Aus der Wörtersammlung: mich

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hurricane

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char­lie

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : HURRICANE

Es wird Win­ter, nicht wahr, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, es wird Win­ter. Habe Pull­over, Män­tel, Hand­schu­he, Hüte, Schals auf mein Bett gebrei­tet, alles ist jetzt geprüft, ich bin gerüs­tet. Nicht viel ist zu erzäh­len zur Zeit, viel­leicht, dass ich ges­tern am spä­ten Abend die Lek­tü­re eines Romans von Ray Lori­ga auf­ge­nom­men habe, der von der Erfin­dung Man­hat­tans han­deln soll, ein ange­nehm leicht­fü­ßig erzähl­ter Text. Wäh­rend ich las, erin­ner­te ich mich an ein Gespräch, das ich mit einem Matro­sen der Sta­ten Island Fäh­ren noch im Janu­ar führ­te. Er berich­te­te, wie er mit einem der Schif­fe, es war die Andrew J. Bar­be­ri gewe­sen, den Hud­son auf­wärts fuhr, um das Schiff vor dem Hur­ri­kan Ire­ne in Sicher­heit zu brin­gen. Es sei eine unheim­li­che Rei­se gewe­sen, Not­be­leuch­tung an Bord, Möwen waren mit strom­auf­wärts gefah­ren, unbe­wegt saßen sie auf den Hand­läu­fen der Reling, hun­der­te Vögel, als hät­ten sie das Flie­gen ver­lernt. Ein Lot­se, nicht der Kapi­tän, führ­te Kom­man­do über das Schiff. Er selbst habe sich zum ers­ten Mal in sei­nem Leben land­ein­wärts von der Küs­te fort­be­wegt. Ich erin­ne­re mich gern an die­sen klei­nen Mann, der in Brook­lyn groß gewor­den war. Manch­mal trug er eine blin­ken­de Kopf­be­de­ckung, die den Strah­len­rin­gen der Frei­heits­sta­tue nach­emp­fun­den wor­den war. Heu­te, an die­sem Abend, wird er viel­leicht wie­der unter­wegs sein, mit sei­nem Schiff den Hud­son auf­wärts, es geht nun um San­dy, und es geht um Barack Oba­ma. Ich fra­ge mich, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, wen, wenn ihr noch in heim­li­chen Wahl­re­gis­tern ver­zeich­net sein soll­tet, wür­det Ihr wäh­len? Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

ps. Mr. Sal­ter hat sei­ne Dro­hung wahr gemacht. Im Hof, ver­packt in meh­re­re Kis­ten, war­tet das Eisen­bahn­ab­teil eines Pull­man­wa­gens dar­auf aus­ge­packt, und in mei­ner Woh­nung mon­tiert zu wer­den. Es ist angeb­lich mög­lich, dass ich mich in das Abteil setz­ten und dort arbei­ten könn­te. Land­schaf­ten, die ich frei wäh­len kann, sol­len an Fens­tern vor­über­zie­hen. Stim­men sind zu hören, das ist sicher, Stim­men aus Nach­bar­ab­tei­len, die nicht exis­tie­ren. Und die Bewe­gung eines wirk­li­chen Zuges unter mei­nen Hän­den. — stop

gesen­det am
28.10.2012
5.16 MEZ
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lou­is to dai­sy and violet »

