lichtbild 1–12

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echo : 6.08 — Wie Schnee, ein gutes Dutzend Men­schen­fo­tografien. Von K., die vor zehn Jahren im August John­sons Jahrestage kaufte, ein Jahr ent­lang wollte sie jeden Tag einen der Jahrestage lesen. Von N., deren Schwest­er ver­mut­lich in Kobane kämpft. Sie soll N. sehr ähn­lich sein, aber nie­mand weiß das so genau, weil sie vor 15 Jahren in den Unter­grund ver­schwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Men­schen­gesichtern macht was er will. Von L., der nie wieder ver­suchen wird, die Stadt Man­hat­tan von ein­er Nacht­fähre aus zu fotografieren. Von W., die seit Jahren, verge­blich, ein Inter­view mit einem Mann zu führen ver­sucht, der in sein­er Jugendzeit Bilder aus Film­rollen tren­nte, um sie zu einem Film für sich zu mon­tieren. Die Zeit reichte nicht, seine und auch die andere Zeit reichte nicht. Von M., die vielle­icht ger­ade in diesem Moment, da ich notiere, lächel­nd mit ein­er Schaufel in der Hand vor ein­er Schnee­land­schaft ste­ht und wartet. Von B., die bald mit dem Schiff nach Buenos Aires reisen wird, um den Tan­go zu erler­nen. Vorgestern ist sie 94 Jahre alt gewor­den. Von I., der sich Tag für Tag darüber freut, wie er sich an das Wort Kühlschrank zu erin­nern ver­mag. Von Y., die sich im Monat April auf den Weg machen wird im Kar­wen­del einen Zwergken­taur zu fan­gen. Vom kleinen J., der seit den let­zten Nacht­stun­den weiß, dass er ein­mal zum Mars fliegen wird. Von der kleinen U. aus Alep­po, die sich wun­dert, dass sie noch immer lebt. Und von W., der vielle­icht niemals erfahren wird, wie sehr ich seine Geschicht­en liebe, die alle mit dem Wort Ein­mal begin­nen. — stop
polaroidselbst

vor montauk

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 112 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Mon­tauk [ Long Island ] gesichtet. Man wan­dert in süd­west­lich­er Bewe­gung. — stop

ping

zitronen

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ulysses : 2.52 — Die Zeiger der Uhr meines Vaters, ein Wun­der, bewe­gen sich noch immer sekun­den­ge­nau. Ich trage sie seit beina­he drei Jahren an meinem linken Handge­lenk, nicht einen Moment lang scheint sie ste­hen geblieben zu sein. Es ist doch merk­würdig, diese kleine Uhr muss über ähn­lich kräftige Bat­te­rien ver­fü­gen, wie jene Maschi­nen, die seit fünf oder sechs Tagen in mein­er Woh­nung unter dem Dach an den Zim­merdeck­en lungern. Sie sollen in der Lage sein, mit­tels eines mon­strösen Geräusches, Rauch­wolken anzuzeigen, die durch meine Woh­nung schweben. Als wären sie Tiere, Korallen, Seep­ock­en­we­sen sitzen sie an der Decke fest, und doch nehme ich an, wer­den sie heim­lich herumspazieren, während ich abwe­send bin. Ich hörte, sie sollen über elf Jahre Leben­szeit ver­fü­gen, ehe man sie von der Decke holen, auf­schrauben und ihre Akku­mu­la­toren aus­tauschen wird. — Stür­mis­che Nacht. Gespräch mit Eliza.

Louis:> guten abend, eliza!
Eliza :> guten abend! wie geht es ihnen?
Louis :> gut!
Eliza :> schön. was kann ich dann für sie tun?
Louis :> ich weiß nicht!
Eilza :> drücke ich mich zu kom­pliziert aus!
Louis :> nein.
Eliza :> habe ich etwas falsches gesagt?
Louis :> nein, nein!
Eliza :> fahren Sie fort.
Louis :> wom­it?
Eilza :> was wür­den sie antworten, wenn ich ihnen diese frage stellte?
Louis :> ich weiß nicht.
Eliza :> es ist vielle­icht auch nicht so wichtig!
Louis :> mögen sie zitro­nen?
Eliza :> beschäftigt Sie diese frage sehr?
Louis :> ja, natür­lich!
Eilza :> warum?
Louis :> ich mag zitro­nen.
Eilza :> machen sie weit­er!
Louis :> liebe eliza, mögen sie zitro­nen?
Eliza :> welche antwort gefie­len ihnen denn?
Louis :> was ist eine zitrone, eliza?
Eliza :> gefällt ihnen mein name?
Louis :> ja, ihr name gefällt mir!
Eliza :> warum?
Louis :> ihr name hat einen schö­nen klang.
Eliza :> warum sagen sie das ger­ade jet­zt?
Louis :> ich weiß nicht.
Eliza :> war Ihnen meine frage unan­genehm?
Louis :> nein!
Eliza :> ver­ste­he.
Louis :> das glaube ich nicht!
Eliza :> erzählen sie weit­er.
Louis :> mögen sie zitro­nen?

