india : 12.01 UTC – Vor einigen Wochen besuchte ich B., der noch immer in einer kleinen Wohnung über einem Jazzcafé wohnt, weswegen sein hölzerner Fußboden manchmal bebt, sodass auch seine Gäste beben und der Kaffee in den Tassen, und im Sommer fliegen die kleinen Sommerfliegen los, weil das Beben dermaßen schrecklich für ihre Beinchen ist, dass sie lieber stundenlang herumfliegen als wären sie Vögel ohne Füße. B. wohnt also in dieser kleinen Wohnung und ist noch immer traurig. Ich kenne ihn seit 15 Jahren, niemals habe ich ihn glücklich wahrgenommen, nicht eine Sekunde lang, oder in einem Zustand, den man als weder glücklich noch unglücklich bezeichnen könnte. B. ist unglücklich, weil er das so will, er hat sich in seiner Traurigkeit eingerichtet, wie in einem unsichtbaren Zelt, in dem er lebt, das er mit sich auf jede Reise nimmt, er reist ja nicht viel, aber er ist ein guter Gastgeber, sehr feinfühlig, ein geduldiger Zuhörer, der niemals lacht. Er schreibt im Übrigen an einem Buch, das rund ist, ich meine, er schreibt an einem Winterbuch von der Gestalt eines Zylinders. Man kann in dem Buch blättern, aber man weiß nicht, wo das Buch anfängt, weil in B.s Buch kein Anfang existiert, man liest, und wenn man lange genug liest, wird man plötzlich meinen, sich zu erinnern, oder man hat eine Markierung in das Buch notiert, was eigentlich nicht gestattet ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: sommer
seltsam
ulysses : 1.18 — Wie ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die seltsam sind, ohne sofort selbst für seltsam oder merkwürdig oder gar gefährlich gehalten zu werden, da doch diese merkwürdigen Geschichten in meinem Kopf entstehen? Ich habe L. von Esmeralda erzählt, dass Esmeralda eine Schnecke sei, die in meiner Wohnung lebe, als wäre sie eine Katze, dass ich das kleine Tier füttern würde, dass ich meine Wohnung im Winter beheize, auch wenn ich nicht anwesend sei, damit Esmeralda nicht frieren möge. Liebe L. sagte ich, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir aus freien Stücken eine Schnecke zu kaufen oder aber zur Sommerzeit in einem Garten einzufangen, nein, niemals, wenn nun jedoch eine Schnecke als Geschenk, als kostenfreie Offerte auf postalischem Wege zu mir reiste, warum sollte ich das Geschenk zurückweisen, warum nicht einen Versuch unternehmen, ein guter oder vorzüglicher Schneckenhalter zu werden? Wir werden es versuchen, sagte ich zur Schnecke kurz nachdem sie angekommen war. Jahre sind seither vergangen, Esmeralda scheint mit ihrem Leben in meiner Wohnung einverstanden zu sein. Einmal öffnete ich die Tür zum Treppenhaus und wartete. Ein anderes Mal öffnete ich ein Fenster und wartete wiederum einige Zeit, Esmeralda blieb oder kehrte zurück. Es stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Wie alt werden Schnecken? Ist Esmeralda nicht vielleicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhnliche Schnecke betrachtet werden zu können? — stop
drei brillen
![]()
delta : 3.32 — Leichter Schneefall, ohne Wind, schaukelnde Lichtpelzfetzen. Eichhörnchen jagen über die Straße hin und her, als freuten sie sich. Gegen zwei Uhr notiere ich eine E‑Mail an Moses Fernandez, von dem ich hörte, dass er in einem Haus nahe Pinamar bei Buenos Aires leben soll. Lieber Moses, Lilli, die sie persönlich kennenlernten in diesem Sommer, erzählte, dass sie eine Maschine entwickelt haben, die in der Lage sein soll, winzige, für menschliche Augen nicht entzifferbare Schriftzeichen zu notieren. Ich würde sehr gerne eine Schriftprobe in Auftrag geben. Würden Sie mir bitte einen kurzen Text, den ich im Anschluss an Sie senden werde, in nicht lesbare Größe transferieren. Ich verfüge über ein Mikroskop, um die Qualität ihrer Arbeit prüfen zu können. Wenn möglich, senden Sie das Schriftstück bitte auf dem Luftpostwege an folgende Adresse: Louis 8711 Kvarøy Sjøhus Norway. Mit bestem Dank im Voraus verbleibe ich mit herzlichen Grüßen: Ihr Louis /// Textprobe no1: go > 17.03 — Heute Morgen, war noch dunkel im Haus, hörte ich ein sirrendes Geräusch. Das Geräusch näherte sich über die Treppe abwärts. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine der Brillen meiner Mutter, die seit dem Vorabend über zarte Rotoren verfügen, welche in der Lage sind, Brillenkonstruktionen bis zu einem Gewicht von 80 Gramm in die Luft zu heben, sie vorwärtszubewegen oder rückwärts durch Räume oder den Garten. Langsam durchquerte die Brille den Raum, kreiste einmal um meinen Kopf, und landete schließlich sanft auf dem Esstisch in der Nähe des Stuhles, auf dem meine Mutter sitzt, sobald sie ihr Frühstück zu sich nehmen möchte. Über drei Brillen verfügt meine Mutter, und jede dieser Brillen kann nun fliegen. Eine Brille wurde im Dachgeschoss stationiert, eine weitere Brille im Erdgeschoss, die dritte zu ebener Erde. Wenn nun Morgen werden wird, zu einer Zeit, da fast alle Menschen noch schlafen, erwachen vor den Vögeln bereits die Brillen meiner Mutter. Sie beginnen zu blinken, Dioden in gelber Farbe, Zeichen, dass sie sich mittels Funksignalen orientieren. Bald fliegen sie los, die Dachgeschossbrille ins Dachgeschoss, die Brille der ersten Etage in die erste Etage, die Brille des Erdgeschosses ins Erdgeschoss. Das Suchen hat ein Ende, alles wird gut! — stop ///

indien
olimambo : 6.58 — Ein Freund rief an, er legte sofort los, erzählte dies und das, von einem Eichhörnchen beispielsweise, das in seinem Garten lebt, von einer Cousine, die sich das Bein brach im Gebirge, von der Hitze des Sommers, die seinen Kühlschrank killte, während er in Indien weilte. Eine Stunde lang berichtete mein Freund von seiner indischen Reise, von hölzernen Zügen, von offenen Feuern in der Landschaft, von Farben, die nur in Indien wirklich zu Hause sein würden. Plötzlich wusste er nicht weiter. Er fragte, wie er auf Indien eigentlich gekommen sei, er konnte sich an die Weiche, die ihn erzählend nach Indien führte, nicht erinnern. Er machte eine Pause, vielleicht weil er schweigend konzentrierter nachdenken konnte, dann legte er grußlos auf. Nach einer halben Stunde meldete er sich wieder zurück: Es war der Kühlschrank! Sofort reisten wir weiter fort in Richtung Darjeeling. Es war spät geworden und es regnete. — stop

an einem frühen morgen
olimambo : 8.05 — An einem frühen Morgen spricht ein Mann im Schweinwerferlicht einer Fernsehkamera. Er ist Abgeordneter des Deutschen Bundestages, ein tapferer Mann, er verteidigt die Politik seiner Partei, seiner Bundeskanzlerin. Er spricht ungefähr so: Wir haben viel geschafft. Wir haben uns bemüht. Wir haben den Menschenschleusern das Handwerk gelegt. Es kommen weniger Menschen zu uns, die flüchten wollen. Nicht länger müssen Menschen im Mittelmeer ertrinken. – Es ist früher Morgen, ein Morgen eines Tages im September. Es ist das Jahr 2016. Wenn ich über die Fernbedienung meines Fernsehgerätes einen weiteren Fernsehkanal anwähle, erfahre ich, dass der Sommer zurückkehren wird, obwohl doch schon Herbst geworden ist. – stop
samstags
