Aus der Wörtersammlung: not

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wolfgang herrndorf : arbeit und struktur

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hima­la­ya : 6.52 — Ich weiß nicht wie viel ich zitie­ren darf. Aber ich will das zitie­ren, auf­be­wah­ren, fest­hal­ten, ver­wei­sen. Wolf­gang Herrn­dorf zählt in sei­nem Blog Arbeit und Struk­tur Mona­te. Im April notiert er von Essaoui­ra aus: 26.4. 11:46 Drei oder vier asyn­chro­ne Muez­zins. Auf der Hotel­dach­ter­ras­se in pral­ler Son­ne sit­zend und arbei­tend, über­rascht mich die Mel­dung vom Tod einer Brief­freun­din aus Frei­burg. Ihre Erst­dia­gno­se war im Dezem­ber 2010, nach jeder von drei Ope­ra­tio­nen wuchs das Glio­blas­tom sofort wei­ter. Im Gegen­satz zu mir mach­te sie sich gro­ße Hoff­nun­gen, klam­mer­te sich an neue Mit­tel und such­te in Stu­di­en rein­zu­kom­men. Vor zwei Mona­ten mail­te sie: Tam­oxi­fen scheint zu wir­ken, neu­er Herd löst sich auf, alte, bestrahl­te Stel­le unver­än­dert. Vor fünf Tagen starb sie. / Eine Freun­din von ihr schreibt, sie sei zuletzt rund um die Uhr betreut wor­den, selbst zum Tip­pen zu schwach. Der Ver­such, sie mit den Mit­teln der Pal­lia­tiv­me­di­zin in einen sta­bi­len Zustand zu brin­gen, hat­te wenig Erfolg. Auch im Hos­piz kam sie nicht zur Ruhe und schrie die Nacht durch vor Angst. Die offen­sicht­li­che Kraft, die zum Schrei­en vor­han­den war, habe, so die Freun­din wei­ter, im kras­sen Gegen­satz zum geschwäch­ten Gesamt­zu­stand gestan­den. Die Ärz­te konn­ten sie nur beru­hi­gen, indem sie sie kom­plett sedier­ten. Sie hat die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung von sieb­zehn Mona­ten knapp ver­fehlt, in der ungüns­ti­gen MGMT–Gruppe gehör­te sie noch zu den glück­li­che­ren 15 Pro­zent. / Unten in der Hotel­lob­by fin­de ich Per und Lars, an denen ich mich fest­hal­ten kann zum Glück. / 26.4. 18:46 Hin­ter den ande­ren her durch die Medi­na auf der Suche nach dem nörd­li­chen Strand und der Fabrik, in der Per sei­ne Scha­tul­len her­stel­len läßt. Das Gewim­mel der vor sich hin kre­peln­den Men­schen, die aus Müll und Abwas­ser gemach­ten Stra­ßen, der Gestank, das Geschrei, der Schmutz alles Leben­di­gen las­sen mich umkeh­ren. Sofort ver­lau­fe ich mich. Zwei­mal ren­ne ich die ver­stopf­te Haupt­stra­ße hoch und run­ter, bis ich end­lich die mit einem Stadt­tor mar­kier­te Abzwei­gung zum Hotel gefun­den habe. / Dann Bade­ho­se, dann Spa­zier­gang zum leer und befrei­end vor­ge­stell­ten, aber ver­müll­ten und von Quads zer­fet­zen süd­li­chen Strand, der vor zwei Jah­ren noch schön gewe­sen war. Ich gehe so weit ich kann und über den Fluß und zurück, um wenigs­tens erschöpft zu sein für den Abend. Ich ver­su­che, mir eine Vor­stel­lung davon zu machen, was es bedeu­tet, eine Nacht durch­zu­schrei­en vor Angst. Ich könn­te nicht ein­mal sagen, ob es Empa­thie ist oder Selbst­mit­leid. Ich den­ke nicht nach. / Auf dem Weg zum Ita­lie­ner ver­lie­re ich erneut die Ori­en­tie­rung und bin froh, als ich end­lich im Bett lie­ge und der Muez­zin zum hun­derts­ten Gebet des Tages ruft. Ein gro­ßer, mäch­ti­ger, töd­li­cher Gott, der so anhal­tend bebe­tet wer­den muß. [tbc] > Impres­sum

