Aus der Wörtersammlung: tief

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eine alte frau

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del­ta : 7.28 — Eine alte Frau in den Schu­hen eines Man­nes. Sie ist klein, sie geht gebückt. Der Mann, zu dem frü­her ein­mal die Schu­he der alten, gebückt gehen­den Frau gehör­ten, muss ein Mann von statt­li­cher Grö­ße gewe­sen sein. Sie kann ihre Füße nicht vom Boden heben, ohne den schüt­zen­den Raum der rie­si­gen Schu­he zu ver­las­sen. Des­halb geht sie in einer Wei­se, als sie wür­de auf Ski­ern lau­fen. Links in der Hand trägt sie einen Stock, auf den sie sich stützt, sobald sie ein­mal ste­hen bleibt. Sie trägt einen grau­en Win­ter­man­tel, graue Hosen, einen grau­en Schal. Auch ihr Haar ist von grau­er Far­be. Eigent­lich fällt sie kaum auf in der Men­schen­men­ge, weil sie zier­lich ist und ohne Laut. Sie wan­dert in ihren Schnee­schu­hen über den Zen­tral­bahn­hof von Müll­ei­mer zu Müll­ei­mer, um jeweils in die Tie­fe der Behäl­ter­schlün­de zu spä­hen. Ich fra­ge mich, was sie suchen könn­te, viel­leicht Fla­schen oder ein Brot oder den Rest eines Apfels. Ich ken­ne die Erschei­nung die­ser Frau, ich ken­ne sie seit Jah­ren. Sie ist ein Leicht­ge­wicht, wenn ich sie mit den schwe­ren, den voll­stän­dig ver­mumm­ten Gestal­ten der New Yor­ker Stra­ßen in Bezie­hung set­ze. Als ich sie zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men habe, dach­te ich: Die­se Frau könn­te mei­ne Mut­ter sein, was ist gesche­hen? Damals sah die alte Frau krank aus und schmut­zig und sie roch sehr streng. Ihre Augen waren gelb­lich ver­färbt, dar­an erin­ne­re ich mich genau, ich über­leg­te, ob sie viel­leicht bald ster­ben wird. Das war vor zwei oder drei Jah­ren gewe­sen. Wie ich sie heu­te wie­der sehe, die alte Frau in den Schu­hen eines Man­nes, den­ke ich, sie ist wie eine Figur, die immer irgend­wo in Bahn­hö­fen anwe­send ist, die immer wie­der über eine die­ser Rei­se­büh­nen schrei­tet, ohne je wei­ter­zu­fah­ren, die­se Wege von Müll­ei­mer zu Müll­ei­mer und wie­der zurück auf der Suche nach etwas Nah­rung oder Pfand. An die­sem Abend über­ho­le ich sie, wen­de und bücke mich, sodass ich ihr nahe­kom­me. Sie hält an, schaut mir in die Augen. Ihre Haut ist weich und weiß und ihre Pupil­len sind klar. Ich sage: Ent­schul­di­gen Sie bit­te. Darf ich ihnen etwas geben? In dem Moment, da sie mir eine Hand ent­ge­gen­streckt, sagt sie mit der Stim­me eines Mäd­chens so hell: Dan­ke, war­um? — stop

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vor den kapverden

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del­ta : 6.58 — Vor zwei Jah­ren ein­mal mel­de­te sich mein Vater am Tele­fon, er woll­te mir eini­ge Gedan­ken über­mit­teln. Ich hat­te ihn gefragt, ob es Tief­see­ele­fan­ten in phy­si­ka­li­scher Hin­sicht mög­lich sei, Atem­luft über kilo­me­ter­lan­ge Rüs­sel in die Tie­fe zu lei­ten. Mein Vater sen­de­te meh­re­re Vari­an­ten einer Lösung die­ses Pro­blems, unter ande­rem dach­te er dar­über nach, dass die Luft gegen den stei­gen­den Druck des Was­sers ver­mut­lich in einem Kam­mer­sys­tem in klei­ne­ren Por­tio­nen nach unten gedrückt wer­den könn­te. Das leuch­te­te mir ein, ich war sehr zufrie­den mit die­ser Vor­stel­lung eines Luft­trans­port­we­sens. In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich mich an die Vor­stel­lun­gen mei­nes Vaters erin­nert, in einer Nacht, da ich Mel­dung erhielt, man habe vor den Kap­ver­den Tief­see­ele­fan­ten gesich­tet. Wie­der ein Fischer­boot, wie es sich in einer leich­ten Mee­res­strö­mung dreht. Schwei­gen­de Män­ner. Lam­pen­licht, das über das Was­ser springt. Die Män­ner betrach­ten auch in die­sen Minu­ten der Nacht schnau­ben­de Rüs­sel­spit­zen einer rie­si­gen Her­de Tief­see­ele­fan­ten, die sich viel­leicht soeben auf den Weg bege­ben, den Atlan­tik zu durch­que­ren, geräusch­voll atmen­de, sich lieb­ko­sen­de, sam­tig flei­schi­ge Knit­ter­blü­ten. — Leich­ter, küh­ler Regen. – stop

