barfuß

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echo : 0.10 — Sobald ich mit der Hand Zeichen auf ein Blatt Papi­er notiere, der Ein­druck, ich würde keine Schuhe tra­gen. Warum?

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yanuk : lichtmaschine

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india

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, seit acht Tagen Regen. Ver­brachte zulet­zt sechs Stun­den an den Stamm meines Baumes gefes­selt, um nicht vom Sturm in die Tiefe geris­sen zu wer­den. Gestern, sehr früh in der Mor­gendäm­merung, dann auf Höhe 152 zurück­gekehrt. Das Lager, ram­poniert. Ein paar Affen, Tama­rine, haben sich bre­it gemacht, musste kämpfen, ehe sie die Plat­tform räumten. Habe meine Vor­räte zum Trock­nen aus­ge­bre­it­et, Nüsse, vor allem Nüsse, und ein paar Fleis­chkon­ser­ven sind da noch und etwas Brot, das hof­fentlich nicht schim­meln wird. Bin jet­zt ohne Licht­mas­chine, der Sturm hat sie mit sich fort­geris­sen. Aber die Ameisen sind zurück, du erin­nerst Dich, träge Ameisen­tiere, die nach Lan­gusten schmeck­en. Deshalb ohne Furcht, habe Trinkwass­er im Über­fluss. Werde mor­gen weit­er zu den Fröschen sprechen. Wie selt­sam, meine Stimme aus ihren Schall­beuteln zu vernehmen. So deut­lich flüstern sie mir nach, als ob keine andere, als die men­schliche Sprache, ihnen je zu Ohren gekom­men wäre. Erstaunliche Ent­deck­ung. Welchen Namen, frage ich Dich, soll ich ihrer Gat­tung geben? — Yanuk

einge­fan­gen
20.57 UTC
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yanuk to louis »

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sonarhupen

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tan­go : 0.52 — Abends seewärts im Pal­men­garten. Notierte das Wort Venen­stern in die Mas­chine. Ein Fal­ter set­zte sich auf den beleuchteten Bild­schirm und tastete mit seinen Füh­lern nach den Zeichen des Wortes, vielle­icht deshalb, weil das leuch­t­ende Weiß des Bild­schirmhin­ter­grun­des Luft, die Zeichen dage­gen ein Etwas bedeuteten, einen Schat­ten, mit dem kom­mu­niziert wer­den kon­nte. — Habe beobachtet, dass ich, wenn ich mit meinen Ohren nach Geräuschen suche, die nicht hör­bar sind, meine Augen öffne so weit ich kann. — Ein­mal, für eine Stunde nur, über das Ver­mö­gen ver­fü­gen, den Sonarhu­pen der Abend­segler lauschen zu kön­nen. 

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hieroglyphe

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tan­go : 0.05 — Eine Schreib­mas­chine, die jedes Zeichen, das ich notiere, im Moment der Spe­icherung in eine Hiero­glyphe ver­wan­delt, so dass ich schreibe ein­er­seits, also einen Text spe­ichere, ander­seits nicht sofort wieder­holend lesen kann, was ich für mich oder andere aufge­hoben habe. Schreiben. Denken. Auf dem Wass­er laufen. — Eine vernün­ftige, das heißt, eine gute Schreib­mas­chine, ist mit dem Inter­net niemals ver­bun­den.

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schreibmaschine

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echo : 0.03 — Ein Mann. Der Mann sitzt auf auf ein­er Straßenkreuzung vor ein­er schw­eren Schreib­mas­chine. Langsam, Zeichen für Zeichen, notiert er einen Text, in dem er für jeden Buch­staben, den zu schreiben er sich vorgenom­men hat, weit ausholt und seine Hand mit Kraft auf die Tas­tatur nieder­sausen lässt. Als ich näher komme, ent­decke ich, dass der Mann eine Erzäh­lung Her­man Melvilles notiert. WAS! ruft der Mann, Sie haben von diesem Buch noch nie gehört! Na, dann kom­men sie wieder in zwei Tagen und acht Minuten, dann wird alles fer­tig sein und sie kön­nen das Buch mit­nehmen und lesen und weit­er­schreiben, sobald sie wach gewor­den sind.

