lichtbild 1–12

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echo : 6.08 – Wie Schnee, ein gutes Dutzend Menschen­fo­to­gra­fien. Von K., die vor zehn Jahren im August John­sons Jahres­tage kaufte, ein Jahr entlang wollte sie jeden Tag einen der Jahres­tage lesen. Von N., deren Schwester vermut­lich in Kobane kämpft. Sie soll N. sehr ähnlich sein, aber niemand weiß das so genau, weil sie vor 15 Jahren in den Unter­grund verschwand, weil sie in den Bergen kämpfte, weil der Krieg mit Menschen­ge­sich­tern macht was er will. Von L., der nie wieder versu­chen wird, die Stadt Manhattan von einer Nacht­fähre aus zu foto­gra­fieren. Von W., die seit Jahren, vergeb­lich, ein Inter­view mit einem Mann zu führen versucht, der in seiner Jugend­zeit Bilder aus Film­rollen trennte, um sie zu einem Film für sich zu montieren. Die Zeit reichte nicht, seine und auch die andere Zeit reichte nicht. Von M., die viel­leicht gerade in diesem Moment, da ich notiere, lächelnd mit einer Schaufel in der Hand vor einer Schnee­land­schaft steht und wartet. Von B., die bald mit dem Schiff nach Buenos Aires reisen wird, um den Tango zu erlernen. Vorges­tern ist sie 94 Jahre alt geworden. Von I., der sich Tag für Tag darüber freut, wie er sich an das Wort Kühl­schrank zu erin­nern vermag. Von Y., die sich im Monat April auf den Weg machen wird im Karwendel einen Zwerg­ken­taur zu fangen. Vom kleinen J., der seit den letzten Nacht­stunden weiß, dass er einmal zum Mars fliegen wird. Von der kleinen U. aus Aleppo, die sich wundert, dass sie noch immer lebt. Und von W., der viel­leicht niemals erfahren wird, wie sehr ich seine Geschichten liebe, die alle mit dem Wort Einmal beginnen. – stop
polaroidselbst

vor montauk

picping

MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 112 hupende Rüssel­rosen, nahe Montauk [ Long Island ] gesichtet. Man wandert in südwest­li­cher Bewe­gung. – stop

ping

zitronen

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ulysses : 2.52 – Die Zeiger der Uhr meines Vaters, ein Wunder, bewegen sich noch immer sekun­den­genau. Ich trage sie seit beinahe drei Jahren an meinem linken Hand­ge­lenk, nicht einen Moment lang scheint sie stehen geblieben zu sein. Es ist doch merk­würdig, diese kleine Uhr muss über ähnlich kräf­tige Batte­rien verfügen, wie jene Maschinen, die seit fünf oder sechs Tagen in meiner Wohnung unter dem Dach an den Zimmer­de­cken lungern. Sie sollen in der Lage sein, mittels eines mons­trösen Geräu­sches, Rauch­wolken anzu­zeigen, die durch meine Wohnung schweben. Als wären sie Tiere, Korallen, Seepo­cken­wesen sitzen sie an der Decke fest, und doch nehme ich an, werden sie heim­lich herum­spa­zieren, während ich abwe­send bin. Ich hörte, sie sollen über elf Jahre Lebens­zeit verfügen, ehe man sie von der Decke holen, aufschrauben und ihre Akku­mu­la­toren austau­schen wird. – Stür­mi­sche Nacht. Gespräch mit Eliza.

