ver­gleichs­wei­se das Herz eines Rie­sen gewe­sen zu sein, und es war dun­kel, fast schwarz. Als der jun­ge Mann mit der Waschung des klei­nen rosa­far­be­nen Her­zen fer­tig gewor­den war, dreh­te er sich um. Für eini­ge Sekun­den stan­den sich die zwei Män­ner gegen­über und betrach­ten je das Herz des ande­ren. — stop

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mr. munki

9

marim­ba : 6.22 — Das Ver­ges­sen ist nicht gera­de eine mei­ner Stär­ken. Ich kann mich noch nach Jah­ren an jedes schwie­ri­ge Gespräch erin­nern, wo es sich ereig­ne­te, mit wem ich mich unter­hal­ten hat­te und wor­über. Dafür ver­ges­se ich auf dem Weg von mei­nem Arbeits­zim­mer in die Küche, wes­halb ich mich eigent­lich in Bewe­gung setz­te. Auch die Uhr­zeit ver­ges­se ich ger­ne, Tele­fon­num­mern, Pass­wör­ter, Namen, gan­ze Bücher, dass sie exis­tie­ren, Buch­sta­ben, mei­nen Regen­schirm. Ein­mal wäre ich bei­na­he im Herbst ohne Schu­he auf die Stra­ße getre­ten. Genau genom­men bin ich im Ver­ges­sen leicht­fü­ßi­ger, als ich dach­te. Ich ver­ges­se aber lei­der in vie­len Fäl­len nicht, was ich ger­ne ver­ges­sen wür­de. Heu­te habe ich bemerkt, dass ich ver­säum­te, also ver­ges­sen habe, in einem Buch wei­ter­zu­le­sen, das ich im Mai zuletzt in Hän­den gehal­ten habe. Viel­leicht erin­nern Sie sich, es han­del­te sich um Pete L. Munki’s Roman Nau­ti­lus. Der Erzäh­ler der Geschich­te, ein jun­ger Mann namens Zezito Lopes, ruh­te zuletzt im 10. Stock eines Hau­ses in der Lex­ing­ton Ave­nue auf einer Trep­pen­stu­fe. Frü­her Nach­mit­tag. Ein schwe­rer Behäl­ter von gepan­zer­tem Glas, in dem sich zwei Fische der Gat­tung Nau­ti­lus befan­den, stand neben dem war­ten­den Mann auf dem Boden. Ich erin­ner­te mich damals, dass der jun­ge Mann, er war ein gut trai­nier­ter Trä­ger, sich kurz dar­auf erho­ben hat­te, um an einer der Woh­nungs­tü­ren, die auf den Flur führ­ten, zu klin­geln und nach einem Glas Was­ser zu fra­gen. Unver­züg­lich wur­de geöff­net, ein Gespräch ent­wi­ckel­te sich, in des­sen Fol­ge Zezito Lopes sich bück­te, sei­nen gepan­zer­ten Behäl­ter in die Hän­de nahm und mit ihm in der Woh­nung ver­schwand. So weit, so gut. Als ich das Buch im Mai im Zug geöff­net hat­te, konn­te ich die mar­kier­te Text­stel­le nicht fin­den. Sofort der Gedan­ke, ich hät­te mög­li­cher­wei­se fan­ta­siert, eine beun­ru­hi­gen­de Vor­stel­lung. Nicht min­der beun­ru­hi­gend schien mir der Gedan­ke gewe­sen zu sein, das Buch selbst könn­te sich ver­än­dert haben, wei­ter- oder umge­schrie­ben wor­den sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in mei­ner Nähe auf­ge­hal­ten hat­te. Zu Hau­se ange­kom­men leg­te ich das Buch unter ande­re Bücher auf mei­nem Schreib­tisch ab, wo ich es heu­te wie­der ent­deck­te. Als ich das Buch öff­ne­te, war das Buch leer. Kein Zei­chen zu fin­den, nur der Titel der Geschich­te: Nau­ti­lus. Dar­un­ter ein wei­te­rer Satz: Bit­te war­ten. Pete L. Mun­ki. — stop

