zwergseerosen

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0.05 – Lebte im Traum mit glühenden Panzer­fi­schen unter einem Dach. Konnte nicht sagen, ob meine Zimmer unter Wasser standen oder gefüllt waren mit Luft. Verfügte ich über Kiemen oder hatten die Fische Lungen? – Noch zu tun: Zwerg­see­rosen erfinden für Unter­was­ser­himmel.

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flaubert

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20.25 – Georges Perec zitiert Gustave Flau­bert: Paris wird ein Winter­garten werden / Spaliere mit Früchten auf den Boule­vards; die Seine filtriert und warm / Über­fluss an künst­li­chen Edel­steinen – über­reiche Vergol­dung. Beleuch­tung der Häuser – das Licht wird gespei­chert werden, denn es gibt Körper, die diese Eigen­schaft besitzen, wie etwa der Zucker, oder das Fleisch gewisser Mollusken und der Phos­phor aus Bologna. Die Häuser­fas­saden werden mit dieser phos­pho­res­zie­renden Substanz über­tüncht werden müssen und ihre Ausstrah­lung wird die Straßen hell erleuchten. | stop | Pleiade, II | stop | Endplan. | stop | Regen.

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strichzeichnung

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8.27 – Strich­zeich­nung eines Mann, der Schritt für Schritt die Küsten dieser Welt spaziert. Er schläft vor den Meeren und ernährt sich aus den Meeren. Er sammelt Dinge, die Meere an Land geworfen haben. Wenn er etwas sieht, das aus einem Meer gekommen ist, dreht und wendet er es mit der einen Hand in der anderen Hand. Dann beschreibt er seinen Fund, notiert Uhrzeit und Posi­tion, isst ihn auf oder legt ihn zurück auf den Boden. Der Mann, an den ich denke, schläft in einem Zelt, wenn es kalt ist oder wenn es regnet. Er trägt sehr gute, feste Schuhe, ist ausge­rüstet wie Menschen ausge­rüstet sind, die in den Bergen schwie­rige Wände durch­klet­tern. Sobald er sich bewegt, kann man ein Klim­pern hören. Manchmal passiert der Mann eine große Stadt. Dann beschleu­nigt er seine Schritte. Der Mann weiß aus Erfah­rung, dass er immer wieder zurück­kommen wird an den Ausgangsort seiner Reise die Küsten entlang. Heute, in den frühen Morgen­stunden, habe ich diesem Mann einen Namen gegeben und ein Alter und eine Statur, eine präzise Angabe, in welcher Höhe über dem Boden sich seine Augen befinden, wenn der Mann aufrecht steht.

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mercè rodoreda

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0.02 – Eine wunder­bare Geschichte habe ich entdeckt, eine Geschichte der kata­la­ni­schen Schrift­stel­lerin Mercè Rodo­reda. Ich darf sie rasch notieren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zerstreut­heit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in diesem Päck­chen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fallen, das in dem Knie ist, woran es fest­ge­näht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumen­um­hüllt sieht, das Päck­chen aufbricht und alles von blauem Saft über­schwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päck­chen im Knie … einver­standen. Aber das sind bloße Vermu­tungen. Die Wahr­heit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jeder­mann ist ein bißchen durch­ein­ander und verwirrt. – stop
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zeitort

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[ 0.08 ] – Ich schreibe diesen Text an einem Zeitort, der eigent­lich nicht exis­tiert. Habe mich um 0.05 Uhr an die Schreib­ma­schine gesetzt, aber noch ehe ich meine Hände auf die Tastatur gelegt hatte, war schon 1 Uhr geworden und ich hatte noch keinen einzigen druck­baren Satz notiert. Habe ich mir also eine zusätz­liche Stunde Zeit gemacht. Wieder war 0 Null Uhr geworden und ich dachte notie­rend über das Wasser­spre­chen nach. – Ist es möglich unter einer Meeres­ober­fläche Wörter aufzu­sagen? Ist es über­haupt Menschen möglich, unter Wasser so deut­lich zu spre­chen, dass zu verstehen ist, was ausge­spro­chen, das heißt, ausge­atmet wurde? Wie hört sich eine mensch­liche Stimme an, die unter Wasser spricht? Wie viele Sätze kann ich mit einer gesunden, mit einer prall mit Luft gefüllten Lunge so deut­lich spre­chen, dass von einer Unter­hal­tung die Rede sein könnte, wenn ich eine Antwort von einem weiteren Taucher erwarten würde?