Louis:> guten abend, eliza!
Eliza :> guten abend! wie geht es ihnen?
Louis :> gut!
Eliza :> schön. was kann ich dann für sie tun?
Louis :> ich weiß nicht!
Eilza :> drücke ich mich zu kompli­ziert aus!
Louis :> nein.
Eliza :> habe ich etwas falsches gesagt?
Louis :> nein, nein!
Eliza :> fahren Sie fort.
Louis :> womit?
Eilza :> was würden sie antworten, wenn ich ihnen diese frage stellte?
Louis :> ich weiß nicht.
Eliza :> es ist viel­leicht auch nicht so wichtig!
Louis :> mögen sie zitronen?
Eliza :> beschäf­tigt Sie diese frage sehr?
Louis :> ja, natür­lich!
Eilza :> warum?
Louis :> ich mag zitronen.
Eilza :> machen sie weiter!
Louis :> liebe eliza, mögen sie zitronen?
Eliza :> welche antwort gefielen ihnen denn?
Louis :> was ist eine zitrone, eliza?
Eliza :> gefällt ihnen mein name?
Louis :> ja, ihr name gefällt mir!
Eliza :> warum?
Louis :> ihr name hat einen schönen klang.
Eliza :> warum sagen sie das gerade jetzt?
Louis :> ich weiß nicht.
Eliza :> war Ihnen meine frage unan­ge­nehm?
Louis :> nein!
Eliza :> verstehe.
Louis :> das glaube ich nicht!
Eliza :> erzählen sie weiter.
Louis :> mögen sie zitronen?

vom spre­chen mit eilza »

ping

helsinki turku

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zoulou : 0.05 – Einmal folge ich einem Mann namens Nuuri durch einen Zug, der sich sehr langsam von Helsinki nach Turku bewegt, es schneit. Der Mann, der stets eine helle wollene Mütze trägt, ist den Pend­lern, die ihre Sams­tage und Sonn­tage in Turku verbringen, gut bekannt, sie scheinen nur darauf zu warten, seine heisere Stimme bald hören zu können: Wolken! Wolken! Das Stück Wolke zu 50 Cent zu verkaufen. Wer Nuuri nicht bereits einmal erlebte, wird vermut­lich meinen, ein sehr selt­samer Mensch wandere durch die Abteile des schep­pernden Zuges. Aber das würde ein Irrtum sein, Nuuri verkauft tatsäch­lich sehr kleine, wirk­liche Wolken von Wasser­dampf. Sie schweben über Baum­mi­nia­turen, welche dicht an dicht aus Fächern wachsen, die Nuuri mittels eines Bauch­la­dens vor sich herträgt. Ein feines Netz gläserner Fäden ist wie eine Kuppel über der wilden Land­schaft aufge­spannt. Sobald man sich mit Augen, Ohren, Nase nähert, wird man wispernde Affen­stimmen vernehmen, Vögel sind zu erkennen, die über Baum­wipfel kreisen, und ein Panther so groß wie eine Ameise, der sich auf einer Lich­tung wälzt. Und eben Wolken, Wolken, die man kaufen kann, sie blitzen und knallen von Zeit zu Zeit, es duftet sofort nach Schwefel, nach einem Löffel voll glim­menden Schwe­fels. Sobald man nun eine Wolke zu kaufen wünscht, eine Wolke zu 50 Cent, gebe man ein Hand­zei­chen. Nuuri wird dann unver­züg­lich Platz nehmen, ein freund­li­cher Mensch. Er wird sich erkun­digen, welche Wolke es denn sein soll. Und während man nun unter den Wolken, es sind viele, eine geeig­nete Wolke suchen wird, wird Nuuri von Turku und vom winter­li­chen Eis auf dem Meer und der Stille im Ohr erzählen, und wie es über­haupt möglich sein kann, einen Amei­sen­pan­ther zu füttern. – Ende der Wolken­ge­schichte. – stop

