Aus der Wörtersammlung: arm

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von den eisbriefen

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kili­man­dscha­ro : 6.28 — Für ein oder zwei Minu­ten war ich wild ent­schlos­sen gewe­sen, ein Grün­der zu wer­den, und zwar ges­tern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Brief­kas­ten gelau­fen, der nicht weit ent­fernt vom Haus, in dem ich lebe, an einer Wand befes­tigt ist. Ein Eich­hörn­chen, natür­lich, beglei­te­te mich. Es war sehr kalt, und plötz­lich habe ich wahr­ge­nom­men, dass ich, wenn es mir mög­lich wäre, gern Brie­fe von Eis ver­schi­cken wür­de, hauch­dün­ne Blät­ter gefro­re­nen Was­sers, die man in küh­len­de Kuverts ste­cken und in alle Welt ver­schi­cken könn­te. Eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung nach­ge­ra­de, wie ein Mensch, dem ich einen Eis­brief gesen­det habe, in der Küche vor sei­nem Eis­schrank sitzt und mei­nen Brief für Sekun­den stu­diert, um ihn dann rasch wie­der in die Käl­te zurück­zu­le­gen, damit er nicht ver­schwin­det in der war­men Luft. Ich soll­te also bald ein­mal jene beson­de­ren Eis­pa­pie­re, ihre Fabri­ken und Läden erfin­den, und Kuverts, und Brief­käs­ten, die wie Kühl­schrän­ke funk­tio­nie­ren. Wo man die Brie­fe sor­tiert, in einem Post­amt, wür­de man in tief­ge­kühl­ten Räu­men arbei­ten, und alle die­se Auto­mo­bi­le, nicht wahr, die ver­eis­te Brief­wa­re über das Land beför­dern. Ein Unter­neh­men die­ser Art, wäre eine wirk­li­che Her­aus­for­de­rung, eine gute und sehr ver­rück­te Sache, so dach­te ich am gest­ri­gen Abend. Kaum war ich wie­der in mei­ne Woh­nung zurück­ge­kehrt, war aus der Grün­der­zeit bereits eine Erfin­der­zeit gewor­den. Und wie ich in die­sem Augen­blick vol­ler Freu­de im pola­ren Zim­mer vor mei­nem Schreib­tisch sit­ze, damp­fen­der Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hör­ba­ren Pfei­fen Zei­chen in schim­mern­de Eis­pa­pier­bö­gen fräst. Ich schrei­be: Mein lie­ber Theo­dor, ich woll­te Dir schon lan­ge ein­mal einen Eis­brief notie­ren. Hier nun, wie ver­spro­chen, ist er end­lich bei Dir ange­kom­men. Ich hof­fe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sicher schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir auf­ge­schrie­ben habe, dass ich näm­lich den Wunsch habe, bald ein­mal zwei oder drei Tage zu schwei­gen, um den Kopf­stim­men stum­mer Men­schen nach­zu­spü­ren. Ich könn­te mich kurz vor Beginn mei­ner Stil­le ver­ab­schie­den von Freun­den: Bin tele­fo­nisch nicht erreich­bar! Oder einen Notiz­block besor­gen, um Fra­gen für den All­tag zu ver­zeich­nen, sagen wir so: Füh­ren sie in ihrem Sor­ti­ment Hör­ge­rä­te für Engel­we­sen fin­ger­groß? Eine Kärt­chen­samm­lung zu erwar­ten­der Wie­der­ho­lungs­sät­ze wei­ter­hin: Habe vor­über­ge­hend mein Ton­ver­mö­gen ver­lo­ren! – Es ist eine ange­neh­me Nacht, lie­ber Theo­dor. Ich erin­ner­te einen Satz René Chars, den er in sei­ner Gedicht­samm­lung »Lob einer Ver­däch­ti­gen” notier­te. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangs­ar­ten mit dem Leben: ent­we­der man träu­me es oder man erfül­le es. In bei­den Fäl­len sei man rich­tungs­los unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Sei­den­herz mit Herz ohne Sturm­glo­cke. Dein Lou­is, ganz herz­lich! — stop

ping

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PRÄPARIERSAAL : nachthörnchen

