Aus der Wörtersammlung: öl

///

Viktoria og Marit Ansethmoen

9

sier­ra : 6.50 — Ich beob­ach­te­te einen älte­ren Mann, der auf einer Fahrt von Man­hat­tan nach Sta­ten Island Schrift­zei­chen in die höl­zer­ne Sitz­bank einer Fäh­re gra­vier­te. Ein kal­ter Win­ter­tag, der Mann war sport­lich geklei­det, rote Wind­ja­cke, Lapp­land­müt­ze, Wan­der­schu­he, dazu Fäust­lin­ge, die sei­ne kräf­ti­gen Hän­de schütz­ten. Er war über­haupt von mäch­ti­ger Sta­tur gewe­sen. Ich hat­te die Vor­stel­lung, dass es sich um einen Nor­we­ger oder Fin­nen gehan­delt haben könn­te. Als der Mann das Schiff betrat, folg­te ich ihm, setz­te mich in sei­ner Nähe nie­der. Leich­ter See­gang, die Schei­ben des unte­ren Decks waren von der Salz­gischt geblen­det, drau­ßen bedeck­te eine Eis­krus­te die Pro­me­na­de der Fäh­re. Wäh­rend der Über­fahrt, da ich den alten Mann beob­ach­te­te, spiel­ten ein paar schwarz­häu­ti­ge Jungs wun­der­bar schep­pern­den Blues auf Metall­gi­tar­ren. Eine Hand­voll Schul­kin­der toll­ten her­um. Das Horn des Schif­fes grüß­te in die Luft der Upper New York Bay wie immer. Da begann der alte Mann vor mei­nen Augen mit einem Klapp­mes­ser sei­ne Arbeit. Er ver­füg­te über eine schö­ne Schrift. Wäh­rend er arbei­te­te, schien er kei­nen Blick für sei­ne Umge­bung zu haben, er mach­te das so wie einer, der meint, er sei nicht sicht­bar, solan­ge er fest an sei­ne Unsicht­bar­keit glaubt. Eine gute Vier­tel­stun­de schnitz­te er vor sich hin. Dann pack­te er sein Mes­ser in sei­nen Ruck­sack und ver­ließ das Schiff mit allen ande­ren Pas­sa­gie­ren. Kaum waren wir an Land, stell­te ich mich in die War­te­schlan­ge Rich­tung Man­hat­tan, um sofort wie­der zurück auf das­sel­be Schiff zu gelan­gen, mit dem ich zur Insel hin gefah­ren war. Nur weni­ge Minu­ten spä­ter nahm ich genau an der Stel­le Platz, an der der Mann gear­bei­tet hat­te. Auf dem Boden des Schif­fes lag ein Häuf­chen dunk­ler Spä­ne, in den Sitz ein­gra­viert ein Name: Vik­to­ria og Marit Ans­eth­moen. Dem Namen folg­te eine Zif­fer: No 7563. Die­se Zif­fer, und den dazu­ge­hö­ri­gen Namen, ent­deck­te ich ges­tern in einem Notiz­buch wie­der, das ich damals geführt hat­te wäh­rend win­ter­li­cher Fahr­ten auf Sta­ten Island Fäh­ren. Noch immer weiß ich nicht, was die­se Zahl bedeu­ten könn­te, und war­um der alte Mann den Namen einer Frau in die Sitz­bank des Schif­fes ein­ge­tra­gen hat­te. Heu­te Nacht die Vor­stel­lung, ich könn­te mei­nen Text in die nor­we­gi­sche Spra­che über­set­zen las­sen, um ihn der digi­ta­len Sphä­re zu über­ge­ben: Alter Man­hat­tan­mann, mel­den Sie sich bit­te. Code: Vik­to­ria og Marit Ans­eth­moen / No 7563 — stop

