Aus der Wörtersammlung: time

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minutenminiatur : schlaflos

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nord­pol : 8.16 UTC — Um kurz nach sechs Uhr in der Früh berich­tet Katha­ri­na in einem Laden unter dem Flug­ha­fen­ter­mi­nal 1 vor einer Kas­se ste­hend, sie flie­ge nun seit bald zwei Jah­ren Lang­stre­cke nach New York und wie­der zurück. Eine anstren­gen­de Pen­del­be­we­gung, soeben vor einer hal­ben Stun­de erst sei sie gelan­det, sie lie­be die Beob­ach­tung des Son­nen­lichts, das in gro­ßer Höhe über dem Atlan­tik wäh­rend eines Nacht­flu­ges zurück nach Euro­pa im oran­ge­far­be­nen Zwie­licht stets sicht­bar am Hori­zont ver­wei­le. An die­sem Mor­gen ist Katha­ri­na sehr auf­ge­regt, sie habe, sagt sie, in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren die Stadt New York selbst nie betre­ten, ges­tern aber, vor weni­gen Stun­den, mit einer Kol­le­gin, mit Muri­el, vom Flug­ha­fen John F. Ken­ne­dy aus ein Taxi genom­men, um über die Wil­liams­burg Bridge zum ers­ten Mal in ihrem Leben nach Man­hat­tan zu fah­ren, drei Stun­den Zeit. Sie sei­en am Times Squa­re gewe­sen, vor der New York Public Libra­ry, im Grand Cen­tral Ter­mi­nal und im Cen­tral Park, noch immer spü­re sie Span­nung, ver­mut­lich kön­ne sie nicht schla­fen. — stop
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transcript

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echo : 22.08 UTC — Zu stän­di­gen Erin­ne­rung > Meryl Streeps Gol­den Glo­be Speach, 8. Janu­ar 2017 : Plea­se sit down. Thank you. I love you all. You’ll have to for­gi­ve me. I’ve lost my voice in screa­ming and lamen­ta­ti­on this weekend. And I have lost my mind some­time ear­lier this year, so I have to read. Thank you, Hol­ly­wood For­eign Press. Just to pick up on what Hugh Lau­rie said: You and all of us in this room real­ly belong to the most vili­fied seg­ments in Ame­ri­can socie­ty right now. Think about it: Hol­ly­wood, for­eig­ners, and the press. / But who are we, and what is Hol­ly­wood any­way? It’s just a bunch of peo­p­le from other places. I was born and rai­sed and edu­ca­ted in the public schools of New Jer­sey. Vio­la was born in a sharecropper’s cabin in South Caro­li­na, came up in Cen­tral Falls, Rho­de Island; Sarah Paul­son was born in Flo­ri­da, rai­sed by a sin­gle mom in Brook­lyn. Sarah Jes­si­ca Par­ker was one of seven or eight kids in Ohio. Amy Adams was born in Vicen­za, Ita­ly. And Nata­lie Port­man was born in Jeru­sa­lem. Whe­re are their birth cer­ti­fi­ca­tes? And the beau­tiful Ruth Neg­ga was born in Addis Ababa, Ethio­pia, rai­sed in Lon­don — no, in Ire­land I do belie­ve, and she’s here nomi­na­ted for play­ing a girl in small-town Vir­gi­nia. Ryan Gosling, like all of the nicest peo­p­le, is Cana­di­an, and Dev Patel was born in Kenya, rai­sed in Lon­don, and is here play­ing an Indi­an rai­sed in Tas­ma­nia. So Hol­ly­wood is craw­ling with out­si­ders and for­eig­ners. And if we kick them all out you’ll have not­hing to watch but foot­ball and mixed mar­ti­al arts, which are not the arts. / They gave me three seconds to say this, so: An actor’s only job is to enter the lives of peo­p­le who are dif­fe­rent from us, and let you feel what that feels like. And the­re were many, many, many powerful per­for­man­ces this year that did exact­ly that. Breath­ta­king, com­pas­sio­na­te work. But the­re was one per­for­mance this year that stun­ned me. It sank its hooks in my heart. Not becau­se it was good; the­re was not­hing good about it. But it was effec­ti­ve and it did its job. It made its inten­ded audi­ence laugh, and show their tee­th. It was that moment when the per­son asking to sit in the most respec­ted seat in our coun­try imi­ta­ted a dis­ab­led repor­ter. Someone he outran­ked in pri­vi­le­ge, power and the capa­ci­ty to fight back. It kind of bro­ke my heart when I saw it, and I still can’t get it out of my head, becau­se it wasn’t in a movie. It was real life. And this instinct to humi­lia­te, when it’s mode­led by someone in the public plat­form, by someone powerful, it fil­ters down into everybody’s life, becau­se it kin­da gives per­mis­si­on for other peo­p­le to do the same thing. Dis­re­spect invi­tes dis­re­spect, vio­lence inci­tes vio­lence. And when the powerful use their posi­ti­on to bul­ly others we all lose. O.K., go on with it. O.K., this brings me to the press. We need the prin­ci­pled press to hold power to account, to call him on the car­pet for every outra­ge. That’s why our foun­ders enshri­ned the press and its free­doms in the Con­sti­tu­ti­on. So I only ask the famously well-hee­led Hol­ly­wood For­eign Press and all of us in our com­mu­ni­ty to join me in sup­port­ing the Com­mit­tee to Pro­tect Jour­na­lists, becau­se we’re gon­na need them going for­ward, and they’ll need us to safe­guard the truth. One more thing: Once, when I was stan­ding around on the set one day, whi­ning about some­thing — you know we were gon­na work through sup­per or the long hours or wha­te­ver, Tom­my Lee Jones said to me, “Isn’t it such a pri­vi­le­ge, Meryl, just to be an actor?” Yeah, it is, and we have to remind each other of the pri­vi­le­ge and the respon­si­bi­li­ty of the act of empa­thy. We should all be proud of the work Hol­ly­wood honors here tonight. / As my fri­end, the dear depar­ted Prin­cess Leia, said to me once, take your bro­ken heart, make it into art. — stop / fund­ort

