dezember

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echo : 20.55 – Im vergan­genen Jahr noch, Mitte Dezember, wurde mir von einem jungen Moslem, dem ich gewogen bin, weil wir über seinen und über meinen Glauben spre­chen können, ohne belei­di­gend oder abwer­tend sein zu müssen, ein Geschenk über­reicht, ein kleines Buch, verbunden mit der drin­genden Empfeh­lung zur Lektüre. Das Büch­lein soll viel Licht enthalten, Weis­heit, Wahr­heit, Frei­heit und auch Glück, weil es mir, so der Schen­kende, beweisen werde, dass ich, der Autor dieser Zeilen, nicht von den Affen abstammen könne. Das Werk ist 18 cm hoch, 12 cm breit und 68 Seiten stark. Seit Wochen, eine Drohung, liegt es unge­öffnet auf meinem Schreib­tisch. Und auch heute Nacht wird das nichts werden mit der Lektüre, weil ich Schnee­flo­cken zählen, John Coltrane lauschen und über Geschichten nach­denken werde, die mir eine junge India­nerin erzählte, deren Schwester seit langer Zeit in den Wäldern Guate­malas verschwunden ist. Wie ihr das Wort Guerilla leicht von der Zunge fliegt, viel­leicht weil das Wort schon immer zu ihrem Leben gehört. – Am 24. Dezember 2009 in Peking wurde der Schrift­steller Liu Xiaobo zu 11 Jahren Haft verur­teil, da er die Gewähr­leis­tung der Menschen­rechte in China einge­for­dert hatte.

ping

nachtstraße

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marimba : 2.24 – Ein Eich­hörn­chen querte hüpfend die feuchte Straße. Genau dieses Eich­hörn­chen, eine Phan­tasie, hatte ich in der vergan­genen Nacht bereits schon einmal gesehen, die Straße war tief verschneit gewesen. Jetzt hielt das kleine Tier mitten auf der Straße inne und sah sich um. In diesem Moment begeg­neten sich unsere Blicke: Ja, etwas ist anders geworden! stop. Noch zu tun. stop. Das geheime Augen­wissen der Compu­ter­ma­schinen bespre­chen.
ping

loop

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india : 0.01 – Wie schnell können wir denken? Wie schnell können wir spre­chen? Wie schnell können wir beten? Verfügen wir über Dolmet­scher für unsere Götter, für unsere Propheten?

parachute jump

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zulu

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : PARACHUTE JUMP

Jona­than, bester Freund, wie es Ihnen wohl gehen mag? Haben Sie Weih­nachten unter Tannen in einem Zelt verbracht? Haben Sie viel­leicht vergeb­lich versucht, mich zu errei­chen? War verreist für ein paar Tage, hatte eine gute Zeit. Reisen, das ist wie träumen, verstehen Sie! Als ich eines Morgens, noch schlaf­trunken, in meine Wohnung zurück­kehrte, blühten vor den Fens­tern Kakteen. Sie dufteten, wie nur Kakteen duften, süß und kräftig, und ich wunderte mich wie das gekommen sein mag, alle zur selben Zeit, alle im Winter. Eine Nach­richt war da noch auf Band gespro­chen. Mrs. Monterey erzählt, Sie habe in ihrem Hotel im Bear State Park, einem Wanderer ein Zimmer vermietet, einem Mann, groß und schweigsam. Dieser Mann soll Ihnen, lieber Kekkola, derart ähnlich gewesen sein, dass Sie’s höchst­per­sön­lich gewesen sein müssen. Das will ich nun glauben, wünschen, hoffen Kraft meiner Kinder­seele. Kein Wort habe der Mann gespro­chen, statt­dessen selt­same Zeichen in die Luft geschrieben. Ich kenne diese Zeichen! Die Sprache der Taucher! Und wenn ich das in dieser Weise schreibe, werter Jona­than, werden Sie schon einsehen, dass es sinnlos ist, so zu tun, als seien Sie nicht mehr am Leben. Bald wirds meter­hoch schneien und wir werden alle unter­gehen. Erwarte Sie am Strand von Coney Island, Höhe Parachute Jump / 2. Mai 3 pm. – Ihr Louis, Ihr Schnee­mann.

