Aus der Wörtersammlung: sehen

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frau blum

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del­ta : 5.08 — In der Biblio­thek ent­deck­te ich vor eini­ger Zeit einen Zet­tel. Der Zet­tel steck­te in einem Buch, das ich ent­lie­hen hat­te, um nach einer Geschich­te zu suchen, die ich viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben könn­te vor vie­len Jah­ren. Es war eine Geschich­te, die von einem Gespräch erzählt, wel­ches Frau Blum mit ihrem Milch­mann führ­te, in dem sie dem Milch­mann Bot­schaf­ten sen­de­te, ein Ver­hal­ten, das not­wen­dig gewe­sen war, weil Frau Blum übli­cher­wei­se schlief, wenn der Milch­mann früh­mor­gens das Haus besuch­te, in dem sie wohn­te. Die­se Geschich­te, ein wun­der­ba­res Stück, hat Peter Bich­sel geschrie­ben, eine gan­ze Welt scheint in ihr ent­hal­ten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Sei­ten, dass man sie von einer Sta­ti­on zur nächs­ten Sta­ti­on in einer Stra­ßen­bahn rei­send Wort für Wort zu Ende lesen könn­te. Ich erin­ne­re mich, das Buch lag weich in mei­ner Hand, es war etwas schmut­zig, zer­le­sen, auf sei­ner Rück­sei­te waren eini­ge dut­zend Stem­pel­auf­trä­ge zu fin­den, so wie man das frü­her noch mach­te, Bücher mit Rück­ga­be­ter­mi­nen zu ver­se­hen, so dass jeder sehen konn­te, wie oft das Buch bereits gele­sen wor­den war. Die­ses Buch, von dem ich gera­de erzäh­le, war seit über zwan­zig Jah­ren nicht mehr aus­ge­lie­hen wor­den. Ich stell­te mir vor, dass das Bänd­chen viel­leicht hin­ter eine der Bücher­rei­hen gerutscht sein könn­te, wes­we­gen es lan­ge Zeit nicht gefun­den wer­den konn­te. Ver­mut­lich war das Buch längst ver­lo­ren gemel­det, so dass ich ein Buch­ex­em­plar in Hän­den hielt, das in den Ver­zeich­nis­sen der Biblio­thek nicht län­ger exis­tier­te. Ander­seits scheint es mög­lich zu sein, dass das Buch ver­steckt wor­den sein könn­te. Viel­leicht war es von genau jener Per­son ver­steckt wor­den, die den Zet­tel in das Buch gelegt hat­te, eine Per­son, die mög­li­cher­wei­se bereits gestor­ben ist. Das alles ist natür­lich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, allein die Exis­tenz des Zet­tels ist sicher. Dort war in blau­er, akku­ra­ter Schrift zu lesen: Wie man einen Ver­merk schreibt, um sich an gele­se­ne Geschich­ten erin­nern zu kön­nen. – stop
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ai : TASCHIKISTAN