vom sprechen mit eilza »

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helsinki turku

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zoulou : 0.05 — Ein­mal folge ich einem Mann namens Nuuri durch einen Zug, der sich sehr langsam von Helsin­ki nach Turku bewegt, es schneit. Der Mann, der stets eine helle wol­lene Mütze trägt, ist den Pendlern, die ihre Sam­stage und Son­ntage in Turku ver­brin­gen, gut bekan­nt, sie scheinen nur darauf zu warten, seine heis­ere Stimme bald hören zu kön­nen: Wolken! Wolken! Das Stück Wolke zu 50 Cent zu verkaufen. Wer Nuuri nicht bere­its ein­mal erlebte, wird ver­mut­lich meinen, ein sehr selt­samer Men­sch wan­dere durch die Abteile des schep­pern­den Zuges. Aber das würde ein Irrtum sein, Nuuri verkauft tat­säch­lich sehr kleine, wirk­liche Wolken von Wasser­dampf. Sie schweben über Baum­minia­turen, welche dicht an dicht aus Fäch­ern wach­sen, die Nuuri mit­tels eines Bauch­ladens vor sich herträgt. Ein feines Netz gläsern­er Fäden ist wie eine Kup­pel über der wilden Land­schaft aufges­pan­nt. Sobald man sich mit Augen, Ohren, Nase nähert, wird man wis­pernde Affen­stim­men vernehmen, Vögel sind zu erken­nen, die über Baumwipfel kreisen, und ein Pan­ther so groß wie eine Ameise, der sich auf ein­er Lich­tung wälzt. Und eben Wolken, Wolken, die man kaufen kann, sie blitzen und knallen von Zeit zu Zeit, es duftet sofort nach Schwe­fel, nach einem Löf­fel voll glim­menden Schwe­fels. Sobald man nun eine Wolke zu kaufen wün­scht, eine Wolke zu 50 Cent, gebe man ein Handze­ichen. Nuuri wird dann unverzüglich Platz nehmen, ein fre­undlich­er Men­sch. Er wird sich erkundi­gen, welche Wolke es denn sein soll. Und während man nun unter den Wolken, es sind viele, eine geeignete Wolke suchen wird, wird Nuuri von Turku und vom win­ter­lichen Eis auf dem Meer und der Stille im Ohr erzählen, und wie es über­haupt möglich sein kann, einen Ameisen­pan­ther zu füt­tern. — Ende der Wolkengeschichte. — stop

