pupille

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oli­mam­bo : 8.00 — Anatomis­che Wörter des Abends: Regen­bo­gen­haut : Aequa­tor : Kam­mer­wass­er. Dann Mor­genspazier­gang. Eine Gruppe Eich­hörnchen jagt um 6 Uhr Straßen­bah­n­geleise auf und ab. Dicht kom­men sie her­an, sind ohne jede Scheu, als ob ich eine ver­traute Erschei­n­ung wäre oder unsicht­bar.

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caracas

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MELDUNG. Am gestri­gen Abend vorzeit­ig detoniert, sind im Opern­haus zu Man­aus [ Brasilien ] Teile eines kost­baren Frosches [ Gat­tung : den­dro­bates ama­zon­i­cus ] gegen das Pub­likum geflo­gen. Ein Auge, ein ganz­er Damenkopf, wurde von Frag­menten aus Schädel und Wirbel­säule der Amphi­bie durch­schla­gen. Weit­ere öffentliche Spren­gun­gen im Monat Mai : San­ta Cruz, 21. [ d. aura­tus ] : Por­to Vehlo, 22. [ d. azureus ] : Cara­cas, 23. [ d. leu­come­las ] : San Jose, 24. [ d. retic­u­la­tus ] : New Orleans, 25. [ d. pumilio ] : Phoenix, 26. [ d. gran­ulif­er ] : Chica­go, 27. [ d. imi­ta­tor ]. Zün­dung je 22.00 Uhr Ort­szeit. Alle Vorstel­lun­gen sind aus­ge­bucht. — stop
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geraldine : ein wunder geschieht

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nord­pol

~ : geral­dine
to : louis
sub­ject : EIN WUNDER GESCHIEHT

Als es noch dunkel war, bin ich wach gewor­den, weil das Schiff unter mir schlingerte. Wass­er schlug gegen das Bul­lauge über meinem Bett. Ich set­zte mich auf und spürte, dass ich an diesem Tag Kraft haben würde. Ich hat­te soviel Kraft, dass ich müh­e­los meinen Bade­man­tel und meine Jacke anziehen kon­nte. Nur als ich mir die Schuhe binden wollte, wurde mir schwindelig und ich wäre um ein Haar umge­fall­en. Wis­sen Sie, Mr. Louis, dass ich plante, ganz allein für mich das Haupt­deck zu erk­lim­men. Ver­rückt, find­en Sie nicht auch? Ich kon­nte mich kaum auf den Beinen hal­ten, weil der See­gang mich schaukelte, aber ich schaffte eine Treppe und noch eine zweite, dann ging ich in die Knie. Ein älter­er Herr weck­te mich, seine Haut war schwarz und sein Haar schlo­hweiß. Er half mir aufzuste­hen, und ich sagte ihm, dass ich das Haupt­deck erre­ichen wollte, aber anstatt mich vor das Meer zu set­zen, set­zte er mich in ein Cafe und hörte mir zu und wun­derte sich, dass ich so blass war. Ich habe ihm nichts von meinen schw­eren Gedanken erzählt, aber davon, dass ich Seep­ost­briefe an meine Schwest­er Yanuk schreibe, die ich sehr liebe, meine Zwill­ingss­chwest­er, die ein Kind erwartet, ein Kind, das vielle­icht ein­mal wie seine Mut­ter Yanuk heißen wird. Ich glaube, er freute sich, und dann erzählte er eine feine Geschichte. Er sagte, dass er vor vie­len Jahren sehr ver­liebt gewe­sen sei. Die Frau, die er liebte, war eine weiße Frau gewe­sen, die in ein­er der besseren Gegen­den der Stadt wohnte, während er selb­st in einem ärm­lichen Vier­tel in einem Back­stein­haus lebte. Anfangs schrieb sie ihm Briefe, sagte der Mann, aber er hat­te diese Briefe zunächst nicht erhal­ten, weil der Briefkas­ten seines Haus­es ver­schwun­den war. Sie besuchte ihn und fragte, warum er ihr nicht antworten würde, und er erzählte, dass nicht nur der Briefkas­ten ver­loren gegan­gen sei, son­dern das ganze Haus sich in Auflö­sung befind­en würde. Dann geschah ein Wun­der. Am übernäch­sten Tag kam ein Postau­to mit einem Post­mann, der einen feuer­roten Briefkas­ten an das Haus schraubte, während der alte Mann, der damals noch jung gewe­sen war, zuge­se­hen hat­te. Auf den Briefkas­ten war die Adresse seines Haus­es und sein Name geschrieben und er war mit einem Dutzend großar­tiger Brief­marken bek­lebt. Natür­lich hat­te sich der alte Mann sehr gefreut. Und als er am näch­sten Tag wieder zum Briefkas­ten ging, lag ein Brief für ihn darin. Ich musste weinen, Mr. Louis, als ich diese Geschichte hörte. Dann trug mich der alte Mann mit einem Stew­ard in meine Kajüte, und da sitze ich nun auf meinem Bett und schreibe an Sie, während die Gis­cht über meinem Bett mit meinem Bul­lau­gen­fen­ster spricht. — Ihre Geral­dine auf hoher See.

