Aus der Wörtersammlung: welt

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eine postkarte

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zou­lou : 7.15 — Ges­tern ent­deck­te ich in mei­nem Brief­kas­ten eine Post­kar­te, die von irgend­je­man­dem mit win­zi­gen japa­ni­schen Zei­chen beschrif­tet wor­den war. Zunächst wirk­te der Text wie ein Mus­ter, das sich erst dann zu Schrift­zei­chen auf­lös­te, als ich mei­ne Bril­le aus der Schub­la­de hol­te. Ich konn­te den Text natür­lich nicht lesen. Ich neh­me an, die Post­kar­te wur­de ver­se­hent­lich in mei­nen Brief­kas­ten gewor­fen. Bei genaue­rer Unter­su­chung stell­te ich jedoch fest, dass die Post­kar­te in jedem ande­ren Brief­kas­ten ver­mut­lich gleich­wohl ein ver­se­hent­li­ches Ereig­nis gewe­sen wäre, die Post­kar­te trug näm­lich kei­ne Anschrift an der dafür vor­ge­se­he­nen Stel­le, aber eine Brief­mar­ke des japa­ni­schen Hoheits­ge­bie­tes. Auch auf ihrer Rück­sei­te war kein Adres­sat zu erken­nen. Eine Foto­gra­fie zeigt Samu­el Beckett, der unter einem blü­hen­den Kirsch­baum sitzt, oder einen Mann, der Samu­el Beckett ähn­lich sein könn­te, der Dich­ter im Alter von 160 Jah­ren, er hat sich kaum ver­än­dert. Ein sehr inter­es­san­tes Bild. Auf einem Ast des Bau­mes sind Eich­hörn­chen zu erken­nen, sie­ben oder acht Tie­re, die ihre Augen geschlos­sen hal­ten. Ich erin­ne­re mich, dass ich ein­mal davon hör­te, Men­schen wür­den immer wie­der ein­mal Post­kar­ten notie­ren, oft sehr auf­wen­dig aus­ge­ar­bei­te­te Schrift­stü­cke, um zuletzt die Adres­se des Emp­fän­gers zu ver­ges­sen. Das ist tra­gisch oder viel­leicht eine Metho­de, Infor­ma­ti­on an die Welt zu sen­den, die nie­man­den oder irgend­ei­nen belie­bi­gen Men­schen errei­chen soll. Nun liegt die­se Post­kar­te neben Zimt­ster­nen, Bana­nen und Äpfeln auf mei­nem Küchen­tisch. Zunächst hat­te ich das Wort L i e b e r in die Goog­le – Über­set­zer­ma­schi­ne ein­ge­ge­ben und in die japa­ni­sche Spra­che über­setzt. Zei­chen, die sich auf mei­nem Bild­schirm for­mier­ten, waren mit den ers­ten Zei­chen auf der Post­kar­te iden­tisch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In die­sem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, mei­nen Namen in die Mas­ke der Such­ma­schi­ne ein­zu­ge­ben. Es ist bald Mor­gen­däm­me­rung, ich höre Tau­ben auf dem Dach spa­zie­ren. — stop