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zeitjazz

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sier­ra : 3.32 — An einer ande­ren Stel­le habe ich bereits von mei­nem Wunsch erzählt, man möge auf mei­ner letz­ten Ruhe­stät­te ein­mal ein Wind­rad errich­ten. Ich hat­te notiert, das Rad, indem es rotier­te, könn­te Strom erzeu­gen. Mit­tels eines Kabels wür­de die­ser Strom zu einer Bat­te­rie unter die Erde geführt und ein Musikab­spiel­ge­rät in Bewe­gung gesetzt, um etwas Char­lie Par­ker oder Ben­ny Good­man zu spie­len. Eine fas­zi­nie­ren­de Vor­stel­lung immer noch, eine Idee, die mich in Gedan­ken jedes Mal gegen einen Zeit­raum führt, der nicht ganz ein­fach vor­zu­stel­len ist, weil ich in ihm nicht wirk­lich vor­kom­men wer­de, es sein denn als eine Per­son, die man zu den Toten zählt. Man wird viel­leicht irgend­wann ein­mal sagen, die­ser hier, der dort unter Erde liegt, war einer, der zur Lebens­zeit die Idee ver­folg­te, ein Wind­rad auf sei­nem Grab zu errich­ten. Sein Name ist Lou­is gewe­sen, er konn­te sich vor­stel­len, wie das Wind­rad sich dre­hen wird und Strom erzeu­gen, aber er konn­te sich nicht wirk­lich vor­stel­len, wie es sein wird, in der Nähe die­ses Wind­ra­des ohne Leben zu sein. Gera­de fällt mir ein, dass ich ein­mal hör­te, es wer­de viel­leicht bald mög­lich sein, das Wis­sen, das Bewusst­sein, das Wesen einer Per­son in das digi­ta­le Gehirn eines Com­pu­ters zu über­tra­gen. Dem­zu­fol­ge ist denk­bar gewor­den, neben orga­ni­schen Bestand­tei­len eines Ver­stor­be­nen sein Bewusst­sein bei­zu­set­zen und mit­tels eines Wind­ra­des mit Strom zu ver­sor­gen. Wenn nun Wind­stil­le herrsch­te, wür­de das Bewusst­sein schla­fen, und wenn es stür­misch gewor­den ist, da drau­ßen, da oben im Herbst, bei­spiels­wei­se, wür­de es im rasen­den Den­ken ver­ge­hen vor Glück. – Es ist kurz nach drei Uhr. Auto­mo­bi­le der Poli­zei schlei­chen in Kolon­nen mit Blau­licht durch die Stra­ße, in der ich woh­ne. — stop