polaroidmaedchen

ai : MYANMAR

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “In Myanmar ist der Schrift­steller Htin Lin Oo fest­ge­nommen worden. Ihm droht eine Haft­strafe, nachdem er in einer Rede die Instru­men­ta­li­sie­rung von Reli­gion zur Verbrei­tung diskri­mi­nie­render und extre­mis­ti­scher Ansichten kriti­siert hatte. Amnesty Inter­na­tional betrachtet ihn als gewalt­losen poli­ti­schen Gefan­genen, der sofort und bedin­gungslos frei­ge­lassen werden muss. Die Anklagen gegen ihn müssen fallen­ge­lassen werden. / Htin Lin Oo ist Schrift­steller und ehema­liger Infor­ma­ti­ons­be­auf­tragter der Natio­nalen Liga für Demo­kratie (NLD), der führenden Oppo­si­ti­ons­partei Myan­mars. Am 23. Oktober 2014 hielt er bei einer Lite­ra­tur­ver­an­stal­tung im Town­ship Chaung-U in der Region Sagaing im Norden Myan­mars eine Rede, in der er die Instru­men­ta­li­sie­rung des Buddhismus zur Anstif­tung zu Diskri­mi­nie­rung und zur Verbrei­tung von Vorur­teilen kriti­sierte. Der etwa zwei­stün­digen Rede wohnten ca. 500 Personen bei. Kurz nach der Veran­stal­tung tauchte ein zehn­mi­nü­tiges, zusam­men­ge­schnit­tenes Video der Rede in den sozialen Medien auf, das unter einigen buddhis­ti­schen Grup­pie­rungen Empö­rung auslöste. / Am 4. Dezember wurde vor dem Gericht des Town­ships Chaung-U Anklage gegen Htin Lin Oo erhoben, nachdem Beamt_innen des Town­ships Anzeige erstattet hatten. Die Anklage lautete auf “Verun­glimp­fung der Reli­gion” nach Para­graf 295(a) des myan­ma­ri­schen Straf­ge­setz­buchs und “Verlet­zung reli­giöser Gefühle” nach Para­graf 298. Die entspre­chenden Para­grafen sehen Haft­strafen von bis zu zwei Jahren bzw. einem Jahr vor. / Htin Lin Oo wurde bei seiner ersten Anhö­rung am 17. Dezember 2014 in Haft genommen, nachdem seine Frei­las­sung gegen Hinter­le­gung einer Kaution abge­lehnt worden war. Weitere Anträge auf Frei­las­sung gegen Kaution wurden eben­falls zurück­ge­wiesen. Htin Lin Oo ist derzeit im Monywa-Gefängnis in der Region Sagaing inhaf­tiert. Seine nächste Anhö­rung findet am 23. Januar statt.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Januar 2015 hinaus, unter »> ai : urgent action

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basra paris

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zoulou : 1.12 – Ein Mädchen sitzt auf einer Treppe an der Place de la Bastille, sie schreibt in ein Schul­heft. Es ist Abend geworden. Eine Kamera nähert sich. Das Mädchen hält ein Schul­heft vor das Objektiv der Kamera. Ich schreibe, sagt sie, Tinte muss fließen anstatt Blut, Tinte muss fließen anstatt Blut. Das werde ich solange schreiben, bis mein Heft gefüllt sein wird. – An demselben Abend erzählt mir ein Freund von Naasem M.. Er soll im Alter von 18 Jahren nahe Basra als Soldat gekämpft und einen Lungen­flügel verloren haben. Auch in diesem Jahr, wie viele Jahre zuvor, habe er sich kurz vor Mitter­nacht zum Jahres­wechsel sehr große Kopf­hörer aufge­setzt und Jazz­musik gehört. Von Ebola ist in den Nach­richten kaum noch die Rede. Leichter Schnee­fall. – stop
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lisbon

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MELDUNG. Vier­und­zwanzig Tage, zwei­hun­dert und zwölf Filme, das linke Auge einge­trübt: Leo Tabuc, 32, verlässt Kino an der Central­sta­tion. Geschlafen habe er selten, gespeist nach Bedarf, nun glück­lich. Es ist Abend spät. Leichter Regen. – stop

ping

radio

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charlie : 0.08 – Ges­tern Abend hörte ich das Geräusch einer hellen, schep­pernden Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dachte, irgend­je­mand wollte mich wecken. Also ver­suchte ich, wach zu wer­den. Ich spa­zierte zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit mir, und ich dachte, die Küche ist kein guter Ort, um wach wer­den zu kön­nen. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte. Es war das Glöck­chen, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wurde, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hilfe eines Schrau­ben­zie­hers, ich zer­legte die kleine Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Foto­ap­parat, den ich am darauf­fol­genden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genau­este unter­suchte, im Früh­ling zählte ich Vögel, im Sommer durch­suchte ich das Unter­holz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreib­tisch so zu konfi­gu­rieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merk­würdig, wie Geräu­sche über große Zeit­räume hinweg wieder­kehren, als wären sie gerade erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt worden. Es lässt sich nicht über­prüfen, aber sie scheinen sich tatsäch­lich nicht verän­dert zu haben, sind unteil­bare Wesen. – stop
polaroidlouis