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regensprache

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tan­go : 6.35 — Wäh­rend einer Trau­er­fei­er für Nel­son Man­de­la, hef­ti­ger Regen, soll ein Mann, den ich mit eige­nen Augen ohne Ver­zö­ge­rung beob­ach­te­te, in einer merk­wür­di­gen Zei­chen­spra­che Reden über­setzt oder beglei­tet haben, die für gehör­lo­se Men­schen nicht ver­ständ­lich gewe­sen war. Bereits nach den ers­ten Minu­ten sei­nes Auf­tritts hat­ten sich Men­schen irri­tiert und wütend an Fern­seh­sen­der mit der Fra­ge gewen­det, um wen es sich dort auf dem Bild­schirm eigent­lich han­del­te. Eine doch selt­sa­me Geschich­te. Man über­leg­te, ob der Mann viel­leicht gefähr­lich gewe­sen sein könn­te. Aber der Mann mach­te nur Luft­zei­chen mit sei­nen Hän­den, nichts wei­ter. Ich habe mich in den ver­gan­ge­nen Tagen gefragt, was der Mann erzählt haben könn­te oder durch sei­nen Auf­tritt andeu­ten woll­te. Der Mann war von sehr ordent­li­cher Gestal­tung gewe­sen, wirk­te klar und kon­zen­triert. Er erweck­te nicht den Ein­druck, als woll­te er aus rein per­sön­li­chen, aus Eitel­keits­grün­den dort oben auf der Büh­ne neben berühm­ten Per­sön­lich­kei­ten ste­hen, um auf sich auf­merk­sam zu machen. Er war ganz ein­fach da und ges­ti­ku­lier­te. Ich dach­te, es könn­te sich in die­ser welt­weit sicht­ba­ren Spra­che um eine erfun­de­ne, um eine zufäl­li­ge, also gar kei­ne Spra­che gehan­delt haben, weil man sie nie­mals ein­deu­tig wie­der­ho­len könn­te. Viel­leicht war es Musik, die der Mann mit sei­nen Zei­chen in aller Stil­le zur Auf­füh­rung brach­te. Viel­leicht über­setz­te er die Geräu­sche des Regens. — stop

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sturmvögel

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ulys­ses : 0.01 — Mein Vater erzähl­te, wenn man ernst­haft an etwas arbei­te, wür­de man auch nachts damit beschäf­tigt sein. Ein­mal sei an einem rie­si­gen, schnel­len Com­pu­ter im Kern­for­schungs­zen­trum CERN bei Genf, der mit­tels tau­sen­der Kabel­ver­bin­dun­gen an wei­te­re Com­pu­ter geknüpft gewe­sen war, ein Kabel ver­se­hent­lich oder mit Vor­satz aus sei­nem Ste­cker gezo­gen wor­den. Tage­lang sei­en sie damals auf Knien unter­wegs gewe­sen, um das lose Kabel auf­zu­spü­ren, des­sen sorg­lo­se Exis­tenz ohne Anga­be des Ortes auf einem Bild­schirm ange­zeigt wur­de. Er habe, sag­te Vater, damals die Welt in gel­ben Far­ben gese­hen und von Korn­wa­ren geträumt. Ich erin­ner­te mich heu­te dar­an, jetzt weiß ich Bescheid und bin zufrie­den. Träu­me seit Tagen von Wir­bel­stür­men und von klei­nen Vögeln, die durch die­se Stür­me irren. — stop
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ai : USBEKISTAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov ist seit April ohne Zugang zu sei­ner Fami­lie in Usbe­ki­stan inhaf­tiert. Sei­ne Fami­lie befürch­tet, dass ihm Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen dro­hen. / Der 38-jäh­ri­ge Tadschi­ke Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov ist am 25. April in Usbe­ki­stan ange­kom­men, um sein Kind aus ers­ter Ehe zu besu­chen. Er hät­te am 28. April wie­der nach Tadschi­ki­stan zurück­keh­ren sol­len. Am 29. April erhielt Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­novs Bru­der in Tadschi­ki­stan einen Anruf von des­sen Ex-Frau, die ihn dar­über in Kennt­nis setz­te, dass Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov am 27. April vom usbe­ki­schen natio­na­len Sicher­heits­dienst fest­ge­nom­men wor­den war. Sei­ne Ange­hö­ri­gen hat­ten seit­dem kei­nen Kon­takt mehr zu ihm. Berich­ten zufol­ge wur­de er zwei Tage lang auf einer Poli­zei­wa­che in Beko­bod in Ost-Usbe­ki­stan, 150 km von der Haupt­stadt Tasch­kent ent­fernt, fest­ge­hal­ten. Am 10. Juni erhielt die Fami­lie einen Anruf von einem Mann, der angab, in einer vor­über­ge­hen­den Haft­ein­rich­tung in Tasch­kent inhaf­tiert gewe­sen zu sein, in der auch Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov inhaf­tiert war. Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­novs Fami­lie weiß nicht, ob er Zugang zu einem Rechts­bei­stand hat. / Sein Bru­der kon­tak­tier­te das tadschi­ki­sche Kon­su­lat in Tasch­kent, um sich über die Grün­de für die Inhaf­tie­rung von Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov zu erkun­di­gen. Das tadschi­ki­sche Kon­su­lat bat das usbe­ki­sche Außen­mi­nis­te­ri­um um Aus­kunft und erhielt am 30. Mai die Rück­mel­dung, dass Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­nov nicht von der Poli­zei in Beko­bod fest­ge­nom­men wor­den war. Abdu­mav­lon Abdu­rakhmo­novs Vater schrieb dar­auf­hin im Juni an den tadschi­ki­schen Men­schen­rechts­om­buds­mann, um Unter­stüt­zung und Hil­fe bei der Auf­klä­rung des Ver­bleibs sei­nes Soh­nes zu erhal­ten. Der tadschi­ki­sche Ombuds­mann lei­te­te die Anfra­ge an den usbe­ki­schen Ombuds­mann wei­ter. Bis­her hat der tadschi­ki­sche Ombuds­mann jedoch kei­ne Ant­wort erhal­ten. / Men­schen, die ohne Kon­takt zur Außen­welt inhaf­tiert sind, dro­hen unab­hän­gig von der Län­ge der Inhaf­tie­rung Fol­ter und ande­re Miss­hand­lun­gen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen, mög­lichst unver­züg­lich und nicht über den 2. Okto­ber 2013 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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PRÄPARIERSAAL : ein arm

