Aus der Wörtersammlung: essen

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hima­la­ya : 3.12 — In einer Schub­la­de mei­nes Vaters ent­deck­te ich Blei­stif­te, Spit­zer, Linea­le, Rechen­schie­ber, Uhren und eine Tril­ler­pfei­fe. Zwei Kleb­stoff­tu­ben, hart wie Stein, waren nie geöff­net wor­den. In einer Schach­tel von Metall eine Hand­voll Bat­te­rien. Sie gehör­ten zu einem Blut­druck­mess­ge­rät, das ich sel­ten beach­te­te, solan­ge mein Vater noch leb­te. Es war ein Gerät für alte Leu­te, schein­bar unsicht­bar für die Augen eines jun­gen Man­nes. Ich erin­ne­re mich, bei­na­he hät­te ich die­ses Minu­ten­bild ver­ges­sen, wie mein Vater vor sei­nem Schreib­tisch sitzt, die Man­schet­te des Prüf­ge­rä­tes um den lin­ken Arm gelegt. Das Geräusch einer Pum­pe ist zu hören, ein Brum­men. Wie mein Vater nun reg­los war­tet auf den Moment, da das Gerät die Umklam­me­rung sei­nes Armes lockern wird, ein scheu­er Blick, so stel­le ich mir vor, auf Leucht­zif­fern, deren Bedeu­tung er fürch­te­te oder über die er sich freu­te. Vor eini­gen Wochen fand ich in einem Ord­ner lan­ge Zah­len­rei­hen in Tabel­len, die der alte Mann selbst ange­fer­tigt hat­te. Sei­ne akku­ra­te Schrift, jede Zei­le ein Zeug­nis von Über­win­dung, ein Beweis, dass mein Vater sich küm­mer­te, dass er kein Flüch­ten­der gewe­sen war. — stop

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nach ferney nach essaouira und von einer kaktusblüte

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nord­pol : 2.52 — In Genf, an einer Stra­ßen­kreu­zung von der Rue de Rho­ne zur Rue d’Italie, sind selt­sa­me Din­ge zu bemer­ken. Män­ner und Frau­en näm­lich, die sich krei­send oder auf und ab über das Pflas­ter bewe­gen, wäh­rend sie das Grün­licht der Ampeln erwar­ten. Bei genaue­rer Betrach­tung möch­te man mei­nen, sie könn­ten viel­leicht nicht in der Lage sein, still­zu­ste­hen. Sie tra­gen Damen­kos­tü­me, Her­ren­an­zü­ge, fei­ne Schu­he, sie sind ver­mut­lich gera­de aus dem Büro gekom­men, befin­den sich auf dem Weg viel­leicht nach Hau­se, zur Bus­sta­ti­on nach Fer­ney, oder ins Kino, ins Thea­ter, zum Jazz, die Son­ne scheint, ers­te war­me Stun­den. Aber auch an einem eis­kal­ten Tag im Win­ter wür­den sie sich genau so bewe­gen, in Krei­sen oder auf und ab. Man nimmt jetzt nur noch sel­ten den Auf­zug, man nimmt die Trep­pe, der Blick hin zum Hand­ge­lenk, zur Appa­ra­tur, die Pul­se, Tem­pe­ra­tu­ren, und auch den Schlaf aus­zu­mes­sen ver­mag. Und noch einen Kreis gleich hin­ter­her und über die Stra­ße, wie vie­le Schrit­te, wie vie­le Schrit­te heu­te, wie vie­le Schrit­te mehr als ges­tern, wie weit bin ich gekom­men in die­sem Monat, viel­leicht bis nach Cham­bé­ry, vor dem Som­mer noch könn­te ich Mont­pel­lier errei­chen, im Win­ter Valen­cia, am Ende des kom­men­den Jah­res wer­de ich in Essaoui­ra sein. – Es ist 2 Uhr und 44 Minu­ten. Gera­de eben noch habe ich mei­nen Kak­tus beob­ach­tet, wie er blüht. Wenn mein Kak­tus blüht, hält er sei­ne Blü­te auch bei Nacht geöff­net, als ob er ahn­te oder wüss­te, dass in mei­nen Zim­mern Nacht­bie­nen und Nacht­win­de woh­nen. — stop

