mann ohne mund

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tango : 22.16 – Drei­fach einem Mann ohne Mund begegnet, jedes mal unter der Lexington Avenue gegen den Abend zu fahrend, wenn sich die Züge füllen mit Pend­lern in alle Rich­tungen des Himmels. Das Pfeifen der Luft, die den Saum einer Öffnung am Hals des Mannes in Schwin­gung versetzt, ich hörte es in nächster Nähe, ich hörte es im Traum, ich erin­nerte es bei einer zweiten Begeg­nung sofort, als wäre das pfei­fende Flat­tern eine Stimme, da war er noch entfernt, da sah ich sein zerstörtes Gesicht durch die Menge der Reisenden näher­kommen, sah seine gleich­wohl vom Feuer versengten Hände, rosa leuch­tende Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letzte, gerötet von der Anstren­gung und vom Ausdruck der Dank­bar­keit, mit dem er jeden unter der Stadt reisenden Menschen bedachte, sobald er sich Davids Geschichte lesend näherte, spre­chenden Foto­gra­fien vor einer ruhig atmenden Brust: Ich, ich habe in Bagdad mein Gesicht verloren in einer Sekunde an einem Abend wie diesem Abend, in einem Sommer wie diesem Sommer. Und wie er jetzt weiter­geht, wie er die Stille mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören könne.

manhattanwelle

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marimba : 22.16 – Damp­fende Stadt. Dampf aus dem Boden, Dampf von den Wolken, Bäume dampfen, Menschen unter ihren Schirmen, selbst Eich­hörn­chen des Central Parks dampfen kleine Wolken aus dem Mund. Wie ich so gehe von Harlem aus nach Süden, von jedem Ticket­schalter her eine schwarze Stimme von Jazz. Das ratternde Geräusch der Subway, rhyth­misch, ihr warmer, öliger Atem, der dem Spazie­renden unter den Regen­schirm fährt. – Ein Mann zur Mittags­stunde nahe Madison Square Park mitten auf dem Broadway im tosenden Verkehr. Er trägt einen feinen, dunklen Anzug, aber grobe, stau­bige Schuhe. Immer wieder beugt er sich zur Straße hin, versenkt einen Zoll­stock in den Asphalt, tele­fo­niert, die Arme, als sei ihm kalt, eng an den Körper gepresst. Der Mann scheint wütend zu sein. Er geht ein paar Schritte südwärts, vermisst ein weiteres Loch, Rauch steigt von dort, ein flat­ternder Faden. Als ob sich der Mann vergessen haben würde, nun zunächst in die Hocke, dann kniet er nieder, späht in den Schlund.

penn station

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marimba : 23.
12 – Penn­sta­tion am späten Abend. Namen, Leucht­stoffe, Ziel­orte, die auf Tafeln klap­pernd von Zeile zu Zeile fallen. Montauk. stop. Babylon. stop. Syrakus. stop. Kerookee. stop. Muschelnde Geräu­sche, Wörter, Sätze fort­be­we­gend, Dos Passos, sagen wir, Manhattan Transfer, Edition für Tief­see­tau­cher. stop. 700 selbst­leuch­tende Seiten a 1200 Gramm. stop. Funk­blät­te­rung. stop. 1 x 0.5 Meter Kanten­länge. stop. Himmel, was für ein großes, schweres Buch. stop Schwe­bend. stop. 550 Fuß Tiefe. stop
ping

