malta : manoelstreet

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echo : 22.56 – Im Aufzug des Hauses Mano­el­street No 8 sitzt eine Schnecke mit gelbem Gehäuse auf dunklem Furnier. Bald werde ich erfahren, dass es von Hölzern genommen wurde, die Engländer vor langer Zeit nach Malta impor­tierten, Bäume dieser Farbe wachsen hier nicht aus der roten Insel­erde, aber nied­rige Orangen und Zitro­nen­ge­wächse. Wenn man abends im Wind, der von der See her in die Stadt spazieren kommt, in einem der klei­neren Parks lange genug wartet, kann man die Früchte fallen hören, weiche, seuf­zende Geräu­sche, kaum wahr­nehmbar. – Später Abend. Während der Fahrt vom Flug­hafen her in einem uralten Bus durch­ge­schüt­telt, habe ich ein Ohr verloren. Ich trage es behutsam in der Hosen­ta­sche den Flur entlang zu meinem Zimmer, das von warmer Farbe ist, eine Tür, die von selbst ins Schloss fällt, ein Balkon hin zum Meer, irgendwo da draußen in der Dunkel­heit soll es schon lange exis­tieren. Still die Stadt an diesem Abend, wenige Stimmen, klap­pernde Töpfe, die Glocken einer Kirche zur vollen Stunde, nichts weiter. Wie ich mein Ohr betrachte, das auf dem Bett liegt, noch immer knis­ternd vom Sturz­flug aus größer Höhe kurz nach Sizi­lien unter Turbu­lenzen hindurch, dieser selt­same Eindruck eines Tage währenden Zwischen­raumes, nicht mehr zu Hause und doch schon im Süden ange­kommen, unwirk­lich, alles ist denkbar. Seh mich nach Mitter­nacht über eine Katzen­straße der Stadt Valletta gehn. Das Meer aus nächster Nähe, brau­send aus dem unend­li­chen, dunklen Raum heran, fried­lich an dieser Stelle zu dieser Stunde.
ping

malta : lower barracca gardens

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india : 23.37 – Samstag. stop. Seit bald zwei Tagen keine Zeitung gelesen. Über den wolken­losen malte­si­schen Himmel streunen Wasser­flug­zeuge. Es ist heiß in der Sonne, aber es weht ein ange­nehm kühler Wind durch die Gassen der alten Stadt. Habe in den Lower Barr­acca Gardens Stunden versucht seltsam luftige Wesen zu foto­gra­fieren, sie sind ohne Ausnahme, sobald ich auf den Auslöser drücke, Flüch­tende, das heißt, Abwe­sende, als ob sie meine planenden Gedanken lesen könnten, segeln mit einem sirrenden Geräusch unter verwit­terten Bäumen davon, Grillen viel­leicht, Gril­len­vögel, weil sie nicht springen, sondern fliegen, aber nicht von der Gestalt der Vögel, sondern von der Gestalt der Insekten sind. Gold­en­gelb die Farbe ihres Körpers, wie die Steine der Stadt so gold­en­gelb, für einen Moment dachte ich, dass sie selbst stei­nerne Wesen sein könnten, dass sie den Wänden der Häuser entkommen, dass die Stadt in dieser Weise in kleinen Teilen gegen die Abend­luft zu entwei­chen wünscht, eine Stadt kurz vor dem Abflug, aber noch nicht entschlossen, kehrt sie zurück, ehe die Sonne ganz verschwunden ist. Da sind Fühler an den flie­genden Stein­tieren befes­tigt, länger als ihr Haupt­körper sind sie, und hauch­dünne Segel­flügel, die Dämme­rung vom Himmel rufen. Lotsen­schiffe verlassen den Hafen. Gegen Mitter­nacht werden sie zurück­kommen, Tank­schiffe, riesigen gewäs­serten Zeppe­linen ähnlich, im Schlepp.

