india : 18.16 — Die zärtlichste Art und Weise, einen Menschen zu berühren, ist vielleicht die Berührung durch Vorstellungskraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erinnerung. stop. Das schweigende, vertraute Gehen in den Bergen. stop. Zitronenfalter. stop. Ein fröhliches Lachen, das Dohlenvögel lockte. stop. Wolken. stop. Gemeinsame Wolken. stop. Der Geschmack von Apfelscheiben. stop. Zeitlos sein. stop. Leicht und von Sorgen frei. stop. Geborgen. stop. Und Namen, Namen wie erfunden: Müllnerhorn. stop. Kolibrispitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schulter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glocke seit ungezählten Jahren in einer Pumpenradstation. stop. Das rieselnde Geräusch des Salzwassers. stop. Ein gebrochener Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaffee am Morgen im Aufbruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnurren einer Katze am Telefon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Koffer, und im Winter Geistermasken, und wie man Feuer in einem Kachelofen entfacht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort Seelenortfeder in diesen Tagen, das ich am 20. Oktober 2010 entdeckte und sofort verschenkte. — stop

Aus der Wörtersammlung: station
über staten island nachts
whiskey : 8.28 — Auf der Suche im Internet nach Propellerflugmaschinen, die von Hand zu bedienen sind, entdeckte ich eine Leihstation für Drohnenvögel nahe des St. George Ferry Terminals, und zwar in der Bay Street, Hausnummer 54. Obwohl ich mich in Mitteleuropa befand, musste ich, um Kunde werden zu können, keine weiteren Angaben zur Person hinterlegen als meine Kreditkartennummer, nicht also begründen, weshalb ich den kleinen Metallvogel, sechs Propeller, für drei Stunden nahe der Stadt New York ausleihen wollte. Auch erkundigte sich niemand, ob ich überhaupt in der Lage wäre, eine Drohne zu steuern, seltsame Sache. Ich bezahlte 24 Dollar und startete unverzüglich mithilfe meiner Computertastatur vom Dach eines flachen Gebäudes aus. Ich flog zunächst vorsichtig auf und ab, um nach wenigen Minuten bereits einen Flug entlang der Metrogeleise zu wagen, die in einem sanften Bogen in Richtung des offenen Atlantiks nach Tottenville führen. Ich bewegte mich sehr langsam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die ferne und doch zugleich nahe Welt unter mir auf dem Bildschirm war gut zu erkennen, ich vermochte selbst Gesichter von Reisenden hinter staubigen Fensterscheiben passierender Züge zu entdecken. Nach einer halben Stunde erreichte ich Clifton, niedrige Häuser dort, dicht an dicht, in den Gärten mächtige, alte Bäume, um nach einer weiteren Viertelstunde Flugzeit unter der Verranzano-Narrows Bridge hindurchzufliegen. Nahe der Station Jefferson Avenue wurde gerade ein Feuer gelöscht, eine Rauchsäule ragte senkrecht hoch in die Luft, als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steuerte in derselben Höhe wie zuvor, der Lower Bay entgegen. Am Strand spazierten Menschen, die winkten, als sie meinen Drohnenvogel oder mich entdeckten. Als ich etwas tiefer ging, bemerkte ich in der Krone eines Baumes in Ufernähe ein Fahrrad, des Weiteren einen Stuhl und eine Puppe, auch Tang war zu erkennen und vereinzelt Vogelnester. Es war später Nachmittag geworden jenseits des Atlantiks, es wurde langsam dunkel. — stop

lisbon
bombay
bamako : 2.12 — Auf meinem Schreibtisch bemerke ich eine Postkarte, die dort eigentlich nicht existieren sollte. Tausende Figuren bedecken das Schriftstück, Formen, die ich einerseits als Zeichen identifizieren, andererseits ihrer Bedeutung nach nicht entziffern kann, auch die Briefmarke der Postkarte wurde mit Zeichen versehen. Irgendjemand muss, mithilfe einer Lupe, so viele Schriftzeichen wie möglich auf der Postkarte untergebracht haben. Es handelt sich vermutlich um einen Text in singhalesischer Sprache. Weder sind Absätze zu erkennen, noch Wörter, kein Raum für Leere. Die Briefmarke ist unter den Zeichen nur noch schemenhaft zu erkennen, 25 Rupien, Elefanten durchschreiten einen Fluss. Auf die Bildseite der Postkarte wurde kein Schriftzeichen gesetzt. Sie trägt eine berühmte Fotografie Sebastião Salgados: Churchgate Train Station / Bombay. Menschen strömen über Bahnsteige. Sie bewegen sich so schnell, dass sie unscharf erscheinen wie eine Flüssigkeit. Im linken unteren Bereich der Fotografie eine Frau, die sich vermutlich im Moment der Aufnahme kaum oder nur sehr langsam bewegte. Sie hält eine Tasche in der rechten Hand, sie scheint die einzige nicht flüssige Person zu sein, die auf der Fotografie wahrzunehmen ist. — stop – Dienstag. — stop – Sturm von Nordwest. — stop