gesendet am
6.01.2010
22.50 MEZ
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louis to jona­than
noe kekkola »


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5th avenue

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romeo : 18.52 – Im Traum vergan­gene Nacht mit Geral­dine im Central Park spaziert. Ich erin­nere mich, es schneite. Ein Regen­schirm­tier­chen schwebte frös­telnd über uns, und ich wunderte mich, dass Geral­dine das Wesen, das sich langsam um die eigene Achse drehte, nicht zu bemerken schien. Das lag viel­leicht daran, dass sie in einer pausen­losen Art und Weise erzählte, als ob sie ahnte, dass wir jeder­zeit erwa­chen und dann nie wieder zuein­an­der­finden könnten. Im übrigen bewegte sie sich rück­wärts hüpfend vor mir her, war sommer­lich gekleidet, froh und glück­lich. Ich glaube, ich habe in diesem Traum zum ersten Mal Geral­dines Stimme gehört und ihr Lachen. Sie berich­tete, dass sie in der Nähe des Hauses, in dem sie vor ihrer Reise nach Europa gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Zwil­lings­schwester wohnte, Audrey Hepburn bei der Arbeit an dem Film Break­fast at Tiffany’s beob­achten konnte, und dass sie diese Schau­spie­lerin sehr bewun­dern würde, aber doch viel lieber Forscherin sein wolle. Kurz darauf weckte mich eine Feuer­wehr­si­rene und ich war erleich­tert, dass mir im Traum Geraldine’s Schicksal nicht bekannt gewesen war. – Heute ist also Sonntag, und es schneit schon wieder. Vor wenigen Minuten habe ich etwas entdeckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in meinem Leben das pres­sende Denken immer seltener, das lauschende Denken hingegen immer häufiger zur Anwen­dung kommt. Guten Abend, gute Nacht!

marie

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alpha : 0.02 – Zwei Stunden mit Anna Thomson, mit Sue in New York, mit einer Frau, die an Einsam­keit und Alkohol zu Grunde geht. Wollt gern hinter die elek­tri­sche Haut meiner Film­ma­schine springen, um der Geschichte eine glück­liche Wendung zu geben. Einmal hielt ich die Geschichte einfach an, in dem ich ihr weiteren Strom verwei­gerte. Aber das machte natür­lich keinen Sinn, weil Geschichten, wie diese Geschichte, sich solange fort­setzen im Kopf, bis sie zu Ende gekommen sind. Und an Marie habe ich gedacht, an Marie, jawohl. Wie sie verrückt geworden ist. Als ich Marie zuletzt gesehen habe, lag sie im Flur ihrer Wohnung auf dem Boden herum und sah Geckos an den Wänden sitzen und ihre Zähne klap­perten und ich musste aus der Bar im Erdge­schoss eine Flasche Cognac holen und sie damit füttern, damit sie wieder so ruhig werden wollte, dass ich sie zu ihrem Bett führen konnte. Aber dort kamen ihr die Geckos sofort wieder und spazierten über die Decke und sie musste sie mit einem weiteren Glas aus dem Zimmer fegen und ihr Körper gab restlos nach und sie schämte sich, obwohl ich ihr flüs­terte, dass das nicht so schlimm sei, dass ich ihr helfen würde, sich zu waschen, dass sie jetzt endlich aufhören müsse, diese verdammten Filme zu drehen, und dass sie den Schweizer zum Teufel jagen solle, der nicht ein Freund sei, sondern ein mieser, kleiner Kunde, der nur dann in ihrem Wohn­zimmer über sie herfallen wolle, wenn sie so betrunken geworden sei, dass er sich vor ihr nicht mehr fürchten müsse. Aber Marie hörte mich nicht, sondern weinte und verlor schnell das Bewusst­sein und ich holte den Notarzt und wir fuhren in ein Hospital, wo man sie schon kannte. Und wie ich das jetzt so schreibe, erin­nere ich mich, dass Marie einmal über das Telefon eine uralte Geschichte erzählte. Sie habe zu sich gesagt, so die Geschichte, dass sie jetzt aufhören werde. Schluss mit dem ganzen Wahn­sinn, Schluss mit Porno­b­ang­bang, Schluss mit der Trin­kerei. Sie habe alte Schul­freun­dinnen einge­laden zu sich in die Wohnung. Sie habe zunächst einen Apfel­strudel geba­cken und alles habe sehr schön nach Vanille geduftet. Sie habe noch die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und nur ein ganz klein wenig getrunken und kaum sei sie fertig gewesen mit der Putzerei, seien die Freun­dinnen ange­kommen, so seien sie herein­spa­ziert, als würden sie einen zoolo­gi­schen Garten besu­chen. Sie haben, sagte Marie, Marie gefragt, ob Marie ihre Wohnung sham­poo­niert habe. Die haben sich nicht mal gesetzt! Und so ist Marie also verrückt geworden. – Ich geh jetzt gleich noch ein paar Schritte wandern im Schnee.

