dezember

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echo : 20.55 — Im ver­gan­genen Jahr noch, Mitte Dezem­ber, wurde mir von einem jun­gen Moslem, dem ich gewogen bin, weil wir über seinen und über meinen Glauben sprechen kön­nen, ohne belei­di­gend oder abw­er­tend sein zu müssen, ein Geschenk über­re­icht, ein kleines Buch, ver­bun­den mit der drin­gen­den Empfehlung zur Lek­türe. Das Büch­lein soll viel Licht enthal­ten, Weisheit, Wahrheit, Frei­heit und auch Glück, weil es mir, so der Schenk­ende, beweisen werde, dass ich, der Autor dieser Zeilen, nicht von den Affen abstam­men könne. Das Werk ist 18 cm hoch, 12 cm bre­it und 68 Seit­en stark. Seit Wochen, eine Dro­hung, liegt es ungeöffnet auf meinem Schreibtisch. Und auch heute Nacht wird das nichts wer­den mit der Lek­türe, weil ich Schneeflock­en zählen, John Coltrane lauschen und über Geschicht­en nach­denken werde, die mir eine junge Indi­aner­in erzählte, deren Schwest­er seit langer Zeit in den Wäldern Guatemalas ver­schwun­den ist. Wie ihr das Wort Gueril­la leicht von der Zunge fliegt, vielle­icht weil das Wort schon immer zu ihrem Leben gehört. – Am 24. Dezem­ber 2009 in Peking wurde der Schrift­steller Liu Xiaobo zu 11 Jahren Haft verurteil, da er die Gewährleis­tung der Men­schen­rechte in Chi­na einge­fordert hat­te.

ping

nachtstraße

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marim­ba : 2.24 — Ein Eich­hörnchen querte hüpfend die feuchte Straße. Genau dieses Eich­hörnchen, eine Phan­tasie, hat­te ich in der ver­gan­genen Nacht bere­its schon ein­mal gese­hen, die Straße war tief ver­schneit gewe­sen. Jet­zt hielt das kleine Tier mit­ten auf der Straße inne und sah sich um. In diesem Moment begeg­neten sich unsere Blicke: Ja, etwas ist anders gewor­den! stop. Noch zu tun. stop. Das geheime Augen­wis­sen der Com­put­er­maschi­nen besprechen.
ping

loop

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india : 0.01 — Wie schnell kön­nen wir denken? Wie schnell kön­nen wir sprechen? Wie schnell kön­nen wir beten? Ver­fü­gen wir über Dol­metsch­er für unsere Göt­ter, für unsere Propheten?

parachute jump

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zulu

~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekko­la
sub­ject : PARACHUTE JUMP

Jonathan, bester Fre­und, wie es Ihnen wohl gehen mag? Haben Sie Wei­h­nacht­en unter Tan­nen in einem Zelt ver­bracht? Haben Sie vielle­icht verge­blich ver­sucht, mich zu erre­ichen? War ver­reist für ein paar Tage, hat­te eine gute Zeit. Reisen, das ist wie träu­men, ver­ste­hen Sie! Als ich eines Mor­gens, noch schlaftrunk­en, in meine Woh­nung zurück­kehrte, blüht­en vor den Fen­stern Kak­teen. Sie dufteten, wie nur Kak­teen duften, süß und kräftig, und ich wun­derte mich wie das gekom­men sein mag, alle zur sel­ben Zeit, alle im Win­ter. Eine Nachricht war da noch auf Band gesprochen. Mrs. Mon­terey erzählt, Sie habe in ihrem Hotel im Bear State Park, einem Wan­der­er ein Zim­mer ver­mi­etet, einem Mann, groß und schweigsam. Dieser Mann soll Ihnen, lieber Kekko­la, der­art ähn­lich gewe­sen sein, dass Sie’s höch­st­per­sön­lich gewe­sen sein müssen. Das will ich nun glauben, wün­schen, hof­fen Kraft mein­er Kinder­seele. Kein Wort habe der Mann gesprochen, stattdessen selt­same Zeichen in die Luft geschrieben. Ich kenne diese Zeichen! Die Sprache der Tauch­er! Und wenn ich das in dieser Weise schreibe, wert­er Jonathan, wer­den Sie schon ein­se­hen, dass es sinn­los ist, so zu tun, als seien Sie nicht mehr am Leben. Bald wirds meter­hoch schneien und wir wer­den alle unterge­hen. Erwarte Sie am Strand von Coney Island, Höhe Para­chute Jump / 2. Mai 3 pm. – Ihr Louis, Ihr Schnee­mann.