malta : fallschirmregen

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nordpol : 16.22 – Aus heiterem Himmel setzt sich vor der Natio­nal­bi­blio­thek eine uralte briti­sche Lady zu mir in den Schatten. Helle, faltige Haut, die sich mit dem Seewind über ihren dürren Körper hin zu bewegen scheint. Sie trägt einen grünen Sonnenhut, gelbe Leder­san­dalen und einen langen beigen Rock; hell­blaue Augen, Steck­na­del­pu­pillen, die mich fixieren, kein Lidschlag. Wo ich herkomme, will sie wissen, was ich da notiere, ob ich mit dem Internet verbunden sei. In dem sie mir zuhört, lehnt sie sich in ihren Stuhl zurück, um sich sofort wieder zu nähern, wenn sie selbst zu spre­chen beginnt. Dass es ein Wunder sei, wie schnell die Deut­schen nach dem Krieg wieder wohl­ha­bend geworden sind. Ja, die Deut­schen, sagt sie mit ihrer hellen Stimme, alles was die Deut­schen tun, machen sie gründ­lich. Einmal, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, regneten eines frühen Morgens Fall­schirme auf die Ebenen Maltas herab. Sie hatten es nicht leicht mit der Landung, da waren überall stei­nerne Wälle zum Schutz vor dem Wind. Kurz darauf fielen Bomben auf den kleinen Ort Mosta. Wenn Sie Zeit haben, besu­chen Sie Mosta, das müssen Sie unbe­dingt tun! Eine Bombe traf die Kirche, dorthin hatten sich hunderte Menschen geflüchtet, aber die Wände, das Gewölbe waren unbe­siegbar gewesen. Eine weitere Bombe traf den Markt­platz und tötete ein Dutzend Hühner. Die alte Frau spricht jetzt langsam und präzise, als erwar­tete sie, dass ich ihre Erzäh­lung Wort für Wort im Kopf mitschreiben würde. Eine ihrer Schwes­tern sei verwundet worden, ein Splitter habe den Onkel, der sich auf sie geworfen habe, glatt durch­schlagen. Ihr Vater habe dann ein Zelt im Haus für die Familie errichtet, weil das Haus sein Dach verloren hatte durch den Luft­druck, als ein benach­bartes Grund­stück einen Voll­treffer erhielt. Es ist schon ein Wunder, sagt sie und lächelt, es ist schon ein Wunder.
ping

malta : 81er bus

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echo : 22.05 – Sagen wir das so: Ich bin heute, an diesem sonnigen Montag mit dem Bus hin und her übers Land gefahren, mit einem 81er Bus, mit Luca’s Bus, und zwar die Strecke von Valletta nach Rabat bis rauf zu den Dingli Cliffs, von wo man weit aufs Meer hinaus südwärts nach Afrika schauen könnte, wenn die Erde nicht rund wäre wie wir sie vorge­funden haben. Luca ist ein Busfahrer aus Leiden­schaft. Er trägt ein blaues Hemd, seine Arme sind gebräunt wie sein Gesicht, rechts, von wo die Sonne kommt, etwas stärker als von links. 47 Cent kostet eine einfache Fahrt nach Rabat. Jeder, der herein­kommt, wird begrüßt: Welcome, welcome! Dann 15 Kilo­meter stetig dem Himmel zu, links und rechts der Straße, Spuren von Weizen, Tomaten, Kartof­feln, Inseln blühender Blumen, Mohn und Marge­riten und Linien von Kakte­en­pflanzen, als seien Meeres­wellen zu flei­schigen Blatt­kör­pern gefroren für alle Zeit. Da und dort ein Dorf, Büsche, Oran­gen­bäume, Wind­räder, Funk­an­tennen. Nach einer Stunde kommt man dann an in Rabat oder Mdina, man weiß jetzt, dass man über einen Knochen­körper verfügt, und man ahnt, dass Luca seinen Weg noch finden würde, wenn er einmal blind geworden sein sollte. Luca sammelt Mari­en­bilder wie ich Über­ra­schungen sammle, Momente wie diesen, da Luca bemerkt, dass ich nicht aussteigen, dass ich wieder mit ihm zurück­fahren werde, dass der Bus und er selbst für mich bedeu­tender sind, als Orte und Land­schaft, die wir durch­reisen. Jetzt darf ich ihn foto­gra­fieren und sein Arma­tu­ren­brett, Diesel, Diesel! Und ich darf ihm eine Frage stellen, ich wollte nämlich wissen, ob es für ihn denkbar ist, seinen Bus einmal bis hin unter die Decke mit Wasser zu füllen, ob er sich vorstellen könne, mit einem Bus voll lebender Fische über Land zu fahren. Luca’s Hupe, eine Luft­trom­pete.

