Aus der Wörtersammlung: kind

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yolande

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marim­ba : 5.06 — Schwie­rig sei, sag­te Yolan­de, dass sie eine Groß­mutter habe, die in Arme­ni­en gebo­ren wur­de, und einen Groß­va­ter, der in Usbe­ki­stan leb­te, und dass ihre Mut­ter ihre Kind­heit in der Tür­kei ver­brach­te, dass sie ihren Mann in Grie­chen­land ken­nen­lern­te, dass sie zwei Töch­ter gebar in Deutsch­land im Jahr 1995, dass die Spra­che ihrer Mut­ter nicht Deutsch gewe­sen sei, dass sie selbst zunächst aber die deut­sche Spra­che lern­te, dass sie in die­ser Spra­che träu­me, das sage man doch so, und dass sie über einen deut­schen Pass ver­fü­ge, dass sie aber zugleich die­ses dunk­le Haar tra­ge und ihre Augen von der Natur schwarz und man­del­för­mig gestal­tet wor­den sei­en, wes­we­gen sie sich stets anhö­ren müs­se, wie gut sie inte­griert sei in Deutsch­land, und wie gut sie doch die deut­sche Spra­che spre­chen wür­de, so gut, dass man fast mei­nen wür­de, dass sie eine Deut­sche sei, wo das aber doch nicht mög­lich ist, weil sie doch die­se ihre Augen tra­ge, und ihre Haut etwas dunk­ler sei auch im Win­ter, und die­ses Haar, denkt man, sag­te Yolan­de am 16. März des Jah­res 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie soeben in einem Zug Platz genom­men hat­te. — stop

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minutenzeitung

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hima­la­ya : 5.16 — Ges­tern erzähl­te Mut­ter, nein, nein, sie lese kei­nes­wegs lang­sa­mer durch ihre mor­gend­li­che Zei­tung als frü­her noch, viel­mehr sei­en die Zei­tun­gen selbst schwe­rer, das heißt, umfang­rei­cher oder dicker gewor­den. Das kön­ne nie­mand mehr lesen, jeden Tag eine neue dicke Zei­tung. Ich dach­te, man müss­te ein­mal die Zeit anhal­ten, sagen wir für zwei oder drei Mona­te. Alles wür­de zit­ternd still­ste­hen auf unse­rer Erd­ku­gel, allein Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten wären noch beweg­lich. Sie rei­sen nun her­um, betrach­te­ten fünf Minu­ten Zeit welt­weit, die sich über­all so lan­ge wie­der­holt, bis sie von Spra­che und Foto­gra­fie erfasst sein wird. In einem Flücht­lings­la­ger hält eine Groß­mutter ein gera­de gebo­re­nes Kind aus einem Zelt her­aus, der Vater kippt etwas Regen­was­ser über den klei­nen rosa­far­be­nen Leib, und schon sind fünf Minu­ten Zeit ver­gan­gen und das Kind wie­der in den Leib der Mut­ter zurück­ge­kehrt. Als das Kind unver­züg­lich erneut gebo­ren wird, sind drei wei­te­re Foto­gra­fen vor das Zelt getre­ten, um das Kind zu foto­gra­fie­ren, wie es von sei­nem Vater gewa­schen wird. In Oslo sto­ßen zwei Stra­ßen­bah­nen so lan­ge gegen­ein­an­der, bis end­lich über sie berich­tet wird. Auf Neu­see­land, nahe Parapa­ra, fällt ein Kind von einem Baum, Minu­ten­wei­se klet­tert es wie­der hin­auf und fällt wie­der zu Boden, ehe ein Repor­ter vor­über kom­men wird, um viel­leicht gera­de noch recht­zei­tig das Kind auf­zu­fan­gen. Auch die alte Mar­tha will bemerkt wer­den, sie hat wie­der ein­mal ein paar Match­box­au­tos ver­schluckt in Lon­don im Kauf­haus bei Har­rods. Eine umfang­rei­che Zei­tung könn­te ent­ste­hen, eine Welt­zei­tung von 5 Minu­ten Zeit, die von zehn­tau­sen­den Jour­na­lis­ten notiert wur­de, die wie Wan­der­amei­sen Blät­ter, Wör­ter, Gedan­ken, Foto­gra­fien sam­mel­ten, um zu erzäh­len, was der Fall ist. – Fünf Uhr sech­zehn in Ido­me­ni, Grie­chen­land. – stop
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mi oksana