frau blum
delta : 5.08 — In der Bibliothek entdeckte ich vor einiger Zeit einen Zettel. Der Zettel steckte in einem Buch, das ich entliehen hatte, um nach einer Geschichte zu suchen, die ich vielleicht schon einmal gelesen haben könnte vor vielen Jahren. Es war eine Geschichte, die von einem Gespräch erzählt, welches Frau Blum mit ihrem Milchmann führte, in dem sie dem Milchmann Botschaften sendete, ein Verhalten, das notwendig gewesen war, weil Frau Blum üblicherweise schlief, wenn der Milchmann frühmorgens das Haus besuchte, in dem sie wohnte. Diese Geschichte, ein wunderbares Stück, hat Peter Bichsel geschrieben, eine ganze Welt scheint in ihr enthalten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Seiten, dass man sie von einer Station zur nächsten Station in einer Straßenbahn reisend Wort für Wort zu Ende lesen könnte. Ich erinnere mich, das Buch lag weich in meiner Hand, es war etwas schmutzig, zerlesen, auf seiner Rückseite waren einige dutzend Stempelaufträge zu finden, so wie man das früher noch machte, Bücher mit Rückgabeterminen zu versehen, so dass jeder sehen konnte, wie oft das Buch bereits gelesen worden war. Dieses Buch, von dem ich gerade erzähle, war seit über zwanzig Jahren nicht mehr ausgeliehen worden. Ich stellte mir vor, dass das Bändchen vielleicht hinter eine der Bücherreihen gerutscht sein könnte, weswegen es lange Zeit nicht gefunden werden konnte. Vermutlich war das Buch längst verloren gemeldet, so dass ich ein Buchexemplar in Händen hielt, das in den Verzeichnissen der Bibliothek nicht länger existierte. Anderseits scheint es möglich zu sein, dass das Buch versteckt worden sein könnte. Vielleicht war es von genau jener Person versteckt worden, die den Zettel in das Buch gelegt hatte, eine Person, die möglicherweise bereits gestorben ist. Das alles ist natürlich reine Spekulation, allein die Existenz des Zettels ist sicher. Dort war in blauer, akkurater Schrift zu lesen: Wie man einen Vermerk schreibt, um sich an gelesene Geschichten erinnern zu können. – stop

ai : IRAN

MENSCHEN IN GEFAHR: „Berichte über GefängniswärterInnen, die im Trakt 350 des Evin-Gefängnisses in Teheran, in dem viele politische Gefangene inhaftiert sind, eine Razzia durchführten, verstärken die Sorge um die Sicherheit der Gefangenen. Infolge der Unruhen haben einige Gefangene offenbar Verletzungen, darunter Rippenbrüche, erlitten. Berichten zufolge wurden mindestens 32 Personen aus Trakt 350 in Einzelhaft in Trakt 240 des Gefängnisses verlegt. / Medienberichten zufolge drangen am Morgen des 17. April MitarbeiterInnen des iranischen Nachrichtendienstes sowie etwa 100 WärterInnen in Kampfausrüstung in den Trakt 350 des Evin-Gefängnisses ein, möglicherweise um eine Durchsuchung durchzuführen. Die genauen weiteren Geschehnisse sind nicht bekannt, doch es kam offenbar zu einer Konfrontation mit Gefangenen, die die Razzia zu verhindern suchten, wobei einige Gefangene verletzt worden sein sollen. Mindestens vier der verletzten Gefangenen wurden in ein Krankenhaus außerhalb des Gefängnisses eingeliefert. Berichten zufolge wurden weitere 26 Gefangene verletzt, doch ob sie innerhalb des Gefängnisses eine medizinische Behandlung erhielten, ist nicht bekannt. Mindestens zwei Gefangene, Esmail Barzegari und Akbar Amini, sollen sich Rippenbrüche zugezogen und ein dritter einen Herzinfarkt erlitten haben. Letzterer wurde auf die Intensivstation eines Krankenhauses außerhalb des Gefängnisses gebracht. / Weitere 32 Personen wurden in Einzelhaft verlegt, darunter der Anwalt Abdolfattah Soltani, der Aktivist für die Rechte von Minderheiten Sa’id Metinpour, der selbst der aserbaidschanischen Minderheit im Iran angehört, der ehemalige Staatsanwalt Mohammad Amin Hadavi, der Arbeitsrechtsaktivist Behnam Ebrahimzadeh und die politischen Aktivisten Behzad Arabgol und Hootan Dolati. All diejenigen, die in Einzelhaft verlegt wurden, sollen während der Verlegung von WärterInnen mit Schlagstöcken geschlagen worden sein.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und nicht über den 29. Mai 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