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fan­gen am 03.12.2008
22.08 MEZ

geral­dine to louis »

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animals : eine luftgeschichte

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delta : 7.45 — Im Wesentlichen existieren drei Arten von Geschicht­en. Fer­tig anwe­sende, erlebte Geschicht­en. Rein aus der Luft gefan­gene, das heißt, erfun­dene Geschicht­en. Recher­chierte Geschicht­en. stop. Ani­mals, zum Beispiel, die Geschichte der Ent­deck­ung leben­der Papiere. stop. Eine Luft­geschichte. stop. Es ist jet­zt zwei Uhr nachts. stop. Was brauche ich? stop. Zwei Kühlschränke, fünf U-Bah­n­wag­gons, drei Kaf­fee­häuser, eine Hand voll Abend­segler, Stadt­men­schen, ein Radi­ogerät. stop. Und Papiertiere stop. Sehr kleine Herzen, eben­so kleine Gehirne, Mün­der und Ver­dau­ungstrak­te. stop. Auch Pro­peller­flügel. stop. Fein­ste Ware. stop. Was brauche ich noch? stop. Räume der Zeit und einen ersten Satz. stop. Geduld. stop. Das Geräusch meines Bleis­tifts auf grobem Papi­er.

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animals : herzgeräusch

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romeo : 7.52 — Nehmen wir ein­mal an, ein Bogen leben­den Papiers in der Größe 15 x 30 Zen­time­ter würde aus 750 Tausend Tieren beste­hen, ja, und nehmen wir ein­mal an, dieses Papi­er würde bere­its in der wirk­lichen Welt existieren, dann wür­den vor uns auf einem Tisch 750 Tausend kleine Herzen schla­gen. Und ich dachte mir unverzüglich, da muss doch irgen­dein Geräusch wahrzunehmen sein, so viele Herzen in näch­ster Nähe auf eng­stem Raum. Erin­nerte mich an meine Ver­wun­derung, als ich bemerk­te, dass ich mein eigenes Herz nicht schla­gen hören kann und auch nicht das Herz ein­er Geliebten, solange ich nicht mein Ohr an ihre Brust lege und in sie hinein­höre. Nun aber, in dieser Nacht eines som­mer­lichen Regens, zwei­fle ich nicht, dass man, wenn man sich mit einem Ohr einem mein­er leben­den Papiere näherte, ein beson­deres Geräusch vernehmen würde. Auch einen Hauch von Luft würde man wohl spüren, eine Strö­mung, weil sie alle durcheinan­der atmen. stop. Auf­gabe für Son­ntag. stop. Geräuschwort find­en.

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glücklicher brief an vladimir nabokov : propeller

