malta : manoelstreet

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echo : 22.56 – Im Aufzug des Haus­es Manoel­street No 8 sitzt eine Sch­necke mit gelbem Gehäuse auf dun­klem Furnier. Bald werde ich erfahren, dass es von Hölz­ern genom­men wurde, die Englän­der vor langer Zeit nach Mal­ta importierten, Bäume dieser Farbe wach­sen hier nicht aus der roten Insel­erde, aber niedrige Orangen und Zitro­nengewächse. Wenn man abends im Wind, der von der See her in die Stadt spazieren kommt, in einem der kleineren Parks lange genug wartet, kann man die Früchte fall­en hören, weiche, seufzende Geräusche, kaum wahrnehm­bar. — Später Abend. Während der Fahrt vom Flughafen her in einem ural­ten Bus durchgeschüt­telt, habe ich ein Ohr ver­loren. Ich trage es behut­sam in der Hosen­tasche den Flur ent­lang zu meinem Zim­mer, das von warmer Farbe ist, eine Tür, die von selb­st ins Schloss fällt, ein Balkon hin zum Meer, irgend­wo da draußen in der Dunkel­heit soll es schon lange existieren. Still die Stadt an diesem Abend, wenige Stim­men, klap­pernde Töpfe, die Glock­en ein­er Kirche zur vollen Stunde, nichts weit­er. Wie ich mein Ohr betra­chte, das auf dem Bett liegt, noch immer knis­ternd vom Sturzflug aus größer Höhe kurz nach Sizilien unter Tur­bu­len­zen hin­durch, dieser selt­same Ein­druck eines Tage währen­den Zwis­chen­raumes, nicht mehr zu Hause und doch schon im Süden angekom­men, unwirk­lich, alles ist denkbar. Seh mich nach Mit­ter­nacht über eine Katzen­straße der Stadt Val­let­ta gehn. Das Meer aus näch­ster Nähe, brausend aus dem unendlichen, dun­klen Raum her­an, friedlich an dieser Stelle zu dieser Stunde.
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malta : lower barracca gardens

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india : 23.37 – Sam­stag. stop. Seit bald zwei Tagen keine Zeitung gele­sen. Über den wolken­losen mal­te­sis­chen Him­mel stre­unen Wasser­flugzeuge. Es ist heiß in der Sonne, aber es weht ein angenehm küh­ler Wind durch die Gassen der alten Stadt. Habe in den Low­er Bar­rac­ca Gar­dens Stun­den ver­sucht selt­sam luftige Wesen zu fotografieren, sie sind ohne Aus­nahme, sobald ich auf den Aus­lös­er drücke, Flüch­t­ende, das heißt, Abwe­sende, als ob sie meine pla­nen­den Gedanken lesen kön­nten, segeln mit einem sir­ren­den Geräusch unter ver­wit­terten Bäu­men davon, Grillen vielle­icht, Gril­len­vögel, weil sie nicht sprin­gen, son­dern fliegen, aber nicht von der Gestalt der Vögel, son­dern von der Gestalt der Insek­ten sind. Gold­en­gelb die Farbe ihres Kör­pers, wie die Steine der Stadt so gold­en­gelb, für einen Moment dachte ich, dass sie selb­st stein­erne Wesen sein kön­nten, dass sie den Wän­den der Häuser entkom­men, dass die Stadt in dieser Weise in kleinen Teilen gegen die Abend­luft zu entwe­ichen wün­scht, eine Stadt kurz vor dem Abflug, aber noch nicht entschlossen, kehrt sie zurück, ehe die Sonne ganz ver­schwun­den ist. Da sind Füh­ler an den fliegen­den Stein­tieren befes­tigt, länger als ihr Haup­tkör­p­er sind sie, und hauchdünne Segelflügel, die Däm­merung vom Him­mel rufen. Lot­sen­schiffe ver­lassen den Hafen. Gegen Mit­ter­nacht wer­den sie zurück­kom­men, Tankschiffe, riesi­gen gewässerten Zep­pe­li­nen ähn­lich, im Schlepp.

