ulysses : 3.28 UTC — Es ist spät, ich fahre mit dem Taxi. Ein Marder beobachtet, wie ich aus dem Wagen steige, er hockt auf dem Schalensitz einer Kinderschaukel im Park. Das Schlafzimmerfenster Mutters ist hell erleuchtet, das einzige Licht, das inmitten der Nacht noch brennt, vermutlich ist sie mit der Zeitung in der Hand eingeschlafen. Auf dem Tisch im Wohnzimmer ein Teller, auf dem Teller ruht ein Mohnkuchen, der noch warm ist. Ich lösche das Licht neben der schlafenden alten Dame, es ist kurz nach drei Uhr. Der Schalter der Lampe leise, sehr leise, ich würde beinahe sagen, der Schalter ist ein Schalter ohne Geräusch. Aber der Lichtwechsel selbst, wenn das Licht ausgeht, scheint ein geräuschvoller, heftiger Vorgang zu sein. Und ich denke noch, morgen, wenn es wieder hell geworden sein wird, am Nachmittag bei Kaffee und Mohnkuchen, werde ich Mutter eine Geschichte vorlesen, die sie nachdenklich stimmen könnte. Die Geschichte, die ich im Jahr 2015 notierte, geht so: Liesl, die vor wenigen Tagen 85 Jahre alt wurde, erzählte von einer Zeitschaltuhr, die ihr Sohn gleich neben ihrem Bett anzubringen wünschte. Er habe, hatte ihr Sohn berichtet, nachts immer wieder einmal wahrgenommen, dass Liesl einschlafen würde, ohne ihre Nachttischlampe gelöscht zu haben, er sei dann, ob des Lichtscheins, den er vom Schlafzimmer der Mutter her kommen sah, aufgestanden und habe sich vorsichtig an ihr Bett begeben und das Licht gelöscht. Einmal habe er überlegt, ob er nicht das Gesicht seiner schlafenden Mutter, wie zum Beweis fotografieren sollte, ein so helles Gesicht, dass man sich kaum vorstellen konnte, das Gesicht einer tatsächlich Schlafenden zu betrachten. Das war vor sechs Jahren gewesen. Damals habe sie ihrem Sohn gesagt, dass sie keine Zeitschaltuhr neben sich wünsche, sie sei doch kein Aquarium, habe sie gesagt, lieber schlafe sie im strahlenden Licht der Nachtlampe ein, plötzliche Dunkelheit, um Himmelswillen, nein. Ihr Sohn reiste wieder ab. Liesl erzählte, dass sie mit ihm nie wieder über Zeitschaltuhren gesprochen habe, unlängst aber, in einer Septembernacht, sei dann plötzlich das Licht ausgegangen um 1 Uhr, sie habe geschimpft und sei dann vorsichtig aus dem Bett gestiegen, sei auf Knien durch das stockdunkle Zimmer gekrochen zu einem Lichtschalter hin, der sich auf dem Flur befand, auch da war kein Licht gewesen, Donnerwetter! — stop
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Aus der Wörtersammlung: kind
transcript
echo : 22.08 UTC — Zu ständigen Erinnerung > Meryl Streeps Golden Globe Speach, 8. Januar 2017 : Please sit down. Thank you. I love you all. You’ll have to forgive me. I’ve lost my voice in screaming and lamentation this weekend. And I have lost my mind sometime earlier this year, so I have to read. Thank you, Hollywood Foreign Press. Just to pick up on what Hugh Laurie said: You and all of us in this room really belong to the most vilified segments in American society right now. Think about it: Hollywood, foreigners, and the press. / But who are we, and what is Hollywood anyway? It’s just a bunch of people from other places. I was born and raised and educated in the public schools of New Jersey. Viola was born in a sharecropper’s cabin in South Carolina, came up in Central Falls, Rhode Island; Sarah Paulson was born in Florida, raised by a single mom in Brooklyn. Sarah Jessica Parker was one of seven or eight kids in Ohio. Amy Adams was born in Vicenza, Italy. And Natalie Portman was born in Jerusalem. Where are their birth certificates? And the beautiful Ruth Negga was born in Addis Ababa, Ethiopia, raised in London — no, in Ireland I do believe, and she’s here nominated for playing a girl in small-town Virginia. Ryan Gosling, like all of the nicest people, is Canadian, and Dev Patel was born in Kenya, raised in