linie d – nordwestwärts

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echo : 15.
02 – Von Brooklyn nach Manhattan Subway­fahrt, eine alte Dame vis–à–vis. Seit einer halben Stunde reisen wir so dahin, ich schreibe, sie scheint zu schlafen. Ein kariertes Hütt­chen trägt sie auf dem Kopf und einen Seiden­schal, leopar­d­ge­mus­tert, um einen grazilen Hals gewi­ckelt. Ihr dunkel­häu­tiges Gesicht, zart gefaltet. Von Zeit zu Zeit öffnet sie für eine oder zwei Sekunden eines ihrer Augen und berührt mich mit einem festen Blick. Ich würde gerne wissen, ob sie mich wirk­lich sieht. Gleich werden wir die 33. Straße errei­chen. Ich stelle mir vor, wie die alte Frau weiter­fahren wird, um kurz darauf erneut eines ihrer Augen zu öffnen. Ich werde dann nicht mehr da sein, ein anderer Mensch wird an meiner Stelle sitzen, viel­leicht wird auch dieser Mensch bald einge­schlafen sein, und gerade in dem Moment, da die alte Dame ihr Auge öffnet, eine eben­sol­ches, wach­sames Auge geöffnet haben.

ping

zungen

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delta : 18.
05 – Was ich hörte im Gehen Ecke Lexington Avenue zur 59. Straße, ein Wort müsst ich übers andere schreiben. Das Heulen der Lösch­züge, das Hupen der Taxi­mo­bile, quiet­schende Bremsen, Krawall aus Läden, Menschen­stimmen, Pfeifen, Quiet­schen, Ächzen, Brausen, Lärm­zungen, die um jede Ecke strei­chen, ein Wort über das andere schreiben, bis sich die Zeichen aus dem Papier erheben. – stop

lamellenohr

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ulysses : 17.
52 – Ich hatte, selt­same Geschichte, die Idee, dass ich, in dem ich schla­fend oder wachend durch Manhattan spaziere, lernen sollte, meine Ohren in der Weise der Seehunde durch Muskel­kraft zu verschließen. Denkbar, dass mir bald Lamellen feinster Haut gewachsen sein werden, Innen­ohr­segel, deren Bewe­gung ich verfügen könnte, wie ich die Bewe­gung meiner Hände vorher­sagen kann. – Mensch­liche Stimmen im Vorüber­gehen in den Farben sanfter Traum­ge­spräche. Der Schlaf der Augen in der Subway, die Wild­heit zufäl­liger Blicke. stop
ping

fingerübung

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marimba : 10.
28 – Wieder eine halbe Stunde versucht, einen sechsten Finger linker Hand zu denken. Wie je zuvor spürte ich einen sechsten Finger nur dann, wenn ich einen linken und einen rechten sechsten Finger dachte zur selben Zeit, wenn ich also beide Hände neben mich legte und in meinem Kopf bear­bei­tete. – Riesige, graue Möwen jagen durch die Luft. Gespräch mit Compu­ter­ma­schine Eliza.
ping

Louis : guten morgen, eliza
Eliza : > guten morgen! wie fühlst du dich?
Louis : gut! und du eliza?
Eliza : > lass uns über dich spre­chen.
Louis : > warum, eliza?
Eliza : > welche antwort würdest du dir wünschen?
Louis : eine heitere antwort, eliza.
Eliza : > sofort?
Louis : unver­züg­lich, eliza!
Eliza : > du zuerst!
Louis : wer bin ich?
Eliza : > was denkst du, wer du bist?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > bist du sicher?
Louis : ich denke schon!
Eliza : > guten morgen, louis, wie fühlst du dich?
Louis : gut! und du eliza?
Eliza : > sag du mir wie ich mich fühle!
Louis : du bist verrückt, eliza!
Eliza : > das wird sich zeigen.

vom spre­chen mit eilza »