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marim­ba

~ : louis
to : Mr. vladimir nabokov
sub­ject : PROPELLER

Lieber Mr. Nabokov, gestern Abend, nach einem lan­gen Spazier­gang und dem Besuch ein­er Bar, in der ein paar halb­wegs betrunk­ene Fre­unde saßen, hab ich mich an ihre Vor­lesungüber Franz Kafkas Ver­wand­lung erin­nert, an Ihre liebevolle und akribisch genaue Unter­suchung des Textes, an ihre Käferze­ich­nun­gen von eigen­er Hand, mit welchen Sie ver­sucht­en eine Vorstel­lung zu gewin­nen von Wesen und Gestalt jen­er Hülle, in die Gre­gor Sam­sa eingeschlossen wor­den war. Ja, die Genauigkeit, mit der man sich erfind­end einem Gegen­stand nähert oder die Genauigkeit, mit der man einen erfun­de­nen Gegen­stand sezieren kann, immer wieder begeg­ne ich während mein­er Arbeit Ihren Unter­suchun­gen, Ihrer Meth­ode. Vorgestern hat­te ich bei ein­er ersten Annäherung an eine Geschichte, die von leben­den Papieren erzählen wird, das Wort Pro­peller­flügel in den Mund genom­men, ohne zu ahnen, dass Pro­peller in der Welt leben­der Organ­is­men nur sehr schw­er zu ver­wirk­lichen sind, weil ein Pro­peller sich doch frei bewe­gen muss, drehend in ein­er Fas­sung, die ihn lose hält, sodass ein leben­der Organ­is­mus aus einem weit­eren Kör­p­er beste­hen müsste, der ganz zu ihm gehören würde und doch nicht ganz zu ihm gehören kann. Nun habe ich beschlossen, die Vorstel­lung der Pro­peller­flügel nicht so ohne weit­eres aufzugeben. Ich habe mir gedacht, dass ein Pro­peller, der aus organ­is­chen Mate­ri­alen beste­hen wird, vielle­icht auf atom­ar­er Ebene einem flugfähi­gen Kör­p­er ver­bun­den sein kön­nte, ver­bun­den durch Moleküle, die im Moment ein­er Flug­be­we­gung, den Rotor von Haut und Knochen ein­er­seits anzutreiben in der Lage sind und ander­er­seits je für einen kurzen Moment in die Frei­heit ent­lassen. Und jet­zt bin ich glück­lich und hoffe, dass sie an meinem Entwurf Gefall­en find­en wer­den. – mit allerbesten Grüßen Ihr Louis

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seide

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alpha : 6.55 — Gestern Abend um 22 Uhr und 8 Minuten fol­gende Email: „Und? Hat Nabokov schon geant­wortet? N.“ Sei­ther warte ich. Als ob ich in den ver­gan­genen Wochen nicht genug gewartet hätte. Auf Schnee, zum Beispiel. Hem­ing­way, vor zwei Jahren, antwortete gar nicht, Lowry nach drei Monat­en und in ein­er Weise, die ich bis heute nicht enträt­selt habe. Aber Dju­na Barnes, um Him­mels willen, Dju­na Barnes, als hätte sie meine Zeilen erwartet, antwortete noch in der Stunde meines Schreibens. stop. Ich muss das suchen. stop. Geräuschwort für 750 Tausend vor­wärts schla­gende Herzen noch nicht ent­deckt. stop Regen. stop. Sei­dig. stop. Als würde der Erd­bo­den schwitzen. stop.

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eisblumen

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nord­pol : 8.05 — Ich muss eine bemerkenswerte Erschei­n­ung gewe­sen sein. Stand vor dem Schreibtisch, hat­te meinen recht­en Arm senkrecht in die Luft gestreckt, übte mit dem Zeigefin­ger die kreisende Bewe­gung eines Pro­pellers. Beobachtete das sub­ku­tane Spiel der Muskeln, bemerk­te weit­ere Bewe­gung unterm Hemd, krem­pelte das Hemd bis zum Ellen­bo­gen hoch. stop. Die kleine uralte Narbe am Dau­men. stop. Spur ein­er großen Geschichte. stop. Der Geschmack von Honig im Mund. Das Sum­men der Bienen. Die nack­ten Beine eines Mäd­chens. Ihre heiße Hand, die meinen schwellen­den Dau­men unter­sucht. Atem, der kühl ist. Eine helle Stimme, so viele Jahre alt. Som­merblu­men. Wolken. Schlaf. Das schmelzende Eis auf mein­er Stirn.