London, and is here playing an Indian raised in Tasmania. So Hollywood is crawling with outsiders and foreigners. And if we kick them all out you’ll have nothing to watch but football and mixed martial arts, which are not the arts. / They gave me three seconds to say this, so: An actor’s only job is to enter the lives of people who are different from us, and let you feel what that feels like. And there were many, many, many powerful performances this year that did exactly that. Breathtaking, compassionate work. But there was one performance this year that stunned me. It sank its hooks in my heart. Not because it was good; there was nothing good about it. But it was effective and it did its job. It made its intended audience laugh, and show their teeth. It was that moment when the person asking to sit in the most respected seat in our country imitated a disabled reporter. Someone he outranked in privilege, power and the capacity to fight back. It kind of broke my heart when I saw it, and I still can’t get it out of my head, because it wasn’t in a movie. It was real life. And this instinct to humiliate, when it’s modeled by someone in the public platform, by someone powerful, it filters down into everybody’s life, because it kinda gives permission for other people to do the same thing. Disrespect invites disrespect, violence incites violence. And when the powerful use their position to bully others we all lose. O.K., go on with it. O.K., this brings me to the press. We need the principled press to hold power to account, to call him on the carpet for every outrage. That’s why our founders enshrined the press and its freedoms in the Constitution. So I only ask the famously well-heeled Hollywood Foreign Press and all of us in our community to join me in supporting the Committee to Protect Journalists, because we’re gonna need them going forward, and they’ll need us to safeguard the truth. One more thing: Once, when I was standing around on the set one day, whining about something — you know we were gonna work through supper or the long hours or whatever, Tommy Lee Jones said to me, “Isn’t it such a privilege, Meryl, just to be an actor?” Yeah, it is, and we have to remind each other of the privilege and the responsibility of the act of empathy. We should all be proud of the work Hollywood honors here tonight. / As my friend, the dear departed Princess Leia, said to me once, take your broken heart, make it into art. — stop / fundort
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schokolade
charlie : 3.05 — In der Straßenbahn berichtete ein älterer Herr, er erinnere sich immer wieder einmal zur Weihnachtszeit an das Wort Panzerschokolade. Das sei Schokolade gewesen, die für kämpfende Soldaten mit der angstlösenden Substanz Pervitin versetzt worden sein soll. Er könne nicht mit Sicherheit sagen, ob er als Kind jemals einen Nikolaus von Schokolade geschenkt bekommen habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blauen und golden glänzenden Metallmäntel unserer Tage rufen unausweichlich das Wort Panzerschokolade in ihm hervor. Ob ich wüsste, fragte er, dass Pervitin Crystal Meth ähnlich sei, dass man Panzerschokolade damals an Kiosken verkaufte, an Zivilisten, eine unglaubliche Sache. — Mitternacht. Noch zu tun: Ein authentisches Wort für Pulsgeräusche der Kolibris erfinden. — stop
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ein wort