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ai : KONGO

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MENSCHEN IN GEFAHR: „Zahl­rei­che Men­schen­rechts­ver­tei­di­ger wer­den in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go seit dem 15. März ohne Kon­takt zur Außen­welt fest­ge­hal­ten. Sie hat­ten im Elo­ko-Maka­si-Jugend­zen­trum in der Haupt­stadt Kin­sha­sa eine Pres­se­kon­fe­renz gege­ben, die von Sicher­heits­kräf­ten gewalt­sam auf­ge­löst wur­de. / Am 15. März stürm­ten Sicher­heits­kräf­te eine Pres­se­kon­fe­renz im Elo­ko-Maka­si Jugend­zen­trum in Kin­sha­sa, der Haupt­stadt der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go. Sie nah­men etwa 30 Per­so­nen fest, dar­un­ter Mit­glie­der der kon­go­le­si­schen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Lut­te pour le Chan­ge­ment (LUCHA), der sene­ga­le­si­schen Bewe­gung Y’en a Mar­re, der bur­k­in­i­schen Grup­pe Balai Citoy­en, sowie einen US-ame­ri­ka­ni­schen Diplo­ma­ten und anwe­sen­de Journalist_innen. Die Pres­se­kon­fe­renz wur­de im Anschluss an einen Work­shop über die Betei­li­gung von Jugend­li­chen an poli­ti­schen Pro­zes­sen im Vor­feld der anste­hen­den Wah­len im Land abge­hal­ten. Ver­an­stal­ter waren die ört­li­chen NGOs la Jeu­nesse pour une Nou­vel­le Socié­té (JNS), le Forum Natio­nal de la Jeu­nesse pour l’Ex­cel­lence (FNJE) und Lut­te pour le Chan­ge­ment (LUCHA). / Amnes­ty Inter­na­tio­nal lie­gen Infor­ma­tio­nen dar­über vor, dass eini­ge Per­so­nen wäh­rend der Fest­nah­me von den Sicher­heits­kräf­ten miss­han­delt wur­den. Ein Augen­zeu­ge berich­te­te, dass Per­so­nen von den Sicher­heits­kräf­ten schi­ka­niert und grob behan­delt wur­den, bevor man sie an unbe­kann­te Orte ver­brach­te. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Diplo­mat und die aus­län­di­schen Journalist_innen wur­den noch am sel­ben Tag wie­der frei­ge­las­sen, die sene­ga­le­si­schen und bur­k­in­i­schen Aktivist_innen wur­den aus­ge­wie­sen. Wei­te­re kon­go­le­si­sche Menschenrechtler_innen befin­den sich nach wie vor ohne Kon­takt zur Außen­welt an unbe­kann­ten Orten in Haft. Ihnen dro­hen Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal sieht die­se Angrif­fe auf die Meinungs‑, Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit mit gro­ßer Sor­ge.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 4. Mai hin­aus, unter »> ai : urgent action

