gespräch

9

tan­go : 17.01 UTC — Ich will schnell erzählen, wie ich unlängst mit ein­er Mas­chine, während sie meinen Cap­puc­ci­no zubere­it­ete, gesprochen habe. Ich sagte: Hey, einen Cap­puc­ci­no bitte. Und die Mas­chine antwortete: Hey, wird gemacht! Also wartete ich. Indem ich wartete, hörte ich der Mas­chine zu. Ich ver­nahm einige plau­si­ble Geräusche aus dem Inneren des Gehäus­es, außer­dem einige Geräusche, die nicht sehr plau­si­bel waren. Das waren Geräusche des Pfeifens oder Sin­gens, Geräusche, die entwed­er mein­er Unter­hal­tung dien­ten oder weil sich die Mas­chine tat­säch­lich selb­st, während sie arbeit­ete, eine Freude machte. Ich habe schon oft genau so wartend vor genau dieser Mas­chine ges­tanden, ich ver­mute, dass mich die Mas­chine inzwis­chen ken­nt, vielle­icht sog­ar Zeit­punk­te, da ich zu ihr kom­men werde, also Gewohn­heit­en meines Lebens. Ein­mal, als ich den Stan­dort der Mas­chine erre­ichte, war mein Cap­puc­ci­no bere­its fer­tig gewe­sen. Das ist schon selt­sam, nicht wahr, ich begann über Fähigkeit­en der Mas­chine nachzu­denken. Kann diese Mas­chine vielle­icht sehen oder ver­mag sie meinen Duft wahrzunehmen? Dass sie über einen Hörsinn oder über eine spezielle Art eines hören­den Sen­sors ver­fügt, ste­ht für mich schon lange fest, weil sie mich begrüsst. Manch­mal erkundigt sie sich nach meinen Wün­schen. Mein lieber Louis, will sie wis­sen, einen Cap­puc­ci­no oder doch etwas anderes Heißes zur Feier des Tages? An diesem Mor­gen, von dem ich eigentlich erzählen will, ist aber doch etwas sehr Selt­sames geschehen. Vielle­icht war es der Wind, jeden­falls fiel eine Papp­tasse aus dem Bauch der Mas­chine auf einen Vor­satz unter einem Hahn, aus dem bald heißer Kaf­fee kom­men sollte. Die Tasse lan­dete etwas schräg und ver­har­rte in dieser Posi­tion. Die Mas­chine sagte zu mir: Bech­er bitte set­zen. Mein Gott, das war selt­sam! Ich dachte, wer nur hat diese Sprache erfun­den, möglicher­weise die Mas­chine selb­st? Ich streck­te meine Hand nach dem Bech­er aus. In dem Moment, da ich den Bech­er anheben wollte, spritzte heißer Kaf­fee auf den Rück­en mein­er Hand, weswe­gen ich mit leis­er Stimme protestierte. Ich sagte: Ver­dammt! Die Mas­chine antwortete: Verzei­hung! — stop
ping