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alpha : 3.28 — In einem Gespräch hörte ich ein schreckliches Wort. In dem Augenblick, da ich das Wort hörte, dachte ich: Diesem Wort bin ich nie zuvor begegnet. Jetzt, da ich das schreckliche Wort in meinem Kopf habe, werde ich es nie wieder vergessen, ich werde dieses Wort nie wieder verlieren. — Leichter Schneefall. Weitere Herzwörter eingefangen: herzfänger, herzfarbe, herzfeibel, herzfell, herzfenster, herzfieber, herzfinger, herzfleisch, herzförmig, herzform, herzfressend, herzfreude, herzfreund, herzbefriedung, herzfröhlich, herzfrömmigkeit, herzfromm, herzfülle, herzgebeint, herzgebet, herzgeblüt, herzgeboppelt, herzgedanke, herzgefahr, herzgefangener, herzgefühl, herzgeist, herzgekrabbelt, herzensbruch, herzfaenger, herzlichkeit, herzenschrein, herzbefriedigung, herzensehr, herzruehrung, herzrührung, herzenleide, herzbekehrung, herzgeliebt, herzgemein, herzgeneigt, herzgeschrei, herzgeselle, herzgespan, herzgespann, herzgesperr, herzgespiele, herzgespött, herzgespräch, herzgetreu, herzgewächs, herzgewinnend, herzgewünscht, herzgolden, herzgras, herzgrube, herzgründlich, herzgrund, herzgülden, herzgut, herzhäuslein, herzhäutlein, herzhaft, herzhaftig, herzhaftigkeit, herzhaftiglich, herzherzlichen, herzhoch, herzhoffärtig, herzhohl, herzhold, herzhorn, herziehen, herzig, herzigen, herziglich, herzigung, herzinbrünstig, herzinnig, herzinniglich, herzisch, herzkäfer, herzkalt, herzkammer, herzkeim, herzkind, herzkirsche, herzkitzelnd, herzklee, herzklopfen, herzklopfend, herzklopfer, herzklopfung, herzknochen, herzknorpel, herzkölblein, herzkönig, herzkörnig, herzkohl, herzkrabbe, herzkränkend, herzkränkung, herzkrampf, herzkrank, herzkrankheit, herzkraut, herzkündiger, herzkützelnd, herzlabung, herzläppchen, herzlappen, herzlaub, herzleer, herzleid, herzlein, herzleuchte, herzleuchtend, herzlich, herzlichen, herzlichgeliebt, herzlichhoch, herzlichkeit, herzlicht, herzlieb, herzliebchen, herzliebend, herzlockend, herzlos, herzlose, herzlosigkeit, herzmacher, herzmahner, herzmangel, herzmarille, herzmensch, herzmitte, herzmixtur, herzmuschel, herzmutter, herznagel, herznagen, herznagend, herznehmend, herznetz, herznoth, herzohr, herzpein, herzpfeil, herzpfeilgemalt, herzpfirsche, herzpförtlein, herzpfrieme, herzpochen, herzpolei, herzpolle, herzpolyp, herzprieme, herzprobe, herzprüfer, herzpulver, herzpunkt, herzpuppern, herzrad, herzräuberisch, herzraubend, herzregierend, herzregung, herzreich, herzrein, herzreis, herzreue, herzring, herzritte, herzrittig, herzröhre, herzrösleingras, herzrührend, herzrührlich, herzrührung, herzruhig, herzsack, herzsaft, herzsame, herzschild, herzschlag, herzschlecht, herzschlechtig, herzschlechtigkeit, herzschmerzlich, herzschneidend, herzschrein, herzschwäche, herzsehnlich, herzseufzend, herzsieben, herzspann, herzspanne, herzsperr, herzspruch, herzstachelnd, herzstärkend, herzstärkung, herzstein, herzstemmend, herzstich, herzstosz, herzstrick, herzsucht, herzsüchtig, herztäuschend, herztausig, herztheilen, herzthür, herztief, herztrauer, herztrauerlich, herztraurig, herztraut, herztreu, herztreulich, herztute, herzung, herzvater, herzverbunden, herzverdriesz, herzverdrusz, herzverein, herzvergifterin, herzverknüpft, herzvernügen, herzvertraut, herzvielgeliebt, herzvoll, herzwasser, herzweh, herzwerth, herzwillig, herzwingen, herzwisser, herzwünschend, herzwunde, herzwunder, herzwurm, herzwurz, herzwurzel, herzzernagend, herzzerreiszend, herzzerschneidend, herzzittern, herzzucker, herzzwinger,
stop

namen
delta : 1.05 — Vor einigen Wochen hatte ich einen Luftpostbrief an Mr. Sini Shapiro nach Manhattan geschickt. Ich notierte ihm von einem weiteren Schreiben, das ich an ihn persönlich vor einiger Zeit nach Kalkutta (Indien) sendete. Der Brief war zurückgekommen, er trug Hinweise auf seiner Anschriftseite, die von mehrfachen vergeblichen Zustellversuchen zeugen, ein Kunstwerk, würde ich sagen, ein Dokument sorgfältiger Arbeit. Heute antwortete Mr. Shapiro. Er schrieb in einer E‑Mailnachricht, er habe sich gefreut, weil ich seinen Namen verwendete, um eine Briefsonde nach Kalkutta zu schicken. Außerdem freue er sich über meine Frage hinsichtlich bevorzugter Lektüren. Er übermittelte eine Namensliste jener Persönlichkeiten, deren Bücher Mr. Shapiro bald einmal lesen, deren Leben er bevorzugt studieren würde. — Es ist merkwürdig, ich habe nicht damit gerechnet, dass Mr. Sini Shapiro über eine E‑Mail-Adresse verfügen könnte. Es ist nun doch wahrscheinlich, dass Mr. Shapiro außerdem über eine Computerschreibmaschine verfügen wird, die der digitalen Sphäre verbunden ist. — stop
