Aus der Wörtersammlung: sehen

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vom zufall

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del­ta : 0.12 — Hen­ry erzähl­te, er habe vor eini­gen Wochen eine Kar­ton­schach­tel erwor­ben für 80 Cent. Zu Hau­se habe er im Inne­ren der Schach­tel ein­hun­dert­und­zwölf Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien ent­deckt, Foto­gra­fien einer Zeit um das Jahr 1965 her­um. Men­schen, die auf die­sen Foto­gra­fien zu sehen sind, tra­gen Schuh­werk jener Jah­re, Män­tel, Hüte. Auch Auto­mo­bi­le, die da und dort im Hin­ter­grund zu sehen sind, ver­wei­sen auf die Mit­te eines Jahr­zehn­tes, als Hen­ry selbst gebo­ren wor­den war. Er habe die Bil­der nun digi­ta­li­siert und wür­de sie in weni­gen Tagen auf einer Web­sei­te ver­öf­fent­li­chen mit der Bit­te, sich bei ihm zu mel­den, sobald man sich selbst auf einer der Foto­gra­fien ent­de­cken wür­de. Ich woll­te wis­sen, war­um er so han­de­le. Hen­ry ant­wor­te­te, er habe das Gefühl, die­se Auf­nah­men könn­ten viel­leicht feh­len, irgend­je­man­dem, einem Album, einer Geschich­te. Ja, selbst­ver­ständ­lich sei ihm bewusst, dass nur durch einen Zufall sei­ne Sei­te von genau jenen Men­schen besucht wer­den wür­de, die sich wie­der erken­nen könn­ten, es gehe ihm rein um die Mög­lich­keit, dass sich die­ser Zufall ereig­nen kön­ne, er habe im Grun­de die Mög­lich­keit eines Zufal­les geschaf­fen. Eine der Foto­gra­fien soll ein höl­zer­nes Feu­er­wehr­au­to zei­gen, das von Kin­der­hand geführt über einen Tep­pich fährt. In dem Tep­pich sei ein Loch, das ihn an ein Brand­loch erin­nert habe. Eine wei­te­re Auf­nah­me zei­ge eine Gar­di­ne, die sich im Wind zu bewe­gen schei­ne, im Hin­ter­grund etwas Him­mel, Wol­ken und ein Flug­zeug. Und die­se alte Frau, die auf einer Park­bank sitzt, sie wird, sag­te Hen­ry, viel­leicht oder sehr sicher nicht mehr unter den Leben­den sein. Sie hält einen Foto­ap­pa­rat, es könn­te sich um eine Lei­ca han­deln, in ihren Hän­den. Die alte Frau lacht, es ist Som­mer, sie lacht wie jene ande­re, etwas jün­ge­re Frau, die auf einem stei­ni­gen Weg breit­bei­nig steht, ein Fuß ist zur Sei­te geknickt, auch sie hält eine Kame­ra, ein Lei­ca viel­leicht, ihn ihren Hän­den. — stop