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ein inspektor der stille

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sier­ra : 16.05 — Seit eini­gen Tagen spa­ziert ein drah­ti­ger Herr von klei­ner Gestalt in mei­nem Kopf her­um. Er ist so deut­lich zu sehen, dass ich mei­nen könn­te, ich wür­de ihn ein­mal per­sön­lich gese­hen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärm­quel­len, die so beschaf­fen sind, dass man ihnen mit pro­fes­sio­nel­len Mit­teln zu Lei­be rücken könn­te, Hupen, zum Bei­spiel, oder Pfeif­ge­räu­sche jeder Art, Klap­pern, Krei­schen, ver­zerr­te Radio­stim­men, Sire­nen, alle die­se ver­rück­ten Töne, die nicht eigent­lich begrün­det sind, weil sie ihre Ursprün­ge, ihre Not­wen­dig­keit viel­leicht längst ver­lo­ren haben im Lau­fe der Zeit, der Jah­re, der Jahr­zehn­te. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment, da ich von mei­ner Vor­stel­lung erzäh­le, an einen schril­len Ton in der Sub­way Sta­ti­on Lex­ing­ton Ave­nue / 63. Stra­ße nahe der Zugangs­schleu­sen. Die­ser Ton war ein irri­tie­ren­des Ereig­nis der Luft. Ich hat­te bald her­aus­ge­fun­den, woher das Geräusch genau kam, näm­lich von einer Klin­gel mecha­ni­scher Art, die über dem Häus­chen der Sta­ti­ons­vor­ste­he­rin befes­tigt war. Die­se Klin­gel schien dort schon lan­ge Zeit instal­liert zu sein, Kabel, von grü­nem Stoff umman­telt, die zu ihr führ­ten, waren von einer Schicht öli­gen Stau­bes bedeckt. Äußerst selt­sam an jenem Mor­gen war gewe­sen, dass ich der ein­zi­ge Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch inter­es­sier­te, weder die Zug­rei­sen­den, noch die Tau­ben, die auf dem Bahn­steig lun­ger­ten, wur­den von dem Geräusch der Klin­gel berührt. Auch die Sta­ti­ons­vor­ste­he­rin war nicht im min­des­ten an dem schril­len­den Geräusch inter­es­siert, das in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den ertön­te. Ich konn­te kei­nen Grund, auch kei­nen Code in ihm erken­nen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebe­we­sen, des­sen Exis­tenz nicht ange­tas­tet wer­den soll­te. Wenn da nun nicht jener Herr gewe­sen wäre, der sich der Klin­gel näher­te. Er stand ganz still, notier­te in sein Notiz­heft, tele­fo­nier­te, dann war­te­te er. Kaum eine Vier­tel­stun­de ver­ging, als einem U‑Bahnwaggon der Linie 5 zwei jun­ge Män­ner ent­stie­gen. Sie waren in Over­alls von gel­ber Far­be gehüllt. Unver­züg­lich näher­ten sie sich der Klin­gel. Der eine Mann fal­te­te sei­ne Hän­de im Schoss, der ande­re stieg auf zur Klin­gel und durch­trenn­te mit einem muti­gen Schnitt die Lei­tung, etwas Ölstaub rie­sel­te zu Boden, und die­se Stil­le, ein Faden von Stil­le. — stop

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koffer unsichtbar

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echo : 0.03 — Mein Vater war ein Lieb­ha­ber tech­ni­scher Mess­ge­rä­te. Er notier­te mit ihrer Hil­fe Dau­er und Kraft des Son­nen­lichts bei­spiels­wei­se, das auf den Bal­kon über sei­nem Gar­ten strahl­te. Die Tem­pe­ra­tu­ren der Luft wur­den eben­so regis­triert, wie die Men­ge des Regens, der in den war­men Mona­ten des Jah­res vom Him­mel fiel. Selbst die Bewe­gun­gen der Gold­fi­sche im nahen Teich wur­den ver­zeich­net, Erschüt­te­run­gen des Erd­bo­dens, Tem­pe­ra­tu­ren der Pro­zes­so­ren sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Es ist merk­wür­dig, bei­na­he täg­lich gehe ich zur­zeit auf die Suche, weil wie­der irgend­ei­ne die­ser Mess­ap­pa­ra­tu­ren einen piep­sen­den Ton von sich gibt, als ob mein Vater mit­tels sei­ner Maschi­nen noch zu mir spre­chen wür­de. Indes­sen habe ich seit zwei Tagen Kennt­nis von einer Foto­gra­fie, die mich neben mei­nem ster­ben­den Vater zeigt. Ich sit­ze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzu­se­hen wag­te. Ich habe tat­säch­lich eine Hand vor Augen gehal­ten und zwi­schen mei­nen Fin­gern her­vor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrach­te. Die Foto­gra­fie zeigt einen fried­li­chen Moment mei­nes Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lan­ge Zeit gefürch­tet habe. Wei­nen und Lachen fal­ten sich, wie Hän­de sich fal­ten. Mut­ter irrt zwi­schen Haus und Fried­hof hin und her, als wür­de sie irgend­ei­ne unsicht­ba­re Ware in gleich­falls unsicht­ba­ren Kof­fern tra­gen. — stop