MELDUNGEN / ENDE

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PRÄPARIERSAAL : freihändig

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alpha : 1.45 — Spa­zier­gang nachts bis 1. Die Luft kalt und klar. Fort­set­zung der Audio­tran­skrip­ti­on. Mat­thi­as erzählt: > Die Geräu­sche des Saals sind nicht leicht zu erin­nern. Ich hat­te den Ein­druck, dass wir, die leben­den Men­schen, nach und nach immer lau­ter wur­den. Manch­mal war es so laut, dass ich mich mit mei­nem Gegen­über am Tisch nicht ver­stän­di­gen konn­te. Das Geräusch der Pin­zet­ten, die gegen Metall­be­häl­ter geschla­gen wur­den, um Gewe­be abzu­schüt­teln, ich glau­be, das ist das Geräusch, dass ich mit dem Prä­pa­rier­saal als typisch ver­bin­de. Und die plötz­lich her­ein­bre­chen­den Laut­spre­cher­stim­men, wenn jemand eine Anspra­che hal­ten woll­te. Ich bin jedes Mal fürch­ter­lich erschro­cken. Ein Erleb­nis ist mir beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben. Das war an einem Tag gewe­sen, der sehr warm war. Die Son­ne brann­te durchs Fens­ter der Apsis. Ich schwitz­te wie der Teu­fel und rich­te­te mich immer wie­der auf und spa­zier­te her­um, weil mir der Rücken schmerz­te von der gebück­ten Hal­tung vor dem Tisch. Wenn ich mei­ne Run­den dreh­te, hat­te ich meis­tens mei­ne Hand­schu­he aus­ge­zo­gen. Das war auch jenem Tag so gewe­sen. Und als ich dann zurück­kehr­te und mei­ne Arbeit wie­der auf­ge­nom­men hat­te, erkun­dig­te sich eine Kol­le­gin am Tisch, ob ich jetzt immer – frei­hän­dig – prä­pa­rie­ren wür­de. Ich bemerk­te, dass ich ver­ges­sen hat­te, mei­ne Hand­schu­he wie­der anzu­zie­hen. Das war ein Ver­se­hen. Ich habe, und das wun­dert mich wirk­lich, über das Wort – frei­hän­dig – nach­ge­dacht in den fol­gen­den Minu­ten. Das hör­te sich so an, als wür­de ich in die­sem Moment ohne Netz gear­bei­tet haben. — stop
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indulin

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char­lie : 2.12 — Der Ver­such in den ver­gan­ge­nen Minu­ten, Far­ben zu erin­nern, die ich in der Six­ti­ni­schen Kapel­le vor zwei Wochen noch beob­ach­tet habe. Es ist merk­wür­dig, die­se Far­ben, die doch von mei­nen per­sön­li­chen Augen auf­ge­nom­men wur­den, sind in die­ser Nacht nur sehr flüch­tig ver­füg­bar. Da ist zunächst ein inten­si­ves BLAU, ein Wort, wie das Wort BLAU in einer Geschich­te der kata­la­ni­schen Schrift­stel­le­rin Mer­cè Rodo­re­da, deren Exis­tenz mir wie­der in den Sinn gekom­men ist: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die wei­ße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zer­streut­heit und schon ist sie blau. Die­ses Insekt trägt in einem Knie, mit fädi­gem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in die­sem Päck­chen, umge­ben von Eiern und von Blau – reins­tes Indu­lin – ist der Ehe­mann. Die­ser Ehe­mann schläft den gan­zen Tag und bebrü­tet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fal­len, das in dem Knie ist, wor­an es fest­ge­näht ist. Wenn die Stun­de kommt, kriecht das Insekt der Blu­me ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die wei­ße Blu­me wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blu­men­um­hüllt sieht, das Päck­chen auf­bricht und alles von blau­em Saft über­schwemmt wird und die Eier plat­zen und die Klei­nen sofort los­flie­gen, jedes mit sei­nem Päck­chen im Knie … ein­ver­stan­den. Aber das sind blo­ße Ver­mu­tun­gen. Die Wahr­heit ist, daß die Blu­me in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jeder­mann ist ein biß­chen durch­ein­an­der und ver­wirrt. — stop