ai : GAZA

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR : “Die israelis­chen Zivilis­ten Avera Mangis­tu und Hisham al-Sayed wer­den seit zwei Jahren ver­misst, nach­dem sie – jew­eils einzeln – die Gren­ze zum Gaza-Streifen über­quert hat­ten. Am 7. Sep­tem­ber 2014 brach der äthiopisch‑stämmige Avera Mangis­tu von seinem Wohnort Ashkelon im Süden Israels zum Gaza-Streifen auf. Dort über­querte er unbefugt die Gren­ze, indem er über einen Stachel­drahtza­un in der Nähe der Küste klet­terte. Hisham al‑Sayed soll zu Fuß am 20. April in den Gaza-Streifen gelangt sein, nach­dem er die Wohn­stätte sein­er Fam­i­lie im Beduinen­dorf al-Sayed in der Negev-Wüste im südlichen Israel ver­lassen hat­te. / Bei­de Män­ner lei­den unter psy­chis­chen Gesund­heit­sprob­le­men. Die Fam­i­lie von Avera Mangis­tu erzählte Amnesty Inter­na­tion­al, dass er seit dem Tod seines Brud­ers am 11. Novem­ber 2012 psy­chis­che Prob­leme habe. Amnesty Inter­na­tion­al hat Doku­mente des israelis­chen Gesund­heitsmin­is­teri­ums einge­se­hen, aus denen her­vorge­ht, dass Avera Mangis­tu im Jan­u­ar 2013 zwei Mal in psy­chi­a­trische Kliniken ein­geliefert wurde. Dem Arzt­bericht von Hisham al‑Sayed zufolge wur­den bei ihm eine Schiz­o­phre­nie und eine Per­sön­lichkeitsstörung diag­nos­tiziert. Er ist deswe­gen in sta­tionär­er Behand­lung gewe­sen und benötigt regelmäßig Medika­mente. / Amnesty Inter­na­tion­al befürchtet, dass die bei­den Män­ner von den Essedin-el-Kas­sam-Brigaden, dem mil­itärischen Flügel der Hamas, als Geiseln für einen möglichen Gefan­gene­naus­tausch gefan­gen gehal­ten wer­den. Im April 2016 hat­te die bewaffnete Grup­pierung im Inter­net ein Video veröf­fentlicht, das Bilder der bei­den Män­ner in israelis­chen Mil­itäruni­for­men zeigte. Der Sprech­er der Essedin-el-Kas­sam-Brigaden teilte mit, dass jegliche Infor­ma­tio­nen über die Män­ner ihren Preis hät­ten. Man werde „ohne Zahlun­gen und Anspruch­szu­sicherun­gen vor und nach den Ver­hand­lun­gen“ keine Infor­ma­tio­nen preis­geben. Er deutete damit an, dass sie als Geiseln für einen poten­ziellen Gefan­gene­naus­tausch von der Hamas gefan­gen gehal­ten wer­den. Amnesty Inter­na­tion­al hat Doku­mente ein­se­hen kön­nen, die eine Nichteig­nung von Avera Mangis­tu für den Mil­itär­di­enst fest­stellen. Wie Human Rights Watch bestätigt hat, wurde auch Hisham al-Sayed für den Mil­itär­di­enst für untauglich befun­den und im Novem­ber 2008 von der Wehrpflicht befre­it. / Die De-fac­to-Ver­wal­tung der Hamas im Gaza-Streifen hat sich bish­er geweigert, Infor­ma­tio­nen über die bei­den Män­ner bekan­ntzugeben.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst bis zum 11.9.2017, unter > ai : urgent action

ping

sekundengeschichte

9

echo : 0.26 UTCUnsere Betrieb­ssys­teme har­monierten nicht, erzählte ein junger Mann, es war nichts mehr zu ret­ten. Er fragte: Ja, kann sich ein Men­sch denn für Gefüh­le entschei­den? Existieren in mein­er Seele Algo­rith­men, die steuer­bar sind? — Der junge Mann sprach mit sehr heller Stimme. Neben ihm im Schnel­lzug hock­te ein Hund auf einem Sitz­platz für sich. Der Hund war nicht viel größer als eine Maus, ein Zwerghund mit riesi­gen run­den Augen. Er schaute sein Her­rchen, das von der Liebe trau­rig war, bewun­dernd an. Ein heißer Tag. Der Maushund zeigte eine schöne Zunge, sie war vom Som­merblau der Karpfen­zun­gen. — stop

licht

9

alpha : 22.01 UTC — Im Freiluftki­no abends jagen Fle­d­er­mäuse durchs Bild, wer­den für Sekun­den­bruchteile vom Film­licht erfasst, fed­er­lose Vögel, hell­braun, rosa, aber blitzende Zäh­nchen, die ich mir hinzu­dichte, es geht alles so schnell, dass ich allein Erin­nerung wahrnehme, die gestal­tet wer­den kann. Auf der Lein­wand uralte riesige Eichen, von welchen Louisiana Moose wehen wie gefroren. Ein Mäd­chen sitzt auf einem Ast in großer Höhe, sie trägt ein weißes, knöchel­langes Kleid. Auf dem Fluß hin­ter der Lein­wand zieht ein Dampfer vorüber, buntes Glüh­bir­nen­licht, Men­schen, die Sal­sa tanzen. — stop