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eine sprechende maschine

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reming­ton : 6.52 — Vor weni­gen Tagen hat­te ich von der Ent­de­ckung eines Muse­ums der Nacht­häu­ser erzählt, das sich am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, die den Stadt­teil Queens über den East River hin­weg mit Ran­di­lis Island ver­bin­det. Es ist noch immer ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, der Fluss so nah, dass man ihn rie­chen kann. Heu­te liegt der Gar­ten tief ver­schneit. Ich ste­he unter einem der Apfel­bäu­me, die ohne Blät­ter sind. Die­ser Baum trägt sei­ne Som­mer­früch­te so, als ob er sie fest­hal­ten wür­de, sie sind etwas klei­ner gewor­den, vol­ler Fal­ten, aber sie leuch­ten Rot und sie duf­ten. Der jun­ge Mann, der mich bereits ein­mal durch das Muse­um geführt hat­te, kommt in die­sem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wie­der­ge­kom­men bin. Eine Wei­le ste­hen wir uns gegen­über, es ist zum Erbar­men kalt, wir tre­ten von einem Bein aufs ande­re, wäh­rend der jun­ge Mann eine Ziga­ret­te raucht, dann ist es fast dun­kel und wir tre­ten wie­der in das Muse­um ein. Er möch­te mir eine klei­ne Maschi­ne zei­gen, die im ers­ten Stock seit vie­len Jah­ren in einer wei­te­ren Vitri­ne sitzt. Auf den ers­ten Blick scheint es sich um eine ähn­li­che Appa­ra­tur zu han­deln, wie jene von der ich berich­te­te. Ein Gecko von Metall, der in der Lage ist, sich zum Zwe­cke pro­tes­tie­ren­der Kom­mu­ni­ka­ti­on Wän­de hin­auf an die Decke eines Zim­mers zu bege­ben, um sich dort fest­zu­sau­gen. Aber anstatt eines oder meh­re­rer Schlag­in­stru­men­te, mit wel­chen gegen die Decke getrom­melt wer­den könn­te, ver­fügt die­ses klei­ne Wesen über einen Laut­spre­cher, der wie ein Mund gestal­tet ist, und des­halb her­vor­ra­gend geeig­net zu sein scheint, hef­ti­ge Geräu­sche des Spre­chens zu erzeu­gen. Bei die­ser Appa­ra­tur, sagt der jun­ge Ange­stell­te, han­delt es sich um den ers­ten Decken­spre­cher der Geschich­te, ein äußerst sinn­vol­les Gerät. Er for­dert mich auf, näher­zu­tre­ten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist ver­beult! Tat­säch­lich war der klei­ne eiser­ne Gecko von zahl­rei­chen Schlä­gen so ver­letzt, dass er viel­leicht kaum noch in der Lage gewe­sen war, sei­ner Auf­ga­be nach­zu­kom­men. Denk­bar ist, dass er in einer Nacht der Tag­men­schen der­art wir­kungs­voll gear­bei­tet haben könn­te, dass man ihn fan­gen woll­te, wes­halb man in die Woh­nung des Nacht­men­schen ein­ge­bro­chen war, um ihn zum Schwei­gen zu brin­gen. Als man das ram­po­nier­te Gerät vie­le Jah­re spä­ter öff­ne­te, ent­deck­te man eine Ton­band­spu­le, auf wel­cher Lite­ra­tur von Bedeu­tung fest­ge­hal­ten war. Ein Bruch­stück der his­to­ri­schen Auf­nah­me war noch vor­han­den gewe­sen, und jetzt, in die­ser Nacht, spielt mir der jun­ge Mann vor, was der Appa­rat gespro­chen hat­te. Eine äußerst lau­te, schep­pern­de Stim­me ist zu ver­neh­men: Zuerst woll­te er mit dem unte­ren Teil sei­nes Kör­pers aus dem Bett hin­aus­kom­men, aber die­ser unte­re Teil, den er übri­gens noch nicht gese­hen hat­te und von dem er sich kei­ne rech­te Vor­stel­lung machen konn­te, erwies sich als zu schwer beweg­lich; es ging so lang­sam; und als er schließ­lich, fast wild gewor­den, mit gesam­mel­ter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts stieß, hat­te er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unte­ren Bett­pfos­ten hef­tig an, und der bren­nen­de Schmerz, den er emp­fand, belehr­te ihn, dass gera­de der unte­re Teil augen­blick­lich viel­leicht der emp­find­lichs­te war. — Hier endet die Spu­le, ums sofort wie­der von vorn zu begin­nen. — stop