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nord­pol : 5.15 — Seit zwei Stun­den sitzt ein Eich­hörn­chen auf mei­nem Fens­ter­brett. Es ist mit­ten in der Nacht und so kalt, dass ich den Atem des klei­nen Tie­res, das um die­se Uhr­zeit eigent­lich tief schla­fen soll­te, in der Dun­kel­heit zu erken­nen ver­mag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht viel­leicht täu­sche. Es ist denk­bar, dass ich mir das Eich­hörn­chen nur vor­stel­le. Und wie ich über die Mög­lich­keit der Täu­schung nach­den­ke, bemer­ke ich, dass die Vor­stel­lung eines Eich­hörn­chens mit­tels weit geöff­ne­ter Augen tat­säch­lich gelin­gen kann, und zwar je für ein oder zwei Sekun­den in einem Bild, das pul­siert, das in der drit­ten Sekun­de schon wie­der ver­lo­ren ist und zunächst dann wie­der erscheint, wenn ich das Wort Eich­hörn­chen den­ke oder Eich­hörn­chen­schweif. Ich muss das wei­ter beob­ach­ten. Wenn ich nun die Noti­zen Micha­els aus dem Prä­pa­rier­saal, die vor mir auf dem Tisch lie­gen, betrach­te, weiß ich, dass sie kei­ne Täu­schung sind, weil ich das Papier, auf dem sie sich befin­den, berüh­ren, vom Tisch heben, fal­ten und wie­der ent­fal­ten kann, und damit gleich­wohl Micha­els Zei­chen, die kei­ner­lei pul­sie­ren­der Bewe­gung unter­wor­fen sind. Er schreibt: Ich beob­ach­te, dass ich mei­nen leben­di­gen Kör­per mit dem toten Gewe­be vor mir auf dem Tisch ver­glei­che. Ich lege Ner­ven, Mus­keln und Gefä­ße einer Hand frei, bestau­ne die Fein­heit der Gestal­tung, über­le­ge, wie exakt das Zusam­men­spiel die­ser ana­to­mi­schen Struk­tu­ren doch funk­tio­nie­ren muss, damit ein Mensch Kla­vier spie­len, grei­fen, einen ande­ren Men­schen strei­cheln kann, wie umfas­send die Inner­va­ti­on der Haut, um Wär­me, Käl­te, ver­schie­de­ne Ober­flä­chen erfüh­len, ertas­ten zu kön­nen. Immer wie­der pen­delt mein Blick zwi­schen mei­ner leben­di­gen und der toten Hand hin und her. Ich bewe­ge mei­ne Fin­ger, ein­mal schnell, dann wie­der lang­sam, ich schrei­be, ich notie­re, was ich zu ler­nen habe, bis zur nächs­ten Prü­fung am Tisch, und beob­ach­te mich in die­sen Momen­ten des Schrei­bens. Abends tref­fen wir uns in der Biblio­thek hier gleich um die Ecke und ler­nen gemein­sam. Vor allem vor den Testa­ten wer­den die Näch­te lang. Ich kann zum Glück gut schla­fen. Unse­re Assis­ten­tin ist eine jun­ge Ärz­tin, die noch nicht ver­ges­sen hat, wie es für sie selbst gewe­sen war, im Saal. Sie ist immer sehr warm und freund­lich zu uns. Aber natür­lich ach­tet sie streng auf die Ein­hal­tung der Regeln, kein Han­dy, kein Kau­gum­mi im Mund, ange­mes­se­ne Klei­dung. Manch­mal ver­sam­melt sie uns und wir pro­ben am Tisch ste­hend das nahen­de Tes­tat, es gibt eigent­lich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt wer­den, das erhöht natür­lich unse­re Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­on enorm. Ein­mal erzähl­te sie uns eine Geschich­te, die mich sehr berühr­te. Sie sag­te, ihre Mut­ter sei sehr stolz, dass sie eine Ärz­tin gewor­den ist. Sie habe ihr ein­ge­schärft: Was Du gelernt hast, kann Dir nie­mand mehr neh­men. Aber natür­lich, als wir die fei­nen Blut­ge­fä­ße betrach­te­ten, die unser Gehirn mit Sau­er­stoff ver­sor­gen, wur­de mir bewusst, dass wir doch auch zer­brech­lich sind, dass unser Leben sehr plötz­lich zu Ende gehen kann. Gegen­wär­tig will ich dar­an aber nicht den­ken. Ich bin froh hier sein zu dür­fen, ich habe lan­ge dar­auf gewar­tet. Manch­mal gehe ich durch den Saal spa­zie­ren. Wenn ich Lun­gen­flü­gel betrach­te, oder Her­zen, oder Kehl­köp­fe, Lage und Ver­lauf ein­zel­ner Struk­tu­ren, dann erken­ne ich, dass im All­ge­mei­nen alles das, was in dem einen Kör­per anzu­tref­fen ist, auch in dem ande­ren ent­deckt wer­den wird, kein Kör­per jedoch ist genau wie der ande­re, damit wer­de ich in Zukunft zu jeder Zeit rech­nen. — stop

