ulysses : 0.12 UTC — Ein gutes Heft ist, würde Hrabal, wenn er noch lebte, vielleicht sagen, gut für die Ohren, etwas zu denken, aber von dem Gedachten nichts zu äußern. — stop
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Aus der Wörtersammlung: ohr
vom drohnenvögelchen
echo : 17.18 UTC — Er fliegt nicht, sagte die kleine S. am Telefon. Es ist früher Abend, die helle Stimme am Telefon klang ängstlich. — Wer fliegt nicht, wollte ich wissen? — Na, der Vogel, den Du mir geschenkt hast, er sitzt auf dem Boden und bewegt sich nicht. S. war beunruhigt, sie sagte, der Vogel sei gerade noch durch die Küche geflogen, dann sei er vor dem Küchentisch gelandet, jetzt sitze er reglos auf dem Boden. Sind denn seine Lichter noch an, erkundigte ich mich. Nein, sagte S., auch die Lichter brennen nicht, und er sagt nichts, keinen Pieps. — Ich überlegte kurz, wechselte den Hörer meines Telefons vom linken an mein rechtes Ohr: Ich glaube, ich weiß, warum Dein Vogel gerade nicht fliegt. Hör zu, ich werde mich ein wenig umhören, dann rufe ich Dich wieder an! — Vielleicht sollte ich an dieser Stelle schnell erzählen, dass ich meiner Nichte S. im vergangenen Jahr zu Weihnachten eine fingerlange Drohne für Kinder schenkte, die wunderbar blinken kann in blauen und roten Farben. Bisweilen gibt sie Geräusche von sich, als wäre sie eine Lokomotive. Dieses Wesen, dem Vernehmen nach weltweit die einzige Lokomotivengattung, die zu fliegen vermag, lässt sich über eine handliche Funksteuerung manövrieren. Ich habe das selbst ausprobiert, das ist nicht ganz einfach für Kinder, und auch für erwachsene Personen eine Herausforderung. Ich vermutete nun, dass die Stromversorgung der Drohne möglicherweise ausgefallen sein könnte. Kurz nachdem ich herausgefunden hatte, wie man die Batterien der Lokomotive auswechseln könnte, rief ich meine Nichte wieder an. Ihre Mutter kam ans Telefon, Sekunden später S., die fröhlich erzählte, der Vogel sei wieder in der Luft, sie könne im Moment nicht reden, sie müsse aufpassen, dass der Vogel sich nicht wieder auf den Boden setzt. Ein leises Surren war zu hören, dann Schritte, dann eine helle Stimme, die bereits zum Vogel sprach: Komm, wir fliegen jetzt ins Wohnzimmer. — stop
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oder ein fernrohr
delta : 10.08 UTC — Lieber Theo, ich danke Ihnen für Ihren Brief, in dem Sie sich so freundlich nach der Bedeutung des Wortes Fingerbrille erkundigen. Tatsächlich kann ich bestätigen, um eine Fingerbrille in der Wirklichkeit herzustellen, sind beide Hände vor Augen zu führen, außerdem der linke und der rechte Daumen je mit einem Finger derselben Hand an den Spitzen zu verbinden, sodass die Anmutung eines Kreises entstehen wird. Sollten Sie dauerhaft oder für kurze Zeit über nur eine Hand verfügen, ist doch immerhin die Gestalt eines Monokels zu erreichen oder eines Fernrohres, das ist denkbar. Mit herzlichen Grüßen — Ihr Louis — stop
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im central park