ping

eine weitere frage

9

gink­go : 21.15 UTC — Ein Men­sch, der ein Leben lang kopfüber existiert aus anatomis­chen Grün­den. Welche anatómis­chen Gründe präzise sind zu for­mulieren? — stop

ping

nasengeschichte

9

echo : 22.56 UTC — Auf mein­er Nase wurde zufäl­lig ein Haar ent­deckt, ein Haar für sich, ein einzelnes Haar, kein Bewuchs in dem Sinne von Wald, aber doch eben ein Haar wie ein Baum. Kurz nach­dem ich die Mel­dung von der Ent­deck­ung des Haares ent­ge­gengenom­men hat­te, habe ich das Haar ent­fer­nt, kein Schmerz, aber Ver­wun­derung, weil ich doch sehr lange Zeit ohne Haar auf mein­er Nase lebte. Ich fragte mich, wie ich dieses Haar überse­hen kon­nte, es soll sich um ein dur­chaus gut sicht­bares Haar gehan­delt haben, ein sil­ber­graues Gewächs. Nun also mor­gens for­t­an der kon­trol­lierende Blick zu mein­er Nasen­spitze hin. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen an einem Tag, da die Börsenkurse stürzen, weil sich der 49. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka in ein­er Weise äußerte, dass man für möglich hält, er kön­nte Atom­waf­fen zün­den. — stop

caracas

picping

MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 202 hupende Rüs­sel­rosen, im karibis­chen Meer kurz vor Cara­cas gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
ping

regenzeit

9

alpha : 20.15 UTC — Tief­see­tauch­büch­er, von der NASA zur Prü­fung astro­nautisch Reisender entwick­elt, wer­den ab sofort als Regen­büch­er gehan­delt. Sie sollen sich in tro­pis­chen Gegen­den sehr gut verkaufen. Haben Sie schon ein­mal mit E.E.Cummings Select­ed Poems gebadet, mit Hem­ing­ways Fies­ta oder Dorothy Park­ers The portable? Weit­ere Werke wer­den fol­gen: Homer, Beck­ett, Car­son McCullers. — stop

ping

ein aquarium

9

tan­go : 22.02 UTC — Bob erzählt von einem Aquar­i­um, keinem gewöhn­lichen Aquar­i­um, vielmehr einem Aquar­i­um, das ihm ein­er­seits gehören, ander­er­seits sehr weit ent­fer­nt sein soll, näm­lich beina­he auf der anderen Seite der Welt, in Thai­land in einem Vorort der Stadt Bangkok in einem Café neben ein­er Tankstelle mit Garten, in welchem Orchideen auf Bäu­men wach­sen. Auch Vögel sollen dort im Garten zahlre­ich leben, und Kinder spie­len, weil sich in der Nähe eine Schule befind­et. Er selb­st, erzählt Bob, sei in diese Schule gegan­gen, habe Englisch gel­ernt und Math­e­matik, ger­ade in Math­e­matik soll er sehr gut gewe­sen sein. Jet­zt lebt er also in Europa und besucht eine Uni­ver­sität, um die Sprache der Com­put­er­maschi­nen zu studieren. Das Café, das mein­er Mut­ter gehört, und auch ein biss­chen mir selb­st, läuft gut, sagt Bob, wir kön­nen von unseren Einkün­ften gut leben. Ich brauche ja nicht viel Geld hier, kleines Zim­mer. Er holt sein Tele­fon aus der Hosen­tasche, tippt ein wenig auf dem Bild­schirm herum, dann reicht er mir das kleine, flache Gerät über den Tisch. Schau, sagt er, das ist mein Café, das ist meine Mut­ter in Echtzeit, es ist ger­ade früher Mor­gen, sie bere­it­et sich auf erste Gäste vor, die kom­men bald. Tat­säch­lich erkenne ich auf dem Bild­schirm eine ältere Frau, die auf einem Brett von Holz irgendwelche Pflanzen zerteilt. Bob nimmt mir das Tele­fon kurz aus der Hand, tippt noch ein­mal auf den Bild­schirm. Nun sind Fis­che anstatt sein­er Mut­ter zu sehen. Das ist mein Aquar­i­um, sagt Bob, lei­der nur in schwarzweißer Farbe. Sie sind ziem­lich bunt. Zwei von ihnen habe ich selb­st gefan­gen im ver­gan­genen Win­ter. Es ist ein Salzwasser­aquar­i­um. Gle­ich wird meine Mut­ter die Fis­che füt­tern. Solange kön­nen wir warten. — stop
ping