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tan­go : 0.08 — Ges­tern erreich­te mich eine skur­ri­le E‑Mail einer Frau namens Mi Oksa­na. Es ist denk­bar, dass die­se E‑Mail eigent­lich von einem ange­hei­ter­ten Com­pu­ter­pro­gramm notiert wur­de, das sich zur Tar­nung hin­ter einem poe­tisch wir­kungs­vol­len Namen ver­steck­te. Ich über­leg­te, wel­che Pro­zes­se mög­li­cher­wei­se in einem digi­ta­len Gehirn zu einem rausch­ar­ti­gen Zustand füh­ren könn­ten, der eine Gestalt her­vor­brin­gen wür­de, die Mrs. Mi Oksa­na ähn­lich sei. Sie notier­te Fol­gen­des: Lie­ber Lou­is, vor allen Din­gen habe ich vor dich zu sagen, dass ich nur erns­te Bezie­hun­gen moch­te. Spie­len ist nichts für mich, und ich bin ein ehr­li­ches Mäd­chen. Wenn du auch repu­ta­bel bist und des­sel­ben such­test, dann wer­de ich mich über einen Brief von Dir freu­en. Mein Name ist Oksa­na. Ich bin 31 und ich woh­ne in Russ­land. Ich war nie ver­hei­ra­tet und ich habe kei­ne Kin­der. Vor einem Jahr habe ich mich getrennt und jetzt bin ich auf der Jagd nach einem Freund in dei­nem Staat. Ich hof­fe, dass Men­schen in dei­nem Staat sich mit Respekt zu einer Frau ver­hal­ten. Ich hof­fe, dass du ein ver­ant­wort­li­cher Mann bist, und wir könn­ten pro­bie­ren unse­re Lie­be auf­zu­bau­en. In die­ser Mit­tei­lung sen­de ich dir mein Foto. Ich hof­fe, dass es dir gefal­len wird. sofern auf mich gespannt bist, bit­te gib mir Ant­wort und ver­ra­te dei­nen ech­ten Namen. Ich hät­te gern ein Foto Dich zu sehen. Schö­ne Gru­ße. Oksa­na — stop
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homs

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del­ta : 0.25 — Noch nicht lang her, da ent­deck­te ich einen Film, der selt­sa­mer­wei­se eini­ge Tage spä­ter auf der Posi­ti­on, da ich ihn im Inter­net bemerkt hat­te, nicht mehr anzu­tref­fen war. Der Film, so wird erzählt, war von einer Droh­ne aus auf­ge­nom­men wor­den, einem künst­li­chen Vogel, der über und durch die Stra­ßen der Stadt Homs gesteu­ert wor­den war. Bei­na­he hät­te ich notiert, die Droh­ne, sie muss ein recht gro­ßes Gerät gewe­sen sein, sei durch die Stra­ßen der Stadt geirrt, aber für die­ses Wort irren flog die Droh­ne viel zu sou­ve­rän her­um und über Häu­ser hin­weg, sie beweg­te sich wie eine pro­fes­sio­nel­le Film­droh­ne einer Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on, oder aber so, als wäre sie an einem gefe­der­ten Schwenk­kran befes­tigt, sie beweg­te sich erschüt­te­rungs­frei durch die Luft, kei­ner­lei Druck­wel­le, kein Wind weit und breit. Was wir sehen, wenn wir die­sen Film betrach­ten, ist eine fürch­ter­lich zer­stör­te Stadt. Ich habe die­se Art Ver­wüs­tung auf Foto­gra­fien gese­hen, Foto­gra­fien der Stadt Mün­chen oder der Stadt Ber­lin oder Frank­furts, die im Jahr 1945 auf­ge­nom­men wor­den waren. Ich erin­ne­re mich, man sah dort Men­schen, die mit Eimern in lan­gen Rei­hen hin­ter­ein­an­der stan­den, um Stei­ne in einer Ket­te zu trans­por­tie­ren, oder Men­schen mit Kin­der­wa­gen, in wel­chen Kar­tof­fel­sä­cke lagen, Men­schen mit Ruck­sä­cken und Men­schen mit Kof­fern, die sie über Schutt­ber­ge wuch­te­ten. Im meh­re­re Minu­ten andau­ern­den Flug über und durch die Stadt Homs war jedoch kein Mensch zu erken­nen. Mehr­fach habe ich den Film vor und zurück­ge­spielt, nein, kein Mensch war zu sehen, nicht ein ein­zi­ger Mensch, sosehr ich mei­ne Augen bemüh­te, nicht ein­mal Geis­ter. — stop