nordpol : 20.05 UTC — Ich war spazieren an einem windigen Tag. Wie ich unter dem Regenschirm westwärts ging, beobachtete ich meine Schuhe, die sich vorwärts bewegten, als gehörten sie nicht zu mir. In diesem Moment hatte ich den Eindruck, durch den Central Park zu gehen. Das war nämlich so, dass ich an dem ersten Tag, den ich in der Stadt New York verbrachte, unter einem Regenschirm durch den Central Park wanderte und meine Schuhe beobachtete. Es war damals Mai und recht kalt gewesen. Von Zeit zu Zeit war ich stehen geblieben, um eines der Eichhörnchen zu betrachten, die groß sind in Nordamerika und ungestüm. Ich erinnerte mich noch gut an diesen Augenblick, da ich im Central Park spazierend wiederum eine Panthergeschichte erinnerte, die ich einmal notiert hatte über einen weiteren Park, in dessen Nachbarschaft ich lebe. In der Erinnerung an meinen Spaziergang in New York kehrte die Panthergeschichte zurück, ich drehte um und ging nach Hause, um nach der Geschichte zu suchen. Ich habe sie sofort gefunden. Panthergeschichte: Da ist mir doch tatsächlich ein junger Panther zugelaufen, ein zierliches Wesen, das mühelos vom Boden her auf meine Schulter springen kann, ohne dabei auch nur den geringsten Anlauf nehmen zu müssen. Seine Zunge ist rau, seine Zähne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, gezeichnet von seinen wilden Gefühlen. Der Panther schläft, unterdessen ich arbeite. So glücklich sieht er dort aus, auf der Decke unter der Lampe liegend, dass ich selbst ein wenig schläfrig werde, auch wenn ich nur an ihn denke, an das Licht seiner Augen, das gelb ist, wie er zu mir herüberschaut bis in den Kopf. Spätabends, wenn es lange schon dunkel geworden ist, gehen wir spazieren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche, das ist das Zeichen. Gleich neben mir hat er sich aufgerichtet, schärft an der Wand seine Krallen, dann fegt er hinaus über die Straße, um einen vom Nachtlicht schon müden Vögel zu verspeisen. Daran sind wir gewöhnt, an das leise Krachen der Gebeine, an schaukelnde Federn in der Luft. Dann weiter die heimliche Route unter der Sternwarte hindurch in den Palmengarten. Es ist ein großes Glück, ihm beim Jagen zuhören zu dürfen. Ich sitze, die Beine übereinander geschlagen, auf einer Bank am See, schaue gegen die Sterne, und vernehme Geräusche der Wanderung des kleinen Jägers entlang der Uferstrecke. Ein Rascheln. Ein Krächzen. Ein Schlag ins Wasser. Wenn der Panther genug hat, gehen wir nach Hause. — stop
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vom denken
echo : 5.58 UTC — Der Mathematiker John von Neumann soll in der Lage gewesen sein, 100-mal schneller zu denken als „gewöhnliche“ Menschen denken. In dem Moment, da ich diese Information wahrgenommen hatte, versuchte ich mir vorzustellen, wie sich meine innere Stimme, die Stimme bewussten Denkens, verhalten würde, sobald ich in meinem Kopf plötzlich in 100-facher Geschwindigkeit zu mir oder mit mir selbst sprechen würde. Könnte ich dieses Geräusch überhaupt noch als Sprache identifizieren? Wäre von einem Hochgeschwindigkeitsort aus die Denkstimme eines „gewöhnlichen“ Menschen im virtuellen Schallohr überhaupt noch wahrzunehmen? Diffizile Fragen an diesem frühen Morgen. Wie könnte ich meine Gedanken noch notieren, da sich meine Hände sehr plötzlich 100-mal schneller bewegen müssten als zuvor, um meine Gedanken auf Papier oder das Licht des Bildschirms zu übertragen. Vielleicht würde ich nur noch Ergebnisse meines Denkens notieren oder in mathematischen Formen fantasieren. In jedem Falle wäre das Notieren mit Händen auf einer Tastatur, ein Vorgang der Entschleunigung. Edward Teller, der die Wasserstoffbombe erfunden haben soll, kannte John von Neumann persönlich, weil sie gemeinsam arbeiteten. John von Neumann berechnete die Höhe über dem Erdboden, da eine Atombombe in dem Augenblick der Explosion ihre größte Zerstörungskraft entfalten würde. Mein Vater wiederum kannte Edward Teller persönlich. Er war ein junger Mann, als er Edward Teller begegnete. Edward Teller sei ihm sehr unheimlich gewesen, erzählte mein Vater. — stop