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drohne 12

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kili­man­dscha­ro : 2.28 — Zwölf­hun­derts­tes Hotel­zim­mer – sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt, mit mäßig gutem Bett, Spie­gel­schrank, Kom­mo­de, wacke­li­gem Schreib­tisch; mit rosa Nacht­tisch­lam­pe, abge­schab­tem Tep­pich, Was­ser­ka­raf­fe, Brief­pa­pier, Kof­fer­stän­der. Sei gegrüßt, Hei­mat seit einer hal­ben Stun­de, Hei­mat für zwei, drei oder vier­zehn Tage -: Wirst Du mir freund­lich gesinnt sein? Wer­de ich bei Dir aus­ru­hen dür­fen? — Ich lese Klaus Mann. Seit bald sechs Stun­den lese ich in einem Buch, das sei­ne Tex­te ver­sam­melt, eine Aus­wahl. Ich habe das Buch bereits vom ers­ten bis zum letz­ten Satz gele­sen. Nun, indem ich wie­der von vorn begin­nen wer­de, zu einem Zeit­punkt, da ich nicht weiß, wie lan­ge es dau­ern wird, bis ich mich wie­der bewe­gen wer­den kann, habe ich beschlos­sen, das Buch abzu­schrei­ben, weil das Buch abzu­schrei­ben län­ge­re Zeit in Anspruch neh­men wird, als das Buch zu lesen. Ich muss mich näm­lich beschäf­ti­gen, um mei­ne inne­re Ruhe nicht zu ver­lie­ren, weil ich Grund habe, äußerst beun­ru­higt zu sein. Es war gegen 8 Uhr abends, gera­de Däm­me­rung, als ich vor dem Fens­ter im 22. Stock eine Bewe­gung bemerk­te. Ich hat­te gera­de fünf Sei­ten des Buches gele­sen, als ich den Blick auf das Fens­ter rich­te­te. Ich bemerk­te eine Droh­ne, ein klei­nes Flug­ob­jekt, das zu mir her­ein­späh­te. Sie ist immer noch da. Sie filmt mich, wie ich hier auf mei­nem Sofa sit­ze. Ich habe den Ver­dacht, dass sie mög­li­cher­wei­se eine oder zwei Waf­fen auf mich rich­tet, wes­we­gen ich so tue, als wür­de ich sie nicht sehen. Und doch traue ich mich nicht, mich zu erhe­ben, obwohl ich sehr durs­tig bin und hung­rig. Kaum will ich einen Fuß auf den Boden stel­len, kommt die Droh­ne so nah an das Fens­ter mei­nes Zim­mers her­an, dass ich mei­ne, sie wür­de die Schei­be berüh­ren. Ich weiß, dass man mich betrach­tet, ver­dammt, wer auch immer Ihr seid, ich weiß, dass Ihr mich betrach­tet. Ich sage Euch, ich erklä­re hier­mit, ich wer­de Euch kei­nen Gefal­len tun, ich wer­de Euch nicht rei­zen, ich wer­de Euch kei­nen Anlass geben, auf mich zu feu­ern. Ich bin ganz ruhig, ich bin gelas­sen, Klaus Mann ist bei mir, ich lese, ich schrei­be. Es ist kurz nach zwei Uhr. Fan­gen wir noch ein­mal von vorn an: Ich weiß nicht, wohin ich fah­re. Ich fah­re irgend­wo­hin. Ich tra­ge mei­nen Hand­kof­fer, ein paar Bücher, den Regen­man­tel. — stop

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ryūnosuke akutagawa

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char­lie : 5.05 — Nach der mög­li­chen Exis­tenz von Droh­nen im New Yor­ker Luft­raum gefragt, soll der Bür­ger­meis­ter der Stadt geant­wor­tet haben, dass man sol­che Ent­wick­lun­gen nicht auf­hal­ten kön­ne. „Wir wer­den mehr Sicht­bar­keit und weni­ger Pri­vat­sphä­re haben”. Es sei kei­ne Fra­ge, ob er selbst das gut oder schlecht fin­de. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwi­schen einer Droh­ne in der Luft und einer Kame­ra auf einem Gebäu­de.“ — In die­sem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, ver­lässt die Vor­stel­lung eines Posau­nis­ten, der früh­mor­gens an Bord der Fäh­re MS John F. Ken­ne­dy spie­lend einen neu­en Mor­gen begrüßt, wäh­rend er von einem sum­men­den Flug­ob­jekt in der Grö­ße einer Man­da­ri­ne umrun­det wird, ihren poe­ti­schen Raum. — stop. — Minus 5 Grad Cel­si­us. — stop. — Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sitzt eine Amsel. Ich neh­me an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu sin­gen. Ich habe eine hal­be Stun­de lang in der Beob­ach­tung des klei­nen dunk­len Vogel­schat­tens mein Gedächt­nis trai­niert, indem ich ver­such­te, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu ler­nen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryū­no­suke Aku­tag­awa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts wei­ter. — stop