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MENSCH IN GEFAHR: „Der tadschi­ki­sche Staats­bür­ger Alex­an­der Sodiqov, der der­zeit in Kana­da lebt, ist am 16. Juni im Osten Tadschi­ki­stans bei einem For­schungs­auf­ent­halt fest­ge­nom­men wor­den. Es besteht Sor­ge um sei­ne Sicher­heit und Grund zu der Befürch­tung, dass er gefol­tert oder ander­wei­tig miss­han­delt wird. Alex­an­der Sodiqov wur­de am 16. Juni in Chorugh, der Haupt­stadt der Auto­no­men Pro­vinz Berg-Badachschan im Osten des Lan­des, von zwei Ange­hö­ri­gen des Staats­ko­mi­tees für Natio­na­le Sicher­heit fest­ge­nom­men. Alex­an­der Sodiqov lebt der­zeit in Kana­da. Am 16. Juni um 9.30 Uhr Orts­zeit konn­te er sei­ne Frau anru­fen, sag­te ihr jedoch nicht, wo er fest­ge­hal­ten wird. Seit­her fehlt von ihm jede Spur. Amnes­ty Inter­na­tio­nal geht davon aus, dass er bis­her kei­nen Zugang zu einem Rechts­bei­stand hat. / Alex­an­der Sodiqov ist Dok­to­rand an der Uni­ver­si­tät Toron­to. Er recher­chier­te in Tadschi­ki­stan für das Pro­jekt Rising Powers and Con­flict Manage­ment in Cen­tral Asia (Auf­stre­ben­de Mäch­te und Kon­flikt­ma­nage­ment in Zen­tral­asi­en) des Bri­ti­schen Wirt­schafts- und Sozi­al­for­schungs­rats, an dem die Uni­ver­si­tät New­cast­le und die Uni­ver­si­tät Exe­ter betei­ligt sind. Sei­ne Fest­nah­me erfolg­te, als er gera­de ein Inter­view mit dem zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akti­vis­ten und stell­ver­tre­ten­den Lei­ter des regio­na­len Arms der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Tadschi­ki­stans, Alim Sherz­a­mo­nov, führ­te. / Am 17. Juni durch­such­ten Polizeibeamt_innen das Haus von Alex­an­der Sodiqovs Mut­ter in der Haupt­stadt Duschan­be und nah­men diver­se Com­pu­ter und Daten­spei­cher­ge­rä­te mit. Am 17. Juni gab das Staats­ko­mi­tee für Natio­na­le Sicher­heit eine Stel­lung­nah­me ab, in der Alex­an­der Sodiqov Spio­na­ge­tä­tig­kei­ten für aus­län­di­sche Regie­run­gen vor­ge­wor­fen wer­den. Laut Berich­ten der Nach­rich­ten­agen­tur Asia Plus und von Radio Free Europe/Radio Liber­ty erschien Alex­an­der Sodiqov am Abend des 18. Juni und am Mor­gen des 19. Juni im Lokal­fern­se­hen in Badachschan und sprach über die Situa­ti­on in der Auto­no­men Pro­vinz. Radio Free Euro­pe berich­te­te, dass man­che Beob­ach­ter der Ansicht waren, das Film­ma­te­ri­al sei edi­tiert wor­den. Am 19. Juni sag­te der Lei­ter des Staats­ko­mi­tees für Natio­na­le Sicher­heit, Sai­mu­min Yati­mov, dass aus­län­di­sche Spio­ne unter dem Deck­man­tel von NGOs in Tadschi­ki­stan ope­rier­ten und ver­such­ten, die Sicher­heit im Land zu unter­gra­ben. / Alex­an­der Sodiqov wird nun schon seit 72 Stun­den fest­ge­hal­ten und muss daher gemäß den tadschi­ki­schen Geset­zen ent­we­der ange­klagt oder frei­ge­las­sen wer­den.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 31. Juli 2014 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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mosul

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india : 4.38 — Auf Ton­do­ku­ment 150105 ent­deck­te ich mei­ne Stim­me. Ich konn­te mich an Gedan­ken, die ich vor lan­ger Zeit in mein Auf­nah­me­ge­rät gespro­chen hat­te, nicht erin­nern. Es war so gewe­sen, als ob ein ande­rer mit mei­ner Stim­me gespro­chen haben wür­de. Ich beob­ach­te­te damals eine Uhr, wäh­rend ich erzähl­te, was ich sah. Es war ver­mut­lich die Uhr eines bota­ni­schen Gar­tens. Die Stim­me eines fröh­li­chen Kin­des sprach von der Schön­heit blü­hen­der Kak­teen in mei­ner Nähe. Ich sag­te: Über einer höl­zer­nen Schwing­tü­re wur­de eine Uhr befes­tigt, die sich sel­ten bewegt. Man scheint immer nur das Ergeb­nis der Bewe­gung des Minu­ten­zei­gers zu sehen, nie die Bewe­gung selbst, weil sie sich rasend schnell voll­zieht. Man muss dar­um eine Zeit lang war­ten, bis man tat­säch­lich wahr­neh­men kann, dass der Zei­ger sich bewegt. Es ist drin­gend erfor­der­lich, die Augen nicht zu schlie­ßen und sich zugleich das Ant­litz der Uhr­schei­be gut ein­zu­prä­gen. Zu war­ten lohnt sich. — Fünf Uhr sechs­und­drei­ßig in Mos­ul, Irak. — stop
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bumerangkäfer no 2

