Aus der Wörtersammlung: gin

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sarajevo

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gink­go : 6.38 — Ich habe die­se Geschich­te ges­tern Abend selbst erlebt. Wenn sie mir jemand ande­res als ich selbst erzählt haben wür­de, hät­te ich sie viel­leicht nicht geglaubt, weil sie schon ein wenig ver­rückt ist. Die Geschich­te beginnt damit, dass ich in einem Café sit­ze und auf einen jun­gen Mann war­te, der mir etwas erzäh­len will. Ich bin früh­zei­tig gekom­men, bestel­le einen Cap­puc­ci­no und schal­te mein klei­nes Hand­ki­no an, beob­ach­te eine Doku­men­ta­ti­on der Arbeit Maceo Par­kers in New York, mit­rei­ßen­de Musik, soeben umarmt die Sän­ge­rin Kym Mazel­le den Posau­nis­ten Fred Wes­ley, als der jun­ge Mann, den ich erwar­te­te, plötz­lich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den klei­nen Bild­schirm. Sofort kom­men wir ins Gespräch. Ich fra­ge ihn, wel­che Musik er gehört habe, als Kind in der bela­ger­ten Stadt Sara­je­vo. Jeden­falls nicht sol­che Musik, ant­wor­tet er, und lacht, no Funk, wir hat­ten kei­nen Strom. Avi ist heu­te Anfang drei­ßig, dass er noch lebt ist ein Wun­der. Tat­säch­lich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sara­je­vo erzählt. Ein­mal frag­te ich ihn, was er emp­fun­den habe, als er von Karad­zics Ver­haf­tung hör­te. Anstatt zu ant­wor­ten, perl­te in Sekun­den­schnel­le Schweiß von Avis Stirn. Heu­te schwitzt er schon, ehe er über­haupt zu erzäh­len beginnt, weil er weiß, dass er gleich wie­der berich­ten wird von den Stra­ßen sei­ner Hei­mat­stadt, die nicht mehr pas­sier­bar waren, weil Scharf­schüt­zen sie ins Visier genom­men hat­ten. Man schleu­der­te Papie­re, Ziga­ret­ten, Bro­te, Was­ser­fla­schen in Kör­ben von einer Sei­te der Stra­ße zu ande­ren. Die­se Kör­be wur­den nicht beschos­sen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein klei­ner Jun­ge. Er war so klein, dass er nicht ver­ste­hen konn­te, was mit ihm und um ihn her­um geschah, auch dass ein Holz­split­ter sein lin­kes Auge so schwer ver­letz­te, dass er jetzt ein Glas­au­ge tra­gen muss, das so gut gestal­tet ist, dass man schon genau hin­se­hen muss, um sein künst­li­ches Wesen zu erken­nen. Er sagt, er könn­te, wenn ich möch­te, das Auge für mich her­aus­neh­men. Aber das will ich nicht. Ich erzäh­le ihm, dass ich damals, als er klein gewe­sen war, jeden Abend Bil­der aus Sara­je­vo im Fern­se­hen beob­ach­tet habe. Was das für Bil­der gewe­sen sei­en, will Avi wis­sen. Ich sage: Das waren Bil­der, die ren­nen­de Men­schen zeig­ten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fern­se­hen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer schnell und über­all pas­sier­te. Und die­se Geräu­sche. Plötz­lich nimmt der jun­ge Mann mein klei­nes Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopf­hö­rer in sei­ne Ohren ein, hört Maceo Par­ker, Kim Macel­le, Fred Wes­ley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhyth­mus der Musik mit dem Kopf. Ein Wis­pern. — stop