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rom : synapsen

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marim­ba : 16.33 — Ich fol­ge einer Wen­del­trep­pe, bis ich ein fla­ches Dach errei­che, sofort stei­ge ich wei­ter. Plötz­lich befin­de ich mich inner­halb der Kup­pel des Doms auf einem schma­len Absatz, groß­ar­ti­ger Aus­blick in die Tie­fe. Win­zi­ge Gestal­ten da unten vor dem zen­tra­len Altar der Kir­che, man meint sich selbst in jeder der Men­schen­minia­tu­ren, die sich über den Mar­mor­bo­den lang­sam fort­be­we­gen, erken­nen zu kön­nen. Ein Poli­zist sitzt nur weni­ge Meter ent­fernt vor einem Moni­tor, der ein Bild zeigt, das über ein Tele­ob­jek­tiv auf­ge­nom­men wird. Es könn­te sein, dass der Mann jene Minia­tur­men­schen beob­ach­tet, die mir so ähn­lich sind. Wer ist ver­däch­tig? Wie, fra­ge ich, müss­te ich mich ver­hal­ten, um in die Andacht die­ses Appa­ra­tes genom­men zu wer­den? Kann der Appa­rat viel­leicht erken­nen, ob ich Fie­ber habe oder nicht? In die­sem Moment nimmt mich der Poli­zist tat­säch­lich ins Visier sei­ner per­sön­li­chen Augen, weil er bemerk­te, dass ich mich für sei­ne Instru­men­te inter­es­sie­re. Wei­ter auf­wärts in der Scha­le, die die Kup­pel formt, immer im Kreis her­um eine enge Wen­del­trep­pe, bald gehe ich gebückt. Dann der Him­mel und Men­schen und am Hori­zont das Meer, und die Stadt in der Wär­me flim­mernd. Ich erken­ne, wenn ich mich ost­wärts um die Kup­pel­la­ter­ne der Kir­che her­um­be­we­ge, die Stra­ße, in wel­cher sich das Haus befin­det, in dem ich woh­ne. Gewal­ti­ge Pini­en­bäu­me, Syn­ap­sen, weit ent­fernt in den Gär­ten der Vil­la Borg­he­se. Ein Mann has­tet über den alten, gro­ßen Platz. Das Gespräch der Möwen in der Luft in nächs­ter Nähe. — stop

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rom : katzen

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tan­go : 16.08 — In dem ich durch die Stadt spa­zie­re in feuch­ter Luft, die Vor­stel­lung schwit­zen­der Flie­gen, Flie­gen, die sich schüt­teln wie nas­se Hun­de, die aus einem Gewäs­ser stei­gen. Seit drei Tagen strei­fe ich den Fluss ent­lang, sit­ze und war­te, dass eine der berühm­ten dop­pel­köp­fi­gen Tiber­kat­zen vor mei­nen Augen erschei­nen möge. Das Schiff, auf dem ihre Art her­ge­stellt wor­den sein soll vor weni­gen Jah­ren, liegt noch fest ver­täut nahe der Pon­te Sis­to, ein Schiff ohne Leben, da und dort ist es bereits ros­tig gewor­den. Über dem Ach­ter­deck schwingt eine Glüh­bir­ne in ihrer Fas­sung an einem Kabel auf und ab. Ich habe mehr­fach ver­sucht, das Schiff zu errei­chen. Es ist ver­geb­li­che Mühe, kein Weg führt hin­un­ter auf den letz­ten Absatz vor dem Fluss. Sobald ich eine Trep­pe betre­te, die zum Schiff füh­ren soll, kom­me ich an einer ande­ren Stel­le als gewünscht wie­der her­aus. Auch auf Wegen, die unmit­tel­bar das Ufer beglei­ten, ist das Schiff nicht zu errei­chen, man geht und geht und kommt doch nie­mals an. Aber ich kann das Schiff betrach­ten von der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Flus­ses aus. Ein grau­er, wuch­ti­ger Kör­per, Kar­pern­bü­sche haben sich an der Reling zur Son­ne hin fest­ge­setzt. Hier soll er gelebt haben, der Erfin­der der Tiber­kat­zen. Man woll­te ihn ver­haf­ten, man woll­te dem Mann, der in den Blau­pau­sen der Schöp­fung eige­ne Wün­sche ver­zeich­ne­te, Ein­halt gebie­ten. Nun ist er spur­los ver­schwun­den, aber sei­ne Kat­zen­we­sen sol­len noch exis­tie­ren in der alten Stadt. Ich tra­ge fri­schen Fisch in mei­ner Tasche. Manch­mal hal­te ich an. Ich setz­te mich ans Ufer, las­se mei­ne Bei­ne über dem brau­nen Was­ser bau­meln, lege einen Fisch neben mich ab und war­te. Die Stei­ne sind warm. — stop
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rom : antennenbild