polaroiddrohnen2

///

ai : SPANIEN

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Im Fall von Alek­san­dr Pav­lov wur­de dem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen der kasa­chi­schen Behör­den erneut statt­ge­ge­ben, obwohl glaub­wür­di­ge Bewei­se vor­lie­gen, dass ihm nach sei­ner Rück­kehr nach Kasach­stan Fol­ter droht. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über die Aus­lie­fe­rung von Alek­san­dr Pav­lov liegt nun bei der spa­ni­schen Regie­rung. / Der 37-jäh­ri­ge Alek­san­dr Pav­lov ist kasa­chi­scher Staats­bür­ger und hat in Spa­ni­en einen Antrag auf Asyl gestellt. Er befin­det sich der­zeit in der spa­ni­schen Haupt­stadt Madrid in Haft. Am 8. Novem­ber prüf­te und bewil­lig­te das zen­tra­le Gericht zur Ver­fol­gung schwe­rer Straf­ta­ten (Audi­en­cia Nacio­nal) den Aus­lie­fe­rungs­an­trag der kasa­chi­schen Behör­den und bestä­tig­te damit die Ent­schei­dung der Zwei­ten Straf­kam­mer des Gerichts vom 23. Juli. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung über das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen wird vom spa­ni­schen Minis­ter­rat getrof­fen. Die­ser könn­te die Ent­schei­dung des zen­tra­len Gerichts auf­he­ben. Auf natio­na­ler Ebe­ne sind in Alek­san­dr Pav­lovs Fall alle Rechts­mit­tel erschöpft. Soll­te er nach Kasach­stan zurück­ge­führt wer­den, dro­hen ihm Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen sowie ein unfai­res Gerichts­ver­fah­ren. / Amnes­ty Inter­na­tio­nal ist der Ansicht, dass das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen der kasa­chi­schen Behör­den mit Alek­san­dr Pav­lovs Ver­bin­dun­gen zu dem Oppo­si­ti­ons­füh­rer Mukhtar Ably­azov zusam­men­hängt. Mukhtar Ably­azov war 2009 aus Kasach­stan geflo­hen und wur­de 2011 in Groß­bri­tan­ni­en als Flücht­ling aner­kannt. Alek­san­dr Pav­lov war zuvor eini­ge Jah­re lang als Sicher­heits­chef von Mukhtar Ably­azov tätig gewe­sen. Es hat in Kasach­stan eini­ge Fäl­le gege­ben, in denen straf­recht­li­che Ver­fah­ren gegen poli­tisch oder zivil­ge­sell­schaft­lich akti­ve Per­so­nen mit deren Ver­bin­dun­gen zu Mukhtar Ably­azov und sei­nen regie­rungs­kri­ti­schen Ansich­ten in Zusam­men­hang gebracht wor­den sind. Trotz der Zusi­che­rung der Regie­rung, das Pro­blem der Fol­ter und Miss­hand­lung von Inhaf­tier­ten in Kasach­stan erfolg­reich ange­gan­gen zu sein, wird nach wie vor über der­ar­ti­ge Fäl­le berich­tet. / Gemäß dem Völ­ker­recht ist Spa­ni­en ver­pflich­tet, nie­man­den in ein Land zurück­zu­füh­ren, in dem ihm oder ihr Ver­fol­gung oder ande­re schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen bzw. ‑ver­stö­ße dro­hen. Die spa­ni­schen Behör­den dür­fen Alek­san­dr Pav­lov daher nicht an Kasach­stan aus­lie­fern oder ihn auf ande­re Wei­se dort­hin über­stel­len, da sie damit gegen ihre inter­na­tio­na­len men­schen­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen ver­sto­ßen wür­den. Er darf den kasa­chi­schen Behör­den auch dann nicht über­ge­ben wer­den, wenn die­se diplo­ma­ti­sche Zusi­che­run­gen machen, ihn nicht zu fol­tern, in ande­rer Wei­se zu miss­han­deln oder in einem unfai­ren Ver­fah­ren zu ver­ur­tei­len.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Dezem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