malta : fernaugen

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sierra : 15.02 – Roll­läden von rostigem Metall. Zerbro­chene Leucht­schrift-zeichen. Der Fußboden vor dem Laden mit schwarzer Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trost­lose Aussicht, als hätte ein ganzes Land seine Fern­augen für immer geschlossen. Gleich links und rechts des eisernen Lids sitzen junge Menschen in Cafés. Dienstag, früher Vormittag, Taxi­fahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge einer Katze, die ihrer­seits Gerü­chen, Geräu­schen, Bewe­gungen und weiteren unsicht­baren Spuren und Wünschen folgt. Präch­tiges Tier, schwarzes, zausiges Fell, breiter Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beob­achter ange­nommen zu haben, dreht sich immer wieder einmal nach mir um, als würde sie mich in der Verfol­gung ermun­tern. Von der Repu­blik Street in die Wind­mill Street, dann nord­wärts die Merchant’s Street entlang. Schul­kinder in Uniformen, ein paar ältere Menschen, Frauen, Männer, in dunkler, feiner Klei­dung, klei­nere Läden, Süßstoffe im Halb­dunkel. Mein Blick einmal zur Katze hin, dann wieder hinauf zu den hängenden Winter­gärten an den Fassaden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwischen­räume. In der Old Hospital Street eine verwit­terte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort verschwindet die Katze. Wildnis ohne Dach. Zitro­nen­bäume entkommen dem Boden. An einer Wand, von Flechten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich darüber, eine Tasse von Porzellan.
ping

malta : eine scheeweiße frau

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tango : 10.18 – Kurz nach 10 Uhr morgens sind heut ein paar selt­same Dinge geschehen. Ich saß auf einem schmalen Balkon in ange­nehmster Luft und hörte dem bezau­bernden Gesang eines nicht sicht­baren Vogels zu. Eine Fähre, viel­leicht von Sizi­lien her, kreuzte indessen den Ausschnitt des Meeres, den ich von meinem Stuhl aus wahr­nehmen konnte. Sobald sie verschwunden gewesen war, öffnete ich die Times vom Vortag und las, dass noch immer nicht bekannt geworden sei, wo der chine­si­sche Künstler Ai Weiwei gefangen gehalten wird. In Japan versuchte man weiterhin unter höchster Gefahr in verseuchtem Gebiet, Opfer des Tsunami zu bergen. In diesem Moment öffnete sich ein Fenster jenseits der Straße, eine Frau, deren Gesicht schnee­weiß gewesen war, starrte mich für einige Sekunden an. Das war ein merk­wür­diger Blick, ein Blick, als ob sie mich in diesen Sekunden mit ihren Augen foto­gra­fieren würde. Bald zog sie ihren Kopf wieder zurück in den Schatten des Raumes, um kurz darauf wieder­zu­kehren mit einem Korb in der Hand, der an einer Schnur befes­tigt war. Sie seilte den Korb zur Straße hin ab, sah mich in dieser Bewe­gung wieder foto­gra­fie­rend an, beob­ach­tete demzu­folge wie ich ihrem Korb mit den Augen folgte. Vor dem Haus weit unter uns wartete ein Brief­träger. Der junge Mann entnahm dem Korb ein Schrift­stück und legte statt­dessen eine Flasche hinein. Unver­züg­lich holte die Frau den Korb wieder zu sich nach oben. Kräf­tige Bewe­gungen ihrer dürren Arme. Auch ihre Arme waren so strah­lend weiß, dass ich den Eindruck hatte, sie wären aus Licht gemacht oder von der Einsam­keit des Zimmers.