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taucher

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himalaya : 0.12 — Men­schen, die tele­fonierend in U-Bah­nen sitzen, machen Geräusche, als funk­ten sie aus ein­er anderen Zeit herüber, als wären sie Kon­serve, als würde eine uralte Schallplat­te abge­spielt, als wür­den sie in einem U-Boot langsam sinken, kreis­chende, knis­ternde, krachende Töne aus ton­nen­schw­er­er Tiefe, aus dem Infer­no spie­len­der Krak­en Stim­men, die Frag­mente flüstern, so dass man nur noch ver­dammte let­zte Dinge antworten kann. Dann aber Stille. Ein weit­eres Ende. Man ste­ht herum, man weiß nichts zu tun, man öffnet die Tür, Salz stürzt die Treppe her­auf, und Luft, eine Welle feuchter Luft, vom Wass­er gehet­zt, das bere­its um die Ecke don­nert. Kaum hat man einen Gedanken gefasst, ist alles geflutet, der Flur, das Bad, die Lunge. Jet­zt treiben sie here­in, schweben in der Küche herum, machen Zeichen und Sätze, bericht­en von kleinen Schreibtis­chkriegen, Kom­man­dan­ten der Tage.

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herzgeräusch

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echo : 2.08 — Gespräch über Geräusche, die men­schliche Herzen erzeu­gen. Wun­dere mich, sagte ich, dass ich Deines nicht höre. Wun­dere mich über die Stille, die in Konz­ert­sälen für Minuten herrschen kann. Fün­f­tausend schla­gende Herzen und doch diese Stille.

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gehirn und alter

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romeo : 10.12 — Irgen­det­was in meinem Gehirn scheint sich verän­dert zu haben. Ich kann das unge­fähre Alter der Men­schen nicht mehr erken­nen. Ich kann mit Sicher­heit noch sagen, dieser Mann ist sehr alt oder diese Frau ist sehr jung.

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george w. bush

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tan­go : 14.12 — Mr. Bush mit Gat­tin auf Bild­schirm. Wieder die Wahrnehmung, dass nicht der Präsi­dent, son­dern Mrs. Lau­ra Bush mir äußerst unheim­lich ist. – Lasst uns nicht trauern um die Gefal­l­enen, son­dern froh sein, dass diese Men­schen gelebt haben. – Mr. Allis­ter [ Mil­itärp­far­rer ] am 8. Tag der Bode­nof­fen­sive kurz vor Bag­dad.

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brooklyn

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MELDUNG. Brook­lyn, 201 Colum­bia Heights, 7. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 122 [ Mar­mor, Car­rara : 2.11 Gramm ] vol­len­det. — stop
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eisenbahn

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nord­pol : 15.02 — Als ich gestern Nach­mit­tag mit ein­er Such­mas­chine in Sam­melord­nern des Jahres 2003 nach Notiz­tex­ten forschte, die ich in den Tagen des Irakkrieges notiert haben kön­nte, ent­deck­te ich eine Pas­sage, die von einem Loch in meinem Persertep­pich erzählt. Ich kon­nte das Loch damals von mein­er Posi­tion aus als Beobachter auf dem Sofa vor dem Fernse­hbild­schirm gut erken­nen. Ich erin­nere mich, dass ich mich wun­derte, dieses Loch nun plöt­zlich zu betra­cht­en, obwohl ich viele Jahre die Ver­let­zung des Tep­pichs, eine Scharte von der Bre­ite ein­er Hand, nicht wahrgenom­men hat­te. Ich glaube, ich hat­te die Geschichte, die davon erzählt, wie das Loch in den Tep­pich gekom­men war, ganz ein­fach vergessen. Aber dann war sie plöt­zlich gegen­wär­tig, weil ein amerikanis­ch­er Panz­er während ein­er Liveauf­nahme in Bag­dad ein Hotel beschossen hat­te, in dem sich Jour­nal­is­ten befan­den. Die Granate des Panz­ers traf einen Balkon und auf diesem Balkon einen Kam­era­mann, dessen Kör­p­er, der noch heftig blutete, mit dem Aufzug ins Foy­er gefahren wurde. Eine Stimme auf dem Bild­schirm kom­men­tierte das Geschehen mit dem Satz, der Jour­nal­ist habe sich im falschen Moment am falschen Ort befun­den. Und da war nun jene Geschichte von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde wieder in mein Bewusst­sein zurück­gekehrt, die Geschichte, die vom Loch in meinem Persertep­pich erzählte. Ich saß auf dem Sofa und notierte, dass ich mich wun­dere, und ich betra­chtete den Tep­pich und das Loch, das von dem Split­ter ein­er britis­chen Granate im Jahr 1942 in das Gewebe geris­sen wor­den war, und für einen Augen­blick sah ich meinen Vater, ein Kind, wie er auf diesem Tep­pich, der sein Tep­pich gewe­sen war, spielte, vielle­icht mit ein­er Eisen­bahn aus Bunt­met­all, die er ger­ade noch rechtzeit­ig aufge­hoben haben kön­nte und mitgenom­men in den Luftschutzkeller.

