MELDUNG. Tiefseeelefanten, 316 hupende Rüsselrosen, nahe South Sandwich Island gesichtet. Man wandert in westlicher Richtung. — stop

Aus der Wörtersammlung: os
miranda
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india : 5.45 — Bei leichtem Regen gestern im Park einen älteren Herrn beobachtet. Er arbeitete an einem Buch, das ich zunächst nicht bemerkte, weil der Herr auf einer Bank saß im Schatten eines Regenschirmes. Als ich neben ihm Platz genommen hatte, konnte ich erkennen, wie der Mann tatsächlich Zeichen in einem Buch notierte, das nicht größer gewesen war als eine Streichholzschachtel. Neben ihm lag ein weiteres Buch, Philip Roths Roman Everyman. Der Mann schien das eine Buch handschriftlich in das andere Buch zu übertragen. Er notierte mit einem Bleistift, den er nach jedem geschriebenen Zeichen spitzte. Rotkehlchen hüpften zu seinen Füßen herum, pickten das leichte, hauchdünne Holz, das aus der Spitzmaschine fiel, vom Boden und trugen es fort ins nahe Unterholz. Ein Vergrößerungsglas, eine Lupe, klemmte im linken Auge des Herrn, deshalb vermutlich machte er den Eindruck, Schmerzen zu haben. Manchmal biss er sich auf die Zunge. Wenn ich mich nicht irre, dann hatte der Mann bereits etwa 100 Seiten des Romanes transferiert. Ich sah ihm bald eine Stunde zu, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln. Friedlichste Stimmung. Auf dem See draußen hüpften Karpfen aus dem Wasser, schwere Körper. Ein paar Ameisen trieben auf einem Blatt an uns vorbei. Ich hätte mich gerne unterhalten, weil mir in den vergangenen Tagen unheimlich zumute gewesen ist, während ich Fernsehbilder aus der Stadt Boston beobachtete. Der alte, schreibende Mann aber war so vertieft in seine Arbeit, dass er meine Gegenwart schnell vergessen zu haben schien. Ich stellte mir vor, dass er in dieser Arbeit gefangen oder geborgen, vielleicht überhaupt nicht wahrgenommen hatte, was in Boston geschehen war. Vielleicht wusste er nicht einmal vom Krieg in Syrien oder von der Entdeckung des Higgs-Teilchens. Als es dunkel wurde, setzte sich der alte Mann eine Stirnlampe auf den Kopf. Für einen Moment leuchtete er mir ins Gesicht, um sofort in seiner Arbeit fortzufahren. — stop

paris
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sierra : 5.25 — In der Morgendämmerung komme ich an, es ist die Stadt Paris gewesen, Gare de l’Est. Im Zug hatte eine Frau von monströsen Ausmaßen neben mir Platz genommen, presste mich gegen eine Wand des Abteils, ich konnte kaum atmen, und wie ich den Bahnhof verlasse, folgt sie mir. Ich gehe westwärts Richtung Montparnasse. Plötzlich sitze ich in einem Café, in dem alle Gegenstände von Holz sind. Der Boden, die Wände, Stühle, Tische, auch die Teller, Servietten, Tassen und die Blumen in ihren hölzernen Gefäßen, das Wasser der Vasen, der Kaffee, selbst die Frau, am Nachbartisch, die sich freundlich nach einer Zigarette erkundigt, scheint zu größeren Teilen aus Holz zu bestehen, Hals, Stirn, Wangen, Arme und Hände, eines ihrer Augen. Auf dem Tisch vor mir sitzt eine Ameise. Sie bewegt sich kaum. Ich weiß, dass sie zu mir gehört, ich habe sie gekauft. Der Mann, der mir die Ameise verkaufte, steht auf der Straße vor dem Café und spricht mit jener Frau, die mir folgt. Er trägt einen Hut, eine Melone, die Frau scheint weiterhin zu wachsen. Beide schauen in meine Richtung, sie lachen. Dann kommt der Mann zurück. Er schüttet eine Handvoll Sultaninen auf den Tisch, sagt, dass ich die Früchte in Scheiben zerlegen solle, weil Ameisen, gerade diese Ameise, die zu meinem Eigentum geworden ist, Sultaninen bevorzugt verzehren würden. Das kleine Tier ist sehr kostbar. Es ist eine Ameise, die ihr Leben heimlich mit Samuel Beckett geteilt haben soll, ich habe das schriftlich, eine Ameise mit einem wundervollen Gehirn, sie ist sehr alt, verfügt über Ohren und spricht mit den Fühlern. Ich weiß nicht, wie ich die Ameise transportieren soll, deshalb wache ich auf und wundere mich, weil ich kein Licht sehe. Aber ich spüre die Schritte einer Ameise auf meinem Bauch. Sie läuft kreuz und quer, bald sitzt sie unterhalb meines linken Auges. Das Tier scheint zu warten. — stop