 

mikroskop2

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vor neufundland 02.12.08 : atem

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alpha : 0.02 — Vom Fens­ter aus beob­ach­te ich seit zwei Stun­den ein Rudel Eich­hörn­chen, das auf der Stra­ße weit unten tollt, als gäbe es etwas zu fei­ern. Wenn ich sie mit einer Taschen­lam­pe beleuch­te, blei­ben sie für einen Moment still sit­zen, ich kann sie zäh­len, es sind 12 Eich­hörn­chen, sie schau­en zu mir her­auf, ich habe kei­ne Ahnung, ob sie mich erken­nen. Ich dach­te an Tau­cher Noe, der ges­tern eine Nach­richt sen­de­te und an Natha­lie Sar­rau­te, ihre Bemer­kung, sie habe mit ihrem Roman Kind­heit ver­sucht, Bil­der ihrer Erin­ne­rung zusam­men­zu­stel­len, die sie wie aus einem Stück Wat­te her­aus­zie­hen konn­te. Ger­ne wür­de ich Noe von Natha­lie Sar­rau­te erzäh­len. Er ist nicht erreich­bar, er ver­mag zu sen­den, aber kann kei­ne Nach­rich­ten emp­fan­gen. Ges­tern zuletzt aus 785 Fuß Tie­fe vor Neu­fund­land > ANFANG 02.12.08 | | | > s t o p. nie­mals wer­de ich auf­hö­ren zu schrei­ben und wenn ich nur noch ein wort schrei­ben könn­te weil mir kein wei­te­res wort ein­fal­len wird. s t o p an wel­chem wort wer­de ich mich fest­hal­ten? s m a l l g r e e n f i s h m a k i n g b a c k f l i p s . s t o p ich wünsch­te ich könn­te lesen was ich je geschrie­ben habe. s t o p zurück­keh­ren in zei­ten die ich den­ke. s t o p kor­ri­gie­ren. s t o p löschen was ich ein­mal geschrie­ben und gedacht haben wer­de. t w o b l u e f i s h e s i n l o v e r i g h t w a r d s . s t o p solan­ge ich schrei­be atme ich. s t o p es ist ein und das sel­be. s t o p ich hebe mei­nen lin­ken fuß und sin­ke nach rechts. s t o p ich hebe mei­nen rech­ten fuß und sin­ke nach links. s t o p. erstaun­lich. s t o p | | | ENDE 02.15.32 — stop

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im verborgenen

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del­ta : 0.55 — In Peter Bichsel’s Erzäh­lung Die Erde ist rund war­tet ein wun­der­ba­rer ers­ter Satz. Der Satz geht so: Ein Mann, der wei­ter nichts zu tun hat­te, nicht mehr ver­hei­ra­tet war, kei­ne Kin­der mehr hat­te und kei­ne Arbeit mehr, ver­brach­te sei­ne Zeit damit, dass er sich alles, was er wuss­te, noch ein­mal über­leg­te. — Wie wür­de ich anstel­le des Man­nes zunächst vor­ge­hen. Wür­de ich viel­leicht ein Ver­zeich­nis mei­ner Erin­ne­run­gen anle­gen, oder wür­de ich mich still in mei­ne Küche set­zen und mich umse­hen und über­le­gen, was ich von mei­ner Küche weiß? Da war vor­hin noch eine Schüs­sel vol­ler Äpfel, Man­da­ri­nen, Bana­nen gewe­sen, und der Wunsch, Gegen­stän­de, auch erfun­de­ne Din­ge und Wesen, unver­züg­lich zu öff­nen, um nach­zu­se­hen, was in ihrem Inne­ren zu ver­mer­ken ist. Vor­wärts suchen und erfin­den in die Tie­fe. Vor­wärts bis hin zur letz­ten ein­sa­men Haut, die jedes ver­blei­ben­de Geheim­nis umwi­ckelt, eine Beru­hi­gung. Aber dann, sobald ich bei­spiels­wei­se ein Fern­seh­ge­rät betrach­te, wenn es acht Uhr abends gewor­den ist, weiß ich, dass ich kaum noch etwas von da drau­ßen wis­sen kann, weil je nur hal­be Äpfel oder noch klei­ne­re Tei­le zu erken­nen sind, oder Äpfel, die nur vor­ge­ben oder behaup­ten, Äpfel zu sein, oder Äpfel, die zu schnell gewor­den sind. Ein­mal beob­ach­te­te ich dort auf dem Bild­schirm eine Kampf­ma­schi­ne, die von einem Flug­zeug­trä­ger aus star­te­te. Im Ver­bor­ge­nen, außer­halb mei­ner Bild­schirm­licht­zeit, flog die Kampf­ma­schi­ne ver­mut­lich wei­ter. Was ist gesche­hen? — stop
giraffe