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nachts gegen drei

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sier­ra : 3.01 — Um kurz vor drei Uhr nachts stand ich vor dem geöff­ne­ten Fens­ter und schau­te zu den Ster­nen. Ich hat­te die Nach­richt erhal­ten, am Him­mel über mir wer­de die Inter­na­tio­na­le Raum­sta­ti­on ISS sicht­bar wer­den ( Time: Thu May 26 3:01 AM, Visi­ble: 6 min, Max Height: 69°, Appears: 10° abo­ve WNW, Dis­ap­pears: 11° abo­ve E ) ein Pünkt­chen, das sich, von der bald auf­ge­hen­den Son­ne beleuch­tet, rasend schnell über das Fir­ma­ment bewe­gen wür­de, genau so war es berich­tet wor­den von einem Beob­ach­ter, der mehr­fach Augen­zeu­ge gewe­sen sein will. Aber der Him­mel war bedeckt, es reg­ne­te leicht. Wie ich mich gera­de abwen­den woll­te, ent­deck­te ich eine Flie­ge, die auf schnur­ge­ra­der Bahn mein Fens­ter pas­sier­te. Sie kam von rechts, also von Nor­den her, und ich frag­te mich, wie das mög­lich sei, weil es doch reg­ne­te, schwe­re Trop­fen. Kaum hat­te ich mei­ne Fra­ge im Kopf so for­mu­liert, dass ich sie wahr­neh­men konn­te, war die Flie­ge, ohne eine Spur zu hin­ter­las­sen, ohne einen Beweis ihrer Exis­tenz, in der Dun­kel­heit ver­schwun­den gewe­sen. — stop