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herzkern
sierra : 1.18 — M. erzählte, sie habe eine Nachricht erhalten, die sie mitten ins Herz getroffen habe. Sofort die Frage: Existiert eventuell ein anatomischer Ort, den man als Herzmittelpunkt bezeichnen könnte, eine Art Herzkern vielleicht. Auch das Wort Herzblut wird schrittweise zu einem Wort, dessen Verständnis in meinen Ohren nicht länger selbstverständlich ist. — stop

seltsam
ulysses : 1.18 — Wie ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die seltsam sind, ohne sofort selbst für seltsam oder merkwürdig oder gar gefährlich gehalten zu werden, da doch diese merkwürdigen Geschichten in meinem Kopf entstehen? Ich habe L. von Esmeralda erzählt, dass Esmeralda eine Schnecke sei, die in meiner Wohnung lebe, als wäre sie eine Katze, dass ich das kleine Tier füttern würde, dass ich meine Wohnung im Winter beheize, auch wenn ich nicht anwesend sei, damit Esmeralda nicht frieren möge. Liebe L. sagte ich, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir aus freien Stücken eine Schnecke zu kaufen oder aber zur Sommerzeit in einem Garten einzufangen, nein, niemals, wenn nun jedoch eine Schnecke als Geschenk, als kostenfreie Offerte auf postalischem Wege zu mir reiste, warum sollte ich das Geschenk zurückweisen, warum nicht einen Versuch unternehmen, ein guter oder vorzüglicher Schneckenhalter zu werden? Wir werden es versuchen, sagte ich zur Schnecke kurz nachdem sie angekommen war. Jahre sind seither vergangen, Esmeralda scheint mit ihrem Leben in meiner Wohnung einverstanden zu sein. Einmal öffnete ich die Tür zum Treppenhaus und wartete. Ein anderes Mal öffnete ich ein Fenster und wartete wiederum einige Zeit, Esmeralda blieb oder kehrte zurück. Es stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Wie alt werden Schnecken? Ist Esmeralda nicht vielleicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhnliche Schnecke betrachtet werden zu können? — stop
ein wort
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alpha : 3.28 — In einem Gespräch hörte ich ein schreckliches Wort. In dem Augenblick, da ich das Wort hörte, dachte ich: Diesem Wort bin ich nie zuvor begegnet. Jetzt, da ich das schreckliche Wort in meinem Kopf habe, werde ich es nie wieder vergessen, ich werde dieses Wort nie wieder verlieren. — Leichter Schneefall. Weitere Herzwörter eingefangen: herzfänger, herzfarbe, herzfeibel, herzfell, herzfenster, herzfieber, herzfinger, herzfleisch, herzförmig, herzform, herzfressend, herzfreude, herzfreund, herzbefriedung, herzfröhlich, herzfrömmigkeit, herzfromm, herzfülle, herzgebeint, herzgebet, herzgeblüt, herzgeboppelt, herzgedanke, herzgefahr, herzgefangener, herzgefühl, herzgeist, herzgekrabbelt, herzensbruch, herzfaenger, herzlichkeit, herzenschrein, herzbefriedigung, herzensehr, herzruehrung, herzrührung, herzenleide, herzbekehrung, herzgeliebt, herzgemein, herzgeneigt, herzgeschrei, herzgeselle, herzgespan, herzgespann, herzgesperr, herzgespiele, herzgespött, herzgespräch, herzgetreu, herzgewächs, herzgewinnend, herzgewünscht, herzgolden, herzgras, herzgrube, herzgründlich, herzgrund, herzgülden, herzgut, herzhäuslein, herzhäutlein, herzhaft, herzhaftig, herzhaftigkeit, herzhaftiglich