ponge

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alpha : 20.05 UTC – Die Gegen­stände eines Menschen berühren: Einen Stuhl, einen Schreib­tisch, einen Füll­fe­der­halter, einen Löffel. Ich erin­nere mich, in Francis Ponges Kiefern­wald lagen weder bota­ni­sche, noch geogra­phi­sche Bücher. Oder einen Schal, ein Fieber­ther­mo­meter, einen Hand­schuh, ein Salz­fäss­chen, ein Buch, eine Post­karte, einen Kamm, einen Herz­schritt­ma­cher, eine Teetasse, eine Schreib­ma­schine, einen Foto­ap­parat. Ein Haar – stop
ping

aleppo

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ginkgo : 22.15 UTC – Ich erin­nere mich, wie ich als Kind an Geräu­schen der Luft zu unter­scheiden vermochte, ob ich einer singenden Amsel lauschte oder einer Meise, einer Lerche, einem Rotkehl­chen. Ich hörte, Kinder, die in Aleppo leben oder lebten, sollen in der Lage sein, sehr genau zu unter­scheiden, um welche Art Muni­tion es sich handelt, die nachts ihre Betten, ihre Lager, erschüt­terte, welche Flug­zeug­gat­tungen sich am Himmel befinden, das Kaliber deto­nie­render Granaten zu erraten. Sofern sie über­lebten, haben sie die Vögel noch zu lernen oder wieder­zu­finden, viel­leicht in Buchen­wäl­dern. – stop

moskau

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tango : 22.01 UTC – Am 4. August 2014 ereig­nete sich eine selt­same Geschichte, Sie werden sich viel­leicht erin­nern? Vor einem Schalter am Central­bahnhof stand damals eine alte Dame. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröh­lich zu warten wie ihr kleiner Koffer, der gleich neben ihr stand. Auf den zweiten Blick war aller­dings zu sehen, dass sie nicht nur wartete, sondern viel­mehr bewacht wurde von einer weiteren, sehr viel jüngeren Frau und einem Mann, der die Uniform einer Bahn­ge­sell­schaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Reisenden, die junge Frau hatte über­dies die Hand­ta­sche der Bewachten an sich genommen, um sie zu durch­su­chen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln weithin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fi­zie­rung aufspüren ließ, schüt­telte sie den Kopf, beugte sich noch einmal herab, sprach leise zu der zier­li­chen Erschei­nung hin, um sich kurz darauf an einen Schal­ter­be­amten zu wenden, der hinter spie­gelndem Glas auf einem Büro­stuhl saß. Dieser Herr nun führte kurz darauf ein Mikrofon an seinen Mund, eine warme, melo­di­sche Stimme war zu hören, die durch die Bahn­hofs­halle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bitten um ihre Aufmerk­sam­keit, vor dem Infor­ma­ti­ons­schalter Gleis 24 wartet ein Perso­nen­fund­stück. Melden Sie sich! – Diese Geschichte ereig­nete sich kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahnhof erreichte. Auf dem Bahn­steig warteten viele Menschen. Manche hielten Blumen in ihren Händen. Andere foto­gra­fierten. – stop

giudecca

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hima­laya : 4.52 UTC – Eine digi­tale Appa­ratur berich­tete mir heute, irgend­je­mand, ein Mensch, der mögli­cher­weise in Kolum­bien wohnt, habe einen parti­cles – Text auf seinem Bild­schirm vorge­funden. Ich frage mich, wie dieser entfernt lebende Mensch mit den Archiven meiner notie­renden Arbeit in Verbin­dung gekommen sein könnte. Ein Zufall, das ist denkbar. Oder ein Irrtum? Wie lange Zeit wird mein Text, der im Mai 2008 aufge­schrieben worden war, dort auf einem Bild­schirm lesbar gewesen sein. Plötz­lich las ich meinen Text in einer Weise, als verfügte ich über fremde Augen­paare: Viel­leicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Straßen Vene­digs denke, von Wellen­be­we­gungen spre­chen, die einem sehr lang­samen Rhythmus folgen, von Halb­jah­res­wellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigent­li­chen Zeit betrachte, wie Palomars Sekun­den­wellen benehmen. – Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Dämme­rung. Stille. Nur das Geräusch der trop­fenden Bäume. Eine Nacht voll Gewitter, glim­mende Vögel irren am Himmel, Nacht­vögel ohne Füße, Vogel­wesen, die niemals landen. – stop