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milchstraße

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0.15 – Die Wahr­neh­mung, dass ich Stern­bilder, die ich als Kind noch ausdeuten konnte, in meinem Kopf und auch am Himmel nicht wieder finden kann.

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blaue schuhe

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0.56 – Ich hatte mir vorge­nommen, eine kleine Notiz über eine Ameise zu schreiben, die ich gestern Nach­mittag in einem U-Bahn­waggon ange­troffen hatte. Aber dann habe ich meine Hände gesehen, wie sie dicht über der Tastatur der Schreib­ma­schine auf Anwei­sung warteten. Ich dachte, dass meine Hände jene anato­mi­schen Struk­turen meines Körpers sind, die ich am Besten kenne, weil ich sie sehr oft betrachtet habe. – Alle Hände, die ich erin­nern kann, sind die Hände eines Menschen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­nere mich an Bewe­gungen, die Kissen in einem Kinder­wagen sortieren. Ich erin­nere mich an meinen Wunsch, in meinem Kinder­wagen Ordnung zu halten. An hölzernes Spiel­zeug erin­nere ich mich, das vor meiner Nase baumelte. Da sind jetzt sehr kleine, blaue Schuhe in meinem Kopf. Sie bewegen sich, wenn ich wünsche, dass sie sich bewegen.

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eisballon

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0.18 – Erste Vorstel­lung eines Polar­kä­fers notiert. Dieser Käfer ist so hell, dass nur sehr feines Schat­ten­licht auf seinem Panzer Struk­turen eines Körpers sichtbar werden lässt. Ich könnte viel­leicht sagen, das heißt, ich könnte behaupten, dass der Käfer heller ist als der Schnee und kälter als das Eis. Er verträgt keine Dunkel­heit, auch Dämme­rung ist Dunkel­heit, und ernährt sich vom Fleisch sehr kleiner Krebse, die in Eisbal­lonen vom Wind durch die Luft getragen werden. Stunde um Stunde, je eine Bewe­gung, schlägt sein Herz.

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
subject : TROMPETENKÄFER

Lieber Eliot, bei uns ist jetzt schon Dienstag. Gestern, also am Montag noch, war ich spazieren im schönsten Garten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging verkehrt herum, es regnete aus dem Boden, die Sonne war auch irgendwo da unten und ich konnte nicht notieren, weil mir mein Notiz­buch davon geflogen war. Ich habe Dir deshalb nicht viel zu berichten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfange zu denken. An den letzten Gedanken, den ich in mein Notiz­buch notierte, ehe es an den Wind verloren ging, kann ich mich gerade noch erin­nern. Das also sollst Du wissen, ich habe entdeckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­käfer zu entwerfen wünsche, über die Lunge dieses Wesens, genauer über seine Luft­pumpe und ihre Posi­tion in den Zusam­men­hängen eines Käfer­kör­pers nach­zu­denken habe, ande­rer­seits, aus vorwie­gend physi­ka­li­schen Gründen, über die Füße des Käfers, die derart zu konzi­pieren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­tenton zu erzeugen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blüten­blatt oder einem mensch­li­chen Finger zu veran­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwarten dürfen, Wider­stand entge­gen­setzen zu können. Zu weiteren Gedanken, lieber Eliot, war ich gestern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch herüber gekommen sein. Diese E-mail ist schneller als der Wind. Dein Louis

gesendet am
11.03.2008
22.56 MEZ
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louis armstrong

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5.15 – Gestern, in den frühen Abend­stunden, eine zauber­hafte Text­pas­sage erin­nert, die ich vor langer Zeit einmal gelesen habe. Sie erzählte etwas von der Liebe zu Honig­broten und von der Ruhe eines Morgens vor einem leeren Schreib­tisch und von Louis Armstrongs knur­render und schnar­render Stimme, und weil ich gerade in einem Super­markt unter­wegs gewesen war, habe ich mir ein Glas Honig gekauft. Ich wollte der Kassie­rerin erzählen, weshalb ich mir Honig kaufe und dass dieses Glas das erste Glas Honig sei, das ich seit Jahren mit mir nach Hause nehmen würde, und dass man, wenn es regnet, zu Hause herum­sitzen könne und George Gershwins Summer­time hören in 20 Varia­tionen. Dann wahr­ge­nommen, wie müde, wie erschöpft die Frau gewesen ist. Anstatt zu spre­chen, etwas Scho­ko­lade ange­boten. Ihr selt­samer Blick ins rote Licht des Scan­ners. – Wenn man jahre­lang Bomben unter Menschen wirft, genügt die Behaup­tung einer Bombe, um eine Menschen­menge in eine tödlich wirkende Panik zu versetzen.