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ein kleines tier von luft

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marim­ba : 3.10 — Es ist rich­tig, ich bin begeis­tert. Seit zwei Tagen schwebt eine merk­wür­di­ge Gestalt durch mei­ne Woh­nung. Es han­delt sich um ein Lun­gen­bal­lon­tier, nichts wei­ter, um eine Krea­tur von küh­ler, sand­far­be­ner Haut in der Grö­ße einer Honig­me­lo­ne. Wenn ich sage, dass es sich bei die­sem Wesen um ein Lun­gen­bal­lon­tier han­delt, dann des­halb, weil das Tier in sei­ner der­zei­ti­gen Erschei­nung vor­wie­gend aus Luft zu bestehen scheint. Es war näm­lich nicht sehr groß gewe­sen, als es mir am Sams­tag von einem Brief­bo­ten in einer fla­chen Schach­tel über­ge­ben wor­den war. Wie es dort lag, sah es zunächst noch aus wie ein Taschen­tuch, sorg­fäl­tig gebü­gelt und gefal­tet. Genau in sei­ner Mit­te war ein win­zi­ger Kopf zu erken­nen, ein Mund und eine Nase und Augen, die geschlos­sen waren, als wür­de das Tier schla­fen. Kaum aber aus sei­nem Rei­se­be­häl­ter geho­ben, hol­te das klei­ne, gefal­te­te Tier Luft und begann lang­sam zu wach­sen. Es war in die­sem Vor­gang des Wach­sens nichts zu hören, als ein äußerst lei­ses Pfei­fen, des­sen Ursprung ich nicht erken­nen konn­te. Eine Stun­de ver­ging und eine wei­te­re Stun­de, bis das Tier sich voll­stän­dig ent­fal­tet hat­te. Es war rund gewor­den, nach wie vor aber noch fal­tig, und es wuchs wei­ter, und es begann sich von dem Tisch zu lösen, auf dem es die ers­ten Stun­den in Frei­heit ver­bracht hat­te. Seit­her bewegt es sich lang­sam wie ein Zep­pe­lin durch mei­ne Zim­mer. Zunächst war es ins Bad geflo­gen, dann in die Küche, durch den Flur zurück ins Wohn­zim­mer, und von dort ins Arbeits­zim­mer, wo es vor dem Fens­ter eine Wei­le ver­harr­te, obwohl drau­ßen tie­fe Nacht herrsch­te. Das Tier hat­te inzwi­schen sei­ne Augen geöff­net, kein Wun­der, es schien auch an mir selbst zuneh­mend inter­es­siert zu sein, wie genau in die­sem Moment, da ich notie­re. Gera­de kommt es wie­der zurück aus der Küche, es nähert sich, es ist nun ohne Fal­ten und es schim­mert, und noch immer pfeift es lei­se vor sich hin. — stop

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radio

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kili­man­dscha­ro : 2.12 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Seit einer hal­ben Stun­de schaue ich aus dem Fens­ter. Angeb­lich soll die Raum­sta­ti­on ISS soeben den Him­mel über mir pas­sie­ren. Ich suche ver­geb­lich. Wol­ken ver­sper­ren die Sicht, auch ist die Stadt viel zu hell, um das For­schungs­schiff erken­nen zu kön­nen. Trotz­dem schaue ich nach oben und freue mich. Vor­hin habe ich noch einen Text notiert, der von einem alten Radio han­delt, das von einem Tisch fällt, weil es Maceo Par­ker spiel­te. Gera­de noch recht­zei­tig, ehe es den Boden erreich­te, wur­de es auf­ge­fan­gen, um kurz dar­auf auf dem Tisch fest­ge­klebt zu wer­den. Das Radio war eines gewe­sen, wie ich es frü­her ein­mal hat­te, ein Radio mit einem elek­tri­schen Auge. Sobald ich auf einen Knopf drück­te, glüh­te das Auge zunächst däm­mernd, dann leuch­te­te das Auge grün wie das Was­ser eines Berg­sees und ich hör­te selt­sa­me Stim­men und Rau­schen und Pfei­fen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es exis­tier­te seit dem Jah­re 1952, war also viel älter als ich selbst und muss­te nie zur Repa­ra­tur gebracht wer­den. Nur ein­mal hüpf­te eine Tas­te her­aus und das Radio sah fort­an aus, als habe es einen Zahn ver­lo­ren. An einem sehr hei­ßen Juli­tag des Jah­res 1974 saß ich gera­de vor dem Radio ohne Zahn, als gemel­det wur­de, Fall­schirm­jä­ger sei­en über Zypern abge­sprun­gen. Von einem Kon­flikt war die Rede und das Auge des Radi­os leuch­te­te dazu und die Mem­bran sei­nes Laut­spre­chers zit­ter­te. Ich erin­ne­re mich, dass ich dach­te, dass nun Krieg sei, ein wirk­li­cher Krieg, der ers­te Kriegs­be­ginn, den ich als Wel­len­emp­fän­ger mit­er­leb­te. Spä­ter ver­schwand das alte Radio und ich bekam ein neu­es Radio. Die­ses Radio konn­te Geräu­sche spei­chern, und so spei­cher­te ich Geräu­sche, sin­gen­de Frö­sche viel­leicht, oder mei­ne Stim­me, die mich befrem­de­te, die nie mei­ne eige­ne Stim­me gewe­sen war, son­dern immer die Stim­me eines ande­ren, der ähn­li­che Din­ge sag­te. Bald mach­te ich mit einer wei­te­ren Maschi­ne Fil­me, nein, ich zeich­ne­te Fil­me auf ein Band, den Film der Stadt Bag­dad an einem Vor­kriegs­mor­gen zum Bei­spiel. Die Son­ne strahl­te vom Him­mel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwit­scher­te. Viel­leicht saß der Vogel auf einer gepan­zer­ten Kame­ra, die das Bild der leuch­ten­den Stadt zu mir hin über­trug. Die­ser Vogel war noch Radio gewe­sen. — stop
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nummer 6

