Aus der Wörtersammlung: pen

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gebete

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del­ta : 6.46 — Das war so gewe­sen. Kurz nach dem Abend­essen tref­fe ich im Zug auf einen Freund. Er kam gera­de vom Gebet. Ich weiß nicht, wie er das macht, er betet an allen denk­bar unmög­li­chen Orten, aber immer zur rech­ten Zeit. Wir müs­sen nicht mehr dar­über spre­chen, er ist Mos­lem, über­zeugt, tief­gläu­big, ich bin Christ, einer, der eher zwei­felt, aber nicht NEIN sagen will, nicht, dass das alles Unfug ist mit den Jen­seits­ge­schich­ten. Mein Freund und ich lie­ben Jazz. Er ist ein Schlag­zeu­ger von hoher Bega­bung, ich habe ein fei­nes Gehör, das ist die ande­re Sei­te, mein beben­des Zwerch­fell, wenn er spielt. Was das doch für ein Irr­sinn wie­der ist, die­ser Film, die­se Pro­vo­ka­ti­on, dass das nie auf­hört, sag­te er dann doch in mei­ne Rich­tung. Und dass ihm das vor allem so unan­ge­nehm sei, weil wir doch wie Pup­pen sind, die man auf­zie­hen kann, irgend­wo eine böse sati­ri­sche Zeich­nung, und schon tan­zen wir los. — Ja, das ist äußerst selt­sam, die­se Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on über gro­ße Ent­fer­nun­gen hin­weg, die Men­schen­le­ben for­dert. Über­haupt ist das merk­wür­dig, die Schöp­fung, der Tod, das Erzäh­len von der Zeit danach, die Geset­ze, die Bewer­tung nach Gut und Böse. Ich erin­ne­re mich, wie ich vor vie­len Jah­ren ein­mal mit mei­nem Vater vor einem Fern­seh­ge­rät saß. Das war an einem Oster­sonn­tag kurz vor 12 Uhr mit­tags gewe­sen. Auf einem Bal­kon in Rom stand ein alter Mann, er trug einen merk­wür­di­gen Hut auf dem Kopf und sprach in sin­gen­der Wei­se Ver­se, von wel­chen ich ahn­te, dass es sich nur um ein Gebet han­deln könn­te. Das Gebet war in mei­nen Ohren nicht ver­ständ­lich gewe­sen, weil es in ita­lie­ni­scher Spra­che gesun­gen wur­de, aber dann äußer­te sich der geist­li­che Mann plötz­lich in einer mir bekann­ten Spra­che. Mei­ne Mut­ter war indes­sen hin­zu­ge­tre­ten. In genau dem Moment, da der alte Mann sei­nen Segen erteil­te, knie­te sie nie­der und bekreu­zig­te sich. Ich erin­ne­re, mich über ihre Ges­te gewun­dert zu haben, das Knien vor einem Fern­seh­ge­rät. Genau­ge­nom­men wun­de­re ich mich bis heu­te, wie der Segen wan­dert. — stop
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zeppelin

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lima : 1.38 — Früh­mor­gens, sobald ich den ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­saal betre­te, immer wie­der der Ein­druck, an einem nicht wirk­li­chen Ort zu sein, an einem geträum­ten Ort, obwohl ich der fes­ten Über­zeu­gung bin, längst wach gewor­den zu sein. Ich schlen­de­re, unwirk­lich selbst und wirk­lich zugleich, an jun­gen Men­schen vor­über, die Her­zen oder Gehir­ne oder Mus­kel­grup­pen stu­die­ren, und ich höre, wie sie von einer Damp­fer­fahrt erzäh­len, die sie am Abend zuvor  unter­nom­men haben, höre, wie sie sich ver­ab­re­den, höre, wie sie mich grü­ßen. Manch­mal rei­che ich eine Hand und ich spü­re eine wei­te­re Hand in mei­ner Hand, ihre Bewe­gung, und doch der Gedan­ke, bei­de Hän­de und jede der Stim­men um mich her könn­ten nicht wirk­lich exis­tie­ren. — Alles, was ich sehe und höre, sehe und höre ich in mei­nem Kopf.  — stop