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larynx

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22.05 – Da war ein Tisch vor wenigen Stunden. Auf diesem Tisch lag ein geöff­neter mensch­li­cher Körper. In nächster Nähe lehnte eine hoch­ge­wach­sene junge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlossen, als wäre sie einge­schlafen. Ihre Hände betas­teten einen Kehl­kopf, das heißt, genauer betrachtet hüpften ihre Finger über den kleinen hell­braunen Körper hin, als wären sie Lebe­wesen für sich. Wenig später war die Frau wach geworden. Sie legte die fili­grane Struktur auf den Tisch zurück, zog ihre Hand­schuhe aus und sagte: Aber natür­lich darfst Du das wissen. Ich habe nach­ge­dacht und geträumt zur glei­chen Zeit. Rasch machte sie mit einer Hand eine Schale, hob den Kehl­kopf mit der anderen Hand vom Tisch und legte ihn dorthin ab: Ein Larynx! Gran­dios, nicht wahr! Was ich mit meinen Fingern ange­schaut habe, geht nie wieder fort! – Tauben­grauer Himmel. Leichter Regen. Sturm von Südwest.

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lichtschlitten

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0.12 – Am späten Abend, um 22 Uhr und 28 Minuten präzise, verzeichnet der Google – Index 2.850.000 Ergeb­nisse für die Suche nach Albert Camus in 0,15 Sekunden und für das Wort Sonne 31.500.000 Einträge in 0.03 Sekunden. Ist es Menschen möglich einen Zeit­raum von 0.15 Sekunden vorzu­stellen? Könnte ich, wenn ich übte, ein Gefühl entwi­ckeln für die Zeit­dif­fe­renz zwischen 0.15 Sekunden und 0.03 Sekunden? Wie lange Zeit müsste ich mit lauter Stimme spre­chend zählen, bis ich die Zahl 850.000 erreicht haben würde? Könnte ich soweit zählen, ohne einmal schlafen zu müssen? – Kurz nach Mitter­nacht. Ich scanne die Foto­grafie einer indi­schen Frau, die viel­leicht nie erfahren wird, dass die Aufnahme ihrer Person unter der Bezeich­nung darjiling.gif der Elek­tro­sphäre zuge­fügt worden ist. – Das feine Geräusch der Motoren, die den Licht­schlitten ziehen. Sieben Uhr acht­und­zwanzig in Lhasa, Tibet. – stop

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lowrysteine

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3.15 – Bei feiner Coltrane­musik Notiz­par­ti­cles für Lowrystory über­tragen. Sagen wir : Atlantik : Dampfer : Koffer : Blackout : Ellis Island : Trom­pete : Mexiko : Höllen­stein : Gin : Satellit : Vulkan : Bellevue : Walfisch­vogel : Melville : Battery Park : : lunar caustic. – Um nicht einzu­schlafen, verbringe ich diese Nacht auf einem sehr harten, hölzernen Garten­stuhl. 70 Meter tief unter der Wasser­ober­fläche, 2000 m hoch über dem Meeres­boden. | stop | Licht­blitze einer Meduse. | stop | Schla­fende Walfi­sche. | stop | Senk­recht schwe­bende Türme. | stop | Ein Granat­barsch, der sich um mein linkes Ohr bemüht. | stop | Salz im Mund. | stop | Suche nach neuen Pseud­onymen. – Elf Uhr fünf­und­zwanzig in Lhasa, Tibet. – stop

