alpenregen

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : ALPENREGEN
date : okt 31 11 10.52 p.m.

Besten Dank, lieber Louis, für das feine Tonma­te­rial, das Du uns gesendet hast. Wir haben Deine Alpen­re­gen­ge­räu­sche am vergan­genen Donnerstag zu Noe in die Tiefe über­mit­telt. Große Freude! Gleich­wohl sehnt Noe sich nach wie vor eine Uhr herbei, die wir ihm leider nicht gewähren können. Es ist nun folgendes geschehen. Noe presste, viel­leicht zunächst ohne einen Vorsatz, seine rechte Hand gegen die Innen­seite seines Taucher­an­zuges und konnte in dieser Weise Puls­be­we­gungen erspüren. Von diesem Moment an zählte Noe die Schläge seines Herzens, er zählte bis er die Zahl 70 erreichte, eine Minute Zeit, seit zwei Tagen immerzu der selbe Prozess der Zählung mit lauter Stimme, eine Demons­tra­tion seiner Willens­stärke, die uns nach und nach unheim­lich wird, Noe, eine Uhr, auch schla­fend, dämmernd, träu­mend, eine Uhr, verdammt, ich war mehr­fach versucht gewesen, Noes Mikro­phon auszu­schalten, Ruhe an Bord, eine Gewalttat, die Bewe­gung eines kleinen Fingers nur, Stille, und doch nicht Stille, weil ich die Fort­set­zung des Zählens in der Tiefe annehmen müsste, einund­fünfzig, zwei­und­fünfzig, drei­und­fünfzig. Kurz nach 10 Uhr, eiskalte Nacht, aufkom­mender Wind von Nord­west, wir haben schweren Seegang zu erwarten. Dein OE SOM – Ahoi!

gesendet am
31.10.2011
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fasankino

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tango : 0.02 – Gestern, Dienstag, ist Ilse Aichinger 90 Jahre alt geworden. Ich erin­nerte mich an einen Text, den ich vor einiger Zeit bereits aufge­schrieben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, weshalb ich ihn an dieser Stelle wieder­holen möchte. Ich betrach­tete damals, als ich den Text notierte, eine Film­do­ku­men­ta­tion. Es war ein früher Morgen und ich fuhr in einem Zug. Immer wieder spulte ich, Zeichen für Zeichen vermer­kend, was ich hörte, den Film zurück, um kein Wort des gespro­chenen Textes zu verlieren oder zu verdrehen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichinger, von einem unru­higen Geleise geschüt­telt, immer wieder auf dem hand­tel­ler­großen Bild­schirm unter spazie­renden Menschen vor mir auftauchte, indem sie von ihrer Kino­lei­den­schaft erzählte: Wenn ich mich recht erin­nere, hörte ich in meiner frühen Kind­heit eine ältere Frau zu einer anderen sagen: – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätsel­hafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätsel­haften Sätzen der Erwach­senen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonn­tagen zu meiner Groß­mutter gingen, bei der sie lebte, fast regel­mäßig am späten Nach­mittag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­rich­tete für kurze Zeit an der Musik­aka­demie in Wien und übte lang und leiden­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasan­kino. Es war fast immer das Fasan­kino, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hause und erklärte meis­tens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­kino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Groß­mutter im Vernich­tungs­lager Minsk, in das sie depor­tiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasan­kino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, sondern auch bezüg­lich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötz­lich aus den Kino­pro­grammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cine­astin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von England oder Neueng­land auftau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast ebenso zuge­neigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

nachtsegeln

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echo : 10.15 – Das Nacht­se­geln auf dem Bauch, rück­lings bald, in Seiten­lagen, immer wieder von einem Arm geweckt, der sich in der Abwe­sen­heit des Schla­fenden in einen Schiffs­masten verwan­delt, in eine Schmerz­trom­pete ande­rer­seits, die einen Faden von Wach­heit in den Reisenden spielt. Wie ich bald müde am Früh­stücks­tisch sitze. Eine Tasse Kaffee, eine Brezel, ein Glas Milch, und mein Arm, ausge­packt, das verletzte Wesen, mit dem ich eine Unter­hal­tung führe: Wir müssen geduldig sein, du und ich, wir werden das schon schau­keln! Da ist ein Knis­tern, sobald ich meinen Arm sacht bewege, ein unbe­kanntes Gefühl. Wider­stände in jede Rich­tung. Irgend­etwas scheint sich in meinem Ellen­bo­genarm nieder­ge­lassen zu haben, das ihn auf Posi­tion 90° fest­halten möchte. Erstaun­lich. stop. Zehn Uhr elf in Hama, Syrien. – stop