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madison avenue

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ulysses : 7.
32 – Madison Avenue am frühen Morgen von Süd nach Nord. Tausende Tagpas­santen nähern sich und verschwinden. Heftige Winde. Blüten, Blätter, Töne wirbeln in Spiralen durch die frische Luft. Frauen halten ihre Röcke, Männer ihre Hüte fest. Berau­schende Glücks­ge­fühle. Werde ich größer oder werde ich kleiner? Irgend­etwas schep­pert leise im Kopf von Schritt zu Schritt. Flie­gen­leicht­ge­wichte, trans­pa­rente Hummer­ge­stalten, spazieren seit­wärts über den Bild­schirm meiner Hand­schreib­ma­schine dahin, gebeu­telte, zausige Herzen. Wo waren sie in der vergan­genen Nacht gewesen? In dem ich eines der Geschöpfe auf der Schulter mit mir trage, der Gedanke, dass sich beinahe alle Menschen dieser großen Stadt nicht persön­lich kennen. stop

bronx – flug

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echo : 23.
32 – In der Dämme­rung des Abends gegen die 241 St zu, letzte Station weit oben im Norden. Eine halbe Stunde Tief­flug über stei­nerne Land­schaften der Bronx, Miet­haus­ka­sernen, rot, grau, rußig schwarz. Nach und nach leert sich der Zug, aber da draußen, da unten hinter den schep­pernden Scheiben des Zuges, geräuschlos, stumm, Stra­ßen­züge voller Menschen bis hin zum Hori­zont. Und wie sich die Licht­mem­brane dann beru­higen, wie wir lang­samer und lang­samer werden, der schmale Kopf eines metal­lenen Fühlers, unser Bahn­steig, an den der Zug sich müde lehnt wie ein Schiff an einen meeri­schen Landungs­steg nach langer Reise. Wald, wild und dornig, jenseits der Schienen, blühende Gräser erheben sich vom brüchigen Boden. Eine Bank, warmes Holz, auf dem ich sitze, rot leuch­tende Falter eilen west­wärts. Weit entfernt, am anderen Ende des schla­fenden Zuges noch, die Gestalt einer Frau mit Besen, die sich durch die schim­mernde Schlange fädelt, eine Frau von schwarzer Haut­farbe. Sie trägt kräf­tige Schuhe und einen Overall. Als sie bei mir ankommt, zögert sie kurz, will wissen, was ich hier tue, seltene Erschei­nung, formu­liert so rasend schnell, dass ich ihr kaum folgen kann. Bald geht sie weiter, schleift ihren Besen hinter sich her, macht den Zug zu Ende, kommt wieder zurück, setzt sich neben mich, spricht wie in Zeit­lupe  mit leicht erho­bener Stimme: I – s – - t – h – a – t – - s – l – o – w – - e – n – o – u – g – h ?
ping

fifth avenue – lemur

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tango : 20.
56 – Papp­kar­ton­hütten auf Treppen, die zu Kirchen­räumen führen, zerlumpte, sich bewe­gende Gebilde. Seit Stunden geht mir ein Satz nicht aus dem Kopf, der in New Yorker Subway – Zügen immer wieder einmal zu lesen ist: Give the homeless the kind of change they can really use. Irgend­etwas irri­tiert in dieser Zeile. – Abend. Warm und schwül der Atem der Straßen. Vor der St Patricks Cathe­dral, Fifth Avenue, liegt eine Frau ohne Bewusst­sein um einen Hydranten gewi­ckelt auf dem Boden. Eine Ratte zerrt an ihrem Gepäck­wagen. Das nervöse Tier hebt den Kopf, scheint mich zu betrachten, diesen Mann in feinen Hosen, mit tadel­losen Wander­schuhen, der bei geöff­netem Mund vorsichtig atmet. Beißender Gestank ruht in der Luft. Ich stehe, ich denke, sie wird bald sterben, diese Frau wird bald sterben. Sie könnte eine Mutter sein. Ihre eitrigen Hände. Ihr schmutz­graues Gesicht. Ihr stau­biges Haar. Ihre tief in den Kopf einge­sun­kenen Augen. Was ist, was nur um Gottes­willen ist geschehen, dass sie so endet?