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particlesmaschine

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5.48 – Die Beob­ach­tung, dass ich in der Parti­cles­ma­schine vergeb­lich mit der Mouse einzu­fangen versuchte, was ich kurz zuvor noch durch einen Code in Bewe­gung gesetzt hatte. Sofort ein Gefühl von Heiter­keit. Ich könnte viel­leicht sagen, dass diese Beob­ach­tung des Schei­terns an Objekten, die ich selbst geschaffen habe, grund­sätz­lich zu tun haben könnte mit der suchenden Bewe­gung schrei­bender Menschen. Da schwebt zum Beispiel Kentaur Billy vor Neufund­land 70 Meter tief unter dem Meeres­spiegel. Eine Erfin­dung. Eine Erfin­dung, die zunächst eine Entde­ckung gewesen ist, die Wahr­neh­mung einer uralten, einer neuro­lo­gisch fest verschal­teten Form, die unver­züg­lich, blitz­artig, weiter­ge­faltet wurde, ein Modell wenig später mit Robben­fell an der ein oder anderen Körper­stelle, einem schönen Menschen­kopf, der Heck­flosse eines Walfi­sches und anato­misch klan­des­tinen Verdau­ungs­or­ganen eines Pferdes. Sobald dieses Wesen vor mir schwebte und sprach, war es nie wieder einzu­holen, weil es in der Sekunde seiner Entde­ckung, in jener ersten Sekunde seiner Exis­tenz, sich sofort in eine jener Substanzen verwan­delte, die nur unvoll­kommen in einen erzäh­lenden Text zu trans­por­tieren sind, weil dieser tauchende Kentaur wie alle anderen Wesen höchst feinen Gesang aus 1 Tril­li­arde Ziffern erwartet. – 12.58 in Tibet. Lhasa.

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kiemenmenschen

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2.21 – Träumte von Kiemen­men­schen, die in Schwärmen unter oder neben Mond­fi­schen leben. Selt­same Geschichte. – Zehn Uhr sechs­und­zwanzig in Lhasa, Tibet. – stop

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google

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15.53 – Seit Wochen der Versuch, mit der Such­ma­schine Google zu spre­chen. Spiele, verhandle oder kämpfe ich? Was ist ein Metatag? Eine Anwei­sung oder eine Bitte? – Die Vorstel­lung der Milli­arden mikro­sko­pisch kleiner Riesen­räder, die sich langsam durch meine Blut­ge­fäße drehen. – Gene Krupa : Drum­merman.

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körperzeit

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15.35 – Körper­zeit kennt nur eine Rich­tung. Die elek­tri­sche Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit, der gegen­wär­tigen wie der vergan­genen Wirk­lich­keit, scheint dagegen niemals linear zu sein. Viel­leicht deshalb, weil sich die Substanzen der Erin­ne­rung wie Flüs­sig­keiten verhalten. Eine Ordnung hinein­zu­denken fordert Arbeit, ein Vorher und Nachher zu iden­ti­fi­zieren, Konse­quenz. Nie kann ich sicher sein, ob ich meine vergan­gene Zeit gerade wieder­finde oder ob ich eine ganz andere, nie dage­we­sene Zeit erfinde. – Habe einen Katalog jener Erschei­nungen erstellt, die ich in der Google Earth Pixel­welt aufsu­chen werde, beispiels­weise Kamel­ko­lonnen auf einer Wüsten­ober­fläche oder die Spuren des Krieges in der Stadt Grosny, Ground Zero, Gold­grä­ber­sied­lungen am Amazonas, meine alten Spazier­wege in Paris, Eisver­käufer im Central­park, die kleine Stadt Petuschki und ihre Eisen­bahn, Elephan­tis­land, Menchen­ka­ra­wanen auf dem Chomo­lungma, Soveto, Lampe­dusa, Alca­traz. – Null Uhr sieb­zehn in Lhasa, Tibet.