malta : fallschirmregen

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nord­pol : 16.22 – Aus heit­erem Him­mel set­zt sich vor der Nation­al­bib­lio­thek eine uralte britis­che Lady zu mir in den Schat­ten. Helle, faltige Haut, die sich mit dem Seewind über ihren dür­ren Kör­p­er hin zu bewe­gen scheint. Sie trägt einen grü­nen Son­nen­hut, gelbe Led­er­san­dalen und einen lan­gen beigen Rock; hell­blaue Augen, Steck­nadelpupillen, die mich fix­ieren, kein Lid­schlag. Wo ich herkomme, will sie wis­sen, was ich da notiere, ob ich mit dem Inter­net ver­bun­den sei. In dem sie mir zuhört, lehnt sie sich in ihren Stuhl zurück, um sich sofort wieder zu näh­ern, wenn sie selb­st zu sprechen begin­nt. Dass es ein Wun­der sei, wie schnell die Deutschen nach dem Krieg wieder wohlhabend gewor­den sind. Ja, die Deutschen, sagt sie mit ihrer hellen Stimme, alles was die Deutschen tun, machen sie gründlich. Ein­mal, als sie noch ein kleines Mäd­chen gewe­sen war, reg­neten eines frühen Mor­gens Fallschirme auf die Ebe­nen Mal­tas herab. Sie hat­ten es nicht leicht mit der Lan­dung, da waren über­all stein­erne Wälle zum Schutz vor dem Wind. Kurz darauf fie­len Bomben auf den kleinen Ort Mos­ta. Wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie Mos­ta, das müssen Sie unbe­d­ingt tun! Eine Bombe traf die Kirche, dor­thin hat­ten sich hun­derte Men­schen geflüchtet, aber die Wände, das Gewölbe waren unbe­sieg­bar gewe­sen. Eine weit­ere Bombe traf den Mark­t­platz und tötete ein Dutzend Hüh­n­er. Die alte Frau spricht jet­zt langsam und präzise, als erwartete sie, dass ich ihre Erzäh­lung Wort für Wort im Kopf mitschreiben würde. Eine ihrer Schwest­ern sei ver­wun­det wor­den, ein Split­ter habe den Onkel, der sich auf sie gewor­fen habe, glatt durch­schla­gen. Ihr Vater habe dann ein Zelt im Haus für die Fam­i­lie errichtet, weil das Haus sein Dach ver­loren hat­te durch den Luft­druck, als ein benach­bartes Grund­stück einen Voll­tr­e­f­fer erhielt. Es ist schon ein Wun­der, sagt sie und lächelt, es ist schon ein Wun­der.
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malta : 81er bus

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echo : 22.05 – Sagen wir das so: Ich bin heute, an diesem son­ni­gen Mon­tag mit dem Bus hin und her übers Land gefahren, mit einem 81er Bus, mit Luca’s Bus, und zwar die Strecke von Val­let­ta nach Rabat bis rauf zu den Dingli Cliffs, von wo man weit aufs Meer hin­aus süd­wärts nach Afri­ka schauen kön­nte, wenn die Erde nicht rund wäre wie wir sie vorge­fun­den haben. Luca ist ein Bus­fahrer aus Lei­den­schaft. Er trägt ein blaues Hemd, seine Arme sind gebräunt wie sein Gesicht, rechts, von wo die Sonne kommt, etwas stärk­er als von links. 47 Cent kostet eine ein­fache Fahrt nach Rabat. Jed­er, der hereinkommt, wird begrüßt: Wel­come, wel­come! Dann 15 Kilo­me­ter stetig dem Him­mel zu, links und rechts der Straße, Spuren von Weizen, Tomat­en, Kartof­feln, Inseln blühen­der Blu­men, Mohn und Margeriten und Lin­ien von Kak­teenpflanzen, als seien Meereswellen zu fleis­chi­gen Blat­tkör­pern gefroren für alle Zeit. Da und dort ein Dorf, Büsche, Orangen­bäume, Win­dräder, Funkan­ten­nen. Nach ein­er Stunde kommt man dann an in Rabat oder Mdi­na, man weiß jet­zt, dass man über einen Knochenkör­p­er ver­fügt, und man ahnt, dass Luca seinen Weg noch find­en würde, wenn er ein­mal blind gewor­den sein sollte. Luca sam­melt Marien­bilder wie ich Über­raschun­gen samm­le, Momente wie diesen, da Luca bemerkt, dass ich nicht aussteigen, dass ich wieder mit ihm zurück­fahren werde, dass der Bus und er selb­st für mich bedeu­ten­der sind, als Orte und Land­schaft, die wir durchreisen. Jet­zt darf ich ihn fotografieren und sein Arma­turen­brett, Diesel, Diesel! Und ich darf ihm eine Frage stellen, ich wollte näm­lich wis­sen, ob es für ihn denkbar ist, seinen Bus ein­mal bis hin unter die Decke mit Wass­er zu füllen, ob er sich vorstellen könne, mit einem Bus voll leben­der Fis­che über Land zu fahren. Luca’s Hupe, eine Luft­trompete.