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kairo

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india : 7.00 — Weder darf ich ihren Namen ver­ra­ten, noch in wel­cher Stadt sie wohnt oder für wen sie arbei­tet. Alles ande­re darf ich erwäh­nen, dass sie wirkt, als sei sie einem Felli­ni-Film ent­kom­men, zum Bei­spiel. Sie trägt blaue Turn­schu­he, hel­le Sei­den­strümp­fe und einen grau­en, kur­zen Man­tel mit einem Pelz­kra­gen, der nicht echt ist oder doch, ich kann es nicht sagen. Wenn sie auf ihren lan­gen, äußerst dün­nen Bei­nen vor mir steht, über­ragt sie mich um einen hal­ben Kopf, kann somit mei­nen Schei­tel betrach­ten, was nie geschieht, weil sie mir stets auf oder in die Augen schaut, wenn wir mit­ein­an­der spre­chen. Auch dann näm­lich schaut sie mir in die Augen, wenn ich ihren Blick nicht erwi­de­re, weil ich gera­de irgend­ei­nen ande­ren Ort ihrer Erschei­nung besich­ti­ge. An ihrem Hals sitzt ein grün­gel­ber Schmet­ter­ling, der zu einem Tat­too gehört, das längst ihren hal­ben Kör­per bede­cken soll. Ich habe ein­mal einen flüch­ti­gen Ein­druck des Haut­ge­mäl­des erhal­ten, als sie mir ihren Bauch zeig­te. Ich war begeis­tert, aber auch ein wenig erschro­cken gewe­sen, ich konn­te ihre Rip­pen sehen, so dünn ist sie, so zer­brech­lich, dass man sie als eine Hun­ger­künst­le­rin bezeich­nen könn­te, eine, die gera­de so wenig isst, dass sie dar­an nicht stirbt. Über­haupt, ja, über­haupt das Leben, es ist nicht leicht, das sagt sie mit einer tie­fen Stim­me. Ihr Mund ist ein klei­ner Mund, ihre Augen sind grau, ihr Haar reicht bis fast zu den Knie­keh­len her­ab. Jeder Mann, aber auch alle Frau­en dre­hen sich nach ihr um, wenn sie erscheint und wie­der ver­schwin­det. Unlängst hat­te sie einen klei­nen Kof­fer gepackt und war mit ihm nach Kai­ro geflo­gen. Ich frag­te, ob sie sich nicht gefürch­tet habe. Nein, ant­wor­te­te sie, es sei ihr nicht so wich­tig am Leben zu blei­ben, weil sie eigent­lich nicht sehr ger­ne lebe, das sei schon immer so gewe­sen, wes­we­gen sie nur ungern trin­ken und essen wür­de. Um ein Schäl­chen Hafer­flo­cken zu sich neh­men zu kön­nen, muss ein hal­ber Tag ver­ge­hen. Das ist für ein Schäl­chen Hafer­flo­cken eine lan­ge Zeit. Sie lacht jetzt. Wenn doch die Män­ner nicht immer das­sel­be woll­ten, na, Du weißt! Der Künst­ler, der ihr das Haut­ge­mäl­de fer­tig­te, habe ihr gesagt, dass er sich fürch­tet über ihren blan­ken Rip­pen mit der Nadel zu arbei­ten. Wie­der lacht sie, ein wär­men­des Geräusch. — stop