foxtrott : 5.12 — Früher Nachmittag, Sommer. Ich beobachte auf einem Fährschiff, das nach Staten Island fährt, einen älteren Mann bei konzentrierter Arbeit. Er sitzt auf einer Bank des Promenadendecks, tief über ein Buch gebeugt. Einige Kinder tollen in seiner Nähe herum, er nimmt, so sehr ist er bemüht, mit einem Bleistift den Zeilen eines Buches zu folgen, keine Notiz von ihnen. Ich denke zunächst, der alte Mann würde seine Augen mithilfe eines Bleistifts entlang der Zeichenlinie führen, aber als ich mich nähere, entdecke ich Wort für Wort eine leichte Verzögerung der Bewegung, die aus der Entfernung betrachtet doch wie eine fließende Bewegung wirkt. Am Ende jeder Zeile notiert der Mann eine Ziffer, vermutlich deshalb, weil er die Wörter des Buches zählt. Das ist seltsam und zugleich berührend, wie er so selbstvergessen auf dem großen Schiff verweilt, und ich hoffe, er möge auf Staten Island angekommen, mit dem nächsten Schiff zurückfahren nach Manhattan, und wiederum auf seinem Transfer Wörter zählen. Als das Schiff an das St. George Terminal anlegt, schließt der alte Mann das Buch, verstaut seinen Bleistift in einer Tasche seines Jacketts, erhebt sich mühevoll, um das Schiff langsam gehend über die Brücke, die sich zur Fähre hin senkte, zu verlassen. Im Saal des Terminals bleibt er für einen Augenblick vor einem Aquarium stehen, betrachtet die Fische oder sein Spiegelbild, um sich wenige Minuten später von der Menschenmenge, die auf das wartende Schiff strömt, mitnehmen zu lassen. Nebel ist aufgekommen, die Möwen, die das Schiff auf seinem Weg nach Manhattan begleiten, still. Ich stehe draußen auf der Promenade und beobachte das Wasser, wie es weit unten entlang des Schiffskörpers schäumt. Gelegentlich schaue ich durch Fenster zu dem alten Mann hin, zu seinem Buch, seinem Bleistift, seinen Händen. — stop

ein faden
echo : 22.02 — Einmal fuhr ich auf einer Staten Island Fähre über die Upper New York Upper Bay spazieren. Ich war konzentriert. Ich hatte eine Aufgabe. Ich beobachtete den Himmel. Ich beobachtete die Wolken. Ich beobachtete die Häuser an der südlichen Spitze der Insel Manhattan. Ich erinnerte mich an den Film The Look. Es war Sommer. Es war Nachmittag. Ich hörte Nachrichten aus einem Radio, die von einem Hurrikane erzählten, der sich von Westen her nähere. Menschen saßen schweigsam herum, sie fächerten sich Luft zu. Auf dem Dach eines älteren Gebäudes hockten Möwen in großer Höhe. Sie wirkten, als wären sie Erfindungen, kaum sichtbar, ein Schimmern in der Luft. In diesem Augenblick löste sich eine der Möwen vom Dach des Hauses, das ich beobachtete. Sie segelte über den Battery Park, flog bald in einem großzügigen Bogen gegen den Wind, um schnell näherzukommen. Wenige Sekunden später landete die Möwe nur wenige Meter entfernt auf der Reling des Schiffes. Eine Weile blieb sie dort sitzen, sie schien mich zu betrachten. Dann flog sie los, flog zurück ungefähr auf demselben Weg, den sie für ihren Hinflug genommen hatte. Bald saß sie wieder auf dem Dach des alten Hauses unter weiteren Möwen, eine schimmernde Erfindung, dachte ich, sehr klein, ich konnte sie gut erkennen entlang eines Fadens von Bildern, den ich verzeichnet hatte. — stop
![]()
brighton beach ave
![]()
~ : louis
to : mrs. valentina zeiler
brooklyn translation services
23 brighton beach ave,
Brooklyn
subject : BRYANT PARK