i love you
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romeo : 15.18 — Am See im Palmengarten. Erste milde Stunden. Abendsegler jagen durch die Dämmerung. Für einen Moment der Eindruck, es könnte sich bei den Schatten der Fliegenjäger um kleine, spielende Engel handeln. Auf der Bank neben mir ruht mein Filmtelefon, soeben erscheint der Feuerball einer detonierenden Bombe in der Stadt Boston nahe einer Marathonstrecke. Wenn ich den Kanal wechsele, Skateboardfahrer, die über Hausdächer springen auf der Insel Santorin, ein Mädchen mit Zahnspange trällert: I love you, i love you! Bald dunkle Rauchpilze über der Stadt Aleppo. Auf einer Straße liegt der Körper einer Frau, der sich noch bewegt, obwohl sie unbedingt tot sein müsste, so furchtbar die Verletzungen, die ihr zugefügt worden sind. Ich spiele den Film immer wieder ab, warum? Als es dunkel wird über dem Wasser, Stille. Man hört in der Lichtlosigkeit nichts vom Jagen der Tiere, wenn man sie nicht sieht. Wenige Stunden später wird Wladimir Putin sagen, bei dem Anschlag in Boston handele es sich um ein barbarisches Verbrechen. — stop

eine libelle
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himalaya : 6.51 — Im Columbus Park sitzen Männer im Kreis um einen Stein und spielen mit Karten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, das Gespräch der Schiffe. In den blattlosen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. Ich bin auf dem Weg, Mr. Fefei in seiner Werkstatt Pell Street 8 zu besuchen. Trage die Uhr meines Vaters in der rechten Hosentasche, halte sie fest, halte sie fest. In der Werkstatt ist es dunkel. Eine alte Frau, tief gebückt, führt mich durch den schmalen Raum. Vorsichtig, sehr vorsichtig, als würde sie nie wieder vom Boden kommen, wenn sie einmal stürzen sollte, geht sie durch die stickige Luft dahin. Ein Lungenhummer kreuzt scheppernd unseren Weg. Mr. Fefei sitzt hinter einer Werkbank im Rollstuhl, einem uralten Ding mit Rädern, die so groß sind wie der alte Mann selbst. Ich werde eine Viertelstunde in seiner Nähe verbringen, ich werde ihm erzählen von der Uhr meines Vaters, dass sie nicht stehen geblieben ist, seit er starb, dass ich mir wünschte, sie würde niemals stehen bleiben, die Zeit meines Vaters. Wie, Mr. Fefei, werde ich fragen, könnte es möglich sein, die Batterien der Uhr zu wechseln, ohne sie anhalten zu müssen? Ich werde sehen, wie die zierliche Hand des alten Mannes über den Tisch wandert, um nach der Uhr zu greifen, wie er die Uhr wiegen und wie er sie betrachten wird, von allen Seiten her, wie er ein Hörrohr an das Gehäuse legen, wie er nicken, wie er lachen wird. Seine Frau wird mir einen Tee servieren, einen grünen Tee, einen sehr grünen dampfenden Tee, den ich sicher nicht vertragen und doch trinken werde, während sich Mr. Fefei wieder mit seiner Libelle beschäftigt. Vorsichtig nähert er sich dem Gesicht des wilden Tieres, das zu einem zitternden Röhrchen gefesselt vor ihm liegt, mit einer Pinzette. Alles das wird gleich geschehen, in wenigen Minuten ist wieder Abend geworden. Alte Männer sitzen im Kreis um einen Stein und spielen Karten, die ich noch nie gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, höre ich das Gespräch der Schiffe. In den blattlosen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. — stop