polaroidtraumzeichnung

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amsterdam avenue

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nord­pol

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : AMSTERDAM AVENUE
date : jan 18 13 0.12 a.m.

Ges­tern, in den frü­hen Mor­gen­stun­den, mel­de­te Alli­son, sie habe Fran­kie ver­lo­ren. Kein Signal, kei­ne Bewe­gung. Sie war sehr auf­ge­regt gewe­sen, hat­te sich auf ihr Fahr­rad gesetzt und eini­ge Run­den durch den Park gedreht, ehe sie uns alar­mier­te. Es ist selt­sam, wir haben nie dar­an gedacht, dass das Eich­hörn­chen Fran­kie den Cen­tral Park ohne unse­re Erlaub­nis je ver­las­sen könn­te. Zunächst glaub­ten wir, Fran­kie sei viel­leicht von einem Wasch­bä­ren oder einem streu­nen­den Hund oder einem Luchs gefan­gen wor­den. Auch haben wir dar­an gedacht, dass auf ihn geschos­sen wor­den sein könn­te. Aber das wür­de nicht erklä­ren, wes­halb Fran­kies Sen­der nicht län­ger funk­tio­nier­ten. Es war ein­zig denk­bar, dass Fran­kie in das Reser­voir gefal­len sein könn­te, viel­leicht, obwohl ein her­vor­ra­gen­der Schwim­mer hat­te ihn die Käl­te des Was­sers getö­tet. Aber dann mel­de­te Hen­ry, er habe wie­der ein Signal, und zwar in der 59. Stra­ße Ecke Ams­ter­dam Ave­nue. Ich ver­mu­te­te, dass irgend­je­mand Fran­kie gefan­gen haben könn­te, was kaum vor­stell­bar war, so schnell sich das klei­ne Tier zu bewe­gen ver­mag, mit sei­nem Kör­per und auch mit­tels sei­ner Gedan­ken. Es ist jetzt frü­her Nach­mit­tag. Ein eisi­ger Wind bläst von Wes­ten her durch die Stra­ßen. Und wenn ich nun erzäh­le, dass wir Fran­kie lebend in Frei­heit ent­deck­ten, wer­den Sie das viel­leicht kaum glau­ben. Er sitzt in unse­rer unmit­tel­ba­ren Nähe auf dem Dach eines Zei­tungs­ki­osks und nascht aus einer Tüte, ich mei­ne, Fran­kie hat ein paar Nüs­se erbeu­tet. Er wirkt gesund, der Lärm der Stra­ße scheint ihn nicht wei­ter zu berüh­ren. Ich glau­be, er hat uns bemerkt, scheint viel­leicht zufrie­den zu sein, unse­re ver­trau­ten Erschei­nun­gen zu sehen. Wir kom­men sehr nah an ihn her­an. Was sol­len wir tun? Sol­len wir den Ver­such unter­neh­men, Fran­kie ein­zu­fan­gen, oder sol­len wir abwar­ten, was gesche­hen wird? Alli­son spe­ku­liert, Fran­kie könn­te sich plan­voll in Rich­tung des Hud­son River Parks bewe­gen. Mel­den Sie sich bit­te, mel­den Sie sich so bald wie mög­lich! — Aller­bes­te Grü­ße sen­det ihn Mal­colm / code­wort : indianertrompete