am telefon
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sierra : 6.05 — Mein Freund Louis erzählte eine Geschichte von einem Mann, dem er vor wenigen Jahren in New York begegnet sein will. Ich werde kurz berichten, obwohl es schon spät geworden ist. An dem Tag, an dem Louis’ Geschichte sich ereignete, wanderte er durch die Stadt ohne Ziel. Manchmal stieg er in einen Zug der Subway und fuhr irgendwohin. Einmal, es war Abend geworden, erreichte er Brighton Beach, aber anstatt den Strand zu besuchen, fuhr er sofort wieder zurück. Das war ein großes Glück gewesen, denn hätte er nur einen oder zwei spätere Züge nach Manhattan genommen, wäre er dem Mann, von dem er mir erzählte, vermutlich nie begegnet. Dieser Mann war ein kleiner, schmächtiger Herr, der breitbeinig vor einer Tür stand und zu telefonieren schien. Er sprach, ohne eine Pause zu machen, mit lauter Stimme Wörter, die Louis nicht verstehen konnte. Als der Zug nach einer halben Stunde Fahrt über den Dächern Brooklyns in den Untergrund tauchte, geschah etwas Seltsames, denn der Mann sprach weiter in sein Telefon, obwohl jede Funkverbindung im Tunnelsystem sofort unterbrochen wurde. Kaum jemand unter den Fahrgästen schien den kleinen Mann zu bemerken. Eine Fünf-Mann-Band betrat den Waggon, sie spielte einen Brasstango, der Zug bebte und der schmächtige Mann telefonierte und lachte und spendete einen Dollar. In der Lexington Avenue, Höhe 63. Straße, stieg der Mann aus, fuhr mit der Rolltreppe in das Zwischengeschoss, stieg zur Straßenebene hinauf und lief weiter nordwärts. Er hatte bis dahin, eine Stunde war seit seiner Entdeckung vergangen, nie aufgehört zu sprechen, und auch jetzt, im Gehen, setzte er seine Rede fort. An der Ecke zur 83. Straße besuchte der Mann eine Pizzeria, auch Louis trat in den düsteren Laden ein. Er hörte dem Mann weiter zu, wie er mit vollem Mund seinen Text vollzog, als könnte er unmöglich aufhören, als würde etwas Schreckliches geschehen, wenn er nur einmal für eine Sekunde eine Pause machte. Bald trat der kleine, sprechende Mann wieder auf die Straße und setzte seinen Weg in Richtung Harlem fort. Es war inzwischen später Abend geworden, die Luft kühler, Menschen saßen entlang der Häuserwände auf Klappstühlen. Um kurz nach Mitternacht plötzlich hielt der Mann an und verstummte. Er stand einige Minuten ganz still. Er schien zu überlegen. Dann legte er das Telefon auf dem Boden ab, drehte sich um und machte sich auf den Weg zurück. Er ging zunächst südwärts über die Lexington Avenue, Höhe der 60. Straße bog er nach links ab, schlenderte langsam zur Tramway – Station, gegen drei Uhr löste er ein Ticket. — stop

