Aus der Wörtersammlung: körper

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eine sprechende maschine

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reming­ton : 6.52 — Vor weni­gen Tagen hat­te ich von der Ent­de­ckung eines Muse­ums der Nacht­häu­ser erzählt, das sich am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, die den Stadt­teil Queens über den East River hin­weg mit Ran­di­lis Island ver­bin­det. Es ist noch immer ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, der Fluss so nah, dass man ihn rie­chen kann. Heu­te liegt der Gar­ten tief ver­schneit. Ich ste­he unter einem der Apfel­bäu­me, die ohne Blät­ter sind. Die­ser Baum trägt sei­ne Som­mer­früch­te so, als ob er sie fest­hal­ten wür­de, sie sind etwas klei­ner gewor­den, vol­ler Fal­ten, aber sie leuch­ten Rot und sie duf­ten. Der jun­ge Mann, der mich bereits ein­mal durch das Muse­um geführt hat­te, kommt in die­sem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wie­der­ge­kom­men bin. Eine Wei­le ste­hen wir uns gegen­über, es ist zum Erbar­men kalt, wir tre­ten von einem Bein aufs ande­re, wäh­rend der jun­ge Mann eine Ziga­ret­te raucht, dann ist es fast dun­kel und wir tre­ten wie­der in das Muse­um ein. Er möch­te mir eine klei­ne Maschi­ne zei­gen, die im ers­ten Stock seit vie­len Jah­ren in einer wei­te­ren Vitri­ne sitzt. Auf den ers­ten Blick scheint es sich um eine ähn­li­che Appa­ra­tur zu han­deln, wie jene von der ich berich­te­te. Ein Gecko von Metall, der in der Lage ist, sich zum Zwe­cke pro­tes­tie­ren­der Kom­mu­ni­ka­ti­on Wän­de hin­auf an die Decke eines Zim­mers zu bege­ben, um sich dort fest­zu­sau­gen. Aber anstatt eines oder meh­re­rer Schlag­in­stru­men­te, mit wel­chen gegen die Decke getrom­melt wer­den könn­te, ver­fügt die­ses klei­ne Wesen über einen Laut­spre­cher, der wie ein Mund gestal­tet ist, und des­halb her­vor­ra­gend geeig­net zu sein scheint, hef­ti­ge Geräu­sche des Spre­chens zu erzeu­gen. Bei die­ser Appa­ra­tur, sagt der jun­ge Ange­stell­te, han­delt es sich um den ers­ten Decken­spre­cher der Geschich­te, ein äußerst sinn­vol­les Gerät. Er for­dert mich auf, näher­zu­tre­ten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist ver­beult! Tat­säch­lich war der klei­ne eiser­ne Gecko von zahl­rei­chen Schlä­gen so ver­letzt, dass er viel­leicht kaum noch in der Lage gewe­sen war, sei­ner Auf­ga­be nach­zu­kom­men. Denk­bar ist, dass er in einer Nacht der Tag­men­schen der­art wir­kungs­voll gear­bei­tet haben könn­te, dass man ihn fan­gen woll­te, wes­halb man in die Woh­nung des Nacht­men­schen ein­ge­bro­chen war, um ihn zum Schwei­gen zu brin­gen. Als man das ram­po­nier­te Gerät vie­le Jah­re spä­ter öff­ne­te, ent­deck­te man eine Ton­band­spu­le, auf wel­cher Lite­ra­tur von Bedeu­tung fest­ge­hal­ten war. Ein Bruch­stück der his­to­ri­schen Auf­nah­me war noch vor­han­den gewe­sen, und jetzt, in die­ser Nacht, spielt mir der jun­ge Mann vor, was der Appa­rat gespro­chen hat­te. Eine äußerst lau­te, schep­pern­de Stim­me ist zu ver­neh­men: Zuerst woll­te er mit dem unte­ren Teil sei­nes Kör­pers aus dem Bett hin­aus­kom­men, aber die­ser unte­re Teil, den er übri­gens noch nicht gese­hen hat­te und von dem er sich kei­ne rech­te Vor­stel­lung machen konn­te, erwies sich als zu schwer beweg­lich; es ging so lang­sam; und als er schließ­lich, fast wild gewor­den, mit gesam­mel­ter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts stieß, hat­te er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unte­ren Bett­pfos­ten hef­tig an, und der bren­nen­de Schmerz, den er emp­fand, belehr­te ihn, dass gera­de der unte­re Teil augen­blick­lich viel­leicht der emp­find­lichs­te war. — Hier endet die Spu­le, ums sofort wie­der von vorn zu begin­nen. — stop