polaroidnachtvogel

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zwergseerosen

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sier­ra : 6.38 — Vor Kur­zem noch habe ich nicht gewusst, dass Lam­pen­me­du­sen bevor­zugt Zwerg­see­ro­sen zu sich neh­men. Eigent­lich müss­te ich sagen, dass Lam­pen­me­du­sen ihrer Auf­ga­be der Lich­ter­zeu­gung nur dann nach­zu­kom­men in der Lage sind, wenn sie eini­ge Gramm einer bestimm­ten Zwerg­see­ro­sen­gat­tung auf­ge­nom­men haben. Die­se Zwerg­see­ro­sen nun sind wun­der­ba­re Wesen, die man mit blo­ßem mensch­li­chem Auge nicht wahr­zu­neh­men ver­mag. Sobald sie aber häu­fig sind, also gehäuft, sagen wir zehn­tau­send Zwerg­see­ro­sen in nächs­ter Nähe zuein­an­der, sehen wir eine röt­li­che Wol­ke, die sich in der Form einer fla­chen Lin­se sehr wohl­zu­füh­len scheint. Unter einem Mikro­skop betrach­tet sind an jeder Zwerg­see­ro­se wun­der­vol­le Blü­ten von roter Far­be zu erken­nen, die sich lang­sam um die eige­ne Ach­se dre­hen, wes­we­gen Zwerg­see­ro­sen durch das Was­ser wan­dern­de Geschöp­fe sind, schwe­ben­de, oder genau­er, tau­chen­de Blu­men. Sie sol­len zart nach Hum­mer­fleisch schme­cken, jedoch nicht genieß­bar sein, weil auch dann, wenn Men­schen sie ver­kos­ten, eben jene Men­schen in der Art der Lam­pen­me­du­sen zu leuch­ten begin­nen, ihre Haut und ihre Haa­re, dann fal­len sie um und hören auf zu atmen. Einer, der das nicht glau­ben woll­te, wur­de ges­tern auf hoher See bestat­tet. Ein selt­sa­mer Anblick, wie man berich­tet, ein blau­es Leuch­ten mit Armen, Bei­nen und einem Kopf, das lang­sam in der Tie­fe ver­schwand. — Es ist schon weit nach Mit­ter­nacht, also Nach­mit­tag gewor­den. Ich spa­zie­re lei­se durch mei­ne Woh­nung, weil ich nie­man­den wecken möch­te. Unter mir schla­fen Men­schen. Das ist immer wie­der eine selt­sa­me Vor­stel­lung, dass sie sehr nah sind, nur durch etwas Holz und Bast und Stein von mir getrennt. Man kann in die­ser Wei­se Jah­re woh­nen, ohne zu wis­sen, wen genau man atmen oder spa­zie­ren hört. Einer der Men­schen unter mir, scheint im Schlaf zu spre­chen. Wenn er zu spre­chen beginnt, höre ich das Geräusch einer Tür, dann hört er auf zu spre­chen. Für eine Wei­le ist es still. Es gibt viel zu erzäh­len im Schlaf. — stop

polaroidblumen

 

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lissabon

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sier­ra : 6.52 — Eines der letz­ten beweg­ten Bil­der, die ich von mei­nem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in sei­nem Arbeits­zim­mer am Com­pu­ter arbei­tet. Auf dem Bild­schirm sind dut­zen­de Pro­gramm­fens­ter geöff­net. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in sei­nem Ses­sel. Manch­mal tas­tet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wie­der auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zei­ger über den Bild­schirm fah­ren. Ein wei­te­res Pro­gramm­fens­ter öff­net sich. Ein klei­nes Mäd­chen fährt in die­sem Fens­ter auf einem Fahr­rad über einen san­di­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­ni­en dahin, lacht hoch zur Kame­ra, die rück­wärts durch die Luft zu flie­gen scheint. Es ist ein hei­te­rer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öff­net sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fens­ter, das den hei­te­ren Film ver­deckt. Eine Foto­gra­fie, Mut­ter nahe Lis­sa­bon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­pu­ter sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schu­he. Auch mei­ne Mut­ter trägt Turn­schu­he. Ich frag­te mich, wer die­se Auf­nah­me mach­te, und kom­me nicht dar­auf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­gra­fen viel­leicht. In die­sem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zim­mer her, dass das Mit­tag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fens­ter, die er im Lau­fe des Vor­mit­ta­ges geöff­net hat­te, wie­der zu schlie­ßen. Nein, alles muss auf­ge­räumt wer­den. Mein Vater steht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­che­ren Schrit­tes auf die Trep­pe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zei­ger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fens­ter nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schlie­ßen der Fens­ter zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­de­cken, nicht zu erken­nen. Der Zei­ger irrt auf dem Bild­schirm her­um, Fens­ter drän­gen sich in den Vor­der­grund und ver­schwin­den wie­der. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schrit­te auf der Trep­pe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Gar­ten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­pu­ter längst ein­ge­schla­fen. — stop