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wanderameisen

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echo : 0.55 — Es könn­te even­tu­ell eine sehr span­nen­de Auf­ga­be sein, sich ein­mal sel­te­ne, nie zuvor gehör­te Geräu­sche vor­zu­stel­len. Das Geräusch, zum Bei­spiel, aus­schwär­men­der Wan­der­amei­sen. Wel­ches Geräusch wür­den zwei­hun­dert hung­ri­ge Eich­hörn­chen erzeu­gen, die über eine tief­ge­fro­re­ne Wie­se galop­pie­ren? — stop

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dampfende ohren

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alpha : 6.55 — Ich for­sche gern in mei­nem digi­ta­len Ana­ly­se­pro­gramm nach Fra­gen an Such­ma­schi­nen, die zu mei­ner Par­tic­les­ar­beit führ­ten. Merk­wür­di­ge, ver­rück­te, poe­ti­sche Sen­ten­zen sind zu fin­den. In der ver­gan­ge­nen Woche zum Bei­spiel fol­gen­de: mei­ne schreib­ma­schi­ne schreibt buch­sta­ben über­ein­an­der . klei­ne rote flie­gen in der küche . käfer der auf unse­rem kör­per wohnt . lus­ti­ge geschich­ten über ohren . ägyp­ti­sches frau­zei­chen mit flü­geln . schim­pan­sen im welt­all . schla­fen­de ele­fan­ten . män­ner mit klei­nen köp­fen . ist albert san­chez pinol ein mann . lou­is’ licht­ge­schich­te. stop — Über Nacht ist es kalt gewor­den. An der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le beob­ach­te ich einen älte­ren Herrn, aus des­sen Ohren Dampf zu tre­ten scheint. Man könn­te sagen, es han­delt sich um den ers­ten rau­chen­den Kopf, den ich in mei­nem Leben per­sön­lich gese­hen habe. Als ich näher her­an­tre­te, erken­ne ich, dass sich in den Ohren des damp­fen­den Herrn je ein Tier befand. Ich frag­te, ob ich viel­leicht ein­mal genau­er betrach­ten dürf­te, was dort in sei­nen Ohren exis­tiert. Weil der alte Mann nichts hör­te, trug ich mein Anlie­gen in Zei­chen­spra­che vor. Er schien mich zu ver­ste­hen und neig­te unver­züg­lich sei­nen Kopf, sodass ich eine gute Aus­sicht hat­te auf das rech­te sei­ner Ohren. Tat­säch­lich waren dort Augen und Zan­gen eines Käfers zu erken­nen. Als ich mich näher­te, zog sich das Wesen ein wenig in die Tie­fe des Ohres zurück, das von wei­ßem flau­mi­gen Haar besetzt war, wie von einem kost­ba­ren Pelz. Der dün­ne Faden des Käfe­ratems, den ich kurz zuvor beob­ach­tet hat­te, war nun gut zu sehen, aber ich konn­te nicht ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren, woher der Atem des Käfers eigent­lich kam, wo der Atem, der in der kal­ten Luft kon­den­sier­te, den Käfer­kör­per prä­zi­se ver­ließ. Noch ehe ich mei­ne Fra­ge zur Kon­struk­ti­on des Käfers stel­len konn­te, war der alte Herr in eine Stra­ßen­bahn gestie­gen und davon­ge­fah­ren. — Diens­tag. — stop.

