Aus der Wörtersammlung: schlafen

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jennifer 7

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romeo : 6.25 — Ges­tern am spä­ten Abend erreich­te mich eine E‑Mail von einer Per­son namens Jen­ni­fer 7. Ich wun­der­te mich, dass die­ses Schrei­ben nicht sofort in einem Spam­ord­ner ver­schwun­den war, immer­hin ken­ne ich nie­man­den, der die­sen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der klei­ne Brief aus der Fer­ne erreich­te. Er war in eng­li­scher Spra­che ver­fasst, und ich sit­ze noch immer vor ihm und über­le­ge, was zu tun ist, was ich notie­ren soll, weil, das ist ganz sicher so, dass ich Jen­ni­fer 7 ant­wor­ten soll­te, mor­gen oder über­mor­gen. Viel­leicht wer­de ich ihr eine Fra­ge stel­len, wo genau sie denn wohnt, in wel­cher Stadt, in wel­chem Haus, wie das Haus beschaf­fen ist, wel­cher Art Men­schen in die­sem Haus woh­nen Tür an Tür. Jen­ni­fer 7 schrieb so: Lie­ber Mr. Lou­is, ich bin sehr müde, ich habe über eine gan­ze Woche lang kaum geschla­fen, weil ich in einer Miet­woh­nung lebe im 22. Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schla­fen, aber ich arbei­te nachts in einem Kran­ken­haus und tra­ge sehr viel Ver­ant­wor­tung und muss schla­fen am Tag. Neu­er­dings kann ich nicht schla­fen, weil man mich nicht schla­fen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben wür­de, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tau­ben sit­zen wür­den und ich könn­te schla­fen, weil Vögel lei­se, behut­sa­me, kul­ti­vier­te Tie­re sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau ein­ge­zo­gen sind, Men­schen­per­so­nen, die sich nicht küm­mern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schla­fen. Vor­ges­tern war ich zum ers­ten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vor­zu­stel­len. Ich habe mich gefürch­tet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schu­hen, mein Gott waren die wuch­tig. Sie sag­te, dass ich Pech haben wür­de, weil sie im Moment nicht arbei­te, des­halb wür­de ich ihre Schrit­te hören und alles Wei­te­re. Pech, sag­te die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schla­fen. Ich höre ihre Schrit­te. Stünd­lich las­sen sie irgend­et­was fal­len auf den schö­nen höl­zer­nen Boden, oder sie schrei­en sich an, obwohl sie noch jung und frisch ver­hei­ra­tet sind. Das ist ein wirk­li­ches Unglück, Mr. Lou­is, ich bin fast schon ver­zwei­felt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schö­ne Käfer erfin­den, die in Ohren woh­nen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl hel­fen, Mr. Lou­is! – stop