emp­fan­gen am
18.01.2013
2035 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidmilli

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matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mei­ner Kind­heit besit­ze ich eine Pup­pe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­ge­lernt. Die­ser Name war so lan­ge gül­tig gewe­sen, bis mir eine rus­si­sche Bekann­te erzähl­te, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­pup­pe han­deln wür­de. Man kann die­se Pup­pe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art ent­zweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Tei­len mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern besteht, einem unte­ren Teil mit Füs­sen, die in Far­be auf das hel­le Holz auf­ge­tra­gen sind, und einem obe­ren Teil mit einem gezeich­ne­ten Kopf. Mit die­ser Tren­nung geht die Gestalt der Pup­pe jedoch nicht wirk­lich ver­lo­ren, weil sie in einer klei­ner gewor­de­nen Aus­ga­be, die sich in der grö­ße­ren Pup­pen­form ver­steck­te, wei­ter­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das glei­che Gesicht, wie ihre Hül­le, über einen etwas klei­ne­ren Mund, und gleich­falls gerö­te­te Wan­gen und klei­ne­re Augen, und sie drückt in die­ser Erschei­nung nichts ande­res aus als: Ich bin nur eine Hül­le, ich tra­ge mein eigent­li­ches Inne­res in mir, mein Wesen, öff­ne mich! Und so wei­ter und so fort. Ges­tern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babusch­ka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende stu­diert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm mei­ne Pup­pe seit vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der in die Hand und öff­ne­te sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­si­ves Gefühl wahr­ge­nom­men, eine Emp­fin­dung mei­ner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit ent­fernt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir mei­ne Pup­pe von Holz in Erin­ne­rung geru­fen hat­te. Miri­am erzählt von Erfah­run­gen des Prä­pa­rier­saa­les: Zuerst also haben wir die Haut ent­fernt und dann das Fett. Das war wie ein zwei­ter Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Mus­keln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an die­se Babusch­ka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klei­ner, wenn man eine geöff­net hat und danach die nächs­te. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Bei­ne und ein Kopf, der aus zwei Tei­len bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­ge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment sehr gut an eine merk­wür­di­ge Geschich­te aus der Anfangs­zeit des Kur­ses. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pa­rier­saal des Insti­tu­tes. Ich hat­te schlecht geschla­fen wegen einer leich­ten Grip­pe, und so war ich eine der ers­ten Stu­den­tin­nen gewe­sen, die an die­sem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam auf­ge­nom­men haben. Ich prä­pa­rier­te an einem der Arme, eine recht kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit war das gewe­sen, und ich dach­te immer wie­der, dass mei­ne Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so fei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren. Ich fluch­te also ein wenig vor mich hin und dann ent­schul­dig­te ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich ent­schul­dig­te mich bei dem Leich­nam für mei­ne unfreund­li­chen Wor­te. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Lei­che gespro­chen hat­te, noch ein wenig so wei­ter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Mono­log. One way! Aber gut. — stop