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bojen

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romeo : 0.03 – Für diesen Tag, es ist der 4. November, habe ich mir vorge­nommen, kein Wort aufzu­schreiben, sondern alles das, was ich mir denke, alles was zu mir herein­fällt, im Kopf aufzu­be­wahren. Ich sollte unver­züg­lich eine Methode entwi­ckeln, jeden Gedanken oder jede Erin­ne­rung, die mir wichtig zu sein scheint, mit einer Boje zu versehen, die ich wieder­finden werde und damit den Gedanken, der an ihr befes­tigt ist. – Null Uhr und fünf Minuten: Ich schalte jetzt die Schreib­ma­schine aus.

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PRÄPARIERSAAL : cerebum

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nordpol : 8.02 – TONAUFNAHME / Mai 2005 – Yomo : Als wir das Gehirn entnahmen, haben wir uns zunächst keine Gedanken darüber gemacht, was für ein faszi­nie­rendes Teil des mensch­li­chen Körpers wir gerade in der Hand hielten. Wir hatten das nämlich so verstanden, dass die Studenten das Gehirn selbst entnehmen dürfen und wir haben das dann auch gemacht. Aber bald haben wir fest­ge­stellt, dass die Assis­tenten, nicht die Studenten, das an den anderen Tischen machten. Wir hatten bei der Entnahme einen Fehler gemacht und das Gehirn an der falschen Stelle durch­trennt. Wir waren sofort damit beschäf­tigt, zu über­legen, was wir jetzt machen sollen, um keinen Ärger zu bekommen. Wir haben deshalb in dieser Situa­tion nicht so sehr an das Gehirn gedacht. Zum Glück kam dann aber eine nette Assis­tentin und hat das Gehirn voll­ständig entnommen, ohne uns weiter Vorwürfe zu machen. Sie fand unsere Art der Entnahme fast noch besser als die vorge­ge­bene Methode, da man viele Struk­turen sehen konnte, die wir anders nicht gesehen hätten. Wir waren auf jeden Fall ziem­lich froh, dass wir keinen Ärger bekommen haben. Ich habe erst etwas später ein beson­deres Gefühl gespürt, als ich das Gehirn in den Händen hatte. Viel­leicht lag das auch daran, dass wir uns am Anfang auch noch gar nicht so genau mit dem Gehirn auskannten. Ein paar Dinge über das Gehirn wusste ich zwar schon aus der Schule, aber wie genau es aufge­baut ist, aus wie vielen Struk­turen das Gehirn besteht und was man alles an einem Gehirn sehen kann, das habe ich erst in der Anatomie gelernt. So wurde das Gehirn im Lauf Zeit zu einem immer inter­es­san­teren und faszi­nie­ren­deren Körper­teil für mich. An dem Tag, als wir die Sulci mit bunten Fäden auslegen sollten, hatte ich das Gehirn dann länger in der Hand. Das ist jener Tag, an den ich mich beson­ders intensiv erin­nern kann, da ich ein beson­deres Gefühl hatte, als ich das Gehirn in der Hand gehalten habe. Ich war ein biss­chen glück­lich und stolz auch, denn wer hat schon die Möglich­keit ein Gehirn in der Hand zu halten. Für mich war kaum vorstellbar, dass diese Struktur in meiner Hand einmal so viele und wich­tige Aufgaben erfüllt hatte.