ping

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dampfende ohren

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alpha : 6.55 — Ich for­sche gern in mei­nem digi­ta­len Ana­ly­se­pro­gramm nach Fra­gen an Such­ma­schi­nen, die zu mei­ner Par­tic­les­ar­beit führ­ten. Merk­wür­di­ge, ver­rück­te, poe­ti­sche Sen­ten­zen sind zu fin­den. In der ver­gan­ge­nen Woche zum Bei­spiel fol­gen­de: mei­ne schreib­ma­schi­ne schreibt buch­sta­ben über­ein­an­der . klei­ne rote flie­gen in der küche . käfer der auf unse­rem kör­per wohnt . lus­ti­ge geschich­ten über ohren . ägyp­ti­sches frau­zei­chen mit flü­geln . schim­pan­sen im welt­all . schla­fen­de ele­fan­ten . män­ner mit klei­nen köp­fen . ist albert san­chez pinol ein mann . lou­is’ licht­ge­schich­te. stop — Über Nacht ist es kalt gewor­den. An der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le beob­ach­te ich einen älte­ren Herrn, aus des­sen Ohren Dampf zu tre­ten scheint. Man könn­te sagen, es han­delt sich um den ers­ten rau­chen­den Kopf, den ich in mei­nem Leben per­sön­lich gese­hen habe. Als ich näher her­an­tre­te, erken­ne ich, dass sich in den Ohren des damp­fen­den Herrn je ein Tier befand. Ich frag­te, ob ich viel­leicht ein­mal genau­er betrach­ten dürf­te, was dort in sei­nen Ohren exis­tiert. Weil der alte Mann nichts hör­te, trug ich mein Anlie­gen in Zei­chen­spra­che vor. Er schien mich zu ver­ste­hen und neig­te unver­züg­lich sei­nen Kopf, sodass ich eine gute Aus­sicht hat­te auf das rech­te sei­ner Ohren. Tat­säch­lich waren dort Augen und Zan­gen eines Käfers zu erken­nen. Als ich mich näher­te, zog sich das Wesen ein wenig in die Tie­fe des Ohres zurück, das von wei­ßem flau­mi­gen Haar besetzt war, wie von einem kost­ba­ren Pelz. Der dün­ne Faden des Käfe­ratems, den ich kurz zuvor beob­ach­tet hat­te, war nun gut zu sehen, aber ich konn­te nicht ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren, woher der Atem des Käfers eigent­lich kam, wo der Atem, der in der kal­ten Luft kon­den­sier­te, den Käfer­kör­per prä­zi­se ver­ließ. Noch ehe ich mei­ne Fra­ge zur Kon­struk­ti­on des Käfers stel­len konn­te, war der alte Herr in eine Stra­ßen­bahn gestie­gen und davon­ge­fah­ren. — Diens­tag. — stop.

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aleppo / gaza stadt / sderot

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nord­pol: 6.05 — Die feind­se­li­ge Weis­heit alter Män­ner, die den Unfrie­den beschir­men, Göt­ter, Mone­ten, Stolz, Macht. Kin­der­ge­ne­ra­tio­nen in Wohn­häu­sern, in Erd­lö­chern, in Bun­kern, die Höh­len­zel­te bau­en. Sie haben, noch ehe sie zu schrei­ben ler­nen, Kin­der­fein­de, die gleich­falls nicht schrei­ben kön­nen, die sie töten wol­len. Etwas wei­ter, drei oder vier Flug­stun­den süd­wärts, exis­tie­ren klei­ne Wesen von dunk­ler Haut, die im Gehei­men so leicht gewor­den sind, dass jeder kräf­ti­ge Wind sie mit sich in die Wüs­te tra­gen könn­te. Nahe Alep­po das schnee­wei­ße Gesicht eines Mäd­chens, das nie wie­der schla­fen wird. — stop

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zwei kleine köpfe

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echo : 0.15 — Im Traum beob­ach­te­te ich mich selbst in einem Prä­pa­rier­saal, wie ich Haut und Kno­chen und Mus­kel­tei­le aus einem Behäl­ter nahm, um sie wie­der zu einem Kör­per zu fügen, zu einem Zusam­men­hang, der an einen gewe­se­nen Men­schen erin­nern könn­te. Ich hör­te, wie ich mit mir schimpf­te, weil ich nicht nähen konn­te, was ich mir wünsch­te, eine gro­tes­ke Gestalt mit zwei klei­nen Köp­fen lag auf dem Tisch, eine Hand, es war die lin­ke, fehl­te, und Füße waren über­haupt nicht vor­han­den, dafür hat­te ich eine Knie­schei­be zu viel. Es war doch ein beun­ru­hi­gen­der Anblick, ich selbst und die­ser klei­ne Mann, ein Prä­pa­ra­tor, der sich neben mich setz­te. Er betrach­te­te mei­ne flin­ken Hän­de, manch­mal sah ich ihn fra­gend an. Ein­mal bemerk­te er mit sanf­ter, güti­ger Stim­me, ich wür­de nun schon sehr lan­ge Zeit hier sit­zen, zwei­hun­dert Jah­re, ich soll­te doch end­lich ein­mal schla­fen. — stop