malta : carduelis carduelis, sanfter irrer

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india : 8.32 – Im Zucker­wa­ren­laden in der Mano­el­street No 15 pendelt über der Laden­theke ein hölzerner Käfig, nicht größer als ein Schuh­karton, in dem sich ein Stieg­litz befindet, ein Männ­chen genauer, das bis in den Abend hinein, ohne je eine Pause einzu­legen, sofort mit der Öffnung des Ladens gegen acht Uhr morgens zu singen beginnt. Das ist eine Art von Gesang, die kaum in Geräuschwör­tern wieder­ge­geben werden kann, ich höre ein dudu­dide oder ein didi­didu oder ein tschirrrzid. Der Käfig hängt dicht unter der gewölbten Decke. Er scheint sich stets in leichter Bewe­gung zu befinden, obwohl kein Windzug zu spüren ist in den schat­tigen Räumen. Eine schläf­rige Frau sitzt dort hinter einem Tresen von Glas, unter dem mit Whiskey, Pini­en­kernen und Kirschen gefüllte Pron­jo­la­ta­ta­schen sorg­fältig gesta­pelt lagern, Kasta­ni­en­torten, Oran­gen­ku­chen, kandierte Früchte aller Art, und darüber eben jener Vogel, der unent­wegt jubi­liert oder nach Hilfe ruft. Er sitzt auf einer Stange immer an derselben Stelle, dreht oder neigt ein wenig seinen Kopf zur Seite hin und scheint die Bewe­gung seiner Wohnung in der Luft, allein durch die Vibra­tion seines Körpers im Gesang hervor­zu­rufen. Manchmal verschließt der Vogel mittels eines silbernen Häut­chens, das weit­ge­hend durch­sichtig sein könnte, ein Auge. Nach ein oder zwei Sekunden nur ist er wieder zurück. Er scheint aufmerksam zu beob­achten wie ich in mein Notiz­buch notiere, was ich von ihm höre. Ein sanfter Irrer.

ping

malta : operation odyssey dawn

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echo : 22.01 – Zu Fuß die Straße von Mdina rauf zu den felsigen Höhen, ihrem groß­ar­tigen Blick südwärts über das Meer. Links und rechts der asphal­tierten Straße, Felder, wie in Fächer gelegt von stei­nernen Wällen umgeben. In den Blät­tern der Kakte­en­ge­wächse sitzen Schne­cken in Höhlen und schmausen vom faulig gewor­denen Fleisch. Was ich höre in diesen Minuten des Laufens ist der Wind, der sich an den Wider­ständen der wilden Land­schaft reibt. Er scheint gegen die steilen Felsen, die schon in nächster Nähe sind, himmel­wärts zu pfeifen, ein afri­ka­ni­scher Wind an diesem Tag ein Mal mehr, ein Wind aus einem mili­tä­ri­schen Opera­ti­ons­ge­biet, das einen Namen trägt: Odyssey Dawn. Aber vom Krieg ist nichts zu sehen an dieser Stelle, in diesem Moment, da ich die Cliffs erreiche, wie mein Augen­licht sich zu einem Kame­ra­licht verwan­delt, wie das Land unter den Füßen weicht, wie ich für einen kurzen Moment glaube, abheben zu können und zu fliegen weit raus auf  himmel­blaue Wasser­fläche, deren Ende nicht zu erkennen ist. Kein Flug­zeug, kein Schiff, außer einem klei­neren Boot, das auf dem Weg nach Misurata sein könnte, einge­schlos­senen Menschen Mehl und Medi­ka­mente zu bringen. Tauben lungern im bereits tief über dem Hori­zont stehenden Licht der Sonne auf warmen Steinen, Eidechsen, grün und blau und golden schim­mernd, sitzen erho­benen Kopfes und warten. Sie benehmen sich, als hätten sie noch nie zuvor ein mensch­li­ches Wesen gesehen.

