ponge

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alpha : 20.05 UTC — Die Gegen­stände eines Men­schen berühren: Einen Stuhl, einen Schreibtisch, einen Füllfeder­hal­ter, einen Löf­fel. Ich erin­nere mich, in Fran­cis Ponges Kiefer­n­wald lagen wed­er botanis­che, noch geo­graphis­che Büch­er. Oder einen Schal, ein Fieberther­mome­ter, einen Hand­schuh, ein Salzfäss­chen, ein Buch, eine Postkarte, einen Kamm, einen Herz­schrittmach­er, eine Tee­tasse, eine Schreib­mas­chine, einen Fotoap­pa­rat. Ein Haar — stop
ping

aleppo

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gink­go : 22.15 UTC — Ich erin­nere mich, wie ich als Kind an Geräuschen der Luft zu unter­schei­den ver­mochte, ob ich ein­er sin­gen­den Amsel lauschte oder ein­er Meise, ein­er Lerche, einem Rotkehlchen. Ich hörte, Kinder, die in Alep­po leben oder lebten, sollen in der Lage sein, sehr genau zu unter­schei­den, um welche Art Muni­tion es sich han­delt, die nachts ihre Bet­ten, ihre Lager, erschüt­terte, welche Flugzeug­gat­tun­gen sich am Him­mel befind­en, das Kaliber detonieren­der Granat­en zu errat­en. Sofern sie über­lebten, haben sie die Vögel noch zu ler­nen oder wiederzufind­en, vielle­icht in Buchen­wäldern. — stop

moskau

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tan­go : 22.01 UTC — Am 4. August 2014 ereignete sich eine selt­same Geschichte, Sie wer­den sich vielle­icht erin­nern? Vor einem Schal­ter am Cen­tral­bahn­hof stand damals eine alte Dame. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröh­lich zu warten wie ihr klein­er Kof­fer, der gle­ich neben ihr stand. Auf den zweit­en Blick war allerd­ings zu sehen, dass sie nicht nur wartete, son­dern vielmehr bewacht wurde von ein­er weit­eren, sehr viel jün­geren Frau und einem Mann, der die Uni­form ein­er Bah­nge­sellschaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Reisenden, die junge Frau hat­te überdies die Hand­tasche der Bewacht­en an sich genom­men, um sie zu durch­suchen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln wei­thin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fizierung auf­spüren ließ, schüt­telte sie den Kopf, beugte sich noch ein­mal herab, sprach leise zu der zier­lichen Erschei­n­ung hin, um sich kurz darauf an einen Schal­ter­beamten zu wen­den, der hin­ter spiegel­n­dem Glas auf einem Büros­tuhl saß. Dieser Herr nun führte kurz darauf ein Mikro­fon an seinen Mund, eine warme, melodis­che Stimme war zu hören, die durch die Bahn­hof­shalle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bit­ten um ihre Aufmerk­samkeit, vor dem Infor­ma­tion­ss­chal­ter Gleis 24 wartet ein Per­so­n­en­fund­stück. Melden Sie sich! — Diese Geschichte ereignete sich kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahn­hof erre­ichte. Auf dem Bahn­steig warteten viele Men­schen. Manche hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Andere fotografierten. — stop

giudecca

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himalaya : 4.52 UTC — Eine dig­i­tale Appa­ratur berichtete mir heute, irgend­je­mand, ein Men­sch, der möglicher­weise in Kolumbi­en wohnt, habe einen par­ti­cles — Text auf seinem Bild­schirm vorge­fun­den. Ich frage mich, wie dieser ent­fer­nt lebende Men­sch mit den Archiv­en mein­er notieren­den Arbeit in Verbindung gekom­men sein kön­nte. Ein Zufall, das ist denkbar. Oder ein Irrtum? Wie lange Zeit wird mein Text, der im Mai 2008 aufgeschrieben wor­den war, dort auf einem Bild­schirm les­bar gewe­sen sein. Plöt­zlich las ich meinen Text in ein­er Weise, als ver­fügte ich über fremde Augen­paare: Vielle­icht kann ich, wenn ich an das Meer in den Straßen Venedigs denke, von Wellen­be­we­gun­gen sprechen, die einem sehr langsamen Rhyth­mus fol­gen, von Hal­b­jahreswellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jen­seits ihrer eigentlichen Zeit betra­chte, wie Palo­mars Sekun­den­wellen benehmen. — Wann begin­nt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Men­sch ertra­gen, wie viele Wellen von ein­er Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Däm­merung. Stille. Nur das Geräusch der tropfend­en Bäume. Eine Nacht voll Gewit­ter, glim­mende Vögel irren am Him­mel, Nachtvögel ohne Füße, Vogel­we­sen, die niemals lan­den. — stop

