Aus der Wörtersammlung: bein

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von der hölle von der hoffnung

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tan­go : 1.17 — Ein Freund erzählt von Näch­ten, die er vor 30 Jah­ren in den gefähr­lich gewor­de­nen Stra­ßen und auf den Dächern über der Stadt Isfa­han ver­brach­te. Das Rufen tau­sen­der Stim­men: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfun­den, um den Schah zu ver­trei­ben, auch älte­re Men­schen konn­ten sich in die­ser Wei­se bemerk­bar machen. Wir kämpf­ten für Demo­kra­tie, hör­ten BBC, um her­aus­zu­fin­den, ob irgend­je­mand wahr­nimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du ver­ste­hen, wie ich mich jetzt füh­le? — Furcht­bar wur­den sie betro­gen, eine Gene­ra­ti­on im Exil. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Fereshteh Gha­zi, jun­ge Jour­na­lis­tin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehr­an & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Fin­ger wund. Per­sian­ki­wi aber, des­sen Zei­chen ich vie­le Stun­den lang auf dem Bild­schirm erwar­te­te, ist ver­stummt. Vor­ges­tern noch Zei­len auf Twit­ter fol­gen­de: > just in from Baha­re­stan Sq — situa­ti­on today is ter­ri­ble — they beat the ppls like ani­mals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads — blood ever­y­whe­re — pep­per gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were wai­ting for us — they all have guns and riot uni­forms — it was like a mou­se trap — ppl being shot like ani­mals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia bea­ting one woman with baton on ground — she had no defen­se not­hing — sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arres­ted — young & old — they take ppl away — we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia stan­ding the­re wai­ting — from 2 sides they attack ppl in midd­le of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was clo­sed — nowhe­re to go — they fol­low ppls with heli­c­op­ters — smo­ke and fire is ever­y­whe­re 4:03 PM Jun 24th pho­ne line was cut and we lost inter­net — get­ting more dif­fi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are track­ing high use of pho­ne lines to find inter­net users — must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq — now — Sea of Green — Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baha­re­stan we saw militia with axe cho­ping ppl like meat — blood ever­y­whe­re — like but­cher — Allah Akbar — 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobi­le — so many kil­led today — so many inju­red — Allah Akbar — they take one of us — 5:18 PM Jun 24th Lale­zar Sq is same as Baha­re­stan — unbe­le­va­ble — ppls mur­de­red ever­y­whe­re — 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks — like fac­to­ry — no human can do this — we beg Allah for save us — 5:23 PM Jun 24th Ever­y­bo­dy is under arrest & cant move — Mou­sa­vi — Kar­rou­bi even rumour Khat­a­mi is in house guard — 5:28 PM Jun 24th we must go — dont know when we can get inter­net — they take 1 of us, they will tor­tu­re and get names — now we must move fast — 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green — pls remem­ber always our mar­tyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah — you are the crea­tor of all and all must return to you — Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th — stop
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Persiankiwi

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romeo : 6.15 — Atem­los auf Twit­ter­chan­nel stun­den­lang PersianKiwi’s <140 Zei­chen­bot­schaf­ten aus Tehe­ran beob­ach­tet: I am online for few minu­tes. total com­mu­ni­ca­ti­on black­out here. gov pani­cking. very dan­ge­rous. mobi­le pho­nes down. sms, outa­ge, face­book and all news chan­nels out. / uncon­firm­ed but peo­p­le say­ing may kil­led last night. / coun­try is at standstill. like war time. peo­p­le con­fu­sed, frigh­ten­ed. reports that militia car­ry­ing live ammu­ni­ti­on to kill. / have seen my inbox. thank you all for sup­port. plea­se help us by pres­su­re. keep us in news plea­se dont for­get. / peo­p­le try­ing to gather for march. roads blo­cked ever­whe­re. 
/ have no news of tehr­an uni dorm. rumours that many kil­led and rema­in­der arres­ted. / i am now at a fri­ends house. try­ing to get in to uni dorm area. all roads blo­cked, 
/ gov spre­a­ding rumous that mach can­cel­led. that is not true. WE MARCH AT 4pm. 
/ almost no mobi­le pho­ne covera­ge in city. land­li­nes working but can­not access mobi­les. they are frigh­ten­ed. / plea­se tell all — march is NOT CANCELLED today. Mou­sa­vi is in dan­ger of being kil­led. / peo­p­le say­ing that army is split. peo­p­le tal­king of coup. uncon­firm­ed. we need army on our side. / I am being told that many gathe­ring at haram Imam Kho­mei­ni for march. gov can­not kill us the­re. but roads clo­sed. / inter­net con­nec­tion v/bad. just heard that tehr­an uni dorm under sei­ge. stu­dents bar­ri­ca­ded insi­de. »>