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nord­pol : 2.28 — Däm­me­rung. Die Kup­pel der Peters­ba­si­li­ka plötz­lich in Sicht, wie ich um eine Häu­ser­ecke kom­me. Selt­sam blau­es Leuch­ten, als wür­de sich das abwan­dern­de Licht des Him­mels auf den Kup­fer­ble­chen des Daches spie­geln. Dann ist’s stock­fins­ter gewor­den und die Kup­pel schim­mert noch immer Blau­tür­ki­se wie zuvor. Win­zi­ge Men­schen spa­zie­ren über Bernini’s Platz, sit­zen in der war­men Abend­luft auf Brun­nen­rän­dern und Trep­pen­stu­fen, die unter Kolon­na­den den Platz umar­men. Ziem­li­che Stil­le. Kaum Tau­ben. Kei­ne Kat­zen, nicht ein­mal schläf­ri­ge Augen­lich­ter. Ein paar Män­ner arbei­ten sich pfei­fend durch Tür­me von Stüh­len. Sobald sie einen Stuhl von einem der Gebäu­de heben, wird es etwas klei­ner, bil­det eine Rei­he aus wie einen Arm, der sich an einer Schnur ent­lang aus­rich­tet, tau­sen­de war­ten­de Objek­te, auf wel­chen bald Men­schen sit­zen wer­den, die beten oder schrei­en oder ihre Stüh­le bestei­gen, weil auch ande­re bereits auf Stüh­len ste­hen. Das ist der Moment, da man als Pil­ger oder Beob­ach­ter viel­leicht sei­nen Namen heim­lich in einen der Stüh­le rit­zen möch­te oder eine Figur zeich­nen, die Ähn­lich­keit zur eige­nen Per­son auf­zei­gen wird, sodass man etwas zurück­lässt auf dem Platz, ein Anten­nen­bild um spä­ter­hin päpst­li­chen Segen aus der Fer­ne ein­fan­gen zu kön­nen. Michel­an­ge­lo heim­lich, eine Vor­stel­lung, die mög­lich ist in der Nacht im sanf­ten Later­nen­licht nahe dem Mader­no-Brun­nen, wie er sich nach Jahr­hun­der­ten wun­dert über das Blau die­ser Kup­pel, das er so nicht ange­ord­net haben mag. — stop

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gebete

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del­ta : 6.46 — Das war so gewe­sen. Kurz nach dem Abend­essen tref­fe ich im Zug auf einen Freund. Er kam gera­de vom Gebet. Ich weiß nicht, wie er das macht, er betet an allen denk­bar unmög­li­chen Orten, aber immer zur rech­ten Zeit. Wir müs­sen nicht mehr dar­über spre­chen, er ist Mos­lem, über­zeugt, tief­gläu­big, ich bin Christ, einer, der eher zwei­felt, aber nicht NEIN sagen will, nicht, dass das alles Unfug ist mit den Jen­seits­ge­schich­ten. Mein Freund und ich lie­ben Jazz. Er ist ein Schlag­zeu­ger von hoher Bega­bung, ich habe ein fei­nes Gehör, das ist die ande­re Sei­te, mein beben­des Zwerch­fell, wenn er spielt. Was das doch für ein Irr­sinn wie­der ist, die­ser Film, die­se Pro­vo­ka­ti­on, dass das nie auf­hört, sag­te er dann doch in mei­ne Rich­tung. Und dass ihm das vor allem so unan­ge­nehm sei, weil wir doch wie Pup­pen sind, die man auf­zie­hen kann, irgend­wo eine böse sati­ri­sche Zeich­nung, und schon tan­zen wir los. — Ja, das ist äußerst selt­sam, die­se Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on über gro­ße Ent­fer­nun­gen hin­weg, die Men­schen­le­ben for­dert. Über­haupt ist das merk­wür­dig, die Schöp­fung, der Tod, das Erzäh­len von der Zeit danach, die Geset­ze, die Bewer­tung nach Gut und Böse. Ich erin­ne­re mich, wie ich vor vie­len Jah­ren ein­mal mit mei­nem Vater vor einem Fern­seh­ge­rät saß. Das war an einem Oster­sonn­tag kurz vor 12 Uhr mit­tags gewe­sen. Auf einem Bal­kon in Rom stand ein alter Mann, er trug einen merk­wür­di­gen Hut auf dem Kopf und sprach in sin­gen­der Wei­se Ver­se, von wel­chen ich ahn­te, dass es sich nur um ein Gebet han­deln könn­te. Das Gebet war in mei­nen Ohren nicht ver­ständ­lich gewe­sen, weil es in ita­lie­ni­scher Spra­che gesun­gen wur­de, aber dann äußer­te sich der geist­li­che Mann plötz­lich in einer mir bekann­ten Spra­che. Mei­ne Mut­ter war indes­sen hin­zu­ge­tre­ten. In genau dem Moment, da der alte Mann sei­nen Segen erteil­te, knie­te sie nie­der und bekreu­zig­te sich. Ich erin­ne­re, mich über ihre Ges­te gewun­dert zu haben, das Knien vor einem Fern­seh­ge­rät. Genau­ge­nom­men wun­de­re ich mich bis heu­te, wie der Segen wan­dert. — stop
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von den vasentieren