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dampfende ohren

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alpha : 6.55 — Ich for­sche gern in mei­nem digi­ta­len Ana­ly­se­pro­gramm nach Fra­gen an Such­ma­schi­nen, die zu mei­ner Par­tic­les­ar­beit führ­ten. Merk­wür­di­ge, ver­rück­te, poe­ti­sche Sen­ten­zen sind zu fin­den. In der ver­gan­ge­nen Woche zum Bei­spiel fol­gen­de: mei­ne schreib­ma­schi­ne schreibt buch­sta­ben über­ein­an­der . klei­ne rote flie­gen in der küche . käfer der auf unse­rem kör­per wohnt . lus­ti­ge geschich­ten über ohren . ägyp­ti­sches frau­zei­chen mit flü­geln . schim­pan­sen im welt­all . schla­fen­de ele­fan­ten . män­ner mit klei­nen köp­fen . ist albert san­chez pinol ein mann . lou­is’ licht­ge­schich­te. stop — Über Nacht ist es kalt gewor­den. An der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le beob­ach­te ich einen älte­ren Herrn, aus des­sen Ohren Dampf zu tre­ten scheint. Man könn­te sagen, es han­delt sich um den ers­ten rau­chen­den Kopf, den ich in mei­nem Leben per­sön­lich gese­hen habe. Als ich näher her­an­tre­te, erken­ne ich, dass sich in den Ohren des damp­fen­den Herrn je ein Tier befand. Ich frag­te, ob ich viel­leicht ein­mal genau­er betrach­ten dürf­te, was dort in sei­nen Ohren exis­tiert. Weil der alte Mann nichts hör­te, trug ich mein Anlie­gen in Zei­chen­spra­che vor. Er schien mich zu ver­ste­hen und neig­te unver­züg­lich sei­nen Kopf, sodass ich eine gute Aus­sicht hat­te auf das rech­te sei­ner Ohren. Tat­säch­lich waren dort Augen und Zan­gen eines Käfers zu erken­nen. Als ich mich näher­te, zog sich das Wesen ein wenig in die Tie­fe des Ohres zurück, das von wei­ßem flau­mi­gen Haar besetzt war, wie von einem kost­ba­ren Pelz. Der dün­ne Faden des Käfe­ratems, den ich kurz zuvor beob­ach­tet hat­te, war nun gut zu sehen, aber ich konn­te nicht ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren, woher der Atem des Käfers eigent­lich kam, wo der Atem, der in der kal­ten Luft kon­den­sier­te, den Käfer­kör­per prä­zi­se ver­ließ. Noch ehe ich mei­ne Fra­ge zur Kon­struk­ti­on des Käfers stel­len konn­te, war der alte Herr in eine Stra­ßen­bahn gestie­gen und davon­ge­fah­ren. — Diens­tag. — stop.