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nachtzeppelin

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echo : 2.18 — Ein Zep­pel­in­kä­fer, selt­sa­mes Wesen, schweb­te kurz nach 1 Uhr heu­te Nacht eine schnur­ge­ra­de, eine unsicht­ba­re Linie über den höl­zer­nen Fuß­bo­den mei­nes Arbeits­zim­mers ent­lang, wur­de in der Mit­te des Zim­mers von einer Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­ho­ben, dann wie­der zurück­ge­wor­fen, ohne aller­dings mit dem Boden in Berüh­rung zu kom­men. — Ein merk­wür­di­ger Auf­tritt. – Und die­ser groß­ar­ti­ge Bal­lon von opa­k­em Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich fla­cker­te, als ob eine offe­ne Flam­me in ihm bren­nen wür­de. Ich habe mich zunächst gefürch­tet, dann aber vor­sich­tig auf Knien genä­hert, um den Käfer von allen Sei­ten her auf das Genau­es­te zu betrach­ten. — Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pel­in­kä­fer von unten her besich­tigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen die­ser Gat­tung eigent­lich um eine fili­gra­ne, flü­gel­lo­se Käfer­ge­stalt han­delt, um eine zer­brech­li­che Per­sön­lich­keit gera­de­zu, nicht grö­ßer als ein Streich­holz­kopf, aber schlan­ker, mit acht recht lan­gen Ruder­bei­nen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebra­pfer­de. Fünf Augen in grau­blau­er Far­be, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerich­tet. Als ich bis auf eine Nasen­län­ge Ent­fer­nung an den Käfer her­an­ge­kom­men war, habe ich einen leich­ten Duft von Schwe­fel wahr­ge­nom­men, auch, dass der Käfer flüch­tet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berüh­ren möch­te. Ein Wesen ohne Laut. – Guten Mor­gen! Heu­te ist Sams­tag. Leich­ter Regen viel­leicht. — stop

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eisblumen

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nord­pol : 8.05 — Ich muss eine bemer­kens­wer­te Erschei­nung gewe­sen sein. Stand vor dem Schreib­tisch, hat­te mei­nen rech­ten Arm senk­recht in die Luft gestreckt, übte mit dem Zei­ge­fin­ger die krei­sen­de Bewe­gung eines Pro­pel­lers. Beob­ach­te­te das sub­ku­ta­ne Spiel der Mus­keln, bemerk­te wei­te­re Bewe­gung unter dem Hemd, krem­pel­te das Hemd bis zum Ellen­bo­gen hoch. stop. Die klei­ne uralte Nar­be am Dau­men. stop. Spur einer gro­ßen Geschich­te. stop. Der Geschmack von Honig im Mund. Das Sum­men der Bie­nen. Die nack­ten Bei­ne eines Mäd­chens. Ihre hei­ße Hand, die mei­nen schwel­len­den Dau­men unter­sucht. Atem, der kühl ist. Eine hel­le Stim­me, so vie­le Jah­re alt. Som­mer­blu­men. Wol­ken. Schlaf. Das schmel­zen­de Eis auf mei­ner Stirn. — stop

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geraldine : ein wunder geschieht