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sames salter

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~ : louis
to : Mr. james salter
subject : MARIT

Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreib­tisch saß und in Ihren wunder­baren Erzäh­lungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beob­ach­tete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatt­haare eines Elefan­ten­fuß­baumes, der neben meiner Compu­ter­ma­schine steht, und beob­ach­tete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe über­legt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nach­ge­dacht, ob Spinnen viel­leicht hören, – ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nach­zu­gehen, ob Spinnen über Ohren­paare oder doch wenigs­tens über einen zentralen Gehör­gang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreib­tisch, ich las und die kleine geti­gerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Compu­ter­ma­schine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luft­nummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinaus­zö­gerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst heraus­ge­kommen war, verspeiste, demzu­folge verkürzte. Viel­leicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrach­tete, das ist denkbar, weil ich aufge­hört hatte, laut zu lesen für einen Moment, um nach­zu­denken, viel­leicht wollte sie, um sich mir darzu­stellen, auf meiner Augen­höhe bleiben. Das war genau in dem Moment als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsi­cheren Beinen die Treppe herun­ter­ge­kommen war, Marit, die doch eigent­lich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erin­nern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüt­tert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreib­tisch und über­legte, ob auch sie, James Salter, erschüt­tert waren, als Marit so langsam, auf unsi­cheren Beinen die Treppe herun­terkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreib­ma­schine dachte, beob­ach­tete ich die Spinne, die mit ihren sehr kleinen Beinen, den Faden, an dem sie hing, betas­tete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schine zwei Buch­staben zur glei­chen Zeit, also über­ein­ander, auf das Papier oder den Bild­schirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herz­li­chen Grüßen. Louis.

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LUMUMBA

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2.27 – Das Geräusch eines Blei­stifts auf Papier. Seit ich vor einigen Tagen bemerkte, dass ich nach und nach die Fertig­keit des Schrei­bens mit der Hand verliere, notiere ich wieder mit dem Blei­stift in ein Heft. – Folgendes, sagen wir. Sobald ich ein Wort Zeichen für Zeichen lese, sobald ich das Wort in ein Geräusch verwan­delt habe, verliere ich seine Bedeu­tung. Das Wort LUMUMBA zum Beispiel, warm, tief, wohl­klin­gend, leer. Alle Wörter, die ich nach diesem Wort LUMUMBA erfinde, tragen ein – u – in sich. Zu diesem Zeit­punkt kann ich sagen, dass ich gegen das intensiv wirkende – u – in dem Wort LUMUMBA am Besten mit einem – i – ankommen kann. – HIBISCILLI. – Das – i -, weiß der Himmel warum, hat in meinem Kopf mit Freude, mit Glück zu tun. Also weiter mit der Musik : begaioku : lidabobi : basi­jebu : pome­bebu : bodi­babe : mitu­subu : cawa­riba : babunabe : nufu­metu.

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real online kiss

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15.14 – Wieder etwas Fénéon gelesen, feine Geschichten, die von schnellen Zügen, von rauchenden Pistolen, von liebes­tollen Mördern, von Bomben und anderen Unglücks­mo­menten erzählen. – Geschichte No 162 zum Beispiel : Kaum getraut, war das Ehepaar Boulch aus Lambé­zelle ( Finis­tère ) schon so betrunken, dass man es auf der Stelle einsperren musste. – Oder diese Geschichte No 373 : Auf dem Dach­first des Bahn­hofs von Enghien erhielt ein Maler einen elek­tri­schen Schlag. Man hörte noch das Klap­pern seines Gebisses, dann fiel er auf die Markise. – Muss neue Sprache lernen. rok = real online kiss. – Nichts weiter.

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karpfenzungen

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18.15 – Ich hörte, eine U-Bahn­linie soll einmal vor langer Zeit Europa verbunden haben mit dem nord­ame­ri­ka­ni­schen Konti­nent. Sie folgte dem 55. Brei­ten­grad unter atlan­ti­schen Gesteinen, nahe Bryant Park, Manhattan, stieg man zu. Dann fuhr man los. Man fuhr zwei Tage und drei Nächte, Zeit, viel Zeit, Geschichten zu erzählen. Wenn Nacht geworden war unter dem Meeres­boden, schlief man auf Hänge­matten gebettet tief und fest, war wieder Tag geworden, saß man plau­dernd vor den Fens­tern zu den Steinen. Am letzten Abend der Reise endlich wurde getanzt bis spät in die Nacht. Schon mittel­eu­ro­päi­scher Zeit, servierte man über offenen Feuern gebra­tene Täub­chen. Die waren prall gefüllt mit Karpfen­zungen. Dann war’s fünf und Morgen über Buda­pest. Metro Vörös­marty tér stieg man aus und jeder ging seiner Wege. – Zwei Uhr fünf­und­zwanzig in Lhasa, Tibet. – stop

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