sierra : 16.28 — Gestern Abend, im Flughafenzug, erzählte Galina, die seit zehn Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebt, sie sei vor wenigen Wochen mit ihrer 85-jährigen Großmutter nach Ägypten ans Meer geflogen, ein Wagnis, ein Abenteuer, weil ihre Großmutter, eine federleichte Person, kaum noch auf ihren eigenen Füßen gehen könne. Man habe sie in einem kleinen, offenen Elektroautomobil vor das Flugzeug gefahren und das „uralte Mädchen“ mittels einer speziellen Hebebühne zu einer besonderen Tür am Heck des Flugzeuges transportiert. Dort sei sie winkend verschwunden, um ihrer Enkelin kurz darauf freudestrahlend mittels eines Rollators im Gang des Flugzeuges entgegenzukommen, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Die alte Frau, deren Name Galina nicht erwähnte, soll in ihrem Leben weit herumgekommen sein. Sie lebte in der Ukraine nahe Donezk, einige Jahre später zog sie nach Kirgisien weiter, auch dort, nahe der chinesischen Grenze, wurde die deutsche Sprache in einer Weise gesprochen, dass ich sie nur mit Mühe verstehen würde, bemerkte Galina. In Ägypten habe ihre Großmutter stundenlang bis zu den Schultern mit Wasser bedeckt im Meer gestanden, sie habe sich an einem Schwimmbrett festgehalten und gesummt und gewartet, dass die Fische zu ihr kommen. Ihr dreieckiges Kopftuch, das sie immerzu trage, habe sie indessen so gebunden, wie sie es von Grace Kelly lernte. Abends saßen die junge und die alte Frau in lindgrüne Bademäntel gehüllt im Hotelzimmer vor dem Bildschirm eines Notebooks. Sie waren via Skype mit Familienangehörigen in Donezk verbunden, immer wieder sei die Verbindung unterbrochen worden, einmal seien Detonationen zu hören gewesen, da habe sich ihre Großmutter ins Bett gelegt. Am nächsten Morgen schwebte die alte Frau wieder lange Zeit im Meer dahin. — stop

Aus der Wörtersammlung: weise
ai : IRAN

MENSCH IN GEFAHR: „Die gewaltlose politische Gefangene Atena Farghadani befindet sich seit dem 9. Februar im Iran im Hungerstreik, um gegen ihre Haft zu protestieren. Nun schwebt sie in Lebensgefahr. Die Künstlerin befindet sich wegen ihrer friedlichen Aktivitäten in Haft, unter anderem hatte sie in einer Karikatur Parlamentsabgeordnete kritisiert. Die iranische Malerin Atena Farghadani trat am 9. Februar in einen Hungerstreik. Sie nahm fortan nur noch Wasser, jedoch keine Nahrung mehr zu sich. Hiermit will sie gegen die Fortdauer ihrer Haft im Gharchak-Gefängnis in der Stadt Varamin protestieren, in dem es keinen Trakt für politische Gefangene gibt und in dem die Haftbedingungen äußerst schlecht sind. Am 25. Februar gab ihr Rechtsbeistand an, dass Atena Farghadani als Folge ihres Hungerstreiks einen Herzinfarkt erlitten und kurzzeitig das Bewusstsein verloren habe. Sie gab an, ihren Hungerstreik solange nicht zu beenden, bis die Behörden ihrem Antrag nachkommen, sie in das Evin-Gefängnis in Teheran zu verlegen. Am 26. Februar wurde sie in ein Krankenhaus außerhalb des Gefängnisses gebracht. Atena Farghadani wurde zum ersten Mal am 23. August 2014 wegen ihrer friedlichen Aktivitäten festgenommen. Sie hatte Familien von politischen Gefangenen besucht und in einer Karikatur Parlamentsabgeordnete kritisiert, die einen Gesetzentwurf eingebracht hatten, der freiwillig durchgeführte Sterilisationen unter Strafe gestellt hätte und der Teil eines groß angelegten Plans ist, den Zugang zu Verhütungsmitteln und Dienstleistungen bezüglich der Familienplanung zu beschränken. Sie wurde fast zwei Monate lang im Trakt 2A des Evin-Gefängnisses festgehalten, davon 15 Tage in Einzelhaft. Zu ihrer Familie und ihrem Rechtsbeistand durfte sie keinen Kontakt aufnehmen. Am 6. November 2014 wurde sie gegen Zahlung einer Kaution freigelassen. Ihre neuerliche Festnahme am 10. Januar erfolgte nach der Vorladung eines Revolutionsgerichts, möglicherweise als Vergeltungsmaßnahme für ein Video, das sie nach ihrer Haftentlassung veröffentlicht und in dem sie erklärt hatte, wie Gefängnisaufseherinnen sie geschlagen und erniedrigenden Leibesvisitationen unterzogen sowie anderen Misshandlungen ausgesetzt hatten. Ihre Eltern gaben in Interviews an, dass Atena Farghadani vor ihrer Überführung ins Gharchak-Gefängnis noch im Gerichtssaal geschlagen wurde. Die Anklagen gegen sie lauteten auf “Verbreitung von Propaganda gegen das System”, “Beleidigung von Parlamentsabgeordneten durch Zeichnungen” und “Beleidigung des Religionsführers.“ — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und bis spätestens 10. April, unter »> ai : urgent action