ping

saint-irénée

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 225 hupende Rüssel­rosen, im Saint-Lorenz-Strom kurz vor La Malbaie gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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ein nilpferd auf dem dach

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sierra : 12.42 UTC – Auf das Telefon, das im Wohn­zimmer des Hauses der alten Menschen zu beob­achten ist, tropft Wasser. Die alte Dame, die seit einigen Jahren vor diesem Telefon sitzt und tele­fo­niert, obwohl das Telefon niemals mit der Welt da Draußen in Verbin­dung gesetzt wurde, scheint sich nicht zu wundern. Sie wählt eine um die andere Nummer. Das Telefon verfügt über eine Wähl­scheibe wie von längerer Zeit üblich bei Tele­fonen. Die alte Hand, die die Wähl­scheibe bedient, ist ganz feucht vom Wasser, das von der Decke tropft, weil das Haus der alten Menschen zur Zeit über kein Dach verfügt, weil man das Dach abge­rissen hat, weil man neue Zimmer an der Stelle des Daches errichten möchte. Niemand scheint daran gedacht zu haben, dass Regen fallen könnte, deshalb liegen in den Fluren nun auch Stoffe herum, die das Wasser anziehen und in sich aufnehmen sollen, Stoff­wa­rane, über die man stürzen könnte. Aber daran denkt die alte Dame nicht, sie tele­fo­niert und erzählt, dass es selt­sa­mer­weise regnet in dem Zimmer in dem sie sitzt von früh bis spät. Könnte gut sein, dass ihr niemand glauben wird, dass man so etwas tut, das Dach über einem Wohn­zimmer entfernen, wo die alten Menschen wohnen, und auch das Dach über den Zimmern, wo die alten Menschen schlafen, so dass es auch nachts in den Betten regnet, weil niemand daran dachte, dass es bei Nacht regnen könnte. Und dieser Lärm der Bohr­ma­schinen und der Press­luft­hämmer, davon ganz zu schweigen, da möchte man für immer die Augen schließen lang vor der eigent­li­chen Zeit. – stop

tasmanien

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echo : 22.15 UTC – In den Maga­zinen eines Brief­mar­ken­händ­lers entdeckte ich kürz­lich einen beson­deren Brief. Der Brief war mit Post­wert­zei­chen Italiens, Frank­reichs und Groß­bri­tan­niens versehen, eine nicht übliche Art der Fran­kie­rung. Weiterhin war der Brief an eine weib­liche Person adres­siert, wohn­haft in einer Stadt, die über­haupt nicht exis­tiert: 85, Teatree-City / Tasmania. Unter dieser hand­schrift­li­chen Orts­an­gabe nun fand sich eine fili­grane Bunt­stift­zeich­nung, deren Schön­heit sich zunächst im Licht eines starken Vergrö­ße­rungs­glases erschloss. Sie zeigte ein Kreuz­fahrt­schiff, das irgend­eine Küste passiert, dort eine bergige Land­schaft, dicht bewaldet. Affen, vermut­lich Gibbons, waren zu erkennen, die an ihren Schwänzen oder langen Armen in den Bäumen hingen. Manche der Affen hielten die Augen geschlossen, vermut­lich, weil sie schliefen, andere schienen den Künstler selbst, der sie gestal­tete, zu beob­achten. Da waren noch zwei Panther im Unter­holz, einige Muscheln im Sand, und Krabben, und flie­gende Fische. Über den Stamm eines Baumes wanderten Ameisen, welche Einzel­teile eines Vogels trans­por­tierten, Federn, Teile eines Schna­bels, Knochen. Über einen Absender verfügte der Brief übri­gens nicht, auch nicht über irgend­einen fühl­baren Inhalt. – stop
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glücklicher brief an vladimir nabokov : propeller

