Aus der Wörtersammlung: farbe

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ein kleines tier von luft

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marim­ba : 3.10 — Es ist rich­tig, ich bin begeis­tert. Seit zwei Tagen schwebt eine merk­wür­di­ge Gestalt durch mei­ne Woh­nung. Es han­delt sich um ein Lun­gen­bal­lon­tier, nichts wei­ter, um eine Krea­tur von küh­ler, sand­far­be­ner Haut in der Grö­ße einer Honig­me­lo­ne. Wenn ich sage, dass es sich bei die­sem Wesen um ein Lun­gen­bal­lon­tier han­delt, dann des­halb, weil das Tier in sei­ner der­zei­ti­gen Erschei­nung vor­wie­gend aus Luft zu bestehen scheint. Es war näm­lich nicht sehr groß gewe­sen, als es mir am Sams­tag von einem Brief­bo­ten in einer fla­chen Schach­tel über­ge­ben wor­den war. Wie es dort lag, sah es zunächst noch aus wie ein Taschen­tuch, sorg­fäl­tig gebü­gelt und gefal­tet. Genau in sei­ner Mit­te war ein win­zi­ger Kopf zu erken­nen, ein Mund und eine Nase und Augen, die geschlos­sen waren, als wür­de das Tier schla­fen. Kaum aber aus sei­nem Rei­se­be­häl­ter geho­ben, hol­te das klei­ne, gefal­te­te Tier Luft und begann lang­sam zu wach­sen. Es war in die­sem Vor­gang des Wach­sens nichts zu hören, als ein äußerst lei­ses Pfei­fen, des­sen Ursprung ich nicht erken­nen konn­te. Eine Stun­de ver­ging und eine wei­te­re Stun­de, bis das Tier sich voll­stän­dig ent­fal­tet hat­te. Es war rund gewor­den, nach wie vor aber noch fal­tig, und es wuchs wei­ter, und es begann sich von dem Tisch zu lösen, auf dem es die ers­ten Stun­den in Frei­heit ver­bracht hat­te. Seit­her bewegt es sich lang­sam wie ein Zep­pe­lin durch mei­ne Zim­mer. Zunächst war es ins Bad geflo­gen, dann in die Küche, durch den Flur zurück ins Wohn­zim­mer, und von dort ins Arbeits­zim­mer, wo es vor dem Fens­ter eine Wei­le ver­harr­te, obwohl drau­ßen tie­fe Nacht herrsch­te. Das Tier hat­te inzwi­schen sei­ne Augen geöff­net, kein Wun­der, es schien auch an mir selbst zuneh­mend inter­es­siert zu sein, wie genau in die­sem Moment, da ich notie­re. Gera­de kommt es wie­der zurück aus der Küche, es nähert sich, es ist nun ohne Fal­ten und es schim­mert, und noch immer pfeift es lei­se vor sich hin. — stop

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ein anderes zimmer

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tan­go : 6.30 — Wie­der die Fra­ge, wie lan­ge Zeit ich bereits über Augen ver­fü­ge? Wann genau schal­te­te sich die Über­tra­gung des Lichts für mich ein? Exis­tie­ren noch Erin­ne­run­gen an die­sen ers­ten Moment, Erin­ne­rung von Far­be, Schat­ten, Bewe­gung? Wel­ches Geräusch war ers­te das Geräusch gewe­sen, das ich hör­te? Ein Herz­po­chen, ein Rau­schen viel­leicht, oder ein Stan­dard von Ben­ny Good­man, Musik in aller­nächs­te Nähe, und doch wie aus einem ande­ren Zim­mer kom­mend? — stop