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dos passos’ lesebrille

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del­ta : 22.01 — In dem Moment, da ich beim Augen­op­ti­ker mei­nen Wunsch nach einer Lese­bril­le vor­ge­tra­gen hat­te, war ich etwas ver­le­gen gewe­sen, als ob ich plötz­lich uralt gewor­den sei und etwas an Bedeu­tung ver­lo­ren hät­te. Ich sag­te nun zu dem Mann, der hin­ter dem Tre­sen stand: Hören Sie, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le. Ich sehe, glau­be ich, noch gut nach nah und fern. Aber ich möch­te ger­ne die­ses Buch hier lesen. Ich leg­te John Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer auf den Tre­sen ab, genau­er gesagt, Dos Pas­sos’ Roman in der deut­schen Taschen­buch­aus­ga­be des Rowohlt Ver­la­ges, ein Buch, dem sofort anzu­se­hen ist, dass man Papier spa­ren woll­te, eine ehren­wer­te Hand­lung, um Urwäl­der vor der Ver­nich­tung zu bewah­ren, das ist denk­bar. Man kann sich das so vor­stel­len: Die Zei­chen, die im Kör­per des Buches zu fin­den sind, sind äußerst klein gera­ten, alle Zei­len lie­gen dicht zuein­an­der und span­nen sich tat­säch­lich fast voll­stän­dig vom lin­ken bis zum rech­ten Rand der Sei­te. Es ist ein dicht bedruck­tes Buch, eine bei­na­he dunk­le Erschei­nung. Kön­nen Sie mir even­tu­ell mit einer pas­sen­den Bril­le wei­ter­hel­fen, frag­te ich den Opti­ker vor­sich­tig. Wis­sen Sie, wie ich bereits erwähn­te, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le! Der Opti­ker nahm also das Buch in die Hand, wog es hin und her, öff­ne­te es, warf einen kur­zen Blick auf die ers­te Sei­te des Romans und lächel­te, ich soll­te ihm fol­gen. Im Maga­zin, – es war ein gro­ßes, erheb­li­ches, ja ein bedeu­ten­des Waren­la­ger -, führ­te er mich Schub­la­den­wän­de ent­lang, die bis unter die Decke reich­ten, es roch sehr gut, etwas nach Alko­hol und etwas nach fei­nen Motor­ölen. Nach einer Wei­le blieb er ste­hen und deu­te­te auf eine der Schub­la­den. Dort stand, gleich­wohl in sehr klei­ner Schrift geschrie­ben: Dos Pas­sos / Man­hat­tan Trans­fer. Wie er nun die Schub­la­de öff­ne­te, lagen dicht an dicht eini­ge schö­ne Lese­bril­len in ver­schie­de­nen Far­ben und Grö­ßen und For­men. Über Dos Pas­sos’ Bril­len­schub­la­de war ein Fach mit der Beschrif­tung: Samu­el Beckett / Gesam­mel­te Roma­ne zu erken­nen. Gleich rechts davon lager­ten Ulys­ses’ Bril­len. – stop

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zwei kleine köpfe

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echo : 0.15 — Im Traum beob­ach­te­te ich mich selbst in einem Prä­pa­rier­saal, wie ich Haut und Kno­chen und Mus­kel­tei­le aus einem Behäl­ter nahm, um sie wie­der zu einem Kör­per zu fügen, zu einem Zusam­men­hang, der an einen gewe­se­nen Men­schen erin­nern könn­te. Ich hör­te, wie ich mit mir schimpf­te, weil ich nicht nähen konn­te, was ich mir wünsch­te, eine gro­tes­ke Gestalt mit zwei klei­nen Köp­fen lag auf dem Tisch, eine Hand, es war die lin­ke, fehl­te, und Füße waren über­haupt nicht vor­han­den, dafür hat­te ich eine Knie­schei­be zu viel. Es war doch ein beun­ru­hi­gen­der Anblick, ich selbst und die­ser klei­ne Mann, ein Prä­pa­ra­tor, der sich neben mich setz­te. Er betrach­te­te mei­ne flin­ken Hän­de, manch­mal sah ich ihn fra­gend an. Ein­mal bemerk­te er mit sanf­ter, güti­ger Stim­me, ich wür­de nun schon sehr lan­ge Zeit hier sit­zen, zwei­hun­dert Jah­re, ich soll­te doch end­lich ein­mal schla­fen. — stop

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funkstille

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marim­ba

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : FUNKSTILLE
date : oct 17 12 8.15 p.m.