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india

~ : louis
to : Mr. vladimir nabokov
subject : PROPELLER

Lieber Mr. Nabokov, vor langer Zeit, Sie erin­nern sich viel­leicht, hatte ich Ihnen einen Brief notiert, welchen ich heute wieder­ent­deckte. Plötz­lich war ich mir nicht sicher, ob Sie den Brief tatsäch­lich erhalten haben, deshalb sende ich ihn unver­än­dert ein weiterer Mal: Gestern Abend, nach einem Spazier­gang und dem Besuch einer Bar, in der ein paar halb­wegs betrun­kene Freunde saßen, hab ich mich an ihre Vorle­sung über Franz Kafkas Verwand­lung erin­nert, an Ihre liebe­volle und akri­bisch genaue Unter­su­chung des Textes, an ihre Käfer­zeich­nungen von eigener Hand, mit welchen Sie versuchten eine Vorstel­lung zu gewinnen von Wesen und Gestalt jener Hülle, in die Gregor Samsa einge­schlossen worden war. Ja, die Genau­ig­keit, mit der man sich erfin­dend einem Gegen­stand nähert oder die Genau­ig­keit, mit der man einen erfun­denen Gegen­stand sezieren kann, immer wieder begegne ich während meiner Arbeit Ihren Unter­su­chungen, Ihrer Methode. Vorges­tern hatte ich bei einer ersten Annä­he­rung an eine Geschichte, die von lebenden Papieren erzählen wird, das Wort Propel­ler­flügel in den Mund genommen, ohne zu ahnen, dass Propeller in der Welt lebender Orga­nismen nur sehr schwer zu verwirk­li­chen sind, weil ein Propeller sich doch frei bewegen muss, drehend in einer Fassung, die ihn lose hält, sodass ein lebender Orga­nismus aus einem weiteren Körper bestehen müsste, der ganz zu ihm gehören würde und doch nicht ganz zu ihm gehören kann. Nun habe ich beschlossen, die Vorstel­lung der Propel­ler­flügel nicht so ohne weiteres aufzu­geben. Ich habe mir gedacht, dass ein Propeller, der aus orga­ni­schen Mate­rialen bestehen wird, viel­leicht auf atomarer Ebene einem flug­fä­higen Körper verbunden sein könnte, verbunden durch Mole­küle, die im Moment einer Flug­be­we­gung, den Rotor von Haut und Knochen einer­seits anzu­treiben in der Lage sind und ande­rer­seits je für einen kurzen Moment in die Frei­heit entlassen. Und jetzt bin ich glück­lich und hoffe, dass sie an meinem Entwurf Gefallen finden werden. – Mit aller­besten Grüßen Ihr Louis - stop

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verschwinden no 2

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echo : 20.05 UTC – Manchmal, während ich hinter dem Roll­stuhl meiner Mutter spaziere, sehe ich etwas, und dann sehe ich wieder nichts für längere Zeit. Ich sehe Schwalben über den Himmel huschen, ich sehe das Stroh­hüt­chen meiner Mutter auf ihrem Kopf, ich sehe ihre alten Hände, die mitein­ander ringen. Wenn ich etwas wirk­lich sehe, also erkenne, kann ich es formu­lieren. Ich sehe demzu­folge mit Wörtern. Wenn ich ohne Wörter gedan­kenlos sehe, habe ich das Gefühl, dass ich sehe und vergesse in ein und dem selben Moment. Ich vergesse Schwalben, Rosen­blüten, die Hände meiner Mutter, ihr Hütchen auf dem Kopf, den Himmel über mir, Bäume, das Licht in den Pfützen, und schon habe ich meine Füße und kurz darauf mich insge­samt vergessen. – stop
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palizzi marina