Sehr geehrte Frau Zeiler, ich danke Ihnen herzlich für Ihre rasche Antwort. Ich will nun abschließend den Auftrag erteilen, mein unten folgendes Schreiben in die englische Sprache zu übersetzen. Ich bitte um sorgfältigste Arbeit, Sie werden erkennen, in diesem Text ist von einem Reisetunnel nach Amerika die Rede, der in meiner Vorstellung von äußerster Bedeutung ist, ein poetischer Entwurf, jedes Wort scheint mir für seine Verwirklichung von hoher Bedeutung zu sein. Mit vereinbarter Vergütung bin ich einverstanden, der Betrag von 82 Dollar wurde bereits angewiesen. Weitere Aufträge werde ich mit Ihnen in Kürze bei einem Besuch in ihrem Büro persönlich besprechen. Darf ich an dieser Stelle meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass die Übersetzung desselben Textes in die chinesische Sprache 122 Dollar kosten würde? Ich frage mich, worin die erhebliche Differenz von 40 Dollar begründet sein könnte. Mit allerbesten Grüßen – Ihr Louis
BRYANT PARK — 570 WÖRTER > GO /// Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrückenden Nordlicht, und das Laub, das alles bedeckte, die steinernen Bänke, Brunnen und Skulpturen, die Büsche und Sommerstühle der Cafés, bewegte sich trocknend wie eine abgeworfene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boulespieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spielfeld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spielern schlenderte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich eingehend beobachtete, rasche, den Boden abklopfende Bewegungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, vielleicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erinnere mich noch gut, zunächst sehr unsicher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berichtete vom Oktoberlicht, das ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwarteten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augenlicht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief bitte vorlesen würde, sie sei so sehr glücklich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luftpostbrief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druckbuchstaben, eine schlampige Arbeit, rasch hingeworfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte so lange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Café am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erinnerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Café Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erinnerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle suchtest, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lauschtest, erinnerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und wolltest wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlantischen Boden reisten, bis sie Dich erreichen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzählung unterbrach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüsterte, dass das eine schöne Geschichte gewesen sei, eine tröstliche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nordlicht, das Knistern der Blätter, die Stimmen der spielenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke nebeneinander her, ohne zu sprechen. Ich sehe gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eichhörnchen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baumstamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eichhörnchen und seine Nuss nur erfunden. /// END

von marienkäfern und wodka
![]()
tango : 2.00 — Vor drei Wochen entdeckte ich in einem Münchener Antiquariat ein schweres Notizbuch DIN A3, in welches ein Mann, der für einige Monate in einem Bergwald lebte, mit winzigen Schriftzeichen Beobachtungen, Erlebnisse, Gedanken verzeichnete. Es muss zur Sommerzeit gewesen sein, das Jahr der Aufzeichnungen wurde nicht vermerkt, auch nicht der volle Name des Mannes, nur sein Vorname, der war Ludwig. Das Dokument umfasst beinahe siebenhundert Seiten, es scheint mehrfach feucht geworden zu sein, da und dort sind zwischen den Blättern getrocknete Wiesenblumen zu finden, die mittels des Buchgewichtes