polaroidvogelflug

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emilia nabokov no2

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del­ta : 6.36 — Ich hat­te ein Gespräch mit einem Freund, der seit vie­len Jah­ren in digi­ta­len Räu­men arbei­tet, bei­na­he könn­te ich sagen, ich hat­te ein Gespräch mit einem Freund, der seit vie­len Jah­ren in digi­ta­len Räu­men zu exis­tie­ren scheint. Zahl­rei­che sei­ner Arbei­ten ver­bin­den sich mit Arbei­ten ande­rer Men­schen, weil man auf ihn ver­weist, weil man auf ihn war­tet, auf Tex­te, auch auf Bil­der, Fil­me, Geräu­sche, die er auf­nimmt, sobald er etwas Inter­es­san­tes zu hören meint. Mit jeder Minu­te der ver­ge­hen­den Zeit wächst sein elek­tri­scher Schat­ten. Er macht das ähn­lich wie eine New Yor­ker Foto­gra­fin, die stun­den­lang durch die Stadt spa­ziert und mit einem iPho­ne all das foto­gra­fiert, was ihr ins Auge fällt. Manch­mal sind es hun­der­te Foto­gra­fien an einem ein­zi­gen Tag, die nur Sekun­den nach Auf­nah­me von ihrem Foto­ap­pa­rat, mit dem sie gleich­wohl tele­fo­nie­ren kann, an das Flickr – Medi­um gesen­det wer­den. Mein Freund erzähl­te, dass er den Ein­druck habe, die jun­ge foto­gra­fie­ren­de Frau in Echt­zeit zu beob­ach­ten, ihr im Grun­de so nah gekom­men zu sein, dass er kurz vor Weih­nach­ten fürch­te­te, etwas Ernst­haf­tes könn­te ihr wider­fah­ren sein, weil drei Tage in Fol­ge kei­ne Foto­gra­fie gesen­det wur­de. Am vier­ten Tag erkun­dig­te er sich mit­tels einer E‑Mail, die er an Flickr sen­de­te, ob es der schweig­sa­men Foto­gra­fin gut gehe, er mache sich Gedan­ken oder Sor­gen. Man muss das wis­sen, mein Freund hat­te der Foto­gra­fin nie zuvor geschrie­ben, kann­te nicht ein­mal ihren wirk­li­chen Namen, son­dern nur ein Pseud­onym: Emi­lia Nabo­kov No2. Eine hal­be Stun­de, nach­dem die E‑Mail gesen­det wor­den war, erschien, als habe ihm die spa­zie­ren­de Künst­le­rin zur Beru­hi­gung geant­wor­tet, eine Foto­gra­fie ohne Titel. Die­se Foto­gra­fie erzähl­te davon, dass sich Emi­lia Nabo­kov No2 ver­mut­lich nicht in New York auf­hielt, son­dern in Montauk, weil auf der Foto­gra­fie ein Leucht­turm auf einem ver­schnei­ten Hügel zu sehen war, der ein­deu­tig zur klei­nen Stadt Montauk an der nord­öst­li­chen Spit­ze Long Islands gehör­te. Im Hin­ter­grund das Meer, und vor­ne, ob nun mit Absicht oder nicht, ein Fuß in einem Gum­mi­stie­fel von knall­ro­ter Far­be. — stop

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linie 12 : 2 uhr und 25 minuten

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echo : 3.08 — In die­ser Nacht fah­ren fun­ken­sprü­hen­de Stra­ßen­bah­nen durch die Stadt, uralte Model­le, und die Luft duf­tet pel­zig nach Zinn und Eisen unter Strom­ab­neh­mern, wel­che über Lei­tun­gen ras­peln, deren gefro­re­ne Was­ser­män­tel im Licht der Later­nen schim­mern. Die­ses Feu­er, mal blau, mal schrill und gleis­send hell, mal in den mil­den Far­ben der Ker­zen­flam­men. Erschei­nun­gen, als wür­de Lava aus Adern drin­gen, die über Stra­ßen gespannt. In den Wagons der Trams ste­hen Män­ner. Sie tra­gen Hand­schu­he und leder­ne Schür­zen, war­um? — stop