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MELDUNG. Nahe Palizzi Marina, beinahe zeit­gleich, sind Menschen [ 205 Personen ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts heraus an Land gekommen. Man ist fiebrig, aber freund­lich wie immer. – stop

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malimali

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marimba : 22.32 UTC – Oder so: Zunächst Flüs­ter­wörter, dann Lippen­wörter. Ob Augen­wörter exis­tieren? Das sind viel­leicht Wörter, die sich in Gedanken formu­lieren, wenn man in die Augen eines Menschen schaut, der nicht mehr spricht, weil er nicht mehr spre­chen kann. In diesem Sinne sind Augen­wörter denkbar. Wie Über­set­zungen. Oder Radare, ping. – Ich hörte einen schönen Namen an diesem Tag irgendo unter­wegs: Mali­mali. Jetzt ist Abend. Schau aus dem Fenster und denk noch, da fliegen Vögel herum und Bienen, obwohl schon Dunkel geworden ist. Dass sie also doch exis­tieren, die Nacht­bienen. – stop

samuel beckett : 16 steine

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romeo : 3.25 UTCIch nutze diesen Aufent­halt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeu­tenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleich­mäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nach­ein­ander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Ange­nommen, ich hatte sech­zehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Mantel­ta­sche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Mantel­ta­sche durch einen Stein aus der rechten Hosen­ta­sche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosen­ta­sche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Mantel­ta­sche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben… / Mitt­woch. stop. Wieder Samuel Becketts wunder­barer Text der sech­zehn Steine an diesem späten Abend. Dunkel. Schwere würzige Luft der Kasta­ni­en­blüte. Nacht­bienen pfeifen am Fenster vorüber. Das war schon einmal so gewesen. – stop

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ai : CHINA

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MENSCH IN GEFAHR : “Guli­geina Tashi­ma­i­maiti ist Dokto­randin an der Tech­ni­schen Univer­sität Malaysia. Zuletzt wurde sie am 26. Dezember 2017 von ihrem Freund Sammy (geän­derter Name, um seine Iden­tität zu schützen) am Flug­hafen Senai Inter­na­tional Airport in Malaysia gesehen. Die beiden hatten verein­bart, dass Guli­geina Tashi­ma­i­maiti ihr Profil­foto bei dem popu­lären chine­si­schen Chat-Dienst WeChat wöchent­lich ändern würde, um zu signa­li­sieren, dass sie sich in Sicher­heit befindet. Eine Woche nach ihrer Rück­kehr nach Ili in die Uigu­ri­sche Auto­nome Region Xinjiang änderte Guli­geina Tashi­ma­i­maiti wie bespro­chen ihr Profil­bild. Mehrere Wochen lang blieb das Foto nun aller­dings unver­än­dert, bis ihr Profil­bild eines Tages plötz­lich durch ein dunkles, schwarz-weißes, düsteres Foto ersetzt wurde. Was darauf zu sehen war, erin­nert an eine Gefängniszelle./ Vor dem Hinter­grund des andau­ernden und beispiel­losen scharfen Vorge­hens gegen Uigur_innen und andere ethni­sche Minder­heiten in der Auto­nomen Region Xinjiang, befürchten sowohl ihr Freund Sammy als auch die ältere Schwester von Guli­geina Tashi­ma­i­maiti, Gulzire, dass die Dokto­randin in einem Umer­zie­hungs­lager inhaf­tiert ist. Ihre Freund_innen und Fami­li­en­an­ge­hö­rigen hatten sie vor einer Heim­reise gewarnt. Trotzdem war Guli­geina Tashi­ma­i­maiti nach­hause zurück­ge­kehrt, weil sie sich Sorgen um ihre Eltern machte. Seit ihrem letzten Besuch im Februar 2017 hatte sie keinen Kontakt mehr zu den beiden. / Guli­geina Tashi­ma­i­maiti hätte im Februar 2018 ihre Promo­tion beginnen sollen. Nachdem sie mehrere Monate lang nichts von ihr gehört haben, wandten sich ihr Freund Sammy und ihre Schwester Gulzire sowohl an die Univer­sität in Malaysia als auch an die Medien. Damit erhofften sie sich, die Aufmerk­sam­keit auf den Fall zu lenken.” - Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen bis spätes­tens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
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take five