///

schwarzweißballone

9

india : 6.52 — Auf einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie, die ich in den Maga­zi­nen mei­nes Vaters ent­deck­te, sind Wan­de­rer im Gebir­ge zu sehen. Die Auf­nah­me wur­de irgend­wann in den 20er-Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts gefer­tigt, 1926 oder 1928, undeut­li­che Schrift­zei­chen ver­hin­dern genaue­re Bestim­mung. Ich hat­te ein Ver­grö­ße­rungs­glas zu Hil­fe genom­men, um in die Tie­fe der Foto­gra­fie vor­drin­gen zu kön­nen. Acht Men­schen sind zu erken­nen, eini­ge lachen, ande­re schei­nen doch erschöpft zu sein. Sie sind in der Pha­se des Auf­stiegs fest­ge­hal­ten. Ein sehr stei­ler Pfad. Jen­seits die­ses Pfa­des ein Abgrund. Die Wan­de­rer haben Stö­cke in der Hand, Hüte auf dem Kopf, fes­te, schwe­re Schu­he an den Füßen. Bemer­kens­wert ist, dass sie kei­ne Ruck­sä­cke auf dem Rücken tra­gen. Im Bild­aus­schnitt sind außer­dem kei­ne Trä­ger zu sehen, weder Mulis noch Pfer­de, statt­des­sen eini­ge Stein­bö­cke am obe­ren Bild­rand. Dort vor allem Fel­sen, kein Him­mel, eini­ge Lat­schen­kie­fern. Ich leg­te die Foto­gra­fie zur Sei­te. Eini­ge Zeit spä­ter bemerk­te ich unter wei­te­ren Foto­gra­fien, eine zwei­te Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie der Wan­der­grup­pe. Sie hat­te nun einen Grat erreicht, Him­mel ist zu sehen, Him­mel ohne Wol­ken. Einer der Män­ner deu­tet abwärts ins Tal. Die Grup­pe scheint ins­ge­samt ange­hal­ten zu haben. Sie besteht noch immer aus acht Per­so­nen. Über die­sen Per­so­nen schwe­ben hel­le Bal­lo­ne, die mit den Men­schen ver­bun­den gewe­sen sein müs­sen, da sie sich je in der­sel­ben Höhe über den Köp­fen der Wan­de­rer befin­den. Unter den Bal­lo­nen hän­gen Körb­chen, in wel­chen sich Waren befin­den, die nur undeut­lich aus dem Pixel­sand des Bil­des tre­ten, Ahnun­gen. Ich hat­te Bal­lo­ne die­ser Art bis dahin weder mit eige­nen Augen gese­hen, noch hat­te ich je von der Erfin­dung flie­gen­der Ruck­sä­cke gehört. Die Foto­gra­fien waren ohne jede Beschä­di­gung, nur etwas gewölbt, als wären sie für kur­ze Zeit feucht gewor­den. Kein Hin­weis auf Ort oder Urhe­ber der Arbei­ten. Viel­leicht Auf­nah­men mei­nes Groß­va­ters, den ich nie per­sön­lich ken­nen­ge­lernt habe, Auf­nah­men, die weni­ge Jah­re vor der Geburt mei­nes Vaters ange­fer­tigt sein müss­ten. Sie schwe­ben nun selbst frei, ohne leben­de Zeu­gen, wie Bal­lo­ne in der Zeit her­um. — stop
ping

///

cloud

9

ulys­ses : 2.05 — Neh­men wir ein­mal an, es wäre tat­säch­lich Mon­tag. Ein stür­mi­scher Tag. Es reg­net. Der Wind kommt von Wes­ten her. Ich gehe nach links, ich gehe mit dem Regen, mit Wind im Rücken. Viel­leicht habe ich die Maschi­ne, die mich in mei­ner Abwe­sen­heit besuch­te, des­halb nicht gese­hen. Sie muss über einen Schlüs­sel ver­fü­gen oder über beson­de­res Geschick. Sie arbei­te­te schnell, ich war kaum drei Stun­den unter­wegs. Ich war am Bahn­hof, habe etwas Reis mit Huhn geges­sen, spa­zier­te am Fluss, viel bun­tes Laub, traf eine Freun­din, die von einer Rei­se nach Dar­jee­ling erzähl­te, von den höl­zer­nen Zügen und vom Schnee, der so über­ra­schend gefal­len war, dass sie nach einer Nacht im Schlaf, vor einem Fens­ter ste­hend, ihren Augen nicht trau­te. Wie ich also nach Hau­se kom­me, sehe ich auf der Stra­ße Bücher lie­gen, es waren hun­der­te Bücher, ein klei­ner Berg im Vor­gar­ten, auch in den Kro­nen der Bäu­me waren Bücher hän­gen­ge­blie­ben. Die Woh­nungs­tür war ange­lehnt, die Fens­ter im Arbeits­zim­mer geöff­net. Inmit­ten die­ses Zim­mers stand nun jene Maschi­ne, deren Kom­men ich nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Ein letz­tes Buch war in ihren Griff genom­men, rasend schnell blät­ter­te sie von einer Sei­te zur ande­ren, foto­gra­fier­te jede der Sei­ten, und schleu­der­te das Buch schließ­lich mit einer geschmei­di­gen Bewe­gung aus dem Fens­ter. Die Maschi­ne summ­te lei­se. Sie ver­füg­te über einen auf­rech­ten Gang wie ein Mensch. Ich hör­te ihre Schrit­te auf der Trep­pe. Ich schloss die Tür, auch mei­ne was­ser­fes­ten Bücher im Bad waren ver­schwun­den, Notiz­hef­te, Zet­tel­samm­lung, alles ver­schwun­den an die­sem stür­mi­schen Tag, der ein Mon­tag ist. Es reg­net. Und der Wind kommt von Wes­ten her. Noch ist es dun­kel, noch drei oder vier Stun­den wird es dun­kel sein. Gegen fünf Uhr wer­de ich die ers­te Stra­ßen­bahn hören, wie sie sich nähert, wie sie in eine Kur­ve fährt, ihr Pfei­fen, und die Stim­men schläf­ri­ger Men­schen. — stop