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anton voyls fortgang

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del­ta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekom­men, wie ich es erwar­tet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm Geor­ge Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tie­fe geschickt. Es han­delt sich in unse­rer Ver­suchs­an­ord­nung um das Unter­was­ser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­sta­be E auf 320 Sei­ten nicht erschei­nen wird. Kurz nach­dem Noe sei­ne Lek­tü­re mit fes­ter Stim­me auf­ge­nom­men hat­te, ver­such­ten wir vor­her­zu­se­hen, wie lan­ge Zeit Noe lesen wür­de, ehe er das voll­stän­di­ge Feh­len eines bedeu­ten­den Buch­sta­bens im Text bemerkt haben wür­de. Er las etwa 10 Minu­ten, dann hör­te er auf, sei­ne Stim­me wur­de zunächst lei­ser, er dehn­te die Wor­te, sag­te, dass ihm etwas merk­wür­dig vor­kom­men wür­de, er kön­ne bis­her nicht sagen, was genau ihm merk­wür­dig erschei­ne, er müs­se nach­den­ken. Wir sit­zen jetzt alle vor den Laut­spre­chern und Bild­schir­men und war­ten. Im Schein der Lam­pe, die Noe und das Buch, das er in sei­nen schwe­ren Hän­den hält, beleuch­tet, sehen wir, dass er sich lang­sam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in einer Mee­res­tie­fe von 820 Fuß schwe­bend, ein guter Beob­ach­ter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Däm­me­rung, wenn Tag gewor­den ist, und ein paar Fische, die ihn von Zeit zu Zeit besu­chen. Ich neh­me an, Noe wird oft an uns den­ken. Er hört uns zu, hört, was wir spre­chen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir ver­ges­sen haben, das Mikro­fon aus­zu­schal­ten. An der Art und Wei­se wie wir atmen, ver­mag Noe zu unter­schei­den, ob Lin, Eric, Mar­tin, Tom, Lil­ly oder ich vor dem Mikro­fon Platz genom­men haben. Gera­de eben beginnt er wie­der zu lesen, er scheint an den Anfang des Buches zurück­ge­kehrt zu sein: In Roca­ma­dour gabs Mund­raub sogar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Scho­ko­bon­bons im Kilo­pack. Und wie­der schweigt Noe. Es ist spä­ter Abend. Sams­tag. Ein Fracht­schiff, hell beleuch­tet, lun­gert am Hori­zont. Ahoi, lie­ber Lou­is. Dein OE SOM

gesen­det am
10.11.2012
1856 zeichen

oe som to louis »

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im pullmannwagen

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hima­la­ya : 6.46 — Seit eini­gen Stun­den sind hef­ti­ge Arbeits­ge­räu­sche, – Häm­mern, Boh­ren, Sägen -, aus dem klei­nen Raum zu ver­neh­men, der sich neben mei­nem Arbeits­zim­mer befin­det, und Män­ner­stim­men, die scher­zen und pfei­fen. Ich will das schnell erzäh­len, es han­delt sich um einen Vor­gang der Mon­ta­ge, weil zwei Hand­wer­ker damit beschäf­tigt sind, einen Eisen­bahn-Rei­se­wa­gon, genau­er, die Abteil­schei­be eines Zuges, zu ver­schrau­ben, die mir ges­tern Nach­mit­tag bei äußerst schlech­tem Wet­ter in Ein­zel­tei­len ange­lie­fert wor­den waren. Ich habe kei­nen wirk­li­chen Aus­blick auf das, was dort im Ein­zel­nen geschieht, aber ich kann das fei­ne Leder der Sit­ze des alten Pull­man­wa­gens bereits rie­chen, den ich mir wünsch­te, um dar­in jeder­zeit fah­ren und arbei­ten zu kön­nen. Ein groß­ar­ti­ges Erleb­nis soll das sein, Stun­de um Stun­de im his­to­ri­schen Wag­gon zu sit­zen und zu schau­en und zu schrei­ben oder zu schla­fen, das rhyth­mi­sche Geräusch der Schwel­len, som­mer­li­che Rhein­land­schaf­ten, die auf Bild­schirm­fens­tern vor­über­zie­hen. Die Stim­me eines Schaff­ners, der sich nach Fahr­kar­ten erkun­digt, sie kommt näher, der Mann grüßt durch das Fens­ter der Tür in mei­ne Rich­tung, immer wie­der wird er kom­men, ohne je das Abteil zu betre­ten, in dem ich sit­ze. Kin­der tol­len auf den Flu­ren her­um, jemand schreit, dass end­lich Ruhe sein soll, Tanz­mu­sik vom Nach­bar­ab­teil, Rei­sen­de ver­tre­ten sich die Bei­ne, zei­gen auf Damp­fer­schif­fe drau­ßen auf dem Fluss, auch sie sind Bild­schirm­we­sen, Drei­ßi­ger­jah­re, her­vor­ra­gend gemacht. Ein Kom­bü­sen­wä­gel­chen schep­pert vor­über, ein Bahn­hof, eine Uhr, es wird dun­kel und plötz­lich tief ste­hen­de Son­ne über den wil­den zor­ni­gen Bäu­men, die geduckt in einer Schnee­land­schaft ste­hen, bald, in weni­gen Minu­ten, wer­den wir Oslos Zen­tral­sta­ti­on errei­chen. — stop
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rom : synapsen