schnürlkäfer

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charlie : 8.58 – Wenn man mich fragen würde an diesem schönen Morgen im November, was ich mir wünsche, ich würde antworten, einen Banderl­käfer oder Schnürl­käfer in diesem Moment, einen Käfer, der an seiner Spitze aus einem Kopf und einem gepan­zerten Brust­seg­ment bestehen könnte, Fühlern, Augen, Beinen, Flügeln, einem Käfer­ge­füge demzu­folge wie wir es kennen, wenn da nicht eine bemer­kens­werte Fort­set­zung in der Gestalt des Käfers zu verzeichnen wäre, ein Hinter­leib von enormer Größe, schmal und lang und feucht, als habe sich dem Käfer ein Regen­wurm ange­schlossen, der nun selbst an seinem Ende der Käfer­ge­stalt ein Paar weiterer Augen hinzu­fügte, und einen trieb­haften Willen sich auf jeden Schuh zu stürzen, um ihn auf der Stelle, ob nun mit oder ohne Fuß, zu verschließen. – stop
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zehnstreifenleichtfuß

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hima­laya : 7.32 – Ein Licht­bild auf dem Tisch. Die Aufnahme zeigt das Innere meines Armes. Es ist zunächst nicht einfach, in den darge­stellten Knochen­struk­turen, meine eigenen Struk­turen zu erkennen. Ich weiß, das bin ich, aber ich sehe mich nicht. Das, was ich sehe, habe ich immer schon mit mir geführt, und trotzdem betrachte ich unbe­kanntes Gebiet. Diese kleine Schraube hier, sie leuchtet, ich kann ihr Gewinde erkennen, ist jetzt meine Schraube. Im abge­dun­kelten Rönt­gen­raum arbeitet eine Frau, die meinen Arm auf den Tisch bettet, so dass er präzise auf der Foto­platte zu liegen kommt. Ich solle ganz still sitzen, sagt sie, weswegen ich die Luft anhalte und meine Augen weit öffne, weil ich nach­schauen will, ob ich nicht doch vom radio­lo­gi­schen Licht einen Schimmer wahr­nehmen kann. Eine Sekunde Atem­stille. Und noch eine Sekunde Atem­stille. Ein Summen hinter Blei­glas­fens­tern. – Ich hatte die Exis­tenz der Zehn­streifen-Leichtfuß-Käfer vergessen. – stop
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salzburg : stefan zweig, kapuzinerberg no 5

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lima : 8.16 – Von der Linzer Gasse hinauf zum Paschin­ger­schlössel, in dem Stefan Zweig mit seiner ersten Frau, der Schrift­stel­lerin Frie­de­rike Maria Burger, 15 Jahre lang wohnte und arbei­tete. Ein steiler Weg, 264 Trep­pen­stufen, James Joyce und Thomas Mann werden diese Strecke gegangen sein vor einer Sekunde noch vor den langsam west­wärts flie­ßenden Bergen. Das Haus No 5, groß­zü­gige Terrasse, hinter Laub­bäumen versteckt, scheint sich von selbst im leichten Wind zu bewegen. Unten im Tal, schnee­grün an diesem Abend, die Salzach. Auf den Dächern der Stadt lungern moderne Menschen, sie lesen, trinken Wein, schlafen in ihren Himmels­gärten in der warmen Novem­ber­sonne. Ein später Feuer­käfer passiert den schmalen, stei­nigen Weg, längst bin ich im Wald ange­kommen. Das Kloster der Kapzu­ni­n­er­mönche liegt hinter mir. Buchen, Eschen, Linden brennen. Eine gebückt gehende alte Frau, ich sehe, sie geht kreuz und quer über die Pfade des Berges. So betagt muss sie ihrer Erschei­nung nach sein, dass sie Stefan Zweig noch persön­lich gekannt haben könnte. Wie sie zuletzt unter den Bäumen verschwindet, uraltes Kind, dachte ich an eine Foto­grafie, die in der digi­talen Sphäre exis­tiert. Sie zeigt Stefan Zweig und seine zweite Frau Lotte Altmann in ihrem Haus in der brasi­lia­ni­schen Stadt Petró­polis leblos liegend auf einem Bett. Dieser Blick nun eines Jour­na­listen und seiner Licht­fang­ma­schine, der seit dem 23. Februar 1942 nicht wieder zurück­ge­holt werden kann. – stop