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oft habe man tage lang gewartet
nordpol : 2.58 — Von ihrer Zeit, die sie als Flüchtlingskind auf dem Land verbrachte, erzählt Mutter immer wieder gern. Sie hatten genug zu essen, weil sie und ihre Schwestern bei einer Bauernfamilie wohnten. Wenn der Vater am Wochenende zu Besuch kam, ahnte sie nichts von Tieffliegerangriffen auf Züge, mit welchen der Vater reiste, aber an seine staubigen Anzüge, weil er sich auf den Boden werfen musste. Die brennende Stadt München, obwohl in großer Entfernung liegend, war im Schein der Feuer damals am Horizont zu erahnen gewesen, wie Abendrot inmitten der Nächte. Dann das Warten auf eine Nachricht am nächsten Morgen. Oft habe man tagelang gewartet. Sie selbst habe zweimal einen Bombenangriff auf München erlebt, das war zu Beginn des Luftkrieges. Sie habe sich nicht gefürchtet, es sei vielmehr spannend gewesen, mit ihren Nachbarn und anderen Leuten so eng in einem Keller zu sitzen. Es gab Pralinen für die Kinder und einen Geschichtenerzähler. Ein Jahr später sei ihre große Schwester nach einem Angriff lange Zeit verschüttet gewesen und deshalb für Wochen verstummt. In dieser Zeit habe sie gehört, dass die Schollwöcks abgeholt worden seien, sie könne nicht sagen, weshalb sie als Kind schon wusste, dass das Abholen etwas Schreckliches gewesen sein musste für die, die abgeholt wurden. Sie habe beobachtet, dass die Abgeholten niemals wiedergekommen seien, und dass von ihnen bald nicht mehr gesprochen wurde. Das alles habe sie als Kind schon so bemerkt, weil Kinder sehr viel mehr bemerkt haben, als die Erwachsenen vielleicht glaubten. Dass die Eltern in der Wohnung vor dem Krieg das Hitlerbild immer umgedreht haben, davon durfte sie nicht erzählen, in der Schule nicht und auch anderswo nicht. Einmal sei sie vom Land her wieder in die zerstörte Stadt zurückgekommen, es war ein nebliger Tag gewesen, sie habe zunächst gedacht, es sei der Nebel, aber das Haus, in dem sie und ihre Schwestern aufgewachsen waren, existierte nicht mehr. Damals würden sie Bisamratten gegessen haben, die schmeckten sehr gut, und der Vater sei gelb geworden im Gesicht, weil seine letzte Niere langsam versagte. In dieser Zeit habe der Vater ihr viel von der Welt erzählt, wie sie funktioniert, er sei verstört gewesen, dann sei er gestorben. — stop

1:16:15
echo : 0.08 — Auf dem Kapitol zu Washington berichtet ein pakistanischer Bürger, Überlebender eines Drohnenangriffs, im Beisein seiner Kinder Abgeordneten des amerikanischen Kongresses: Ich mag keine blauen Himmel mehr. Graue Himmel sind mir lieber. Bei grauem Himmel fliegen die Drohnen nicht. Für kurze Zeit lassen die Angst und die Anspannung nach. Klart der Himmel auf, kehren die Drohnen zurück und mit ihnen die Angst. Wenige Minuten später sind in dem norwegischen Dokumentarfilm Drone Kinder zu sehen, die mit Steinschleudern gegen den Himmel schießen. Auf Flachdächern eines Dorfes werden überlebensgroße Porträts von Opfern des Luftkrieges ausgelegt. Der Versuch eines Gespräches, wie mir scheint, mit in der Ferne operierenden Piloten der Drohnenmaschinen am Himmel, Klage, Bitte, Mahnung. Ist das eine Nachricht? — stop

aleppo