malta : fernaugen

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sier­ra : 15.02 – Rol­l­lä­den von ros­tigem Met­all. Zer­broch­ene Leuchtschrift-zeichen. Der Fuß­bo­den vor dem Laden mit schwarz­er Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trost­lose Aus­sicht, als hätte ein ganzes Land seine Fer­nau­gen für immer geschlossen. Gle­ich links und rechts des eis­er­nen Lids sitzen junge Men­schen in Cafés. Dien­stag, früher Vor­mit­tag, Tax­i­fahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge ein­er Katze, die ihrer­seits Gerüchen, Geräuschen, Bewe­gun­gen und weit­eren unsicht­baren Spuren und Wün­schen fol­gt. Prächtiges Tier, schwarzes, zausiges Fell, bre­it­er Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beobachter angenom­men zu haben, dreht sich immer wieder ein­mal nach mir um, als würde sie mich in der Ver­fol­gung ermuntern. Von der Repub­lik Street in die Wind­mill Street, dann nord­wärts die Merchant’s Street ent­lang. Schulkinder in Uni­for­men, ein paar ältere Men­schen, Frauen, Män­ner, in dun­kler, fein­er Klei­dung, kleinere Läden, Süßstoffe im Halb­dunkel. Mein Blick ein­mal zur Katze hin, dann wieder hin­auf zu den hän­gen­den Win­tergärten an den Fas­saden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwis­chen­räume. In der Old Hos­pi­tal Street eine ver­wit­terte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort ver­schwindet die Katze. Wild­nis ohne Dach. Zitro­nen­bäume entkom­men dem Boden. An ein­er Wand, von Flecht­en beset­zt, ein Ofen. Im Regal gle­ich darüber, eine Tasse von Porzel­lan.
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malta : eine scheeweiße frau

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tan­go : 10.18 – Kurz nach 10 Uhr mor­gens sind heut ein paar selt­same Dinge geschehen. Ich saß auf einem schmalen Balkon in angenehm­ster Luft und hörte dem beza­ubern­den Gesang eines nicht sicht­baren Vogels zu. Eine Fähre, vielle­icht von Sizilien her, kreuzte indessen den Auss­chnitt des Meeres, den ich von meinem Stuhl aus wahrnehmen kon­nte. Sobald sie ver­schwun­den gewe­sen war, öffnete ich die Times vom Vortag und las, dass noch immer nicht bekan­nt gewor­den sei, wo der chi­ne­sis­che Kün­stler Ai Wei­wei gefan­gen gehal­ten wird. In Japan ver­suchte man weit­er­hin unter höch­ster Gefahr in verseuchtem Gebi­et, Opfer des Tsuna­mi zu bergen. In diesem Moment öffnete sich ein Fen­ster jen­seits der Straße, eine Frau, deren Gesicht schneeweiß gewe­sen war, star­rte mich für einige Sekun­den an. Das war ein merk­würdi­ger Blick, ein Blick, als ob sie mich in diesen Sekun­den mit ihren Augen fotografieren würde. Bald zog sie ihren Kopf wieder zurück in den Schat­ten des Raumes, um kurz darauf wiederzukehren mit einem Korb in der Hand, der an ein­er Schnur befes­tigt war. Sie seilte den Korb zur Straße hin ab, sah mich in dieser Bewe­gung wieder fotografierend an, beobachtete demzu­folge wie ich ihrem Korb mit den Augen fol­gte. Vor dem Haus weit unter uns wartete ein Briefträger. Der junge Mann ent­nahm dem Korb ein Schrift­stück und legte stattdessen eine Flasche hinein. Unverzüglich holte die Frau den Korb wieder zu sich nach oben. Kräftige Bewe­gun­gen ihrer dür­ren Arme. Auch ihre Arme waren so strahlend weiß, dass ich den Ein­druck hat­te, sie wären aus Licht gemacht oder von der Ein­samkeit des Zim­mers.