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konzert für posaune

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lima : 2.12 — Vor weni­gen Stun­den, am spä­ten Nach­mit­tag, wur­den in der Cham­bers Street 155, drit­ter Stock, zwei Sau­er­stoff­fla­schen für den Trans­port in Rich­tung der Lex­ing­ton Ave­nue vor­be­rei­tet. Es han­del­te sich um zwei schlan­ke, metal­le­ne Behäl­ter von je 12 Kilo­gramm Gewicht. Sie schim­mer­ten sehr schön im Licht der tief ste­hen­den Son­ne, die durch die Fens­ter eines exqui­si­ten Ladens strahl­te, in dem man Zube­hör für Tau­cher und ande­re Was­ser­men­schen erwer­ben kann, see­fes­te Bücher, schwe­ben­de Stüh­le und Tische, Kie­men­vö­gel, Pracht­schne­cken, Leucht­mol­lus­ken und vie­le wei­te­re Gegen­stän­de, die man sich viel­leicht wün­schen wird, wenn man es mit einer dau­er­haf­ten Exis­tenz im oder unter dem Was­ser zu tun haben wür­de. Nun waren an den Sau­er­stoff bewah­ren­den Behäl­tern je zwei beson­de­re Vor­rich­tun­gen zu ver­mer­ken, Pro­pel­ler oder etwas Ähn­li­ches, die sich zur Pro­be mit einem hel­len Sau­sen so schnell dreh­ten, dass man sie in der Luft nicht sehen, aber spü­ren konn­te. Vier Ange­stell­te des klei­nen Ladens prüf­ten sehr sorg­fäl­tig eine hal­be Stun­de lang die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Appa­ra­tu­ren, dann mon­tier­ten sie zwei metal­le­ne Schläu­che, an wel­chen sich Mund­stü­cke befan­den, die den Mund­stü­cken der Trom­pe­ten ähnel­ten. Denk­bar, dass jene beob­ach­te­ten Sau­er­stoff­fla­schen durch das Was­ser schwe­ben wer­den, wäh­rend man etwas Luft von ihnen nip­pen könn­te. Mei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit aber galt einem Zet­tel, der dem Trans­port bei­gefügt wor­den war. Dort war ver­merkt, dass die Behäl­ter am spä­ten Abend mit­tels eines Taxi­trans­fers an Mrs. Sün­ja Täp­pin­nen aus­ge­lie­fert wer­den soll­ten, wohn­haft in der Lex­ing­ton Ave­nue 1285, wie bereits erwähnt, 14. Eta­ge. Ursäch­lich für die Bestel­lung könn­te ein Unter­was­ser­jazz­kon­zert gewe­sen sein, das genau in die­sen Minu­ten, da ich mei­ne Nach­richt notie­re, zur Auf­füh­rung kom­men wird. Es ist nun alles, auch wirk­lich alles mög­lich, was man sich den­ken kann in die­ser schö­nen Win­ter­nacht. — stop