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alpha : 22.05 UTC – Eigen­artig, wie sie vor mir saß, ihre flachen Schuhe gegen die Beine eines Stuhles gestemmt, beide Hände auf dem Tisch, Innen­seiten nach oben, derart verrenkt, als gehörten diese Hände nicht zu ihr, als seien das vorsätz­lich ange­brachte Instru­mente, Werk­zeuge des Fangens, Blüten. Lange Zeit ist seither vergangen, aber die Geschichte noch nah. Das Bild ihrer Hände, wie sie sich schließen, Finger für Finger, Nacht wird. – ::: – Eine Foto­grafie kommt über den Tisch, take five, lässige Geste, als würde eine Karte ausge­spielt. „Was siehst Du?“, fragt sie. – ::: – „Land­schaft!“, – antworte ich, „Afrika. Südli­ches Afrika. Einen Affen­brot­baum und zwei Männer. Einen jungen Mann schwarzer Haut­farbe, der einen hellen Anzug trägt, und einen älteren, einen weißen Mann, der einen dunkel­grauen Anzug trägt, einen Strohhut und eine Brille. Eine stau­bige Straße. Menschen, die schwarz sind und bewaffnet. Gewehre. Macheten. Harte Schatten. Spuren von Hitze, infer­na­li­scher Hitze. Sie sehen alle so aus, als schwitzten sie. Jawohl, alle, die dort auf der Straße stehen, schwitzen.“ – ::: – „Was noch?“ -, fragt sie, – „was siehst Du noch?“ – ::: – Sie fährt sich mit ihrer rechten Hand über die Stirn. – ::: – „Ich sehe ein Auto. Das Auto steht rechts hinter dem weißen Mann, eine dunkle Limou­sine, ein schwerer Wagen. Ich sehe einen Chauf­feur, einen Chauf­feur von schwarzer Haut, Schirm­mütze auf dem Kopf. Der Chauf­feur lächelt. Er schaut zu den beiden Männern hinüber, die unter dem Baum im Schatten stehen. Der weiße Mann reicht dem schwarzen Mann die Hand oder umge­kehrt. Sieht ganz so aus, als sei der weiße Mann mit dem Auto ange­kommen und der schwarze Mann habe auf ihn gewartet. Histo­ri­scher Augen­blick, so könnte das gewesen sein, ein bedeu­tender Moment, eine erste Begeg­nung oder eine letzte. Beide Männer haben ernste Gesichter aufge­setzt, sie stehen in einer Weise aufrecht, als wollte der eine vor dem anderen noch etwas größer erscheinen. Da ist ein merk­wür­diger Ausdruck in dem Gesicht des jungen, schwarzen Mannes, ein Ausdruck von Über­ra­schung, von Verwun­de­rung, von Erstaunen.“ – ::: – „Das ist es!“, sie flüs­tert. „Treffer!“- ::: – Jetzt lacht sie, öffnet ihre Fäuste und das Licht kehrt zurück, der ganze Film. “Die Klima­an­lage. Der verdammte Wagen dort unterm Baum. Der Weiße hat dem Schwarzen eine kühle Hand gereicht, Du verstehst, eine kühle Hand. Der Kerl hatte eiskalte Hände.“ – stop

6 Uhr 12

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sierra : 6.12 – Ich hörte, junge Schmet­ter­lings­finken sollen nachts vom Singen träumen. – Ist das eine Nach­richt? – Oder das Wort: ausschiffen. Oder das Wort: Anker­zen­trum, AZ. – stop