polaroid7line

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koffer

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echo : 0.28 — Die Vor­stel­lung, man könn­te viel­leicht bald ein­mal Gegen­stän­de mit geeig­ne­ten Appa­ra­tu­ren betas­ten und durch­leuch­ten, um sie Mole­kül für Mole­kül in den Spei­cher eines Com­pu­ters abzu­le­gen. Ich könn­te nun die Gegen­stän­de mei­ner Zim­mer, all die Lam­pen, Bücher, Stüh­le, Tische, Kak­teen, Tel­ler, Kis­sen, Löf­fel, Tas­sen unter den Arm neh­men, alle zur glei­chen Zeit, um sie an einen ande­ren Ort zu trans­fe­rie­ren, von einem Stock­werk in ein ande­res Stock­werk, oder von einer Stadt in eine ande­re Stadt. Dort könn­te ich sie aus­pa­cken, das heißt, ich könn­te sie mit geeig­ne­ten Appa­ra­tu­ren aus Mole­kü­len der Luft wie­der­erste­hen zu las­sen, ein Pro­zess, der so prä­zi­se funk­tio­nie­ren müss­te, dass selbst hand­schrift­li­che Noti­zen, die sich in mei­nen Büchern befin­den, nicht ver­lo­ren sein wer­den. Neh­men wir ein­mal an, ich wür­de nun selbst, ob mit oder ohne Absicht, in mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne lan­den, dann könn­te man mich, das heißt genau­er, mei­ne Infor­ma­ti­on als E‑Mail ver­schi­cken, Augen, Hän­de, Ohren, auch mei­ne Erin­ne­run­gen, mei­ne Wün­sche, mei­ne Hoff­nun­gen, selbst die Erin­ne­rung an die­se klei­ne Geschich­te hier, wie ich sie gera­de erzähl­te. — Guten Mor­gen! Es ist Mon­tag. Die Luft duf­tet nach Schnee. — stop
ping

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lufträume

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bamako : 6.30 — Der Stuhl mei­nes Vaters im Zim­mer vor den Bäu­men. Sobald ich mich set­ze, spü­re ich sei­ne Gegen­wart, als wäre er gera­de erst auf­ge­stan­den, um kurz in ein ande­res Zim­mer zu gehen. Genau die­ser Ort, ja, die­ser Raum, so vie­le Jah­re, so vie­le Stun­den lang hat­te mein Vater an die­ser Stel­le ver­bracht, dass er nur sehr lang­sam wei­chen kann in der Wahr­neh­mung sei­nes Soh­nes. Da ist sei­ne Schub­la­de, sein Licht­mess­ge­rät, sein Brief­öff­ner, sein Radier­gum­mi, sein Blei­stift, sei­ne Lupe, sein Foto­ap­pa­rat. Und das hier ist sei­ne Aus­sicht auf den win­ter­li­chen Gar­ten, auf den Com­pu­ter­bild­schirm, auf die Tas­ta­tur sei­ner Schreib­ma­schi­ne, auf sei­ne Lam­pe, die noch immer war­mes Licht ins Zim­mer sen­det, Licht, das mein Vater sich wünsch­te. Es ist eine selt­sa­me Erfah­rung, dass sich mit den Spu­ren eines Men­schen spür­ba­re Gegen­wart ver­bin­det. Das Geräusch einer Zei­tung, die raschelt. Eine Tür, die sich öff­net. Vor weni­gen Tagen noch hör­te ich mei­ne Mut­ter davon erzäh­len, wie sehr ihr mein Vater feh­le. Und weil die Wor­te nicht aus­reich­ten, die­ses Feh­len zu beschrei­ben, mach­te sie eine seh­nen­de Ges­te, als wür­de sie einen unsicht­ba­ren Mann umar­men, einen Raum, der nur noch Erin­ne­rung ist, einen Raum, der weder mit Hän­den noch Lip­pen berührt wer­den kann. — stop
polaroidunterwasserblume