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flamingo

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alpha : 2.25 — Seit eini­gen Wochen der Ver­dacht, dass sich Wör­ter mei­ner Par­tic­les-Sphä­re genau so ver­hal­ten, als wären sie unge­bän­dig­te Lebe­we­sen, sie tun näm­lich in heim­li­cher Wei­se was sie wol­len, fügen sich zum Bei­spiel selbst Buch­sta­ben hin­zu oder las­sen Buch­sta­ben, die für ihre spe­zi­el­le Exis­tenz unver­zicht­bar sind, ver­schwin­den. Ande­re Wör­ter las­sen Buch­sta­ben krei­sen, einen Buch­sta­ben um einen ande­ren Buch­sta­ben. Kaum habe ich nach lan­ger Arbeit in der Nacht die Augen zuge­macht, geht das alles los. Und wenn ich dann wach gewor­den bin und betrach­te, was ich nachts notier­te, mein Gott, den­ke ich, aus Wet­ter ist Wat­te gewor­den, aus Mie­te Mut, aus Regen­schir­men Schir­me von Schnee. Gera­de eben habe ich das Wort Möwe in einem Text beob­ach­tet, den ich vor Mona­ten notier­te. Ich hat­te die­ses Wort schon lan­ge im Auge. Eine Stun­de betrach­te­te ich das Wort, ohne dass es sich ver­än­der­te. Kaum aber war ich für eine Minu­te aus dem Raum getre­ten, um in die Küche zu gehen, wur­de aus der Möwe eine Mive, das kann ich so genau sagen, weil ich, als ich an den Schreib­tisch zurück­kehr­te, gera­de noch sehen konn­te, wie aus dem Wort Mive wie­der das Wort Möwe wur­de. Eine selt­sa­me Sache. Auch gan­ze Wör­ter schei­nen durch den Text­raum wie durch Zeit zu rei­sen. Im Juli 2008 fabri­zier­te ich eine klei­ne Geschich­te, die davon erzählt, war­um ich nachts manch­mal im Dunk­len sit­ze. Genau die­sen Text scheint das Wort Fla­min­go beson­ders ange­nehm zu fin­den, wes­we­gen es immer wie­der erschei­nen will im Text anstel­le der Flie­gen, die Tee­flie­gen sind. Schau­en Sie selbst, Sie müs­sen nur lan­ge genug Beob­ach­ter oder Beob­ach­te­rin sein, dann wer­den Sie schon sehen: Heut Nacht sit­ze ich im Dun­keln, weil ich her­aus­zu­fin­den wün­sche, ob Libel­len auch in licht­lee­ren Räu­men flie­gen, schwe­ben, jagen. Als ich ges­tern, das soll­ten Sie wis­sen, gegen den Mit­tag zu erwach­te, balan­cier­te eine Libel­le, mari­ne­blau, auf dem Rand einer Karaf­fe Tee, die ich neben mei­nem Bett abge­stellt hat­te, schau­te mir beim Auf­wa­chen zu und nasch­te, solan­ge ich nur ein Auge beweg­te, indem sie rhyth­misch mit einer sehr lan­gen Zun­ge bis auf den Grund des zimt­far­be­nen Gewäs­sers tauch­te. Viel­leicht jag­te sie nach Fischen oder Lar­ven oder klei­nen Flie­gen, nach Tee­flie­gen, kochend heiß, die küh­ler gewor­den sein moch­ten, wäh­rend ich schlief. Oder aber sie hat­te end­lich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, wes­halb ich kurz vor Mit­ter­nacht einen Löf­fel Honig erhitz­te und auf die Fens­ter­bank trop­fen ließ, um dann sofort das Licht zu löschen. Und so war­te ich nun bereits seit drei Stun­den und höre selt­sa­me Geräu­sche, von Men­schen viel­leicht oder ande­ren wil­den Tie­ren. — stop – Zwei Uhr und fünf­und­zwan­zig Minu­ten. Wahr­schein­lich ist auch heu­te, wäh­rend ich schlief, wie­der alles in Bewe­gung gewe­sen. — stop