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die liebe der zeppelinkäfer

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india : 2.12 — Schon weit nach Mit­ter­nacht, aber immer noch ein später Abend sum­mender Luft. Habe drei lange Stun­den ver­sucht 18.924.150 Zeichen des men­schlichen Genoms als Sequenz in mein Textver­ar­beitung­spro­gramm zu laden. Immer wieder scheit­ert die For­matierung mit der Seite 32.678 des Doku­ments, als ob meine Com­put­er­mas­chine sagen wollte, diesen Unsinn mache ich nicht länger mit. — Nun aber rasch noch einen ern­sthaften Gedanken notieren. Nehmen wir ein­mal an, es wäre möglich, einen Käfer zu entwick­eln, sagen wir, einen Zep­pelinkäfer, der nahe absoluter Schw­erelosigkeit unter let­zten Molekülen von Sauer­stoff schwebend Ozon pro­duzieren würde, dann kön­nte man sich einen zweit­en Käfer vorstellen, einen Zep­pelinkäfer gle­ich­wohl, der eine Käfer­dame sein sollte, die sich natür­lich sofort ver­lieben wird, weshalb wir bald einen Nebel kle­in­ster, sehr gefräßiger Zep­pelinkäfer vor uns am Him­mel sehen wür­den. — Eine beruhi­gende Vorstel­lung, sagen wir, sehr beruhi­gend. — Was aber fressen sie dort oben, wo es doch nichts gibt außer Mond, Stern und Son­nen­licht? Man kön­nte eine Gat­tung weit­er­er Käfer erfind­en, Käfer, die sehr schmack­haft sind und lei­den­schaftlich gerne, sobald man sie freilassen wird, hin­ter die Wolken steigen, um sich ihren Freuden, den Zep­pelinkäfern, mit allem, was sie sind und haben, hinzugeben. — Ich sollte sofort ein kom­biniertes Patent ver­suchen.

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auftauchen

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alpha : 0.28 — Immer wieder ein Bild vor Augen, ein Bild langsam vor­rück­ender Zeit. stop. Die Ober­fläche des atlantis­chen Ozeans vor Neu­fund­land. stop. Keine Bewe­gung, nicht die kle­in­ste Welle. stop. Auch am Him­mel, keine Wellen, kein Flugzeug, kein Vogel. stop. Absolute Stille. stop. Minuten­lange Stille. stop. Tage der Stille, Monate, Jahre. stop. Jet­zt ein Schat­ten. stop. Der Schirm der Wasser­ober­fläche öffnet sich. stop. Der Helm eines Tief­see­tauch­ers erscheint. stop. Schw­eres Gehäuse. stop. Triefende Muscheln. stop. Eine Hand. stop. Die Gestalt ein­er eis­er­nen Hand, wie sie nach ros­ti­gen Schrauben tastet. stop. Wie der Helm des Tauch­ers, durch die Luft fliegt. stop. Das Gesicht eines Mannes, dessen Haut schneeweiß ist. stop. Eine Sch­necke ohne Gehäuse, die auf sein­er Stirn sitzt. stop. Sie scheint zu grasen. stop. Der Mann, wie er sich umsieht. stop. Wie er blinzelt, wie er lächelt. stop. Flüstert. stop. stop. Obwohl ich ver­suche, so nahe wie möglich her­anzukom­men, ist doch kein Wort zu ver­ste­hen. stop. Jet­zt winkt er. stop. stop. Ein heit­eres Bild. stop. Ein Bild, in dem Zeit enthal­ten ist. stop. stop. Wer endlich ver­haftet Robert Mugabe? stop. stop. 0.52 in Musi­na, südlich­es Afri­ka.

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mrs. callas pfeift

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echo : 3.15 — Man stelle sich das ein­mal vor, Mrs. Callas kann pfeifen. Sie war zu Besuch gekom­men und hat­te eine beson­dere Fotografie ent­deckt. Auf dieser Fotografie sitzt sie unter Men­schen an einem Tisch, den sie nicht erin­nern kon­nte, und darüber war sie ver­wun­dert oder beun­ruhigt, also machte sie merk­würdi­ge Geräusche mit dem Mund. Wer sind diese Leute, wollte sie wis­sen. Wann war das gewe­sen? Woher haben Sie diese Fotografie? — Wir gin­gen dann noch spazieren um kurz nach Mit­ter­nacht. Angenehmes Papier­licht, die Sonne war nicht unterge­gan­gen, strahlte etwas schläfrig am Him­mel herum. Noch immer leichter See­gang, aber zwei schöne Stun­den heit­er­er Gespräche. Wie ich mich freute, Mrs. Callas staunen zu sehen. Ich habe keine Kinder, nein, nein, ich habe keine Kinder. Doch, doch sagte ich, Sie haben Kinder geboren, sie sind eine fabel­hafte Mut­ter. Sieben Töchter, jawohl, sieben sehr selt­same Töchter, Sie wer­den sich doch um Him­mel­swillen an ihre Töchter erin­nern, an Sven­ja, Mar­lene, Bob­by, Lyd­wien, Vas­sil­li­ki, Eleonore, Bumubai. Soll ich Ihnen von Ihren Geburten erzählen, Mrs. Callas? – Kaum zurück, legte sie sich aufs Sofa und ver­tiefte sich wieder in jenes Bild, das von ihr, wie sie glaubte, abgenom­men wor­den war. Manch­mal näherte sie sich mit einem Fin­ger, flüsterte, oh, ich glaube, da ist etwas, diesen Her­rn kenne ich vielle­icht, ja, das kön­nte ein Musik­er sein, ein Bassist, nein, das ist ein­er, der Cel­lo spielt. — Seit Stun­den nun liegt sie so herum. Sie hat etwas von ein­er Katze, ganz ohne Zweifel. Ich weiß, sie wird sich bald erheben, und sie wird zu mir herüber kom­men, wird die Fotografie auf den Schreibtisch leg­en und sagen: Irgen­det­was stimmt hier nicht, Mr. Louis! Ich glaube, ich werde jünger. Ich glaube, die Zeit geht falsch herum. Was haben Sie dazu zu sagen? Sprechen Sie!