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tan­go : 3.56 — An einem Som­mer­tag gehe ich mit Tom spa­zie­ren. Er ist ein ziem­lich gro­ßer, jun­ger Mann, schlak­sig, der, wäh­rend er von sei­nen Erleb­nis­sen im Prä­pa­rier­saal erzählt, immer wie­der ein­mal einen Stein oder ein Stück Holz vom Boden hebt, um es in den Fluss zu wer­fen. Da ist näm­lich ein Fluss, Tom woll­te am Fluss spa­zie­ren, ich ahne wes­halb. Er scheint, indem er Stei­ne wirft, genau­er den­ken zu kön­nen. Hin und wie­der läuft er in den Wald, der unse­ren Weg beglei­tet und bleibt für eini­ge Minu­ten ver­schwun­den. Er spricht sehr schnell, ich kann kaum fol­gen, er will mir des­halb noch eini­ge Gedan­ken notie­ren, damit ich sie aus­dru­cken kann. Weni­ge Tage nach unse­rem Spa­zier­gang kommt tat­säch­lich eine E‑Mail, eine sehr prä­zi­se Form der Beob­ach­tung. Tom: > Ich ver­su­che jetzt näher her­an­zu­ge­hen. Noch haben wir den 1. Tag. Wir haben mit der Prä­pa­ra­ti­on des Kör­pers begon­nen. Wir haben die Kör­per auf den Tischen inspi­ziert, wir haben ein Lei­chen­pro­to­koll ange­fer­tigt, Haut­schnit­te gesetzt. Sie sehen, wie wir uns über unse­re Arbeits­ti­sche beu­gen. Vier von uns befin­den sich auf der einen, vier auf der ande­ren Sei­te des Tisches. Jedem von uns wur­de eine Posi­ti­on am Prä­pa­rat zuge­ord­net. Ich habe die Num­mer 6. Also arbei­te ich zu die­sem Zeit­punkt in der Höhe der Brust. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich Katha­ri­na. Von den Lei­chen steigt ein Dunst auf, den man nicht sehen kann, aber zu spü­ren bekommt. Unse­re Augen sind gerö­tet. Das ist eine Situa­ti­on, an die wir uns zunächst noch zu gewöh­nen haben. Skal­pel­le, Pin­zet­ten, Hän­de sind nur weni­ge Zen­ti­me­ter von­ein­an­der ent­fernt. Wir könn­ten uns ver­let­zen, des­halb hal­ten wir unse­re Werk­zeu­ge, als wür­den wir Blei­stif­te füh­ren. Wir zeich­nen auf sehr engen Bah­nen. Wir begin­nen in der regio praes­ter­na­lis. Dort haben die Haut­schnit­te des Assis­ten­ten Zugang erzeugt, dort kön­nen wir die Haut mit unse­ren Pin­zet­ten auf­neh­men und etwas vom Kör­per heben. Eine ers­te unsi­che­re Bewe­gung. Wir span­nen die Haut. Wir schnei­den von der sub­cu­tis in Rich­tung der gespann­ten Haut, arbei­ten von innen nach außen, arbei­ten von medi­al nach late­ral. Haben wir gespro­chen? Ich kann mich nicht erin­nern. Aber ich sehe, dass ich mei­ne Hand bereits auf die Brust des Toten gestützt habe. Ich spü­re die Erschüt­te­run­gen, die durch die Bewe­gun­gen mei­ner Freun­de in dem Kör­per her­vor­ge­ru­fen wer­den. Wenn ich mich auf­rich­te, um mei­nen Rücken zu ent­span­nen, erken­ne ich die Fort­schrit­te mei­ner Arbeit. Ich habe ein Stück der Haut so weit vom Kör­per gelöst, dass ich es zurück­klap­pen kann. Wor­an habe ich gedacht, in die­ser ers­ten Stun­de der Arbeit? Habe ich dar­an gedacht, dass ich begon­nen habe, einen Leich­nam zu zer­glie­dern? Ich weiß es nicht! Aber ich kann Ihnen sagen, dass es nicht leicht ist, ein Skal­pell zu füh­ren, als wür­de man damit schrei­ben. Ich kann Ihnen ver­si­chern, man geht nicht in die Tie­fe, wenn man Haut prä­pa­riert. Man packt einen Kör­per aus. Eine wah­re Gedulds­pro­be. Zen­ti­me­ter um Zen­ti­me­ter arbei­tet man sich über die Ober­flä­che des Kör­pers vor­an. Erstaun­lich, wie nah wir dem Leich­nam nach zwei Stun­den bereits gekom­men sind. — stop