ping

saint-irénée

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 225 hupende Rüs­sel­rosen, im Saint-Lorenz-Strom kurz vor La Mal­baie gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
ping

ein nilpferd auf dem dach

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sier­ra : 12.42 UTC — Auf das Tele­fon, das im Wohnz­im­mer des Haus­es der alten Men­schen zu beobacht­en ist, tropft Wass­er. Die alte Dame, die seit eini­gen Jahren vor diesem Tele­fon sitzt und tele­foniert, obwohl das Tele­fon niemals mit der Welt da Draußen in Verbindung geset­zt wurde, scheint sich nicht zu wun­dern. Sie wählt eine um die andere Num­mer. Das Tele­fon ver­fügt über eine Wählscheibe wie von län­ger­er Zeit üblich bei Tele­fo­nen. Die alte Hand, die die Wählscheibe bedi­ent, ist ganz feucht vom Wass­er, das von der Decke tropft, weil das Haus der alten Men­schen zur Zeit über kein Dach ver­fügt, weil man das Dach abgeris­sen hat, weil man neue Zim­mer an der Stelle des Daches erricht­en möchte. Nie­mand scheint daran gedacht zu haben, dass Regen fall­en kön­nte, deshalb liegen in den Fluren nun auch Stoffe herum, die das Wass­er anziehen und in sich aufnehmen sollen, Stof­fwarane, über die man stürzen kön­nte. Aber daran denkt die alte Dame nicht, sie tele­foniert und erzählt, dass es selt­samer­weise reg­net in dem Zim­mer in dem sie sitzt von früh bis spät. Kön­nte gut sein, dass ihr nie­mand glauben wird, dass man so etwas tut, das Dach über einem Wohnz­im­mer ent­fer­nen, wo die alten Men­schen wohnen, und auch das Dach über den Zim­mern, wo die alten Men­schen schlafen, so dass es auch nachts in den Bet­ten reg­net, weil nie­mand daran dachte, dass es bei Nacht reg­nen kön­nte. Und dieser Lärm der Bohrmaschi­nen und der Press­lufthäm­mer, davon ganz zu schweigen, da möchte man für immer die Augen schließen lang vor der eigentlichen Zeit. — stop

tasmanien

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echo : 22.15 UTC — In den Mag­a­zi­nen eines Brief­marken­händlers ent­deck­te ich kür­zlich einen beson­deren Brief. Der Brief war mit Post­wertze­ichen Ital­iens, Frankre­ichs und Großbri­tan­niens verse­hen, eine nicht übliche Art der Frankierung. Weit­er­hin war der Brief an eine weib­liche Per­son adressiert, wohn­haft in ein­er Stadt, die über­haupt nicht existiert: 85, Teatree-City / Tas­ma­nia. Unter dieser hand­schriftlichen Ort­sangabe nun fand sich eine fil­igrane Bunts­tiftze­ich­nung, deren Schön­heit sich zunächst im Licht eines starken Ver­größerungs­glases erschloss. Sie zeigte ein Kreuz­fahrtschiff, das irgen­deine Küste passiert, dort eine bergige Land­schaft, dicht bewaldet. Affen, ver­mut­lich Gib­bons, waren zu erken­nen, die an ihren Schwänzen oder lan­gen Armen in den Bäu­men hin­gen. Manche der Affen hiel­ten die Augen geschlossen, ver­mut­lich, weil sie schliefen, andere schienen den Kün­stler selb­st, der sie gestal­tete, zu beobacht­en. Da waren noch zwei Pan­ther im Unter­holz, einige Muscheln im Sand, und Krabben, und fliegende Fis­che. Über den Stamm eines Baumes wan­derten Ameisen, welche Einzel­teile eines Vogels trans­portierten, Fed­ern, Teile eines Schn­abels, Knochen. Über einen Absender ver­fügte der Brief übri­gens nicht, auch nicht über irgen­deinen fühlbaren Inhalt. — stop
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glücklicher brief an vladimir nabokov : propeller