gesendet am
6.01.2010
22.50 MEZ
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louis to jonathan
noe kekko­la »


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5th avenue

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romeo : 18.52 — Im Traum ver­gan­gene Nacht mit Geral­dine im Cen­tral Park spaziert. Ich erin­nere mich, es schneite. Ein Regen­schirmtierchen schwebte fröstel­nd über uns, und ich wun­derte mich, dass Geral­dine das Wesen, das sich langsam um die eigene Achse drehte, nicht zu bemerken schien. Das lag vielle­icht daran, dass sie in ein­er pausen­losen Art und Weise erzählte, als ob sie ahnte, dass wir jed­erzeit erwachen und dann nie wieder zueinan­derfind­en kön­nten. Im übri­gen bewegte sie sich rück­wärts hüpfend vor mir her, war som­mer­lich gek­lei­det, froh und glück­lich. Ich glaube, ich habe in diesem Traum zum ersten Mal Geraldines Stimme gehört und ihr Lachen. Sie berichtete, dass sie in der Nähe des Haus­es, in dem sie vor ihrer Reise nach Europa gemein­sam mit ihren Eltern und ihrer Zwill­ingss­chwest­er wohnte, Audrey Hep­burn bei der Arbeit an dem Film Break­fast at Tiffany’s beobacht­en kon­nte, und dass sie diese Schaus­pielerin sehr bewun­dern würde, aber doch viel lieber Forscherin sein wolle. Kurz darauf weck­te mich eine Feuer­wehrsirene und ich war erle­ichtert, dass mir im Traum Geraldine’s Schick­sal nicht bekan­nt gewe­sen war. – Heute ist also Son­ntag, und es schneit schon wieder. Vor weni­gen Minuten habe ich etwas ent­deckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in meinem Leben das pressende Denken immer sel­tener, das lauschende Denken hinge­gen immer häu­figer zur Anwen­dung kommt. Guten Abend, gute Nacht!

marie

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alpha : 0.02 — Zwei Stun­den mit Anna Thom­son, mit Sue in New York, mit ein­er Frau, die an Ein­samkeit und Alko­hol zu Grunde geht. Wollt gern hin­ter die elek­trische Haut mein­er Film­mas­chine sprin­gen, um der Geschichte eine glück­liche Wen­dung zu geben. Ein­mal hielt ich die Geschichte ein­fach an, in dem ich ihr weit­eren Strom ver­weigerte. Aber das machte natür­lich keinen Sinn, weil Geschicht­en, wie diese Geschichte, sich solange fort­set­zen im Kopf, bis sie zu Ende gekom­men sind. Und an Marie habe ich gedacht, an Marie, jawohl. Wie sie ver­rückt gewor­den ist. Als ich Marie zulet­zt gese­hen habe, lag sie im Flur ihrer Woh­nung auf dem Boden herum und sah Geck­os an den Wän­den sitzen und ihre Zähne klap­perten und ich musste aus der Bar im Erdgeschoss eine Flasche Cognac holen und sie damit füt­tern, damit sie wieder so ruhig wer­den wollte, dass ich sie zu ihrem Bett führen kon­nte. Aber dort kamen ihr die Geck­os sofort wieder und spazierten über die Decke und sie musste sie mit einem weit­eren Glas aus dem Zim­mer fegen und ihr Kör­p­er gab rest­los nach und sie schämte sich, obwohl ich ihr flüsterte, dass das nicht so schlimm sei, dass ich ihr helfen würde, sich zu waschen, dass sie jet­zt endlich aufhören müsse, diese ver­dammten Filme zu drehen, und dass sie den Schweiz­er zum Teufel jagen solle, der nicht ein Fre­und sei, son­dern ein mieser, klein­er Kunde, der nur dann in ihrem Wohnz­im­mer über sie her­fall­en wolle, wenn sie so betrunk­en gewor­den sei, dass er sich vor ihr nicht mehr fürcht­en müsse. Aber Marie hörte mich nicht, son­dern weinte und ver­lor schnell das Bewusst­sein und ich holte den Notarzt und wir fuhren in ein Hos­pi­tal, wo man sie schon kan­nte. Und wie ich das jet­zt so schreibe, erin­nere ich mich, dass Marie ein­mal über das Tele­fon eine uralte Geschichte erzählte. Sie habe zu sich gesagt, so die Geschichte, dass sie jet­zt aufhören werde. Schluss mit dem ganzen Wahnsinn, Schluss mit Pornobang­bang, Schluss mit der Trinkerei. Sie habe alte Schul­fre­undin­nen ein­ge­laden zu sich in die Woh­nung. Sie habe zunächst einen Apfel­strudel geback­en und alles habe sehr schön nach Vanille geduftet. Sie habe noch die ganze Woh­nung auf den Kopf gestellt und nur ein ganz klein wenig getrunk­en und kaum sei sie fer­tig gewe­sen mit der Putzerei, seien die Fre­undin­nen angekom­men, so seien sie here­inspaziert, als wür­den sie einen zool­o­gis­chen Garten besuchen. Sie haben, sagte Marie, Marie gefragt, ob Marie ihre Woh­nung sham­pooniert habe. Die haben sich nicht mal geset­zt! Und so ist Marie also ver­rückt gewor­den. — Ich geh jet­zt gle­ich noch ein paar Schritte wan­dern im Schnee.