malta : carduelis carduelis, sanfter irrer

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india : 8.32 – Im Zuck­er­waren­laden in der Manoel­street No 15 pen­delt über der Laden­theke ein hölz­ern­er Käfig, nicht größer als ein Schuhkar­ton, in dem sich ein Stieglitz befind­et, ein Män­nchen genauer, das bis in den Abend hinein, ohne je eine Pause einzule­gen, sofort mit der Öff­nung des Ladens gegen acht Uhr mor­gens zu sin­gen begin­nt. Das ist eine Art von Gesang, die kaum in Geräuschwörtern wiedergegeben wer­den kann, ich höre ein dudu­dide oder ein didi­didu oder ein tschirrrzid. Der Käfig hängt dicht unter der gewölbten Decke. Er scheint sich stets in leichter Bewe­gung zu befind­en, obwohl kein Windzug zu spüren ist in den schat­ti­gen Räu­men. Eine schläfrige Frau sitzt dort hin­ter einem Tre­sen von Glas, unter dem mit Whiskey, Pinienker­nen und Kirschen gefüllte Pron­jo­latataschen sorgfältig gestapelt lagern, Kas­tanien­torten, Orangenkuchen, kandierte Früchte aller Art, und darüber eben jen­er Vogel, der unen­twegt jubiliert oder nach Hil­fe ruft. Er sitzt auf ein­er Stange immer an der­sel­ben Stelle, dreht oder neigt ein wenig seinen Kopf zur Seite hin und scheint die Bewe­gung sein­er Woh­nung in der Luft, allein durch die Vibra­tion seines Kör­pers im Gesang her­vorzu­rufen. Manch­mal ver­schließt der Vogel mit­tels eines sil­ber­nen Häutchens, das weit­ge­hend durch­sichtig sein kön­nte, ein Auge. Nach ein oder zwei Sekun­den nur ist er wieder zurück. Er scheint aufmerk­sam zu beobacht­en wie ich in mein Notizbuch notiere, was ich von ihm höre. Ein san­fter Irrer.

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malta : operation odyssey dawn

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echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdi­na rauf zu den fel­si­gen Höhen, ihrem großar­ti­gen Blick süd­wärts über das Meer. Links und rechts der asphaltierten Straße, Felder, wie in Fäch­er gelegt von stein­er­nen Wällen umgeben. In den Blät­tern der Kak­teengewächse sitzen Sch­neck­en in Höhlen und schmausen vom faulig gewor­de­nen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Wider­stän­den der wilden Land­schaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in näch­ster Nähe sind, him­mel­wärts zu pfeifen, ein afrikanis­ch­er Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem mil­itärischen Oper­a­tions­ge­bi­et, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erre­iche, wie mein Augen­licht sich zu einem Kam­er­alicht ver­wan­delt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu kön­nen und zu fliegen weit raus auf  him­mel­blaue Wasser­fläche, deren Ende nicht zu erken­nen ist. Kein Flugzeug, kein Schiff, außer einem kleineren Boot, das auf dem Weg nach Mis­ura­ta sein kön­nte, eingeschlosse­nen Men­schen Mehl und Medika­mente zu brin­gen. Tauben lungern im bere­its tief über dem Hor­i­zont ste­hen­den Licht der Sonne auf war­men Steinen, Eidech­sen, grün und blau und gold­en schim­mernd, sitzen erhobe­nen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hät­ten sie noch nie zuvor ein men­schlich­es Wesen gese­hen.