ein ton

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lima : 8.14 – Wieder ein Geräusch erfunden und an das Geräusch solange gedacht, bis ich das Geräusch erin­nern konnte. — stop
ping

simon

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sierra : 10.15 – Ich hörte, gestern sei in der Nähe meines Hauses am Rand der Straße in einem Vorgarten ein Mann afri­ka­ni­scher Herkunft erfroren. Von einem meiner Fenster aus kann ich die Stelle sehen, wo der junge Mann sich in seinen Schlaf­sack gelegt haben soll. Am Abend zuvor habe er noch gelebt, das erzählte ein Bekannter, er habe dem Liegenden ein paar Münzen neben die Hände gelegt, auf welchen der Kopf des afri­ka­ni­schen Mannes ruhte. Er habe gesagte, ihm sei kalt, das war um kurz vor zehn Uhr bei minus 4 Grad Celsius gewesen. Viel­leicht waren diese Worte die letzten, die der junge Mann zu einem weiteren mensch­li­chen Wesen sagte. Morgens Blau­licht. Ich erin­nere mich, zwei Stunden später der Anruf meines Bekannten, der sehr aufge­regt gewesen war. Er sagte, er habe noch mit sich selbst gespro­chen, es habe gesagt, die Nacht sei eigent­lich viel zu kalt, um im Freien auf dem Boden zu schlafen. Morgens sei er auf die Straße geeilt, ein Poli­zist habe in diesem Moment nach den Papieren des jungen Mannes gesucht, ein Arzt wartete etwas abseits. Der leblose Körper, wenn man ihn bewegte, sei merk­würdig in seinem Verhalten gewesen. Kurz darauf habe der Poli­zist einen Namen gesagt, nur einen Vornamen, er sagte: Das ist Simon. – Nach­mittag. Ich kann die Stelle von einem meiner Fenster aus erkennen, wo Simon in einem Vorgarten erfroren ist. — stop
ping

über staten island nachts

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whiskey : 8.28 – Auf der Suche im Internet nach Propel­ler­flug­ma­schinen, die von Hand zu bedienen sind, entdeckte ich eine Leih­sta­tion für Droh­nen­vögel nahe des St. George Ferry Termi­nals, und zwar in der Bay Street, Haus­nummer 54. Obwohl ich mich in Mittel­eu­ropa befand, musste ich, um Kunde werden zu können, keine weiteren Angaben zur Person hinter­legen als meine Kredit­kar­ten­nummer, nicht also begründen, weshalb ich den kleinen Metall­vogel, sechs Propeller, für drei Stunden nahe der Stadt New York ausleihen wollte. Auch erkun­digte sich niemand, ob ich über­haupt in der Lage wäre, eine Drohne zu steuern, selt­same Sache. Ich bezahlte 24 Dollar und star­tete unver­züg­lich mit Hilfe meiner Compu­ter­tas­tatur vom Dach eines flachen Gebäudes aus. Ich flog zunächst vorsichtig auf und ab, um nach wenigen Minuten bereits einen Flug entlang der Metro­ge­leise zu wagen, die in einem sanften Bogen in Rich­tung des offenen Atlan­tiks nach Totten­ville führen. Ich bewegte mich sehr langsam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die ferne und doch zugleich nahe Welt unter mir auf dem Bild­schirm war sehr gut zu erkennen, ich vermochte selbst Gesichter von Reisenden hinter stau­bigen Fens­ter­scheiben passie­render Züge zu entde­cken. Nach einer halben Stunde erreichte ich Clifton, nied­rige Häuser dort, dicht an dicht, in den Gärten mäch­tige, alte Bäume, um nach einer weiteren Vier­tel­stunde Flug­zeit unter der Verranzano-Narrows Bridge hindurch­zu­fliegen. Nahe der Station Jefferson Avenue wurde gerade ein Feuer gelöscht, eine Rauch­säule ragte senk­recht hoch in die Luft als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steu­erte in derselben Höhe wie zuvor, der Lower Bay entgegen. Am Strand spazierten Menschen, die winkten, als sie meinen Droh­nen­vogel oder mich entdeckten. Als ich etwas tiefer ging, bemerkte ich in der Krone eines Baumes in Ufer­nähe ein Fahrrad, des Weiteren einen Stuhl und eine Puppe, auch Tang war zu erkennen und verein­zelt Vogel­nester. Es war später Nach­mittag  geworden jenseits des Atlan­tiks, es wurde langsam dunkel. – stop