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josephine auf der mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung, wie sich Jose­phi­ne an einem war­men Sams­tag­vor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besich­ti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fah­rer erzählt, dass er noch nie eine so wei­te Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigent­lich dür­fe er mit sei­nem Wagen die Stadt nicht ver­las­sen. Also stei­gen sie in Jose­phi­nes Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahr­zehnt nicht aus der Gara­ge bewegt wor­den war. Sie neh­men die Ver­raza­no-Nar­rows Bridge süd­wärts. Jose­phi­ne raucht schon lan­ge nicht mehr, aber heu­te macht sie eine Aus­nah­me, eine. Ihr dün­nes wei­ßes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wen­di­gen Fin­gern wie­der ein. Sie trägt Turn­schu­he und ein oran­ge­far­be­nes, som­mer­li­ches Kleid. Die Haut ihrer Bei­ne, Arme, Schul­tern sind hell wie ihr Haar. Eine Stun­de rau­schen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pi­ke dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gleich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dunk­les, müdes Was­ser, lang­sam. Am Ufer war­tet ein jun­ger, bär­ti­ger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­tend roter Far­be. Wie Jose­phi­ne sich in die­sem Augen­blick wünscht, foto­gra­fiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Stroh­hut mit bei­den Hän­den zurecht­rückt, dann fah­ren sie los, unter mäch­ti­gen Brü­cken hin­durch in Rich­tung des Rarit­an­flus­ses. Möwen ste­hen im bra­cki­gen Was­ser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Flie­gen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrau­ber der Küs­ten­wa­che, dreht wie­der ab. Und plötz­lich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­ga­na in der Land­schaft, das aus­ran­gier­te gewal­ti­ge Fähr­schiff der Sta­ten Island Flot­te, die MS Mary Mur­ray. Schlag­sei­te steu­er­bords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libel­len schie­ßen hin und her, blaue und grü­ne rie­si­ge Tie­re. Wie sich Jose­phi­ne und der jun­ge Mann dem Schiffs­wrack vor­sich­tig nähern. Wie der jun­ge Mann eine Lei­ter am Rumpf des Schif­fes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sich­tig Spros­se um Spros­se erklimmt. Ihr behut­sa­mer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Far­ben vom Schiffs­kör­per fal­len, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Son­ne gebrannt, kann man das höl­zer­ne Herz der alten Flot­ten­da­me erken­nen, Käfer und Amei­sen spa­zie­ren über die Sitz­bän­ke der Pro­me­na­de. Jose­phi­ne muss nicht lan­ge suchen, im Schat­ten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitz­bank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwes­ter Geral­di­ne zu ent­de­cken sein, ein Satz nur, den das klei­ne Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Sta­ten Island in das Holz der Bank geritzt hat­te, wäh­rend ihre Zwil­lings­schwes­ter Char­lot­te sie vor Ent­de­ckung schütz­te. Wie Jose­phi­nes zit­tern­de Fin­ger in die­sem Augen­blick über die Ver­tie­fung der Zei­chen fah­ren. — stop

jose­phi­ne

ping

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uhrenwesen

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sier­ra : 6.33 — Im Traum saß ich ein­mal in einem Zug in nächs­ter Nähe eines Man­nes und wun­der­te mich, weil ich ein merk­wür­di­ges, ein san­dig wis­pern­des Geräusch ver­nahm, das von dem Mann aus­zu­ge­hen schien. Er schlief tief und fest, erwach­te auch dann nicht, als ich mich über ihn beug­te und in eine der Taschen sei­nes Man­tels späh­te. Die Tasche war gefüllt mit Arm­band­uh­ren. Als ich eine der Uhren her­aus­nahm, ruh­te sie warm in mei­ner Hand. Ich leg­te ein Ohr an den Kör­per der Uhr und hör­te das Herz der Uhr lei­se schla­gen und eine hel­le Stim­me noch, die Sekun­den zähl­te. — stop
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lamelleniris