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MELDUNG : ameisengesellschaft ln — 788

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN – 788 [ lasi­us niger ] : Posi­ti­on 48°21’N 07°01’O : Fol­gen­de Objek­te wur­den von 14.00 – 15.55 Uhr MESZ über das nord­west­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : sie­ben­und­zwan­zig tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], sech­zehn Baum­stäm­me [ à 5 Gramm ], vier Rau­pen in Grün, zwei­hun­dert­zwölf Rau­pen in Oran­ge, zwei Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die eines Zwerg­kopf­nacht­fal­ters ], fünf Streich­holz­köp­fe [ à 2 Gramm ], vier Flie­gen der Gat­tung Cal­li­pho­ri­dae in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 20 Gramm ], ein­hun­dert-vier­und­vier­zig Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], acht gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 5328 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], sechs Rüs­sel­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], die Aas­ku­gel eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, eine Wild­bie­ne, sieb­zehn Frag­men­te eines Blat­tes [ Ili­as / Homer ] 7.5 Gramm. – stop

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versuchsanordnung

9

echo : 2.05 — Ges­tern, am spä­ten Abend, wur­de ich wäh­rend mei­ner Arbeit von einem Eich­hörn­chen beob­ach­tet. Das klei­ne Tier kau­er­te im Kirsch­baum auf Höhe der Fens­ter mei­nes Arbeits­zim­mers gut sicht­bar im Licht einer Stra­ßen­lam­pe. Bei­na­he woll­te ich mei­nen, dass es sich mit Absicht zeig­te. Sei­ne Augen leuch­te­ten röt­lich, als wären sie Taschen­lam­pen. Ich trat vor­sich­tig ans Fens­ter und schon war das Tier ver­schwun­den. Es war also fast Mit­ter­nacht gewe­sen, ich ver­such­te zu die­sem Zeit­punkt ein Expe­ri­ment zu wie­der­ho­len, das ich vor 5 Jah­ren bereits erfolg­reich im Inter­net unter­nom­men hat­te. Krapp war mit mei­ner Hil­fe in Chat­räu­men zu Spra­che gekom­men. In einem 30-Sekun­den­rhyth­mus wie­der­hol­te er Sät­ze, die Samu­el Beckett für ihn notier­te. Eine hal­be Stun­de arbei­te­te ich mich damals vor­an, als in der künst­li­chen Welt auf Krapp reagiert wur­de. Das war ein fas­zi­nie­ren­der Vor­gang gewe­sen, ein Ereig­nis, das sich ges­tern lei­der nicht wie­der­hol­te. Extra­or­di­na­ry silence this evening. Wie ich es auch ver­such­te, Krapp wur­de nicht bemerkt oder wur­de unhöf­li­cher­wei­se igno­riert. Hier nun noch ein­mal das Doku­ment aus dem Jahr 2007: >

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Ver­suchs­an­ord­nung >
20.05 – 20.07 Uhr MEZ
Krapp im Chat

[Log­in OK]
[Krapp joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
[82users in chan­nel Welcome!]

RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I reg­ret to say three bana­nas and
only with dif­fi­cul­ty refrai­ned from a fourth.“
Gulli_S2: Hot­mail?
[katsu left chan­nel Wel­co­me!]
UrFix­a­ti­on: Omg, stop it with the bana­na sto­ry.
Krapp: „Fatal things for a man with my con­di­ti­on.“
2005Guy!!: Ur…is get­ting visuals..lol
Gulli_S2: Hot­mail
[muff’ joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
Krapp: „Extra­or­di­na­ry silence this evening.“
UrFix­a­ti­on: lol
UrFix­a­ti­on: I am
RickJ2!!: Some old sto­ries krapp.
[muff’ left chan­nel Wel­co­me!]
Devilish.fr is away from key­board.
UrFix­a­ti­on: Flash­backs
UrFix­a­ti­on: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: I bet…not pret­ty
UrFix­a­ti­on grins evil­ly.
RickJ2!!: Watch out gul­li
Krapp: „Just been lis­tening to an old year,
pas­sa­ges at ran­dom.“
[2HOT4YOU left chan­nel Wel­co­me!]
Angus­Y­oung: I just found out i have lung
can­cer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must
be at least ten or twel­ve years ago.“
UrFix­a­ti­on: Whe­re did that come from?
[Gui­tarAd­dic­ted left chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: Woaw.
[Play­boyl­overs joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zack­ly.
SlicK­girl: Should i sim­ply mute him?
[Muff joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
RickJ2!!: Same sto­ries krapp, right?
[Kalkan left chan­nel Wel­co­me!]
[Space Mon­key left chan­nel Wel­co­me!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is dra­wing nigh-igh.“
[Por­to-boy joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: I thought i just had deza­vu…
RickJ2!!: Get it??
Play­boyl­overs: hi dudes
Play­boyl­overs: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[Angus­Y­oung left chan­nel Wel­co­me!]
RickJ2!!: Hey baa­by
[Bryan1997_4_you joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
[Desi­ree left chan­nel Wel­co­me!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game any­bo­dy?
Bryan1997_4_you: Anyo­ne wan­na chat
RickJ2!!: Krapp do you know eng­lish?
[Andriy!!!! left chan­nel Wel­co­me!]
[Lana-puma-hoty joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
19-m-Fran­cais: Kein Deutsch hier?
UrFix­a­ti­on: Nein
Muff: RickJ2 do you fan­cy me.
Krapp: „Past mid­night. Never knew such silence.
The earth might be unin­ha­bi­ted.“
The­bi­go­ne greets all.
[BlackScor­pi­on left chan­nel Wel­co­me!]
[Joe­NY left chan­nel Wel­co­me!]
Bryan1997_4_you: hi court­ney
RickJ2!!: what u mean muff
[Coun­try-Boy joi­n­ed chan­nel Wel­co­me!]
Muff: RickJ2 why do u igno­re me?
Por­to-boy greets all.
[Krapp left chan­nel]
[Wel­co­me!]

ping

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mr. munki

9

marim­ba : 6.22 — Das Ver­ges­sen ist nicht gera­de eine mei­ner Stär­ken. Ich kann mich noch nach Jah­ren an jedes schwie­ri­ge Gespräch erin­nern, wo es sich ereig­ne­te, mit wem ich mich unter­hal­ten hat­te und wor­über. Dafür ver­ges­se ich auf dem Weg von mei­nem Arbeits­zim­mer in die Küche, wes­halb ich mich eigent­lich in Bewe­gung setz­te. Auch die Uhr­zeit ver­ges­se ich ger­ne, Tele­fon­num­mern, Pass­wör­ter, Namen, gan­ze Bücher, dass sie exis­tie­ren, Buch­sta­ben, mei­nen Regen­schirm. Ein­mal wäre ich bei­na­he im Herbst ohne Schu­he auf die Stra­ße getre­ten. Genau genom­men bin ich im Ver­ges­sen leicht­fü­ßi­ger, als ich dach­te. Ich ver­ges­se aber lei­der in vie­len Fäl­len nicht, was ich ger­ne ver­ges­sen wür­de. Heu­te habe ich bemerkt, dass ich ver­säum­te, also ver­ges­sen habe, in einem Buch wei­ter­zu­le­sen, das ich im Mai zuletzt in Hän­den gehal­ten habe. Viel­leicht erin­nern Sie sich, es han­del­te sich um Pete L. Munki’s Roman Nau­ti­lus. Der Erzäh­ler der Geschich­te, ein jun­ger Mann namens Zezito Lopes, ruh­te zuletzt im 10. Stock eines Hau­ses in der Lex­ing­ton Ave­nue auf einer Trep­pen­stu­fe. Frü­her Nach­mit­tag. Ein schwe­rer Behäl­ter von gepan­zer­tem Glas, in dem sich zwei Fische der Gat­tung Nau­ti­lus befan­den, stand neben dem war­ten­den Mann auf dem Boden. Ich erin­ner­te mich damals, dass der jun­ge Mann, er war ein gut trai­nier­ter Trä­ger, sich kurz dar­auf erho­ben hat­te, um an einer der Woh­nungs­tü­ren, die auf den Flur führ­ten, zu klin­geln und nach einem Glas Was­ser zu fra­gen. Unver­züg­lich wur­de geöff­net, ein Gespräch ent­wi­ckel­te sich, in des­sen Fol­ge Zezito Lopes sich bück­te, sei­nen gepan­zer­ten Behäl­ter in die Hän­de nahm und mit ihm in der Woh­nung ver­schwand. So weit, so gut. Als ich das Buch im Mai im Zug geöff­net hat­te, konn­te ich die mar­kier­te Text­stel­le nicht fin­den. Sofort der Gedan­ke, ich hät­te mög­li­cher­wei­se fan­ta­siert, eine beun­ru­hi­gen­de Vor­stel­lung. Nicht min­der beun­ru­hi­gend schien mir der Gedan­ke gewe­sen zu sein, das Buch selbst könn­te sich ver­än­dert haben, wei­ter- oder umge­schrie­ben wor­den sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in mei­ner Nähe auf­ge­hal­ten hat­te. Zu Hau­se ange­kom­men leg­te ich das Buch unter ande­re Bücher auf mei­nem Schreib­tisch ab, wo ich es heu­te wie­der ent­deck­te. Als ich das Buch öff­ne­te, war das Buch leer. Kein Zei­chen zu fin­den, nur der Titel der Geschich­te: Nau­ti­lus. Dar­un­ter ein wei­te­rer Satz: Bit­te war­ten. Pete L. Mun­ki. — stop