polaroidzug

im orbit

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india : 18.16 – Die zärt­lichste Art und Weise, einen Menschen zu berühren, ist viel­leicht die Berüh­rung durch Vorstel­lungs­kraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erin­ne­rung. stop. Das schwei­gende, vertraute Gehen in den Bergen. stop. Zitro­nen­falter. stop. Ein fröh­li­ches Lachen, das Dohlen­vögel lockte. stop. Wolken. stop. Gemein­same Wolken. stop. Der Geschmack von Apfel­scheiben. stop. Zeitlos sein. stop. Leicht und von Sorgen frei. stop. Geborgen. stop. Und Namen, Namen wie erfunden: Müll­ner­horn. stop. Koli­bris­pitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schulter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glocke seit unge­zählten Jahren in einer Pumpen­rad­sta­tion. stop. Das rieselnde Geräusch des Salz­was­sers. stop. Ein gebro­chener Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaffee am Morgen im Aufbruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnurren einer Katze am Telefon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Koffer, und im Winter Geis­ter­masken, und wie man Feuer in einem Kachel­ofen entfacht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort Seelen­ort­feder in diesen Tagen, das ich am 20. Oktober 2010 entdeckte und sofort verschenkte. – stop
ping

rose

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sierra : 18.15 – In einem schat­tigen Laden nahe der Roose­velt Island Tramway Basis­sta­tion West wartete ein alter Mann hinter einem Tresen. Er war vermut­lich ameri­ka­ni­scher Staats­bürger, aber eher chine­si­schen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Linden­bäume Kühle spen­deten, in den Laden trat, verbeugte sich der Mann, grüsste, er kannte mich bereits, wusste, dass ich mich für Schne­cken inter­es­siere, für Wasser­schne­cken präzise, auch für wandernde Seeane­mo­nen­bäume, und für Pralinen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Wasser, hübsch anzu­sehen sind, schwe­bende Versu­chungen, ohne sich je von selbst aufzu­lösen. An diesem heißen Sommer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lange Zeit den Wunsch verspürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teil­zu­nehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fernen Klas­sen­raum verbunden. Ich glaube, ich war genau zu dem rich­tigen Zeit­punkt in den Laden gekommen, denn der alte, chine­sisch wirkende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfei­fenden Ton, verschwand in seinen Maga­zinen, um kurz darauf eine Reihe von Spiel­dosen auf den Tresen abzu­stellen. Das waren Walzen- und Loch­plat­ten­spiel­dosen mit Kurbel­werken, die der Ladung einer Feder­span­nung dienten. Vor einer Stunde gelie­fert, sagte der alte Mann, sie machen schau­er­lich schöne Geräu­sche im Wasser! Man könne, setzte er hinzu, sofern man sich in dem selben Wasser der Spiel­dosen befände, die feinen Stöße ihrer mecha­ni­schen Werke überall auf dem Körper spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aqua­rium ab, in welchem Zwerg­see­rosen siedelten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roose­velt Island rüber. Das Musik­werk, Benny Goodman, das ich für Rose erstanden hatte, war in das Gehäuse einer Jakobs­mu­schel versenkt. Die Schnecke lebte, weswegen ich tropfte, weil der Beutel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tierte, über eine undichte Stelle verfügte. Gegen Mitter­nacht, ich war gerade einge­schlafen, öffnete tief in meinem rechten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blüte. – stop