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eleonore

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del­ta : 2.42 — Von Eleo­no­re weiß ich nichts, außer, dass sie über win­zi­ge Hän­de ver­fügt. Das ist nicht viel, nein, nicht viel, viel­leicht soll­te ich erwäh­nen, dass sie die Luft sehr lan­ge Zeit anzu­hal­ten ver­mag. Ich habe vor Kur­zem noch mit ihr das Luft­an­hal­ten geübt, wie saßen vor­ein­an­der und lach­ten, dann sag­te sie: Jetzt, und schloss ihren Mund. Auch ich schloss mei­nen Mund, ich mach­te einen Strich aus ihm in mei­nem Gesicht. Es war natür­lich Ehren­sa­che, dass in der Zeit unse­res Wett­kamp­fes weder von ihr noch von mir durch die Nase geat­met wur­de. Zunächst übten wir eine Minu­te, dann zwei, bis dahin hat­ten wir uns nur gewärmt oder ent­spannt, um sehr bald 2 Minu­ten und drei­ßig Sekun­den lang die Luft anzu­hal­ten, was mir bereits Schmer­zen berei­te­te, ich muss­te mich kon­zen­trie­ren, wäh­rend Eleo­no­re mich völ­lig ent­spannt betrach­te­te. In der Dis­zi­plin eines Atem­still­stan­des von drei Minu­ten und drei­ßig Sekun­den senk­te sie ihre Augen, nicht weil sie kämp­fen muss­te, son­dern weil sie mei­ne Hän­de beob­ach­te­te, die ein wenig zit­ter­ten, ich hat­te sie zu Fäus­ten geballt, ein Zei­chen, dass ich bald auf­ge­ben wür­de, wie man mir spä­ter erzähl­te. Das war nach mei­ner zwei­ten Ohn­macht gewe­sen, ich wur­de näm­lich schläf­rig nach 3 Minu­ten und 45 Sekun­den, sowie nach einer Übung von über 4 Minu­ten. Hier ende­te unser gemein­sa­mes Trai­ning, weil Eleo­no­re nicht wei­ter­ma­chen woll­te, da ich kein ernst­zu­neh­men­der Geg­ner für sie war. Statt­des­sen durf­te ich ihr zuse­hen, wie sie ver­such­te, in ihrer Lieb­lings­dis­zi­plin, der Lang­zeit­stre­cke von über sechs Minu­ten, eine schwie­ri­ge Rechen­auf­ga­be zu lösen. Sie notier­te ein Ergeb­nis, eine grö­ße­re Zahl, auf ein Blatt Papier in der ach­ten Minu­te, und sank dann laut­los in ihrem Stuhl in sich zusam­men, wo sie in die­ser Minu­te noch immer sitzt und fest zu schla­fen scheint. Mehr­fach habe ich ver­sucht, sie zu wecken, indem ich ihren Namen rief. Mit jedem mei­ner Rufe wuchs die Furcht, sie zu berüh­ren. Es ist jetzt eine hal­be Stun­de ver­gan­gen, drau­ßen vor dem Fens­ter summt eine kal­te Nacht. Nein, nein, ich bin nicht wirk­lich beun­ru­higt, denn ich mei­ne zu erken­nen, dass sich Eleo­no­res Brüs­te heben und sen­ken. Auch ihre Hän­de schei­nen sich leicht zu bewe­gen. Sie sind tat­säch­lich außer­or­dent­lich klein, es sind die Hän­de eines Mäd­chens an den Armen einer erwach­se­nen Frau, und sie sind weiß, ich erin­ne­re mich, sie waren schon immer sehr weiß gewe­sen. — stop