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von schmetterlingen

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hima­la­ya : 0.28 – Wenn ich nicht irre, dann moch­te mei­ne Groß­mutter, die Mün­che­ner Oma, wie wir sie nann­ten, das Wort Bom­ben­stim­mung nicht gern aus­spre­chen. Das lag ver­mut­lich dar­an, dass häu­fig der Boden unter ihren Füßen zit­ter­te, wenn irgend­wo in der Stadt, in der sie leb­te, Bom­ben unsanft auf dem Boden lan­de­ten. Mei­ne Mün­che­ner Oma ist schon vor lan­ger Zeit gestor­ben, sie hat­te eine Krank­heit, die ihre Glie­der beben ließ von Zeit zu Zeit, als ob sie sich an das Zit­tern des Bodens immer wie­der erin­nern muss­te. Vor weni­gen Stun­den nun ist ihre Toch­ter aus dem Leben ver­schwun­den, weiß der Him­mel, ob sie davon erfah­ren hat. Auch ihre Toch­ter kann­te das Beben des Erd­bo­dens noch, wäh­rend der Boden unter mei­nen Füßen nie­mals beb­te unter dem Ein­druck mensch­li­cher Spreng­mit­tel­er­fin­dun­gen. Das Wort Flie­ger­bom­be kommt in mei­nem Leben schon sehr lan­ge vor, es gehört zum Wort­schatz des Kin­des, ver­mut­lich weil von den Bom­ben­zei­ten immer wie­der berich­tet wur­de. Man­che Men­schen, die heut­zu­ta­ge Kin­der sind, bücken sich nach Schmet­ter­lin­gen, die grün sind wie Frö­sche, und sie den­ken viel­leicht noch, das sind aber schwe­re Schmet­ter­lin­ge, und ver­lie­ren gera­de in die­sem Sekun­den­mo­ment für immer Augen und Hän­de. — stop
louis

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von menschen und affen

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nord­pol : 0.22 – Wäre es nicht viel­leicht doch sinn­voll, anstatt unschul­di­ge Kin­der­men­schen der Stadt Rak­ka zu bom­bar­die­ren, elek­tri­sche Daten­net­ze zu atta­ckie­ren, wel­che von Riad aus Got­tes­krie­ger mit Ent­wick­lungs­hil­fe ver­sor­gen? Immer wie­der das Fra­gen üben. Auch nach Fra­gen suchen. Ges­tern sprach ich mit einer jun­gen Mus­li­ma über ihre Schul­zeit, viel zu kurz, sag­te sie, viel zu früh zu Ende. Es ist so, dass sie, H., der fes­ten Über­zeu­gung ist, von Adam und Eva unmit­tel­bar abzu­stam­men. Da sie jedoch nicht dog­ma­tisch lebe und den­ke, wäre sie bereit, zu akzep­tie­ren, dass ich, Lou­is, ein Affen­mensch sei oder eben ein Men­schen­af­fe. Wir lachen ganz herz­lich. It works! — In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich mein Radio gelehrt, in der beru­hi­gen­den Spra­che der Nacht­zi­ka­den zu spre­chen. Guten Mor­gen! – stop