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wortpropeller

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nord­pol : 2.05 — Da war wieder ein hell klin­gen­des Pro­pel­lerg­eräusch, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch sum­mieren wollte zu einem Geräusch hun­dert­tausender Fliegen­tiere, hat­te ich den Ver­dacht, dass mit mein­er Erin­nerung etwas nicht ganz in Ord­nung sein kön­nte. Ein Schwarm der Ord­nung Ephemeroptera. stop. Im Geis­traum mein­er Papiere kaum noch zu vernehmen. stop. Habe fünf oder sechs Schwarm­er­schei­n­un­gen beobachtet, laut­los wirbel­nder Schnee. Und doch war da ein Ton. Ein zartes Klap­pern vielle­icht? — Luft­geräuschworte erfind­en.
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hispaniola

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sier­ra : 22.02 — Män­ner, die mit bloßen Hän­den Trüm­mer­berge durch­suchen. Der Fuß eines Kindes, staubig, das unter ein­er Beton­decke gefan­gen liegt. Erdi­ge Straßen, gesäumt von ver­we­senden Kör­pern. Eine tote Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ein Mäd­chen, wie im Traum, nicht ansprech­bar, ihr Blick in die Ferne gerichtet, wie sie durch eine Menge stam­mel­nder Men­schen schre­it­et. Weinende Stim­men. Ver­störte Kinder­gesichter. Rufen. Durst. Verzwei­flung. Infer­no. Flim­mer­bilder. — Im Zug nach Süden erzählt eine Frau, die in Haiti geboren wurde und viele Jahre dort lebte, von dem Land, von dem Volk, das sie liebt, und alle Reisenden, die in ihrer Nähe sitzen, hören ihr zu, geban­nt, mit­füh­lend, fra­gend. Ein­mal sagt sie, dass die Bewohn­er der Stadt Port-au-Prince, die ihr Leben unter Kor­rup­tion in größter Armut auf ein­er heißen Erd­man­telfalte zeit­i­gen, nie an die Gefahr gedacht haben wür­den, in der sie sich in jed­er Minute ihrer Exis­tenz befan­den. Nie­mand habe mit einem Erd­beben dieser Stärke gerech­net, obwohl ein Erd­beben genau dieser Inten­sität lange vorherge­sagt wor­den sei. Eine Frage der Zeit, alles eine Frage der Zeit, sagt die Frau, und sieht aus dem Fen­ster des Zuges, auf Schnee, der in der Däm­merung bläulich schim­mert. Man denkt, ver­ste­hen Sie, man denkt nicht an Erd­beben, an eine Gefahr, die nicht sicht­bar ist, wenn man in Ster­ben­sar­mut lebt. Man denkt an sauberes Wass­er. Man denkt an Brot. Man denkt an das Über­leben der Kinder von Abend zu Abend.

gramm

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alpha : 22.45 — Das Wort Infer­no in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Infer­no denke. Wie viel Gramm?
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papiere