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fox­trott : 15.07 — Die Such­ma­schi­ne, von der ich ges­tern noch träum­te am hell­lich­ten Tag, war so groß wie eine Streich­holz­schach­tel. Sie hock­te auf mei­nem Sofa und rühr­te sich nicht. Indem ich sie betrach­te­te, wirk­te sie zunächst so, als wäre sie voll­kom­men unbe­weg­lich, denn es waren an dem Such­ma­schi­nen­we­sen kei­ne Bei­ne zu erken­nen, dafür an jeder Sei­ten­flä­che ein klei­nes Auge, mit dem es sogar zwin­kern konn­te. Sei­ne Haut ähnel­te der Haut eines jun­gen Ele­fan­ten, es hat­te jedoch kei­ne Ohren und auch kei­ne Arme oder Hän­de, tat­säch­lich wirk­te das Wesen in die­sem Moment als könn­te es sich nicht von der Stel­le bewe­gen. Welch ein Irr­tum! Das Wesen konn­te ganz anders, es konn­te sich zum Bei­spiel von mei­nem Sofa erhe­ben und durch die Luft fah­ren wie ein Bal­lon. Dazu hol­te es tief Luft, wur­de grö­ßer und immer grö­ßer, bis es in etwa dop­pelt so groß gewor­den war wie zuvor. In die­ser neu­en Gestalt flog die klei­ne Such­ma­schi­ne in Rich­tung mei­nes Bücher­re­gals davon. Es war nun in die­sem Flug kein Geräusch zu hören, voll­kom­men laut­los schweb­te sie durch mein Zim­mer, wur­de von einem Luft­zug kurz aus der Bahn gewor­fen, fing sich wie­der und ich rief ihr noch zu: Lamel­le­ni­ris! Es war erstaun­lich, ein klei­nes Wun­der. Das Wort schien sie zu beschleu­ni­gen, sie erreich­te rasch mein Regal und flog von links nach rechts die Rei­he der Buch­rü­cken ent­lang, hielt vor jedem der Bücher ein­mal kurz an, und sie erweck­te den Ein­druck, als ob sie sich in jedem die­ser Momen­te tat­säch­lich mit dem Buch selbst beschäf­tig­te, in das Buch hin­ein­sah oder von sei­nem Duft kos­te­te, wie auch immer. Nach eini­gen Flü­gen auf und ab, hielt sie vor einem der Bücher an, es han­del­te es sich um eine klei­ne Geschich­te der Foto­gra­fie, die von Peter Nadas auf­ge­schrie­ben wor­den war. Nun wird man nicht glau­ben, was dann zu sehen war. Die klei­ne Such­ma­schi­ne mach­te sich an dem Buch zu schaf­fen, sie schien über unsicht­ba­re Werk­zeu­ge zu ver­fü­gen, ein Buch in den Griff zu bekom­men. Und das Buch parier­te, es ließ sich aus dem Regal­fach lösen und flog mit der klei­nen Maschi­ne, die sich unter das Buch bege­ben hat­te, durch den Raum zu mir zurück, um in mei­ner Nähe sanft zu lan­den. Behut­sam setz­te sie sich neben das Buch, das sie für mich her­bei­ge­holt hat­te und bedeu­te­te mir mit stil­lem Nach­druck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamel­le­ni­ris ent­hal­ten ist. Und so waren wir immer­hin schon einen Schritt wei­ter als noch zuvor. — stop