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india

~ : louis
to : Mr. vladimir nabokov
sub­ject : PROPELLER

Lieber Mr. Nabokov, vor langer Zeit, Sie erin­nern sich vielle­icht, hat­te ich Ihnen einen Brief notiert, welchen ich heute wieder­ent­deck­te. Plöt­zlich war ich mir nicht sich­er, ob Sie den Brief tat­säch­lich erhal­ten haben, deshalb sende ich ihn unverän­dert ein weit­er­er Mal: Gestern Abend, nach einem Spazier­gang und dem Besuch ein­er Bar, in der ein paar halb­wegs betrunk­ene Fre­unde saßen, hab ich mich an ihre Vor­lesung über Franz Kafkas Ver­wand­lung erin­nert, an Ihre liebevolle und akribisch genaue Unter­suchung des Textes, an ihre Käferze­ich­nun­gen von eigen­er Hand, mit welchen Sie ver­sucht­en eine Vorstel­lung zu gewin­nen von Wesen und Gestalt jen­er Hülle, in die Gre­gor Sam­sa eingeschlossen wor­den war. Ja, die Genauigkeit, mit der man sich erfind­end einem Gegen­stand nähert oder die Genauigkeit, mit der man einen erfun­de­nen Gegen­stand sezieren kann, immer wieder begeg­ne ich während mein­er Arbeit Ihren Unter­suchun­gen, Ihrer Meth­ode. Vorgestern hat­te ich bei ein­er ersten Annäherung an eine Geschichte, die von leben­den Papieren erzählen wird, das Wort Pro­peller­flügel in den Mund genom­men, ohne zu ahnen, dass Pro­peller in der Welt leben­der Organ­is­men nur sehr schw­er zu ver­wirk­lichen sind, weil ein Pro­peller sich doch frei bewe­gen muss, drehend in ein­er Fas­sung, die ihn lose hält, sodass ein leben­der Organ­is­mus aus einem weit­eren Kör­p­er beste­hen müsste, der ganz zu ihm gehören würde und doch nicht ganz zu ihm gehören kann. Nun habe ich beschlossen, die Vorstel­lung der Pro­peller­flügel nicht so ohne weit­eres aufzugeben. Ich habe mir gedacht, dass ein Pro­peller, der aus organ­is­chen Mate­ri­alen beste­hen wird, vielle­icht auf atom­ar­er Ebene einem flugfähi­gen Kör­p­er ver­bun­den sein kön­nte, ver­bun­den durch Moleküle, die im Moment ein­er Flug­be­we­gung, den Rotor von Haut und Knochen ein­er­seits anzutreiben in der Lage sind und ander­er­seits je für einen kurzen Moment in die Frei­heit ent­lassen. Und jet­zt bin ich glück­lich und hoffe, dass sie an meinem Entwurf Gefall­en find­en wer­den. – Mit allerbesten Grüßen Ihr Louis - stop

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verschwinden no 2

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echo : 20.05 UTC — Manch­mal, während ich hin­ter dem Roll­stuhl mein­er Mut­ter spaziere, sehe ich etwas, und dann sehe ich wieder nichts für län­gere Zeit. Ich sehe Schwal­ben über den Him­mel huschen, ich sehe das Stro­hhütchen mein­er Mut­ter auf ihrem Kopf, ich sehe ihre alten Hände, die miteinan­der rin­gen. Wenn ich etwas wirk­lich sehe, also erkenne, kann ich es for­mulieren. Ich sehe demzu­folge mit Wörtern. Wenn ich ohne Wörter gedanken­los sehe, habe ich das Gefühl, dass ich sehe und vergesse in ein und dem sel­ben Moment. Ich vergesse Schwal­ben, Rosen­blüten, die Hände mein­er Mut­ter, ihr Hütchen auf dem Kopf, den Him­mel über mir, Bäume, das Licht in den Pfützen, und schon habe ich meine Füße und kurz darauf mich ins­ge­samt vergessen. – stop
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palizzi marina

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MELDUNG. Nahe Pal­izzi Mari­na, beina­he zeit­gle­ich, sind Men­schen [ 205 Per­so­n­en ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts her­aus an Land gekom­men. Man ist fiebrig, aber fre­undlich wie immer. — stop