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nord­pol

~ : geraldine
to : louis
sub­ject : EIN WUNDER GESCHIEHT

Als es noch dun­kel war, bin ich wach gewor­den, weil das Schiff unter mir schlin­ger­te. Was­ser schlug gegen das Bull­au­ge über mei­nem Bett. Ich setz­te mich auf und spür­te, dass ich an die­sem Tag Kraft haben wür­de. Ich hat­te so viel Kraft, dass ich mühe­los mei­nen Bade­man­tel und mei­ne Jacke anzie­hen konn­te. Nur als ich mir die Schu­he bin­den woll­te, wur­de mir schwin­de­lig und ich wäre um ein Haar umge­fal­len. Wis­sen Sie, Mr. Lou­is, dass ich plan­te, ganz allein für mich das Haupt­deck zu erklim­men. Ver­rückt, fin­den Sie nicht auch? Ich konn­te mich kaum auf den Bei­nen hal­ten, weil der See­gang mich schau­kel­te, aber ich schaff­te eine Trep­pe und noch eine Zwei­te, dann ging ich in die Knie. Ein älte­rer Herr weck­te mich, sei­ne Haut war schwarz und sein Haar schloh­weiß. Er half mir auf­zu­ste­hen, und ich sag­te ihm, dass ich das Haupt­deck errei­chen woll­te, aber anstatt mich vor das Meer zu set­zen, setz­te er mich in ein Café und hör­te mir zu und wun­der­te sich, dass ich so blass war. Ich habe ihm nichts von mei­nen schwe­ren Gedan­ken erzählt, aber davon, dass ich See­post­brie­fe an mei­ne Schwes­ter Yanuk schrei­be, die ich sehr lie­be, mei­ne Zwil­lings­schwes­ter, die ein Kind erwar­tet, ein Kind, das viel­leicht ein­mal wie sei­ne Mut­ter Yanuk hei­ßen wird. Ich glau­be, er freu­te sich, und dann erzähl­te er eine fei­ne Geschich­te. Er sag­te, dass er vor vie­len Jah­ren sehr ver­liebt gewe­sen sei. Die Frau, die er lieb­te, war eine wei­ße Frau gewe­sen, die in einer der bes­se­ren Gegen­den der Stadt wohn­te, wäh­rend er selbst in einem ärm­li­chen Vier­tel in einem Back­stein­haus leb­te. Anfangs schrieb sie ihm Brie­fe, sag­te der Mann, aber er hat­te die­se Brie­fe zunächst nicht erhal­ten, weil der Brief­kas­ten sei­nes Hau­ses ver­schwun­den war. Sie besuch­te ihn und frag­te, war­um er ihr nicht ant­wor­ten wür­de, und er erzähl­te, dass nicht nur der Brief­kas­ten ver­lo­ren gegan­gen sei, son­dern das gan­ze Haus sich in Auf­lö­sung befin­den wür­de. Dann geschah ein Wun­der. Am über­nächs­ten Tag kam ein Post­au­to mit einem Post­mann, der einen feu­er­ro­ten Brief­kas­ten an das Haus schraub­te, wäh­rend der alte Mann, der damals noch jung gewe­sen war, zuge­se­hen hat­te. Auf den Brief­kas­ten war die Adres­se sei­nes Hau­ses und sein Name geschrie­ben und er war mit einem Dut­zend groß­ar­ti­ger Brief­mar­ken beklebt. Natür­lich hat­te sich der alte Mann sehr gefreut. Und als er am nächs­ten Tag wie­der zum Brief­kas­ten ging, lag ein Brief für ihn dar­in. Ich muss­te wei­nen, Mr. Lou­is, als ich die­se Geschich­te hör­te. Dann trug mich der alte Mann mit einem Ste­ward in mei­ne Kajü­te, und da sit­ze ich nun auf mei­nem Bett und schrei­be an Sie, wäh­rend die Gischt über mei­nem Bett mit mei­nem Bull­au­gen­fens­ter spricht. — Ihre Geral­di­ne auf hoher See.

notiert im Jah­re 1962
an Bord der Queen Mary
auf­ge­fan­gen am 03.12.2008
22.08 MEZ

geral­di­ne to louis »

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yanuk : zeitherz

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.