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unterm maulbeerbaum

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del­ta : 18.12 — Hele­na erzählt, sie habe einen Text notiert, 258 Sei­ten, in dem von einem jun­gen Mann die Rede sein soll, der sich unter einen Maul­beer­baum setz­te, um sei­nen Puls­schlag zu zäh­len. Wie er nun gegen sei­ne Müdig­keit kämpft, gegen das auf­rei­zen­de Gefühl der Amei­sen­bei­ne, wel­che unter sei­nen Hosen­bei­nen spa­zie­ren, auch gegen Durst- und Hun­ger­ge­füh­le, wie lan­ge Zeit kann man so sit­zen und zäh­len, nicht lan­ge. Es war noch nicht ein­mal dun­kel gewor­den, als der jun­ge Mann auf­stand und ver­schwand. Da war nun also ein Maul­beer­baum gewe­sen, irgend­wo im Süden, ein paar Vögel außer­dem, Hasen, Füch­se, Eidech­sen, Spin­nen, Käfer und eine Erzäh­le­rin, die dar­auf war­te­te, dass der jun­ge Mann wie­der kom­men und sei­ne Pul­se wei­ter­zäh­len wür­de. Wie sie in ihrem Kopf Stun­den, Tage, Wochen lang den Baum beob­ach­te­te, wie sie sich indes­sen ein­mal erin­ner­te an einen Freund, der ver­rückt gewor­den sein soll, weil er nicht damit auf­hö­ren konn­te, Zei­tungs­pa­pie­re mit­tels Sche­ren zu zer­le­gen. Er sam­mel­te Bewei­se für dies und das! Ber­ge von Zei­tun­gen soll er in sei­ner Lei­den­schaft für Beweis­si­che­rung zer­legt haben, auch unter­wegs konn­te er nicht damit auf­hö­ren, ein Selt­sa­mer, der nur des­halb in Zug­ab­tei­len sicht­bar wur­de, weil die Papie­re, die Zei­tun­gen selbst damals, als er leb­te, noch sicht­bar gewe­sen waren. Heut­zu­ta­ge darf man, sagt Hele­na, in unsicht­ba­rer Wei­se ver­rückt wer­den, fast alle sind wir schon längst ver­rückt, haben auf Com­pu­tern Tex­te gesam­melt, die wir nie­mals lesen wer­den, weil das Leben nicht reicht, auch nicht für Bewei­se. In ihrer Geschich­te im Übri­gen will sie eine wei­te­re Erzäh­lung ver­steckt haben, jedes ein­zel­ne Wort der Geschich­te, auch gan­ze Sät­ze. Um wel­che Erzäh­lung es sich prä­zi­se han­delt, möch­te sie nicht ver­ra­ten. Die Erzäh­lung soll von einer berühm­ten Schrift­stel­le­rin erfun­den wor­den sein, eine wun­der­ba­re Minia­tur. Sie war­tet noch immer. — stop

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galina

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sier­ra : 16.28 — Ges­tern Abend, im Flug­ha­fen­zug, erzähl­te Gali­na, die seit zehn Jah­ren in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land lebt, sie sei vor weni­gen Wochen mit ihrer 85-jäh­ri­gen Groß­mutter nach Ägyp­ten ans Meer geflo­gen, ein Wag­nis, ein Aben­teu­er, weil ihre Groß­mutter, eine feder­leich­te Per­son, kaum noch auf ihren eige­nen Füßen gehen kön­ne. Man habe sie in einem klei­nen, offe­nen Elek­tro­au­to­mo­bil vor das Flug­zeug gefah­ren und das „uralte Mäd­chen“ mit­tels einer spe­zi­el­len Hebe­büh­ne zu einer beson­de­ren Tür am Heck des Flug­zeu­ges trans­por­tiert. Dort sei sie win­kend ver­schwun­den, um ihrer Enke­lin kurz dar­auf freu­de­strah­lend mit­tels eines Rol­la­tors im Gang des Flug­zeu­ges ent­ge­gen­zu­kom­men, als hät­ten sie sich Jah­re nicht gese­hen. Die alte Frau, deren Name Gali­na nicht erwähn­te, soll in ihrem Leben weit her­um­ge­kom­men sein. Sie leb­te in der Ukrai­ne nahe Donezk, eini­ge Jah­re spä­ter zog sie nach Kir­gi­si­en wei­ter, auch dort, nahe der chi­ne­si­schen Gren­ze, wur­de die deut­sche Spra­che in einer Wei­se gespro­chen, dass ich sie nur mit Mühe ver­ste­hen wür­de, bemerk­te Gali­na. In Ägyp­ten habe ihre Groß­mutter stun­den­lang bis zu den Schul­tern mit Was­ser bedeckt im Meer gestan­den, sie habe sich an einem Schwimm­brett fest­ge­hal­ten und gesummt und gewar­tet, dass die Fische zu ihr kom­men. Ihr drei­ecki­ges Kopf­tuch, das sie immer­zu tra­ge, habe sie indes­sen so gebun­den, wie sie es von Grace Kel­ly lern­te. Abends saßen die jun­ge und die alte Frau in lind­grü­ne Bade­män­tel gehüllt im Hotel­zim­mer vor dem Bild­schirm eines Note­books. Sie waren via Sky­pe mit Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in Donezk ver­bun­den, immer wie­der sei die Ver­bin­dung unter­bro­chen wor­den, ein­mal sei­en Deto­na­tio­nen zu hören gewe­sen, da habe sich ihre Groß­mutter ins Bett gelegt. Am nächs­ten Mor­gen schweb­te die alte Frau wie­der lan­ge Zeit im Meer dahin. — stop
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rose