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matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mei­ner Kind­heit besit­ze ich eine Pup­pe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­ge­lernt. Die­ser Name war so lan­ge gül­tig gewe­sen, bis mir eine rus­si­sche Bekann­te erzähl­te, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­pup­pe han­deln wür­de. Man kann die­se Pup­pe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art ent­zweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Tei­len mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern besteht, einem unte­ren Teil mit Füs­sen, die in Far­be auf das hel­le Holz auf­ge­tra­gen sind, und einem obe­ren Teil mit einem gezeich­ne­ten Kopf. Mit die­ser Tren­nung geht die Gestalt der Pup­pe jedoch nicht wirk­lich ver­lo­ren, weil sie in einer klei­ner gewor­de­nen Aus­ga­be, die sich in der grö­ße­ren Pup­pen­form ver­steck­te, wei­ter­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das glei­che Gesicht, wie ihre Hül­le, über einen etwas klei­ne­ren Mund, und gleich­falls gerö­te­te Wan­gen und klei­ne­re Augen, und sie drückt in die­ser Erschei­nung nichts ande­res aus als: Ich bin nur eine Hül­le, ich tra­ge mein eigent­li­ches Inne­res in mir, mein Wesen, öff­ne mich! Und so wei­ter und so fort. Ges­tern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babusch­ka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende stu­diert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm mei­ne Pup­pe seit vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der in die Hand und öff­ne­te sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­si­ves Gefühl wahr­ge­nom­men, eine Emp­fin­dung mei­ner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit ent­fernt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir mei­ne Pup­pe von Holz in Erin­ne­rung geru­fen hat­te. Miri­am erzählt von Erfah­run­gen des Prä­pa­rier­saa­les: Zuerst also haben wir die Haut ent­fernt und dann das Fett. Das war wie ein zwei­ter Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Mus­keln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an die­se Babusch­ka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klei­ner, wenn man eine geöff­net hat und danach die nächs­te. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Bei­ne und ein Kopf, der aus zwei Tei­len bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­ge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment sehr gut an eine merk­wür­di­ge Geschich­te aus der Anfangs­zeit des Kur­ses. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pa­rier­saal des Insti­tu­tes. Ich hat­te schlecht geschla­fen wegen einer leich­ten Grip­pe, und so war ich eine der ers­ten Stu­den­tin­nen gewe­sen, die an die­sem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam auf­ge­nom­men haben. Ich prä­pa­rier­te an einem der Arme, eine recht kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit war das gewe­sen, und ich dach­te immer wie­der, dass mei­ne Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so fei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren. Ich fluch­te also ein wenig vor mich hin und dann ent­schul­dig­te ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich ent­schul­dig­te mich bei dem Leich­nam für mei­ne unfreund­li­chen Wor­te. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Lei­che gespro­chen hat­te, noch ein wenig so wei­ter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Mono­log. One way! Aber gut. — stop

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josephine auf der mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung, wie sich Jose­phi­ne an einem war­men Sams­tag­vor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besich­ti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fah­rer erzählt, dass er noch nie eine so wei­te Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigent­lich dür­fe er mit sei­nem Wagen die Stadt nicht ver­las­sen. Also stei­gen sie in Jose­phi­nes Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahr­zehnt nicht aus der Gara­ge bewegt wor­den war. Sie neh­men die Ver­raza­no-Nar­rows Bridge süd­wärts. Jose­phi­ne raucht schon lan­ge nicht mehr, aber heu­te macht sie eine Aus­nah­me, eine. Ihr dün­nes wei­ßes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wen­di­gen Fin­gern wie­der ein. Sie trägt Turn­schu­he und ein oran­ge­far­be­nes, som­mer­li­ches Kleid. Die Haut ihrer Bei­ne, Arme, Schul­tern sind hell wie ihr Haar. Eine Stun­de rau­schen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pi­ke dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gleich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dunk­les, müdes Was­ser, lang­sam. Am Ufer war­tet ein jun­ger, bär­ti­ger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­tend roter Far­be. Wie Jose­phi­ne sich in die­sem Augen­blick wünscht, foto­gra­fiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Stroh­hut mit bei­den Hän­den zurecht­rückt, dann fah­ren sie los, unter mäch­ti­gen Brü­cken hin­durch in Rich­tung des Rarit­an­flus­ses. Möwen ste­hen im bra­cki­gen Was­ser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Flie­gen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrau­ber der Küs­ten­wa­che, dreht wie­der ab. Und plötz­lich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­ga­na in der Land­schaft, das aus­ran­gier­te gewal­ti­ge Fähr­schiff der Sta­ten Island Flot­te, die MS Mary Mur­ray. Schlag­sei­te steu­er­bords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libel­len schie­ßen hin und her, blaue und grü­ne rie­si­ge Tie­re. Wie sich Jose­phi­ne und der jun­ge Mann dem Schiffs­wrack vor­sich­tig nähern. Wie der jun­ge Mann eine Lei­ter am Rumpf des Schif­fes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sich­tig Spros­se um Spros­se erklimmt. Ihr behut­sa­mer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Far­ben vom Schiffs­kör­per fal­len, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Son­ne gebrannt, kann man das höl­zer­ne Herz der alten Flot­ten­da­me erken­nen, Käfer und Amei­sen spa­zie­ren über die Sitz­bän­ke der Pro­me­na­de. Jose­phi­ne muss nicht lan­ge suchen, im Schat­ten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitz­bank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwes­ter Geral­di­ne zu ent­de­cken sein, ein Satz nur, den das klei­ne Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Sta­ten Island in das Holz der Bank geritzt hat­te, wäh­rend ihre Zwil­lings­schwes­ter Char­lot­te sie vor Ent­de­ckung schütz­te. Wie Jose­phi­nes zit­tern­de Fin­ger in die­sem Augen­blick über die Ver­tie­fung der Zei­chen fah­ren. — stop