malta : carmelite church

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delta : 22.07 – Als er mich über die Straße kommen sieht, erhebt sich der alte Mann von dem Stuhl vor der Tür seines Hauses. Sofort, schon von Weitem, hat er mich wieder­erkannt, viel­leicht an dem roten Pull­over, den ich über meinen Schul­tern trage oder an meinem Gang. Jetzt folgt er mir grußlos in die Kirche an der Old Mint Street, deren Kuppelbau die Silhou­ette der Stadt Valletta weithin prägt. Gestern noch haben wir ein kleines Gespräch geführt vor dem Gottes­haus, das dem alten Mann kostbar zu sein scheint, ein Ort, den er zu schützen versucht, vor Personen wie mir beispiels­weise, die kommen und gehen wie sie wollen, ohne je einmal zu fragen, ob es statt­haft sei, an diesem heiligen Ort zu foto­gra­fieren. Jetzt will er mich prüfen, will mein Verspre­chen genauer, das ich gegeben habe, prüfen, ob ich es einhalte, ob ich glaub­würdig sei. Und so sitze ich bald unweit des Altars, der alte Mann ein paar Reihen hinter mir, und über­lege, ob es möglich sein könnte, in dieser Kirche ein Aqua­rium zu errichten, ein Glas­ge­häuse von enormer Größe, in dem Kiemen­men­schen schweben und somit in der Lage sein würden, an heiligen Feiern unter Lungen­men­schen teil­zu­haben. Lange Zeit sitze ich fast bewe­gungslos, dann beginne ich einige Sätze in mein Notiz­buch zu schreiben, fertige eine Zeich­nung an, einen Grund­riss in etwa, der Kirche und einiger Posi­tionen, da ein Aqua­rium zu errichten sinn­voll wäre. Und wie ich so leise vor mich hin arbeite, kaum wage ich zu atmen, höre ich, wie der alte Mann hinter mir sich erhebt, er kommt an mir vorüber, bleibt einige Minuten in meiner Nähe stehen, verbeugt sich bald vor dem Altar und verlässt die Kirche durch einen Seiten­ein­gang. – Sonntag. Ich habe heute Bäume entdeckt, die mit ihren weichen Blät­tern selt­same Nüsse bebrüten. – stop

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sierra : 15.08 – Heute Morgen, der Koffer lag bereits geöffnet auf dem Bett, konnte ich wieder das Wasser hören, wies sich in nächster Nähe bewegte. Hatte ein  Ohr an eine Zimmer­wand gelegt, da waren Stimmen, die sich mit dem Wasser unter­hielten, gedämpfte Geräu­sche, Wörter, die ich noch nie zuvor vernommen hatte. War dann spazieren in den Schatten, habe Namen gesam­melt, Türen und ihre Farben, die Gestalt der Treppen, der Brief­kästen, der Fens­ter­räume, Menschen­spuren, durch alltäg­liche Bewe­gung der Jahr­hun­derte in die Stein­haut der Straßen einge­tragen. Wilde Leitungen kreuzten von Haus zu Haus. Ich stellte mir vor, Schnüre umman­telter Luft, jedes Telefon sei mit weiteren Tele­fonen durch je eine eigene Leitung verbunden. Und da waren beleuch­tete Chris­tus­fi­guren an Häuser­ecken. Ein paar Jungs spielten Fußball gegen stärkste Neigung des Bodens mit einem Ball, der ostwärts flüchten wollte. Am Hafen hockten Männer auf leichten Stühlen von Holz. Sie schau­kelten Ruten über klarem Wasser, in dem kein Fisch zu sehen war. Lange Zeit der Beob­ach­tung. Die Männer plau­derten in ihrer weichen malte­si­schen Sprache, für einen Moment war mir gewesen, als ob sie durch Beschwö­rung, durch ihr Lachen, Fische erzeugten, die genau in dem Moment ihrer Entste­hung sich in die wartenden Haken der Jäger verbissen, um auf der Stelle in die Luft gezogen zu werden, Fische mit silbernen Bäuchen, blauen Rücken, gelben Augen, Erfin­dungen, wie Wörter aus dem Nichts, die sich zu Linien formieren und bleiben. Dann weiter.