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tan­go : 0.05 — Gestern Abend, kurz vor sechs Uhr war’s gewe­sen, bin ich einem selt­samen Mann begeg­net und zwar in ein­er U-Bahn down­town. Aber das spielt für die kleine Geschichte, die ich rasch erzählen möchte, nicht wirk­lich eine Rolle, ich meine, zu welch­er Zeit wir in welche Rich­tung gemein­sam fuhren. Bedeu­tend war vielmehr gewe­sen, dass ich’s nicht eilig hat­te, genau genom­men hat­te ich soviel Zeit zur Ver­fü­gung wie seit Wochen nicht, weshalb ich den Geräuschen meines Herzens lauschte und dem Rascheln der Zeitungspa­piere, die zu jen­em selt­samen Mann gehörten. Er saß gle­ich vis-à-vis, die Beine übere­inan­der geschla­gen. Ich hat­te den Ein­druck, dass er sich freute, weil ich staunend beobachtete, wie er Zeitun­gen durch­suchte, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türmten, und zwar in ein­er sehr sorgfälti­gen Art und Weise durch­suchte, jede der Zeitun­gen Seite für Seite. Er schien Übung zu haben in dieser Arbeit, seine Augen bewegten sich schnell und ruckar­tig, wie die Augen eines Habichts. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neigte sich dann leicht nach vorne, um mit ein­er Schere, einen Artikel oder eine Fotografie her­auszuschnei­den. — Das Rascheln des Papiers. — Das helle, ziehende Geräusch der Schere. — In dem ich den Mann beobachtete, erin­nerte ich mich, dass ich selb­st ein­mal Monate damit zuge­bracht hat­te, den Ungerechtigkeit­en dieser Welt mit einem Archiv von Beweisen zu begeg­nen, deren eigentliche Sub­stanz jen­seits der Titelzeile ich später nie gele­sen habe, weil es zu viele gewe­sen waren. — Mon­tag ist gewor­den und die Famen und Cronopi­en sin­gen trau­rige Lieder durch die Nacht.

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augenzeit

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alpha : 0.03 — Im Regen herumspaziert, wollt ein Paar neuer Augen besor­gen, hat­te solange Zeit Papiere und Zeichen betra­chtet, dass ich blind für jede Bedeu­tung gewor­den war. Im Wald tropfte das Wass­er von den Bäu­men, eine Amsel lief auf feucht­en Wegen vor mir her, da und dort Spuren von Schnee. — Schneekuchen. — Schneesuppe. —  Schnee­büch­er. -  Nach ein­er Stunde dann waren mir neue Augen gewach­sen, ich kehrte zurück und jet­zt ist schon wieder heim­lich Nacht gewor­den. Merk­würdig, wie man einen Abend lang in einem Zim­mer auf dem Boden sitzen kann und denken und zugle­ich nichts denken. Nur noch atmen. Und die Augen bewe­gen.

zigarillo

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romeo

~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekko­la
sub­ject : ZIGARILLO

Mein lieber Jonathan, Depesche west­wärts. Habe an diesem enden­den Tag viele Stun­den lang Herzen betra­chtet und über Zep­pelin­fluchthand­taschen nachgedacht. Bald noch ein wun­der­bar­er Film, Blue in the face, ein Film, der mir so ver­traut gewor­den ist, dass ich ihn in meinem Kopf abspie­len kön­nte wie einen Traum. Ich müsste dann Fol­gen­des träu­men in der zweit­en Minute der Zeit, einen Tabak­waren­laden träu­men, das Jahr 1995 nahe Prospect Park in Brook­lyn, Lou Reed, wie er hin­ter der Theke des Ladens ste­ht. Er raucht ein Zigar­il­lo, nimmt einen tiefen Zug, begin­nt zu sprechen, ruhig, entspan­nt. Er sagt: Ich denke ein­er der Gründe weswe­gen ich in New York lebe ist, weil, ich kenn mich aus ihn New York. In Paris kenn ich mich nicht aus. Ich kenne mich nicht aus in Den­ver. Ich kenn mich nicht aus auf Maui, und ich kenn mich nicht aus in Toron­to. Und so weit­er und so fort. Ich tu’s also fast aus Bequem­lichkeit. Na ja, ich kenne kaum jeman­den, der in New York wohnt und nicht gle­ichzeit­ig sagt: Ich geh weg! Also ich denke auch schon lang übers Wegge­hen nach, unge­fähr seit 35 Jahren. – Ja. — Ich bin jet­zt fast so weit. – Schlafen sie wohl, mein lieber Kekko­la, wo auch immer Sie sind! Ihr Louis

gesendet am
21.01.2010
23.32 MEZ
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louis to jonathan
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rüsselhupe