ping

wortpropeller

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nordpol : 2.05 – Da war wieder ein hell klin­gendes Propel­ler­ge­räusch, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch summieren wollte zu einem Geräusch hundert­tau­sender Flie­gen­tiere, hatte ich den Verdacht, dass mit meiner Erin­ne­rung etwas nicht ganz in Ordnung sein könnte. Ein Schwarm der Ordnung Ephe­merop­tera. stop. Im Geis­traum meiner Papiere kaum noch zu vernehmen. stop. Habe fünf oder sechs Schwar­mer­schei­nungen beob­achtet, lautlos wirbelnder Schnee. Und doch war da ein Ton. Ein zartes Klap­pern viel­leicht? – Luft­ge­räuschworte erfinden.
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hispaniola

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sierra : 22.02 – Männer, die mit bloßen Händen Trüm­mer­berge durch­su­chen. Der Fuß eines Kindes, staubig, das unter einer Beton­decke gefangen liegt. Erdige Straßen, gesäumt von verwe­senden Körpern. Eine tote Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ein Mädchen, wie im Traum, nicht ansprechbar, ihr Blick in die Ferne gerichtet, wie sie durch eine Menge stam­melnder Menschen schreitet. Weinende Stimmen. Verstörte Kinder­ge­sichter. Rufen. Durst. Verzweif­lung. Inferno. Flim­mer­bilder. – Im Zug nach Süden erzählt eine Frau, die in Haiti geboren wurde und viele Jahre dort lebte, von dem Land, von dem Volk, das sie liebt, und alle Reisenden, die in ihrer Nähe sitzen, hören ihr zu, gebannt, mitfüh­lend, fragend. Einmal sagt sie, dass die Bewohner der Stadt Port-au-Prince, die ihr Leben unter Korrup­tion in größter Armut auf einer heißen Erdman­tel­falte zeitigen, nie an die Gefahr gedacht haben würden, in der sie sich in jeder Minute ihrer Exis­tenz befanden. Niemand habe mit einem Erdbeben dieser Stärke gerechnet, obwohl ein Erdbeben genau dieser Inten­sität lange vorher­ge­sagt worden sei. Eine Frage der Zeit, alles eine Frage der Zeit, sagt die Frau, und sieht aus dem Fenster des Zuges, auf Schnee, der in der Dämme­rung bläu­lich schim­mert. Man denkt, verstehen Sie, man denkt nicht an Erdbeben, an eine Gefahr, die nicht sichtbar ist, wenn man in Ster­bens­armut lebt. Man denkt an sauberes Wasser. Man denkt an Brot. Man denkt an das Über­leben der Kinder von Abend zu Abend.

gramm

2

 

alpha : 22.45 – Das Wort Inferno in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Inferno denke. Wie viel Gramm?
ping