Höhe 310. Beob­ach­te Pflan­zen seit drei Tagen. Auch in den Näch­ten, wenn ich unterm Pfei­fen der Mos­ki­tos nicht ein­schla­fen kann, war­te ich am Ran­de der Platt­form, las­se die Bei­ne bau­meln, hof­fe, dass der Schwarm schwe­ben­der Zwerg­see­ro­sen sich wie­der in Bewe­gung setz­ten wird. Lan­ge Stun­den der Ruhe, des Still­stan­des, stolz zei­gen sie ihre wei­ßen, ihre blau­en Blü­ten, schwim­men oder schwe­ben fast reg­los auf dem Nebel. Ist die­ser Nebel viel­leicht schon eine Wol­ke, bin ich so weit gekom­men, dass ich die Wol­ken­de­cke durch­sto­ßen habe? Ja, Stun­den der Bewe­gungs­lo­sig­keit, nur von einem leich­ten Wind­zug gestrei­chelt, aber dann, sehr plötz­lich, schlie­ßen sie zur sel­ben Sekun­de ihre locken­den Kel­che, eine Wel­le süßen Duf­tes wan­dert gegen den Him­mel, und es wird so still, als wären all die pfei­fen­den, sin­gen­den, krei­schen­den Geschöp­fe des Wal­des betäubt von der schwe­ren Sub­stanz der Pflan­zen­luft. Habe die Zeit gemes­sen, habe ver­sucht, einen Rhyth­mus des Schlie­ßens und Öff­nens zu fin­den, ver­geb­lich, viel­leicht, weil ich sie Jah­re beob­ach­ten müss­te, um ihre Fre­quenz zu ver­ste­hen. Ein­mal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wur­zel­haar unter­sucht, fili­gra­ne Gefä­ße, rosa­far­ben, aber kei­ne Ver­bin­dung von Pflan­ze zu Pflan­ze. Ein Wun­der, wie sie das machen, syn­chron, simul­tan, als ver­füg­ten sie über ein gemein­sa­mes, ein gehei­mes Herz, das die Zeit zäh­len kann. – Wie­der letz­te Minu­ten vor Däm­me­rung. Das Rudel der Affen liegt um mei­ne Schreib­ma­schi­ne her­um. Du kannst Dir nicht vor­stel­len, Mr. Lou­is, von welch wei­cher, geschmei­di­ger Gestalt glück­li­che Affen sind. Selbst die Kno­chen ihrer klei­nen Köp­fe schei­nen der Schwer­kraft nach­zu­ge­ben. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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22.18 UTC
1686 Zeichen