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mrs sini reiss

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marim­ba : 0.08 — Vor eini­ger Zeit besuch­te ich Mrs. Sini Reiss, die im 22. Stock eines Wohn­hoch­hau­ses nahe der Clark Street wohnt. Ich hör­te, sie sei hoch­be­tagt und habe ihr Apart­ment seit über zehn Jah­ren nicht ver­las­sen. Die alte Dame lese viel und schaue gern vom Bal­kon aus zu den oran­ge­far­be­nen Schif­fen hin, die zwi­schen Man­hat­tan Süd und Sta­ten Island pen­deln. Ich erkun­dig­te mich, ob ich mich mit der alten Dame unter­hal­ten müs­se. Nein, nein, ich sol­le nur ein paar Geträn­ke vor­bei­brin­gen und viel­leicht ein wenig nach dem Müll schau­en, Mrs. Reiss habe noch nie einen deut­schen Mann ken­nen­ge­lernt, nur wel­che im Fern­se­hen gese­hen, sie wer­de sicher neu­gie­rig sein, sie spre­che aber nur sehr wenig, sie wer­de also neu­gie­rig vor allem mit ihren Augen sein. Über­haupt sol­le ich mich nicht wun­dern, ich wür­de das hören, sobald ich aus dem Auf­zug stei­ge, in ihrer Woh­nung sin­gen Vögel und brül­len Affen und zetern Zika­den unent­wegt. Wenn du die Augen schließt, dann meinst du dich im Urwald zu befin­den, das ist so, weil es in den Ohren der alten Dame seit vie­len Jah­ren hef­tig rauscht und pfeift, wes­halb sie jene frem­den Stim­men in ihre Woh­nung hol­te, damit sie das Geräusch, das sich in ihren Ohren befin­det, nicht als ihr eige­nes Geräusch wahr­neh­men müs­se. Mrs. Sini Reiss tra­ge ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res auf dem Kopf, ihr Mund sei hell­rot geschminkt, ihre Wan­gen apri­ko­sen­far­ben bepu­dert, sie tra­ge ein dun­kel­blau­es Kos­tüm, und sie lese die New York Times von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te Tag für Tag, sie wis­se über die Welt gut Bescheid, aber sie wol­le eigent­lich nichts hören und nicht spre­chen, son­dern nur die Zei­tung lesen und den Vögeln und Zika­den lau­schen. Genau so ist es gewe­sen. Es war ein Diens­tag. — stop
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vor schnee

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marim­ba : 6.18 – Ein Zoo­lo­ge, L., mit dem ich ges­tern am spä­ten Abend tele­fo­nier­te, erzähl­te von einer Rei­se nach Grön­land im ver­gan­ge­nen Früh­ling. Er sei ein­ge­la­den gewe­sen, an der Besich­ti­gung eines schla­fen­den Wales teil­zu­neh­men, der in einer tie­fen Bucht vor Oqaats­ut senk­recht mit dem Kopf nach oben im kal­ten Was­ser schweb­te. Ein groß­ar­ti­ger Anblick, die­ser mäch­ti­ge Kör­per, umschwärmt von See­hun­den, die unter glei­cher­ma­ßen neu­gie­ri­gen Fischen wil­der­ten. Von der nau­ti­schen Gesell­schaft der Uni­ver­si­tät Oslo sei­en meh­re­re Kame­ras ein­ge­setzt gewe­sen, die den Wal Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter unter­such­ten. Ers­te Hin­wei­se deu­te­ten auf eine mög­li­cher­wei­se noch unbe­kann­te Spe­zi­es hin. Man sei am zwei­ten Tage der Unter­su­chung behut­sam mit­tels eines Kör­per-U-Boo­tes in das Inne­re des Wales vor­ge­drun­gen, habe in die Dun­kel­heit des Magens geleuch­tet, um dort zwei sehr alte Käm­me von Elfen­bein vor­zu­fin­den, ein Kof­fer­ra­dio, drei Ret­tungs­rin­ge ohne Beschrif­tung, einen Peil­sen­der, sowie fünf Bücher, die merk­wür­di­ger­wei­se von was­ser­fes­ter Sub­stanz gewe­sen sei­en. Am kom­men­den Sonn­tag, so L., rei­se er nach Oqaats­ut zurück, der Wal schla­fe noch immer, er habe indes­sen kaum an Kör­per­mas­se ver­lo­ren, was höchst erstaun­lich sei. – Frei­tag. Frü­her Mor­gen. Die Luft duf­tet nach Schnee. – stop
basskäfer