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im pullmannwagen

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hima­la­ya : 6.46 — Seit eini­gen Stun­den sind hef­ti­ge Arbeits­ge­räu­sche, – Häm­mern, Boh­ren, Sägen -, aus dem klei­nen Raum zu ver­neh­men, der sich neben mei­nem Arbeits­zim­mer befin­det, und Män­ner­stim­men, die scher­zen und pfei­fen. Ich will das schnell erzäh­len, es han­delt sich um einen Vor­gang der Mon­ta­ge, weil zwei Hand­wer­ker damit beschäf­tigt sind, einen Eisen­bahn-Rei­se­wa­gon, genau­er, die Abteil­schei­be eines Zuges, zu ver­schrau­ben, die mir ges­tern Nach­mit­tag bei äußerst schlech­tem Wet­ter in Ein­zel­tei­len ange­lie­fert wor­den waren. Ich habe kei­nen wirk­li­chen Aus­blick auf das, was dort im Ein­zel­nen geschieht, aber ich kann das fei­ne Leder der Sit­ze des alten Pull­man­wa­gens bereits rie­chen, den ich mir wünsch­te, um dar­in jeder­zeit fah­ren und arbei­ten zu kön­nen. Ein groß­ar­ti­ges Erleb­nis soll das sein, Stun­de um Stun­de im his­to­ri­schen Wag­gon zu sit­zen und zu schau­en und zu schrei­ben oder zu schla­fen, das rhyth­mi­sche Geräusch der Schwel­len, som­mer­li­che Rhein­land­schaf­ten, die auf Bild­schirm­fens­tern vor­über­zie­hen. Die Stim­me eines Schaff­ners, der sich nach Fahr­kar­ten erkun­digt, sie kommt näher, der Mann grüßt durch das Fens­ter der Tür in mei­ne Rich­tung, immer wie­der wird er kom­men, ohne je das Abteil zu betre­ten, in dem ich sit­ze. Kin­der tol­len auf den Flu­ren her­um, jemand schreit, dass end­lich Ruhe sein soll, Tanz­mu­sik vom Nach­bar­ab­teil, Rei­sen­de ver­tre­ten sich die Bei­ne, zei­gen auf Damp­fer­schif­fe drau­ßen auf dem Fluss, auch sie sind Bild­schirm­we­sen, Drei­ßi­ger­jah­re, her­vor­ra­gend gemacht. Ein Kom­bü­sen­wä­gel­chen schep­pert vor­über, ein Bahn­hof, eine Uhr, es wird dun­kel und plötz­lich tief ste­hen­de Son­ne über den wil­den zor­ni­gen Bäu­men, die geduckt in einer Schnee­land­schaft ste­hen, bald, in weni­gen Minu­ten, wer­den wir Oslos Zen­tral­sta­ti­on errei­chen. — stop
ping

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funkstille

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marim­ba

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : FUNKSTILLE
date : oct 17 12 8.15 p.m.