polaroidwerkstatt

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von den eisbriefen

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kili­man­dscha­ro : 6.28 — Für ein oder zwei Minu­ten war ich wild ent­schlos­sen gewe­sen, ein Grün­der zu wer­den, und zwar ges­tern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Brief­kas­ten gelau­fen, der nicht weit ent­fernt vom Haus, in dem ich lebe, an einer Wand befes­tigt ist. Ein Eich­hörn­chen, natür­lich, beglei­te­te mich. Es war sehr kalt, und plötz­lich habe ich wahr­ge­nom­men, dass ich, wenn es mir mög­lich wäre, gern Brie­fe von Eis ver­schi­cken wür­de, hauch­dün­ne Blät­ter gefro­re­nen Was­sers, die man in küh­len­de Kuverts ste­cken und in alle Welt ver­schi­cken könn­te. Eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung nach­ge­ra­de, wie ein Mensch, dem ich einen Eis­brief gesen­det habe, in der Küche vor sei­nem Eis­schrank sitzt und mei­nen Brief für Sekun­den stu­diert, um ihn dann rasch wie­der in die Käl­te zurück­zu­le­gen, damit er nicht ver­schwin­det in der war­men Luft. Ich soll­te also bald ein­mal jene beson­de­ren Eis­pa­pie­re, ihre Fabri­ken und Läden erfin­den, und Kuverts, und Brief­käs­ten, die wie Kühl­schrän­ke funk­tio­nie­ren. Wo man die Brie­fe sor­tiert, in einem Post­amt, wür­de man in tief­ge­kühl­ten Räu­men arbei­ten, und alle die­se Auto­mo­bi­le, nicht wahr, die ver­eis­te Brief­wa­re über das Land beför­dern. Ein Unter­neh­men die­ser Art, wäre eine wirk­li­che Her­aus­for­de­rung, eine gute und sehr ver­rück­te Sache, so dach­te ich am gest­ri­gen Abend. Kaum war ich wie­der in mei­ne Woh­nung zurück­ge­kehrt, war aus der Grün­der­zeit bereits eine Erfin­der­zeit gewor­den. Und wie ich in die­sem Augen­blick vol­ler Freu­de im pola­ren Zim­mer vor mei­nem Schreib­tisch sit­ze, damp­fen­der Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hör­ba­ren Pfei­fen Zei­chen in schim­mern­de Eis­pa­pier­bö­gen fräst. Ich schrei­be: Mein lie­ber Theo­dor, ich woll­te Dir schon lan­ge ein­mal einen Eis­brief notie­ren. Hier nun, wie ver­spro­chen, ist er end­lich bei Dir ange­kom­men. Ich hof­fe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sicher schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir auf­ge­schrie­ben habe, dass ich näm­lich den Wunsch habe, bald ein­mal zwei oder drei Tage zu schwei­gen, um den Kopf­stim­men stum­mer Men­schen nach­zu­spü­ren. Ich könn­te mich kurz vor Beginn mei­ner Stil­le ver­ab­schie­den von Freun­den: Bin tele­fo­nisch nicht erreich­bar! Oder einen Notiz­block besor­gen, um Fra­gen für den All­tag zu ver­zeich­nen, sagen wir so: Füh­ren sie in ihrem Sor­ti­ment Hör­ge­rä­te für Engel­we­sen fin­ger­groß? Eine Kärt­chen­samm­lung zu erwar­ten­der Wie­der­ho­lungs­sät­ze wei­ter­hin: Habe vor­über­ge­hend mein Ton­ver­mö­gen ver­lo­ren! – Es ist eine ange­neh­me Nacht, lie­ber Theo­dor. Ich erin­ner­te einen Satz René Chars, den er in sei­ner Gedicht­samm­lung »Lob einer Ver­däch­ti­gen” notier­te. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangs­ar­ten mit dem Leben: ent­we­der man träu­me es oder man erfül­le es. In bei­den Fäl­len sei man rich­tungs­los unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Sei­den­herz mit Herz ohne Sturm­glo­cke. Dein Lou­is, ganz herz­lich! — stop