papiere

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tango : 0.05 – Gestern Abend, kurz vor sechs Uhr war’s gewesen, bin ich einem selt­samen Mann begegnet und zwar in einer U-Bahn down­town. Aber das spielt für die kleine Geschichte, die ich rasch erzählen möchte, nicht wirk­lich eine Rolle, ich meine, zu welcher Zeit wir in welche Rich­tung gemeinsam fuhren. Bedeu­tend war viel­mehr gewesen, dass ich’s nicht eilig hatte, genau genommen hatte ich soviel Zeit zur Verfü­gung wie seit Wochen nicht, weshalb ich den Geräu­schen meines Herzens lauschte und dem Rascheln der Zeitungs­pa­piere, die zu jenem selt­samen Mann gehörten. Er saß gleich vis-à-vis, die Beine über­ein­ander geschlagen. Ich hatte den Eindruck, dass er sich freute, weil ich stau­nend beob­ach­tete, wie er Zeitungen durch­suchte, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türmten, und zwar in einer sehr sorg­fäl­tigen Art und Weise durch­suchte, jede der Zeitungen Seite für Seite. Er schien Übung zu haben in dieser Arbeit, seine Augen bewegten sich schnell und ruck­artig, wie die Augen eines Habichts. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neigte sich dann leicht nach vorne, um mit einer Schere, einen Artikel oder eine Foto­grafie heraus­zu­schneiden. – Das Rascheln des Papiers. – Das helle, ziehende Geräusch der Schere. – In dem ich den Mann beob­ach­tete, erin­nerte ich mich, dass ich selbst einmal Monate damit zuge­bracht hatte, den Unge­rech­tig­keiten dieser Welt mit einem Archiv von Beweisen zu begegnen, deren eigent­liche Substanz jenseits der Titel­zeile ich später nie gelesen habe, weil es zu viele gewesen waren. – Montag ist geworden und die Famen und Cron­opien singen trau­rige Lieder durch die Nacht.

ping

augenzeit

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alpha : 0.03 – Im Regen herum­spa­ziert, wollt ein Paar neuer Augen besorgen, hatte solange Zeit Papiere und Zeichen betrachtet, dass ich blind für jede Bedeu­tung geworden war. Im Wald tropfte das Wasser von den Bäumen, eine Amsel lief auf feuchten Wegen vor mir her, da und dort Spuren von Schnee. – Schnee­ku­chen. – Schnee­suppe. –  Schnee­bü­cher. -  Nach einer Stunde dann waren mir neue Augen gewachsen, ich kehrte zurück und jetzt ist schon wieder heim­lich Nacht geworden. Merk­würdig, wie man einen Abend lang in einem Zimmer auf dem Boden sitzen kann und denken und zugleich nichts denken. Nur noch atmen. Und die Augen bewegen.

zigarillo

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romeo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : ZIGARILLO

Mein lieber Jona­than, Depe­sche west­wärts. Habe an diesem endenden Tag viele Stunden lang Herzen betrachtet und über Zeppe­l­in­flucht­hand­ta­schen nach­ge­dacht. Bald noch ein wunder­barer Film, Blue in the face, ein Film, der mir so vertraut geworden ist, dass ich ihn in meinem Kopf abspielen könnte wie einen Traum. Ich müsste dann Folgendes träumen in der zweiten Minute der Zeit, einen Tabak­wa­ren­laden träumen, das Jahr 1995 nahe Pros­pect Park in Brooklyn, Lou Reed, wie er hinter der Theke des Ladens steht. Er raucht ein Ziga­rillo, nimmt einen tiefen Zug, beginnt zu spre­chen, ruhig, entspannt. Er sagt: Ich denke einer der Gründe weswegen ich in New York lebe ist, weil, ich kenn mich aus ihn New York. In Paris kenn ich mich nicht aus. Ich kenne mich nicht aus in Denver. Ich kenn mich nicht aus auf Maui, und ich kenn mich nicht aus in Toronto. Und so weiter und so fort. Ich tu’s also fast aus Bequem­lich­keit. Na ja, ich kenne kaum jemanden, der in New York wohnt und nicht gleich­zeitig sagt: Ich geh weg! Also ich denke auch schon lang übers Weggehen nach, unge­fähr seit 35 Jahren. – Ja. – Ich bin jetzt fast so weit. – Schlafen sie wohl, mein lieber Kekkola, wo auch immer Sie sind! Ihr Louis

gesendet am
21.01.2010
23.32 MEZ
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louis to jona­than
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rüsselhupe