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echo : 12.03 — Sagen wir das so: Tief­seeele­fan­ten, sobald sie geboren wer­den auf hoher See in großer Tiefe, bleiben ihren Müt­tern lange Zeit ver­bun­den. Solange Zeit genau wan­dern sie in näch­ster Nähe, bis ihre Rüs­sel aus­re­ichend gewach­sen sind, um zur Ober­fläche des Meeres gelan­gen zu kön­nen. Wie sie sich küssen von Zeit zu Zeit in ewiger Dunkel­heit, wie eine Mut­ter ihrem kleinen Ele­fan­ten Luft ein­haucht, wie das taumel­nde Wesen im Moment der Über­gabe lustvoll seine blind­en Augen schließt, eine Ahnung vom berauschen­den Duft der Welt weit über ihm, von salzi­gen Schäu­men, von Motorölen, Tang und weit­eren angenehmen Sub­stanzen, die ihm bald unmit­tel­bar begeg­nen wer­den. Manch­mal, eher sel­ten, steigen sie, Minia­turen ein­er späteren Zeit, langsam aufwärts. Sie haben dann aus dem Munde ihrer Mut­ter einen Bal­lon süßer Luft ent­ge­gengenom­men, der zu groß gewor­den sein kön­nte von Sorge und Liebe. Zwei oder drei Tage sind sie nun schwebend unter­wegs, bis die Ober­fläche des Wassers erre­icht sein wird. Das feine Geräusch ihrer ersten Rüs­sel­hupe, mit der sie die lichte Welt begrüßen. – Son­ntag. Leichter Schneefall. Viel Jazz im Kopf.

schweizer jazz : paul nizon

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india : 0.03 — Gestern bin ich Paul Nizon wieder­begeg­net. Durfte beobacht­en, wie er in Paris eine sein­er Arbeitswoh­nun­gen spazierte. Natür­lich waren zwis­chen ihm und mir eine Kam­er­alinse, ein Bild­schirm und dort etwas ver­gan­gene Zeit aufges­pan­nt. Trotz­dem kon­nte ich ihn gut erken­nen. Er trägt jet­zt einen kleinen run­den Bauch vor sich her und sein Haar ist grau gewor­den, und doch ist er ganz der alte, verehrte Schrift­steller geblieben. Vor allem seine schöne Stimme, das sorgfältige Sprechen, die warme Melodie der Sprache, das Schweiz­erische, hier waren sie wieder, und auch das Ton­bandgerät, das auf einem Tisch ruhend die Luftwellen der notierten Sätze eines Tages erwartete. In diesem Moment, grad ist Dien­stag gewor­den, erin­nere ich mich, dass ich Paul Nizon ein­mal per­sön­lich begeg­net war in der Straße, in der ich wohne, und daran, dass ich damals dachte: Er ist klein­er, als ich erwartet habe. Er trug einen grauen Man­tel, weiß der Teufel, weshalb ich die Farbe seines Man­tels gespe­ichert habe, und einen Hut, nehme ich an. Und da war noch etwas gewe­sen, mein Herz näm­lich schlug in ein­er Weise, dass ich’s in meinem Kopf hören kon­nte. — Ein Früh­lingsabend. — Ja, ein Früh­lingsabend. — Und ich sagte zu mir: Louis, reg dich nicht auf! Du bist an einem flanieren­den Geist vorübergekom­men. – Nacht. stop. Schnee. stop. Flügel. stop
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brooklynites

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tan­go : 6.03 – Das langsame Durch­queren ein­er nächtlichen Land­schaft fremder Stim­men: Ten-four. David-David. Woman, black, in con­fu­sion. 75, Var­ick­street. 12th floor. Ten-four. Ten-four. Sergeant? — Ich hat­te, mein­er neuen Lei­den­schaft fol­gend, den Klän­gen des New York­er Polizei­funks zuzuhören, gegen Mit­ter­nacht eine Verbindung über den Atlantik hergestellt. Wie das dann genau gekom­men sein mag, all das Flüstern in der Dunkel­heit, kann ich nicht sagen, vielle­icht war zur ein­er Zeit, da ich noch wach gewe­sen war, meine transat­lantis­che Über­tra­gung für zwei oder drei Stun­den unter­brochen gewe­sen, oder man schwieg in New York, weshalb ich die geöffnete Verbindung vergessen haben kön­nte. Ich schlief jeden­falls ein gegen zwei Uhr, müde gewor­den vom Denken, und wie ich so schlief, kehrten die Stim­men zurück, ich träumte Geräusche, die in der amerikanis­chen Sprache plaud­erten. Ten-Four. Ten-four. Auch meine eigene Stimme, sie berichtete von ein­er Wan­derung durch Brook­lyn, war in der Däm­merung deut­lich zu hören gewe­sen. Ein schnelles, ein rasendes Sprechen, Louis, als hinge sein Leben davon ab. Dann fehlte ihm ein Wort, ein entschei­den­des Wort. Von suchen­der Stille erwacht.
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j.d.salinger : 160 west 71st street