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matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mei­ner Kind­heit besit­ze ich eine Pup­pe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­ge­lernt. Die­ser Name war so lan­ge gül­tig gewe­sen, bis mir eine rus­si­sche Bekann­te erzähl­te, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­pup­pe han­deln wür­de. Man kann die­se Pup­pe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art ent­zweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Tei­len mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern besteht, einem unte­ren Teil mit Füs­sen, die in Far­be auf das hel­le Holz auf­ge­tra­gen sind, und einem obe­ren Teil mit einem gezeich­ne­ten Kopf. Mit die­ser Tren­nung geht die Gestalt der Pup­pe jedoch nicht wirk­lich ver­lo­ren, weil sie in einer klei­ner gewor­de­nen Aus­ga­be, die sich in der grö­ße­ren Pup­pen­form ver­steck­te, wei­ter­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das glei­che Gesicht, wie ihre Hül­le, über einen etwas klei­ne­ren Mund, und gleich­falls gerö­te­te Wan­gen und klei­ne­re Augen, und sie drückt in die­ser Erschei­nung nichts ande­res aus als: Ich bin nur eine Hül­le, ich tra­ge mein eigent­li­ches Inne­res in mir, mein Wesen, öff­ne mich! Und so wei­ter und so fort. Ges­tern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babusch­ka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende stu­diert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm mei­ne Pup­pe seit vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der in die Hand und öff­ne­te sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­si­ves Gefühl wahr­ge­nom­men, eine Emp­fin­dung mei­ner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit ent­fernt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir mei­ne Pup­pe von Holz in Erin­ne­rung geru­fen hat­te. Miri­am erzählt von Erfah­run­gen des Prä­pa­rier­saa­les: Zuerst also haben wir die Haut ent­fernt und dann das Fett. Das war wie ein zwei­ter Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Mus­keln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an die­se Babusch­ka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klei­ner, wenn man eine geöff­net hat und danach die nächs­te. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Bei­ne und ein Kopf, der aus zwei Tei­len bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­ge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment sehr gut an eine merk­wür­di­ge Geschich­te aus der Anfangs­zeit des Kur­ses. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pa­rier­saal des Insti­tu­tes. Ich hat­te schlecht geschla­fen wegen einer leich­ten Grip­pe, und so war ich eine der ers­ten Stu­den­tin­nen gewe­sen, die an die­sem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam auf­ge­nom­men haben. Ich prä­pa­rier­te an einem der Arme, eine recht kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit war das gewe­sen, und ich dach­te immer wie­der, dass mei­ne Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so fei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren. Ich fluch­te also ein wenig vor mich hin und dann ent­schul­dig­te ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich ent­schul­dig­te mich bei dem Leich­nam für mei­ne unfreund­li­chen Wor­te. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Lei­che gespro­chen hat­te, noch ein wenig so wei­ter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Mono­log. One way! Aber gut. — stop