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malimali

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marim­ba : 22.32 UTC — Oder so: Zunächst Flüster­wörter, dann Lip­pen­wörter. Ob Augen­wörter existieren? Das sind vielle­icht Wörter, die sich in Gedanken for­mulieren, wenn man in die Augen eines Men­schen schaut, der nicht mehr spricht, weil er nicht mehr sprechen kann. In diesem Sinne sind Augen­wörter denkbar. Wie Über­set­zun­gen. Oder Radare, ping. — Ich hörte einen schö­nen Namen an diesem Tag irgen­do unter­wegs: Mal­i­mali. Jet­zt ist Abend. Schau aus dem Fen­ster und denk noch, da fliegen Vögel herum und Bienen, obwohl schon Dunkel gewor­den ist. Dass sie also doch existieren, die Nacht­bi­enen. — stop

samuel beckett : 16 steine

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romeo : 3.25 UTCIch nutze diesen Aufen­thalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu ver­sor­gen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeu­ten­den Vor­rat von ihnen zusam­men. Ich verteilte sie gle­ich­mäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinan­der. Dadurch ent­stand ein Prob­lem, das ich zunächst auf fol­gende Art löste: Angenom­men, ich hat­te sechzehn Steine und vier davon in jed­er mein­er vier Taschen, näm­lich in den zwei Taschen mein­er Hose und den zweien meines Man­tels. Wenn ich einen Stein aus der recht­en Man­teltasche nahm und in den Mund steck­te, so erset­zte ich ihn in der recht­en Man­teltasche durch einen Stein aus der recht­en Hosen­tasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosen­tasche erset­zte, den ich durch einen Stein aus der linken Man­teltasche erset­zte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund erset­zte, sobald ich mit dem Lutschen fer­tig war. Auf diese Weise befan­den sich immer vier Steine in jed­er mein­er vier Taschen, aber nicht genau diesel­ben… / Mittwoch. stop. Wieder Samuel Beck­etts wun­der­bar­er Text der sechzehn Steine an diesem späten Abend. Dunkel. Schwere würzige Luft der Kas­tanien­blüte. Nacht­bi­enen pfeifen am Fen­ster vorüber. Das war schon ein­mal so gewe­sen. — stop

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ai : CHINA

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MENSCH IN GEFAHR : “Guligeina Tashimaimaiti ist Dok­torandin an der Tech­nis­chen Uni­ver­sität Malaysia. Zulet­zt wurde sie am 26. Dezem­ber 2017 von ihrem Fre­und Sam­my (geän­dert­er Name, um seine Iden­tität zu schützen) am Flughafen Senai Inter­na­tion­al Air­port in Malaysia gese­hen. Die bei­den hat­ten vere­in­bart, dass Guligeina Tashimaimaiti ihr Pro­fil­fo­to bei dem pop­ulären chi­ne­sis­chen Chat-Dienst WeChat wöchentlich ändern würde, um zu sig­nal­isieren, dass sie sich in Sicher­heit befind­et. Eine Woche nach ihrer Rück­kehr nach Ili in die Uig­urische Autonome Region Xin­jiang änderte Guligeina Tashimaimaiti wie besprochen ihr Pro­fil­bild. Mehrere Wochen lang blieb das Foto nun allerd­ings unverän­dert, bis ihr Pro­fil­bild eines Tages plöt­zlich durch ein dun­kles, schwarz-weißes, düsteres Foto erset­zt wurde. Was darauf zu sehen war, erin­nert an eine Gefängniszelle./ Vor dem Hin­ter­grund des andauern­den und beispiel­losen schar­fen Vorge­hens gegen Uigur_innen und andere eth­nis­che Min­der­heit­en in der Autonomen Region Xin­jiang, befürcht­en sowohl ihr Fre­und Sam­my als auch die ältere Schwest­er von Guligeina Tashimaimaiti, Gulzire, dass die Dok­torandin in einem Umerziehungslager inhaftiert ist. Ihre Freund_innen und Fam­i­lien­ange­höri­gen hat­ten sie vor ein­er Heim­reise gewarnt. Trotz­dem war Guligeina Tashimaimaiti nach­hause zurück­gekehrt, weil sie sich Sor­gen um ihre Eltern machte. Seit ihrem let­zten Besuch im Feb­ru­ar 2017 hat­te sie keinen Kon­takt mehr zu den bei­den. / Guligeina Tashimaimaiti hätte im Feb­ru­ar 2018 ihre Pro­mo­tion begin­nen sollen. Nach­dem sie mehrere Monate lang nichts von ihr gehört haben, wandten sich ihr Fre­und Sam­my und ihre Schwest­er Gulzire sowohl an die Uni­ver­sität in Malaysia als auch an die Medi­en. Damit erhofften sie sich, die Aufmerk­samkeit auf den Fall zu lenken.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen bis spätestens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
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take five