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eine alte frau

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del­ta : 7.28 — Eine alte Frau in den Schu­hen eines Man­nes. Sie ist klein, sie geht gebückt. Der Mann, zu dem frü­her ein­mal die Schu­he der alten, gebückt gehen­den Frau gehör­ten, muss ein Mann von statt­li­cher Grö­ße gewe­sen sein. Sie kann ihre Füße nicht vom Boden heben, ohne den schüt­zen­den Raum der rie­si­gen Schu­he zu ver­las­sen. Des­halb geht sie in einer Wei­se, als sie wür­de auf Ski­ern lau­fen. Links in der Hand trägt sie einen Stock, auf den sie sich stützt, sobald sie ein­mal ste­hen bleibt. Sie trägt einen grau­en Win­ter­man­tel, graue Hosen, einen grau­en Schal. Auch ihr Haar ist von grau­er Far­be. Eigent­lich fällt sie kaum auf in der Men­schen­men­ge, weil sie zier­lich ist und ohne Laut. Sie wan­dert in ihren Schnee­schu­hen über den Zen­tral­bahn­hof von Müll­ei­mer zu Müll­ei­mer, um jeweils in die Tie­fe der Behäl­ter­schlün­de zu spä­hen. Ich fra­ge mich, was sie suchen könn­te, viel­leicht Fla­schen oder ein Brot oder den Rest eines Apfels. Ich ken­ne die Erschei­nung die­ser Frau, ich ken­ne sie seit Jah­ren. Sie ist ein Leicht­ge­wicht, wenn ich sie mit den schwe­ren, den voll­stän­dig ver­mumm­ten Gestal­ten der New Yor­ker Stra­ßen in Bezie­hung set­ze. Als ich sie zum ers­ten Mal wahr­ge­nom­men habe, dach­te ich: Die­se Frau könn­te mei­ne Mut­ter sein, was ist gesche­hen? Damals sah die alte Frau krank aus und schmut­zig und sie roch sehr streng. Ihre Augen waren gelb­lich ver­färbt, dar­an erin­ne­re ich mich genau, ich über­leg­te, ob sie viel­leicht bald ster­ben wird. Das war vor zwei oder drei Jah­ren gewe­sen. Wie ich sie heu­te wie­der sehe, die alte Frau in den Schu­hen eines Man­nes, den­ke ich, sie ist wie eine Figur, die immer irgend­wo in Bahn­hö­fen anwe­send ist, die immer wie­der über eine die­ser Rei­se­büh­nen schrei­tet, ohne je wei­ter­zu­fah­ren, die­se Wege von Müll­ei­mer zu Müll­ei­mer und wie­der zurück auf der Suche nach etwas Nah­rung oder Pfand. An die­sem Abend über­ho­le ich sie, wen­de und bücke mich, sodass ich ihr nahe­kom­me. Sie hält an, schaut mir in die Augen. Ihre Haut ist weich und weiß und ihre Pupil­len sind klar. Ich sage: Ent­schul­di­gen Sie bit­te. Darf ich ihnen etwas geben? In dem Moment, da sie mir eine Hand ent­ge­gen­streckt, sagt sie mit der Stim­me eines Mäd­chens so hell: Dan­ke, war­um? — stop