malta : carmelite church

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delta : 22.07 – Als er mich über die Straße kom­men sieht, erhebt sich der alte Mann von dem Stuhl vor der Tür seines Haus­es. Sofort, schon von Weit­em, hat er mich wieder­erkan­nt, vielle­icht an dem roten Pullover, den ich über meinen Schul­tern trage oder an meinem Gang. Jet­zt fol­gt er mir gruß­los in die Kirche an der Old Mint Street, deren Kup­pel­bau die Sil­hou­ette der Stadt Val­let­ta wei­thin prägt. Gestern noch haben wir ein kleines Gespräch geführt vor dem Gotte­shaus, das dem alten Mann kost­bar zu sein scheint, ein Ort, den er zu schützen ver­sucht, vor Per­so­n­en wie mir beispiel­sweise, die kom­men und gehen wie sie wollen, ohne je ein­mal zu fra­gen, ob es statthaft sei, an diesem heili­gen Ort zu fotografieren. Jet­zt will er mich prüfen, will mein Ver­sprechen genauer, das ich gegeben habe, prüfen, ob ich es ein­halte, ob ich glaub­würdig sei. Und so sitze ich bald unweit des Altars, der alte Mann ein paar Rei­hen hin­ter mir, und über­lege, ob es möglich sein kön­nte, in dieser Kirche ein Aquar­i­um zu erricht­en, ein Glas­ge­häuse von enormer Größe, in dem Kiemen­men­schen schweben und somit in der Lage sein wür­den, an heili­gen Feiern unter Lun­gen­men­schen teilzuhaben. Lange Zeit sitze ich fast bewe­gungs­los, dann beginne ich einige Sätze in mein Notizbuch zu schreiben, fer­tige eine Zeich­nung an, einen Grun­driss in etwa, der Kirche und einiger Posi­tio­nen, da ein Aquar­i­um zu erricht­en sin­nvoll wäre. Und wie ich so leise vor mich hin arbeite, kaum wage ich zu atmen, höre ich, wie der alte Mann hin­ter mir sich erhebt, er kommt an mir vorüber, bleibt einige Minuten in mein­er Nähe ste­hen, ver­beugt sich bald vor dem Altar und ver­lässt die Kirche durch einen Seit­enein­gang. — Son­ntag. Ich habe heute Bäume ent­deckt, die mit ihren weichen Blät­tern selt­same Nüsse bebrüten. — stop

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sier­ra : 15.08 – Heute Mor­gen, der Kof­fer lag bere­its geöffnet auf dem Bett, kon­nte ich wieder das Wass­er hören, wies sich in näch­ster Nähe bewegte. Hat­te ein  Ohr an eine Zim­mer­wand gelegt, da waren Stim­men, die sich mit dem Wass­er unter­hiel­ten, gedämpfte Geräusche, Wörter, die ich noch nie zuvor ver­nom­men hat­te. War dann spazieren in den Schat­ten, habe Namen gesam­melt, Türen und ihre Far­ben, die Gestalt der Trep­pen, der Briefkästen, der Fen­ster­räume, Men­schen­spuren, durch alltägliche Bewe­gung der Jahrhun­derte in die Stein­haut der Straßen einge­tra­gen. Wilde Leitun­gen kreuzten von Haus zu Haus. Ich stellte mir vor, Schnüre umman­tel­ter Luft, jedes Tele­fon sei mit weit­eren Tele­fo­nen durch je eine eigene Leitung ver­bun­den. Und da waren beleuchtete Chris­tus­fig­uren an Häusereck­en. Ein paar Jungs spiel­ten Fußball gegen stärk­ste Nei­gung des Bodens mit einem Ball, der ost­wärts flücht­en wollte. Am Hafen hock­ten Män­ner auf leicht­en Stühlen von Holz. Sie schaukel­ten Ruten über klarem Wass­er, in dem kein Fisch zu sehen war. Lange Zeit der Beobach­tung. Die Män­ner plaud­erten in ihrer weichen mal­te­sis­chen Sprache, für einen Moment war mir gewe­sen, als ob sie durch Beschwörung, durch ihr Lachen, Fis­che erzeugten, die genau in dem Moment ihrer Entste­hung sich in die wartenden Hak­en der Jäger ver­bis­sen, um auf der Stelle in die Luft gezo­gen zu wer­den, Fis­che mit sil­ber­nen Bäuchen, blauen Rück­en, gel­ben Augen, Erfind­un­gen, wie Wörter aus dem Nichts, die sich zu Lin­ien formieren und bleiben. Dann weit­er.

cocteau

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char­lie : 20.28 – Es reicht nicht aus, eine Idee zu haben. Es ist auch nötig, daß diese Idee uns hat, daß sie uns erschreckt, daß sie uns umtreibt, daß sie unerträglich wird. - Jean Cocteau, Ciné­monde / 25 Sep­tem­ber 1950