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sier­ra : 18.15 — In einem schat­ti­gen Laden nahe der Roo­se­velt Island Tram­way Basis­sta­ti­on West war­te­te ein alter Mann hin­ter einem Tre­sen. Er war ver­mut­lich ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger, aber eher chi­ne­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Lin­den­bäu­me Küh­le spen­de­ten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüss­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­sie­re, für Was­ser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de See­ane­mo­nen­bäu­me, und für Pra­li­nen, die unter der Was­ser­ober­flä­che, also im Was­ser, hübsch anzu­se­hen sind, schwe­ben­de Ver­su­chun­gen, ohne sich je von selbst auf­zu­lö­sen. An die­sem hei­ßen Som­mer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­de­ren Geschenk suchen für ein Kie­men­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haf­tig am Unter­richt teil­zu­neh­men, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­ti­gen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chi­ne­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fen­den Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zi­nen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­do­sen auf den Tre­sen abzu­stel­len. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­do­sen mit Kur­bel­wer­ken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem sel­ben Was­ser der Spiel­do­sen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­ri­um ab, in wel­chem Zwerg­see­ro­sen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roo­se­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tier­te, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mit­ter­nacht, ich war gera­de ein­ge­schla­fen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­ro­se ihre Blü­te. — stop

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del­ta : 0.25 — Wenn ich an die Stadt Peking den­ke, den­ke ich auch an einen Freund zurück, des­sen Leben in die­ser fer­nen Stadt vor zwei Jah­ren und vier­und­drei­ßig Tagen ende­te. Er war Foto­graf gewe­sen, sein Kör­per und sei­ne Woh­nung exis­tie­ren nicht mehr, sei­ne Foto­ap­pa­ra­te wur­den mög­li­cher­wei­se ver­schenkt oder ver­kauft, doch zahl­rei­che sei­ner Foto­gra­fien leben in der digi­ta­len Sphä­re wei­ter fort, auch Ein­trä­ge bei Face­book, da nie­mand zu fin­den ist, der sie löschen könn­te oder löschen woll­te. Die viel­leicht letz­te Auf­nah­me von sei­ner Hand in Euro­pa, zeigt einen Gepäck­wa­gen im Ter­mi­nal 1 des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, 3 Kof­fer und 1 Ruck­sack. Weil der foto­gra­fie­ren­de Mensch hin­ter der Kame­ra stand, wir­ken sie schon ver­waist, oder viel­leicht nur des­halb, weil sie in Kennt­nis sei­nes nahen­den Todes von mir betrach­tet wer­den. Sicher ist, dass Men­schen nach dem Ver­stor­be­nen suchen, sie sto­ßen dann auch auf Tex­te, die ich notier­te, ver­wei­len, weil sie sich erin­nern oder weil sie sich wun­dern, viel­leicht haben sie einen ähn­lich tra­gi­schen Ver­lust erlebt. Ande­re blei­ben nur für Sekun­den, weiß der Him­mel, war­um, viel­leicht waren sie Such­ma­schi­nen, nie­mand schreibt, nie­mand kom­men­tiert, ein Schau­en und Schwei­gen. – stop