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echo : 3.01 — Heu­te Nacht erleb­te ich ein lus­ti­ges Déjà-vu. Das war unge­fähr so gewe­sen, dass ich in dem Moment des Déjà-vus gera­de bei geöff­ne­ten Fens­tern Schif­fe beob­ach­te­te, die auf mei­nem Bild­schirm durch einen weit ent­fern­ten Hafen pen­del­ten in ech­ter Zeit. Es war kurz nach zwei Uhr, da lan­de­te ein Mari­en­kä­fer auf mei­ner lin­ken Wan­ge. Ich konn­te mich, wie schon im ver­gan­ge­nen Jahr, nicht ent­schei­den, ob das viel­leicht ein Zufall gewe­sen war. Indem ich das rech­te Auge schloss, aber mit dem lin­ken Auge so weit wie mög­lich nach unten sah, konn­te ich die halb­ku­gel­för­mi­ge Wöl­bung sei­nes Rückens erken­nen. Und ich spür­te eine leich­te Bewe­gung, der Käfer schien mich zu betas­ten. Natür­lich über­leg­te ich sofort, ob es sich bei die­sem Käfer nicht um ein fern­ge­steu­er­tes Wesen han­deln könn­te, das mich besuch­te, um Pro­ben von mei­ner Kör­per­ober­flä­che auf­zu­neh­men. Nach eini­gen Minu­ten ver­än­der­te der Käfer sei­ne Posi­ti­on, er ging zu Fuß, klet­ter­te an mir her­ab, saß für eini­ge Minu­ten an mei­nem Hals, dort konn­te ich ihn weder sehen noch spü­ren, um kur­ze Zeit spä­ter auf mei­nem Hemd zu erschei­nen, wo er sich sehr wohl­ge­fühlt haben moch­te, weil er dort eine gute Stun­de sei­ner Lebens­zeit ver­brach­te. Viel­leicht hat­te der Käfer geschla­fen, oder sich von Stra­pa­zen erholt, die mir unbe­kannt. In die­sem Moment nun, da ich mei­nen Text notie­re, sitzt der in Wör­tern ver­merk­te Käfer am lin­ken unte­ren Rand des Bild­schir­mes mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Er presst sich fest an das Gehäu­se. Wei­te­re Käfer sit­zen an den Wän­den, es sind ein gutes Dut­zend, auch Käfer mit gel­bem Gehäu­se sind dar­un­ter. Ges­tern habe ich beob­ach­tet, dass gelb Käfer mit vier­und­zwan­zig Punk­ten, wenn ich sie behut­sam in eine mei­ner Hän­de set­ze und in die Dun­kel­heit wer­fe, sofort wie­der zurück­kom­men. Man könn­te sagen, dass es sich bei die­ser Art um Bume­rang­kä­fer han­deln könn­te. In die­sem Jahr tra­gen sie Strei­fen. — stop
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tian’anmen

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nord­pol : 2.21 — Ich erin­ne­re mich an ein Gespräch vor fünf Jah­ren mit Din. Ihre lei­se sin­gen­de Stim­me. Sie sei, als die Pan­zer kamen, in eine Sei­ten­stra­ße geflüch­tet. Wie sie ihre Augen schloss, wie sie sag­te, sie habe kei­ne Men­schen mehr gese­hen nach kur­zer Zeit, eini­ge Freun­de nur, die sich an Häu­ser­wän­de drück­ten. Die Hand ihrer gro­ßen Schwes­ter. Die Druck­luft, die auf ihrem klei­nen Kör­per beb­te. Aber Men­schen­stil­le. Wie sie nach Wör­tern such­te, nach Wör­tern in deut­scher Spra­che, die geeig­net gewe­sen wären, zu beschrei­ben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fort­set­zung ihrer Erzäh­lung war­te­te, hör­te in ihrem Kopf. Das fei­ne, selt­sa­me Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Aus­druck mei­ner Augen bemerkt, dass ich wahr­ge­nom­men haben könn­te, dass die Bil­der, die ich wuss­te, tat­säch­lich gesche­hen waren, das Mas­sa­ker auf dem gro­ßen Platz, stol­pern­de Men­schen, Men­schen auf Bah­ren, zer­malm­te Fahr­rä­der, der Mann mit Ein­kaufs­tü­ten in sei­nen Hän­den auf der Para­de­stra­ße vor einem Pan­zer ste­hend. Dann die Flucht ins häus­li­che Leben zurück wie in ein Ver­steck, das stum­me Ver­schwin­den jun­ger Leben für immer. -Du soll­test mit Stäb­chen essen, sag­te Din, das machst Du so, schau! — stop