ground zero

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sierra : 18.16 – Zwei Stunden Broadway südwärts bis Fulton­street. Eine kleine Kirche, St Paul’s Chapel, Granit­steine, Gräber, ein Garten unter Bäumen. Ich kenne diesen Garten, diese Bäume, eine Foto­grafie genauer, die einen Staub­garten zeigt, Sekun­den­zeit entfernter Gegen­wart, ein Bild, das im September 2001 aufge­nommen wurde, am elften Tag des Monats kurz nach zehn Uhr vormit­tags. Hell­graue Land­schaft, Papiere, größere und klei­nere Teile, liegen herum, Akten, Scherben. Auch die Bäume vor der Kirche, helle Gestalten, als hätte es geschneit, eine feine Schicht reflek­tie­render Kris­talle, Spät­som­me­reis, das an Wänden, Stämmen und an den Menschen haftet, die durch den Garten schreiten, träu­mende, schlaf­wan­delnde, jensei­tige Personen im Moment ihres Über­le­bens. Ein merk­wür­diges Licht, beinern, nicht blau, nicht blühend wie am heutigen Tag um Jahre weiter­ge­kommen. Etwas fehlte in der Luft im Raum unter dem Himmel über Manhattan sehr plötz­lich, war so fein geworden, dass es von flüch­tenden Menschen einge­atmet wurde. Kaffee­tassen. Trep­pen­läufe. Hände. Feuer­lö­scher. Füße. Wasch­be­cken. Nieren. Stühle. Schuhe. Compu­ter­bild­schirme. Arme. Brüste. Kopf­schalen. Radio­ge­räte. Blei­stifte. Tele­fone. Ohren. Augen. Herzen. stop
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lexingtonlineparticle

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echo : 2.32 – Subway 86 St, Linie 4, spätester Abend : Menschen­stille. Aber das Brausen tausender Venti­la­toren, die kühle Luft durch blecherne Arte­rien blasen. Eine Roll­treppe, einsam quiet­schend, selbst­ge­nüg­sames Wesen. Und das Wasser, woher, an den Wänden. Hier muss nicht geatmet werden, solange der Boden bebt von der Erwar­tung des Zuges. Man hört ihn schon von weit her kommen, dumpfe, pochende Erschüt­te­rung. Und wenn er dann herein­fliegt aus den Schatten, das rote, das gelbe, das blaue Zahlen­auge. Luft zischt, als öffnete sich ein Tief­druck­ge­biet, Menschen treten hervor oder bleiben. Jede Kammer, jeder Wagon, hinter jedem Fenster, eine eigene, einzig­ar­tige Versamm­lung lebender Geschichten. stop. Wie sich die Türen schließen. stop. Wie man verschwindet. stop

lichtbilder

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tango : 22.55 – Prozes­sion der Holz­koh­le­wagen abends in der Dämme­rung auf der Fifth Avenue südwärts. Fäden weißen Rauches, die sich den Luft­be­we­gungen der Seiten­straßen beugen. Im Cafe, am Neben­tisch, eine Frau, die gegen den Himmel foto­gra­fiert. Das künst­liche Geräusch der Kamera im Moment der Aufnahme, ein wegwer­fendes Geräusch, visieren, fest­halten, vergessen. Wie viele Bilder sind genommen, ohne je betrachtet worden zu sein? – Zur Mittags­zeit ein grie­chi­scher Mann auf dem Fähr­schiff nach Ellis Island. Scheue Blicke der Enkel­kinder, die sein uraltes Gesicht berühren während er schläft. Sie halten Wind­räder in Händen, die sich schnur­rend drehen. Ihre Mutter, die Tochter, lehnt an der Reling. Sie lächelt tapfer ihren Kindern zu.
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manhattan – bellevue hospital