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eisschrank

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himalaya : 5.57 — Ob es möglich ist, einen hölz­er­nen Kühlschrank zu bauen? Keine halbe Sache. Nichts Post­mod­ernes. Nicht einen Kühlschrank von Edel­holz verklei­de­ter Tür beispiel­sweise. Nein, ein wahrhaftig hölz­ern­er Kühlschrank müsste durch und durch aus Holz beste­hen, jede Schraube, jede sein­er Wände, jedes Fach, auch das Eis­fach, wären organ­is­chen Ursprungs. Kann ich einen Kühlschrank ern­sthaft denken, der wie eine Schreib­mas­chine mit ein­er Hand­kurbel zu bedi­enen ist, einen Kühlschrank, der im Früh­ling aus­treiben wird und blühen im Mai, sagen wir einen Kühlschrank, den jede Biene für einen Mag­no­lien­baum, und jedes Scoiat­to­lo für einen Gink­go hal­ten möchte? — stop

beutelmenschen

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ulysses : 0.05 – Lan­dete an ein­er Küste vor ein­er hoch aufra­gen­den, gläser­nen Wand. Auf ein­er Wiese, die sich vom Wass­er her bis zur Wand hin erstreck­te, blüht­en Leberblüm­chen, Zwergmohn, Krokusse. Auch hin­ter der Wand war eine Wiese zu erken­nen, Fis­che spazierten herum, Tausend­füßler­fis­che, und wieder Leberblüm­chen, Zwergmohn, Krokusse. Vor der Wand in einem Abstand von weni­gen Metern zueinan­der rei­ht­en sich gefal­l­ene Garten­stüh­le bis zu den Hor­i­zon­ten. Men­schen hin­gen dort in der Luft, Hände gefan­gen in Fall­en, die von der Wand­kro­ne baumelten. Das waren Schnapp­fall­en gewe­sen, hölz­erne Appa­ra­turen. In dem ich näherkam, bat­en mich einige der Men­schen flüsternd, einen der Stüh­le unter ihren Füßen wieder aufzuricht­en. Andere waren zu stillen Haut­beuteln gewor­den, in welchen Ameisen Knochen bewegten. Ich seh mich, wie ich einen Mohn­blu­men­strauß pflück­te. Wan­derte die Küste ent­lang, erzählte heit­ere Geschicht­en, über­re­ichte traumwärts den Leben­den je eine müde Blume und schmück­te die Toten.
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samuel beckett : 16 steine

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india : 3.25 – Ich nutze diesen Aufen­thalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu ver­sor­gen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeu­ten­den Vor­rat von ihnen zusam­men. Ich verteilte sie gle­ich­mäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinan­der. Dadurch ent­stand ein Prob­lem, das ich zunächst auf fol­gende Art löste: Angenom­men, ich hat­te sechzehn Steine und vier davon in jed­er mein­er vier Taschen, näm­lich in den zwei Taschen mein­er Hose und den zweien meines Man­tels. Wenn ich einen Stein aus der recht­en Man­teltasche nahm und in den Mund steck­te, so erset­zte ich ihn in der recht­en Man­teltasche durch einen Stein aus der recht­en Hosen­tasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosen­tasche erset­zte, den ich durch einen Stein aus der linken Man­teltasche erset­zte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund erset­zte, sobald ich mit dem Lutschen fer­tig war. Auf diese Weise befan­den sich immer vier Steine in jed­er mein­er vier Taschen, aber nicht genau diesel­ben… / Mittwoch. stop. Samuel Beck­etts wun­der­bar­er Text der sechzehn Steine an diesem frühen Mor­gen. Noch dunkel. Schwere würzige Luft der Kas­tanien­blüte. Nacht­bi­enen pfeifen am Fen­ster vorüber. Ich werde jet­zt gle­ich eine Stunde unternehmen, an die ich mich lange Zeit, vielle­icht bis an mein Lebensende erin­nern werde. In dieser einen Stunde habe ich nichts zu tun, als diese eine Stunde zu beobacht­en, und mich selb­st, wie ich sie passiere. stop. — 3 Uhr 35