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tucholsky : dos passos

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echo : 5.32 — Um kurz nach vier Uhr ent­de­cke ich das Patent eines Büro­stuhls, der sich mit Strom ver­sor­gen lässt, um Schla­fen­de durch leich­te oder mit­tel­schwe­re elek­tri­sche Schlä­ge zu wecken. Kurz dar­auf, schon hell, ein Text Kurt Tuchol­skys aus dem Jahr 1928. Ich zitie­re: John Dos Pas­sos, ›Man­hat­tan Trans­fer‹ Da ist ›Man­hat­tan Trans­fer‹ von John Dos Pas­sos (bei S. Fischer in Ber­lin). Die­ser hal­be Ame­ri­ka­ner, des­sen ›Drei Sol­da­ten‹ (im Malik-Ver­lag) gar nicht genug zu emp­feh­len sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich den­ke, dass die Mode der ame­ri­ka­ni­schen Roma­ne, die uns die Ver­le­ger und die Snobs durch Über­maß sacht zu ver­ekeln begin­nen, nach­ge­las­sen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil ner­vö­se und wenig erfolg­rei­che Reak­tio­nä­re der Lite­ra­tur, zum Bei­spiel in den ›Münch­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten‹, gegen die Über­set­zun­gen aus dem Fremd­län­di­schen pol­tern –, son­dern weil es zwi­schen der Hys­te­rie der Anbe­tung und der Neur­asthe­nie der Ver­dam­mung ein ver­nünf­ti­ges Mit­tel­maß gibt. Man soll frem­de Län­der ken­nen­ler­nen – man soll sie nicht sofort seg­nen und nicht gleich ver­flu­chen. ›Man­hat­tan Trans­fer‹ ist ein gutes Buch – die Ame­ri­ka­ner haben sich da einen neu­en Natu­ra­lis­mus zurecht­ge­macht, der zu jung ist, um an den alten fran­zö­si­schen her­an­zu­rei­chen, aber doch fes­selnd genug. Es sind Foto­gra­fien, nein, eigent­lich gute klei­ne Radie­run­gen, die uns da gezeigt wer­den; ob sie echt sind, kann ich nicht beur­tei­len, die Leu­te, die lan­ge genug drü­ben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Groß­stadt dar­in, eine männ­li­che Lyrik. Der Ein­sa­me auf der Bank: »Fein hast du dein Leben ver­saut, Josef Har­ley. Fünf­und­vier­zig und kei­ne Freu­de und kei­nen Cent, um dir güt­lich zu tun.« Das hat ein­mal so gehie­ßen: »Qu’as tu fait de ta jeu­nesse?«, und das ist von Ver­lai­ne und ist schon lan­ge her, aber doch neu wie am ers­ten Tag. Das Mäd­chen da liegt auf ihrem Zim­mer in der gro­ßen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bett­kan­te sitzt, und da ist eine Frau, sei­ne Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötz­lich sieht er, dass er »hage­re röt­li­che Füße hat, von Trep­pen und Trot­toirs ver­krümmt. Auf bei­den klei­nen Zehen saß ein Hüh­ner­au­ge.« Und da hat er Mit­leid mit sich und weint. Das Buch ist auch for­mal gut – Dos Pas­sos ist nicht nur ein Dich­ter, son­dern auch ein begab­ter Schrift­stel­ler. Sehr hübsch ist die­se Denk­fi­gur, der man öfter bei ihm begeg­net: »Auf dem Trep­pen­ab­satz befand sich ein Spie­gel. Kapi­tän James Meri­va­le blieb ste­hen, um Kapi­tän James Meri­va­le zu betrach­ten.« Und die­se, die gra­de­zu pro­gram­ma­tisch ist und viel tie­fer als sie, leicht­ge­fügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähn­li­che Dreh­tür des Stils steht bei Sin­clair Lewis, im ›Elmer Gan­try‹, einem Buch von dem hier noch aus­führ­lich die Rede sein soll … Ein ein­zi­ger Klub, heißt es da, wird Herrn Gan­try, den Pre­di­ger, viel­leicht auf­neh­men. »Des Anse­hens wegen. Um zu bewei­sen, dass sie unmög­lich den Gin in ihren Schrän­ken haben kön­nen, den sie in ihren Schrän­ken haben.« Die Über­set­zung von ›Man­hat­tan Trans­fer‹ durch Paul Bau­disch ist sau­ber und anstän­dig. Klei­ne Anmer­kung: Man sagt im Deut­schen kaum: »Das macht mich zipf­lig« –, son­dern wohl immer: »Das macht mich kribb­lig«. Und was ist dies hier? »Dü Mau­re­ta­nia läuft öben eun; vür­und­zwan­zig Stun­den Ver­spö­tung« – Spricht eine alte gezier­te Dame so? ein Ober­hof­pre­di­ger? Nein, das ist die Über­set­zung irgend­ei­nes ›slang‹, und die Män­ner, die sich mit Über­tra­gun­gen aus dem Eng­li­schen befas­sen, soll­ten sich das abma­chen. — Der Mor­gen kommt. Tau­ben sit­zen auf dem Fens­ter­brett. Sie haben tief geschla­fen. — stop
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silent bob