, herzherzlichen, herzhoch, herzhoffärtig, herzhohl, herzhold, herzhorn, herziehen, herzig, herzigen, herziglich, herzigung, herzinbrünstig, herzinnig, herzinniglich, herzisch, herzkäfer, herzkalt, herzkammer, herzkeim, herzkind, herzkirsche, herzkitzelnd, herzklee, herzklopfen, herzklopfend, herzklopfer, herzklopfung, herzknochen, herzknorpel, herzkölblein, herzkönig, herzkörnig, herzkohl, herzkrabbe, herzkränkend, herzkränkung, herzkrampf, herzkrank, herzkrankheit, herzkraut, herzkündiger, herzkützelnd, herzlabung, herzläppchen, herzlappen, herzlaub, herzleer, herzleid, herzlein, herzleuchte, herzleuchtend, herzlich, herzlichen, herzlichgeliebt, herzlichhoch, herzlichkeit, herzlicht, herzlieb, herzliebchen, herzliebend, herzlockend, herzlos, herzlose, herzlosigkeit, herzmacher, herzmahner, herzmangel, herzmarille, herzmensch, herzmitte, herzmixtur, herzmuschel, herzmutter, herznagel, herznagen, herznagend, herznehmend, herznetz, herznoth, herzohr, herzpein, herzpfeil, herzpfeilgemalt, herzpfirsche, herzpförtlein, herzpfrieme, herzpochen, herzpolei, herzpolle, herzpolyp, herzprieme, herzprobe, herzprüfer, herzpulver, herzpunkt, herzpuppern, herzrad, herzräuberisch, herzraubend, herzregierend, herzregung, herzreich, herzrein, herzreis, herzreue, herzring, herzritte, herzrittig, herzröhre, herzrösleingras, herzrührend, herzrührlich, herzrührung, herzruhig, herzsack, herzsaft, herzsame, herzschild, herzschlag, herzschlecht, herzschlechtig, herzschlechtigkeit, herzschmerzlich, herzschneidend, herzschrein, herzschwäche, herzsehnlich, herzseufzend, herzsieben, herzspann, herzspanne, herzsperr, herzspruch, herzstachelnd, herzstärkend, herzstärkung, herzstein, herzstemmend, herzstich, herzstosz, herzstrick, herzsucht, herzsüchtig, herztäuschend, herztausig, herztheilen, herzthür, herztief, herztrauer, herztrauerlich, herztraurig, herztraut, herztreu, herztreulich, herztute, herzung, herzvater, herzverbunden, herzverdriesz, herzverdrusz, herzverein, herzvergifterin, herzverknüpft, herzvernügen, herzvertraut, herzvielgeliebt, herzvoll, herzwasser, herzweh, herzwerth, herzwillig, herzwingen, herzwisser, herzwünschend, herzwunde, herzwunder, herzwurm, herzwurz, herzwurzel, herzzernagend, herzzerreiszend, herzzerschneidend, herzzittern, herzzucker, herzzwinger,
stop

namen
delta : 1.05 — Vor einigen Wochen hatte ich einen Luftpostbrief an Mr. Sini Shapiro nach Manhattan geschickt. Ich notierte ihm von einem weiteren Schreiben, das ich an ihn persönlich vor einiger Zeit nach Kalkutta (Indien) sendete. Der Brief war zurückgekommen, er trug Hinweise auf seiner Anschriftseite, die von mehrfachen vergeblichen Zustellversuchen zeugen, ein Kunstwerk, würde ich sagen, ein Dokument sorgfältiger Arbeit. Heute antwortete Mr. Shapiro. Er schrieb in einer E‑Mailnachricht, er habe sich gefreut, weil ich seinen Namen verwendete, um eine Briefsonde nach Kalkutta zu schicken. Außerdem freue er sich über meine Frage hinsichtlich bevorzugter Lektüren. Er übermittelte eine Namensliste jener Persönlichkeiten, deren Bücher Mr. Shapiro bald einmal lesen, deren Leben er bevorzugt studieren würde. — Es ist merkwürdig, ich habe nicht damit gerechnet, dass Mr. Sini Shapiro über eine E‑Mail-Adresse verfügen könnte. Es ist nun doch wahrscheinlich, dass Mr. Shapiro außerdem über eine Computerschreibmaschine verfügen wird, die der digitalen Sphäre verbunden ist. — stop
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