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subnautilus aquarius

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hima­la­ya : 0.05 — Nach viel­stün­di­ger, kon­zen­trier­ter Arbeit ist die Erfin­dung einer wei­te­ren Gat­tung schau­keln­der Perl­boo­te end­lich denk­bar gewor­den. Sub­nau­ti­lus aqua­ri­us, Geschöpf rei­nen Wun­sches. Wesent­li­che Merk­ma­le kurz notiert: Perl­boo­te der Gat­tung Sub­nau­ti­lus aqua­ri­us leben aus­schließ­lich in Süß­was­ser­um­ge­bung, vor­nehm­lich in fla­chen Gewäs­sern, das heißt, in Gewäs­sern bis fünf Meter Tie­fe. Tem­pe­ra­tu­ren jen­seits 30° Cel­si­us (doch unter 40° Cel­si­us) sind Vor­aus­set­zung, um höhe­res Alter errei­chen zu kön­nen. Grö­ße in Rei­fe: 150 mm. Gas­steue­rung sowohl auf als auch abwärts. Äuße­re Hül­le: Ara­go­nit. Inne­re Hül­le: Perl­mutt. Fang­ar­me: 120. Perl­boo­te der Gat­tung Sub­nau­ti­lus aqua­ri­us gebie­ten wei­ter­hin über die Fähig­keit, Licht zu erzeu­gen in viel­fäl­ti­gen Far­ben. Algen (5 bis 8 Gramm pro Tag), aber auch Schup­pen mensch­li­cher Haut, wer­den bevor­zugt aus dem Was­ser genom­men. Man kann hören. — stop

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am telefon

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romeo : 0.03 — Ich hat­te vor­ges­tern mit einem Amt tele­fo­niert. Ich saß auf einem Stuhl und ver­zeich­ne­te in einem Notiz­block, wel­che Papie­re das Amt benö­tigt, um ent­schei­den zu kön­nen, was nun von amt­li­cher Sei­te her zu tun ist, nach­dem mein Vater nicht mehr lebt. Ich hör­te die Stim­me einer jun­gen Frau, sie sag­te: Haben sie schon eine Ster­be­ur­kun­de erhal­ten? Wenn sie eine Ster­be­ur­kun­de erhal­ten haben, sen­den Sie uns das Doku­ment bit­te zu, damit wir nach­voll­zie­hen kön­nen, dass ihr Vater gestor­ben ist. Solan­ge wir ihre Urkun­de nicht erhal­ten haben, ver­ste­hen sie, ist ihr Vater den Fak­ten nach noch am Leben. Ich schick­te ein lei­ses Lachen durchs Tele­fon, ein lei­ses Lachen kehr­te von der ande­ren Sei­te her zurück. Ges­tern tele­fo­nier­te ich wie­der­um mit der jun­gen Frau vom Amt. Ich teil­te ihr mit, dass ich das Doku­ment zu ihr hin abge­schickt haben wür­de. Ein sehr selt­sa­mer Moment. Ich war, wäh­rend ich tele­fo­nier­te, wie­der ein­mal in der Lage gewe­sen, mei­nen Vater zu sehen, wie er vor­sich­tig, Schritt um Schritt, die Trep­pe her­un­ter­kommt. Ich press­te den Tele­fon­ap­pa­rat an mein rech­tes Ohr, mit dem lin­ken Ohr erwar­te­te ich, dass die Stim­me mei­nes Vaters in der nächs­ten Sekun­de hör­bar wer­den wür­de. — stop