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gink­go : 0.18 — Pia erzählt: > Manch­mal, wenn ich abends nach dem Prä­pa­rier­kurs nach Hau­se gehe, bemer­ke ich, dass ich die Ein­drü­cke, die ich im Prä­pa­rier­saal gewon­nen habe, nicht mit der Stra­ße, über die ich spa­zie­re oder mit den Gesprä­chen der Men­schen, die ich in der U‑Bahn höre, in eine Ver­bin­dung brin­gen kann. Ich habe das Gefühl, dass der Saal frei schwebt, also ganz für sich ist, iso­liert. Ich rei­se zwi­schen zwei Wel­ten, von da nach dort und wie­der zurück, und das geht gut so hin und her. Ich wun­de­re mich, dass ich bis­her noch nie vom Prä­pa­rier­saal geträumt habe, ich kann mich jeden­falls nicht dar­an erin­nern, geträumt zu haben. Ich glau­be, ich bin in irgend­ei­ner Wei­se geschützt. Ich kann nicht genau sagen, was mich schützt, viel­leicht ist es die Freu­de an der Arbeit, die Dich­te der Auf­ga­ben, die mir gestellt sind. Ja, es ist viel zu tun. Lei­der kann ich nicht wirk­lich erzäh­len, was ich erle­be, ich mein Zuhau­se mei­nen Eltern oder mei­nen Freun­den. Die­se eine Geschich­te zum Bei­spiel, wie ich an einem Don­ners­tag in den Prä­pa­rier­saal tre­te und sehe, dass etwas grund­sätz­lich anders gewor­den ist. Ich war natür­lich nicht unvor­be­rei­tet gewe­sen, denn in der Prä­pa­rier­an­lei­tung wur­de ver­zeich­net, dass die Lei­chen auf dem Tisch von den Prä­pa­ra­to­ren an einem Mitt­woch­nach­mit­tag zer­legt wer­den. Und so war es gekom­men. Auf den Tischen lagen nur noch Arme und Bei­ne und die Hälf­ten je eines Kop­fes. Selt­sam, sage ich Ihnen, sehr selt­sam! Aber natür­lich sinn­voll. Von die­sem Moment an ist es mög­lich, einen Arm in die Hand zu neh­men und von allen Sei­ten her zu betrach­ten, oder ein Bein. Ich muss­te mich etwas über­win­den, das natür­lich, aber dann habe ich einen der bei­den Arme auf dem Tisch ange­ho­ben, bin mit ihm durch den Saal gelau­fen und habe ihn unter flie­ßen­dem Was­ser gewa­schen. Als ich auf dem Weg zurück an den Tisch war, kam mir eine Kom­mi­li­to­nin ent­ge­gen, auch sie trug einen Arm vor sich her. Der Arm war sehr groß, rich­tig schwer, eine klei­ne Frau und ein gro­ßer Män­ner­arm. Wir lächel­ten uns an, ich glau­be, weil wir bei­de in unse­ren Augen selt­sam aus­ge­se­hen haben könn­ten. Zurück an den Tisch gekom­men, habe ich das Arm­prä­pa­rat unter­sucht, Mus­keln, wo sie anset­zen, und Seh­nen. Ich erin­ne­re mich, ich habe etwas unter­nom­men, das ich nur des­halb tun konn­te, weil der Arm der Kör­per­spen­de­rin ganz für sich gewe­sen war. Ich habe näm­lich an einer Seh­ne des Unter­ar­mes gezupft und beob­ach­tet, wie sich an der Hand in nächs­ter Nähe ein Fin­ger beweg­te. Ein­mal, viel­leicht zwei oder drei Tage spä­ter, beob­ach­te­te ich, wie Kom­mi­li­to­nen an ihren Tischen, bevor sie ihr Prä­pa­rat mit Tüchern bedeck­ten, Arme und Bei­ne und die Hälf­ten der Gesich­ter, so auf dem Tisch anord­ne­ten, dass sie wie­der an einen voll­stän­di­gen Kör­per erin­ner­ten. Das hat mich beru­higt. - stop