ping

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josephine besucht chelsea

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ulys­ses : 15.07 — Ich erin­ne­re mich an einen Tag im Mai des Jah­res 2010, als Jose­phi­ne und ich durch den Cen­tral Park spa­zier­ten. Es war ein war­mer Tag gewe­sen, ein Tag, an dem Wasch­bä­ren ihre Ver­ste­cke im Unter­holz flüch­te­ten, um den Som­mer zu begrü­ßen. Nie zuvor hat­te ich Wasch­bä­ren per­sön­lich gese­hen, und auch an die­sem Tag hat­te ich kaum Zeit, sie zu beob­ach­ten, weil die betag­te Dame an mei­ner Sei­te süd­wärts dräng­te. Gut gelaunt schien sie ihr Alter nicht im min­des­ten zu spü­ren, und so folg­ten wir der 8th Ave­nue Rich­tung South Fer­ry, pas­sier­ten die Port Aut­ho­ri­ty Bus­sta­ti­on, das zen­tra­le Post­amt und die Penn Sta­ti­on, um nahe dem Joy­ce-Thea­ter in die 18th Stra­ße ein­zu­bie­gen. Bei­na­he zwei Stun­den waren wir bis dort­hin unter­wegs gewe­sen, es däm­mer­te bereits. Vor dem Haus 264 West blieb Jose­phi­ne ste­hen. Sie hol­te ihr Tele­fon aus der Hand­ta­sche und mel­de­te mit lau­ter Stim­me, dass sie bereits unten vor dem Haus ste­hen wür­de und abge­holt zu wer­den wün­sche! Ein Herr, in etwa dem­sel­ben Alter, in dem sich Jose­phi­ne befand, öff­ne­te uns kurz dar­auf die Tür. Er war mit einem Haus­man­tel beklei­det, der in einem tie­fen Blau leuch­te­te, hat­te kei­ner­lei Haar auf dem Kopf und trug Turn­schu­he. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich wun­der­te über sei­ne gro­ßen Füße, denn der Mann, den mir Jose­phi­ne mit dem Namen Valen­tin vor­stell­te, war eher zier­lich, wenn nicht klein gera­ten. Wäh­rend wir eine enge Trep­pe in den sechs­ten Stock hin­auf­stie­gen, dach­te ich an die­se Schu­he und auch dar­an, ob ich selbst in ihnen über­haupt lau­fen könn­te. Bald tra­ten wir durch eine schma­le Tür, hin­ter der sich ein Raum von uner­war­te­ter Grö­ße befand, ein Saal viel­mehr, mit einer hohen Decke und einem gut gepfleg­ten Boden von Holz, der nach Oran­gen duf­te­te. Lin­ker Hand öff­ne­te sich ein Fens­ter, das die gesam­te Brei­te des Rau­mes füll­te, mit einem groß­ar­ti­gen Aus­blick auf Chel­sea, auf Dach­gär­ten, Anten­nen und Satel­li­ten­wäl­der, ich glaub­te, vor einer Stadt ohne Stra­ßen zu ste­hen. Und da war nun die­ser alte Mann in sei­nem blau­en Haus­man­tel, der uns bat, auf einem Sofa Platz zu neh­men, wel­ches das ein­zi­ge Möbel­stück gewe­sen war, das ich in dem Raum ent­de­cken konn­te. Ein paar Was­ser­fla­schen reih­ten sich an einer der Wän­de, die von Back­stein waren, von hel­lem Rot, und an die­sen Wän­den waren nun Papie­re, Foto­ko­pien von Buch­sei­ten, genau­er, akku­rat anein­an­der gereiht, sodass sie die Wän­de des Saa­les bedeck­ten. Jose­phi­ne schien sehr berührt zu sein von die­sem Anblick. Sie saß mit durch­ge­drück­tem Rücken auf dem Sofa und bewun­der­te das Werk ihres Freun­des, der uns zu die­sem Zeit­punkt bereits ver­ges­sen zu haben schien. Er stand vor einer der Buch­sei­ten und las. Es han­del­te sich um ein Papier des 1. Band der Entde­ckungs­rei­sen nach Tahi­ti und in die Süd­see von Georg Fors­ter in eng­li­scher Über­set­zung. Und wie wir den alten Mann beob­ach­te­ten, erzähl­te mir Jose­phi­ne, dass er das mit jedem der Bücher machen wür­de, die er lesen wol­le, er wür­de sie ent­fal­ten, ihre Zei­chen­li­nie sicht­bar machen, er lese immer im Ste­hen, er sei ein Wan­de­rer. — stop

jose­phi­ne

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