polaroidfenster1

///

ai : TSCHECHISCHE REPUBLIK

aihead2

MENSCH IN GEFAHR: „Tatia­na Paras­ke­vich, eine Asyl­be­wer­be­rin aus Kasach­stan, befin­det sich seit mehr als 18 Mona­ten in der Tsche­chi­schen Repu­blik in Haft. Ihr droht nun die unmit­tel­ba­re Aus­lie­fe­rung in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on. In bei­den Fäl­len wird sie anschlie­ßend ver­mut­lich nach Kasach­stan zurück­ge­führt, wo ihr auf­grund ihrer Ver­bin­dun­gen zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nel­len Mukhtar Ably­azov Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen sowie ein unfai­res Gerichts­ver­fah­ren dro­hen. / Die 49-jäh­ri­ge Tatia­na Paras­ke­vich besitzt die rus­si­sche und die kasa­chi­sche Staats­bür­ger­schaft und befin­det sich der­zeit als Asyl­be­wer­be­rin in der Tsche­chi­schen Repu­blik. Sie wur­de im Mai 2012 mit einem Haft­be­fehl von Inter­pol ver­haf­tet, als sie sich in Kar­l­o­vy Vary (Karls­bad) im Nord­wes­ten Tsche­chi­ens wegen eines Herz­lei­dens medi­zi­nisch behan­deln ließ. Im Juni 2012 bean­trag­ten die ukrai­ni­schen Behör­den wegen ver­meint­li­cher Finanz­de­lik­te die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich. Zudem haben die rus­si­schen Behör­den ein Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen ein­ge­reicht. Der Gerichts­hof in Pil­sen hat zwei­mal gegen die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich in die Ukrai­ne geur­teilt: im Okto­ber 2012 und im Janu­ar 2013. Im Febru­ar 2013 ent­schied der Obers­te Gerichts­hof in Prag jedoch, dem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen statt­zu­ge­ben. Ein anschlie­ßen­des Rechts­mit­tel vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt wur­de im Mai 2013 zurück­ge­wie­sen. Einen Monat zuvor, im April 2013, hat­te Tatia­na Paras­ke­vich Asyl bean­tragt, die Ent­schei­dung über die Asyl­ge­wäh­rung steht jedoch aus. Nach gegen­wär­ti­gem tsche­chi­schem Recht kann die Aus­lie­fe­rung eineR Asyl­be­wer­be­rIn nicht erfol­gen, solan­ge das Asyl­ver­fah­ren noch läuft. Tatia­na Paras­ke­vich befin­det sich seit über 18 Mona­ten in Pil­sen in Haft. /Die Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen der ukrai­ni­schen und rus­si­schen Behör­den sind allem Anschein nach auf die Ver­bin­dun­gen von Tatia­na Paras­ke­vich zu dem kasa­chi­schen Oppo­si­tio­nel­len Mukhtar Ably­azov zurück­zu­füh­ren. Die­ser war 2009 aus Kasach­stan geflo­hen und wur­de 2011 in Groß­bri­tan­ni­en als Flücht­ling aner­kannt. Mukhtar Ably­azov befin­det sich der­zeit in Frank­reich in Aus­lie­fe­rungs­haft. Auch er soll in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on aus­ge­lie­fert wer­den. Tatia­na Paras­ke­vich ist die ehe­ma­li­ge Geschäfts­füh­re­rin einer Invest­ment­grup­pe. Ihr wird von der ukrai­ni­schen sowie der rus­si­schen Staats­an­walt­schaft vor­ge­wor­fen, zusam­men mit Mukhtar Ably­azov Finanz­de­lik­te began­gen zu haben. Mukhtar Ably­azov ist der ehe­ma­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der kasa­chi­schen BTA Bank. / Auf der Grund­la­ge des Völ­ker­rechts hat die Tsche­chi­sche Repu­blik die unein­ge­schränk­te Ver­pflich­tung, nie­man­den in ein Land aus­zu­lie­fern, in dem ihm oder ihr Ver­fol­gung oder ande­re schwe­re Men­schen­rechts­ver­bre­chen dro­hen. Dies bezieht sich auch auf die Abschie­bung in Län­der, in denen einer Per­son die Rück­füh­rung in ein ande­res Land droht, in dem sie wie­der­rum sol­chen Ver­stö­ßen aus­ge­setzt wäre. Die tsche­chi­schen Behör­den müs­sen also die Aus­lie­fe­rung von Tatia­na Paras­ke­vich in die Ukrai­ne oder die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on ver­hin­dern, denn dies wür­de einen Ver­stoß gegen die inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­ver­pflich­tun­gen Tsche­chi­ens dar­stel­len.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 2. Dezem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping

///

ohrwörtersuche

9

hima­la­ya : 0.05 — Heu­te Nach­mit­tag 601 Optio­nen gezählt, das Wort Ohr fort­zu­set­zen. Zum Bei­spiel: Ohr­as­sel Ohr­ba­cken Ohr­bau­mel Ohr­bla­se Ohr­bom­mel Ohren­af­fe Ohren­blä­ser Ohr­sprit­ze Ohr­stein­chen Ohren­fin­ger Ohren­fle­der­maus Ohren­flüs­te­rer Ohren­gei­er Ohren­ge­wöl­be Ohr­löf­fel Ohren­hau­be Ohren­schmaus Ohr­fei­gen­spiel Ohren­sucht Ohr­fa­san Ohr­fe­der Ohren­teu­fel Ohr­fei­gen­com­man­do Ohren­ge­dächt­nis Ohr­lip­pe Ohr­tau­be Ohr­wan­gen Ohren­los [ nach Grimm­sches Wör­ter­buch digi­tal ] — Bei den Ohren­fin­gern soll es sich um klei­ne Fin­ger der lin­ken oder rech­ten Hand han­deln, die übli­cher­wei­se als Ohr­rei­ni­ger ver­wen­det wer­den. stop. Leich­ter Regen. — stop
polaroidgehen