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echoes

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sier­ra : 5.28 — Eine Amei­se hat­te trotz der gro­ßen Höhe, in der sich mei­ne Woh­nung befin­det, zu mir gefun­den. Sie klet­ter­te vor­sich­tig gegen den Boden zu, tas­te­te sich über war­mes Holz, erreich­te ein Tisch­bein, um kurz dar­auf direkt vor mei­nen Augen zu erschei­nen. Viel­leicht wird sie mei­nen Atem wahr­ge­nom­men haben, einen Wind, denn sie duck­te sich kurz, ich hat­te den Ein­druck, dass sie mich betrach­te­te. Aber dann lief sie wei­ter, umrun­de­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne, kreuz­te über den Tisch, um auf der ande­ren Sei­te wie­der abzu­stei­gen und in der Dun­kel­heit des Fens­ters zu ver­schwin­den. Nur weni­ge Minu­ten spä­ter, ich hat­te das Zim­mer kurz ver­las­sen, beweg­te sich eine dun­kel schim­mern­de Amei­sen­her­de exakt auf dem Pfad, den zuvor das ein­sa­me Tier genom­men hat­te, durch den Raum. Ein doch äußerst bemer­kens­wer­ter Vor­gang. Mög­li­cher­wei­se hat­te es sich zunächst um eine Kund­schaf­ter­amei­se gehan­delt, die mich besuch­te. Ihre Brü­der, ihre Schwes­tern waren nun sehr ziel­stre­big in mei­nem Zim­mer unter­wegs. Ich mein­te, das Geräusch hun­der­ter Bei­ne ver­neh­men zu kön­nen. Sie tru­gen Papie­re in ihren Zan­gen wie Fah­nen. Tat­säch­lich waren Zei­chen oder Tei­le von Zei­chen auf der Amei­sen­beu­te zu erken­nen, die sie gleich hin­ter mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu einem Berg schich­te­ten, um sofort wie­der zum Boden hin abzu­stei­gen. Nach einer hal­ben Stun­de, alle Amei­sen waren ver­schwun­den, schloss ich das Fens­ter. Ich hät­te schwö­ren kön­nen, mir den Besuch der Amei­sen nur ein­ge­bil­det zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­werk der Wan­de­rer als Beweis zurück­ge­blie­ben wäre. Natür­lich mach­te ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stun­de ver­ging, dann war ich mir sicher gewe­sen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf mei­nem Tisch um eine ein­zel­ne, zer­teil­te Buch­sei­te han­deln muss­te. Vier wei­te­re Stun­den spä­ter hat­te ich die Sei­te und ihre Zei­chen rekon­stru­iert. Fol­gen­der Text wur­de sicher­ge­stellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzähl­bar“, gefüllt mit Din­gen, Büchern, Büchern, die über Din­ge spre­chen, / die Welt trägt zusam­men und die Bücher tra­gen zusam­men, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf sei­nem Tisch Bücher und noch­mals Bücher zu sehen / und Foto­bü­cher, Kunst­bü­cher und Bücher, die von ande­ren Büchern reden, und sich nun selbst eben­falls anschi­cken, die Welt auf einem Blatt Papier zu erfas­sen, die­se ver­fluch­te Sum­me von Aus­las­sun­gen zu erfas­sen, um dem Sta­pel noch ein eige­nes Echo hin­zu­zu­fü­gen … Es ist fünf Uhr gewor­den. Ich bin zufrie­den. Ich habe den Ursprung des Tex­tes erin­nert. Er wur­de von Yas­mi­na Reza in ihrer Sona­te Ham­mer­kla­vier ver­öf­fent­licht und von Eugen Helm­lé aus der fran­zö­si­schen in die deut­sche Spra­che über­tra­gen. Drau­ßen wird es lang­sam hell, Regen fällt. — stop
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elisabeth