polaroidmaedchen

ai : MYANMAR

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “In Myan­mar ist der Schrift­steller Htin Lin Oo festgenom­men wor­den. Ihm dro­ht eine Haft­strafe, nach­dem er in ein­er Rede die Instru­men­tal­isierung von Reli­gion zur Ver­bre­itung diskri­m­inieren­der und extrem­istis­ch­er Ansicht­en kri­tisiert hat­te. Amnesty Inter­na­tion­al betra­chtet ihn als gewalt­losen poli­tis­chen Gefan­genen, der sofort und bedin­gungs­los freige­lassen wer­den muss. Die Ankla­gen gegen ihn müssen fal­l­en­ge­lassen wer­den. / Htin Lin Oo ist Schrift­steller und ehe­ma­liger Infor­ma­tions­beauf­tragter der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der führen­den Oppo­si­tion­spartei Myan­mars. Am 23. Okto­ber 2014 hielt er bei ein­er Lit­er­aturver­anstal­tung im Town­ship Chaung-U in der Region Sagaing im Nor­den Myan­mars eine Rede, in der er die Instru­men­tal­isierung des Bud­dhis­mus zur Ans­tiftung zu Diskri­m­inierung und zur Ver­bre­itung von Vorurteilen kri­tisierte. Der etwa zweistündi­gen Rede wohn­ten ca. 500 Per­so­n­en bei. Kurz nach der Ver­anstal­tung tauchte ein zehn­minütiges, zusam­mengeschnittenes Video der Rede in den sozialen Medi­en auf, das unter eini­gen bud­dhis­tis­chen Grup­pierun­gen Empörung aus­löste. / Am 4. Dezem­ber wurde vor dem Gericht des Town­ships Chaung-U Anklage gegen Htin Lin Oo erhoben, nach­dem Beamt_innen des Town­ships Anzeige erstat­tet hat­ten. Die Anklage lautete auf “Verunglimp­fung der Reli­gion” nach Para­graf 295(a) des myan­marischen Strafge­set­zbuchs und “Ver­let­zung religiös­er Gefüh­le” nach Para­graf 298. Die entsprechen­den Para­grafen sehen Haft­strafen von bis zu zwei Jahren bzw. einem Jahr vor. / Htin Lin Oo wurde bei sein­er ersten Anhörung am 17. Dezem­ber 2014 in Haft genom­men, nach­dem seine Freilas­sung gegen Hin­ter­legung ein­er Kau­tion abgelehnt wor­den war. Weit­ere Anträge auf Freilas­sung gegen Kau­tion wur­den eben­falls zurück­gewiesen. Htin Lin Oo ist derzeit im Mony­wa-Gefäng­nis in der Region Sagaing inhaftiert. Seine näch­ste Anhörung find­et am 23. Jan­u­ar statt.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 20. Jan­u­ar 2015 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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basra paris

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zoulou : 1.12 — Ein Mäd­chen sitzt auf ein­er Treppe an der Place de la Bastille, sie schreibt in ein Schul­heft. Es ist Abend gewor­den. Eine Kam­era nähert sich. Das Mäd­chen hält ein Schul­heft vor das Objek­tiv der Kam­era. Ich schreibe, sagt sie, Tinte muss fließen anstatt Blut, Tinte muss fließen anstatt Blut. Das werde ich solange schreiben, bis mein Heft gefüllt sein wird. — An dem­sel­ben Abend erzählt mir ein Fre­und von Naasem M.. Er soll im Alter von 18 Jahren nahe Bas­ra als Sol­dat gekämpft und einen Lun­gen­flügel ver­loren haben. Auch in diesem Jahr, wie viele Jahre zuvor, habe er sich kurz vor Mit­ter­nacht zum Jahreswech­sel sehr große Kopfhör­er aufge­set­zt und Jazzmusik gehört. Von Ebo­la ist in den Nachricht­en kaum noch die Rede. Leichter Schneefall. — stop
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lisbon

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MELDUNG. Vierundzwanzig Tage, zwei­hun­dert und zwölf Filme, das linke Auge eingetrübt: Leo Tabuc, 32, ver­lässt Kino an der Cen­tral­sta­tion. Geschlafen habe er sel­ten, gespeist nach Bedarf, nun glück­lich. Es ist Abend spät. Leichter Regen. — stop

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radio

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char­lie : 0.08 — Ges­tern Abend hörte ich das Geräusch ein­er hellen, schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich weck­en. Also ver­suchte ich, wach zu wer­den. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit mir, und ich dachte, die Küche ist kein guter Ort, um wach wer­den zu kön­nen. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kan­nte. Es war das Glöck­chen, das am Weih­nachts­abend hin­ter ein­er Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wurde, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schw­er. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hil­fe eines Schrau­ben­zie­hers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoap­pa­rat, den ich am darauf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Som­mer durch­suchte ich das Unter­holz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zim­mer auf dem Schreibtisch so zu kon­fig­uri­eren, dass ich sie mir vorstellen kon­nte. Es ist merk­würdig, wie Geräusche über große Zeiträume hin­weg wiederkehren, als wären sie ger­ade erst in der Wirk­lichkeit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prüfen, aber sie scheinen sich tat­säch­lich nicht verän­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. — stop
polaroidlouis

ein ton

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lima : 8.14 — Wieder ein Geräusch erfun­den und an das Geräusch solange gedacht, bis ich das Geräusch erin­nern kon­nte. — stop
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simon