Ja, war­um ant­wor­ten Sie denn nicht, ver­dammt, wenn wir ihnen schrei­ben? Rom. Das ist doch kein Grund, sich nicht zu mel­den. Kaum aus­zu­den­ken, wenn wir das so machen wür­den wie Sie. Fran­kie haben wir jeden­falls wie­der­ge­fun­den. Fünf Tage war er nicht zu fin­den gewe­sen, kein Signal, kein Fran­kie im Cen­tral Park, wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Man stel­le sich das ein­mal vor, wir wür­den Frankie’s Spur ver­lo­ren haben, wenn es ein­mal wirk­lich ernst gewor­den ist. Wir dach­ten, die Brenn­stoff­zel­len sei­nes Sen­ders könn­ten aus­ge­fal­len sein. Es war an einem Sams­tag, da war Fran­kie plötz­lich fort, Höhe 76. Stra­ße. Gera­de noch kau­er­te er neben einer Eiche. Wir waren müde, glau­be ich, es war Abend, wir saßen in Sicht­wei­te auf einer Bank, viel­leicht sind wir kurz ein­ge­schla­fen. Natür­lich haben wir sofort die Suche nach Fran­kie auf­ge­nom­men. Haben jede Unter­füh­rung geprüft und jedes der Abfluss­roh­re, die Fran­kie zum Ver­häng­nis gewor­den sein könn­ten. Grau­en­vol­le Tage, wir irr­ten ziel­los her­um. Jedes Eich­hörn­chen, dem wir uns näher­ten, konn­te Fran­kie gewe­sen sein. Das war ein Alb­traum, eine  unge­heu­re Sache, wie ähn­lich sie sich doch sind. Matt wur­de mehr­fach in die Hand gebis­sen, wir tra­gen jetzt Leder­hand­schu­he. Und dann kam Fran­kie zurück. Es war wie­der Abend gewor­den und Fran­kie tauch­te genau dort, wo wir ihn ver­lo­ren hat­ten, wie­der auf. Lang­sam kam er auf uns zu, sein Schwanz zit­ter­te, sein fes­ter Kör­per beb­te, er mach­te den Ein­druck, als woll­te er uns begrü­ßen. So nah kam er her­an, dass wir ihn berüh­ren konn­ten. Ich habe mir gedacht, dass Fran­kie ver­dammt genau den Ein­druck mach­te, als hät­te er nach uns gesucht wie wir nach ihm, und dass er froh gewe­sen war, uns end­lich gefun­den zu haben. Das ist schon eine selt­sa­me Geschich­te. Gera­de sitzt Fran­kie auf einer Bank neben uns. Er knackt Erd­nüs­se, die wir im schenk­ten. Eine Art Bestechung viel­leicht. Der Sen­der piepst. Alles scheint wie­der in Ord­nung zu sein. Ihr Mal­colm – stop / code­wort : lilienthal

emp­fan­gen am
18.10.2012
1512 zeichen

mal­colm to louis »

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Über Ohren­vö­gel notie­ren. Ich ent­deck­te sie ges­tern wäh­rend eines Spa­zier­gangs. Ohren­vö­gel kom­men ohne Aus­nah­me paar­wei­se vor. Haut von hel­lem Leder, Haut, die man als Beob­ach­ter oder als Besit­zer eines Ohren­vo­gel­pär­chens weit­hin über­bli­cken kann, weil sie voll­kom­men nackt sind, abge­se­hen von ihren Flü­geln, dort exis­tie­ren Federn, so fei­ne Federn, dass man sie, wüss­te man es nicht bes­ser, für Pelz hal­ten könn­te, Feder­pel­ze in Gelb und Rot und Blau, kräf­ti­ge Far­ben, die eigen­ar­tigs­te Mus­ter bil­den, so indi­vi­du­ell wie die Fin­ger­ab­drü­cke an den Hän­den mensch­li­cher Wesen. Ohren­vö­gel sind von eher klei­ner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schna­bel­at­trap­pen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betrach­ter der Ohren­vö­gel oft an genau die­se Gat­tung kleins­ter Luft­we­sen erin­nert füh­len. Das sehr Beson­de­re an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jener Men­schen, die sie bewoh­nen, eng ver­bun­den sind. Genau­er gesagt, wür­den sie ohne die­se Ver­bin­dung über­haupt nicht exis­tie­ren, eine blaue, zar­te Nabel­schnur, so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Hal­ses. Blut fließt von da nach dort, wes­we­gen Ohren­vö­gel weder trin­ken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man könn­te viel­leicht sagen, dass sie nur zum Ver­gnü­gen leben, zur Zier­de und Freu­de auch jener Men­schen, die sie beglei­ten. Wenn sie nicht Stun­de um Stun­de unter den Ohren ihrer Besit­zer schau­keln und schla­fen, flie­gen sie sehr gern in der nähe­ren Umge­bung her­um. Weit kom­men sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immer­hin, um ein­an­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­sei­te des ande­ren, man sitzt dann gemein­sam auf einer Schul­ter und schaut auf die gro­ße Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­trau­te Welt, zur gegen­sei­ti­gen Pfle­ge und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass mensch­li­che Ohren nicht in der Lage sind, sie zu ver­neh­men. Nichts wei­ter. – stop
ping