metamorphose

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india : 7.32 – An einem Tisch im wilden Garten. Die Sonne schien kräftig über nahen Bergen, wärmte mich und eine Ameise, die über das Holz des Tisches spazierte als würde sie einen Ausweg suchen, auf und ab, hin und her. Ich habe sofort bemerkt, dass es sich bei dieser Ameise um eine sehr beson­dere Ameise handelte, es war nämlich die erste Novem­ber­ameise meines bewussten Lebens, weswegen ich ihr einen Tropfen Marme­lade vorge­legt habe, was das fieb­rige Insekt zu erfreuen schien, weil es den Tropfen zunächst umkreiste, um sich kurz darauf mit Zangen­werk­zeug an die Arbeit zu machen. Ich stellte mir vor, in dem ich die Ameise beob­ach­tete, dass sie, satt geworden, zum Rand des Tisches laufen könnte und sich in die Tiefe stürzen. Ihr groß­ar­tiger Flug weit über das Garten­land auf Leder­häuten, die sich zwischen ihren zarten Bein­chen entfal­teten. Statt­dessen fiel eine Fliege vom Himmel, über­schlug sich zwei­fach und blieb auf dem Rücken unmit­telbar vor meinen Augen liegen. Aber das ist jetzt schon eine ganz andere Geschichte. – stop
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wintermütze

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kili­man­dscharo : 8.55 – Seit Tagen frag ich mich, welchen Anblick ich darge­boten haben könnte, narko­ti­siert, ich, Louis, über vier Stunden Zeit im chir­ur­gi­schen Saal auf einem Tisch. Habe ich gespro­chen? Habe ich mich aus eigener Kraft bewegt? Wenn ich sage: Meine schla­fenden Augen, spreche ich von Augen, die ich nie gesehen habe. Kann mich an den Moment des Schla­fens nicht erin­nern, als ob dieser Moment nie exis­tierte. Möchte bald meinen, unter Narkose unsichtbar geworden zu sein. Statt­dessen war ich sichtbar, wie ich zuvor nie sichtbar gewesen bin. Mein Ellen­bogen, von mehreren Seiten her geöffnet, ausge­leuchtet, darge­legt. Einer der Chir­urgen, die operierten, erzählte, man habe, sobald Kapsel, Bänder, Muskeln, Sehnen sortiert und genäht worden waren, alle übli­chen Bewe­gungen eines Ellen­bo­gen­ge­lenks erfolg­reich auspro­biert, ich solle mir keine Gedanken machen, ich könne bald wieder schreiben von Hand, essen, meine Winter­mütze aufsetzen. Im Januar spätes­tens das beid­hän­dige Werfen schwerer Koffer üben. – stop

dair az-zaur

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sierra : 7.48 – Das zwan­zigste Jahr­hun­dert blickt nieder auf eine geheim­nis­lose Welt. Alle Länder sind erforscht, die fernsten Meere zerpflügt. Land­schaften, die vor einem Menschen­alter noch selig frei im Namen­losen dämmerten, dienen schon knech­tisch Europas Bedarf, bis zu den Quellen des Nils, den Lang­ge­suchten, streben die Dampfer; die Vikto­ria­fälle, erst vor einem halben Jahr­hun­dert vom ersten Euro­päer erschaut, mahlen gehorsam elek­tri­sche Kraft, die letzte Wildnis, die Wälder des Amazo­nas­stromes ist gelichtet, der Gürtel des einzig jung­fräu­li­chen Landes, Tibets, gesprengt. Das Wort TERRA INCOGNITA der alten Land­karten und Welt­ku­geln ist von wissenden Händen über­zeichnet. – Stefan Zweig. In jenen Land­schaften aber Frauen, Männer, Kinder. Ahnungen. Was in der ostsy­ri­schen Stadt Dair az-Zaur protes­tie­renden Menschen in diesen Stunden geschieht, wissen wir nicht. – stop
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beobachtung