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tan­go : 3.15 — Tage­lang habe ich über­legt, ob es sinn­voll ist, über die Exis­tenz der Vasen­tie­re wei­ter nach­zu­den­ken. In die­sem Dis­kurs mit mir selbst, haben mei­ne Vor­stel­lun­gen über das Wesen und die Gestalt der Vasen­tie­re, indes­sen wei­ter an Prä­zi­si­on zuge­nom­men, ohne dass ich das zunächst bemerk­te. Ein­mal war­te­te ich an einer Ampel unter einer Kas­ta­nie. Es war frü­her Abend und ich nutz­te die­se Situa­ti­on des Inne­hal­tens, um mir vor­zu­stel­len, wie es sein könn­te, wenn ich eine Vase wäre. Ich hielt zunächst den Atem an, was eigent­lich nicht not­wen­dig gewe­sen war, Vasen­tie­re dür­fen atmen, Vasen­tie­re müs­sen atmen, und ver­such­te mich so wenig wie mög­lich zu bewe­gen, eine inne­re fes­te Struk­tur aus­zu­bil­den, sagen wir, eben eine Art Behäl­ter zu sein. Das ist gut gelun­gen, auch nach­dem ich von einer Kas­ta­nie auf den Kopf getrof­fen wor­den war, beweg­te ich mich nicht. In die­sem Moment wur­de statt­des­sen deut­lich, dass Vasen­tie­re nie­mals flüch­ten, weil sie nicht flüch­ten wol­len und weil sie nicht flüch­ten kön­nen, ihnen feh­len Füße und Bei­ne. Aber sie haben Augen und Ohren, und sind von ihrer orga­ni­schen Kon­struk­ti­on her begabt, For­men nach­zu­ah­men, die geeig­net sind, tie­fe­re Gewäs­ser in sich aus­zu­bil­den, das ist nicht ver­han­del­bar. Auch nicht, dass sie das Was­ser zur Ver­sor­gung der Pflan­zen, wel­chen sie Her­ber­ge bie­ten, aus der Luft ent­neh­men, sei sie noch so tro­cken. Mög­lich ist, dass Vasen­tie­re, die in der Lage sind, mit­tels ihrer Gedan­ken Bewe­gung zu for­mu­lie­ren, eher unglück­li­che Wesen sein wer­den, dar­an soll­te man unbe­dingt den­ken, ehe man sich an die Ver­wirk­li­chung der Vasen­tie­re machen wird. — stop