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furcht vor pegida

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echo : 0.12 — Ihr Sohn heißt Miran, ihre Toch­ter Shirin. Sie selbst wur­de im Osten der Tür­kei gebo­ren, ihre Kin­der, 12 und 14 Jah­re alt, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Einen Mann gibt es nicht mehr. Sie arbei­tet in einem Café, eine fröh­li­che, zier­li­che Frau, ihr Haar ist pech­schwarz, eigent­lich bereits grau oder weiß. Seit sie im Café arbei­tet, ruhen unter Bee­ren-Muf­fins, Schwarz­wäl­der­kirsch Tor­te, Käse­ku­chen und Apfel­stru­del­schei­ben, auch kur­di­sche Plätz­chen, Kuli­ce, mit Wal­nüs­sen, Man­deln, Zimt und Zucker gefüllt. Ich weiß schon von der ein oder ande­ren wil­den Geschich­te, die sie erleb­te, kur­ze Geschich­ten sind das, eilig wäh­rend einer Tas­se Kaf­fee erzählt, eigent­lich klei­ne Roma­ne, weil ich sie nicht ver­ges­sen kann, weil sie sich erzäh­len wie von selbst. Ges­tern ist eine wei­te­re Geschich­te hin­zu­ge­kom­men. Anis­un berich­te­te, sie wer­de am kom­men­den Wochen­en­de nach einem Weih­nachts­baum suchen wie jedes Jahr um die­se Zeit, doch, doch, nach einem Weih­nachts­baum, in die­sem Jahr sei sie spät dran, ja, ja, mit allem, was man sich den­ken kann, aber elek­tri­sche Ker­zen, schon immer, seit die Kin­der in die Schu­le gehen, kom­me ein Baum ins Haus, ja, wir sind Ale­vi­ten, auch die Kin­der, aber immer haben wir Weih­nach­ten gefei­ert, man trifft sich, Freun­de, Schwes­tern, Brü­der, Onkel, Tan­ten, und kocht und freut sich, und die Kin­der bekom­men Geschen­ke, doch, doch, du brauchst dich nicht zu wun­dern, wir fei­ern gern, ja, ja, wir fürch­ten uns, eine Hand­voll Furcht, es ist ein schlim­mes Jahr gewe­sen, auch für uns Ale­vi­ten, das ist mei­ne Hei­mat hier, und wie­der fürch­te ich mich, wir spre­chen nicht viel dar­über, wir hof­fen, dass es nicht näher kommt. — stop

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teilchen

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sier­ra : 2.01 — Erin­ne­rung scheint zeit­los zu sein, zufäl­lig, chro­no­lo­gisch unge­ord­net, kommt in Sekun­den­por­tio­nen ange­flo­gen, eine Stim­me, eine Foto­gra­fie, ein Geruch, ein Gedan­ke, Teil­chen wie Sand­stür­me, ver­gäng­lich, unscharf. Ich habe bemerkt, dass es mög­lich zu sein scheint, ein Teil­chen fest­zu­hal­ten, in dem ich das Teil­chen mit einem Wort ver­bin­de, um das Teil­chen von die­sem Wort aus zu erwei­tern, schwe­rer zu machen, und doch ist es immer so, dass ich das Teil­chen, an dem ich arbei­te, frü­her oder spä­ter los­las­sen wer­de, weil viel­leicht das Tele­fon klin­gelt oder eine Flie­ge vor­über kommt, die sich auf dem Rücken segelnd fort­be­wegt. Wie vie­le Ereig­nis­se mei­nes Lebens habe ich mehr­fach ver­ges­sen? Wie viel stil­le Zeit? — stop

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vor neufundland 3.05.22 uhr : schirokko

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ulys­ses : 4.05 — Ruhi­ge Nacht. Lek­tü­re: Ste­wart O’Nan Last Night at the Lobs­ter. Unter­des­sen Funk­spruch Noes, ich notie­re: 3.05.22 | | | > fan­gen wir noch ein­mal von vor­ne an. s t o p ich hei­ße noe. s t o p tie­fe 82 meter vor neu­fund­land. s t o p ich bin glück­lich. s t o p könn­te sein dass ich nicht ganz bei ver­stand bin. s t o p ich habe den ein­druck zu träu­men. g r a m o p h o n e f r o m a b o v e. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p ob jemand liest was ich schrei­be? s t o p wie oft schon habe ich das wort s c h i r o k k o mit mei­nem fin­ger in das was­ser ein­ge­tra­gen um das wort schi­rok­ko nicht zu ver­lie­ren. e n o n o r m o u s b l u e f i s h w i t h y e l l o w e y e s s t r a i g h t a h e a d. s t o p ich kann das wort g l ü h b i r n e gut erin­nern. s t o p < | | | ENDE 3.07.01

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