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apollo

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ulys­ses : 0.05 — Im Alter von drei Jah­ren lie­ge ich auf war­mem Land, das atmet. Bald flie­ge ich durch die Luft, schwe­be über dem Bauch mei­nes Vaters und lache, weil ich gekit­zelt wer­de. Mei­ne Stim­me, mei­ne kind­li­che Stim­me. Und da sind eine höl­zer­ne Eisen­bahn, das Licht der Dioden, damp­fen­des Zinn, Loch­kar­ten einer Com­pu­ter­ma­schi­ne und die Geheim­nis­se der Alge­bra­bü­cher, die der Jun­ge von sechs Jah­ren noch nicht ent­zif­fern kann. Aber For­scher, wie der Vater, will er schon wer­den, wes­halb er die Schnee­spu­ren der Amseln, der Fin­ken, der Dros­seln in ein Schul­heft notiert. Zu jener Zeit drif­te­ten Men­schen bereits in Gemi­ni­kap­seln durch den Welt­raum, um das Stern­rei­sen zu üben. Nur einen Augen­blick spä­ter waren sie schon auf dem Mond gelan­det, in einer Nacht, einer beson­de­ren Nacht, in der ers­ten Nacht, da der Jun­ge von sei­nem Vater zu einer Stun­de geweckt wur­de, als noch wirk­lich Nacht war und nicht schon hal­ber Mor­gen. Die zwei Män­ner, der klei­ne und der gro­ße Mann, saßen vor einem Fern­seh­ge­rät auf einem wei­chen Tep­pich und schau­ten einen schwarz-wei­ßen Mond an und lausch­ten den Stim­men der Astro­nau­ten. Man sprach dort nicht Eng­lisch auf dem Mond, man sprach Ame­ri­ka­nisch und immer nur einen Satz, dann pieps­te es, und auch der Vater pieps­te auf­ge­regt, als sei er wie­der zu einem Kind gewor­den, als sei Weih­nach­ten, als habe er soeben ein neu­es Teil­chen im Atom ent­deckt. In jener Nacht, in genau der­sel­ben beson­de­ren Nacht, saß zur glei­chen Minu­ten­stun­de irgend­wo im Süden der Dich­ter Giu­sep­pe Unga­ret­ti vor einem Fern­seh­ge­rät in einem Ses­sel und deu­te­te in Rich­tung des Gesche­hens fern auf dem Tra­ban­ten auf der Bild­schirm­schei­be, auf einen Astro­nau­ten, wie er gera­de aus der Lan­de­fäh­re klet­tert, oder habe ich da etwas in mei­nem Kopf ver­scho­ben? Sicher ist, auf jenem Fern­seh­ge­rät, vor dem Unga­ret­ti Platz genom­men hat­te, waren drei wei­te­re, klei­ne­re Appa­ra­te abge­stellt. Alle zeig­ten sie die­sel­be Sze­ne. Echt­zeit. Giu­sep­pe Unga­ret­ti war begeis­tert, wie wir begeis­tert waren. Ja, so ist das gewe­sen, wie heu­te, vie­le Jah­re spä­ter. – stop
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stift

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echo : 5.01 — Ich hat­te vor weni­gen Tagen einen ange­neh­men Traum. Wenn ich könn­te, wür­de ich die­sen Traum gern wie­der­ho­len. Des­halb habe ich den Traum in ein Notiz­buch notiert, und zwar mit der Hand, damit ich das Schrei­ben mit einem wirk­li­chen Blei­stift nicht ver­ler­ne. Es exis­tie­ren näm­lich Blei­stif­te in mei­ner Arbeits­at­mo­sphä­re, die sich auf Bild­schir­men befin­den, die nicht wirk­li­che Blei­stif­te sind, son­dern digi­ta­le Figu­ren, die man nie­mals spit­zen muss. Mit die­sen digi­ta­len Wesen kann in Notiz­bü­cher geschrie­ben wer­den, die gleich­wohl nicht wirk­lich sind. Auch die Schrift, die man erzeugt, ist nicht wirk­lich Schrift, son­dern Male­rei, ein gemal­tes e, ein gemal­tes m, ein gemal­tes z. Ich hat­te also einen Traum, der mir gefiel. Der Traum befin­det sich hand­schrift­lich nie­der­ge­legt in einem Notiz­buch, das unter mei­nem Kopf­kis­sen liegt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, als vor dem Schlaf im Notiz­buch zu lesen und zu hof­fen, dass der Traum wie­der zu Besuch kom­men wird. — stop
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wörterzunge

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alpha : 2.05 Hör­te im Bild­schirm­ge­spräch Tho­mas Bern­hard wie­der sagen: Alles ist immer wirk­lich, es gibt nichts Erfun­de­nes. Froh bin ich über die­sen Satz. Nach Selbst­be­ob­ach­tung scheint in mei­ner erzäh­len­den Welt ein Zeit­an­nä­he­rungs­werk zu exis­tie­ren, das nach Ent­de­ckung zunächst arbei­ten muss im Kopf. Ich habe ges­tern unter ande­rem den Ver­such eines Man­nes notiert, eine Bie­ne von Stein zu fabri­zie­ren, ein sozia­les Wesen, das in der Lage sein soll­te, sich in die Luft zu erhe­ben. Die­se Vor­stel­lung war mir zunächst fremd gewe­sen, mein eige­ner Gedan­ke. Als ich dann nach zwei Stun­den von einem Spa­zier­gang an den Schreib­tisch zurück­kehr­te, war mir der Mann und sein Unter­neh­men so ver­traut gewor­den, als wür­de er in einer benach­bar­ten Woh­nung leben, ich wür­de ihn besucht haben und über die Schul­ter geschaut, wie er etwas Fels­spat mit einem Mei­ßel­chen behut­sam fächert, dass es als Flü­gel­teil­chen bald ein­mal durch die Luft segeln könn­te. Es scheint viel­leicht so zu sein, dass sich mei­ne Wirk­lich­keit zunächst mit­tels einer Wör­t­er­zun­ge vor­sich­tig in unbe­kann­te Räu­me tas­tet. — Vier Uhr zwei in Homs, Syria. — stop
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ein ballon