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PRÄPARIERSAAL : schlafgänger

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char­lie : 6.54 — Otto Lili­en­thal soll als jun­ger Mann ein Schlaf­gän­ger gewe­sen sein wie mein Vater. Ich erin­ne­re mich, dass er ein­mal erzähl­te, er habe wäh­rend frü­her For­schungs­zeit sein Bett mit einem „leich­ten Mäd­chen“ geteilt. Nachts schlief er auf ihrem Lager, tags sie auf dem Lager mei­nes Vaters. Eine merk­wür­di­ge Vor­stel­lung. Sie sind sich, wenn ich mich nicht irre, per­sön­lich nie begeg­net sein, aber ihren Gerü­chen, Wär­me, einem Kör­per­ab­druck, Haar. — Kurz vor Son­nen­auf­gang. Gera­de eben lese ich einen E‑Mailbrief June’s, 22. Sie schil­dert in lako­ni­scher Wei­se ihre Erfah­rung eines Prä­pa­rier­saa­les: > Der Tag des ers­ten Testa­tes: Ner­vo­si­tät, Übel­keit, bestan­den! Glücks­ge­füh­le, ab nach Hau­se, schla­fen! Jetzt alles tun, außer ler­nen. Oh, es ist schon spät, ver­dammt, was muss ich mor­gen eigent­lich machen? Das wer­de ich in der S‑Bahn schon noch her­aus­fin­den. Dann der ers­te Tag des neu­en Abschnitts: Arm oder doch der Kopf? Was muss ich eigent­lich tun? Ich hät­te mir das ges­tern doch noch anse­hen sol­len, mei­ne Assis­ten­tin wird mir schon hel­fen, erst mal das Fett abtra­gen, da kann ich nicht viel falsch machen. Was muss ich eigent­lich fin­den? Ach, das fin­de ich mor­gen auch noch! End­lich nach Hau­se! – Der 2. Tag: Was habe ich heu­te zu unter­neh­men? Ver­dammt, war­um meint mein Assis­tent, dass es nicht gut ist, dass ich die­sen klei­nen Haut­nerv noch nicht gefun­den habe. Fei­er­abend! — Der 3. Tag: Nacht­ar­beit, müde! — Der 4. Tag. Ich bin schon wie­der nicht vor­be­rei­tet, ich hat­te so viel nach­zu­ho­len, bald ist erneut Tes­tat und ich kann noch nicht ein­mal mein eige­nes ana­to­mi­sches Gebiet erklä­ren. – 5. Tag, zwei Tage vor dem zwei­ten Tes­tat: Panik! Ich habe über­haupt kei­ne Ahnung. Ich muss noch so viel ler­nen, dass das alles nie­mals in mei­nen Kopf gehen wird. Ich habe zwar schon sehr viel gelernt, aber ich habe alles, was ich lern­te, wie­der ver­ges­sen. — 6. Tag, letz­ter Tag vor dem Tes­tat: Ich glau­be, mein Prä­pa­ri­er­ge­biet kann ich jetzt inwen­dig und aus­wen­dig, aber ich weiß nichts vom Bein! Wenn ich über das Bein gefragt wer­de, dann fal­le ich durch! Ich muss noch drin­gend das Bein ler­nen! Nein, das lern ich jetzt nicht mehr. Mut zur Lücke. Nacht! — stop