von taubenschwänzchen

9

echo : 23.55 UTC — Existiert vielle­icht eine Poet­ik gut­mütiger Drohnen? Das sind fre­undliche Wesen, unbe­waffnet, leise, flink, von der Größe der Tauben­schwänzchen. Sie ver­fü­gen über Atom­herzen, begleit­en Men­schen rund um die Uhr, immer nur eine Per­son, verze­ich­nen das Leben dieser Per­son, ihre Routen, Gewohn­heit­en, Aben­teuer, fil­men und schreiben in men­schlich­er Sprache. 5.12 UTC : Samuel träumt. Going to sleep. — stop

korken

9

delta : 0.15 UTC — Das waren Zeit­en, als wir noch Kinder waren, die unter freiem Him­mel mit Flug­drachen spiel­ten. Wie wir durch die Wälder krochen, um Knochen zu sam­meln. Ein Bild zeigt mich in kurzen Hosen, wie ich einen Erdapfel über offenes Feuer halte, ich sam­melte Brief­marken, Schmetter­linge, Steine und Kro­nko­rken, liess Seil­bah­nen über Bind­fä­den fahren von Haus zu Haus. Heute sam­mele ich gerne Geschicht­en von Kiemen­men­schen, hölz­erne Ele­fan­ten oder Marienkäfer, die nachts schlafend an war­men Lam­p­en­schir­men sitzen. — stop

ping

leere seite

9

sier­ra : 10.22 UTC — Ein­mal beobachte ich einen Mann, der an Hand der Gestalt von Schriftze­ichen, die auf Briefum­schlä­gen zu find­en sind, Diag­nosen erstellt. Er mache das seit vie­len Jahren. Zur Betra­ch­tung wird also ein Brief, der zu unter­suchen ist, aus ein­er Box gehoben, um ihn unter das Licht ein­er starken Lampe zu leg­en. Der Mann sagt: Die Per­son, die diesen Brief nach Lon­don sendete, war im Moment, da sie ihren Brief adressierte, betrunk­en. Er nimmt einen weit­eren Brief aus der Box: Dieser Brief nach Zürich wurde von ein­er Frau notiert, die glaubte, ihre Zeit sei abge­laufen. Das hier ist ein ganz selt­sames Exem­plar, nicht wahr, warum über­haupt jedes Schriftze­ichen auf dem Briefum­schlag vergessen wurde, kön­nen wir erst dann mit Sicher­heit sagen, wenn wir den Brief geöffnet haben Erden, schöne Brief­marke. Hier haben wir einen Brief, dessen Adresse nur schein­bar von Hand geset­zt wor­den ist, bei genauer Ansicht ist fol­gen­des deut­lich zu erken­nen: Die Anschrift „To Lady Char­lotte Ridlinger, NY, 210 Lex­ing­ton Avenue“ wurde von ein­er Mas­chine gestem­pelt. — stop