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hima­la­ya : 6.10 — Im Win­ter des ver­gan­ge­nen Jah­res, an einem win­dig kal­ten Tag, besuch­te ich in Brook­lyn einen alten Herrn, Mr. Tomaszwes­ka und sei­ne Frau Eli­sa­beth. Sie woh­nen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­cki­gen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hat­te den alten Mann wäh­rend einer Fahrt auf einem Fähr­schiff zufäl­lig ken­nen­ge­lernt. Er beob­ach­te­te, wie ich Fahr­gäs­te foto­gra­fier­te, die ihre Namen heim­lich in die höl­zer­nen Sitz­bän­ke des Schif­fes ritz­ten. Er sprach mich freund­lich an, woll­te mir einen Schrift­zug zei­gen, den er selbst drei Jahr­zehn­te zuvor an Ort und Stel­le in der glei­chen Wei­se wie die beob­ach­te­ten Pas­sa­gie­re ein­ge­tra­gen hat­te. Stolz war der alte Mann gewe­sen. Wir führ­ten ein kur­zes Gespräch über die New Yor­ker Hafen­be­hör­de, Eisen­bah­nen und Flug­zeu­ge, weiß der Him­mel, wie dar­auf gekom­men waren. Als wir das Schiff ver­lie­ßen, lud Mr. Tomaszwes­ka mich ein, ein­mal zu ihm zu kom­men, dar­um stieg ich nur weni­ge Tage spä­ter in den sechs­ten Stock des schma­len Hau­ses auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Woh­nung stand offen, war­me Luft kam mir ent­ge­gen, die nach süßem Teig duf­te­te, nach Zimt und Früch­ten. Die Räu­me hin­ter der Tür waren ver­dun­kelt. Ich hat­te sogleich den Ein­druck, dass ich viel­leicht träum­te oder ver­rückt gewor­den sein könn­te, weil in die­sem Halb­dun­kel an den Wän­den, auch auf dem Boden, Lam­pen, Dioden­lich­ter, glüh­ten. Modell­ei­sen­bahn­zü­ge fuh­ren auf schma­len Gelei­sen her­um. Ich höre noch jetzt das lei­se Pfei­fen einer Dampf­lo­ko­mo­ti­ve, das mei­nen Besuch beglei­te­te. Es war eine rasen­de Zeit, Stun­den des Stau­nens, da in der Woh­nung des alten Herrn eine sehr beson­de­re Modell­an­la­ge gas­tier­te, ja, ich soll­te sagen, dass die Woh­nung selbst zur Anla­ge gehör­te, wie der Him­mel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuh­ren auto­ma­tisch von einem Com­pu­ter gesteu­ert, die Luft über den Gelei­sen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indes­sen nicht viel, Mr. Tomaszwes­ka und ich, son­dern schau­ten dem Leben auf dem Boden in aller Stil­le zu. An einem Fens­ter, des­sen Vor­hän­ge zuge­zo­gen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Eli­sa­beth. Sie beach­te­te mich nicht, starr­te viel­mehr lächelnd auf eine klei­ne Klap­pe, die in die Wand des Hau­ses ein­ge­las­sen war. Manch­mal öff­ne­te sich die Klap­pe und ich konn­te für Momen­te das Meer erken­nen, das an die­sem Tag von grün­grau­er Far­be gewe­sen war, wun­der­ba­re Augen­bli­cke, denn immer dann, wenn das Meer in dem klei­nen Fens­ter erschien, lach­te die alte Frau mit glo­cken­hel­ler Stim­me auf, um kurz dar­auf wie­der zu erstar­ren. Ein­mal setz­te sich Mr. Tomaszwes­ka neben sei­ne Frau und füt­ter­te sie mit war­mem Oran­gen­ku­chen, den er selbst geba­cken hat­te. Und wie wir uns wie­der auf den Boden setz­ten, um ein Modell des Ori­ent­ex­press durch die Zim­mer der Woh­nung krei­sen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemein­sam hier oben sehr glück­lich sei­en. Er kön­ne mit sei­ner Frau zwar nicht mehr spre­chen, er kön­ne sie nur noch strei­cheln, was sie irgend­wie ver­ste­hen wür­de oder sich erin­nern an die Spra­che sei­ner Hän­de. Ver­stehst Du, sag­te er, sie ver­gisst immer sofort, alles ver­gisst sie, auch wer ich bin, aber sie ver­gisst nie­mals nach den klei­nen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kom­men dort durch die Klap­pe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wun­der, sag­te der alte Mann, wie schön sie lacht, mein jun­ges Mäd­chen, nicht wahr, mein jun­ges Mäd­chen. — stop