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die schrift meines vaters

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nord­pol : 7.05 — Dass mein Vater älter wur­de und müde, war sei­ner Schrift deut­lich anzu­se­hen. Die Buch­sta­ben wur­den klei­ner, man­che stan­den senk­recht, ande­re neig­ten sich einer unsicht­ba­ren Linie zu, auf der sie sich wort­wei­se vor­wärts beweg­ten. Ich könn­te sagen, die Schrift mei­nes Vaters wirk­te so, als wäre ein Sturm seit­wärts über sie hin­weg­ge­fah­ren, zer­zaust, und doch waren alle not­wen­di­gen Buch­sta­ben für jedes der Wör­ter, die mein Vater geschrie­ben hat­te, gesetzt. Er notier­te zuletzt ger­ne mit­hil­fe der Tas­ta­tur sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne, das war nicht so anstren­gend, er ver­moch­te die Grö­ße der Zei­chen zu vari­ie­ren, sodass er sehen konn­te, was er gera­de auf den Bild­schirm brach­te. Ein­mal muss­te mein Vater einen Brief unter­zeich­nen, es war ein Okto­ber­tag, mein Vater war­te­te lan­ge Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruh­te, hielt den Stift, den man ihm gereicht hat­te, in der Hand, betrach­te­te die­sen Stift, dreh­te ihn zwi­schen den Fin­gern, er zöger­te den Moment hin­aus, da er mit der Auf­zeich­nung sei­nes Namens begin­nen wür­de. In die­sem Moment ahn­te ich, dass mein Vater sei­nen Namen malen wür­de, dass sei­ne nicht bewuss­te Signa­tur, die ein Leben lang gül­tig gewe­sen war, nicht län­ger zu exis­tie­ren schien, oder dass er unter den Augen eines Beob­ach­ters sich nicht län­ger trau­te, sei­ne urei­ge­ne Signa­tur aus­zu­füh­ren. Ja, mein Vater fürch­te­te sich, weil der Wind der ver­ge­hen­den Zeit sei­ne Schrift erfass­te. Sie war ein­mal eine akku­ra­te Schrift gewe­sen, eine Schrift wie gedruckt, sie notier­te kom­pli­zier­te mathe­ma­ti­sche For­meln, ohne je ihre Fas­sung auf den Papie­ren zu ver­lie­ren. Als Jun­ge beschloss ich, die­se Geheim­schrift der Zah­len und Wör­ter zu ent­schlüs­seln, bis sie noch vor mei­nem Vater selbst zu ver­schwin­den begann. Zurück­ge­blie­ben sind nun sei­ne Stif­te in einer Schub­la­de: Kugel­schrei­ber, Füll­fe­der­hal­ter, Blei­stif­te, Bunt­stif­te, auch ein Werk­zeug, mit dem man in wei­ßer Far­be notie­ren kann, viel­leicht um zu kor­ri­gie­ren, viel­leicht um Nicht­sicht­ba­res auf das Papier zu set­zen. — stop

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dos passos’ lesebrille

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del­ta : 22.01 — In dem Moment, da ich beim Augen­op­ti­ker mei­nen Wunsch nach einer Lese­bril­le vor­ge­tra­gen hat­te, war ich etwas ver­le­gen gewe­sen, als ob ich plötz­lich uralt gewor­den sei und etwas an Bedeu­tung ver­lo­ren hät­te. Ich sag­te nun zu dem Mann, der hin­ter dem Tre­sen stand: Hören Sie, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le. Ich sehe, glau­be ich, noch gut nach nah und fern. Aber ich möch­te ger­ne die­ses Buch hier lesen. Ich leg­te John Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer auf den Tre­sen ab, genau­er gesagt, Dos Pas­sos’ Roman in der deut­schen Taschen­buch­aus­ga­be des Rowohlt Ver­la­ges, ein Buch, dem sofort anzu­se­hen ist, dass man Papier spa­ren woll­te, eine ehren­wer­te Hand­lung, um Urwäl­der vor der Ver­nich­tung zu bewah­ren, das ist denk­bar. Man kann sich das so vor­stel­len: Die Zei­chen, die im Kör­per des Buches zu fin­den sind, sind äußerst klein gera­ten, alle Zei­len lie­gen dicht zuein­an­der und span­nen sich tat­säch­lich fast voll­stän­dig vom lin­ken bis zum rech­ten Rand der Sei­te. Es ist ein dicht bedruck­tes Buch, eine bei­na­he dunk­le Erschei­nung. Kön­nen Sie mir even­tu­ell mit einer pas­sen­den Bril­le wei­ter­hel­fen, frag­te ich den Opti­ker vor­sich­tig. Wis­sen Sie, wie ich bereits erwähn­te, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le! Der Opti­ker nahm also das Buch in die Hand, wog es hin und her, öff­ne­te es, warf einen kur­zen Blick auf die ers­te Sei­te des Romans und lächel­te, ich soll­te ihm fol­gen. Im Maga­zin, – es war ein gro­ßes, erheb­li­ches, ja ein bedeu­ten­des Waren­la­ger -, führ­te er mich Schub­la­den­wän­de ent­lang, die bis unter die Decke reich­ten, es roch sehr gut, etwas nach Alko­hol und etwas nach fei­nen Motor­ölen. Nach einer Wei­le blieb er ste­hen und deu­te­te auf eine der Schub­la­den. Dort stand, gleich­wohl in sehr klei­ner Schrift geschrie­ben: Dos Pas­sos / Man­hat­tan Trans­fer. Wie er nun die Schub­la­de öff­ne­te, lagen dicht an dicht eini­ge schö­ne Lese­bril­len in ver­schie­de­nen Far­ben und Grö­ßen und For­men. Über Dos Pas­sos’ Bril­len­schub­la­de war ein Fach mit der Beschrif­tung: Samu­el Beckett / Gesam­mel­te Roma­ne zu erken­nen. Gleich rechts davon lager­ten Ulys­ses’ Bril­len. – stop