Ja, war­um ant­wor­ten Sie denn nicht, ver­dammt, wenn wir ihnen schrei­ben? Rom. Das ist doch kein Grund, sich nicht zu mel­den. Kaum aus­zu­den­ken, wenn wir das so machen wür­den wie Sie. Fran­kie haben wir jeden­falls wie­der­ge­fun­den. Fünf Tage war er nicht zu fin­den gewe­sen, kein Signal, kein Fran­kie im Cen­tral Park, wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Man stel­le sich das ein­mal vor, wir wür­den Frankie’s Spur ver­lo­ren haben, wenn es ein­mal wirk­lich ernst gewor­den ist. Wir dach­ten, die Brenn­stoff­zel­len sei­nes Sen­ders könn­ten aus­ge­fal­len sein. Es war an einem Sams­tag, da war Fran­kie plötz­lich fort, Höhe 76. Stra­ße. Gera­de noch kau­er­te er neben einer Eiche. Wir waren müde, glau­be ich, es war Abend, wir saßen in Sicht­wei­te auf einer Bank, viel­leicht sind wir kurz ein­ge­schla­fen. Natür­lich haben wir sofort die Suche nach Fran­kie auf­ge­nom­men. Haben jede Unter­füh­rung geprüft und jedes der Abfluss­roh­re, die Fran­kie zum Ver­häng­nis gewor­den sein könn­ten. Grau­en­vol­le Tage, wir irr­ten ziel­los her­um. Jedes Eich­hörn­chen, dem wir uns näher­ten, konn­te Fran­kie gewe­sen sein. Das war ein Alb­traum, eine  unge­heu­re Sache, wie ähn­lich sie sich doch sind. Matt wur­de mehr­fach in die Hand gebis­sen, wir tra­gen jetzt Leder­hand­schu­he. Und dann kam Fran­kie zurück. Es war wie­der Abend gewor­den und Fran­kie tauch­te genau dort, wo wir ihn ver­lo­ren hat­ten, wie­der auf. Lang­sam kam er auf uns zu, sein Schwanz zit­ter­te, sein fes­ter Kör­per beb­te, er mach­te den Ein­druck, als woll­te er uns begrü­ßen. So nah kam er her­an, dass wir ihn berüh­ren konn­ten. Ich habe mir gedacht, dass Fran­kie ver­dammt genau den Ein­druck mach­te, als hät­te er nach uns gesucht wie wir nach ihm, und dass er froh gewe­sen war, uns end­lich gefun­den zu haben. Das ist schon eine selt­sa­me Geschich­te. Gera­de sitzt Fran­kie auf einer Bank neben uns. Er knackt Erd­nüs­se, die wir im schenk­ten. Eine Art Bestechung viel­leicht. Der Sen­der piepst. Alles scheint wie­der in Ord­nung zu sein. Ihr Mal­colm – stop / code­wort : lilienthal

emp­fan­gen am
18.10.2012
1512 zeichen

mal­colm to louis »

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rom : katzen

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tan­go : 16.08 — In dem ich durch die Stadt spa­zie­re in feuch­ter Luft, die Vor­stel­lung schwit­zen­der Flie­gen, Flie­gen, die sich schüt­teln wie nas­se Hun­de, die aus einem Gewäs­ser stei­gen. Seit drei Tagen strei­fe ich den Fluss ent­lang, sit­ze und war­te, dass eine der berühm­ten dop­pel­köp­fi­gen Tiber­kat­zen vor mei­nen Augen erschei­nen möge. Das Schiff, auf dem ihre Art her­ge­stellt wor­den sein soll vor weni­gen Jah­ren, liegt noch fest ver­täut nahe der Pon­te Sis­to, ein Schiff ohne Leben, da und dort ist es bereits ros­tig gewor­den. Über dem Ach­ter­deck schwingt eine Glüh­bir­ne in ihrer Fas­sung an einem Kabel auf und ab. Ich habe mehr­fach ver­sucht, das Schiff zu errei­chen. Es ist ver­geb­li­che Mühe, kein Weg führt hin­un­ter auf den letz­ten Absatz vor dem Fluss. Sobald ich eine Trep­pe betre­te, die zum Schiff füh­ren soll, kom­me ich an einer ande­ren Stel­le als gewünscht wie­der her­aus. Auch auf Wegen, die unmit­tel­bar das Ufer beglei­ten, ist das Schiff nicht zu errei­chen, man geht und geht und kommt doch nie­mals an. Aber ich kann das Schiff betrach­ten von der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Flus­ses aus. Ein grau­er, wuch­ti­ger Kör­per, Kar­pern­bü­sche haben sich an der Reling zur Son­ne hin fest­ge­setzt. Hier soll er gelebt haben, der Erfin­der der Tiber­kat­zen. Man woll­te ihn ver­haf­ten, man woll­te dem Mann, der in den Blau­pau­sen der Schöp­fung eige­ne Wün­sche ver­zeich­ne­te, Ein­halt gebie­ten. Nun ist er spur­los ver­schwun­den, aber sei­ne Kat­zen­we­sen sol­len noch exis­tie­ren in der alten Stadt. Ich tra­ge fri­schen Fisch in mei­ner Tasche. Manch­mal hal­te ich an. Ich setz­te mich ans Ufer, las­se mei­ne Bei­ne über dem brau­nen Was­ser bau­meln, lege einen Fisch neben mich ab und war­te. Die Stei­ne sind warm. — stop
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giuseppi logan