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zwergdrache

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marim­ba : 2.24 – Ort: Upper Bay von New York. Zeit: Som­mer 1958. Auf einem Fähr­schiff, des­sen Name ich nicht ermit­teln konn­te, steht am Heck ein Jun­ge im Alter von unge­fähr 12 Jah­ren. Es ist frü­her Nach­mit­tag, die Schu­le ver­mut­lich gera­de vor­über, der Jun­ge fährt mit dem Schiff von Man­hat­tan nach Hau­se. Er trägt Halb­schu­he, ein hel­les Hemd, eine Kra­wat­te und ein dunk­les Jackett, sei­ne Schul­ta­sche lehnt an einem Pfei­ler, der für schwe­re Schiffstaue vor­ge­se­hen ist. Im Hin­ter­grund, am Hori­zont, sind Krä­ne zu erken­nen, die wie eiser­ne Vögel auf stel­zen­ar­ti­gen Füs­sen ste­hend, zu war­ten schei­nen. Eini­ge Meter über dem Jun­gen schwebt eine Möwe, auch sie ist, wie der Jun­ge selbst, reg­los in einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie gefan­gen. Zwei älte­re Per­so­nen, eine Frau in einem hel­len Kleid, und ein Mann, der einen dunk­len Anzug trägt, lun­gern auf einer Bank. Sie küs­sen sich gera­de auf den Mund, sind viel­leicht eigent­li­che Ursa­che der Foto­gra­fie, der Jun­ge, der gefähr­lich nah an der Kan­te zum Was­ser steht, ist also mög­li­cher­wei­se ver­se­hent­lich mit auf das Bild gera­ten. Eine Hand des Jun­gen ist nach vorn hin aus­ge­streckt, es ist sei­ne lin­ke Hand, wäh­rend sei­ne rech­te Hand einen Faden, so fein, dass er kaum noch sicht­bar ist, um die­se lin­ke aus­ge­streck­te Hand wickelt, als wäre sie eine Spu­le. Der Jun­ge scheint im Moment der Auf­nah­me mit sei­ner Arbeit des Wickelns bei­na­he fer­tig gewor­den zu sein, das Ende des Fadens wird bereits sicht­bar, ein klei­ner Dra­che von Papier ist dort befes­tigt, ein Dra­che nicht län­ger als zehn Zen­ti­me­ter und nicht brei­ter als sechs Zen­ti­me­ter, ein Zwerg­dra­che, in der ein­fach gekreuz­ten Form der Kin­der­dra­chen, des­sen Kör­per mit Sei­den­pa­pier bespannt gewe­sen sein könn­te, unbe­kann­te Far­be, viel­leicht blau, viel­leicht gelb. Eine erstaun­li­che Ent­de­ckung. Zwei­ter Blick. – stop

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ai : ASERBAIDSCHAN

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MENSCHEN IN GEFAHR: „Die aser­bai­dscha­ni­sche Men­schen­rechts­ver­tei­di­ge­rin Ley­la Yunus und ihr Ehe­mann Arif Yunus wur­den am 13. August 2015 zu acht­ein­halb bzw. sie­ben Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Der Gesund­heits­zu­stand von Arif Yunus hat sich wei­ter ver­schlech­tert, er ver­lor im Gerichts­saal das Bewusst­sein. Die aser­bai­dscha­ni­schen Behör­den schränk­ten zudem wei­ter­hin den Zugang für inter­na­tio­na­le Beobachter_innen und Journalist_innen zur Gerichts­ver­hand­lung ein. Die gewalt­lo­sen poli­ti­schen Gefan­ge­nen Ley­la und Arif Yunus wur­den am 13. August 2015 vom Gericht für schwe­re Straf­ta­ten in der aser­bai­dscha­ni­schen Haupt­stadt Baku zu acht­ein­halb bzw. sie­ben Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Bei­de wur­den des “Betrugs” und ande­rer Straf­ta­ten, die im Zusam­men­hang mit der Men­schen­rechts­ar­beit des Ehe­paa­res ste­hen, für schul­dig befun­den. Ley­la Yunus ist die Vor­sit­zen­de der aser­bai­dscha­ni­schen NGO_ Insti­tu­te for Peace and Democracy_. Vor ihrer Fest­nah­me hat­te sie die Behand­lung poli­ti­scher Gefan­ge­ner durch die Behör­den in Aser­bai­dschan doku­men­tiert. Ihr Ehe­mann Arif Yunus ist His­to­ri­ker und poli­ti­scher Akti­vist. Dem Ehe­paar wird außer­dem Lan­des­ver­rat wegen der angeb­li­chen Spio­na­ge für Arme­ni­en vor­ge­wor­fen. Die­se Ankla­ge wur­de jedoch zur Prü­fung an ein ande­res Gericht ver­wie­sen. Inter­na­tio­na­len Beobachter_innen und Journalist_innen wur­de der Zugang zum Gerichts­saal ver­wehrt und nur weni­ge Diplomat_innen durf­ten dem Ver­fah­ren bei­woh­nen. / Wäh­rend der Anhö­rung am 13. August ver­lor Arif Yunus das Bewusst­sein. Zuvor muss­te eine Anhö­rung vom 3. August auf den 5. August ver­tagt wer­den, nach­dem Arif Yunus auf­grund Blut­hoch­drucks ohn­mäch­tig gewor­den war. Im April 2014 erlitt er zwei Schlag­an­fäl­le. Sei­ne Fami­lie befürch­tet, dass er einen wei­te­ren Schlag­an­fall nicht über­le­ben wür­de. Bei Ley­la Yunus wur­den Dia­be­tes und Hepa­ti­tis C dia­gnos­ti­ziert. Zudem ist ihr Seh­ver­mö­gen auf dem lin­ken Auge ein­ge­schränkt. Sie erhält im Gefäng­nis kei­ne ange­mes­se­ne medi­zi­ni­sche Betreu­ung. Die Behör­den haben sich gewei­gert, die Men­schen­rechts­ver­tei­di­ge­rin in ein Kran­ken­haus zu ver­le­gen. Ley­la Yunus gab an, bedroht, drang­sa­liert und ein­ge­schüch­tert sowie miss­han­delt wor­den zu sein, nach­dem sie um medi­zi­ni­sche Hil­fe gebe­ten hat­te. / Arif und Ley­la Yunus wer­den seit Som­mer 2014 auf der Grund­la­ge kon­stru­ier­ter Ankla­gen in Haft gehal­ten. Zu den Vor­wür­fen zäh­len Lan­des­ver­rat und eini­ge Ankla­gen finan­zi­el­ler Natur. Nach Auf­fas­sung von Amnes­ty Inter­na­tio­nal hän­gen die­se Ankla­gen mit der legi­ti­men Men­schen­rechts­ar­beit des Ehe­paars sowie ihrer Kri­tik an der aser­bai­dscha­ni­schen Regie­rung zusam­men.“ — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 24. Sep­tem­ber 2015 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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Notiz des Fotografen:

cen­tral afri­can repu­blic: torn apart by violence:fane abdel­ka­rim ara­me, aged 70, found shel­ter at Eco­le liber­ty, but she still worries about the situa­ti­on in boss­an­goa. despi­te the arri­val of peace-kee­ping tro­ops, she said, “we can’t go back to our own dis­trict now, it’s been taken.”she said she had lost four rela­ti­ves in the vio­lence. “we grew up in this coun­try, my grand — par­ents are cen­tral afri­cans and we were here befo­re inde­pen­dence, we have seen six regimes come and go. we don’t have any­whe­re else to go.” she cal­led for a return to the days when com­mu­ni­ties lived in harmony.

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kekkola im eisfach

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ulys­ses : 0.05 — Seit eini­gen Stun­den bereits lese ich Berich­te der New York Times, die Kor­re­spon­den­ten kurz vor dem Ein­tref­fen des Wir­bel­sturms San­dy in einem Web­log notier­ten. Bald wer­de ich mei­ne Lek­tü­re unter­bre­chen. Das ist näm­lich so, dass ich mir für die kom­men­den Stun­den vor­ge­nom­men habe, eine Nacht des Jah­res 2012 zu wie­der­ho­len, sagen wir zur Fei­er des Tages. In weni­gen Minu­ten wer­de ich also vor mei­nen Kühl­schrank tre­ten, um in Lou­is Kekkola’s Eis­buch Das Wal­fisch­or­ches­ter wei­ter­zu­le­sen. Ich wer­de die Baum­woll­hand­schu­he der Archi­va­re tra­gen wie vor Jah­ren, wer­de mein Ton­band­ge­rät ein­schal­ten und lei­se spre­chen, indem ich das zer­brech­li­che Buch­we­sen vor­sich­tig in Hän­den hal­te. Sobald eine Sei­te des Buches abge­tas­tet sein wird, wer­de ich das Eis­fach schlie­ßen und in der Woh­nung spa­zie­ren, ein Gramm Wal­fisch­or­ches­ter im Kopf für ein Jahr.  — Eliza­bot ist zurück. — stop