polaroidamph

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Über Ohren­vö­gel notie­ren. Ich ent­deck­te sie ges­tern wäh­rend eines Spa­zier­gangs. Ohren­vö­gel kom­men ohne Aus­nah­me paar­wei­se vor. Haut von hel­lem Leder, Haut, die man als Beob­ach­ter oder als Besit­zer eines Ohren­vo­gel­pär­chens weit­hin über­bli­cken kann, weil sie voll­kom­men nackt sind, abge­se­hen von ihren Flü­geln, dort exis­tie­ren Federn, so fei­ne Federn, dass man sie, wüss­te man es nicht bes­ser, für Pelz hal­ten könn­te, Feder­pel­ze in Gelb und Rot und Blau, kräf­ti­ge Far­ben, die eigen­ar­tigs­te Mus­ter bil­den, so indi­vi­du­ell wie die Fin­ger­ab­drü­cke an den Hän­den mensch­li­cher Wesen. Ohren­vö­gel sind von eher klei­ner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schna­bel­at­trap­pen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betrach­ter der Ohren­vö­gel oft an genau die­se Gat­tung kleins­ter Luft­we­sen erin­nert füh­len. Das sehr Beson­de­re an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jener Men­schen, die sie bewoh­nen, eng ver­bun­den sind. Genau­er gesagt, wür­den sie ohne die­se Ver­bin­dung über­haupt nicht exis­tie­ren, eine blaue, zar­te Nabel­schnur, so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Hal­ses. Blut fließt von da nach dort, wes­we­gen Ohren­vö­gel weder trin­ken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man könn­te viel­leicht sagen, dass sie nur zum Ver­gnü­gen leben, zur Zier­de und Freu­de auch jener Men­schen, die sie beglei­ten. Wenn sie nicht Stun­de um Stun­de unter den Ohren ihrer Besit­zer schau­keln und schla­fen, flie­gen sie sehr gern in der nähe­ren Umge­bung her­um. Weit kom­men sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immer­hin, um ein­an­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­sei­te des ande­ren, man sitzt dann gemein­sam auf einer Schul­ter und schaut auf die gro­ße Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­trau­te Welt, zur gegen­sei­ti­gen Pfle­ge und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass mensch­li­che Ohren nicht in der Lage sind, sie zu ver­neh­men. Nichts wei­ter. – stop
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summenlicht