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die sonne ist rund

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india : 5.08 — Wie in schwieriger Zeit im Schlaf die Welt nach und nach neu geord­net wird, kein Stein bleibt auf dem anderen. Jed­er begin­nende Tag, ein Tag vor unbekan­nter Land­schaft. Jede erlebte Geschichte erzählt sich, als wäre sie nie geschehen. Die Sonne ist rund.

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mund ohne zunge

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marim­ba : 5.15 — Schon immer bin ich ein Träumer gewe­sen, saß auf Bäu­men, kam zu spät zur Schule oder zum Mit­tagessen, Fußball­spiele ende­ten ohne mich, Züge fuhren in die falsche Rich­tung mit mir davon. Ein­mal küsste ich ein Mäd­chen solange ich kon­nte, das heißt, sie küsste mich solange sie wollte, weil die Zeit, von der ich erzäh­le, eine Zeit gewe­sen war, in der die Mäd­chen sich die Jun­gen zum Küssen holten, weil die Jun­gen noch mit Eisen­bah­nen oder anderen Jun­gen spiel­ten. Während sie ihren sehr kühlen Mund auf meinen sehr kleinen Mund presste, sah sie auf die Uhr und manch­mal lacht­en wir, ohne die Lip­pen voneinan­der zu lösen, weil die Winde aus unseren Nasen sich über unseren Wan­gen kreuzten. Bald sagte sie, eine Minute, und dann sagte sie, zwei Minuten, und so eil­ten wir von Reko­rd zu Reko­rd, zit­ternde Wesen ohne Zun­gen. Schon damals trug ich eine innere Uhr mit mir herum. Ich hat­te eine genaue Vorstel­lung, wo diese Uhr zu find­en sein musste. Nicht im Kopf, nicht in der Nähe mein­er Ohren, dort wäre ihr Zählw­erk zu hören gewe­sen. Und ich wusste, dass man sich auf innere Uhren, auf Kör­pe­ruhren, nicht ver­lassen kon­nte, nicht wenn man ger­ade noch von einem Mund geküsst wor­den war.

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geraldine : limonade

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echo

~ : geral­dine
to : louis
sub­ject : LIMONADE

Lieber Mr. Louis, stellen Sie sich vor, heute habe ich einen Vogel gefüt­tert. Ich lag, wie jeden Tag seit wir New York ver­lassen haben, auf ein­er Liege an Deck und habe geschlafen. Als ich meine Augen öffnete, saß eine Möwe vor mir auf der Rel­ing. Ich habe mich vor­sichtig aufge­set­zt und etwas Brot in die Luft gewor­fen und die Möwe hat das Brot gefan­gen und ist sofort weit­erge­flo­gen. Seit gestern haben wir viel Wind. Papa kommt immer wieder vor­bei und schaut nach mir, aber es geht ihm nicht gut, ihm ist übel und auch Mama liegt im Bett, weil sie bei­de seekrank sind. Ich glaube, sie wis­sen jet­zt wie ich mich füh­le, immerzu füh­le. Sie sehen bei­de gar nicht gut aus. Mir aber scheinen die hohen Wellen nichts auszu­machen, ich sitze oder liege und schaue auf das Meer und hoffe, dass die Sonne nicht unterge­hen wird, bis wir in Europa sein wer­den. Die Möwen sind still hier draußen. Vielle­icht wird ihr Schreien vom Wind fort getra­gen. Ein wirk­lich kräftiger und küh­ler Wind, und der junge Kell­ner, der Stew­art, wie man hier sagt, muss sich gegen ihn stem­men, wenn er über das Deck zu mir kommt. Er ken­nt meinen Namen. Er sagt, Mrs. Geral­dine, ich soll mich um Sie küm­mern, wollen Sie eine Limon­ade. Ja, und immer will ich sofort eine Limon­ade. Sie ist blau, Mr. Louis, noch nie zuvor habe ich blaue Limon­ade getrunk­en, sehr süße blaue Limon­ade, die nach Lakritze schmeckt. Ich sehe gerne seinen Hän­den zu, wie er die Flasche für mich öffnet, weil ich doch kaum Kraft habe die Flasche selb­st zu öff­nen. Er hat mir gestern gesagt, Mr. Louis, dass ich sehr schön sei, fast durch­sichtig, und dass er sich sehr gerne mit mir unter­hal­ten würde. Sein Blick ist trau­rig, ich kann nicht sagen, warum er so trau­rig ist, wenn er mich anschaut. Manch­mal schlägt er die Augen nieder, wenn ich ihn anse­he. Ich habe mir gedacht, dass er vielle­icht seine Gedanken vor mir ver­ber­gen möchte. Ich weiß jet­zt, dass ich nicht schreien werde, wenn er mich bald ein­mal küssen wird. Ich bin so müde, Mr. Louis, ich bin 20 Jahre alt, aber ich bin unendlich müde. Höre auf zu schreiben für heute: Ich grüße Sie her­zlich. Ihre Geral­dine auf hoher See.