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slow

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hima­la­ya : 18.08 — Er schrei­be, erzähl­te M., damit sich in sei­nem Leben nicht alles wie­der­ho­le, Tag, Nacht, Win­ter, Som­mer, wenn ich erfin­de und das Erfun­de­ne notie­re, dann ist das so, als wür­de ich neu­es Land ent­de­cken, das ich betre­ten, auf dem ich spa­zie­ren kann. Des­halb blei­be sein Leben span­nend, es wür­de ihm wohl nie lang­wei­lig wer­den, auch wenn er sich wochen­lang mit ein und der­sel­ben Fra­ge beschäf­ti­gen wür­de, zum Bei­spiel, wes­halb er noch nie eine Flie­ge bemer­ken konn­te, die auf dem Rücken flie­gen kann, obwohl sie doch längst erfun­den wor­den sei. — Vor weni­gen Minu­ten habe ich an M. seit lan­ger Zeit wie­der ein­mal gedacht, es war viel­leicht des­halb gewe­sen, weil ich einen Film beob­ach­te­te, der von der Arbeit und dem Leben John Irvings erzählt. Der Schrift­stel­ler erwähnt Fol­gen­des: Jener Zeit­raum, wenn ein Buch ver­öf­fent­licht wird, wenn alle Leu­te mit dir dar­über reden, ist sehr kurz, es ist nach weni­gen Mona­ten vor­bei. Dage­gen hat das Schrei­ben des Buches viel­leicht vier, fünf, sechs oder sogar sie­ben Jah­re gedau­ert. Und für das nächs­te Buch benö­tigt man dann wie­der so lan­ge. Durch das Rin­gen habe ich gelernt, dass man die­sen lan­gen Pro­zess lie­ben muss. Man muss es lie­ben, zu üben, die­sel­be Bewe­gung hun­dert­mal zu wie­der­ho­len, mit dem­sel­ben lang­wei­li­gen Spar­rings­part­ner. Es dau­ert lan­ge, Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter, hier etwas durch­strei­chen, die­sen Satz an die­se Stel­le, den Satz hier weg und dort­hin schie­ben, die Leu­te wür­den ein­schla­fen, wenn sie einem Schrift­stel­ler bei der Arbeit zuse­hen, oder einem Rin­ger beim Trai­ning. Es war wich­tig für mich, das zu ler­nen. — stop

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raymond carver goes to hasbrouck heights / 2

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zou­lou : 3.55 — Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, war­um ich mich ges­tern, wäh­rend ich einen Bericht über Unter­su­chun­gen der CIA-Fol­ter­prak­ti­ken durch Ermitt­ler des US-Senats stu­dier­te, an eine klei­ne Stadt erin­ner­te, die ich vor weni­gen Jah­ren ein­mal von Man­hat­tan aus besuch­te. Ich las von Schlaf­ent­zug, von Water­boar­ding, von engen, dunk­len Kis­ten, in wel­che man Men­schen tage­lang sperr­te, von Lärm, von rus­si­schem Rou­lette und plötz­lich also erin­ner­te ich mich an Ole­an­der­bäu­me, die ich gese­hen hat­te in Has­b­rouck Heights an einem son­ni­gen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glück­li­chen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazz­kon­zert nahe der Strand­pro­me­na­de. Ich notier­te damals: Es ist die Welt des Ray­mond Car­ver, die ich betre­te, als ich mit dem Bus die Stadt ver­las­se, west­wärts, durch den Lin­coln Tun­nel nach New Jer­sey. Der Blick auf den von Stei­nen bewach­se­nen Mus­kel Man­hat­tans, zum Grei­fen nah an die­sem Mor­gen küh­ler Luft. Dunst flim­mert in den Stra­ßen, deren Fluch­ten sich für Sekun­den­bruch­tei­le öff­nen, bald sind wir ins Gebiet nied­ri­ger Häu­ser vor­ge­drun­gen, Eis­zap­fen von Plas­tik fun­keln im Licht der Son­ne unter Regen­rin­nen. Der Bus­fah­rer, ein älte­rer Herr, begrüßt jeden zustei­gen­den Gast per­sön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Has­b­rouck Heights, eine hal­be Stun­de Zeit, des­halb liest man in der Zei­tung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf ros­ti­ge Brü­cken­rie­sen, die flach über die sump­fi­ge Gegend füh­ren. Und schon sind wir ange­kom­men, ein lie­be­voll gepfleg­ter Ort, der sich an eine stei­le Höhe lehnt, ein­stö­cki­ge Häu­ser in allen mög­li­chen Far­ben, groß­zü­gi­ge Gär­ten, Hecken, Büsche, Bäu­me sind auf den Zen­ti­me­ter genau nach Wün­schen ihrer Besit­zer zuge­schnit­ten. Nur sel­ten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­de­re von Stra­ße zu Stra­ße, wer­de dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spü­re die Bli­cke, die mir fol­gen, Bäu­me, Blu­men, Grä­ser schau­en mich an, das Feu­er der Aza­leen, Eich­hörn­chen stür­men über sanft geneig­te Dächer: Habt ihr ihn schon gese­hen, die­sen frem­den Mann mit sei­ner Pola­roid­ka­me­ra, die­sen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns neh­men, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gera­de foto­gra­fiert. Wol­len Sie sich betrach­ten? — stop

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