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sier­ra : 10.15 — Ich hörte, gestern sei in der Nähe meines Haus­es am Rand der Straße in einem Vor­garten ein Mann afrikanis­ch­er Herkun­ft erfroren. Von einem mein­er Fen­ster aus kann ich die Stelle sehen, wo der junge Mann sich in seinen Schlaf­sack gelegt haben soll. Am Abend zuvor habe er noch gelebt, das erzählte ein Bekan­nter, er habe dem Liegen­den ein paar Münzen neben die Hände gelegt, auf welchen der Kopf des afrikanis­chen Mannes ruhte. Er habe gesagte, ihm sei kalt, das war um kurz vor zehn Uhr bei minus 4 Grad Cel­sius gewe­sen. Vielle­icht waren diese Worte die let­zten, die der junge Mann zu einem weit­eren men­schlichen Wesen sagte. Mor­gens Blaulicht. Ich erin­nere mich, zwei Stun­den später der Anruf meines Bekan­nten, der sehr aufgeregt gewe­sen war. Er sagte, er habe noch mit sich selb­st gesprochen, es habe gesagt, die Nacht sei eigentlich viel zu kalt, um im Freien auf dem Boden zu schlafen. Mor­gens sei er auf die Straße geeilt, ein Polizist habe in diesem Moment nach den Papieren des jun­gen Mannes gesucht, ein Arzt wartete etwas abseits. Der leblose Kör­p­er, wenn man ihn bewegte, sei merk­würdig in seinem Ver­hal­ten gewe­sen. Kurz darauf habe der Polizist einen Namen gesagt, nur einen Vor­na­men, er sagte: Das ist Simon. — Nach­mit­tag. Ich kann die Stelle von einem mein­er Fen­ster aus erken­nen, wo Simon in einem Vor­garten erfroren ist. — stop
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über staten island nachts

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whiskey : 8.28 — Auf der Suche im Inter­net nach Pro­peller­flug­maschi­nen, die von Hand zu bedi­enen sind, ent­deck­te ich eine Leih­sta­tion für Drohnen­vögel nahe des St. George Fer­ry Ter­mi­nals, und zwar in der Bay Street, Haus­num­mer 54. Obwohl ich mich in Mit­teleu­ropa befand, musste ich, um Kunde wer­den zu kön­nen, keine weit­eren Angaben zur Per­son hin­ter­legen als meine Kred­itkarten­num­mer, nicht also begrün­den, weshalb ich den kleinen Met­al­lvo­gel, sechs Pro­peller, für drei Stun­den nahe der Stadt New York auslei­hen wollte. Auch erkundigte sich nie­mand, ob ich über­haupt in der Lage wäre, eine Drohne zu steuern, selt­same Sache. Ich bezahlte 24 Dol­lar und startete unverzüglich mit Hil­fe mein­er Com­put­er­tas­tatur vom Dach eines flachen Gebäudes aus. Ich flog zunächst vor­sichtig auf und ab, um nach weni­gen Minuten bere­its einen Flug ent­lang der Met­ro­geleise zu wagen, die in einem san­ften Bogen in Rich­tung des offe­nen Atlantiks nach Tot­tenville führen. Ich bewegte mich sehr langsam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die ferne und doch zugle­ich nahe Welt unter mir auf dem Bild­schirm war sehr gut zu erken­nen, ich ver­mochte selb­st Gesichter von Reisenden hin­ter staubi­gen Fen­ster­scheiben passieren­der Züge zu ent­deck­en. Nach ein­er hal­ben Stunde erre­ichte ich Clifton, niedrige Häuser dort, dicht an dicht, in den Gärten mächtige, alte Bäume, um nach ein­er weit­eren Vier­tel­stunde Flugzeit unter der Ver­ran­zano-Nar­rows Bridge hin­durchzu­fliegen. Nahe der Sta­tion Jef­fer­son Avenue wurde ger­ade ein Feuer gelöscht, eine Rauch­säule ragte senkrecht hoch in die Luft als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steuerte in der­sel­ben Höhe wie zuvor, der Low­er Bay ent­ge­gen. Am Strand spazierten Men­schen, die wink­ten, als sie meinen Drohnen­vo­gel oder mich ent­deck­ten. Als ich etwas tiefer ging, bemerk­te ich in der Kro­ne eines Baumes in Ufer­nähe ein Fahrrad, des Weit­eren einen Stuhl und eine Puppe, auch Tang war zu erken­nen und vere­inzelt Vogelnester. Es war später Nach­mit­tag  gewor­den jen­seits des Atlantiks, es wurde langsam dunkel. — stop