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alpha : 22.05 UTC — Eigen­artig, wie sie vor mir saß, ihre flachen Schuhe gegen die Beine eines Stuh­les gestemmt, bei­de Hände auf dem Tisch, Innen­seiten nach oben, der­art ver­renkt, als gehörten diese Hände nicht zu ihr, als seien das vorsätz­lich ange­brachte Instru­mente, Werk­zeuge des Fan­gens, Blüten. Lange Zeit ist sei­ther ver­gan­gen, aber die Geschichte noch nah. Das Bild ihrer Hände, wie sie sich schließen, Fin­ger für Fin­ger, Nacht wird. – ::: – Eine Foto­grafie kommt über den Tisch, take five, läs­sige Geste, als würde eine Karte ausge­spielt. „Was siehst Du?“, fragt sie. – ::: – „Land­schaft!“, – antworte ich, „Afri­ka. Südli­ches Afri­ka. Einen Affen­brot­baum und zwei Män­ner. Einen jun­gen Mann schwarz­er Haut­farbe, der einen hellen Anzug trägt, und einen älteren, einen weißen Mann, der einen dunkel­grauen Anzug trägt, einen Stro­hhut und eine Brille. Eine stau­bige Straße. Men­schen, die schwarz sind und bewaffnet. Gewehre. Macheten. Harte Schat­ten. Spuren von Hitze, infer­na­li­scher Hitze. Sie sehen alle so aus, als schwitzten sie. Jawohl, alle, die dort auf der Straße ste­hen, schwitzen.“ – ::: – „Was noch?“ -, fragt sie, – „was siehst Du noch?“ – ::: – Sie fährt sich mit ihrer recht­en Hand über die Stirn. – ::: – „Ich sehe ein Auto. Das Auto ste­ht rechts hin­ter dem weißen Mann, eine dun­kle Limou­sine, ein schw­er­er Wagen. Ich sehe einen Chauf­feur, einen Chauf­feur von schwarz­er Haut, Schirm­mütze auf dem Kopf. Der Chauf­feur lächelt. Er schaut zu den bei­den Män­nern hinüber, die unter dem Baum im Schat­ten ste­hen. Der weiße Mann reicht dem schwarzen Mann die Hand oder umge­kehrt. Sieht ganz so aus, als sei der weiße Mann mit dem Auto ange­kommen und der schwarze Mann habe auf ihn gewartet. Histo­ri­scher Augen­blick, so kön­nte das gewe­sen sein, ein bedeu­tender Moment, eine erste Begeg­nung oder eine let­zte. Bei­de Män­ner haben ern­ste Gesichter aufge­setzt, sie ste­hen in ein­er Weise aufrecht, als wollte der eine vor dem anderen noch etwas größer erscheinen. Da ist ein merk­wür­diger Aus­druck in dem Gesicht des jun­gen, schwarzen Mannes, ein Aus­druck von Über­ra­schung, von Verwun­de­rung, von Erstaunen.“ – ::: – „Das ist es!“, sie flüs­tert. „Tre­f­fer!“- ::: – Jet­zt lacht sie, öffnet ihre Fäuste und das Licht kehrt zurück, der ganze Film. “Die Klima­an­lage. Der ver­dammte Wagen dort unterm Baum. Der Weiße hat dem Schwarzen eine küh­le Hand gere­icht, Du ver­stehst, eine küh­le Hand. Der Kerl hat­te eiskalte Hände.“ — stop

6 Uhr 12

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sier­ra : 6.12 — Ich hörte, junge Schmetter­lings­finken sollen nachts vom Sin­gen träu­men. — Ist das eine Nachricht? — Oder das Wort: auss­chif­f­en. Oder das Wort: Ankerzen­trum, AZ. — stop