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india : 14.55 – Ich habe folgendes beob­achtet: Wenn ich für ein oder zwei Minuten mit geschlos­senem Auge in einem Zimmer stehe, der Eindruck, eine Hälfte meines Kopfes verloren zu haben. Sobald ich das geschlos­sene Auge wieder öffne oder mein zweites Auge mit einem Lid bedecke, kehrt in der Empfin­dung die verschwun­dene Hälfte meines Kopfes zurück. Einäugig erkenne ich weiterhin eine Seite meiner Nase, die unver­züg­lich verschwindet, in dem ich beide Augen öffne. – stop

bogota

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MELDUNG. Bogota, Calle 11 No 12, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1421 [ Marmor, Carrara : 8 Gramm ] voll­endet. – stop
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raumstation

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sierra: 11.50 – An diesem Frei­tag­morgen, Nebel­schlei­er­wolken lungern über dem Tal der Salzach, konnt ich seit 47 Tagen erst­mals mit meiner rechten Hand wieder mein rechtes Ohr berühren. stop. Ange­dockt. stop. Die Meldung gegen den Mittag zu, Neutrinos auf unter­ir­di­schem Wege von Genf nach Rom seien schneller geflogen als das Licht.

PRÄPARIERSAAL : skalpell

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tango : 8.58 – Lydia, 23, notiert über ihre Erfah­rung eines Präpa­rier­saal-zeppe­lins folgendes: > Ist Dir das auch aufge­fallen, dass sich während des Sezie­rens kaum jemand verletzte? Ich hab mich darüber immer wieder gewun­dert. Vor allem dann, wenn ich auf dem Tisch Skal­pelle und Gewe­be­teile liegen sah. Ich erin­nere mich, dass ich zusam­men­ge­zuckt bin, wenn jemand schrie oder laut lachte. Ich habe dann gedacht: Jetzt ist es passiert. Diese Skal­pelle sind ja sehr scharf. Aber viel­leicht hat die Art und Weise wie wir das Werk­zeug in Händen hielten, das Schlimmste verhin­dert. Wir haben ja aus dem Hand­ge­lenk heraus gear­beitet und nicht mit der Kraft des ganzen Arms. Faszi­nie­rend fand ich, den Brust­korb zu präpa­rieren; die Lunge zu sehen, wie groß sie eigent­lich ist und in welchem Bezug sie genau zum Herzen liegt. Vor allem war es aber span­nend die Konsis­tenz einiger Organe oder Organ­teile zu erfahren. Die Herz­klappen sind unglaub­liche Konstruk­tionen und auch das schwamm­ähn­liche Gewebe der Lunge ist anfangs sehr unge­wöhn­lich. Schwie­rig­keiten hatte ich mit keiner Region direkt, aber ich war sehr froh gewesen, dass die Präpa­ra­ti­ons­ar­beiten am Kopf meist von anderen Studenten erle­digt wurden. Ich habe gerade das Gesicht eines Menschen als etwas sehr persön­li­ches ange­sehen. Das Gesicht ist das, was die Indi­vi­dua­lität eines Menschen ausmacht, ein Gesicht zu zerstören war für mich eine schwie­rige Situa­tion. Alles Gute! – stop
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eine fliege