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echo : 12.03 – Sagen wir das so: Tief­see­ele­fanten, sobald sie geboren werden auf hoher See in großer Tiefe, bleiben ihren Müttern lange Zeit verbunden. Solange Zeit genau wandern sie in nächster Nähe, bis ihre Rüssel ausrei­chend gewachsen sind, um zur Ober­fläche des Meeres gelangen zu können. Wie sie sich küssen von Zeit zu Zeit in ewiger Dunkel­heit, wie eine Mutter ihrem kleinen Elefanten Luft einhaucht, wie das taumelnde Wesen im Moment der Über­gabe lust­voll seine blinden Augen schließt, eine Ahnung vom berau­schenden Duft der Welt weit über ihm, von salzigen Schäumen, von Motorölen, Tang und weiteren ange­nehmen Substanzen, die ihm bald unmit­telbar begegnen werden. Manchmal, eher selten, steigen sie, Minia­turen einer späteren Zeit, langsam aufwärts. Sie haben dann aus dem Munde ihrer Mutter einen Ballon süßer Luft entge­gen­ge­nommen, der zu groß geworden sein könnte von Sorge und Liebe. Zwei oder drei Tage sind sie nun schwe­bend unter­wegs, bis die Ober­fläche des Wassers erreicht sein wird. Das feine Geräusch ihrer ersten Rüssel­hupe, mit der sie die lichte Welt begrüßen. – Sonntag. Leichter Schnee­fall. Viel Jazz im Kopf.

schweizer jazz : paul nizon

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india : 0.03 – Gestern bin ich Paul Nizon wieder­be­gegnet. Durfte beob­achten, wie er in Paris eine seiner Arbeits­woh­nungen spazierte. Natür­lich waren zwischen ihm und mir eine Kame­ra­linse, ein Bild­schirm und dort etwas vergan­gene Zeit aufge­spannt. Trotzdem konnte ich ihn gut erkennen. Er trägt jetzt einen kleinen runden Bauch vor sich her und sein Haar ist grau geworden, und doch ist er ganz der alte, verehrte Schrift­steller geblieben. Vor allem seine schöne Stimme, das sorg­fäl­tige Spre­chen, die warme Melodie der Sprache, das Schwei­ze­ri­sche, hier waren sie wieder, und auch das Tonband­gerät, das auf einem Tisch ruhend die Luft­wellen der notierten Sätze eines Tages erwar­tete. In diesem Moment, grad ist Dienstag geworden, erin­nere ich mich, dass ich Paul Nizon einmal persön­lich begegnet war in der Straße, in der ich wohne, und daran, dass ich damals dachte: Er ist kleiner, als ich erwartet habe. Er trug einen grauen Mantel, weiß der Teufel, weshalb ich die Farbe seines Mantels gespei­chert habe, und einen Hut, nehme ich an. Und da war noch etwas gewesen, mein Herz nämlich schlug in einer Weise, dass ich’s in meinem Kopf hören konnte. – Ein Früh­lings­abend. – Ja, ein Früh­lings­abend. – Und ich sagte zu mir: Louis, reg dich nicht auf! Du bist an einem flanie­renden Geist vorüber­ge­kommen. – Nacht. stop. Schnee. stop. Flügel. stop
ping

brooklynites

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tango : 6.03 – Das lang­same Durch­queren einer nächt­li­chen Land­schaft fremder Stimmen: Ten-four. David-David. Woman, black, in confu­sion. 75, Varick­street. 12th floor. Ten-four. Ten-four. Sergeant? – Ich hatte, meiner neuen Leiden­schaft folgend, den Klängen des New Yorker Poli­zei­funks zuzu­hören, gegen Mitter­nacht eine Verbin­dung über den Atlantik herge­stellt. Wie das dann genau gekommen sein mag, all das Flüs­tern in der Dunkel­heit, kann ich nicht sagen, viel­leicht war zur einer Zeit, da ich noch wach gewesen war, meine trans­at­lan­ti­sche Über­tra­gung für zwei oder drei Stunden unter­bro­chen gewesen, oder man schwieg in New York, weshalb ich die geöff­nete Verbin­dung vergessen haben könnte. Ich schlief jeden­falls ein gegen zwei Uhr, müde geworden vom Denken, und wie ich so schlief, kehrten die Stimmen zurück, ich träumte Geräu­sche, die in der ameri­ka­ni­schen Sprache plau­derten. Ten-Four. Ten-four. Auch meine eigene Stimme, sie berich­tete von einer Wande­rung durch Brooklyn, war in der Dämme­rung deut­lich zu hören gewesen. Ein schnelles, ein rasendes Spre­chen, Louis, als hinge sein Leben davon ab. Dann fehlte ihm ein Wort, ein entschei­dendes Wort. Von suchender Stille erwacht.
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j.d.salinger : 160 west 71st street