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PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nord­pol : 7.07 — In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich in mei­nen Ver­zeich­nis­sen nach einem E‑Mailbrief gesucht, den mir eine jun­ge Frau, Lid­wi­en, vor eini­gen Jah­ren notiert hat­te. Ich konn­te den Brief nicht fin­den, kei­ne mei­ner Such­ma­schi­nen, weil ich den Brief ver­se­hent­lich ohne Namen abge­legt hat­te. Ich erin­ne­re mich noch gut an Lid­wi­en. Sie war eine zier­li­che, freund­li­che und ziel­be­wuss­te Per­son, die mit einem leicht fran­zö­si­schen Akzent for­mu­lier­te. Ich hat­te sie ein­mal beob­ach­tet, wie sie im Prä­pa­rier­saal mit ihren Hän­den in einem Säck­chen wühl­te, um kurz dar­auf inne­zu­hal­ten und die Augen zu schlie­ßen. In dem Säck­chen, das von schwar­zem, licht­un­durch­läs­si­gem Stoff gewe­sen war, befan­den sich Kno­chen einer Hand. Es war die Auf­ga­be Lid­wi­ens gewe­sen, unter den Kno­chen einen bestimm­ten Kno­chen zu fin­den und durch rei­nes Tas­ten ein­deu­tig zu iden­ti­fi­zie­ren. Ich beob­ach­te­te die jun­ge Frau, wie sie wäh­rend ihrer Suche in dem strah­lend hel­len Licht des Saa­les ste­hend die Augen schloss, als ob sie in die­ser Wei­se mit ihren Fin­ger­spit­zen in der Dun­kel­heit des Säck­chens bes­ser sehen könn­te. Ein Gespräch folg­te über Bil­der, die der Saal in Lid­wi­ens Geist erzeug­te. Kurz dar­auf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedan­ken prä­zi­sier­te. Genau die­sen Brief such­te ich ver­geb­lich, dann erin­ner­te ich mich an den Titel eines Films, von dem die jun­ge Frau berich­tet hat­te, und schon war der Brief in mei­nen Archi­ven auf­zu­spü­ren gewe­sen. Lid­wi­en notier­te unter ande­rem Fol­gen­des: Wis­sen Sie, auf die Fra­ge, ob die Bil­der aus dem Saal in mei­nen All­tag hin­über­glei­ten, kann ich mit einem total auf­rich­ti­gen NEIN ant­wor­ten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Fil­ter sein und ich fin­de die­sen Fil­ter in mei­nem Gehirn wirk­lich fas­zi­nie­rend. Neu­lich habe ich ein Inter­view mit einer ehe­ma­li­gen Kin­der­sol­da­tin aus dem Sudan gese­hen, die eine Bio­gra­fie mit dem Titel FEUERHERZ geschrie­ben hat­te. Dra­ma­ti­sche Din­ge muss sie erlebt und für uns nahe­zu unvor­stell­ba­re Bil­der gese­hen haben. Auf die Fra­ge, wie sie mit die­sen grau­sa­men Bil­dern umging, ant­wor­te­te sie: Ich habe die­se Bil­der nicht beson­ders ver­ar­bei­tet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe die­se Aus­sa­ge mit mei­nen Erfah­run­gen in Bezie­hung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Prä­pa­ri­er­hal­len regel­mä­ßig betre­te und vie­le Stun­den des Tages dar­in ver­brin­ge, wer­den all die toten Kör­per, all die Prä­pa­ra­te, die man auf unge­wohn­te und selt­sa­me Wei­se mit den eige­nen Hän­den bewirkt, ja gera­de zu erschafft, und der bei­ßen­de Geruch des For­mal­ins, zu mei­nem All­tag. In die­sem All­täg­li­chen, in der Rou­ti­ne, ver­lie­ren mensch­li­che Emo­tio­nen und die dazu­ge­hö­ri­gen Bil­der an Gewicht und Pola­ri­tät: Aus lei­den­schaft­li­cher Lie­be wird Freund­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fata­lis­mus und Gelas­sen­heit. – Und des­halb blei­ben mei­ne Bil­der im Saal und ich las­se sie dort, wenn ich nach Hau­se zu mei­ner Fami­lie gehe. — stop