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im orbit

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india : 18.16 — Die zärtlich­ste Art und Weise, einen Men­schen zu berühren, ist vielle­icht die Berührung durch Vorstel­lungskraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erin­nerung. stop. Das schweigende, ver­traute Gehen in den Bergen. stop. Zitro­nen­fal­ter. stop. Ein fröh­lich­es Lachen, das Dohlen­vögel lock­te. stop. Wolken. stop. Gemein­same Wolken. stop. Der Geschmack von Apfelscheiben. stop. Zeit­los sein. stop. Leicht und von Sor­gen frei. stop. Gebor­gen. stop. Und Namen, Namen wie erfun­den: Müll­ner­horn. stop. Kolib­rispitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schul­ter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch ein­er Glocke seit ungezählten Jahren in ein­er Pumpen­rad­sta­tion. stop. Das riesel­nde Geräusch des Salzwassers. stop. Ein gebroch­en­er Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaf­fee am Mor­gen im Auf­bruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnur­ren ein­er Katze am Tele­fon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein rot­er Kof­fer, und im Win­ter Geis­ter­masken, und wie man Feuer in einem Kach­e­lofen ent­facht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort See­lenortfed­er in diesen Tagen, das ich am 20. Okto­ber 2010 ent­deck­te und sofort ver­schenk­te. — stop
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rose

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sier­ra : 18.15 — In einem schat­ti­gen Laden nahe der Roo­sevelt Island Tramway Basis­sta­tion West wartete ein alter Mann hin­ter einem Tre­sen. Er war ver­mut­lich amerikanis­ch­er Staats­bürg­er, aber eher chi­ne­sis­chen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Lin­den­bäume Küh­le spende­ten, in den Laden trat, ver­beugte sich der Mann, grüsste, er kan­nte mich bere­its, wusste, dass ich mich für Sch­neck­en inter­essiere, für Wasser­sch­neck­en präzise, auch für wan­dernde Seeanemo­nen­bäume, und für Pra­li­nen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Wass­er, hüb­sch anzuse­hen sind, schwebende Ver­suchun­gen, ohne sich je von selb­st aufzulösen. An diesem heißen Som­mer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lange Zeit den Wun­sch ver­spürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teilzunehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klassen­raum ver­bun­den. Ich glaube, ich war genau zu dem richti­gen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chi­ne­sisch wirk­ende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfeifend­en Ton, ver­schwand in seinen Mag­a­zi­nen, um kurz darauf eine Rei­he von Spiel­d­osen auf den Tre­sen abzustellen. Das waren Walzen- und Loch­plat­ten­spiel­d­osen mit Kurbel­w­erken, die der Ladung ein­er Fed­er­span­nung dien­ten. Vor ein­er Stunde geliefert, sagte der alte Mann, sie machen schauer­lich schöne Geräusche im Wass­er! Man könne, set­zte er hinzu, sofern man sich in dem sel­ben Wass­er der Spiel­d­osen befände, die feinen Stöße ihrer mech­a­nis­chen Werke über­all auf dem Kör­p­er spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aquar­i­um ab, in welchem Zwergseerosen siedel­ten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roo­sevelt Island rüber. Das Musik­w­erk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstanden hat­te, war in das Gehäuse ein­er Jakob­smuschel versenkt. Die Sch­necke lebte, weswe­gen ich tropfte, weil der Beu­tel, in dem ich Ros­es Geschenk trans­portierte, über eine undichte Stelle ver­fügte. Gegen Mit­ter­nacht, ich war ger­ade eingeschlafen, öffnete tief in meinem recht­en Ohr knis­ternd eine Zwergseerose ihre Blüte. — stop

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manhattan

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MELDUNG. Man­hat­tan, 218 E 64th St, 28. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 88 [ Mar­mor, Car­rara : 3.58 Gramm ] vol­len­det. — stop