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giuseppi logan

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hima­la­ya : 6.45 — Vor zwei oder drei Mona­ten habe ich eine Geschich­te gele­sen, von der ich mich sagen hör­te, sie sei eine Geschich­te, die ich nie wie­der ver­ges­sen wer­de, die Geschich­te selbst und auch nicht, dass sie exis­tiert, dass sie sich tat­säch­lich ereig­ne­te, eine Geschich­te, an die ich mich erin­nern soll­te selbst dann noch, wenn ich mei­nen Com­pu­ter und sei­ne Datei­en, mei­ne Notiz­bü­cher, mei­ne Woh­nung, mei­ne Kar­tei­kar­ten bei einem Erd­be­ben ver­lie­ren wür­de, alle Ver­zeich­nis­se, die ich stu­die­ren könn­te, um auf die Geschich­te zu sto­ßen, wenn sie ein­mal nicht gegen­wär­tig sein wür­de. Die­se Geschich­te, ich erzäh­le eine sehr kur­ze Fas­sung, han­delt von Giu­sep­pi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazz­mu­si­ker, ein Mann von dunk­ler Haut. Logan, so wird berich­tet, atme Musik mit jeder Zel­le sei­nes Kör­pers in jeder Sekun­de sei­nes Lebens. In den 60er-Jah­ren spiel­te er mit legen­dä­ren Künst­lern, nahm eini­ge bedeu­ten­de Free­jazz­plat­ten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Dro­gen und war plötz­lich ver­schwun­den, man­che sei­ner Freun­de ver­mu­te­ten, er sei gestor­ben, ande­re spe­ku­lier­ten, er könn­te in einer psych­ia­tri­schen Anstalt ver­ges­sen wor­den sein. Ein Mann wie ein Black­out. Über 30 Jah­re war Giu­sep­pi Logan ver­schol­len, als man ihn vor weni­gen Jah­ren in einem New Yor­ker Park lebend ent­deck­te. Er exis­tier­te damals noch ohne Obdach, man erkann­te ihn an sei­nem wil­den Spiel auf einem zer­beul­ten Saxo­fon, ein­zig­ar­ti­ge Geräu­sche. Freun­de besorg­ten ihm eine Woh­nung, eine Plat­te wur­de auf­ge­nom­men, und so kann man ihn nun wie­der spie­len hören, live, weil man weiß, wo er sich befin­det von Zeit zu Zeit, im Tomp­kins Squa­re Park näm­lich zu Man­hat­tan. Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. — stop
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winterfliegen

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char­lie : 6.37 — Regen fällt. So viel Regen fällt, dass die Nacht­luft hell wird vom Was­ser. Viel­leicht war es die­se Hel­le, die mich an die Fra­ge nach der Exis­tenz der Win­ter­flie­gen erin­ner­te. Vor eini­gen Tagen hat­te ich mich auf die Suche nach die­ser Spe­zi­es bege­ben. Nicht in der wirk­li­chen, aber in der Welt der Zah­len, wel­che Zei­chen, Bil­der, Fil­me in Licht­ge­schwin­dig­keit durch den Raum trans­por­tie­ren. Ich such­te nach Win­ter­flie­gen vor­nehm­lich in den Maga­zi­nen digi­ta­ler Biblio­the­ken, aber ich habe kei­ne Flie­gen­sor­te gefun­den, die mei­nen Vor­stel­lun­gen einer pola­ren Flie­gen­gat­tung ent­spro­chen haben wür­de, denn die Art der Win­ter­flie­gen soll­te in eisi­ger Umge­bung exis­tie­ren, in Höh­len, stel­le ich mir vor, die sie mit ihren Flie­gen­fü­ßen höchst­per­sön­lich in den Schnee gegra­ben haben. Viel­leicht sind sie von Natur aus eher küh­le Wesen, oder aber sie tra­gen einen Pelz, ein Fell, wie das der Eis­bä­ren, wei­che, wei­ße Män­tel von Haut und Haar, die ihre äußerst lang­sam schla­gen­den Her­zen schüt­zen. Die­se Flie­gen wer­den ein­hun­dert Jah­re oder älter, sie könn­ten sich von feins­ten Stäu­ben ernäh­ren, vom Plank­ton der Luft, das aus wind­ge­beug­ten Wäl­dern ange­flo­gen kommt, Moo­se, Bir­ken­pol­len, Kot­sand von nor­di­schen Füch­sen. Ich stel­le mir vor, dass die­se Flie­gen so weiß sind, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spa­zie­ren. Man wird mei­nen, der Schnee bewe­ge sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, aber statt­des­sen sind es die Flie­gen, die nicht grö­ßer sind als jene Flie­gen, die nacht­wärts in mei­ner Küche im Som­mer aus einem Apfel stei­gen. — stop
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