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india : 6.28 – Eine Fliege war unlängst aus großer Höhe abge­stürzt und vor mir auf den Tisch gefallen. Die Vorstel­lung zunächst, das Tier könnte, noch im Flug befind­lich, aus dem Leben geschieden sein, dann aber war Bewe­gung im liegenden Körper zu erkennen, zwei der vorderen Flie­gen­bein­chen bewegten sich bebend, bald zuckten zwei Flügel. Die Fliege schien benommen, aber nicht tot gewesen zu sein, weswegen sie bald darauf erwachte, eine äußerst schnelle Bewe­gung und schon hatte die Fliege auf ihren Beinen Platz genommen, das heißt genauer, auf fünfen ihrer sechs Beine Platz genommen, das linke hintere Bein streckte die Fliege steif von sich. Keine Bewe­gung der Flucht in diesem Zeit­raum meiner Beob­ach­tung. Auch dann, als ich mich mit dem Kopf näherte, keine Anzei­chen von Beun­ru­hi­gung. Die Fliege schien mit sich selbst beschäf­tigt zu sein, tastete mit einem ihrer Hinter­bein­chen nach der gestreckten Extre­mität, die verletzt zu sein schien, gebro­chen viel­leicht oder gestaucht. Natür­lich stellte sich sofort die Frage, ob es möglich ist, das Bein einer Fliege medi­zi­nisch erfolg­reich zu versorgen, Bewe­gungs­still­stand zu errei­chen, sagen wir, um eine Opera­tion zum Beispiel, die drin­gend geboten sein könnte, vorzu­be­reiten. Ich machte ein paar Notizen von eigener Hand, ich notierte in etwa so: Forschen nach Mikro­skop, Pinzetten, Skal­pellen, anato­mi­schen Aufzeich­nungen, Schrauben, Narko­tika und Verbands­ma­te­ria­lien für Opera­tion an geöff­neter Calli­phora vicina. Nein, fangen wir noch einmal von vorne an. Unlängst. Eine Fliege.
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16 33 45 78 minuten

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chomo­lungma : 8.56 – Nehmen wir einmal an, ich könnte die Geschwin­dig­keit meines Denkens für die Dauer eines Tages voraus bestimmen, etwa so, als würde ich die Dreh­ge­schwin­dig­keit einer Schall­platte durch das Umlegen eines Hebels beschleu­nigen oder verlang­samen, wie würde ich in diesem Moment entscheiden? Viel­leicht, dass ich etwas eiliger als gestern noch durch den kommenden Tag denken sollte? Oder würde ich sagen, mein Lieber, heute erleben wir einmal einen Tag sehr, sehr lang­samer Gedanken? Wir denken einen Gedanken am Vormittag, und einen weiteren Gedanken am Nach­mittag, und am Abend, wenn wir nicht doch schon zu müde geworden sein sollten, gönnen wir uns noch eine sehr kurze, äußerst langsam vorge­tra­gene Gedan­ken­ge­schichte? Dann lang­same Träume schlafen. – Guten Morgen!

links rechts

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hima­laya : 6.08 – Meinen linken, meinen gesunden Arm neben meinen rechten, verletzten Arm auf einen Tisch zu legen. Sofort wird in der Bewe­gung der linke Arm dem rechten Arm zum Vorbild. Er scheint zu spre­chen mit eigener Stimme: Schau her, schau was ich kann, beweg dich!
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muschelsegel

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tango : 8.25 – Eine Maschine, die seltsam brau­sende Ströme zu erzeugen vermag, wird gleich zum Einsatz kommen. Nicht viel größer als ein Hand­te­lefon, sitzen zwei Fort­sätze von Plastik an ihrem Gehäuse wie lebende Muscheln fest. In der Nähe dieser Muschel­räder entkommen dem Körper des Gerätes zwei Drähte, die sich an ihren Enden teilen. Metal­lene Segel sind dort befes­tigt, die ich an meinem Arm derart anlegen kann, dass sie sich fest­zu­halten scheinen. In dem Moment nun, da ich an den Muschel­räd­chen drehe, beginnt der Apparat zu brummen. Ein leichtes Brennen auf der Haut und in die Tiefe, und schon beginnt sich mein Arm zu heben und zu senken, ohne dass ich ihm Anwei­sung zu dieser Bewe­gung erteilt haben würde. Wenn ich nun die Hand meines elek­tri­sierten Armes auf die Lehne eines Stuhles sinken lasse, scheint das Holz unter ihr zu wandern, obwohl ich mit meinen Augen wahr­nehmen kann, dass der Stuhl sich nicht im geringsten bewegt. Bald wandert auch der Boden, die Wände des Zimmers schließen sich an, das Fenster zu den Bergen hin, die Berge selbst. Sechs Uhr und zehn Minuten. Ein Ober­arm­muskel flat­tert. – stop