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poesie

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india : 8.15 — Das Inter­net scheint über ein gewaltiges, flüs­siges Gedächt­nis zu ver­fü­gen, oder ist vielle­icht das Gedächt­nis selb­st. Auch Lügen jed­er Art wer­den erin­nert. Oder Erfind­un­gen, die zunächst in Worten for­muliert wur­den, Geschicht­en, Poe­sie. Als man sie dann schützen will, als man ihren dig­i­tal­en Ursprung löscht, kom­men sie doch wieder und wieder in nicht enden­den Echos zurück. — stop

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pfählung

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sier­ra : 10.55 — Eine Vorstel­lung muss nicht zwin­gend Erfind­ung zu sein. Aber eine Nacht­bi­ene, wie sie sich im Dunkeln graz­iös durch die Luft bewegt. — Ein­mal notierte ich auf einen Zettel: Ich glaube, die Men­schen wer­den immer käl­ter und härter. Am 23. Juni wollte mich ein Herr namens Ul.Stinner* bei lebendi­gem Leibe pfählen, weil ich ihm eine Twit­ter­frage stellte. — stop

*Name geän­dert

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synopse

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gink­go : 12.08 — In einem mehrstündi­gen, äußerst stra­paz­iösen Ver­such, Gedanken auszu­tauschen mit Men­schen, die eine Twit­ter­höl­lenkam­mer befeuern, habe ich Fol­gen­des gel­ernt. Es ist näm­lich so, dass in der Vorstel­lung dieser Men­schen bald Ankerzen­tren existieren wer­den, umzäunte Gebi­ete, die Per­so­n­en beherber­gen, Per­so­n­en­men­schen, welche aus dem Süden bere­its zu uns gekom­men sind oder furcht­bar­er Weise noch kom­men wer­den. Weit­er­hin habe ich bemerkt, dass Men­schen­per­so­n­en, die sich in jenen umzäun­ten und bewacht­en Gebi­eten zwangsweise aufhal­ten soll­ten, in der Wahrnehmung der Höl­lenkam­mer­be­wohn­er immerzu jung sind und gesund und Män­ner. Man ver­mutet, dass diese männlichen Men­schen­per­so­n­en möglicher­weise schwächere Men­schen auf hoher See vorsät­zlich von Bord gestoßen haben kön­nten, vor allem Kinder und Mäd­chen, das ist selb­stver­ständlich reine Behaup­tung, die durch stetige Wieder­hol­ung in der Höl­lenkam­mer nach und nach zur Gewis­sheit wird. Diese jun­gen Män­ner nun, sie sind sehr häu­fig von schwarz­er oder dun­kler Haut bedeckt, sollen außer­dem über finanzielle Mit­tel gebi­eten, die ihre Flucht oder Reise über­haupt erst möglich macht­en, sie seien also, so erzählt man, wed­er arm noch in irgen­dein­er Weise hil­fs­bedürftig, sie wür­den beileibe nicht südlichen Hungerge­bi­eten entkom­men oder vor Bürg­erkriegen geflo­hen sein, vielmehr sollen sie von irgend­woher angereist sein wie aus dem Nichts, um auf Kosten ver­armter Ure­in­wohn­er in der Mitte Europas Mis­chbevölkerung zu erzeu­gen. Weil sie sich sorgfältig klei­den, weil sie über Tele­fone gebi­eten, weil sie mit­nicht­en aus­ge­hungerte Elends­gestal­ten sind, wer­den sie verdächtigt, gut organ­isierte Anker­men­schen zu sein, Vorhut oder Schlim­meres. Ja, so in dieser Art und Weise wird vorgestellt, wird aus­gedacht, wird Gewis­sheit erzeugt. Ich stelle fest: Men­schen, die keine Men­schen­per­so­n­en, son­dern Patri­oten sind, Men­schen, die in dieser skizzierten Gewis­sheit leben, sind empfind­lich, sind wütend, sobald man sich mit­tels Wörtern fra­gend nähert. Sie schreiben unverzüglich zurück, dass man den Fra­gen­den selb­st sehr gerne pfählen würde bei lebendi­gem Leibe, erschießen, nach Afri­ka ver­ja­gen, da doch der Fra­gende ein link­er Faschist sei, ein Anti­semit, ein Mitverge­waltiger, das Böse schlechthin. stop. Die Sonne ist rund. — stop

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