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marim­ba : 16.33 — Ich fol­ge einer Wen­del­trep­pe, bis ich ein fla­ches Dach errei­che, sofort stei­ge ich wei­ter. Plötz­lich befin­de ich mich inner­halb der Kup­pel des Doms auf einem schma­len Absatz, groß­ar­ti­ger Aus­blick in die Tie­fe. Win­zi­ge Gestal­ten da unten vor dem zen­tra­len Altar der Kir­che, man meint sich selbst in jeder der Men­schen­minia­tu­ren, die sich über den Mar­mor­bo­den lang­sam fort­be­we­gen, erken­nen zu kön­nen. Ein Poli­zist sitzt nur weni­ge Meter ent­fernt vor einem Moni­tor, der ein Bild zeigt, das über ein Tele­ob­jek­tiv auf­ge­nom­men wird. Es könn­te sein, dass der Mann jene Minia­tur­men­schen beob­ach­tet, die mir so ähn­lich sind. Wer ist ver­däch­tig? Wie, fra­ge ich, müss­te ich mich ver­hal­ten, um in die Andacht die­ses Appa­ra­tes genom­men zu wer­den? Kann der Appa­rat viel­leicht erken­nen, ob ich Fie­ber habe oder nicht? In die­sem Moment nimmt mich der Poli­zist tat­säch­lich ins Visier sei­ner per­sön­li­chen Augen, weil er bemerk­te, dass ich mich für sei­ne Instru­men­te inter­es­sie­re. Wei­ter auf­wärts in der Scha­le, die die Kup­pel formt, immer im Kreis her­um eine enge Wen­del­trep­pe, bald gehe ich gebückt. Dann der Him­mel und Men­schen und am Hori­zont das Meer, und die Stadt in der Wär­me flim­mernd. Ich erken­ne, wenn ich mich ost­wärts um die Kup­pel­la­ter­ne der Kir­che her­um­be­we­ge, die Stra­ße, in wel­cher sich das Haus befin­det, in dem ich woh­ne. Gewal­ti­ge Pini­en­bäu­me, Syn­ap­sen, weit ent­fernt in den Gär­ten der Vil­la Borg­he­se. Ein Mann has­tet über den alten, gro­ßen Platz. Das Gespräch der Möwen in der Luft in nächs­ter Nähe. — stop