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poesie

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india : 8.15 – Das Internet scheint über ein gewal­tiges, flüs­siges Gedächtnis zu verfügen, oder ist viel­leicht das Gedächtnis selbst. Auch Lügen jeder Art werden erin­nert. Oder Erfin­dungen, die zunächst in Worten formu­liert wurden, Geschichten, Poesie. Als man sie dann schützen will, als man ihren digi­talen Ursprung löscht, kommen sie doch wieder und wieder in nicht endenden Echos zurück. – stop

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pfählung

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sierra : 10.55 – Eine Vorstel­lung muss nicht zwin­gend Erfin­dung zu sein. Aber eine Nacht­biene, wie sie sich im Dunkeln graziös durch die Luft bewegt. – Einmal notierte ich auf einen Zettel: Ich glaube, die Menschen werden immer kälter und härter. Am 23. Juni wollte mich ein Herr namens Ul.Stinner* bei leben­digem Leibe pfählen, weil ich ihm eine Twit­ter­frage stellte. – stop

*Name geän­dert

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synopse

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ginkgo : 12.08 – In einem mehr­stün­digen, äußerst stra­pa­ziösen Versuch, Gedanken auszu­tau­schen mit Menschen, die eine Twit­ter­höl­len­kammer befeuern, habe ich Folgendes gelernt. Es ist nämlich so, dass in der Vorstel­lung dieser Menschen bald Anker­zen­tren exis­tieren werden, umzäunte Gebiete, die Personen beher­bergen, Perso­nen­men­schen, welche aus dem Süden bereits zu uns gekommen sind oder furcht­barer Weise noch kommen werden. Weiterhin habe ich bemerkt, dass Menschen­per­sonen, die sich in jenen umzäunten und bewachten Gebieten zwangs­weise aufhalten sollten, in der Wahr­neh­mung der Höllen­kam­mer­be­wohner immerzu jung sind und gesund und Männer. Man vermutet, dass diese männ­li­chen Menschen­per­sonen mögli­cher­weise schwä­chere Menschen auf hoher See vorsätz­lich von Bord gestoßen haben könnten, vor allem Kinder und Mädchen, das ist selbst­ver­ständ­lich reine Behaup­tung, die durch stetige Wieder­ho­lung in der Höllen­kammer nach und nach zur Gewiss­heit wird. Diese jungen Männer nun, sie sind sehr häufig von schwarzer oder dunkler Haut bedeckt, sollen außerdem über finan­zi­elle Mittel gebieten, die ihre Flucht oder Reise über­haupt erst möglich machten, sie seien also, so erzählt man, weder arm noch in irgend­einer Weise hilfs­be­dürftig, sie würden beileibe nicht südli­chen Hunger­ge­bieten entkommen oder vor Bürger­kriegen geflohen sein, viel­mehr sollen sie von irgend­woher ange­reist sein wie aus dem Nichts, um auf Kosten verarmter Urein­wohner in der Mitte Europas Misch­be­völ­ke­rung zu erzeugen. Weil sie sich sorg­fältig kleiden, weil sie über Tele­fone gebieten, weil sie mitnichten ausge­hun­gerte Elends­ge­stalten sind, werden sie verdäch­tigt, gut orga­ni­sierte Anker­men­schen zu sein, Vorhut oder Schlim­meres. Ja, so in dieser Art und Weise wird vorge­stellt, wird ausge­dacht, wird Gewiss­heit erzeugt. Ich stelle fest: Menschen, die keine Menschen­per­sonen, sondern Patrioten sind, Menschen, die in dieser skiz­zierten Gewiss­heit leben, sind empfind­lich, sind wütend, sobald man sich mittels Wörtern fragend nähert. Sie schreiben unver­züg­lich zurück, dass man den Fragenden selbst sehr gerne pfählen würde bei leben­digem Leibe, erschießen, nach Afrika verjagen, da doch der Fragende ein linker Faschist sei, ein Anti­semit, ein Mitver­ge­wal­tiger, das Böse schlechthin. stop. Die Sonne ist rund. – stop

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