salinenweg
whiskey : 0.01 — Ich schlief über einem Buch des Schweizer Schriftstellers Nicolas Bouvier. Ehe ich fest eingeschlafen war, hatte ich in letzter Sekunde noch einen Gedanken wahrgenommen. Ich sagte zu mir mit leiser werdender Stimme: Du solltest einmal überlegen, ob es sinnvoll ist, nach einer Methode zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu können. Ja, das wäre eine interessante Geschichte. Man würde sich natürlich an die erzählende Wirklichkeit des Buches selbst nicht erinnern, das man gerade noch las oder hörte, während man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahrnehmen konnte, und doch wäre man mit Herrn Bouvier nach Galway geflogen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Weise nach Galway geflogen, dass man sich einmal später so gut an diesen Flug erinnern könnte, als wäre man selbst dort in Kilronan gewesen, eine Ahnung, Geräusche, Luft und Leute. — Das geschmeidige Wort Salinenweg. Wie ich über eine hölzerne Brücke gehe im Winter, ich streiche mit einer Hand Schnee von einem Geländer. Immer wieder, im Sommer, im Frühling, im Herbst, wenn ich diesen Ort passierte, erzählte ich von diesem Moment, als ich im Winter den Schnee berührte. — stop

im orbit
india : 18.16 — Die zärtlichste Art und Weise, einen Menschen zu berühren, ist vielleicht die Berührung durch Vorstellungskraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erinnerung. stop. Das schweigende, vertraute Gehen in den Bergen. stop. Zitronenfalter. stop. Ein fröhliches Lachen, das Dohlenvögel lockte. stop. Wolken. stop. Gemeinsame Wolken. stop. Der Geschmack von Apfelscheiben. stop. Zeitlos sein. stop. Leicht und von Sorgen frei. stop. Geborgen. stop. Und Namen, Namen wie erfunden: Müllnerhorn. stop. Kolibrispitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schulter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glocke seit ungezählten Jahren in einer Pumpenradstation. stop. Das rieselnde Geräusch des Salzwassers. stop. Ein gebrochener Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaffee am Morgen im Aufbruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnurren einer Katze am Telefon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Koffer, und im Winter Geistermasken, und wie man Feuer in einem Kachelofen entfacht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort Seelenortfeder in diesen Tagen, das ich am 20. Oktober 2010 entdeckte und sofort verschenkte. — stop

tod in peking 4
delta : 0.25 — Wenn ich an die Stadt Peking denke, denke ich auch an einen Freund zurück, dessen Leben in dieser fernen Stadt vor zwei Jahren und vierunddreißig Tagen endete. Er war Fotograf gewesen, sein Körper und seine Wohnung existieren nicht mehr, seine Fotoapparate wurden möglicherweise verschenkt oder verkauft, doch zahlreiche seiner Fotografien leben in der digitalen Sphäre weiter fort, auch Einträge bei Facebook, da niemand zu finden ist, der sie löschen könnte oder löschen wollte. Die vielleicht letzte Aufnahme von seiner Hand in Europa, zeigt einen Gepäckwagen im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, 3 Koffer und 1 Rucksack. Weil der fotografierende Mensch hinter der Kamera stand, wirken sie schon verwaist, oder vielleicht nur deshalb, weil sie in Kenntnis seines nahenden Todes von mir betrachtet werden. Sicher ist, dass Menschen nach dem Verstorbenen suchen, sie stoßen dann auch auf Texte, die ich notierte, verweilen, weil sie sich erinnern oder weil sie sich wundern, vielleicht haben sie einen ähnlich tragischen Verlust erlebt. Andere bleiben nur für Sekunden, weiß der Himmel, warum, vielleicht waren sie Suchmaschinen, niemand schreibt, niemand kommentiert, ein Schauen und Schweigen. – stop