präpariert worden waren, auch habe ich mehrere Ameisen vollkommen leblos aufgefunden, sowie Marienkäfer, die den Anschein erweckten, als würden sie gerade noch versucht haben, auf und davonzufliegen, als sie von einer Buchseite, die umgeblättert wurde, gefangen genommen wurden. Was war es gewesen, das den Mann in den Wald lockte? Vielleicht die Stille und das wunderbare Licht der Höhe? An einem Julitag, es war der 5., folgender Eintrag: Höhe 1258 m. Kein Wind, keine Wolke am Himmel. Ich sitze und beobachte Schafe, wie sie unter mir über eine Wiese spazieren. Wunderbare Geräusche der kleinen Halsglocken. Zum Wodka ist mir heute Morgen eingefallen, dass Menschen existieren, die Wodka bevorzugt in Mineralwasserflaschen füllen. Es handelt sich hierbei um einen Vorgang der Verkleidung oder des Verheimlichens. Der Wodka ist versteckt, obwohl er sichtbar ist. Das eigentliche Versteck ist die Methode der Behauptung, etwas anderes zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Mixturen, die üblicherweise an Arbeitsplätzen zur Anwendung kommen. Eine Thermoskanne ist Aufenthaltsort einer guten Begründung, diese Begründung besteht aus der Flüssigkeit des Kaffees. In diese Begründung ist das Eigentliche, der Cognac, eingewickelt. — stop
![]()
marthageschichte
![]()
echo : 5.12 — Martha ist 76 Jahre alt. Seit 18 Jahren trinkt sie Likör. Schon am frühen Morgen beginnt sie damit. Sonst nimmt sie wenig zu sich. Die Luft riecht süßlich um sie herum. Aber sie ist gut gepflegt. Und umgefallen ist sie auch noch nie. Nachmittags um 3 fährt sie an den Bahnhof. Das ist die Zeit, da für sie der Abend beginnt. Sie hat dort einen festen Platz. Gleis 15 sitzt sie auf einer Bank. Früher war ihr Stammplatz auf Gleis 8. Jetzt fahren auf Gleis 8 die schnellen Intercityzüge ein und aus, man hat Martha von höherer Stelle aus gebeten, sich auf Gleis 23 auf eine vergleichbare Bank zu setzen. Aber das ist ein Rangiergleis, dort ist nichts los, außer ein paar Junkies, und die sind Martha zu gefährlich. Also sitzt sie auf Gleis 15., man könnte ihre Wahl als einen Kompromiss bezeichnen. Im Sommer trägt Martha Kostümchen. Sie ist gern bunt gekleidet, wenn es doch nicht immer so drückend und heiß wäre. Die Beine werden ganz dick davon, und die Füße wollen sich den Schuhen nicht länger fügen. Manchmal geht sie ein paar Schritte auf und ab. Martha setzt vorsichtig Fuß für Fuß. Dann lässt sie sich wieder nieder und nimmt sich ein Gläschen voll zur Brust, macht einen kleinen See in das Täschchen ihrer Unterlippe, Karamellgeschmack, den liebt sie unendlich, auch Anis und Schokocreme, die blauen Bols mag sie gar nicht. Sobald sie sich wieder gut fühlt, beginnt sie Papiere zu falten, die sie aus ihrer Handtasche nimmt. Sie faltet Himmel und Hölle. Wenn ein Kind auf dem Bahnsteig vorüber kommt, verschenkt sie das Spiel. Mit diesem Spiel habe ich mir früher immer die Zeit vertrieben, sagt sie, da war ich so alt wie du. Oft zerren die Mütter ihr Kind von der alten Martha weg, weil Kinder das alles nicht so genau nehmen. Und Martha sagt: Ich habe in Landau gewohnt. Im Garten hatten wir einen Birnbaum. Im Sommer haben wir Himbeeren gepflückt. Der Keller war dunkel und die Treppe steil. Einmal bin ich die Treppe in Landau heruntergefallen. So erzählt Martha immerzu fort, wie sie im Keller Geister entdeckte, oder von den Schnapsfläschchen im Regal ihres Vaters. Zu diesem Zeitpunkt ist der Zug mit dem Kind längst abgefahren. Sie holt sich jetzt ein weiteres Gläschen vor den Mund, dann ein neues Blatt aus ihrer Handtasche, entweder ist es ein rotes, ein gelbes oder ein blaues. — stop
![]()