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rom : bälle

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vic­tor : 17.16 — Nah der Iso­la Tibe­ri­na befin­det sich eine von Men­schen­hand gefer­tig­te Schwel­le im Bett des Tibers, die den lang­sam dahin rei­sen­den Fluss zu einem rei­ßen­den Strom wer­den lässt. Das braun grü­ne Was­ser ist hell gewor­den, blau und frisch von der ein­ge­fan­ge­nen Luft. Fla­schen, Bäl­le, Höl­zer wer­den zu Spiel­zeu­gen der stru­deln­den Wal­ze, die sie fängt, die sie mit sich in die Tie­fe nimmt, um sie kurz dar­auf wie­der frei­zu­las­sen für Sekun­den. Wenn man dort sitzt und war­tet, kann man sich kaum satt sehen an jener lebens­lus­ti­gen Ord­nung des Zufalls. Jun­ge Men­schen kau­ern am Ufer, schau­en zu, zäh­len Bäl­le, Far­ben, For­men, spä­hen fluss­auf­wärts, ob wei­te­re Gegen­stän­de sich nähern, um vom Was­ser bear­bei­tet zu wer­den, bis sie sich irgend­wann ein­mal auf­ge­löst haben wer­den oder so leicht gewor­den sind, dass ein Wind­stoß sie der Umar­mung des Flus­ses ent­zie­hen kann. Die Wän­de der Tiber­fas­sung ragen hoch hin­ter uns auf, zehn oder zwan­zig Meter, kaum Geräu­sche mensch­li­chen Lebens drin­gen bis hier­her, Stadt und Fluss schei­nen getrennt. Schwe­re, dun­kel gefie­der­te See­mö­wen haben vom Meer hier­her gefun­den. Ruhig ste­hen sie am Was­ser, blin­ken mit den Augen, als wären sie Foto­ap­pa­ra­te. Irgend­wo in nächs­ter Nähe sol­len sich Fun­da­men­te Jahr­tau­sen­de alter Brü­cken unter der Was­ser­ober­flä­che befin­den. Wenn man sie ein­mal zu Gesicht bekom­men soll­te, müss­te der Fluss bald ver­schwun­den sein, ver­dampft wie die Spat­zen, deren Spe­zi­es ich bald ver­ges­sen haben wer­de, dass sie je exis­tier­te. — stop
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rom : winde

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sier­ra : 8.52 — Leich­ter Luft­zug von Süden, schwe­re, blei­schwe­re Hit­ze. Spa­zier­te im Kolos­se­um, präch­ti­ge Rui­ne, Thea­ter der Grau­sam­keit. Da muss über­all noch uralter Kno­chen­staub im Boden ver­bor­gen sein, Mate­ria­li­en vom Tiger, vom Fluss­pferd, von Giraf­fen, von Men­schen. Ges­tern hat­te der öffent­li­che Dienst der Stadt gestreikt, auch die Funk­tio­nä­re der Are­na, wes­we­gen an die­sem Tag tau­sen­de Besu­cher zusätz­lich Zutritt wün­schen. Eine lan­ge Rei­he War­ten­der, hun­der­te Meter weit in der Son­ne tief unten auf der Stra­ße. Robo­ter­ma­schi­nen der Stra­ßen­rei­ni­gung dösen im Schat­ten der Pini­en. Gla­dia­to­ren­imi­ta­to­ren ste­hen zur Foto­gra­fie bereit. Pfer­de­hu­fe klap­pern die Via di San Gre­go­rio auf und ab. Über das Forum Roma­n­um gleich gegen­über fegt ein Wind, der sich genau auf die­sen his­to­risch bedeu­ten­den Bezirk zu beschrän­ken scheint, es ist ein gra­ben­der, wir­beln­der Wind, Sand­tür­me krei­sen zwi­schen Mau­er­res­ten, Stäu­be, die über das Meer geflo­gen kom­men, von Afri­ka her, schmir­geln am alten Euro­pa, ver­fan­gen sich in den Sei­den­tü­chern der Händ­ler, die tat­säch­lich flie­gen­de Händ­ler sein könn­ten, weil sie vie­le und sich der­art ähn­lich sind, dass sie phy­si­ka­li­schen Geset­zen wider­ste­hend über­all zur glei­chen Zeit erschei­nen. Abends sitzt dann ein Mann wie aus hei­te­rem Him­mel mit einem Pro­test­tuch auf der Kup­pel des Peters­doms. Unter­halb der Later­ne, in über ein­hun­dert Meter Höhe, scheint er sich fest­ge­zurrt zu haben. Auf dem Platz bleibt er indes­sen von den Fla­neu­ren unbe­merkt. Er scheint viel zu klein zu sein, zu weit ent­fernt er selbst und auch das Tuch, auf das er etwas notier­te. Zit­tern­des Licht, immer wie­der zu sehen, eine Art Fin­ger. Kei­ne Mor­se­zei­chen. — stop



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