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reming­ton : 1.55 — Mor­gen, am spä­ten Nach­mit­tag, wer­de ich zu mei­ner gro­ßen Freu­de am Hals lin­ker Hand von einer Blu­me besie­delt wor­den sein, von einem Haut­le­ber­blüm­chen, genau­er, das mir Sil­ent­Bob vor Jah­ren ein­mal in dem Moment sei­ner Erfin­dung schenk­te. Die klei­ne Pflan­ze soll sich gefahr­los mit mei­nem Kör­per­ge­we­be ver­bin­den, zwei oder drei Wur­zel­fä­den, die nicht sehr tief in mich ein­drin­gen wer­den. Unsi­cher ist noch, inwie­weit sich das gemei­ne Haut­le­ber­blüm­chen fort­set­zen wird, ob es mich viel­leicht weit­räu­mig besie­deln könn­te. Es soll sehr schön leuch­ten im Dun­keln, sechs blätt­ri­ge Blü­ten, und duf­ten, wir wer­den sehen. — stop
polaroidupperbay

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ein unfall

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whis­key : 3.05 — Es war ges­tern Nacht um kurz nach drei Uhr, da ist etwas Schreck­li­ches gesche­hen. Eine Kaf­fee­tas­se fiel mir aus der Hand in genau dem Moment, da ich Esme­ral­da auf dem Weg von der Küche in mein Arbeits­zim­mer pas­sier­te. Die klei­ne Schne­cke war mir auf dem Fuß­bo­den ent­ge­gen­ge­kom­men, viel­leicht woll­te sie nach­se­hen, wo ich geblie­ben war. Natür­lich wur­de sie von der Tas­se getrof­fen, ich hör­te ein hel­les Geräusch, die Tas­se zer­brach, Kaf­fee spritz­te gegen die Wän­de, und ich dach­te, dass Esme­ral­da die­sen Unfall nicht über­lebt haben könn­te. Ich rief: Esme­ral­da! Um Him­mels­wil­len! Und ging in die Knie. Aber anstatt eines Kalk­stein­scher­ben­hau­fens, fand ich eine äußer­lich voll­stän­dig intak­te Schne­cke vor, die sich aller­dings nicht beweg­te, ver­mut­lich des­halb, weil sie erschro­cken gewe­sen war. Ich hob sie vor­sich­tig auf, setz­te sie in der Küche auf einen Tel­ler und war­te­te. Es dau­er­te unge­fähr drei Stun­den, bis Esme­ral­da wie­der Zei­chen von Leben zeig­te. In die­ser Zeit wich ich nicht von ihrer Sei­te, berühr­te sie immer wie­der vor­sich­tig, um sie zu wecken, rede­te ihr gut zu, ein­mal ent­schul­dig­te ich mich für mei­ne Unacht­sam­keit. Esme­ral­das Kör­per schien in mei­nen Augen hel­ler gewor­den zu sein, er schim­mer­te, plötz­lich streck­te sie einen Füh­ler nach mir aus und so war ich unver­züg­lich wie­der glück­lich gewor­den. Seit­her sind bei­na­he 24 Stun­den ver­gan­gen. Ich kann in die­sem Augen­blick noch nicht sagen, ob Esme­ral­das Kri­se über­stan­den ist, denn sie ver­hält sich wei­ter­hin merk­wür­dig, kriecht den Rand des Tel­lers ent­lang, ohne eine Pau­se ein­zu­le­gen, immer im Kreis her­um, immer im Kreis her­um. Zeit­wei­se folg­te ich ihr mit einer Lupe, um ihr Gehäu­se nach Bruch­spu­ren zu unter­su­chen. Nicht der kleins­te Riss war zu erken­nen, nicht ein­mal ein Abrieb, ich konn­te den Ort, da die Tas­se auf ihrem Gehäu­se zer­schell­te, nicht fin­den. Und so läuft Esme­ral­da immer wei­ter im Kreis her­um. — stop

nach­rich­ten von esmeralda »
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time