vom anemonentext
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alpha : 6.55 — Nehmen wir einmal an, dem ursprünglichen Code einer Seeanemone würde ein weiterer Code hinzugefügt, eine sehr kurze Strecke nur, sagen wir Jack Kerouacs Roman The Town and The City mittels Nukleobasenpaaren notiert. Was würde geschehen? Inwiefern würde Jack Kerouacs Text Wesen oder Gestalt einer Seeanemone berühren? Würde der Text von Seeanemone zu Seeanemone weitergereicht, würde der Jack Kerouacs Text sich nach und nach verändern, würde er vielleicht entlang der Küstenlinien wandern? Seit gestern, ich habe geträumt, sind menschliche Personen denkbar, die nur zu dem einem Zweck existieren, nämlich Ohren, ein gutes Dutzend wahlweise auf ihren Armen oder Schultern zu tragen, um sie gut durchblutet, solange zu konservieren, bis man sie von ihnen abnehmen wird, um sie auf eine weitere Person zu verpflanzen, die eine gewisse Zeit oder schon immer ohne Ohren gewesen ist. Unheimliche Sache. — stop

in der paukenhöhle
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delta : 7.10 — Es ist leicht, sich Zellkörper vorzustellen, die vorsichtig geöffnet wurden, um in sie hinein spähen zu können. Ich wünschte ihre Strukturen mit Namen bezeichnen zu können, mit Wortkörpern, die mir gefallen. Bereits die Anatomie der Ameisen Wort für Wort auszuweisen, wird einen langen poetischen Atem erfordern. Ich überlegte, wie sich afrikanische Menschen bald erheben werden, sie fordern, ihre uralten Sprachen in unsere human anatomische Nomenklatur einzuspeisen, nervus olimambo, der fortan unter dieser Bezeichnung menschliche Augenlider innervieren wird. Bald melden sich Bewohner Grönlands, sunnitische und schiitische Stämme, Indianer der wilden Wälder Papua-Neuguineas. Sie alle haben den Wunsch, ihre Sprache, Wörter, ihre geistige Welt in der Vorstellung eines allgemeingültigen menschlichen Körpers zu hinterlassen. Das zuständige Büro der Uno hoch über dem East River, eine Behörde, Jahrzehnte nachdrücklicher Verhandlung in der Paukenhöhle. — stop

buenos aires
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nordpol : Einmal, während einer Zugfahrt südwärts, lernte ich Valentin Ruiz kennen, einen damals schon hochbetagten Mann. Er bemerkte bald, nachdem ich in sein Abteil getreten war, dass ich ihn beobachtete, wie er in sein Notizbuch schrieb. Wir kamen ins Gespräch. Herr Ruiz erzählte, er habe lange Zeit in Argentinien gelebt, nahe der Stadt Buenos Aires. Er montierte dort Automobile in einer Fabrik. Als Robotermaschinen die Stadt besuchten, war das eine schwere Zeit gewesen. Darüber denke er gerade nach. Er berichtete von seinen Erfahrungen, von erstaunlichen Gedanken, sodass ich meinerseits mein Notizbuch öffnete. Kurz nachdem ich den Zug verlassen hatte, Herr Ruiz war in der wartenden Menschenmenge verschwunden, versuchte ich meine Gesprächsnotiz zu ergänzen. Ich musste mich beeilen, Herr Ruiz hatte sehr schnell, ja aufgeregt gesprochen, und ich hatte den Eindruck, meine Erinnerung könnte sich ebenso schnell verflüchtigen. Ich notierte: Mittels Wörtern sind zeitgenössische Maschinen an einem Ort bereits eingetroffen, lange bevor auch nur eine ihrer Schrauben angekommen ist. Sie sind Gegenstand der Begeisterung einerseits, aber auch von Furcht, sodass sie in jeder Richtung größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Wo eine Maschine zum Aufbau kommen wird, ist zunächst ein Raum angenommen, ein Raum, der bereits freigeräumt wurde oder zunächst befreit werden muss. Dann kommt die Maschine in der Wirklichkeit an, in der Mehrzahl der Fälle in Teilen. Begleitet wird sie von Menschen, die sich um ihre Reise bemühen. Manchmal bleiben Menschen, die die Maschine begleiten, an Ort und Stelle, demzufolge in der Nähe der Maschine, um aus Teilen ein Ganzes zu fügen. Man kann darüber staunen, dass an einem Ort, an dem zunächst nichts zu sehen war, sehr bald eine Versammlung technischer Partikel zu bemerken ist, die sinnvollerweise bereits sich in einem logischen Zusammenhang befinden. Eine Maschine ist stumm, solange sie nicht leuchtet. Schon eine blinkende Diode genügt, um Gesprächsbereitschaft anzudeuten. Maschinen, die mit elektrischen Strömen in Bewegung gesetzt werden, neigen zur Erhitzung, weshalb sie an der ein oder anderen Stelle atmen, also blasen. Teile der Maschinen sind so groß, dass sie von einem Menschen nicht gehoben, oder so klein, dass sie von einem menschlichen Auge nicht wahrgenommen werden können. Wo Maschinen erscheinen, verschwinden Menschen jeder Größe. — stop