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nachtbäume

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nord­pol : 6.55 — Ein müdes Kind mit gerö­te­tem Gesicht ges­tern Abend im Zug. Das Kind beob­ach­tet, wie ich auf mei­ner Schreib­ma­schi­ne notie­re. Sehr auf­merk­sam schaut es zu, gro­ße Augen, die selbst nicht müde zu sein schei­nen. Mei­ne Fin­ger sind zunächst schnell, bald wer­den sie lang­sa­mer unter die­sem Blick, viel­leicht weil ich an mei­ne Hän­de zu den­ken begin­ne. Plötz­lich erkun­digt sich das Kind: Was schreibst Du? Ich ant­wor­te, ohne zu zögern: Ich schrei­be von den Nacht­bäu­men. Was ist das, fragt das Kind. Nacht­bäu­me sind Bäu­me, die in der Nacht wach sind und am Tag schla­fen. Kann man sie sehen, will das Kind wis­sen. In die­sem Moment begeg­nen sich unse­re Bli­cke in der glei­chen Fra­ge. Ich habe kei­ne Ant­wort und das Kind schließt sei­ne Augen und schläft von einer Sekun­de zu ande­ren Sekun­de ein. — stop

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die schrift meines vaters

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nord­pol : 7.05 — Dass mein Vater älter wur­de und müde, war sei­ner Schrift deut­lich anzu­se­hen. Die Buch­sta­ben wur­den klei­ner, man­che stan­den senk­recht, ande­re neig­ten sich einer unsicht­ba­ren Linie zu, auf der sie sich wort­wei­se vor­wärts beweg­ten. Ich könn­te sagen, die Schrift mei­nes Vaters wirk­te so, als wäre ein Sturm seit­wärts über sie hin­weg­ge­fah­ren, zer­zaust, und doch waren alle not­wen­di­gen Buch­sta­ben für jedes der Wör­ter, die mein Vater geschrie­ben hat­te, gesetzt. Er notier­te zuletzt ger­ne mit­hil­fe der Tas­ta­tur sei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne, das war nicht so anstren­gend, er ver­moch­te die Grö­ße der Zei­chen zu vari­ie­ren, sodass er sehen konn­te, was er gera­de auf den Bild­schirm brach­te. Ein­mal muss­te mein Vater einen Brief unter­zeich­nen, es war ein Okto­ber­tag, mein Vater war­te­te lan­ge Zeit vor dem Papier, das auf dem Tisch vor ihm ruh­te, hielt den Stift, den man ihm gereicht hat­te, in der Hand, betrach­te­te die­sen Stift, dreh­te ihn zwi­schen den Fin­gern, er zöger­te den Moment hin­aus, da er mit der Auf­zeich­nung sei­nes Namens begin­nen wür­de. In die­sem Moment ahn­te ich, dass mein Vater sei­nen Namen malen wür­de, dass sei­ne nicht bewuss­te Signa­tur, die ein Leben lang gül­tig gewe­sen war, nicht län­ger zu exis­tie­ren schien, oder dass er unter den Augen eines Beob­ach­ters sich nicht län­ger trau­te, sei­ne urei­ge­ne Signa­tur aus­zu­füh­ren. Ja, mein Vater fürch­te­te sich, weil der Wind der ver­ge­hen­den Zeit sei­ne Schrift erfass­te. Sie war ein­mal eine akku­ra­te Schrift gewe­sen, eine Schrift wie gedruckt, sie notier­te kom­pli­zier­te mathe­ma­ti­sche For­meln, ohne je ihre Fas­sung auf den Papie­ren zu ver­lie­ren. Als Jun­ge beschloss ich, die­se Geheim­schrift der Zah­len und Wör­ter zu ent­schlüs­seln, bis sie noch vor mei­nem Vater selbst zu ver­schwin­den begann. Zurück­ge­blie­ben sind nun sei­ne Stif­te in einer Schub­la­de: Kugel­schrei­ber, Füll­fe­der­hal­ter, Blei­stif­te, Bunt­stif­te, auch ein Werk­zeug, mit dem man in wei­ßer Far­be notie­ren kann, viel­leicht um zu kor­ri­gie­ren, viel­leicht um Nicht­sicht­ba­res auf das Papier zu set­zen. — stop