romeo : 0.15 — Ärzte ohne Grenzen notieren am 15. Oktober 2016: „Syrische und russische Luftangriffe haben innerhalb von 24 Stunden vier Krankenhäuser im belagerten Ost-Aleppo getroffen. Eines der Krankenhäuser wurde dabei schwerbeschädigt, mindestens zwei Ärzte wurden verletzt. Auch ein Krankenwagen wurde bei den Angriffen zerstört und dessen Fahrer getötet. / Das Gesundheitssystem im belagerten Ost-Aleppo erlitt damit am 14. Oktober die schwersten Schäden seit dem Scheitern der kurzen Waffenruhe Ende September. Die Intensität der Luftangriffe auf die nordsyrische Stadt nahm in den Tagen zuvor weiter zu. / Laut der Direktion für Gesundheit sowie dem forensischen Zentrum in Ost-Aleppo starben dort zwischen dem 11. und dem 14. Oktober mindestens 62 Menschen, 467 Menschen wurden verletzt, darunter 98 Kinder. Die Zahl der Toten und Verwundeten liegt möglicherweise noch höher, denn viele Familien begraben ihre Toten selbst, ohne sie in ein Krankenhaus zu bringen. / “Die Stadt bricht immer weiter zusammen” / „Die rücksichtslosen Luftangriffe sind eindeutig noch schlimmer geworden“, sagt Carlos Francisco, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen für Syrien. „Eines der Krankenhäuser, die gestern getroffen wurden, wurde stark beschädigt. Es ist ein wichtiges chirurgisches Zentrum, das in den vergangenen Wochen schon dreimal getroffen worden ist. Die Intensität der Angriffe erstickt die wenigen medizinischen Kapazitäten, die das Gesundheitssystem in Aleppo noch hat. Die Stadt bricht immer weiter zusammen, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Syrien und Russland zerstören die letzten Orte, an denen noch Leben gerettet werden können. Damit zeigen sie, dass sie in Ost-Aleppo jegliches Leben unmöglich machen wollen.“ / Laut Berichten von Krankenhausmitarbeitern in Ost-Aleppo wurden bei den Angriffen vom 14. Oktober zwei Ärzte verletzt, ein Lagerverwalter eines der Krankenhäuser erlitt Verbrennungen. Bislang gab es in Aleppo noch 35 Ärzte für rund 250.000 Menschen. Nur sieben von ihnen sind Chirurgen, die Kriegsverletzte operieren können. Seit dem Beginn der Belagerung des Ostteils im Juli wurden die wenigen verbliebenen Krankenhäuser 27 Mal getroffen, nicht ein einziges Krankenhaus ist bei den Luftangriffen ohne Schaden geblieben. / Nur noch elf funktionstüchtige Krankenwagen / Auch ein Krankenwagen der Nichtregierungsorganisation (NGO) Al-Scham-Humanitarian-Foundation (AHF) wurde am 14. Oktober komplett zerstört, der Fahrer wurde getötet. Die AHF stellt den Menschen in Syrien seit 2011 kostenlose medizinische Hilfe zur Verfügung. Erst einige Tage zuvor hatte die Direktion für Gesundheit berichtet, dass aufgrund der Luftangriffe sowie der fehlenden Ersatzteile nur noch elf funktionsfähige Krankenwagen in Ost-Aleppo bereitstehen. Freiwillige und NGOs nutzen einfache Fahrzeuge, um Verwundete zu transportieren. / „Wir haben es bereits gesagt und sagen es erneut: Alle Konfliktparteien müssen ermöglichen, dass schwer Verwundete und Kranke aus der Stadt gebracht werden, bevor es zu spät ist“, sagt Pablo Marco, Leiter der Nahost-Programme von Ärzte ohne Grenzen. „Überlebenswichtige Güter und medizinisches Material müssen in die Stadt gebracht werden können. Die Menschen dort leiden nicht nur unter dem anhaltenden Bombenhagel, sondern auch darunter, dass sie überhaupt keine Unterstützung erhalten.“ / Ärzte ohne Grenzen unterstützt in Ost-Aleppo alle acht verbliebenen Krankenhäuser. Landesweit unterstützt die Hilfsorganisation mehr als 150 Gesundheitszentren und Kliniken. Im Norden Syriens betreibt Ärzte ohne Grenzen selbst sechs medizinische Einrichtungen. Zu den von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten einschließlich West-Aleppo erhält die Organisation keinen Zugang. - stop
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ai : VIETNAM