cocteau

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charlie : 20.28 – Es reicht nicht aus, eine Idee zu haben. Es ist auch nötig, daß diese Idee uns hat, daß sie uns erschreckt, daß sie uns umtreibt, daß sie uner­träg­lich wird. - Jean Cocteau, Ciné­monde / 25 September 1950

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eisschrank

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hima­laya : 5.57 – Ob es möglich ist, einen hölzernen Kühl­schrank zu bauen? Keine halbe Sache. Nichts Post­mo­dernes. Nicht einen Kühl­schrank von Edel­holz verklei­deter Tür beispiels­weise. Nein, ein wahr­haftig hölzerner Kühl­schrank müsste durch und durch aus Holz bestehen, jede Schraube, jede seiner Wände, jedes Fach, auch das Eisfach, wären orga­ni­schen Ursprungs. Kann ich einen Kühl­schrank ernst­haft denken, der wie eine Schreib­ma­schine mit einer Hand­kurbel zu bedienen ist, einen Kühl­schrank, der im Früh­ling austreiben wird und blühen im Mai, sagen wir einen Kühl­schrank, den jede Biene für einen Magno­li­en­baum, und jedes Scoiat­tolo für einen Ginkgo halten möchte? – stop

beutelmenschen

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ulysses : 0.05 – Landete an einer Küste vor einer hoch aufra­genden, gläsernen Wand. Auf einer Wiese, die sich vom Wasser her bis zur Wand hin erstreckte, blühten Leber­blüm­chen, Zwerg­mohn, Krokusse. Auch hinter der Wand war eine Wiese zu erkennen, Fische spazierten herum, Tausend­füß­ler­fi­sche, und wieder Leber­blüm­chen, Zwerg­mohn, Krokusse. Vor der Wand in einem Abstand von wenigen Metern zuein­ander reihten sich gefal­lene Garten­stühle bis zu den Hori­zonten. Menschen hingen dort in der Luft, Hände gefangen in Fallen, die von der Wand­krone baumelten. Das waren Schnapp­fallen gewesen, hölzerne Appa­ra­turen. In dem ich näherkam, baten mich einige der Menschen flüs­ternd, einen der Stühle unter ihren Füßen wieder aufzu­richten. Andere waren zu stillen Haut­beu­teln geworden, in welchen Ameisen Knochen bewegten. Ich seh mich, wie ich einen Mohn­blu­men­strauß pflückte. Wanderte die Küste entlang, erzählte heitere Geschichten, über­reichte traum­wärts den Lebenden je eine müde Blume und schmückte die Toten.
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samuel beckett : 16 steine

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india : 3.25 – Ich nutze diesen Aufent­halt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeu­tenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleich­mäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nach­ein­ander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Ange­nommen, ich hatte sech­zehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Mantel­ta­sche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Mantel­ta­sche durch einen Stein aus der rechten Hosen­ta­sche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosen­ta­sche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Mantel­ta­sche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben… / Mitt­woch. stop. Samuel Becketts wunder­barer Text der sech­zehn Steine an diesem frühen Morgen. Noch dunkel. Schwere würzige Luft der Kasta­ni­en­blüte. Nacht­bienen pfeifen am Fenster vorüber. Ich werde jetzt gleich eine Stunde unter­nehmen, an die ich mich lange Zeit, viel­leicht bis an mein Lebens­ende erin­nern werde. In dieser einen Stunde habe ich nichts zu tun, als diese eine Stunde zu beob­achten, und mich selbst, wie ich sie passiere. stop. – 3 Uhr 35