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eine sprechende maschine

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reming­ton : 6.52 — Vor weni­gen Tagen hat­te ich von der Ent­de­ckung eines Muse­ums der Nacht­häu­ser erzählt, das sich am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, die den Stadt­teil Queens über den East River hin­weg mit Ran­di­lis Island ver­bin­det. Es ist noch immer ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, der Fluss so nah, dass man ihn rie­chen kann. Heu­te liegt der Gar­ten tief ver­schneit. Ich ste­he unter einem der Apfel­bäu­me, die ohne Blät­ter sind. Die­ser Baum trägt sei­ne Som­mer­früch­te so, als ob er sie fest­hal­ten wür­de, sie sind etwas klei­ner gewor­den, vol­ler Fal­ten, aber sie leuch­ten Rot und sie duf­ten. Der jun­ge Mann, der mich bereits ein­mal durch das Muse­um geführt hat­te, kommt in die­sem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wie­der­ge­kom­men bin. Eine Wei­le ste­hen wir uns gegen­über, es ist zum Erbar­men kalt, wir tre­ten von einem Bein aufs ande­re, wäh­rend der jun­ge Mann eine Ziga­ret­te raucht, dann ist es fast dun­kel und wir tre­ten wie­der in das Muse­um ein. Er möch­te mir eine klei­ne Maschi­ne zei­gen, die im ers­ten Stock seit vie­len Jah­ren in einer wei­te­ren Vitri­ne sitzt. Auf den ers­ten Blick scheint es sich um eine ähn­li­che Appa­ra­tur zu han­deln, wie jene von der ich berich­te­te. Ein Gecko von Metall, der in der Lage ist, sich zum Zwe­cke pro­tes­tie­ren­der Kom­mu­ni­ka­ti­on Wän­de hin­auf an die Decke eines Zim­mers zu bege­ben, um sich dort fest­zu­sau­gen. Aber anstatt eines oder meh­re­rer Schlag­in­stru­men­te, mit wel­chen gegen die Decke getrom­melt wer­den könn­te, ver­fügt die­ses klei­ne Wesen über einen Laut­spre­cher, der wie ein Mund gestal­tet ist, und des­halb her­vor­ra­gend geeig­net zu sein scheint, hef­ti­ge Geräu­sche des Spre­chens zu erzeu­gen. Bei die­ser Appa­ra­tur, sagt der jun­ge Ange­stell­te, han­delt es sich um den ers­ten Decken­spre­cher der Geschich­te, ein äußerst sinn­vol­les Gerät. Er for­dert mich auf, näher­zu­tre­ten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist ver­beult! Tat­säch­lich war der klei­ne eiser­ne Gecko von zahl­rei­chen Schlä­gen so ver­letzt, dass er viel­leicht kaum noch in der Lage gewe­sen war, sei­ner Auf­ga­be nach­zu­kom­men. Denk­bar ist, dass er in einer Nacht der Tag­men­schen der­art wir­kungs­voll gear­bei­tet haben könn­te, dass man ihn fan­gen woll­te, wes­halb man in die Woh­nung des Nacht­men­schen ein­ge­bro­chen war, um ihn zum Schwei­gen zu brin­gen. Als man das ram­po­nier­te Gerät vie­le Jah­re spä­ter öff­ne­te, ent­deck­te man eine Ton­band­spu­le, auf wel­cher Lite­ra­tur von Bedeu­tung fest­ge­hal­ten war. Ein Bruch­stück der his­to­ri­schen Auf­nah­me war noch vor­han­den gewe­sen, und jetzt, in die­ser Nacht, spielt mir der jun­ge Mann vor, was der Appa­rat gespro­chen hat­te. Eine äußerst lau­te, schep­pern­de Stim­me ist zu ver­neh­men: Zuerst woll­te er mit dem unte­ren Teil sei­nes Kör­pers aus dem Bett hin­aus­kom­men, aber die­ser unte­re Teil, den er übri­gens noch nicht gese­hen hat­te und von dem er sich kei­ne rech­te Vor­stel­lung machen konn­te, erwies sich als zu schwer beweg­lich; es ging so lang­sam; und als er schließ­lich, fast wild gewor­den, mit gesam­mel­ter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts stieß, hat­te er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unte­ren Bett­pfos­ten hef­tig an, und der bren­nen­de Schmerz, den er emp­fand, belehr­te ihn, dass gera­de der unte­re Teil augen­blick­lich viel­leicht der emp­find­lichs­te war. — Hier endet die Spu­le, ums sofort wie­der von vorn zu begin­nen. — stop

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