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hima­la­ya : 3.15 — Über mei­nem Schreib­tisch brennt seit einer Stun­de ein war­mes Licht, elek­tri­sches Feu­er, wel­ches einem Glas­kol­ben ent­kommt, in dem sich wei­te­re klei­ne­re Glas­kol­ben befin­den. Die­se klei­ne­ren, unsicht­ba­ren Glas­kol­ben erzeu­gen das eigent­li­che Licht, das als Sum­men­licht durch das mil­chi­ge Glas zu mir in den Raum ent­kommt. Ich dach­te gera­de eben noch, als ich eine Kon­struk­ti­ons­zeich­nung mei­ner neu­es­ten Leucht­bir­ne betrach­te­te, dass sie Licht­bee­ren ent­hält, Licht­kir­schen genau­er. Auf einem wei­te­ren Zet­tel war das schö­ne Wort Lumen ver­zeich­net, außer­dem der Hin­weis, ich könn­te mei­ne Lam­pe 12000 Male ein und wie­der aus­schal­ten, ohne dass mein neu­es Licht dar­an zugrun­de gehen wür­de. Noch viel erstaun­li­cher war mir vor­ge­kom­men, dass der Licht­kör­per, den ich erwor­ben hat­te, 25 Jah­re leuch­ten wird. Eine erstaun­li­che Aus­sa­ge. Sie ist in einer Wei­se ver­zeich­net, als wäre ihre Grund­la­ge Erfah­rung. Ich habe mir gedacht, dass man viel­leicht eine Mög­lich­keit gefun­den haben könn­te, die Zeit für Unter­su­chun­gen des Lichts der­art zu beschleu­ni­gen, dass aus 25 Men­schen­jah­ren 2 Lam­pen­mo­na­te wer­den. Ich bekom­me das bis­her nicht voll­stän­dig in mei­nen Kopf, ins­be­son­de­re den Gedan­ken nicht, dass ich nach mei­ner ers­ten schö­nen Lam­pen­bir­ne zu mei­ner Leb­zeit höchst­wahr­schein­lich nur noch eine wei­te­re Frucht die­ser Art für gute Sicht über mei­nem Schreib­tisch erwer­ben wer­de. — stop

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fingersträußchen

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del­ta : 6.22 — Über Nacht war alles wie­der nach­ge­wach­sen. Mei­ne Hän­de blüh­ten. Ich mach­te mich auf den Weg süd­wärts durch Man­hat­tan zu den Fäh­ren hin. Am Tre­sen einer Schiffs­kan­ti­ne war­te­te bereits Mr. Mel­ro­se, über­reich­te mir einen Becher Kakao. Als  er mei­ne blü­hen­den Hän­de ent­deck­te, füt­ter­te er mich höchst­per­sön­lich mit­tels eines Tee­löf­fels. Schenk­te ihm zum Dank einen mei­ner Fin­ger, mach­te mich dann auf mei­nen täg­li­chen Weg über das Hur­ri­ka­ne­deck, sprach all die war­ten­den Pend­ler­men­schen freund­lich an, zeig­te ihnen mei­ne Hän­de, die als sol­che nicht zu erken­nen waren, weil sie Fin­ger­sträuß­chen ähnel­ten. Man muss sich das vor­stel­len, an jeder Hand trug ich 20 bis 30 Fin­ger­ex­em­pla­re, die meis­ten waren Mit­tel­fin­ger, Dau­men waren kei­ne dar­un­ter. Sobald ich an einem der Fin­ger zog, lös­te er sich, so dass ich ihn wei­ter­rei­chen konn­te. Für jeden Fin­ger bekam ich 5 Dol­lar. Ich erin­ne­re mich nicht, je Schmerz emp­fun­den oder geblu­tet zu haben. Viel­mehr emp­fand ich Ver­gnü­gen, Freu­de, Lust. – Die­ser Traum wur­de so oder ähn­lich geträumt, kurz vor vier Uhr in der ver­gan­ge­nen Nacht. — stop

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shakespears garden

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lima

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : BALCONY
date : aug 11 12 10.08 p.m.