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polarlichtspiel

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sier­ra : 2.25 — Wale. Eine Abend­nacht voll weißer Wale. Wie sie duften. Wie sie sich bewe­gen. Wie sie fliegen. Ihre beson­deren Stim­men. Die Zeich­nung ihrer Haut. Die Farbe ihrer Augen. Die Posi­tion ihrer Ohren. Wie sie über das Polar­licht­spiel des Nor­dens staunen. Schweigend. Seitwärts im Wass­er liegend. Immer ist das linke Auge gegen den Him­mel gerichtet. Die Wan­derung der Sch­neck­en. Wie sie das Wass­er suchen. Da ist ein Geräusch. Das Geräusch der Sch­neck­en. Unhör­bar. Ein Geräusch, das man sehen kann.

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mrs. callas : at covent garden

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tan­go : 0.15 — Hat­te einen lusti­gen Traum. Saß im Zug und naschte Schoko­lade. Ich naschte so viel Schoko­lade, dass sich meine Stirn und meine linke Hand in eine Stirn und eine Hand von rein­ster Schoko­lade ver­wan­del­ten. Ein Kind kam vor­bei, kostete von meinem Zeigefin­ger und sagte: Du schmeckst gut. Und dann war schon Sam­stag gewor­den.

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geraldine wünscht

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~ : geral­dine
to : louis
sub­ject : GERALDINE WÜNSCHT

Seit zwei Tagen fahren wir sehr langsam im Kreis auf dem Atlantik herum. Ich kann das noch immer nicht glauben. Als ob mein sehn­lich­er Wun­sch, Southamp­ton niemals zu erre­ichen, in Erfül­lung gehen würde. Vielle­icht träume ich das alles nur. Oder ich bin in meinem Hof­fen soweit gekom­men, dass alle Wün­sche in Erfül­lung gehen. Irgend­je­mand sagte, wir wür­den Schiff­brüchige suchen. Ein Gerücht, nehme ich an. Wir Men­schen brauchen immer Gerüchte, wenn etwas geschieht, das ungewöhn­lich ist. Wir kön­nten noch Jahre so herum­fahren, ich hätte nichts dage­gen. Würde an der Rel­ing sitzen und die Far­ben des Wassers beobacht­en. Heute ist das Meer von einem hellen Blau, sil­bern glänzt es, weil uns Fis­che begleit­en, deren Rück­en weiß und grün im Licht der Sonne glitzern. Ich kann meinen Blick nicht abwen­den von diesem Wasser­licht, für das ich keine Worte finde. Gestern, Mr. Louis, habe ich meine sei­de­nen Hand­schuhe getra­gen hier oben an Deck in der kalten Luft, meine feinen Hand­schuhe zum Tanzen, Hand­schuhe, die nur ein Hauch sind, meine Haut schim­merte durchs Gewebe. Natür­lich hat­te ich noch Fäustlinge darüber gezo­gen. Als der Stew­art kam, — Sie wis­sen, der junge Mann, von dem ich schon erzählte, — habe ich sie aus­ge­zo­gen und ihm heim­lich meine kleinen Hände darge­boten. Lange habe ich so ges­tanden und zuge­se­hen wie er sie betra­chtete, ohne sie zu berühren. Meine Knie, Mr. Louis, haben gezit­tert, weil ich unendlich schwach gewor­den bin, aber dieser Blick auf meine Hände, dieser Blick, der meine Hände liebte, hat­te mir Kraft gegeben und auch das Wün­schen und dass wir Southamp­ton niemals erre­ichen wer­den. – Ihre Geral­dine auf hoher See.