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bryant park

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sier­ra : 8.57 — Es hat­te Stun­den lang gereg­net, jetzt dampf­te der Boden im süd­wärts vor­rü­cken­den Nord­licht, und das Laub, das alles bedeck­te, die stei­ner­nen Bän­ke, Brun­nen und Skulp­tu­ren, die Büsche und Som­mer­stüh­le der Cafés, beweg­te sich trock­nend wie eine abge­wor­fe­ne Haut, die nicht zur Ruhe kom­men konn­te. Boule­spie­ler waren vom Him­mel gefal­len, feg­ten ihr Spiel­feld, schon war das Kli­cken der Kugeln zu hören, Schrit­te, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­der­te, kreuz­te eine jun­ge Frau mei­nen Weg. Sie tas­te­te sich lang­sam vor­wärts an einem wei­ßen, sehr lan­gen Stock, den ich ein­ge­hend beob­ach­te­te, rasche, den Boden abklop­fen­de Bewe­gun­gen. Als sie in mei­ne Nähe gekom­men war, viel­leicht hat­te sie das Geräusch mei­ner Schrit­te gehört, sprach sie mich an, frag­te, ob es bald wie­der reg­nen wür­de. Ich erin­ne­re mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewe­sen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Sei­te und berich­te­te vom Okto­ber­licht, wel­ches ich so lieb­te, von den Far­ben der Blät­ter, die unter unse­ren Füßen raschel­ten. Bald saßen wir auf einer nas­sen Bank, und die jun­ge Frau erzähl­te, dass sie ein klei­nes Pro­blem haben wür­de, dass sie einen Brief erhal­ten habe, einen lang erwar­te­ten, einen ersehn­ten Brief, und dass sie die­sen Brief nicht lesen kön­ne, ein Mann mit Augen­licht hät­te ihn geschrie­ben, ob ich ihr den Brief vor­le­sen kön­ne, sie sei so sehr glück­lich, die­sen Brief end­lich in Hän­den zu hal­ten. Ich öff­ne­te also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da stan­den nur weni­ge, sehr har­te Wor­te, ein Ende in sechs Zei­len, Druck­buch­sta­ben, eine schlam­pi­ge Arbeit, rasch hin­ge­wor­fen, und obwohl ich wuss­te, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durf­te, erzähl­te mei­ne Stim­me, die vor­gab zu lesen, eine ganz ande­re Geschich­te. Liebs­te Mar­len, hör­te ich mich sagen, liebs­te Mar­len, wie sehr ich Dich doch ver­mis­se. Konn­te so lan­ge Zeit nicht schrei­ben, weil ich Dei­ne Adres­se ver­lo­ren hat­te, aber nun schrei­be ich Dir, schrei­be Dir aus unse­rem Café am Bryant Park. Es ist gera­de Abend gewor­den in New York und sicher wirst Du schon schla­fen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unse­rem Café Dei­nen Geburts­tag fei­er­ten? Ich erzähl­te Dir von einer klei­nen, dunk­len Stel­le hin­ter der Tape­te, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklä­ren konn­te, was das bedeu­tet, die­ses Rot für sehen­de Men­schen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Dei­nen Hän­den nach jener Stel­le such­test, wie ich Dei­ne Fin­ger führ­te, wie ich Dir erzähl­te, dass dort hin­ter der Tape­te, ein Tun­nel endet, der Euro­pa mit Ame­ri­ka ver­bin­det? Und wie Du ein Ohr an die Wand leg­test, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lan­ge Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sag­test Du, und woll­test wis­sen, wie lan­ge Zeit die Stim­men wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reis­ten, bis sie Dich errei­chen konn­ten. – An die­ser Stel­le mei­ner klei­nen Erzäh­lung unter­brach mich die jun­ge Frau. Sie hat­te ihren Kopf zur Sei­te geneigt, lächel­te mich an und flüs­ter­te, dass das eine sehr schö­ne Geschich­te gewe­sen sei, eine tröst­li­che Geschich­te, ich soll­te den Brief ruhig behal­ten und mit ihm machen, was immer ich woll­te. Und da war nun das aus dem Boden kom­men­de Nord­licht, das Knis­tern der Blät­ter, die Stim­men der spie­len­den Men­schen. Wir gin­gen noch eine klei­ne Stre­cke neben­ein­an­der her, ohne zu spre­chen. Ich seh gera­de ihren über das Laub tas­ten­den Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kau­er­te. Bei­na­he kommt es mir in die­ser Sekun­de so vor, als hät­te ich die­ses Eich­hörn­chen und sei­ne Nuss nur erfun­den. — stop