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radio

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echo : 15.05 – Ich war einmal Besitzer eines Radios mit elek­tri­schem Auge. Sobald ich auf einen Knopf drückte, glühte das Auge zunächst dämmernd, dann leuch­tete das Auge grün wie das Wasser eines Berg­sees und ich hörte selt­same Stimmen und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es exis­tierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selbst und musste nie zur Repa­ratur gebracht werden. Nur einmal hüpfte eine Taste heraus und das Radio sah fortan aus, als habe es einen Zahn verloren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich gerade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fall­schirm­jäger seien über Zypern abge­sprungen. Von einem Konflikt war die Rede und das Auge des Radios leuch­tete dazu und die Membran seines Laut­spre­chers zitterte. Ich erin­nere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirk­li­cher Krieg, der erste Kriegs­be­ginn, den ich als Wellen­emp­fänger miter­lebte. Irgend­wann verschwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio konnte Geräu­sche spei­chern, und so spei­cherte ich Geräu­sche, singende Frösche viel­leicht, oder meine Stimme, die mich befrem­dete, die nie meine eigene Stimme gewesen war, sondern immer die Stimme eines anderen, der ähnliche Dinge sagte. Bald machte ich mit einer weiteren Maschine Filme, nein, ich zeich­nete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bagdad an einem Vorkriegs­morgen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Himmel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwit­scherte. Viel­leicht saß der Vogel auf einer gepan­zerten Kamera, die das Bild der leuch­tenden Stadt zu mir hin über­trug. Dieser Vogel war noch Radio gewesen. – stop

luftauster 2

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sierra : 14.28 – Nach bald drei Jahren der Beob­ach­tung vermag ich noch immer nicht zu sagen, ob ich im Zustand des Träu­mens über einen Geruch­sinn verfüge oder nicht. – stop
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obersalzberg : kentauren

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sierra : 12.10 – Man sollte meinen, ein Buch sei ausschließ­lich zum Lesen geeignet, eine Substanz hellen Papiers, Zeichen in gefal­teter Linie, die mit den Augen studie­rend entlang zu arbeiten ist, Farben, Gerüche, Klänge, Drama. Seit einigen Stunden nun weiß ich, Bücher helfen gleich­wohl in mecha­ni­scher Weise anato­misch wieder beweg­lich zu werden. Toni Morri­sons Roman Jazz, zum Beispiel, 402 Gramm Gewicht für Minuten in meiner Hand am Ende eines Unter­armes, den ich zu stre­cken wünsche, wider­spenstig ist er noch, bewegt sich nicht von eigener Kraft in jede der von mir gewünschten Rich­tungen. Wie er jetzt von der Schwer­kraft der Dich­tung nach unten gezogen wird, behutsam, in der Art und Weise langsam fallender Äpfel, sagen wir, eine Bewe­gung, mit den Augen nicht wahr­nehmbar. – Kurz vor 12 Uhr. Mittag. Jenseits des Tales, das ich vom Hospital aus über­schauen kann, spaziert glei­ßendes Sonnen­licht über den Ober­salz­berg hin, unheim­liche Gegend. Ich meinte für Sekunden ein Rudel Kentauren gesehen zu haben, die den Saum eines Buchen­waldes entlang galop­pierten. stop. Groß­ar­tige erste Sätze im Kopf. stop. Toni Morrison. stop. STH, I know that woman. She used to live with an flock of birds on Lenox Avenue. Know her husband, too. He fell for an eigh­teen-year-old girl with one of those deep­down, spooky loves that made him so sad and happy he shot her just to keep the feeling going. When the woman, her name is violet, went to the funeral to the the girl and to cut her dead face they threw her to the floor and out of the church. She ran, then, through all that snow, and when she got back to her apart­ment she took the birds from their cages and set them out the windows to freeze or fly, inclu­ding the parrot that said, „I love you.“

tridentklasse

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MELDUNG. In der Nacht zum Dienstag bereits haben zwölf weiße Wale ein US-ameri­ka­ni­sches Unter­see­boot der Trident­klasse auf das Schreck­lichste miss­han­delt. Das Wrack, menschen­leer, wird zur Behand­lung nach Reyk­javik geschleppt. – stop
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