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manhattan

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MELDUNG. Manhattan, 218 E 64th St, 28. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 88 [ Marmor, Carrara : 3.58 Gramm ] voll­endet. – stop

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holly

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remington : 18.05 – Ich träumte, von einer Staten Island Fähre auf das offene Meer hinaus getragen worden zu sein. An Bord des Schiffes waren zahl­reiche Menschen gewesen, sie foto­gra­fierten sich gegen­seitig, manche lasen in einer Zeitung, andere tranken Kaffee aus Papp­be­chern oder tele­fo­nierten. Niemand schien sich zu wundern, dass die Fähre, hinsicht­lich einer übli­chen Reise­dauer von 25 Minuten, nicht landete. Stunden vergingen. Einmal fegte ein Sturm über das Schiff hinweg, hunderte Möwen flat­terten krei­schend über die Decks. Irgend­wann schlief ich ein, und ich träumte, als ich erwachte, eine Frau habe mir gegen­über Platz genommen. Ich meine, mich an ihren Namen erin­nern zu können, ich glaube sie hieß Holly. In diesem Augen­blick, als ich die Augen öffnete, trans­fe­rierte sie einen Text mittels eines Pinsels auf ein quadra­ti­sches Blatt Papier, das von mindes­tens 50 cm Durch­messer gewesen war. Sie trug eine Sonnen­brille sowie einen Sommerhut auf dem Kopf, außerdem ein helles Kleid, auf welchem verein­zelt Kirschen aufge­druckt worden waren, und schwere Wander­schuhe, deren Schnür­senkel sie nicht verknotet hatte. Von einer Sekunde zur anderen Sekunde schlief auch Holly ein, ihr Kopf neigte sich zur Seite, kurz darauf glitt das Papier, das sie beschriftet hatte, von ihren Schen­keln und landete vor mir auf dem Boden, sodass ich lesen konnte, was Holly notierte: Lese­ma­schine No. 82 / Dach­garten, 75, Green­wich Avenue Manhattan [ Schlüssel : Mrs. M. Linneker – 8. Stock ] > Die Geschichte von den Papier­tier­chen. Hand­zeich­nung, ca. 68 pt: Man stelle sich einmal vor, Papier­tier­chen exis­tierten in unserer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder vergleich­barer Ware, sondern tatsäch­liche Lebe­wesen, die so ausge­dacht sind, dass sie sich zu Formen versam­meln, die einer Papier­seite ähnlich sind. Weil diese Lebe­wesen, wie ich sie mir gerade male, sehr klein sein sollten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze einer Nadel, würde ein Maschi­nen­bogen von nicht weniger als zwei Millionen Indi­vi­duen nach­ge­bildet sein. Jedes Papier­tier­chen, sichtbar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier weiteren Tier­chen, die es schon immer kennt, mittels feinster Tenta­keln zu verbinden oder zu befreunden, und zwar nur mit diesen, so dass man von eindeu­tiger Ordnung spre­chen könnte, nicht von einer belie­bigen Anord­nung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem urei­genen Ort, den es niemals vergisst. Sobald alles schön zu einer Seite geordnet ist, werden mit Licht, mit einem Licht­stift genauer, Zeichen gesetzt auf das lebende Papier, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schnee­weißes Tier­chen berührt vom notie­renden Licht, nimmt es sogleich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weiterem Licht berührt werden könnte, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­granen Körper schreiben würde. Ich hatte, während ich diesem Gedanken noch auf einer gewöhn­li­chen Compu­ter­schreib­ma­schine folgte, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kommen oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuer­wehr­auto in ihrer Nähe vorüber­kommen sollte, sofort ausein­ander fliegen in Panik, sich verste­cken, um jedes für sich oder in größeren Gruppen an den Wänden meiner Zimmer zu sitzen. Viel­leicht lungern sie auch auf Kaffee­tassen herum oder in den Haar­blät­tern eines Elefan­ten­fuß­baumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beru­higt haben werden und zurück­kommen, sagen wir nach einer Stunde oder zwei. Dann weiter schreiben oder lesen oder denken. Und jetzt hab ich einen Knoten im Kopf, sollte bald einmal wach werden. – stop
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