polaroidstrandburg

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von nachthüten

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echo : 6.48 — Es war das ers­te Mal, dass ich ein Hut­ge­schäft betre­ten habe. Es roch sehr gut, es roch nach fei­nen Stof­fen und nach Leder, es roch eigent­lich eher nach einem Schuh­ge­schäft als nach einem Geschäft für Hüte. Der Mann hin­ter dem Tre­sen trug natür­lich selbst einen Hut auf dem Kopf. Als ich mich näher­te, war er gera­de in ein Gespräch ver­tieft mit einem Herrn, der sich Hüte vor­füh­ren ließ. Er schien über sehr viel Geld zu ver­fü­gen, weil er jeden Hut, der ihm gefiel, unver­züg­lich kauf­te. Ein Turm von Hut­schach­teln, so hoch wie der Mann selbst, hat­te sich neben ihm gebil­det. Der Turm wur­de von einem Ange­stell­ten des Ladens fest­ge­hal­ten, damit er nicht stürz­te. Ein wei­te­rer jun­ger Mann klet­ter­te auf einer Lei­ter hin­ter dem Tre­sen vor einem Regal her­um, das aus einem frü­he­ren Jahr­hun­dert zu kom­men schien, das heißt, das Regal war übrig geblie­ben, wäh­rend ande­re Gegen­stän­de der­sel­ben Zeit längst ver­schwun­den waren. Eini­ge Minu­ten nahm kei­ner der Men­schen, die sich in dem Laden befan­den, Notiz von mir, und so konn­te ich die­se klei­ne Geschich­te beob­ach­ten, auch den Aus­füh­run­gen lau­schen, mit wel­chen der Mann, der Hüte kauf­te, sein Ver­hal­ten begrün­de­te. Obwohl auf sei­nem Kopf noch sehr viel Haar zu ent­de­cken war, schien der Mann sich bereits jetzt Gedan­ken dar­über zu machen, wie lang er über sein Haar noch ver­fü­gen wür­de. Er schien damit zu rech­nen, dass er bald kein ein­zi­ges oder nur räu­di­ges Haar auf dem Kopf tra­gen wür­de, dar­un­ter blo­ße Haut, nichts also als sei­nen Kopf, was für ihn inak­zep­ta­bel sein konn­te. Er woll­te nun vor­sorg­lich Hüte wie Fri­su­ren besit­zen, woll­te nichts ande­res, als mäch­tig sein über sei­ne Zukunft, vor­be­rei­tet, sagen wir. Selbst noch nachts, stell­te er sich vor, soll­te ein Hut sei­nen Kopf bede­cken, wes­we­gen er nach Nacht­hü­ten frag­te, aber so etwas gibt es nicht, oder bis­her nicht, Müt­zen ja, aber nicht Hüte, nicht Nacht­hü­te, was selt­sam ist, nicht wahr, dass es alles Mög­li­che gibt auf die­ser Welt, aber kei­ne Hüte, die rei­ne Nacht­hü­te sind. Seit ich das Hut­ge­schäft vor Stun­den ver­las­sen habe, den­ke ich dar­über nach, was einen Nacht­hut genau genom­men aus­ma­chen wür­de, was ihn von ande­ren Hüten unter­schei­den wür­de. Es müss­te ver­mut­lich sehr weich sein, das könn­te sein. Sehr viel wei­ter bin ich in mei­nen Über­le­gun­gen bis­lang nicht gekom­men. Es ist jetzt kurz nach drei Uhr. Schnee­wol­ken nähern sich von Nord­os­ten her. – stop