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fan­gen am 20.12.2008
22.12 MEZ

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yanuk : fröhliche weihnachten

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delta

~ : yanuk le to : louis
sub­ject : FRÖHLICHE WEIHNACHTEN
date : dez 23 08 6.55 a.m.

In diesen Minuten, Mr. Louis, will ich sehr leise und behut­sam von ein­er aufre­gen­den Beobach­tung bericht­en. Du musst wis­sen, heute Mor­gen, als ich auf Höhe 385 schlaftrunk­en mein Zelt ver­ließ, hat­te ich sofort bemerkt, dass während der Nacht irgen­det­was geschehen sein musste, etwas Selt­sames, etwas, das meine kleinen Affen­fre­unde beun­ruhigte. Sie lagen nicht, wie üblich, vor sich hin däm­mernd lose auf dem hölz­er­nen Boden herum, son­dern dicht aneinan­der gedrängt und bebten, als wür­den sie frieren. Alle sahen sie mit ihren zitro­nen­gel­ben Augen in ein und dieselbe Rich­tung, star­rten zum Stamm eines benach­barten Baumes hin, ein Bün­del furcht­samer oder vielle­icht staunen­der Blicke, das den schmalen, völ­lig unbek­lei­de­ten Kör­p­er eines Mäd­chens betastete, der nur wenige Meter von uns ent­fer­nt über der Tiefe hing. Ich hat­te natür­lich zunächst den Gedanken, dass das vor mir baumel­nde Mäd­chen nur eine Erschei­n­ung gewe­sen war, vielle­icht ein Traum oder die Spur eines Traumes, die in einen wirk­lichen Tag hinüber­re­ichte. Beun­ruhigt wie meine Fre­unde, begann ich deshalb zunächst mit ein­er Kurbel Strom für meine Schreib­mas­chine zu erzeu­gen. Eine kon­tem­pla­tive Bewe­gung, eine, die ich auch im Schlaf ver­richt­en kön­nte. Während ich so arbeit­ete, hörte ich bald ein men­schlich­es Lachen. Ja, Sie lesen ganz richtig, Mr. Louis, das Mäd­chen lachte, ein feines, helles Lachen war zu hören, und die Affen faucht­en und wur­den so flach, als woll­ten sie spur­los ver­schwinden im war­men Holz oder son­st wohin ganz unsicht­bar wer­den. Wie sich doch alle ver­traut­en Geräusche verän­dern, sobald uner­wartete Dinge geschehen. Ich hörte meine eigene Stimme, wie sie sagte, das ist unglaublich, das ist ganz unglaublich, und ich hörte auf zu kurbeln und sah dem Mäd­chen in die Augen, und sofort klappte sie ihre Augen zu. Ich glaube, sie schläft jet­zt während ich diese Sätze so behut­sam schreibe wie ich nur kann, um das Mäd­chen nicht zu weck­en. Ja, stellen Sie sich vor, Mr. Louis, sie scheint tat­säch­lich tief und fest zu schlafen, während sie den Ast, der sie trägt, mit ihrer linken Hand umfasst. Die rechte Hand liegt flach auf ihrem Bauch, einem muskulösen Bauch von hellem Schein, opak, als würde ein Teil des Son­nen­lichts sich im Kör­p­er des Mäd­chen ver­fan­gen und weit­er­leucht­en, von Innen her­aus weit­er­leucht­en. Wenn sie nur nicht loslassen wird in dieser Höhe! Kein Haar auf dem Kör­p­er des Mäd­chens zu sehen. Das ist natür­lich selt­sam und ich weiß noch nicht genau, warum das so ist. Ich will Dir, Mr. Louis, an dieser Stelle meine her­zlichen Wei­h­nachts­grüße über­mit­teln aus meinen tro­pis­chen Räu­men. Und so mache ich das jet­zt, ehe ich einen ersten Ver­such unternehmen werde, mit dem Mäd­chen ein Gespräch zu führen. Vielle­icht werde ich ihr meine Blüten­ze­ich­nun­gen zeigen, die ich während der ver­gan­genen Tage sam­melte. Fröh­liche Wei­h­nacht­en! Cucur­ru­cu — Yanuk

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mrs. callas betrachtet raissa orlowa und lew kopelew