///

versuch über nachtsprache

9

romeo : 22.58 — Vor einem mei­ner Fens­ter in der Höhe ist heu­te Abend eine klei­ne Spin­ne auf­ge­taucht, ein Jäger auf dem Fens­ter­brett, schnell, geschmei­dig, gestreif­ter Pelz, Augen so klein, dass ich sie nicht sehen kann. Mit die­sen Augen, die ich nicht sehen kann, beob­ach­te­te mich die Spin­ne ver­mut­lich, wäh­rend ich in ihrer Nähe am Fens­ter stand und Sät­ze wie­der­hol­te, die der­art ver­kno­tet waren, dass ich sie kaum aus­spre­chen konn­te. Die Spin­ne beweg­te sich nicht, und ich dach­te, viel­leicht hör­te sie mir zu, hört, was N., die seit zwölf Jah­ren als Sach­be­ar­bei­te­rin in der Nähe eines Flug­ha­fens arbei­tet, erzähl­te, war­um näm­lich die Begrü­ßung in der Nacht unter Nacht­ar­bei­tern eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit sein kann. N’s Aus­sa­ge zur Fol­ge soll es jeweils nach Mit­ter­nacht zu Schwie­rig­kei­ten des­halb kom­men, weil man bis zur Mit­ter­nachts­stun­de noch einen guten Abend wün­schen kön­ne, indes­sen eine Per­son, der man im Auf­zug begeg­ne, in den ers­ten Minu­ten eines neu­en Tages bereits mit einem fröh­li­chen guten Mor­gen zu begrü­ßen sei, obwohl doch der nächs­te Mor­gen mit Licht oder Aus­sicht auf Fei­er­abend zu die­sem Zeit­punkt noch vie­le Stun­den weit ent­fernt sein müss­te. Ein eigen­tüm­li­ches Gefühl, sag­te N., das die­ser vor­aus­ei­len­de Mor­gen inmit­ten der Nacht noch nach Jah­ren in ihr erzeu­ge. Tat­säch­lich scheint es so zu sein, dass inmit­ten der Nacht die Nacht selbst in einer Begrü­ßungs­for­mel nicht ange­spro­chen wer­den kann, weil die For­mu­lie­rung Gute Nacht im all­ge­mei­nen Abschied bedeu­tet unter Men­schen, die zur übli­chen Wach­zeit exis­tie­ren, obwohl man doch im Moment des Abschie­des viel­leicht gera­de Stirn an Stirn in einem Bett liegt, man macht die Augen zu und schläft, sofern man glück­lich und zufrie­den ist. Zwei Schla­fen­de. Es ist so, als wären sie bei­de ver­reist, als wären sie bei­de nicht anwe­send, nicht erreich­bar, auch nicht für sich selbst, weil ein Schla­fen­der nie­mals zuver­läs­sig in der Lage sein wird, sich per­sön­lich zu wecken, ohne vor­beu­gend exter­nes Glo­cken­werk pro­gram­miert zu haben. Aber das ist schon wie­der eine ganz ande­re Geschich­te. — stop

ping

///

am schalter

9

marim­ba : 0.08 — Ich hat­te fol­gen­den Traum. Ich war gestor­ben. Ich saß mit zahl­rei­chen Men­schen in einer Hal­le, die mich an den War­te­saal eines Bahn­ho­fes erin­ner­te. Tat­säch­lich hör­te ich Zug­ge­räu­sche, das Schnau­fen alter Loko­mo­ti­ven. Alle Men­schen in der Hal­le waren tot wie ich, zugleich aber sehr leben­dig, ja fröh­lich. Sie lager­ten auf höl­zer­nen Bän­ken. Libel­len in allen mög­li­chen Far­ben has­te­ten durch den Raum. War­mes Licht ström­te durch Jalou­sien zu uns her­ein. Laut­spre­cher­stim­men ver­la­sen Namen, man­che waren ver­traut, ande­re klan­gen fremd. Ich erin­ne­re mich an Kin­der, sie toll­ten her­um, man­che spiel­ten mit Pup­pen oder Bäl­len. Sobald ein Name auf­ge­ru­fen wur­de, erhob sich eine Per­son und ging zu einem der Schal­ter. Bald wur­de auch mein Name ver­le­sen. Eine Frau stand am Schal­ter vor mir. Die Frau scherz­te mit einem Mann, der hin­ter einer Glas­schei­be saß. Sie sag­te, sie sei erschos­sen wor­den. In den Kopf, frag­te der Mann. Die Frau nick­te und der Mann ant­wor­te­te sofort: Das müs­sen wir mel­den. Plötz­lich rich­te­te er sei­nen Blick auf mich und frag­te: Sie auch? Sie auch in den Kopf? — stop
ping