amsterdam
sierra : 7.05 — Immer wieder wundere ich mich darüber, wie ein Bild, eine Vorstellung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Eindruck haben würde, Arbeit verrichtet zu haben, weitere Bilder erzeugt, Geschichten, Filme, Zeiträume von Abwesenheit. Ich erinnere mich, in einem dieser Räume kürzlich in Amsterdam gewesen zu sein, während ich zur selben Zeit im Zug durch südliche Landschaft reiste. Ich hatte das Bild eines Lädchens vor Augen, in welchem in einer Pfanne menschliche Ohren geröstet wurden. Es roch gut nach gebratenem Fleisch und natürlich frage ich mich, woher ich diese Vorstellung genommen habe. Menschen standen bis auf die Straße hinaus, warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren, eine Portion der gerösteten Ohren in einer Papiertüte entgegenzunehmen. 100 Gramm kosteten 72 englische Pfund, vielleicht war es deshalb, in Anbetracht des Preises, so still im Laden, man hörte nur ein Zischen, sobald aus einem Schäufelchen eine weitere Portion Ohren in die Pfanne fiel. Aber draußen auf der Straße war Tumult entstanden. Während die einen sich über den enormen Preis der Ohren beschwerten, waren andere sehr deutlich gegen den Verkauf menschlicher Ohren überhaupt eingestellt. Das sind gezüchtete Organe, sagten sie, sie waren nie an einem menschlichen Kopf befestigt. Andere hingegen empörten sich darüber, dass es doch verrückt sei, für etwas, das niemals echt gewesen war, eine derart exzellente Summe Geldes pro Gramm bezahlen zu müssen. Die einen wie die anderen schienen mir recht zu haben. Fenster gingen zu Bruch, berittene Polizei fegte über eine Brücke. Und wie ich in dieser Weise in einem Zug sitzend einen Film erlebte aus dem Nichts, beobachtete mich ein Freund. Ich bemerkte ihn nicht. Als ich ihm später erzählte, was ich erlebt hatte, sagte er, er habe indessen, in der Beobachtung meiner Person, nicht den geringsten Laut gehört. — stop

ameisengesellschaft lh — 1232
MELDUNG. Ameisengesellschaft LN — 1232 [ linepithema humile ] Position 42°27’N 14°0’O nahe Pescara / Folgende Objekte wurden von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das südwestliche Wendelportal ins Warenhaus eingeführt : achtundzwanzig trockene Fliegentorsi mittlerer Größe [ je ohne Kopf ], zweiundfünfzig Baumstämme [ à 12 Gramm ], acht Raupen in Grün, dreiunddreissig Raupen in Orange, fünf Insektenflügel [ vermutlich die dreier Zitronenfalter ], acht Streichholzköpfe [ à ca. 2 Gramm ], sechs Fliegen der Gattung Cyclorrhapha [ Deckelschlüpfer ] in vollem Saft, sonnengetrocknete Rosenblätter [ ca. 150 Gramm aus vergangenem Jahr ], drei Schneckenhäuser [ je ohne Schnecke ], drei gelähmte Schnecken [ je ohne Haus ], 7252 Ameisen anliegender Staaten [ betäubt oder tranchiert ], zwei Elephantenkäfer [ blautürkise ], drei Aaskugeln eines Pillendrehers, wenig später der Pillendreher selbst, sechs Wildbienen, eine Karnevalskrone [ Mattel X7892 — Barbie Glam ] 5.6 Gramm. — stop