nacht­zi­ka­den

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im zug kürzlich

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india : 0.12 – Ein Mäd­chen, das mög­li­cher­wei­se gera­de erst spre­chen lern­te, in einer Spra­che, die ich nicht ver­ste­he, steht im Zug vor mir. Ich notie­re auf ein Blatt Papier, als ich die klei­ne Per­son bemer­ke. Ich sage: Hel­lo! Sofort schließt das Mäd­chen die Augen, bleibt aber wie ange­wur­zelt vor mir ste­hen. Weni­ge Meter ent­fernt sit­zen zwei Frau­en und vier Män­ner, sie tra­gen Ano­raks, die zu groß sind, die Frau­en außer­dem Kopf­tü­cher und Hand­schu­he, obwohl es im Zug warm ist. Sie schei­nen müde zu sein, nie­mand spricht. Einer der Män­ner beob­ach­tet mich, ein ruhi­ger, auf­merk­sa­mer, freund­li­cher Blick, ich den­ke noch, was sieht er in mir, da öff­net das klei­ne Mäd­chen sei­ne Augen wie­der, schaut mich an, kein Lächeln, als ich eine Hand hebe und win­ke. Ein Gesicht, blass, fast weiß, tie­fe, dunk­le Rin­ge unter den Augen, die glän­zen. Was haben die­se Augen gese­hen in den ver­gan­ge­nen Wochen, Mona­ten, Jah­ren, viel­leicht Men­schen, die tot sind, wie sie auf einer Stra­ße lie­gen, eine Hand der Mut­ter, die  Augen des Mäd­chens bede­cken im Moment ein­stür­zen­der Häu­ser, Luft vol­ler Flie­gen unter einem Zelt­dach, das nächt­li­che Meer, schrei­en­de Men­schen vor Sta­chel­draht bewehr­ten Toren, rasen­de Schä­fer­hun­de, die in Ungarn gebo­ren wor­den sind? – Ein Kind will sehen. So fängt es immer an, auch damals fing es so an. Ein Kind woll­te sehen. / Juli­an Bar­nes Arthur & Geor­ge – stop
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zwergdrache

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marim­ba : 2.24 – Ort: Upper Bay von New York. Zeit: Som­mer 1958. Auf einem Fähr­schiff, des­sen Name ich nicht ermit­teln konn­te, steht am Heck ein Jun­ge im Alter von unge­fähr 12 Jah­ren. Es ist frü­her Nach­mit­tag, die Schu­le ver­mut­lich gera­de vor­über, der Jun­ge fährt mit dem Schiff von Man­hat­tan nach Hau­se. Er trägt Halb­schu­he, ein hel­les Hemd, eine Kra­wat­te und ein dunk­les Jackett, sei­ne Schul­ta­sche lehnt an einem Pfei­ler, der für schwe­re Schiffstaue vor­ge­se­hen ist. Im Hin­ter­grund, am Hori­zont, sind Krä­ne zu erken­nen, die wie eiser­ne Vögel auf stel­zen­ar­ti­gen Füs­sen ste­hend, zu war­ten schei­nen. Eini­ge Meter über dem Jun­gen schwebt eine Möwe, auch sie ist, wie der Jun­ge selbst, reg­los in einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie gefan­gen. Zwei älte­re Per­so­nen, eine Frau in einem hel­len Kleid, und ein Mann, der einen dunk­len Anzug trägt, lun­gern auf einer Bank. Sie küs­sen sich gera­de auf den Mund, sind viel­leicht eigent­li­che Ursa­che der Foto­gra­fie, der Jun­ge, der gefähr­lich nah an der Kan­te zum Was­ser steht, ist also mög­li­cher­wei­se ver­se­hent­lich mit auf das Bild gera­ten. Eine Hand des Jun­gen ist nach vorn hin aus­ge­streckt, es ist sei­ne lin­ke Hand, wäh­rend sei­ne rech­te Hand einen Faden, so fein, dass er kaum noch sicht­bar ist, um die­se lin­ke aus­ge­streck­te Hand wickelt, als wäre sie eine Spu­le. Der Jun­ge scheint im Moment der Auf­nah­me mit sei­ner Arbeit des Wickelns bei­na­he fer­tig gewor­den zu sein, das Ende des Fadens wird bereits sicht­bar, ein klei­ner Dra­che von Papier ist dort befes­tigt, ein Dra­che nicht län­ger als zehn Zen­ti­me­ter und nicht brei­ter als sechs Zen­ti­me­ter, ein Zwerg­dra­che, in der ein­fach gekreuz­ten Form der Kin­der­dra­chen, des­sen Kör­per mit Sei­den­pa­pier bespannt gewe­sen sein könn­te, unbe­kann­te Far­be, viel­leicht blau, viel­leicht gelb. Eine erstaun­li­che Ent­de­ckung. Zwei­ter Blick. – stop

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