///

bumerang

9

echo : 2.25 — Weni­ge Minu­ten nach Mit­ter­nacht lan­de­te ein Mari­en­kä­fer auf mei­ner lin­ken Wan­ge. Ich kann nicht ent­schei­den, ob das ein Zufall gewe­sen war oder nicht. Indem ich das rech­te Auge schloss, aber mit dem lin­ken Auge so weit wie mög­lich nach unten sah, konn­te ich die halb­ku­gel­för­mi­ge Wöl­bung sei­nes Rückens erken­nen. Und ich spür­te eine leich­te Bewe­gung, der Käfer schien mich zu betas­ten. Natür­lich über­leg­te ich sofort, ob es sich bei die­sem Käfer nicht um ein fern­ge­steu­er­tes Wesen han­deln könn­te, das mich besuch­te, um Pro­ben von mei­ner Kör­per­ober­flä­che auf­zu­neh­men. Nach eini­gen Minu­ten ver­än­der­te der Käfer sei­ne Posi­ti­on, er ging zu Fuß, klet­ter­te an mir her­ab, saß für eini­ge Minu­ten an mei­nem Hals, dort konn­te ich ihn weder sehen noch spü­ren, um kur­ze Zeit spä­ter auf mei­nem Hemd zu erschei­nen, wo er sich sehr wohl­ge­fühlt haben moch­te, weil er dort eine gute Stun­de sei­ner Lebens­zeit ver­brach­te. Viel­leicht hat­te der Käfer geschla­fen, oder sich von Stra­pa­zen erholt, die mir unbe­kannt. In die­sem Moment nun, da ich mei­nen Text notie­re, sitzt der in Wör­tern ver­merk­te Käfer am lin­ken unte­ren Rand des Bild­schir­mes mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Er presst sich fest an das Gehäu­se. Wei­te­re Käfer sit­zen an den Wän­den, es sind ein gutes Dut­zend, auch Käfer mit gel­bem Gehäu­se sind dar­un­ter. Ges­tern habe ich beob­ach­tet, dass gel­be Käfer mit vier­und­zwan­zig Punk­ten, wenn ich sie behut­sam in eine mei­ner Hän­de set­ze und in die Dun­kel­heit wer­fe, sofort wie­der zurück­kom­men. Man könn­te sagen, dass es sich bei die­ser Art um Bume­rang­kä­fer han­deln könn­te. — stop
ping

///

ai : MEXICO

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR : “Der Men­schen­recht­ler Herón Six­to López ist im mexi­ka­ni­schen Bun­des­staat Oaxa­ca ver­schleppt und getö­tet wor­den. Amnes­ty Inter­na­tio­nal befürch­tet, dass auch sei­ne Fami­lie und Kol­le­gIn­nen in Gefahr sind. Am 20. Juli wur­de die Lei­che des Men­schen­rechts­ver­tei­di­gers Herón Six­to López nahe der Gemein­de San Sebas­tián Teco­maxt­la­huaca im Bun­des­staat Oaxa­ca im Süden Mexi­kos gefun­den. Sie wies min­des­tens sechs Schuss­wun­den auf. Herón Six­to López war am 15. Juli als ver­misst gemel­det wor­den; an die­sem Tag war er zuletzt in sei­nem Büro des Ori­en­tie­rungs- und Bera­tungs­zen­trums für indi­ge­ne Völ­ker (Cen­tro de Ori­ent­a­ción y Ase­so­ría a Pue­blos Indí­ge­nas — COAPI) gese­hen wor­den. Sein Ver­schwin­den wur­de bei der Staats­an­walt­schaft von Oaxa­ca in Jux­tla­huaca offi­zi­ell ange­zeigt. / Herón Six­to López setz­te sich in loka­len Gemein­den für die Rech­te indi­ge­ner Grup­pen ein. So ver­trat er bei­spiels­wei­se das indi­ge­ne Volk der Mix­te­ken in Land­strei­tig­kei­ten. In den letz­ten Mona­ten sei­nes Lebens hat­te er zahl­rei­che anony­me Anru­fe erhal­ten. Einer der Anru­fer sag­te ihm offen­bar, dass man ihn “ver­schwin­den” las­sen wür­de. Seit sei­nem Tod haben sei­ne Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Vor­fäl­le ange­zeigt, die den Schluss nahe­le­gen, dass sie sich eben­falls in Gefahr befin­den. Am 21. Juli wur­de die Fami­lie nach der Beer­di­gung von Herón Six­to López von einem Auto ver­folgt. / Die Umstän­de, die zum Tod von Herón Six­to López führ­ten, müs­sen noch in vol­lem Umfang geklärt wer­den. Dabei ist es aller­dings wich­tig, dass ein etwa­iger Zusam­men­hang mit sei­ner Men­schen­rechts­ar­beit umfas­send unter­sucht wird.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 5. Sep­tem­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

ping



ping

ping