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depesche aus neuseeland

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ulys­ses: 6.58 — Viel­leicht liegt die Foto­gra­fie, die Rahel vor zwei Tagen im Zug kurz vor dem Flug­ha­fen mit ihrem Han­dy von mir mach­te, soeben in Neu­see­land auf einem Holz­tisch in der Küche ihres Hau­ses, dun­kel­grü­ne Wei­den, Scha­fe vor den Fens­tern. Ja, viel­leicht, das ist denk­bar. Sicher ist, dass die­se Auf­nah­me tat­säch­lich gemacht wur­de, und dass ich auf ihr ver­mut­lich etwas unru­hig wir­ken könn­te, weil ich Rahel so vie­le Jah­re nicht gese­hen hat­te, wie sie plötz­lich vor mir sitzt, ein Geist sozu­sa­gen, ich glaub­te, sie sei längst gestor­ben. Man hat­te mir erzählt, ein Freund, sie sei tot, das war plau­si­bel, so wie Rahel leb­te. Von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de war sie in dem Moment der Nach­richt ihres Able­bens nach Jah­ren voll­kom­me­ner Abwe­sen­heit, wie­der zu einer Anwe­sen­den gewor­den, eine Tote nun mit einem Sta­tus. Jah­re war sie ein Nichts gewe­sen, weder da noch dort, eine Lee­re. Und plötz­lich saß sie in mei­ner Gegen­wart im Zug und nann­te mich beim Namen. Sie wun­der­te sich, sie frag­te: War­um siehst Du mich so selt­sam an? Ich ant­wor­te­te, dass ich über­rascht sei. Lie­be Rahel, sag­te ich, ich kann noch nicht glau­ben, Dich hier zu sehen. Ja, so sprach ich zu ihr hin, ohne mich eigent­lich hören zu kön­nen. Lei­der war kaum Zeit für ein Gespräch gewe­sen, ehe Rahel aus dem Zug stür­men wür­de, um das Nacht­flug­zeug nach Sin­ga­pur noch zu errei­chen. In die­ser Zeit, die nur Minu­ten dau­er­te, erzähl­te sie, dass sie damals, vor vie­len Jah­ren, nach Neu­see­land gereist und dort geblie­ben sei. Sie habe Euro­pa bei­na­he ver­ges­sen, sie sei nur des­halb zurück­ge­kom­men, weil ihre Mut­ter gestor­ben war. Stolz erwähn­te sie, dass sie zwei Töch­ter habe, und ich stel­le mir nun vor, wie sie viel­leicht in die­sem Moment, da ich mei­nen Text notie­re, jene Foto­gra­fie gemein­sam betrach­ten, die auf dem höl­zer­nen Tisch der Küche in Neu­see­land liegt, aus­ge­druckt in schwar­zer und wei­ßer Far­be, das Gesicht eines Man­nes, der staunt, der im Grun­de glaubt, zu träu­men. Ges­tern war die­ses Bild zu mir gekom­men, durch Luft, sagen wir, Signa­le. Ich hör­te, wie mein Tele­fon ein Geräusch mach­te, als die Foto­gra­fie voll­stän­dig ein­ge­trof­fen war. Unter dem Bild war eine klei­ne Notiz zu fin­den. Rahel schrieb: Lie­ber Lou­is, ich freu mich sehr, Dich gese­hen zu haben. Ich glaub­te, Du wärest nicht mehr unter uns. Mel­de mich wie­der. r. – stop

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