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alpha : 14.15 – Auf einer Bank im Schatten kühlender Bäume gleich neben dem Bellevue Hospital sitzt ein alter Mann in einem blau und weiß gestreiften Pyjama. Er versucht eine Mine­ral­was­ser­fla­sche zu öffnen, schimpft vor sich hin in dieser schweren Arbeit, sagt, dass das doch nicht möglich sei, warum sich das verdammte Ding nicht öffnen ließe, er habe die Flasche vor einer Stunde noch selbst zuge­dreht. Ein graues Eich­hörn­chen hockt auf mäch­tigen Hinter­beinen neben ihm, beob­achtet die Hände des alten Mannes, bleibt auch dann ganz still, als ich mich nähere und meine Hilfe anbiete. – Ein ange­nehmer Nach­mittag, die Luft ist etwas kühler geworden und trocken, ein leichter Wind raschelt in den Bäumen, die so alt zu sein scheinen, dass der Schrift­steller Malcolm Lowry sich an ihren Stämmen fest­ge­halten haben könnte, damals, im Jahr 1936, als er schwer alko­hol­süchtig in enger werdenden Kreisen auf das rotstei­nerne Kran­ken­haus zustürzte, um in einem Tage währenden Deli­rium, Wale über den East River fliegen zu sehen. Der Dichter, der Trinker auf hoher See. Bellevue war in Lowry’s Kopf zu einem Schiff geworden, dessen Planken unter ihm ächzten in den Stürmen, die sein armes Gehirn durch­leben musste in Fieber­schüben, unter den schwit­zenden Händen der Matro­sen­ärzte, die ihn an sein Bett fesselten. Und wie er dann selbst, oder jene Figur, die Malcolm Lowry in seiner groß­ar­tigen Erzäh­lung Lunar Caustic gegen das Alko­ho­l­un­getüm antreten lässt, nach Wochen der Absti­nenz aufrecht und leicht­füßig gehend durch den Haupt­ein­gang des Hospi­tals wieder festen Boden betritt, schon die nächste Flasche Absinth vor Augen hier am East River, an einem Tag wie diesem Tag vor langer, langer Zeit.
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manhattan transfer

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ginkgo : 17.58 – Im Moment der Verge­gen­wär­ti­gung, eine Minute still zu stehen und zu denken: Meine Schuhe berühren ameri­ka­ni­schen Boden. Könnt von hier aus nach Pata­go­nien laufen, nach Feuer­land, ohne je einen Schwimmzug  zu unter­nehmen, südwärts, südwärts zur 42th Straße hin, den Lincoln­tunnel unter dem Hudson durch nach New Jersey, immer der Küste entlang, langsam, Schritt für Schritt. Aber dann nehmen mich meine Beine doch nord­wärts mit sich fort, spazieren den Zoo der Bronx bis wir abends müde geworden das Fähr­pen­del­schiff down­town errei­chen. Schaun nach Holly, heut könnt sie kommen wie aus dem Nichts aus dem Strom der Menschen, Marsec Secu­rity Level 1, fröh­lich grüsst sie die Matrosen, fliegt über die Gangway aufs untere Deck hin zum vertrauten Platz am Fenster ins Licht der flaschen­grünen See. Hier nimmt sie unver­züg­lich ihre Arbeit auf, beginnt Zeichen von einem Buch auf regen­festes Papier zu über­tragen: Mittags­stunde am Union Square. Ausver­kauf. Müssen räumen. WIR HABEN EINEN SCHRECKLICHEN IRRTUM BEGANGEN. Auf dem stau­bigen Asphalt kniend, putzen kleine Jungen Schuhe, Halb­schuhe, Sandalen, Knöp­fel­schuhe, Stie­fe­letten. Wie ein Löwen­zahn glänzt die Sonne auf der Spitze jedes frisch­ge­putzten Schuhs.