polaroidamph

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mikobeli

9

alpha : 0.22 — Die Ent­de­ckung des Wor­tes mik­obe­li ereig­ne­te sich am 20. Dezem­ber des Jah­res 2007. Ich mach­te das so: Zunächst schloss ich die Augen. Dann ver­such­te ich laut­hals Wör­ter aus­zu­spre­chen, die ich nie zuvor hör­te. Eine nicht ganz ein­fa­che Auf­ga­be. Kurz dar­auf notier­te ich das Wort mik­obe­li auf ein Blatt Papier und prüf­te, ob das Wort in den Ver­zeich­nis­sen der Goo­gle­ma­schi­ne bereits ent­hal­ten sein könn­te. Das war nicht der Fall, ich war zufrie­den. Eini­ge Zeit, zwei oder drei Wochen lang, ver­such­te ich wei­te­re unbe­kann­te und zugleich wohl­klin­gen­de Wör­ter zu ent­de­cken, dann hör­te ich damit auf. Heu­te, Diens­tag, 4. Sep­tem­ber 2012, um kurz nach 17 Uhr MESZ, wur­de mir das Wort mik­obe­li wie­der in Erin­ne­rung geru­fen, in dem ich bemerk­te, dass nahe Tibli­si (Geor­gi­en) nach genau die­sem erfun­de­nen Wort in den Goo­g­le­ver­zeich­nis­sen gesucht wor­den war. Und weil nun das Wort mik­obe­li in mei­nem digi­ta­len Schat­ten zu fin­den war, durf­te ich für weni­ge Minu­ten einen Besu­cher aus dem Kau­ka­sus auf mei­ner Par­tic­les – Sei­te ver­zeich­nen. Erstaun­lich ist, dass das Wort mik­obe­li von mei­ner Ana­ly­se­ma­schi­ne mit­tels geor­gi­scher Schrift­zei­chen wie­der­ge­ge­ben wird, fein und weich und voll­stän­dig fremd. Irgend­ein Mensch, stell­te ich mir vor, könn­te in der­sel­ben Art und Wei­se wie ich das Wort mik­obe­li erfun­den haben und hat­te kurz dar­auf nach Spu­ren sei­ner Exis­tenz im Inter­net gesucht. Eine auf­re­gen­de Geschich­te, die sich tat­säch­lich genau­so ereig­ne­te. Bit­te mel­den! — stop

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contergan

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lima : 10.27 — Die Arme mei­ner Cou­si­ne sind kurz, an ihren Hän­den feh­len die Dau­men. Als ich noch ein Kind gewe­sen war, beob­ach­te­te ich gern ihre Füße, die sich beweg­ten, als wären sie nicht Füße, son­dern Hän­de. Man kann mit den Füßen malen, das wuss­te ich schon immer, und man kann mit den Füßen in Büchern blät­tern und einen Löf­fel zum Mun­de füh­ren, man kann auf Füßen gehen und man kann sich mit den Füßen die Haa­re käm­men. Je nach­dem, von wel­chem Stand­punkt aus man das betrach­tet, ist das selt­sam oder eben nicht. Mei­ne Cou­si­ne mach­te die Erfah­rung, dass man sie ver­steck­te, wenn Besu­cher zu ihrer Fami­lie nach Hau­se kamen. Ich selbst dage­gen wur­de geru­fen, damit ich betrach­tet wer­den konn­te. Mein Gott, ist er doch wie­der kräf­tig gewach­sen, der klei­ne Kerl! Er heißt Andre­as, nichts wei­ter. Mei­ne Cou­si­ne heißt Lil­li, und sie heißt noch das Wort Con­ter­gan dazu, weil das vie­le Men­schen sofort den­ken, wenn sie die Male­rin Lil­li Eben sehen. Da kann man nichts machen. Wenn etwas anders ist an einem Men­schen, wenn etwas zu viel ist oder fehlt, dann bekommt das Feh­len­de oder das Zusätz­li­che einen Namen, der ein Leben beglei­tet, wie das mei­ner Cou­si­ne, die eine star­ke Per­sön­lich­keit gewor­den ist. Aber die Hän­de und der Rücken tun außer­or­dent­lich weh mit dem Alter, und auch die Zäh­ne tun weh, weil sie so viel mit den Zäh­nen machen muss­te in ihrem Leben. Eine ein­zi­ge klei­ne Tablet­te, nicht wahr, die ihre Mut­ter, mei­ne Tan­te, zu sich genom­men hat­te zu einer Zeit, da sie noch nicht wuss­te, dass sie schwan­ger gewe­sen war. Tau­sen­de Tote. Zehn­tau­sen­de Men­schen mit einem oder meh­re­ren Han­di­caps. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag wur­de von dem Geschäfts­füh­rer der Fir­ma Grü­nen­thal der Ver­such einer Ent­schul­di­gung unter­nom­men, ohne wei­ter­füh­ren­de Ver­ant­wor­tung über­neh­men zu wol­len. Er sag­te: Wir bit­ten um Ent­schul­di­gung, dass wir fast 50 Jah­re lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefun­den haben. Wir bit­ten Sie, unse­re lan­ge Sprach­lo­sig­keit als Zei­chen der stum­men Erschüt­te­rung zu sehen, die Ihr Schick­sal bei uns bewirkt hat. — stop