ping

souiga

9

gink­go : 6.58 UTC — Lieselotte, die eigentlich ganz anders heisst, erzählte mir gestern im Schnel­lzug eine berührende Geschichte. Sie sagte, sie habe in ihrem Leben sehr viel Alko­hol getrunk­en, das habe schon zur Kinderzeit ange­fan­gen. Sie habe unge­fähr vierzig Jahre ihres Lebens in leicht­en oder schw­eren Rauschzustän­den ver­bracht. Es existieren Zeiträume, die seien voll­ständig dunkel, ohne Erin­nerung, die kenne sie nur von Erzäh­lun­gen ander­er her, sie habe in diesen dun­klen Zeiträu­men je keine gute Fig­ur gemacht. Sie besuche nun, da sie absti­nent lebe, manch­mal Orte, an welchen sie betrunk­en gewe­sen war, das Münch­en­er Okto­ber­fest, beispiel­sweise, oder die Stadt Souiga an der südlichen Küste Kre­tas, Man­hat­tan im Mai, Turku. Sie reise herum, um nachzuse­hen, wie es wirk­lich ist. Oder die Wieskirche. — stop

15 Uhr 6

9

echo : 15.08 UTC — Meine Schreib­mas­chine meldete vor weni­gen Minuten fol­gen­des: Warte auf Cloud. — stop

ping

swann

9

tan­go : 20.10 UTC — Mile­na erzählt, sie begleite nahe der Stadt Cese­na ihre alte Mut­ter schon seit langer Zeit. Ihre Mut­ter sei gestürzt, sie habe sich den Kopf schw­er gestoßen, habe dann bewusst­los 16 Stun­den in ihrem Wohnz­im­mer gele­gen, ehe sie gefun­den wurde. Ihre Mut­ter werde nun über eine Magen­sonde ernährt, sie werde nie richtig wach, nur immer ein wenig wach, ein blinzel­ndes Erwachen, ein klar­er Blick für einige Minuten, der ihr, Mile­na, zeige, dass ihre Mut­ter sie ver­mut­lich nicht erken­nt. Dann schlafe die alte Dame wieder ein. Nach­dem eine Ärztin ihr emp­fahl, mit ihrer alten schlafend­en Mut­ter zu sprechen, habe sie das Sprechen ver­sucht, habe dann aber bald bemerkt, dass das Sprechen mit ein­er oder zu ein­er Schlafend­en hin, sehr schwierig sei. Sie habe sich wieder­holt. Deshalb habe sie in der Bib­lio­thek der Senioren­res­i­denz nach einem Buch gesucht, das sie ihrer Mut­ter und vielle­icht auch sich selb­st vor­lesen könne. Da sei sie auf Mar­cel Prousts ersten Band der Suche nach der ver­lore­nen Zeit gestoßen. Sie sei im Nach­hinein sehr glück­lich deshalb, sie lese sehr langsam, sie lese so langsam und so leise wie möglich. Jedes Wort, das auf den Papieren des Buch­es zu find­en sei, werde aus­ge­sprochen. Ihre Mut­ter schlafe indessen tief, oder aber sie höre zu, dass könne nie­mand so genau sagen. — stop
ping

erwärmung

9

oli­mam­bo : 22.06 UTC — In der 38 Minute des faszinieren­den Films Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich ver­späte erzählt Peter Hand­ke: Heutzu­tage scheint mir, dass man wirk­lich nur nach­stellt, was eh schon durch Filme, durch Fernse­hen und Zeitung eh schon sozusagen aus­ge­spuckt ist. Es muss erfun­den wer­den. Und eine Erfind­ung ist ganz was Seltenes. Erfind­en zu dür­fen, zu kön­nen, zu sollen, das ist nicht nor­mal. Es ist eine Art von Vision. Ohne Vision gehts nicht. / Der Lud­wig Hohl, der Schweiz­er Schrift­steller, hat gesagt: Phan­tasie ist nicht Gaukelei, son­dern ist die Erwär­mung, ich füge vielle­icht hinzu — die her­zliche Erwär­mung des Vorhan­de­nen, dessen, was vorhan­den ist. Das ist Phan­tasie. Und nicht das Sto­ry­telling. — stop