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nachtameise

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~ : sam
to : Mr. louis
sub­ject : WANDERAMEISE

Mein lie­ber Freund Lou­is, es gibt Neu­es zu berich­ten. Ich bin näm­lich umge­zo­gen, von einer Woh­nung in eine ande­re Woh­nung, bei­de befin­den sich in dem­sel­ben Haus. Jah­re­lang, wie Du weißt, leb­te ich im 3. Stock, jetzt schaue ich vom 25. Stock­werk auf die Stra­ße hin­un­ter. Die Men­schen sind noch klei­ner gewor­den, ihre Stim­men nicht län­ger zu hören. Ich woh­ne unter dem Dach. Manch­mal lie­ge ich rück­lings auf dem Boden und den­ke, dass es hier ganz wun­der­bar ist, weil ich nie wie­der von Schrit­ten geweckt wer­de, wenn ich schla­fe. Natür­lich ist der Auf­stieg beschwer­lich, kein Lift nach wie vor, aber die Luft scheint hell zu sein, auch nachts, weil sie so gut riecht, nach See­luft, ja, nach See­luft. Vor weni­gen Stun­den öff­ne­te ich das Fens­ter nach Süden hin und füt­ter­te Möwen mit Brot, seit­her umkrei­sen sie lau­ernd das Haus. Die Woh­nung neben­an scheint leer zu ste­hen, von unten ist lei­se Kla­vier­mu­sik zu hören, nichts wei­ter. Es ist über­haupt sehr still hier oben. Wäh­rend ich nachts, eine Wan­der­amei­se, mei­ne Bücher und Papie­re nach oben schlepp­te, war ich kei­ner Men­schen­see­le begeg­net. Aber ich hör­te Stim­men, nicht von den Türen, von irgend­wo her, als wären Men­schen in den Stu­fen, dem Holz des Trep­pen­ge­län­ders, den Wän­den des alten Hau­ses gefan­gen. In den höhe­ren Stock­wer­ken befin­den sich Brief­käs­ten mit schwe­ren, eiser­nen Deckeln, in wel­che man Bot­schaf­ten abwer­fen kann. Natür­lich bin ich nicht sicher, ob sie noch funk­tio­nie­ren. Ich habe zur Pro­be eine Nach­richt fol­gen­den Inhal­tes an mich selbst abge­schickt: Etwas Selt­sa­mes ist gesche­hen. Bin ges­tern Abend ein­ge­schla­fen, obwohl ich in einem äußerst span­nen­den Buch geblät­tert hat­te. Viel­leicht war’s die schwe­re, war­me Luft oder eine schlaf­lo­se Nacht der ver­gan­ge­nen Jah­re, die rasch noch nach­ge­holt wer­den muss­te. So oder so schlum­mer­te ich eine Stun­de tief und fest im Gras und wäre ver­mut­lich bis zum frü­hen Mor­gen hin in die­ser Wei­se anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gele­gen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­deln­den Amei­se geweckt wor­den wäre. Kaum hat­te ich die Augen geöff­net, war ich schon mit einer Fra­ge beschäf­tigt, die ich erst weni­ge Stun­den zuvor ent­deckt hat­te, mit der Fra­ge näm­lich, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Eine dif­fi­zi­le Fra­ge, eine Fra­ge, auf die ich bis­her viel­leicht des­halb kei­ne Ant­wort gefun­den habe, weil ich eine Ant­wort nur im Schlaf fin­den kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Dein Sam. Guten Mor­gen! — stop