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PRÄPARIERSAAL : xiangs momentaufnahme

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nord­pol : 8.27 — Xiang, 24, notiert in einer E‑Mail über Musik und Ana­to­mie – zwei Begrif­fe, die auf den ers­ten Blick unver­ein­bar schei­nen. Aber je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to deut­li­cher erken­ne ich eine mög­li­che Ver­bin­dung. Sicher ist es das The­ma des Todes, dass die Musik dort domi­nie­ren wür­de, sodass mir spon­tan Beset­zun­gen wie Orgel (all­mäch­ti­ger Cha­rak­ter), Xylo­fon (Käl­te, Leb­lo­sig­keit) oder Chor (Toten­kla­ge) ein­fal­len. Ich kann mir ent­we­der sehr alte Musik­sti­le, wie Gre­go­ria­nik und Früh­ba­rock, oder Musik des 20./21. Jahr­hun­derts vor­stel­len, z. B. John Cage oder Geor­ge Crumb, deren Inten­ti­on immer­hin gera­de in einer gewis­sen Absur­di­tät, Grenz­über­schrei­tung, bzw. in gewoll­ter Ent­fer­nung von der Ästhe­tik der Wirk­lich­keit zu fin­den ist. Gera­de die­ses Moment prägt die Atmo­sphä­re des Prä­pa­rier­saa­les: eine zwar arti­fi­zi­el­le, jedoch nicht pri­mär ästhe­ti­sche Arbeit an mensch­li­chen Kör­pern, die durch den Tod und den Vor­gang des Halt­bar-Machens von einem Indi­vi­du­um zu einem Prä­pa­rat ver­wan­delt wur­den, sodass Zeit­lo­sig­keit an die Stel­le dyna­mi­schen Lebens getre­ten ist. Es ist nicht leicht an Musik in die­sem Zusam­men­hang zu den­ken, da sich Musik gera­de durch ihren ewi­gen Fluss, ihre im Inne­ren gebor­ge­ne Leben­dig­keit aus­zeich­net, ihre See­le, die nie­mals ster­ben kann, selbst dann nicht, wenn noch so vie­le Ver­su­che unter­nom­men wer­den, sie in Moment­auf­nah­men zu kon­ser­vie­ren. — stop