2

tango : 2.15 – Kurz nach Mitter­nacht beginnt es zu schneien. Sitze mit Schreib­ma­schine vor dem Fenster und übe das Fangen einzelner Flocken mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ichs als Kind schon machte, aber die Licht­pelze dieser Stunden fallen aus der Dunkel­heit, während sie sich damals aus hellen Wolken­räumen lösten, deren Tiefe nie zu ermessen gewesen war. – Eine selt­same Nacht ist das heute. Ich habe eigent­lich viel zu tun, und doch sitze ich hier am Fenster und schaue himmel­wärts und denke an Salinger, an den großen geheim­nis­vollen Schrift­steller, der gestern gestorben sein soll. Ich hatte vor wenigen Wochen noch einen Ballon in meine Spazier­karte der Stadt New York einge­tragen, um ein Gebäude in der 71. Straße West zu markieren, das Hotel Alamac genauer, Hand­lungsort der Geschichten um Franny und Zooey. Ich dachte mir, hier wirst Du einmal in den kommenden Jahren für Tage lungern und notieren und warten, auf J.D. Salinger warten, darauf warten, dass Dir der alte Mann erscheinen möge. Und so wird das nun also anders werden. Aber wirk­lich merk­würdig ist folgende Einsicht, die ich gewonnen habe in den vergan­genen Stunden. Menschen, die so bescheiden lebten, dass man sie für nicht wirk­liche Wesen ansehen konnte, werden wahr­haftig, werden lebendig, sobald man ihr Lebens­ende meldet. – Und nun wieder der Himmel und sein Licht. Zwanzig Uhr zwölf  in Port-au-Prince, Haiti. – stop
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lustgärten

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echo : 0.22 – Robert Walser in einer Nacht­mi­nute eben: Der Mensch ist ein fein­füh­liges Wesen. Er hat nur zwei Beine, aber ein Herz, worin sich ein Heer von Gedanken und Empfin­dungen wohl­ge­fällt. Man könnte den Menschen mit einem wohl­an­ge­legten Lust­garten verglei­chen. Wenn wir alle wären wie wir sein sollten, nämlich wie es Gott uns gebietet zu sein, so wären wir unend­lich glück­lich. – Wiederum versucht und noch zu finden: Eine Gebärde, die das Wort Hibi­scilli voll­ständig enthält, eine Geste der Freude, eine zärt­liche Berüh­rung der Luft.
ping

fotografieren

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echo : 0.52 – Dieses kleine Stück hier, zur Voll­mond­nacht, handelt von einer Frau, die mir vor wenigen Stunden nach langer Zeit der Abwe­sen­heit wieder begegnet ist, weil ich den silber­grauen Mond am wolken­losen Abend­himmel bemerkt hatte, und aus diesem heiteren Luft­raum heraus, war sie dann plötz­lich zu mir herein­ge­fallen, selbst ihre Stimme, eine außer­or­dent­lich leise Stimme, ist nun so gegen­wärtig als wäre kaum Zeit vergangen seit unserer Unter­hal­tung im Präpa­rier­saal der Münchener Anatomie. Ich hätte sie damals beinahe über­sehen, eine kleine Gestalt, die präpa­rie­rend auf einem Schemel kniete und merk­wür­dige Bewe­gungen mit den Augen machte. Sie betrach­tete den Körper vor sich auf dem Tisch mit einem ruhigen, mit einem festen Blick für je einige Sekunden, dann schloss sie die Augen für etwa dieselbe Zeit, die sie geöffnet gewesen waren, und so wieder­holte sich das Stunde um Stunde. Einmal setzte ich mich neben sie an den Tisch und erzählte, dass ich ihre Augen, ihren Blick beob­achtet haben würde und den Eindruck gewonnen, sie mache Bewe­gungen mit ihren Augen, die der Linsen­be­we­gung eines Foto­ap­pa­rates ähnlich seien. Richtig, antwor­tete die Frau, ich schließe meine Augen und schaue mir im Dunkeln an, was ich gespei­chert habe. – Eine selt­same Stimme. Sehr hell. Und scheu. Ein Zittern. Wie durch einen Kamm geblasen.
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