luftwesen
india : 0.14 — Kurz nach Mitternacht. Folgendes: Eine Drohne in der Gestalt eines Kolibris stationiert seit wenigen Minuten in einem Abstand von 1,5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beobachten, wie ich gerade über sie notiere. Kurz zuvor war das kleine Wesen in meinem Zimmer herumgeflogen, hatte meinen Kakteentisch untersucht, meine Bücher, das Laternensignallicht, welches ich vom Großvater erbte, auch meine Papiere, Fotografien, Schreibwerkzeuge. Ruckartig verlagerte das Lufttier seine Position von Gegenstand zu Gegenstand. Ich glaube, in den Momenten des Stillstandes wurden Aufnahmen gefertigt, genau in der Art und Weise wie in diesem Moment eine Aufnahme von mir selbst, indem ich auf dem Arbeitssofa sitze und so tue, als ginge mich das alles gar nichts an. Von der Drohne, die ich versucht bin, tatsächlich für einen Kolibrivogel zu halten, war zunächst nichts zu hören gewesen, keinerlei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minuten, meine ich einen leise pfeifenden Luftzug zu vernehmen, der von den nicht sichtbaren Flügeln des Luftwesens auszugehen scheint. Diese Flügel bewegen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschärfe der Luft wahrzunehmen sind. Ein weiteres, ein helles feines Geräusch ist zu hören, ein Wispern. Dieses Wispern scheint von dem Schnabel des Kolibris herzukommen. Ich habe diesen Schnabel zunächst für eine Attrappe gehalten, jetzt aber halte ich für möglich, dass der Drohnenvogel doch mit diesem Schnabel spricht, also vielleicht mit mir, der ich auf dem Sofa sitze und so tue, als ginge mich das alles gar nichts an. Ich kann natürlich nicht sagen, was er mitteilen möchte. Es ist denkbar, dass vielleicht eine entfernte Stimme aus dem Schnabel zu mir spricht, ja, das ist denkbar. Nun warten wir einmal ab, ob der kleine sprechende Vogel sich mir nähern und vielleicht in eines meiner Ohren sprechen wird. — stop
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alpha : 22.08 — Ich besitze zwei Schreibmaschinen, eine kleine, flache und eine größere, schwere Schreibmaschine. Nun ist das so: In dem Moment, da ich beide Schreibmaschinen als Lebewesen betrachte, meine ich differenzierend davon sprechen zu können, dass es sich bei jener kleineren, reisenden Schreibmaschine einerseits, um eine nervöse Maschine handelt, die kaum jemals zur Ruhe kommt, während meine zurückbleibende Schreibmaschine andererseits, ein vornehmlich stationäres, ein gelassenes, schlafendes Leben führt. Seit einigen Wochen bereits, bei Tag und bei Nacht, kommunizieren beide Schreibmaschinen über größere oder kleinere Entfernungen hinweg. Meine reisende Schreibmaschine erzählt der schlafenden Schreibmaschine beispielsweise Geschichten, die wiederum ich selbst mit Händen notierte. Das ist deshalb möglich geworden, weil meine schlafende Schreibmaschine nicht wirklich schläft, sondern halb schlafend darauf wartet, angesprochen, das heißt, geweckt zu werden. Zu diesem Zweck wendet sich meine reisende Schreibmaschine zunächst an zwei entfernte Servermaschinen, an eine mir unbekannte, geheime Maschine, sowie an eine mir vertraute Maschine, die sich nahe der Stadt San Francisco unter weiteren halb schlafenden Maschinen befinden soll, um meine Geschichte dort abzulegen, sodass diese Geschichte von der Sekunde ihrer Übertragung an vierfach existiert, auch eben dort, wo sie zunächst erzählt worden war, sehr flüchtig in meinem Kopf. Nun ereignet sich folgendes, dass nämlich jene Servermaschine nahe San Francisco unverzüglich mit meiner stationären, mit meiner halb schlafend wartenden Schreibmaschine telefoniert, um meine Geschichte dort in einer fünften Version einzulagern, so dass meine reisende Schreibmaschine der zurückgebliebenen Schreibmaschine in Minutenfrist wieder sehr ähnlich geworden ist. Eine Routine, deren Vollzug ich mir in diesen Tagen gerne vorstelle, wie im Dunkeln eines weit entfernten Zimmers das Gespräch der Maschinen sichtbar wird im Flackern eines Diodenlichtes, und hörbar gleichermaßen in der summenden Bewegung eines magnetisch schreibenden Stiftes. – Sonntag. — stop. — Guten Abend. — stop

perugia