ventilatorpocken

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nordpol : 9.16 – Dämme­rung des Morgens. In den blau­grauen Schatten der Häuser­spitzen, die sich über Kreu­zungen bewegen, scheint die Zeit schneller zu werden. Ein Waschbär hastet Rich­tung Central Park geduckt der Bord­stein­kante entlang. Am siame­si­schen Hydranten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wieder nach mir um, unsi­cher viel­leicht, weil er bemerkte, dass ich ihm folge durch die Seewind­luft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rauschen der Venti­la­tor­po­cken an den Häuser­wänden, sanft. Verein­zeltes Hupen. Eine Minu­ten­ge­schichte im Warten auf Uwe John­sons Wörter­licht, die Sohle der Lexington Avenue noch verschattet.
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mrs. wilkerson

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whiskey : 22.28 – Mrs. Wilkerson ist eine außer­or­dent­lich statt­liche Erschei­nung. Sie trägt ihr schwarzes Haar zu einer Kugel geformt streng hinter den schmalen Kopf zurück­ge­zogen, Mund und Augen­lider sind von einem Schimmer erhellt, der so dezent aufge­tragen ist, dass er auf der Haut einer weiß­häu­tigen Frau nicht sichtbar werden würde. Wenn man abends nach zehn Uhr das Haus in der 38th Straße betritt, wartet sie bereits, meis­tens stehend und freund­lich lächelnd hinter ihrem Tisch in einer flie­der­far­benen Bluse unter einem dunkel­blauen Kostüm­ja­cket so adrett gekleidet, so sauber, so leuch­tend, dass ich mir immer ein wenig schmutzig vorkomme, staubig, sagen wir, klebrig, erhitzt von der Erre­gung der Stadt, die ich während des Tages aufge­nommen habe. Mrs. Wilkerson kennt mich bei meinem Namen. Sir, sagt sie, ein seltsam klin­gendes Wort in meinen Ohren, dann wieder Honey, was ich als Auszeich­nung empfinde. Sie arbeitet nachts, öffnet die Tür, sobald ein Bewohner oder Besu­cher des Hauses die kleine Halle vor den Aufzügen zu betreten wünscht, grüßt, vermit­telt Post­sen­dungen, Nach­richten, Zeitungen, aber eigent­lich bewacht sie das Gebäude und die Menschen, die in ihm wohnen. Eine voll­endet höfliche Person, etwas größer als ich und so geschmeidig und locker in ihrer Art, dass ich sie zum Vorbild genommen habe. Ob die Aufzüge des Hauses schon einmal ausge­fallen seien, verlangte ich unlängst zu wissen. Nicht wenn sie selbst im Dienst gewesen sei, antwor­tete Mrs. Wilkerson. Ich fragte weiter fort, ob es denn gestattet sei durch das Trep­pen­haus aufwärts zu steigen, um die Zeit eines Fußweges himmel­wärts zu messen. Und als ich mich umdrehte, als ich in Rich­tung der Tür spazierte, auf die sie gedeutet hatte, wieder diese lachende, fürsorg­liche Stimme: Honey, your bag is open!

george ferry terminal’s tiefseeelefanten

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sierra : 17.10 – Hatte einen Traum, eine Wahr­neh­mung, die mir lange Zeit, ich war längst erwacht, ein sehr wirk­li­cher Raum gewesen zu sein schien. Dort, im Nacht­zimmer, wartete ich an einem späten Abend in der zentralen Halle des Saint George Ferry Termi­nals auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Ich wartete lange, ich wartete den halben Tag und eine halbe Nacht, begeis­tert vom Anblick einer Herde fili­graner Tief­see­ele­fanten, die über den hell­san­digen Boden eines Schau­aqua­riums wanderten. Sie hatten ihre meter­langen Rüssel zur Wasser­ober­fläche hin ausge­streckt, suchten in der Seeluft herum und berührten einander in einer äußerst zärt­li­chen Art und Weise. Ein faszi­nie­rendes Geräusch war zu hören, sobald ich eines meiner Ohren an das haut­warme Glas des Geheges legte. Dieses Geräusch nun sucht seit Stunden nach einem Wort für sich selbst, nach einem Zeichen­satz, der vermut­lich niemals exis­tieren wird. – stop
ping

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