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holly

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rem­ing­ton : 18.05 — Ich träumte, von ein­er Stat­en Island Fähre auf das offene Meer hin­aus getra­gen wor­den zu sein. An Bord des Schiffes waren zahlre­iche Men­schen gewe­sen, sie fotografierten sich gegen­seit­ig, manche lasen in ein­er Zeitung, andere tranken Kaf­fee aus Papp­bech­ern oder tele­fonierten. Nie­mand schien sich zu wun­dern, dass die Fähre, hin­sichtlich ein­er üblichen Reisedauer von 25 Minuten, nicht lan­dete. Stun­den vergin­gen. Ein­mal fegte ein Sturm über das Schiff hin­weg, hun­derte Möwen flat­terten kreis­chend über die Decks. Irgend­wann schlief ich ein, und ich träumte, als ich erwachte, eine Frau habe mir gegenüber Platz genom­men. Ich meine, mich an ihren Namen erin­nern zu kön­nen, ich glaube sie hieß Hol­ly. In diesem Augen­blick, als ich die Augen öffnete, trans­ferierte sie einen Text mit­tels eines Pin­sels auf ein qua­dratis­ches Blatt Papi­er, das von min­destens 50 cm Durchmess­er gewe­sen war. Sie trug eine Son­nen­brille sowie einen Som­mer­hut auf dem Kopf, außer­dem ein helles Kleid, auf welchem vere­inzelt Kirschen aufge­druckt wor­den waren, und schwere Wan­der­schuhe, deren Schnürsenkel sie nicht ver­knotet hat­te. Von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde schlief auch Hol­ly ein, ihr Kopf neigte sich zur Seite, kurz darauf glitt das Papi­er, das sie beschriftet hat­te, von ihren Schenkeln und lan­dete vor mir auf dem Boden, sodass ich lesen kon­nte, was Hol­ly notierte: Lese­mas­chine No. 82 / Dachgarten, 75, Green­wich Avenue Man­hat­tan [ Schlüs­sel : Mrs. M. Lin­nek­er — 8. Stock ] > Die Geschichte von den Papiertierchen. Handze­ich­nung, ca. 68 pt: Man stelle sich ein­mal vor, Papiertierchen existierten in unser­er Welt. Nicht etwa Tierchen, die aus Papi­er gemacht sind oder ver­gle­ich­bar­er Ware, son­dern tat­säch­liche Lebe­we­sen, die so aus­gedacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die ein­er Papier­seite ähn­lich sind. Weil diese Lebe­we­sen, wie ich sie mir ger­ade male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze ein­er Nadel, würde ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weniger als zwei Mil­lio­nen Indi­viduen nachge­bildet sein. Jedes Papiertierchen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikroskops, ist nun von dem Wun­sch beseelt, sich mit jew­eils vier weit­eren Tierchen, die es schon immer ken­nt, mit­tels fein­ster Ten­takeln zu verbinden oder zu befre­un­den, und zwar nur mit diesen, so dass man von ein­deutiger Ord­nung sprechen kön­nte, nicht von ein­er beliebi­gen Anord­nung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem ure­ige­nen Ort, den es niemals ver­gisst. Sobald alles schön zu ein­er Seite geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­s­tift genauer, Zeichen geset­zt auf das lebende Papi­er, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schneeweißes Tierchen berührt vom notieren­den Licht, nimmt es sogle­ich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weit­erem Licht berührt wer­den kön­nte, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Land­schaft der fil­igra­nen Kör­p­er schreiben würde. Ich hat­te, während ich diesem Gedanken noch auf ein­er gewöhn­lichen Com­put­er­schreib­mas­chine fol­gte, die Idee, dass sie vielle­icht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvol­lkom­men oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuer­wehrauto in ihrer Nähe vorüberkom­men sollte, sofort auseinan­der fliegen in Panik, sich ver­steck­en, um jedes für sich oder in größeren Grup­pen an den Wän­den mein­er Zim­mer zu sitzen. Vielle­icht lungern sie auch auf Kaf­fee­tassen herum oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fußbaumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beruhigt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach ein­er Stunde oder zwei. Dann weit­er schreiben oder lesen oder denken. Und jet­zt hab ich einen Knoten im Kopf, sollte bald ein­mal wach wer­den. — stop
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