 

plutonium

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marimba : 20.12 – Noch immer, seit 25 Jahren nicht, vermag ich mir ein Pluto­ni­um­teil­chen und seine Strah­lung vorzu­stellen. Wie wandert das Teil­chen durch die Welt? Was genau treibt sein gefähr­lich spre­chendes Wesen an? Habe beob­achtet, dass Arbeiter, die das umge­bende Gelände des Reak­tors von Tscher­nobyl für den Bau eines weiteren Sarko­phages vorbe­reiten, sich in Zeit­lupe bewegen, um möglichst geringe Mengen radio­ak­tiver Teil­chen vom Erdboden in die Luft zu wirbeln. Willent­liche Verlang­sa­mung an einem Ort, der eigent­lich Flucht­be­we­gung, also Wunsch nach Beschleu­ni­gung erzeugt.
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schweres wasser

pic

olimambo : 2.44 – Manchmal suche ich nach der Ahnung eines Geräu­sches. Dann denke ich das Geräusch solange weiter, bis ich mich an das erfun­dene Geräusch erin­nern kann. stop. Regen­ge­räusch. stop. Das Geräusch eines Regens, der die Nacht­luft hellt. stop. Weißes Rauschen. stop. Oder das Geräusch trop­fender Regen. stop. Schweres Wasser. stop. Tambu­rine. stop. Es ist beru­hi­gend, über den Regen nach­zu­denken. stop. Sicht­bare, hörbare, fühl­bare Regen im Kopf. – stop

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whiteout

pic

papa : 5.44 – Vom Regen­wasser, das ich hörte, schläfrig geworden, kürz­lich vom Stuhl gefallen. Ich hatte, als ich fiel, bereits in der dritten Stunde versucht, eine Tele­fon­nummer zu erfinden, die einer wirk­li­chen New Yorker Tele­fon­nummer täuschend ähnlich sein würde, das heißt, eine Nummer, die nicht exis­tiert, aber exis­tieren könnte. Eine schwie­rige Geschichte! Kaum hatte ich eine Nummer entworfen, eine Zahlen­reihe, die in keinem digi­talen Verzeichnis aufzu­finden gewesen war, entdeckte ich, dass eine Stunde nach der Erfin­dung alle Mühe schon vergeb­lich geworden sein könnte. Ich müsste demzu­folge eine Nummer, die Erfin­dung bleiben muss, reser­vieren, also melden, eine Nummer ohne Telefon an ihrem Ende, die virtu­elle Beset­zung eines nume­ri­schen Ortes. Viele Fragen sind offen am Ende dieser Nacht. Auch diese folgende Frage, ob es ehren­voll ist, schla­fende Menschen zu foto­gra­fieren? – stop

tripolis

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foxtrott : 20.58 – Die Spitze meines Blei­stiftes unter Beob­ach­tung, wie sie sich über das Papier bewegt, immer noch unsi­cher, zögernd, helle, rauchige Töne, Zeichen, Wörter, jeder Gedanke von eigen­tüm­li­cher Melodie, eine windige, schür­fende Welle. stop. stop. In Libyen, ohne Mitwir­kung eines Erdbe­bens, sollen nach Angaben des Botschaf­ters der Verei­nigten Staaten von Amerika in den vergan­genen 2 Monaten bis zu 30000 Menschen getötet worden sein. stop Seit zwei Tagen notiere ich mit der Hand. – stop
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linie d

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india : 22.02 – In einem New Yorker Subwayzug mit geschlos­senen Augen frei­händig stehen und balan­cieren, sagen wir eine zwei­stün­dige Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Boule­vard. Das Reiten auf einem wilden Tier. Viel­leicht könnte ich sagen, dass das Erlernen einer Subwaystrecke, das neuro­nale Verzeichnen ihrer Stei­gungen, ihrer Gefälle, ihrer Kurven, auch ihrer feinsten Uneben­heiten, dem wort­ge­treuen Studium eines Roman­textes vergleichbar ist. Aber dann die Zufälle des Alltages, das nicht Bere­chen­bare, ein Tunnel­vogel, eine schmut­zige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Brem­sung zwingt, die Eigenart des Zuges selbst, das unvor­her­seh­bare Verhalten zustei­gender Fahr­gast­per­sonen, wie sich eine Jazz­band nähert, wie ich drin­gend darum bitte, man möge nicht näher kommen. – stop
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