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Über Ohren­vö­gel notie­ren. Ich ent­deck­te sie ges­tern wäh­rend eines Spa­zier­gangs. Ohren­vö­gel kom­men ohne Aus­nah­me paar­wei­se vor. Haut von hel­lem Leder, Haut, die man als Beob­ach­ter oder als Besit­zer eines Ohren­vo­gel­pär­chens weit­hin über­bli­cken kann, weil sie voll­kom­men nackt sind, abge­se­hen von ihren Flü­geln, dort exis­tie­ren Federn, so fei­ne Federn, dass man sie, wüss­te man es nicht bes­ser, für Pelz hal­ten könn­te, Feder­pel­ze in Gelb und Rot und Blau, kräf­ti­ge Far­ben, die eigen­ar­tigs­te Mus­ter bil­den, so indi­vi­du­ell wie die Fin­ger­ab­drü­cke an den Hän­den mensch­li­cher Wesen. Ohren­vö­gel sind von eher klei­ner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schna­bel­at­trap­pen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betrach­ter der Ohren­vö­gel oft an genau die­se Gat­tung kleins­ter Luft­we­sen erin­nert füh­len. Das sehr Beson­de­re an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jener Men­schen, die sie bewoh­nen, eng ver­bun­den sind. Genau­er gesagt, wür­den sie ohne die­se Ver­bin­dung über­haupt nicht exis­tie­ren, eine blaue, zar­te Nabel­schnur, so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Hal­ses. Blut fließt von da nach dort, wes­we­gen Ohren­vö­gel weder trin­ken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man könn­te viel­leicht sagen, dass sie nur zum Ver­gnü­gen leben, zur Zier­de und Freu­de auch jener Men­schen, die sie beglei­ten. Wenn sie nicht Stun­de um Stun­de unter den Ohren ihrer Besit­zer schau­keln und schla­fen, flie­gen sie sehr gern in der nähe­ren Umge­bung her­um. Weit kom­men sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immer­hin, um ein­an­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­sei­te des ande­ren, man sitzt dann gemein­sam auf einer Schul­ter und schaut auf die gro­ße Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­trau­te Welt, zur gegen­sei­ti­gen Pfle­ge und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass mensch­li­che Ohren nicht in der Lage sind, sie zu ver­neh­men. Nichts wei­ter. – stop
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summenlicht

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hima­la­ya : 3.15 — Über mei­nem Schreib­tisch brennt seit einer Stun­de ein war­mes Licht, elek­tri­sches Feu­er, wel­ches einem Glas­kol­ben ent­kommt, in dem sich wei­te­re klei­ne­re Glas­kol­ben befin­den. Die­se klei­ne­ren, unsicht­ba­ren Glas­kol­ben erzeu­gen das eigent­li­che Licht, das als Sum­men­licht durch das mil­chi­ge Glas zu mir in den Raum ent­kommt. Ich dach­te gera­de eben noch, als ich eine Kon­struk­ti­ons­zeich­nung mei­ner neu­es­ten Leucht­bir­ne betrach­te­te, dass sie Licht­bee­ren ent­hält, Licht­kir­schen genau­er. Auf einem wei­te­ren Zet­tel war das schö­ne Wort Lumen ver­zeich­net, außer­dem der Hin­weis, ich könn­te mei­ne Lam­pe 12000 Male ein und wie­der aus­schal­ten, ohne dass mein neu­es Licht dar­an zugrun­de gehen wür­de. Noch viel erstaun­li­cher war mir vor­ge­kom­men, dass der Licht­kör­per, den ich erwor­ben hat­te, 25 Jah­re leuch­ten wird. Eine erstaun­li­che Aus­sa­ge. Sie ist in einer Wei­se ver­zeich­net, als wäre ihre Grund­la­ge Erfah­rung. Ich habe mir gedacht, dass man viel­leicht eine Mög­lich­keit gefun­den haben könn­te, die Zeit für Unter­su­chun­gen des Lichts der­art zu beschleu­ni­gen, dass aus 25 Men­schen­jah­ren 2 Lam­pen­mo­na­te wer­den. Ich bekom­me das bis­her nicht voll­stän­dig in mei­nen Kopf, ins­be­son­de­re den Gedan­ken nicht, dass ich nach mei­ner ers­ten schö­nen Lam­pen­bir­ne zu mei­ner Leb­zeit höchst­wahr­schein­lich nur noch eine wei­te­re Frucht die­ser Art für gute Sicht über mei­nem Schreib­tisch erwer­ben wer­de. — stop



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