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PRÄPARIERSAAL : verwandlung

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alpha : 1.55 — Mein Ton­band­ge­rät wird viel­leicht bald auf­hö­ren zu exis­tie­ren. Ein Knis­tern ist zu ver­neh­men, sobald sich die Moto­ren der Maschi­ne in Bewe­gung set­zen. Wenn ich sie schüt­te­le, scheint etwas in ihr her­um zufal­len, wes­halb ich sie in die­ser Nacht öff­nen wer­de, um nach­zu­se­hen, ob ich etwas tun kann, um ihren Ver­fall auf­zu­hal­ten. Es ist jetzt 1 Uhr 32 Minu­ten. Noch dre­hen sich die Räder der Maschi­ne. Gera­de eben erzähl­te Yolan­de aus Kame­run von ihrer Erfah­rung der Ver­wand­lung in der Umge­bung ana­to­mi­scher Arbeit : > Ich habe schon am ers­ten Abend gespürt, dass sich in mei­nem Leben etwas ver­än­dern wür­de. Ich kann mich, wie ich schon sag­te, nicht sehr gut an mei­nen ers­ten Tag im Prä­pa­rier­saal erin­nern. Als ich nachts vor dem Spie­gel stand, waren mei­ne Augen gerö­tet. Das mach­te mir Sor­gen. Ich konn­te nicht ein­schla­fen und dar­um bin ich im Zim­mer auf- und abge­lau­fen. Und plötz­lich hat­te ich ein ganz star­kes Gefühl von Leben­dig­keit in mir. Ich hat­te das Gefühl, dass die­se all­täg­li­chen, klei­nen Schwie­rig­kei­ten unter Men­schen, unbe­deu­tend sind. Alles voll­kom­men unwich­tig. Ich habe dann erhol­sam geschla­fen. — Wenn ich von mei­ner Erfah­rung des Prä­pa­rier­kur­ses erzäh­le, reagie­ren die Men­schen mit respekt­vol­lem Stau­nen. Ihre Augen wer­den groß und immer grö­ßer, je mehr sie erfah­ren. Sie mei­nen, dass sie das selbst nie­mals aus­hal­ten wür­den. Dann erzäh­le ich gern von mei­nen Freun­den am Tisch. Ich habe als sehr wert­voll emp­fun­den, in einem Team arbei­ten zu kön­nen. Wir mach­ten die­sel­ben Erfah­run­gen und hat­ten ein gemein­sa­mes Ziel: das Erler­nen der Struk­tu­ren des mensch­li­chen Kör­pers. Außer­dem fand ich sehr ange­nehm, mit den Hän­den arbei­ten zu kön­nen, ich konn­te die Mate­rie anfas­sen, Mus­keln und Ner­ven und Blut­ge­fä­ße. Wir waren alle weiß geklei­det, viel­leicht fühl­ten wir uns des­halb wie in einer ande­ren Haut. In dem Moment, da ich mei­nen wei­ßen Kit­tel anzog und mei­ne Hand­schu­he, hat­te ich das Gefühl mich zu ver­wan­deln. Auch dann, wenn ich mir nur aus­mal­te, wie ich mei­ne Hand­schu­he über­streif­te, ver­wan­del­te ich mich auf der Stel­le. — stop

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schrödingers katze

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nord­pol : 5.18 — Wie Sor­ge nach und nach lei­se ein Haus betritt, in wel­chem Men­schen leben, die alt gewor­den sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sicht­bar ist, feins­tes Gewe­be in Bewe­gun­gen der Haus­be­woh­ner, in der Art, wie sie mit­ein­an­der spre­chen oder wovon sie nicht spre­chen. Vater, der an sei­nem Tisch sitzt im Wohn­zim­mer. Sein leicht geneig­ter Kopf. Und die­ser Blick, spre­chen­des Licht. Bin ich nicht viel­leicht viel zu lang­sam gewor­den? Kann ich noch wirk­lich ver­ste­hen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich über­haupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich hal­tet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheim­nis­se vor mir, die mich betref­fen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immer­zu so ger­ne schla­fen. – Die Hand mei­nes Vaters, die nicht mehr schrei­ben kann, nicht mehr so wie frü­her schrei­ben, die­se klei­nen genau kal­ku­lier­ten Zei­chen auf begrenz­ter Flä­che der Papie­re. Und die­ser Com­pu­ter, der macht, was er will. Und all die­se Bücher, die noch ein­mal zu lesen sind, über den Urknall, sol­che Bücher, über Ägyp­ten, über das Leben, Schrö­din­gers Kat­ze. – stop



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