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nord­pol : 0.01 — Kam von einem Besuch bei Fre­un­den nach Hause zurück, und wie ich so in meine Woh­nung stolperte, ent­deck­te ich Mrs. Callas, die weinend vor ein­er Fotografie stand, vor ein­er Schwarzweiß­fo­tografie, die ich seit vie­len Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne anse­he. Natür­lich wun­derte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Men­schen zeigt, eine Frau und einen Mann, die fried­voll Seite an Seite in ein­er Küche an einem Tisch sitzen. Die alte Frau, Rais­sa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielle­icht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhi­gende Fotografie. Ich glaube, set­zte ich hinzu, sie sind glück­lich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich mit Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glück­lich, ganz sich­er sind sie sehr glück­lich. Ich wün­sche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoff­nungsvoll beobachtet. Wie nur kön­nte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schick­sal ohn­mächtig bin? Vielle­icht kön­nte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München ein­mal für wenige Sekun­den begeg­nete. Ich kön­nte ihr beschreiben, wie er mir am Haupt­bahn­hof aus ein­er Men­schen­menge her­aus ent­ge­genkommt, wie ich seine Erschei­n­ung, seine stat­tliche Größe, seinen schlo­hweißen Bart bewun­dere. Und ich kön­nte Mrs. Callas bericht­en, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich fre­undlich betra­chtet und wie er meinen nick­enden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gese­hen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gele­sen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielle­icht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekun­den meines Lebens erzählen, und dass es erhol­sam sein kön­nte, sich zunächst ein­mal zur Ruhe zu leg­en für zwei oder drei Tage.

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mondfahrer

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tan­go : 10.05 — Vielle­icht bald auf dem Mond spazieren. stop. Sagen wir im Jahr 2025. stop. Oder im Jahr 2027. stop. Sagen wir zur Kirschblüten­zeit. stop.

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von der poesie der insekten

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echo

~ : louis
to : mon­sieur jean-hen­ri fab­re
sub­ject : VON DER POESIE DER INSEKTEN

Mein lieber Mon­sieur Fab­re, an diesem wun­der­schö­nen, eiskalten Dezem­bertag gegen Zehn, habe ich ent­lang Ihrer feinen Zeichen­kette die Bestei­gung des Mont Ven­toux in Angriff genom­men. Nun bin ich wieder ein­mal begeis­tert von hin­reißen­der Land­schaft, von der dün­ner wer­den­den Luft, von ihren geliebten Wespen, die ich noch nie in meinem Leben mit eige­nen Augen wahrgenom­men habe. Heute Mor­gen sehr früh, als ich vor dem Fen­ster saß und meine Polar­spinne beobachtete, wie sie sich freute, nach ein­er sehr lan­gen Zeit im Eis­fach endlich unter der freien, kalten Luft die Sterne betra­cht­en zu kön­nen, hat­te ich die Genauigkeit Ihres Sehens erin­nert, die Geduld Ihrer Augen, und sofort in Ihr kleines, bedeu­ten­des Buch von der Poe­sie der Insek­ten geschaut. Man kann das Atmen vergessen, während man sich ihrer Augen­weise übergibt. Wie lange Zeit wer­den Sie wohl eine grabende Sandwe­spe betra­chtet haben, ehe Sie einen ersten Satz for­mulierten? Und was, zum Teufel, haben Sie da unter der Lupe, als Nadar fotografierte? — Ihr Louis, mit besten Grüßen.

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aus heiterem himmel

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hibiskus : 15.00 — Ein Krieg aus “heit­erem Him­mel”. stop. Von ein­er Mel­dung zur anderen. stop. Kinder bauen in Bunkern Höh­len­zelte. stop. Kinder haben, noch ehe sie zu schreiben ler­nen, Kinder­feinde, die nicht schreiben kön­nen, die sie töten wollen. stop. Kinder von dun­kler Haut, die im Geheimen so leicht gewor­den sind, dass jed­er Wind sie mit sich in die Wüste tra­gen kön­nte. stop. Das schneeweiße Gesicht eines Kindes, das nie wieder schlafen wird. stop. Vielle­icht komme ich als schreiben­der Men­sch näher her­an, wenn ich mir eingeste­he, dass ich an diesem vor­let­zten Tag des Jahres 2008 die Zahl 1, und somit alle weit­eren Zahlen, noch immer nicht ver­standen habe. stop.

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