MENSCH IN GEFAHR: „Die Menschenrechtsverteidigerin Nguyễn Ngọc Như Quỳnh, die als Bloggerin unter dem Namen Mẹ Nấm (Mutter Pilz) bekannt ist, wurde am 10. Oktober festgenommen und wegen “Propaganda” gegen den Staat nach Paragraf 88 des vietnamesischen Strafgesetzbuchs angeklagt. Ihr drohen Folter und anderweitige Misshandlung. Es ist nicht bekannt, wo sie zurzeit festgehalten wird. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde am 10. Oktober um 10 Uhr in ihrer Heimatstadt Nha Trang in der Provinz Khánh Hòa in der Region Nam Trung Bộ festgenommen. Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme begleitete Nguyễn Ngọc Như Quỳnh die Mutter eines Aktivisten, die ihren Sohn in einem örtlichen Gefängnis besuchen wollte. Sicherheitskräfte brachten Nguyễn Ngọc Như Quỳnh gegen 11:30 Uhr zu ihrem Zuhause und führten dort eine Durchsuchung durch. Dabei beschlagnahmten sie ihren Computer, elektronische Geräte und Demonstrationsplakate./ Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde wegen “Propaganda” gegen den Staat nach Paragraf 88 des vietnamesischen Strafgesetzbuchs angeklagt. Bei einer Verurteilung drohen ihr zwischen drei und 20 Jahre Haft. Es ist nicht bekannt, wo sie zurzeit festgehalten wird. In Vietnam können Personen, die mutmaßlicher Straftaten im Zusammenhang mit der nationalen Sicherheit beschuldigt werden, bis zu zwei Jahre in Haft ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten werden, bevor es zu einem Prozess kommt. / Staatliche Medien berichteten, dass Nguyễn Ngọc Như Quỳnh strafrechtlich verfolgt werde, da sie auf Facebook Artikel geschrieben und gepostet sowie Videos und Texte geteilt hatte, in welchen die seit 2012 regierende Kommunistische Partei Vietnams (KPV) und der Staat kritisiert wurden. In dem Bericht wurde ein Dokument zitiert, welches Nguyễn Ngọc Như Quỳnh auf Facebook geteilt hatte, und in dem 31 Personen genannt wurden, die nach Verhören durch die Polizei gestorben waren. Ihnen war »Beeinträchtigung der nationalen und sozialen Sicherheit und Ordnung« vorgeworfen worden. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh ist Mitgründerin des Unabhängigen Vietnamesischen Bloggernetzwerks, welches im Dezember 2013 gegründet wurde. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und wurde wegen ihrer friedlichen Aktivitäten mehrmals schikaniert, festgenommen und verhört. Es ist ihr außerdem nicht gestattet, ins Ausland zu reisen. Sie setzt sich seit mehr als zehn Jahren für Menschenrechte und gegen Ungerechtigkeit ein und ist eine beliebte und bekannte Bloggerin.“ — Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen, möglichst unverzüglich und nicht über den 24. November 2016 hinaus, unter > ai : urgent action
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alisa
foxtrott : 3.02 – Alisa, wie sie vor Jahren in Holzschuhen durch das Treppenhaus hüpft, wie sie Rosenblüten in meinen Briefkasten wirft, wenn schon nicht telefonieren, dann eben so. Ihre Wildheit. Ihre Lust auf Fotoapparate. Ihr blaues Auge, weil sie eine Fotografie zu Hause zeigte, die ich ahnungslos aufgenommen hatte, Alisa, die Kastanien sammelt an einer nahen Straßenbahnhaltestelle, nie wieder Rosenblüten. Wie wir uns einmal auf die Suche machen, Alisas verzweifelte Mutter, mit Kopftuch, und ich, ohne Kopftuch. Sie kann nicht mit dem Mund zu mir sprechen, es fehlen die Wörter, also spricht sie mit den Augen. Mit angewinkelten Beinen sitzt Alisa in einer Turnhalle und sieht riesigen Männern zu, die Basketball spielen. Sie hat die Zeit vergessen, wie alle Kinder die Zeit vergessen. Da ist gerade noch ein Bild in meinem Kopf, ein todmüder marokkanischer Mann, Alisas Vater, mit seinem heruntergekommenen roten Auto, wie er an einem späten Freitagabend gebückt und staubig die Straße überquert. Plötzlich waren sie nicht mehr da, Alisa, ihre Mutter, der Vater, das rote Auto. — stop
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