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hima­la­ya : 6.45 — Vor zwei oder drei Mona­ten habe ich eine Geschich­te gele­sen, von der ich mich sagen hör­te, sie sei eine Geschich­te, die ich nie wie­der ver­ges­sen wer­de, die Geschich­te selbst und auch nicht, dass sie exis­tiert, dass sie sich tat­säch­lich ereig­ne­te, eine Geschich­te, an die ich mich erin­nern soll­te selbst dann noch, wenn ich mei­nen Com­pu­ter und sei­ne Datei­en, mei­ne Notiz­bü­cher, mei­ne Woh­nung, mei­ne Kar­tei­kar­ten bei einem Erd­be­ben ver­lie­ren wür­de, alle Ver­zeich­nis­se, die ich stu­die­ren könn­te, um auf die Geschich­te zu sto­ßen, wenn sie ein­mal nicht gegen­wär­tig sein wür­de. Die­se Geschich­te, ich erzäh­le eine sehr kur­ze Fas­sung, han­delt von Giu­sep­pi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazz­mu­si­ker, ein Mann von dunk­ler Haut. Logan, so wird berich­tet, atme Musik mit jeder Zel­le sei­nes Kör­pers in jeder Sekun­de sei­nes Lebens. In den 60er-Jah­ren spiel­te er mit legen­dä­ren Künst­lern, nahm eini­ge bedeu­ten­de Free­jazz­plat­ten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Dro­gen und war plötz­lich ver­schwun­den, man­che sei­ner Freun­de ver­mu­te­ten, er sei gestor­ben, ande­re spe­ku­lier­ten, er könn­te in einer psych­ia­tri­schen Anstalt ver­ges­sen wor­den sein. Ein Mann wie ein Black­out. Über 30 Jah­re war Giu­sep­pi Logan ver­schol­len, als man ihn vor weni­gen Jah­ren in einem New Yor­ker Park lebend ent­deck­te. Er exis­tier­te damals noch ohne Obdach, man erkann­te ihn an sei­nem wil­den Spiel auf einem zer­beul­ten Saxo­fon, ein­zig­ar­ti­ge Geräu­sche. Freun­de besorg­ten ihm eine Woh­nung, eine Plat­te wur­de auf­ge­nom­men, und so kann man ihn nun wie­der spie­len hören, live, weil man weiß, wo er sich befin­det von Zeit zu Zeit, im Tomp­kins Squa­re Park näm­lich zu Man­hat­tan. Es ist ein klei­nes Wun­der, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wort­bo­je Giu­sep­pi Logan in ein Ver­zeich­nis schrei­ben, das ich aus­wen­dig ler­nen wer­de, um alle die Geschich­ten wie­der­fin­den zu kön­nen, die ich nicht ver­ges­sen will. — stop
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PRÄPARIERSAAL : xiangs momentaufnahme

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nord­pol : 8.27 — Xiang, 24, notiert in einer E‑Mail über Musik und Ana­to­mie – zwei Begrif­fe, die auf den ers­ten Blick unver­ein­bar schei­nen. Aber je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to deut­li­cher erken­ne ich eine mög­li­che Ver­bin­dung. Sicher ist es das The­ma des Todes, dass die Musik dort domi­nie­ren wür­de, sodass mir spon­tan Beset­zun­gen wie Orgel (all­mäch­ti­ger Cha­rak­ter), Xylo­fon (Käl­te, Leb­lo­sig­keit) oder Chor (Toten­kla­ge) ein­fal­len. Ich kann mir ent­we­der sehr alte Musik­sti­le, wie Gre­go­ria­nik und Früh­ba­rock, oder Musik des 20./21. Jahr­hun­derts vor­stel­len, z. B. John Cage oder Geor­ge Crumb, deren Inten­ti­on immer­hin gera­de in einer gewis­sen Absur­di­tät, Grenz­über­schrei­tung, bzw. in gewoll­ter Ent­fer­nung von der Ästhe­tik der Wirk­lich­keit zu fin­den ist. Gera­de die­ses Moment prägt die Atmo­sphä­re des Prä­pa­rier­saa­les: eine zwar arti­fi­zi­el­le, jedoch nicht pri­mär ästhe­ti­sche Arbeit an mensch­li­chen Kör­pern, die durch den Tod und den Vor­gang des Halt­bar-Machens von einem Indi­vi­du­um zu einem Prä­pa­rat ver­wan­delt wur­den, sodass Zeit­lo­sig­keit an die Stel­le dyna­mi­schen Lebens getre­ten ist. Es ist nicht leicht an Musik in die­sem Zusam­men­hang zu den­ken, da sich Musik gera­de durch ihren ewi­gen Fluss, ihre im Inne­ren gebor­ge­ne Leben­dig­keit aus­zeich­net, ihre See­le, die nie­mals ster­ben kann, selbst dann nicht, wenn noch so vie­le Ver­su­che unter­nom­men wer­den, sie in Moment­auf­nah­men zu kon­ser­vie­ren. — stop