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sier­ra : 0.52 — Vor weni­gen Tagen habe ich eine klei­ne digi­ta­le Maschi­ne gekauft. Die­se Maschi­ne ver­mag die Zeit zu mes­sen, wel­che ich in der einen oder ande­ren Auf­ga­be befind­lich ver­brin­ge. Sie sum­miert sozu­sa­gen Sekun­den, Minu­ten, Stun­den heim­lich für mich, damit ich, sobald Abend gewor­den ist, nach­se­hen kann, wo ich mich über­all wäh­rend des Tages arbei­tend auf­ge­hal­ten habe. Nun ist etwas Selt­sa­mes zu bemer­ken, dass ich näm­lich Auf­ga­ben erfin­de, indem ich ver­trau­te Auf­ga­ben in klei­ne­re Auf­ga­ben­seg­men­te zer­le­ge, sodass sie wie neue Auf­ga­ben vor mei­nen Augen oder den Augen der Maschi­ne erschei­nen. Die Auf­ga­be der Kor­re­spon­denz bei­spiels­wei­se, lässt sich in E‑Mail‑, Papier­brief- und tele­fo­ni­sche Kor­re­spon­denz zer­glie­dern. Ganz neu ist außer­dem, dass ich der Maschi­ne Anwei­sung erteil­te, Lese­zei­ten zu notie­ren, wie lan­ge Zeit ich in den Erzäh­lun­gen John Updi­kes ver­brach­te. Oder der Vor­gang nächt­li­cher Fle­der­maus­be­ob­ach­tung. Auch die Betrach­tung der Maschi­ne selbst wird von der Maschi­ne wahr­ge­nom­men und auf­ge­zeich­net. — Schluss jetzt. Es ist Frei­tag. Bei­na­he Schnee­fall. Guten Mor­gen. — stop

polaroidelefanten

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lichtschirmkoffer

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reming­ton : 6.56 — Beob­ach­te­te wie­der ein­mal mei­nen Fern­seh­bild­schirm, der so flach ist, dass ich mei­ne, das beweg­te Bild, wel­ches er emp­fängt, müss­te trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flü­gel. Ich könn­te in die­ser Vor­stel­lung durch das Zim­mer lau­fen, um jene Sequen­zen, die von einem begin­nen­den Krieg, von Brand­bom­ben, prü­geln­den Men­schen, mas­kier­ten Sol­da­ten erzäh­len, von der ande­ren Sei­te her zu betrach­ten. Erin­ne­re mich an Boh­u­mil Hra­bal, von dem berich­tet wird, er wür­de bevor­zugt hin­ter sei­nem Fern­seh­ge­rät Platz genom­men haben. Das muss zu einer Zeit gewe­sen sein, als Bild­schir­me in den Rah­men mons­trö­ser Appa­ra­tu­ren hock­ten, Röh­ren­bild­schir­me genau­er, die noch explo­die­ren konn­ten. Indem Hra­bal sei­nen Bild­emp­fän­ger von hin­ten betrach­te­te, han­del­te er mit dem Aus­druck äußers­ter Ver­wei­ge­rung, er saß dort und konn­te sich dar­auf ver­las­sen, kei­nes der emp­fan­ge­nen Bil­der sehen zu kön­nen, er war genau dort hin­ter jener Maschi­ne, die die Bil­der erzeug­te, vor den Bil­dern sicher. Viel­leicht hat­te er über­dies das Fern­seh­ge­rät aus­ge­schal­tet, ich weiß es nicht, gern wür­de ich ihn fra­gen, ihm erzäh­len, wie ich das mache in die­sen Tagen, da ich nicht mehr sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­schei­den zu kön­nen. Ich höre Stim­men der Kom­men­ta­to­ren vom Arbeits­zim­mer her, die wei­ter spre­chen, obwohl ich nicht da bin. Und ich höre den Regen, es reg­net tat­säch­lich, dann hört es wie­der auf. Nacht­vö­gel oder Fle­der­mäu­se flie­gen vor­über. — stop

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