nachtmann
lima : 3.28 — Seit Jahren, Nacht für Nacht gegen drei Uhr, höre ich das Pfeifen eines Zeitungsboten, der auf einem Fahrrad von Osten her in unsere Straße kommt, um nach einer Schleife von wenigen Minuten, die ihn westwärts führt, wieder zu verschwinden. Ich bin ihm in dieser langen Zeit nie persönlich begegnet, und ich kann auch nicht mit Sicherheit sagen, welche Zeitung er in die Briefkästen unseres Hauses steckt. Ein einziges Mal habe ich neugierig aus dem Fenster gespäht, ich erinnere mich an eine bitterkalte Nacht. Die Gestalt des Mannes war weit entfernt zu sehen gewesen, er trug eine Wollmütze, Handschuhe und eine Lederjacke, das ist vielleicht der Grund, weshalb er auch in heißen Sommernächten in meinen Augen weiterhin eine Wollmütze trägt und pfeift, weil ihm möglicherweise kalt ist und einsam. Es ist seltsam, in all den Jahren seiner Gegenwart in meinem Leben, scheine ich keinen weiteren Gedanken zu seiner Person hinzugefügt zu haben, als wäre der Mann eine abgeschlossene Geschichte, die sich exakt wiederholt. Plötzlich, vor wenigen Minuten, die Frage, ob der Mann eventuell in der Zeitung liest, die er zu den schlafenden Menschen bringt, und ob ihm nicht manchmal deshalb unheimlich zumute sein könnte. — stop

ai : ÄGYPTEN

MENSCHEN IN GEFAHR: „Die Menschenrechtsverteidigerin Yara Sallam, die Aktivistin Sanaa Ahmed Seif sowie 20 weitere Angeklagte wurden am 26. Oktober wegen Verstößen gegen das repressive ägyptische Demonstrationsrecht und einer Reihe weiterer Anklagen zu drei Jahren Haft verurteilt. / Das Gerichtsurteil wurde von dem zuständigen Gericht in Heliopolis verhängt, das im Tora-Polizeiinstitut zusammentrat, einem Nebengebäude des Tora-Gefängnisses. Weder Familienangehörige noch die Öffentlichkeit waren zur Gerichtsverhandlung zugelassen. Wie die Rechtsbeistände der Verurteilten Amnesty International mitteilten, werden diese jetzt vor einem höheren Gericht Rechtsmittel einlegen. / Sicherheitskräfte hatten die Aktivist_innen am 21. Juni im Kairoer Stadtteil Heliopolis festgenommen, nachdem sie eine Kundgebung in der Gegend aufgelöst hatten. / Rechtsbeistände der Aktivist_innen ließen Amnesty International wissen, dass anhand der vor Gericht vorgelegten Beweise, darunter Videoaufzeichnungen, nicht nachgewiesen werden konnte, dass Personen aus der Gruppe an den Gewalttaten beteiligt waren. Yara Sallams Rechtsbeistände hatten angeführt, dass die Menschenrechtsverteidigerin nicht an den Protesten teilgenommen hatte, sondern bei der anschließenden Razzia festgenommen wurde. / Außerdem teilten die Rechtsbeistände Amnesty International mit, dass die Angeklagten während der letzten Verhandlungen am 11. und 26. Oktober das Verfahren weder hören noch mit ihrem Rechtsteam kommunizieren konnten, da sie durch eine getönte Glasscheibe vom Rest des Gerichtssaals getrennt waren.“ — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und nicht über den 8. Dezember 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action