2

tan­go : 2.15 — Kurz nach Mit­ter­nacht begin­nt es zu schneien. Sitze mit Schreib­mas­chine vor dem Fen­ster und übe das Fan­gen einzel­ner Flock­en mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ichs als Kind schon machte, aber die Licht­pelze dieser Stun­den fall­en aus der Dunkel­heit, während sie sich damals aus hellen Wolken­räu­men lösten, deren Tiefe nie zu ermessen gewe­sen war. — Eine selt­same Nacht ist das heute. Ich habe eigentlich viel zu tun, und doch sitze ich hier am Fen­ster und schaue him­mel­wärts und denke an Salinger, an den großen geheimnisvollen Schrift­steller, der gestern gestor­ben sein soll. Ich hat­te vor weni­gen Wochen noch einen Bal­lon in meine Spazierkarte der Stadt New York einge­tra­gen, um ein Gebäude in der 71. Straße West zu markieren, das Hotel Ala­mac genauer, Hand­lung­sort der Geschicht­en um Fran­ny und Zooey. Ich dachte mir, hier wirst Du ein­mal in den kom­menden Jahren für Tage lungern und notieren und warten, auf J.D. Salinger warten, darauf warten, dass Dir der alte Mann erscheinen möge. Und so wird das nun also anders wer­den. Aber wirk­lich merk­würdig ist fol­gende Ein­sicht, die ich gewon­nen habe in den ver­gan­genen Stun­den. Men­schen, die so beschei­den lebten, dass man sie für nicht wirk­liche Wesen anse­hen kon­nte, wer­den wahrhaftig, wer­den lebendig, sobald man ihr Lebensende meldet. – Und nun wieder der Him­mel und sein Licht. Zwanzig Uhr zwölf  in Port-au-Prince, Haiti. — stop
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lustgärten

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echo : 0.22 — Robert Walser in ein­er Nacht­minute eben: Der Men­sch ist ein fein­füh­liges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfind­un­gen wohlge­fällt. Man kön­nte den Men­schen mit einem wohlangelegten Lust­garten ver­gle­ichen. Wenn wir alle wären wie wir sein soll­ten, näm­lich wie es Gott uns gebi­etet zu sein, so wären wir unendlich glück­lich. — Wiederum ver­sucht und noch zu find­en: Eine Gebärde, die das Wort Hibis­cil­li voll­ständig enthält, eine Geste der Freude, eine zärtliche Berührung der Luft.
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fotografieren

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echo : 0.52 — Dieses kleine Stück hier, zur Voll­mond­nacht, han­delt von ein­er Frau, die mir vor weni­gen Stun­den nach langer Zeit der Abwe­sen­heit wieder begeg­net ist, weil ich den sil­ber­grauen Mond am wolken­losen Abend­him­mel bemerkt hat­te, und aus diesem heit­eren Luftraum her­aus, war sie dann plöt­zlich zu mir hereinge­fall­en, selb­st ihre Stimme, eine außeror­dentlich leise Stimme, ist nun so gegen­wär­tig als wäre kaum Zeit ver­gan­gen seit unser­er Unter­hal­tung im Prä­pari­er­saal der Münch­en­er Anatomie. Ich hätte sie damals beina­he überse­hen, eine kleine Gestalt, die prä­pari­erend auf einem Schemel kni­ete und merk­würdi­ge Bewe­gun­gen mit den Augen machte. Sie betra­chtete den Kör­p­er vor sich auf dem Tisch mit einem ruhi­gen, mit einem fes­ten Blick für je einige Sekun­den, dann schloss sie die Augen für etwa dieselbe Zeit, die sie geöffnet gewe­sen waren, und so wieder­holte sich das Stunde um Stunde. Ein­mal set­zte ich mich neben sie an den Tisch und erzählte, dass ich ihre Augen, ihren Blick beobachtet haben würde und den Ein­druck gewon­nen, sie mache Bewe­gun­gen mit ihren Augen, die der Lin­sen­be­we­gung eines Fotoap­pa­rates ähn­lich seien. Richtig, antwortete die Frau, ich schließe meine Augen und schaue mir im Dunkeln an, was ich gespe­ichert habe. — Eine selt­same Stimme. Sehr hell. Und scheu. Ein Zit­tern. Wie durch einen Kamm geblasen.
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