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fan­gen am 24.6.2008
22.15 MESZ

geral­dine to louis »

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panzerwesen

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delta : 5.05 — Selt­same Panz­er­we­sen, die heute Nacht über meinen Schreibtisch taumeln. Sind wie besof­fen. Sind, während ich in Jürg Fed­er­spiels Typhoid Mary las, weiß Gott woher aufge­taucht, manche paar­weise an ihren Hin­terteilen ver­lötet. Schwarz sind sie, tin­ten­schwarz, und riechen streng nach Muskat und diesen Din­gen. In näch­ster Nähe, zur sel­ben Zeit, zwei sehr kleine Fliegen, eine gelb, die andere grau und schwarz. Entwed­er auch hier etwas Liebe oder aber die dun­kle Fliege saugt der hellen Fliege das Leben aus dem Hals. — 4 Uhr 25. Däm­merung. Minuten­weise ver­längert sich die Nacht.

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nichts nicht verbergen

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lima : 22.01 — Einen Gegen­stand mit Gedanken durch­drin­gen. Halt­bar machen. Eine Geschichte, eine schwierige Geschichte, zur Erfahrung notieren. Nicht im Schreiben liegt die Schwierigkeit, son­dern darin, so zu leben, daß das zu Schreibende ganz natür­lich entste­ht. Etwas heute beina­he Unmöglich­es; aber ich kann mir keinen anderen Weg vorstellen. Dich­tung als Ent­fal­tung, Blüte, oder nichts. Alle Kun­st der Welt kön­nte dieses Nichts nicht ver­ber­gen. Philippe Jac­cot­tet Fliegende Saat

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schreibtischkäfer

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echo : 1.52 — Seit ein­er Stunde genau wohnt ein Käfer auf meinem Schreibtisch. Der Käfer ist so klein, dass ich ihn zunächst nicht sehen kon­nte, aber ich kon­nte ihn riechen, er roch nach heißem Zinn, was doch sehr selt­sam war, weil der Käfer, als ich ihn nach län­ger­er Suche endlich gefun­den hat­te, kühl, wenn nicht kalt in mein­er Hand auf dem Rück­en lag. Ich war zunächst in die Küche gewan­dert, um nach meinem Bügeleisen zu sehen, dann öffnete ich die Woh­nungstür, inspizierte meinen Kühlschrank, prüfte den Zus­tand mein­er Nase, und kehrte an den Schreibtisch zurück. Jet­zt hat­te sich der Käfer durch Bewe­gung verdächtig gemacht. Da war nun also ein Käfer sicht­bar gewor­den unter ein­er Lupe, und dieser Käfer, der nach heißem Zinn roch, bit­ter, und süß nach Maschi­nenöl, trug anstatt eines Panz­ers Men­schen­haut. Als ich ihn mit einem Fin­ger vom Tisch in meine Hand­fläche schob, öffnete er seine Flügel und kämpfte, um Luft unter seine Tragflächen zu bekom­men. Alle Mühe war verge­blich, der Käfer war zu schw­er oder doch zu müde, von ein­er län­geren Reise, weiß Gott woher. — Weit nach Mit­ter­nacht, schwüle Luft, sitze vor dem Schreibtisch, betra­chte den Käfer und der Käfer betra­chtet mich. Der Ein­druck, wir bei­de sind nicht sich­er, ob wir nicht vielle­icht, der eine dem anderen, ein Alp­traum sind.

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