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pseudonym No 5

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india : 6.22 — Ich ken­ne einen Mann, der lei­den­schaft­lich ger­ne Wör­ter erfin­det. Es han­delt sich bei die­sen Wör­tern um Wör­ter, die vor ihrer Ent­de­ckung in der Wirk­lich­keit tat­säch­lich bis­her nicht exis­tier­ten. Und weil er sich nie­mals sicher sein kann, ob das Wort, das gera­de erst erfun­den wor­den ist, in der Wirk­lich­keit tat­säch­lich noch nicht exis­tiert, ver­bin­det er sei­nen Com­pu­ter mit der Such­ma­schi­ne Goog­le. Wenn das Wort, das erfun­den wur­de, in den Ver­zeich­nis­sen der Such­ma­schi­ne nicht zu ent­de­cken ist, kann er sich sei­ner Sache bei­na­he sicher sein. Das Wort oli­mam­bo­sa, zum Bei­spiel, wur­de in der ver­gan­ge­nen Woche ins Leben geru­fen, ein voll­stän­dig neu­es Wort in der digi­ta­len Sphä­re. Viel­leicht des­halb, weil der Mann im Moment sei­ner Erfin­dung sehr zufrie­den mit sich und ein wenig stolz gewe­sen war, sen­de­te er einen E‑Mailbrief an mich, um mir sei­ne Erfin­dung zu schen­ken. Er schrieb, er wür­de sich ver­wandt mit mir füh­len, da ich ähn­lich vor­ge­hen wür­de wie er selbst. Für die­se Behaup­tung habe er eine beweis­kräf­ti­ge Spur in mei­nen Par­tic­les-Archi­ven ent­deckt. Dort soll ich am 30. Mai des ver­gan­ge­nen Jah­res einen Text ver­öf­fent­licht haben unter dem Titel Pseud­onym No 5. Tat­säch­lich, ich hat­te den Text bei­na­he ver­ges­sen, wur­de Fol­gen­des geschrie­ben: Ges­tern war das Wet­ter schön, ich such­te spa­zie­rend im Park nach einem Namen für mein Pseud­onym No 5. Sobald ich glaub­te, einen geeig­ne­ten Namen gefun­den zu haben, sag­te ich ihn laut vor mich hin, ich sag­te zum Bei­spiel: Felix May­er Kek­ko­la. Als Nach­mit­tag gewor­den war, gefiel mir die­ser Name noch immer, ich hat­te Lil­li M. Mur­phy bereits ver­wor­fen, auch Kas­par Joe Wei­de­mann und wei­te­re Namen waren gründ­lich ver­ges­sen. Ich notier­te den gewähl­ten Namen Felix May­er Kek­ko­la in mein Notiz­buch und ging nach Hau­se. Es ist selt­sam, ich war mit mei­nem neu­en Namen an der Sei­te stark unru­hig bis in den Abend hin­ein. Ich konn­te mir die­se Unru­he zunächst nicht erklä­ren, dann hat­te ich die Idee, dass ich nach­se­hen soll­te, ob der Name Felix May­er Kek­ko­la viel­leicht im Inter­net schon län­ge­re Zeit exis­tiert, ein Mensch also, der genau so heißt, oder ein Mensch, der die­sen Namen ver­wen­det, um sich zu ver­ber­gen und zu ver­öf­fent­li­chen in ein und dem­sel­ben Moment. Mehr­fach prüf­te ich mit Such­ma­schi­nen die Exis­tenz einer Spur. Kein Ergeb­nis für „Felix May­er Kek­ko­la“ war zu fin­den. Ich könn­te nun also ers­tens anneh­men, dass ein Mensch, der die­sen Namen trägt, nicht exis­tiert, was sicher nur sehr vor­sich­tig for­mu­liert wer­den darf. Zwei­tens könn­te ich jenen fei­nen Namen nun für mich beset­zen, okku­pie­ren sozu­sa­gen nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen, was in die­ser Sekun­de genau so geschieht, indem ich mei­nen Text in die digi­ta­le Sphä­re sen­de. – stop

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