traumgeschichte

9

fox­trott : 22.02 UTC — In der ver­gan­genen Nacht träumte ich von einem selt­samen Kind, das war näm­lich so im Traum, dass das Gehirn des Kindes zu wach­sen schien, das Gehirn war in den Ohrmuscheln sicht­bar gewor­den, von einem dün­nen Häutchen geschützt, das beina­he durch­sichtig gewe­sen war. Es kitzelt in meinen Ohren, sagte das Kind. Wir sassen in ein­er Straßen­bahn. Ich erwachte. Es war ziem­lich heiss am Mor­gen als ich erwachte. — stop

ping

echinocereus echinopsis LX — 718

picping

MELDUNG. Drei Kak­teen [ Gat­tung : echinocereus echinop­sis LX — 718 ] haben gestern, 26. August 2017 um achtzehn Uhr fun­dundzwanzig MEZ, zwölf Pfund fil­igranes Stachel­horn auf flüch­t­ende Lab­o­ran­ten geschossen. [ MPI für Biotech­nolo­gie, 5th floor : Labor IIId-7 : Lev­el 4 ] — stop

ping

zwergseerose no 2

9

nord­pol : 0.02 UTC — Als ich heute Mor­gen erwachte, knis­terte mein linkes Ohr. Das war ver­mut­lich darum gewe­sen, weil ich auf meinem linken Ohr mehrere Stun­den lang träu­mend ruhte. Für einen Moment dachte ich, meine Ohrmuschel wäre von Papi­er gemacht. Während ich so lag und lauschte, erin­nerte mich an eine Geschichte, die ich in einem schat­tigen Laden nahe der Roose­velt Island Tramway Basis­sta­tion West in New York vor län­ger­er Zeit erlebte. Ich erzählte bere­its von dem alten Mann, der hin­ter einem Tre­sen auf Kun­den wartete. Er war vermut­lich ameri­ka­ni­scher Staats­bürger, doch eher chine­si­schen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Linden­bäume Küh­le spen­deten, in den Laden trat, ver­beugte sich der Mann, grüsste, er kan­nte mich bere­its, wusste, dass ich mich für Schne­cken inter­es­siere, für Wasser­schne­cken präzise, auch für wan­dernde Seeane­mo­nen­bäume, und für Pra­li­nen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Wass­er, hüb­sch anzu­sehen sind, schwe­bende Versu­chungen, ohne sich je von selb­st aufzu­lösen. An diesem heißen Sommer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lange Zeit den Wun­sch ver­spürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teil­zu­nehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glaube, ich war genau zu dem rich­tigen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chine­sisch wirk­ende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfei­fenden Ton, ver­schwand in seinen Maga­zinen, um kurz darauf eine Rei­he von Spiel­dosen auf den Tre­sen abzu­stellen. Das waren Walzen- und Loch­plat­ten­spiel­dosen mit Kurbel­werken, die der Ladung ein­er Feder­span­nung dien­ten. Vor ein­er Stunde gelie­fert, sagte der alte Mann, sie machen schau­er­lich schöne Geräu­sche im Wass­er! Man könne, set­zte er hinzu, sofern man sich in dem sel­ben Wass­er der Spiel­dosen befände, die feinen Stöße ihrer mecha­ni­schen Werke über­all auf dem Kör­p­er spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aqua­rium ab, in welchem Zwerg­see­rosen siedel­ten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roose­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstanden hat­te, war in das Gehäuse ein­er Jakobs­mu­schel versenkt. Die Sch­necke lebte, weswe­gen ich tropfte, weil der Beu­tel, in dem ich Ros­es Geschenk trans­por­tierte, über eine undichte Stelle ver­fügte. Gegen Mitter­nacht, ich war ger­ade einge­schlafen, öffnete tief in meinem recht­en Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blüte. – stop

ping

schirokko

9

nord­pol : 22.08 UTC — Das andauernde Notieren, das bald zum Ver­schwinden des Notierten führt, fan­gen, fes­thal­ten, besitzen, vergessen. — stop

ping

Top