 

plutonium

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marim­ba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jahren nicht, ver­mag ich mir ein Plu­to­ni­umteilchen und seine Strahlung vorzustellen. Wie wan­dert das Teilchen durch die Welt? Was genau treibt sein gefährlich sprechen­des Wesen an? Habe beobachtet, dass Arbeit­er, die das umgebende Gelände des Reak­tors von Tsch­er­nobyl für den Bau eines weit­eren Sarkophages vor­bere­it­en, sich in Zeitlupe bewe­gen, um möglichst geringe Men­gen radioak­tiv­er Teilchen vom Erd­bo­den in die Luft zu wirbeln. Wil­lentliche Ver­langsamung an einem Ort, der eigentlich Flucht­be­we­gung, also Wun­sch nach Beschle­u­ni­gung erzeugt.
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schweres wasser

pic

oli­mam­bo : 2.44 — Manch­mal suche ich nach der Ahnung eines Geräusches. Dann denke ich das Geräusch solange weit­er, bis ich mich an das erfun­dene Geräusch erin­nern kann. stop. Regengeräusch. stop. Das Geräusch eines Regens, der die Nachtluft hellt. stop. Weißes Rauschen. stop. Oder das Geräusch tropfend­er Regen. stop. Schw­eres Wass­er. stop. Tam­burine. stop. Es ist beruhi­gend, über den Regen nachzu­denken. stop. Sicht­bare, hör­bare, fühlbare Regen im Kopf. — stop

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whiteout

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papa : 5.44 — Vom Regen­wass­er, das ich hörte, schläfrig gewor­den, kür­zlich vom Stuhl gefall­en. Ich hat­te, als ich fiel, bere­its in der drit­ten Stunde ver­sucht, eine Tele­fon­num­mer zu erfind­en, die ein­er wirk­lichen New York­er Tele­fon­num­mer täuschend ähn­lich sein würde, das heißt, eine Num­mer, die nicht existiert, aber existieren kön­nte. Eine schwierige Geschichte! Kaum hat­te ich eine Num­mer ent­wor­fen, eine Zahlen­rei­he, die in keinem dig­i­tal­en Verze­ich­nis aufzufind­en gewe­sen war, ent­deck­te ich, dass eine Stunde nach der Erfind­ung alle Mühe schon verge­blich gewor­den sein kön­nte. Ich müsste demzu­folge eine Num­mer, die Erfind­ung bleiben muss, reservieren, also melden, eine Num­mer ohne Tele­fon an ihrem Ende, die virtuelle Beset­zung eines numerischen Ortes. Viele Fra­gen sind offen am Ende dieser Nacht. Auch diese fol­gende Frage, ob es ehren­voll ist, schlafende Men­schen zu fotografieren? — stop

tripolis

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fox­trott : 20.58 – Die Spitze meines Bleis­tiftes unter Beobach­tung, wie sie sich über das Papi­er bewegt, immer noch unsich­er, zögernd, helle, rauchige Töne, Zeichen, Wörter, jed­er Gedanke von eigen­tüm­lich­er Melodie, eine windi­ge, schür­fende Welle. stop. stop. In Libyen, ohne Mitwirkung eines Erd­bebens, sollen nach Angaben des Botschafters der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka in den ver­gan­genen 2 Monat­en bis zu 30000 Men­schen getötet wor­den sein. stop Seit zwei Tagen notiere ich mit der Hand. — stop
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linie d

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india : 22.02 – In einem New York­er Sub­wayzug mit geschlosse­nen Augen frei­händig ste­hen und bal­ancieren, sagen wir eine zweistündi­ge Fahrt mit der Lin­ie D von Coney Island rauf zum Bed­ford Park Boule­vard. Das Reit­en auf einem wilden Tier. Vielle­icht kön­nte ich sagen, dass das Erler­nen ein­er Sub­waystrecke, das neu­ronale Verze­ich­nen ihrer Stei­gun­gen, ihrer Gefälle, ihrer Kur­ven, auch ihrer fein­sten Uneben­heit­en, dem wort­ge­treuen Studi­um eines Roman­textes ver­gle­ich­bar ist. Aber dann die Zufälle des All­t­ages, das nicht Berechen­bare, ein Tun­nelvo­gel, eine schmutzige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Brem­sung zwingt, die Eige­nart des Zuges selb­st, das unvorherse­hbare Ver­hal­ten zusteigen­der Fahrgast­per­so­n­en, wie sich eine Jazzband nähert, wie ich drin­gend darum bitte, man möge nicht näher kom­men. — stop
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