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anleitung zum glücklichsein

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gink­go : 18.25 — Am letz­ten Tag des Sep­tem­bers unterm Regen­schirm spa­ziert. Zunächst reg­ne­te es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­ne­te es klei­ne Frö­sche. Für einen kur­zen Moment dach­te ich dar­an, in einem Film ange­kom­men zu sein, der von Loui­sia­na han­delt. Das war ein fei­nes Gefühl unterm klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu ste­hen und den Frö­schen zu lau­schen, die auf ihrer letz­ten Rei­se vom Him­mel erstaun­li­che, pfei­fen­de Geräu­sche von sich gaben. Als ich so im Frosch­re­gen am gro­ßen Fluss stand, erin­ner­te ich mich an einen klei­nen Text, den ich im ver­gan­ge­nen Jahr bereits geschrie­ben habe. Und sofort wuss­te ich, dass ich die­sen Text, sobald ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men sein wür­de, noch ein­mal lesen soll­te. Es ist noch immer ein beru­hi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Des­halb will ich die­sen klei­nen Text, eine Anlei­tung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal für Sie wie­der­ho­len: „Man ver­las­se das Haus. Sorg­fäl­tig alle Bewe­gun­gen des Ver­kehrs beach­tend, gehe man so lan­ge durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kau­fe man: Cor­ta­zar, Julio – Geschich­ten der Cro­nopi­en und Famen. Dann gehe man spa­zie­ren, tra­ge den schma­len Band durch die Stra­ßen, bis man einen Park erreicht, wenn Som­mer, oder ein Café, wenn Win­ter ist. Man neh­me Platz und lese. Über den Umgang mit Amei­sen bei­spiels­wei­se, oder wie wun­der­bar ange­nehm es ist, ein Spin­nen­bein pos­ta­lisch an einen Außen­mi­nis­ter auf­zu­ge­ben. Oder man las­se sich im Uhren­auf­zie­hen oder im Trep­pen­stei­gen unter­wei­sen. Jetzt bereits wird man eine leich­te Wär­me spü­ren, die aus der Gegend des Bau­ches nach oben und unten in Arme und Bei­ne aus­wan­dert. Also lese man wei­ter, lau­sche jenen ange­neh­men Geräu­schen im Kopf, – die­sem sagen wir: Jeder­mann wird schon ein­mal beob­ach­tet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, der­ge­stalt, dass ein Teil im rech­ten Win­kel zur Boden­ebe­ne ansteigt und der dar­auf­fol­gen­de Teil sich par­al­lel zu die­ser Ebe­ne befin­det, um einer neu­en Senk­rech­te Platz zu machen. Oder jenem: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Sei­te her als außer­or­dent­lich unbe­quem erwei­sen. It works.”
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hibiscilli

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marim­ba : 3.02 — An einem stür­mi­schen Abend den wun­der­ba­ren Film Augen­lied beob­ach­tet. Ein Mann, der blind gewor­den ist, sitzt in einem bei­na­he dunk­len Zim­mer. Das spär­li­che Licht, ein Licht nur für uns. Das Zim­mer war das dun­kels­te Zim­mer mit Licht, das ich je gese­hen habe. Etwas spä­ter erzählt ein wei­te­rer Mann, sei­ne Frau habe zu ihm gesagt, das Schlimms­te sei, dass sie, nach­dem er blind gewor­den war, unsicht­bar gewor­den sei für alle Zeit. — 3 Uhr und eine Minu­te. — stop

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kongo

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india : 5.55 — Sobald ich einen Satz selt­sa­mer Din­ge gedacht habe, freu’ ich mich, kann dann nicht blei­ben, sprin­ge auf, wenn ich sit­ze, oder sprin­ge in die Luft, wenn ich bereits auf mei­nen Bei­nen gestan­den habe. Viel­leicht wür­de ich lächeln, wenn ich mich selbst bei der Arbeit beob­ach­ten könn­te. Ich soll­te ein­mal einen Nacht­film dre­hen, wie ich nachts durch die Woh­nung hüp­fe. Oder in einer U‑Bahn in die Luft sprin­ge. Oder im Schlaf ein Rad schla­ge, weil ich sehr ger­ne im Schlaf selt­sa­me Din­ge vor­be­rei­te für Sät­ze im Wachen. – Ein ganz ande­res, selt­sa­mes Ding, das ich nicht erfun­den habe, ist das Fol­gen­de. Ich hör­te, im Kon­go sol­len seit dem Jah­re 1998 vier Mil­lio­nen Men­schen in einem Bür­ger­krieg getö­tet wor­den sein. Sie wur­den von der Cho­le­ra aus­ge­trock­net, star­ben an see­li­schen Qua­len, weil sie Frau­en waren, die man ver­ge­wal­tig­te, Mache­ten trenn­ten sie von ihren Hän­den, Armen, Bei­nen, oder sie wur­den ganz ein­fach nur erschos­sen, ohne dass dar­über in unse­ren Fern­seh­ge­rä­ten gespro­chen wur­de. Ange­sichts die­ser merk­wür­di­gen Vor­stel­lung habe ich über­legt, dass ich viel­leicht ler­nen soll­te, den Schat­ten nicht gesen­de­ter Bil­der wahr­zu­neh­men. Ich könn­te mich also hin­ter einen Bild­schirm set­zen und wür­de, das ist denk­bar, einen genaue­ren Blick auf die Welt da drau­ßen haben, als wür­de ich von vorn betrach­ten, was dar­ge­bo­ten wird. — stop
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