Seit Tagen bereits sehen wir Fran­kie in stän­di­ger Bewe­gung. Das Eich­hörn­chen scheint zu einer Per­sön­lich­keit gewor­den zu sein, die ohne jeden Schlaf aus­zu­kom­men ver­mag. Wir haben das so nicht erwar­tet. In den ver­gan­ge­nen Tagen und Näch­ten wan­der­te Fran­kie 180 Mei­len durch den Cen­tral Park. Wir dach­ten zunächst, dass Frankie’s Unru­he sich ent­fal­tet haben könn­te, weil es reg­ne­te. Aber Fran­kie läuft noch immer und es hat schon lan­ge auf­ge­hört. Der Him­mel an die­sem Abend ist wol­ken­los. Wir befin­den uns nahe der Base­ball­fel­der Höhe 61. Stra­ße. Es ist denk­bar, dass es gleich rauf bis zur 68. Stra­ße gehen wird ohne Pau­se, eine Fra­ge der Zeit bis wir auf­ge­ben müs­sen, weil wir das Ende unse­rer Kräf­te erreicht haben wer­den. Ent­we­der wir bekom­men bald eine Ablö­sung oder es ist Schluss! Manch­mal fra­gen wir uns, war­um das not­wen­dig ist, ein Wesen zu beob­ach­ten, das über einen Sen­der ver­fügt, den wir jeder­zeit anpei­len könn­ten, um das Gespenst wie­der­zu­fin­den. Nein, es ist nicht immer leicht zu ver­ste­hen, was hier vor sich geht. Ges­tern, Frei­tag, haben wir von 2 bis 4 Uhr fol­gen­de Posi­tio­nen hin­ter uns gelas­sen > Turt­le Pond : Gre­at Lawn Soft­ball Field : Bridge No 24 : East 96th Street Play­ground : North Mea­dow : Har­lem Meer : Glen Span Arch : Sene­ca Vil­la­ge Site : Shake­spears Gar­den : Bal­c­o­ny Bridge. Ihr Mal­colm — stop / code­wort : ligu­ri­en

emp­fan­gen am
11.08.2012
1288 zeichen

mal­colm to louis »

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stimmen zu st. georg

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echo : 0.28 — Ein Spa­zier­gang über den alten Münch­ner Fried­hof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plötz­lich hör­te ich ihre Stim­me, die von irgend­wo her aus den Kas­ta­ni­en­bäu­men in nächs­ter Nähe zu kom­men schien. Oran­ge­far­be­ne Blü­ten, Fuchs­köp­fen ähn­lich, lun­ger­ten auf dem klei­nen Karl­stadt­hü­gel. Blaue Füh­ler­kä­fer hetz­ten über san­di­gen Boden. Wald­bie­nen, Moo­shum­meln, Rau­pen­flie­gen, es sirr­te und brumm­te in allen mög­li­chen Tönen. Auf dem Gedenk­stein für Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der hock­te ein Mari­en­kä­fer von Holz, der Schirm eines Fächer­ahorns spen­de­te Schat­ten. Auch an Fass­bin­ders Stim­me konn­te ich mich sofort erin­nern, ohne einen kon­kre­ten Satz aus sei­nem Mun­de zu ver­neh­men. Es war ganz so, als wür­den die Stim­me in mei­nem Kopf eine Stim­me simu­lie­ren. Erich Käst­ner aller­dings war mir ent­we­der abhan­den­ge­kom­men oder ich habe sei­ne Stim­me tat­säch­lich noch nie in mei­nem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Wal­ter, erin­ner­te ich unver­züg­lich und auch die ange­nehm war­me Stim­me Bernd Eichin­gers, der so plötz­lich gestor­ben war. Som­mer­fä­den schweb­ten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörn­chen unter dem Efeu. Über mir ein blau­grau­er, blit­zen­der Him­mel. Es duf­te­te nach Zimt, war­um? Irgend­wo in mei­nem Kopf, ich spür­te das genau, muss eine Erin­ne­rung an die Stim­me Oskar Maria Grafs zu fin­den sein. Und wenn ich nun noch zwei oder drei Stun­den auf mei­nem Sofa sit­ze und lau­sche in die­ser stil­len Nacht, wird sie viel­leicht hör­bar wer­den. — stop

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