gesen­det am
17.03.2013
8.15 pm
2253 zeichen

 

polaroidmusiker

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fingergeschichte

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india : 6.14 — Neh­men wir ein­mal an, irgend­wann in den kom­men­den Jahr­zehn­ten wür­de es mög­lich sein, einen Laden zu betre­ten wie man heu­te eine Apo­the­ke betritt, um sich einen sechs­ten Fin­ger für die rech­te Hand zu bestel­len. Oder ein drit­tes Ohr, oder ein fünf­tes Auge, eines, mit dem man schla­fen könn­te, wäh­rend alle wei­te­ren Augen das Gesche­hen in der nächs­ten Umge­bung über­wa­chen. Was darf es denn bit­te sein, wird man gefragt. Man ant­wor­tet unver­züg­lich: Guten Abend, ich hät­te ger­ne einen Fin­ger, sagen Sie, wann könn­te der Fin­ger einer rech­ten Hand frü­hes­tens fer­tig aus­ge­wach­sen sein? Und schon ist man wie­der auf die Stra­ße getre­ten. Man ist zufrie­den, ja glück­lich, weil man sich schon lan­ge Zeit einen sechs­ten Fin­ger wünsch­te, sie sind nicht ganz bil­lig zu haben, man muss sich einen sechs­ten Fin­ger sehr wohl über­le­gen. Aber wenn man den Fin­ger dann ver­bind­lich bestellt haben wird, ist alles ganz ein­fach gewor­den. Ein oder zwei Wochen, nicht län­ger wird man war­ten, bis man den Fin­ger in sich wach­sen fühlt. Es ist ein schmerz­lo­ser Vor­gang, eine lang erprob­te Sache, man hat schon viel vom Wach­sen der Fin­ger gehört. Der ein oder ande­re Freund ver­fügt bereits über Füße, auf wel­chen man sehr viel bes­ser ste­hen kann, als noch zuvor. Auch sind Men­schen, die über Ohren gebie­ten, mit wel­chen man von den Schul­tern aus die Welt belau­schen kann, längst kei­ne Sel­ten­heit. Irgend­wo im Nor­den soll eine Frau exis­tie­ren, die flie­gen kann, ein Wunsch viel­leicht, Legen­de, aber neh­men wir doch ein­mal an, es wür­den bald Läden exis­tie­ren für flie­gen­de Men­schen, oder Läden für moder­ne Kie­men­we­sen, wenn doch das Was­ser welt­weit gegen die Küs­ten steigt. — Frü­her Mor­gen. Die­ser klei­ne Text wur­de in einer Stra­ßen­bahn notiert. Die Stra­ßen damp­fen. Ich bin sehr schön wach gewor­den, weil ich durch­ge­schüt­telt wor­den bin. Um mich her­um schla­fen noch ein paar sehr müde Men­schen. Es ist eine sehr alte Stra­ßen­bahn. Über uns leuch­tet Glüh­bir­nen­licht. — stop

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