javier
~ : malcolm
to : louis
subject : JAVIER IAN
date : april 1 13 10.12 p.m.
Nach wie vor bewegt sich Frankie sehr langsam den Hudson River entlang. Es geht nur wenige hundert Meter am Tag voran. Frankie, als ob er ein Ziel verfolgte, kennt nur eine Richtung: südwärts. Der Verkehr auf der 12th Avenue ist grauenvoll gefährlich bei Tag und bei Nacht. In den ersten Stunden, da das Eichhörnchen den Central Park verlassen hatte, mochten wir kaum glauben, dass es überleben würde. Aber er ist schnell und er scheint zu wissen, dass ihm die Straßen der Stadt zum Verhängnis werden könnten. Wir bemühen uns Frankie zu schützen, wo und wie auch immer wir können. Erfolglos haben wir nahe Manhattan Cruise Terminal einen Hotdog-Verkäufer gebeten, Frankie nicht weiter zu füttern. Wir wissen jetzt, dass er Gurkenscheiben und Zwiebeln bevorzugt. Von Mitte Februar bis in die erste Märzwoche hinein war kaum eine Bewegung Frankies zu verzeichnen gewesen. Wir haben sein Verhalten zunächst mit den großzügigen Spenden des alten Mannes aus Puerto Rico begründet. Als aber Javier Ian einige Tage mit seinem fahrenden Stand nicht erschienen war, bemerkten wir, dass Frankie Kreuzfahrtschiffe beobachtete. Es waren die MS Aida, die MS Carnival Miracle, die MS Freedom of the Seas, die prachtvoll beleuchtet an den Piers festgemacht hatten. Frankie hockte auf einer jungen Eibe, immer auf demselben Ast, Stunde um Stunde. Es ist nicht möglich zu verstehen, was ihn an dem Blick auf den Fluss und auf die riesigen Schiffe fesselte, er schien kaum zu schlafen und er duldete uns in seiner Nähe, wir kamen so nah an ihn heran, dass wir ihn beinahe zu berühren vermochten. Am 6. März brach Frankie wieder auf. Er schien nach uns zu sehen, ob wir ihm folgen. Und tatsächlich wartete er, wenn wir uns zur Probe versteckten in einer der Straßen, die zum Fluss führen. Die Nächte sind nach wie vor kalt, aber ohne Frost. Unser Frankie ist kräftig, ist stark über den Winter gekommen. Wir befinden uns Höhe 41. Straße. Es ist Montag, der 1. April 2013, früher Abend. — Allerbeste Grüße sendet Malcolm / codewort : medusenkopfauge
empfangen am
1.04.2013
2034 zeichen

oslo
drohne 12
kilimandscharo : 2.28 — Zwölfhundertstes Hotelzimmer – sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt, mit mäßig gutem Bett, Spiegelschrank, Kommode, wackeligem Schreibtisch; mit rosa Nachttischlampe, abgeschabtem Teppich, Wasserkaraffe, Briefpapier, Kofferständer. Sei gegrüßt, Heimat seit einer halben Stunde, Heimat für zwei, drei oder vierzehn Tage -: Wirst Du mir freundlich gesinnt sein? Werde ich bei Dir ausruhen dürfen? — Ich lese Klaus Mann. Seit bald sechs Stunden lese ich in einem Buch, das seine Texte versammelt, eine Auswahl. Ich habe das Buch bereits vom ersten bis zum letzten Satz gelesen. Nun, indem ich wieder von vorn beginnen werde, zu einem Zeitpunkt, da ich nicht weiß, wie lange es dauern wird, bis ich mich wieder bewegen werden kann, habe ich beschlossen, das Buch abzuschreiben, weil das Buch abzuschreiben längere Zeit in Anspruch nehmen wird, als das Buch zu lesen. Ich muss mich nämlich beschäftigen, um meine innere Ruhe nicht zu verlieren, weil ich Grund habe, äußerst beunruhigt zu sein. Es war gegen 8 Uhr abends, gerade Dämmerung, als ich vor dem Fenster im 22. Stock eine Bewegung bemerkte. Ich hatte gerade fünf Seiten des Buches gelesen, als ich den Blick auf das Fenster richtete. Ich bemerkte eine Drohne, ein kleines Flugobjekt, das zu mir hereinspähte. Sie ist immer noch da. Sie filmt mich, wie ich hier auf meinem Sofa sitze. Ich habe den Verdacht, dass sie möglicherweise eine oder zwei Waffen auf mich richtet, weswegen ich so tue, als würde ich sie nicht sehen. Und doch traue ich mich nicht, mich zu erheben, obwohl ich sehr durstig bin und hungrig. Kaum will ich einen Fuß auf den Boden stellen, kommt die Drohne so nah an das Fenster meines Zimmers heran, dass ich meine, sie würde die Scheibe berühren. Ich weiß, dass man mich betrachtet, verdammt, wer auch immer Ihr seid, ich weiß, dass Ihr mich betrachtet. Ich sage Euch, ich erkläre hiermit, ich werde Euch keinen Gefallen tun, ich werde Euch nicht reizen, ich werde Euch keinen Anlass geben, auf mich zu feuern. Ich bin ganz ruhig, ich bin gelassen, Klaus Mann ist bei mir, ich lese, ich schreibe. Es ist kurz nach zwei Uhr. Fangen wir noch einmal von vorn an: Ich weiß nicht, wohin ich fahre. Ich fahre irgendwohin. Ich trage meinen Handkoffer, ein paar Bücher, den Regenmantel. — stop