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Über Ohren­vö­gel notie­ren. Ich ent­deck­te sie ges­tern wäh­rend eines Spa­zier­gangs. Ohren­vö­gel kom­men ohne Aus­nah­me paar­wei­se vor. Haut von hel­lem Leder, Haut, die man als Beob­ach­ter oder als Besit­zer eines Ohren­vo­gel­pär­chens weit­hin über­bli­cken kann, weil sie voll­kom­men nackt sind, abge­se­hen von ihren Flü­geln, dort exis­tie­ren Federn, so fei­ne Federn, dass man sie, wüss­te man es nicht bes­ser, für Pelz hal­ten könn­te, Feder­pel­ze in Gelb und Rot und Blau, kräf­ti­ge Far­ben, die eigen­ar­tigs­te Mus­ter bil­den, so indi­vi­du­ell wie die Fin­ger­ab­drü­cke an den Hän­den mensch­li­cher Wesen. Ohren­vö­gel sind von eher klei­ner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schna­bel­at­trap­pen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betrach­ter der Ohren­vö­gel oft an genau die­se Gat­tung kleins­ter Luft­we­sen erin­nert füh­len. Das sehr Beson­de­re an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jener Men­schen, die sie bewoh­nen, eng ver­bun­den sind. Genau­er gesagt, wür­den sie ohne die­se Ver­bin­dung über­haupt nicht exis­tie­ren, eine blaue, zar­te Nabel­schnur, so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Hal­ses. Blut fließt von da nach dort, wes­we­gen Ohren­vö­gel weder trin­ken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man könn­te viel­leicht sagen, dass sie nur zum Ver­gnü­gen leben, zur Zier­de und Freu­de auch jener Men­schen, die sie beglei­ten. Wenn sie nicht Stun­de um Stun­de unter den Ohren ihrer Besit­zer schau­keln und schla­fen, flie­gen sie sehr gern in der nähe­ren Umge­bung her­um. Weit kom­men sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immer­hin, um ein­an­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­sei­te des ande­ren, man sitzt dann gemein­sam auf einer Schul­ter und schaut auf die gro­ße Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­trau­te Welt, zur gegen­sei­ti­gen Pfle­ge und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass mensch­li­che Ohren nicht in der Lage sind, sie zu ver­neh­men. Nichts wei­ter. – stop
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am arm

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romeo : 5.25 — Ich hat­te ein Gebiet mei­nes lin­ken Unter­ar­mes nah des Ell­bo­gen­ge­len­kes von Haut befreit. Arbei­te­te mich bis in 1 Zen­ti­me­ter Tie­fe vor­an, ohne das Bewusst­sein zu ver­lie­ren. Mein Arm lag indes­sen flach auf dem Tisch. Beob­ach­te­te mei­ne rech­te Hand, wie sie mit­tels einer Pin­zet­te Wur­zeln fili­gra­ner Bäu­me in die Ver­tie­fung senk­te. Die­se Bäu­me waren nicht höher als 3 Zen­ti­me­ter, Ahorn war dar­un­ter, Buchen, Eichen, Erlen. Spür­te, wie sie sich in mei­nem Kör­per vor­an­tas­te­ten. Ich wach­te auf. Es war fünf Uhr in der Früh. Sta­re, groß wie Amei­sen, ein gan­zer Schwarm, geis­ter­te durchs Zim­mer. — stop

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