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echo : 6.22 — Ein Vogel, ein Sper­ling, sitzt auf dem Sims vor mei­nem Fens­ter. Es ist kurz nach zwei Uhr. Der Vogel scheint zu schla­fen unter einem geschlos­se­nen Augen­lid, das ande­re Auge schaut mich an, wie ich mich vor­sich­tig nähe­re. Lang­sam fah­re ich mit dem Kopf an die Schei­be her­an. Ich glau­be, ich bin einem Sper­ling in mei­nem Leben noch nie so nahe gekom­men, nur Zen­ti­me­ter, etwas Glas, etwas Luft tren­nen uns. Der Vogel scheint mich in die­sem Moment sorg­sam zu beob­ach­ten, bei­de Augen sind geöff­net, er plus­tert sich, jetzt macht er bei­de Augen wie­der zu. Ich gehe zum Schreib­tisch, bin schläf­rig gewor­den, nein, ich darf mich auf kei­nen Fall aufs Sofa set­zen, das wäre das Ende der Arbeits­nacht. Ich notie­re: Auf dem Broad­way, Ecke 28. Stra­ße, steht ein Mann zwi­schen Autos vor einer Ampel. Er ver­kauft Pis­to­len, die Sei­fen­bla­sen erzeu­gen. Es ist kalt und win­dig, wes­we­gen dem Lauf der Pis­to­le nur klei­ne Sei­fen­bla­sen ent­kom­men. Der Mann schimpft vor sich hin, er droht dem Him­mel mit der Waf­fe. Die Ges­te bleibt ohne Wir­kung, wes­halb der Mann sich wie­der auf den Lauf sei­nes Werk­zeu­ges kon­zen­triert. Sobald ein kopf­gro­ßer Sei­fen­bal­lon doch ein­mal ent­steht, der Aus­druck empör­ter Zufrie­den­heit auf sei­nem Gesicht, aber dann platzt die Bla­se und er fängt wie­der von vor­ne an, wischt sich die Nase, die ihm davon­zu­lau­fen droht, rich­tet sich den Lum­pen, der sein Gesicht umhüllt, die Ampel springt auf Grün, Autos fah­ren an, wei­te­re Autos hal­ten. Es ist kalt heu­te. Ich gehe süd­wärts spa­zie­ren, bis ich den Uni­on Squa­re errei­che, sit­ze ein wenig in der Son­ne, Eich­hörn­chen wäl­zen sich wie Kat­zen auf dem san­di­gen Boden. Nach drei Stun­den keh­re ich zur Kreu­zung Broad­way Ecke 28 Stra­ße zurück. Ein Mann steht dort zwi­schen Autos vor einer Ampel. Er ver­kauft Pis­to­len, die Sei­fen­bla­sen erzeu­gen. Es ist der­sel­be Mann, den ich bereits beob­ach­te­te, es scheint sich bei die­ser Men­sche­n­er­schei­nung um einen Loop zu han­deln. Es ist denk­bar, dass es Hun­dert­tau­sen­de ähn­li­cher Loops in der Stadt New York zu beob­ach­ten gibt, Loops, die in der Sub­way sich voll­zie­hen, Loops in Büro­land­schaf­ten, Loops in Waren­häu­sern. Ich freue mich über die­se Ent­de­ckung. Der Vogel vor dem Fens­ter lun­gert dort immer noch her­um. Es ist jetzt schon viel spä­ter gewor­den, ich habe sehr lang­sam gear­bei­tet. – Astor Pia­zolla / El Con­cier­to De Luga­no. — stop

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