zwergseerosen

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0.05 — Lebte im Traum mit glühen­den Panz­er­fis­chen unter einem Dach. Kon­nte nicht sagen, ob meine Zim­mer unter Wass­er standen oder gefüllt waren mit Luft. Ver­fügte ich über Kiemen oder hat­ten die Fis­che Lun­gen? — Noch zu tun: Zwergseerosen erfind­en für Unter­wasser­him­mel.

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flaubert

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20.25 — Georges Perec zitiert Gus­tave Flaubert: Paris wird ein Win­ter­garten wer­den / Spaliere mit Frücht­en auf den Boule­vards; die Seine fil­tri­ert und warm / Über­fluss an kün­stlichen Edel­steinen – über­re­iche Ver­goldung. Beleuch­tung der Häuser – das Licht wird gespe­ichert wer­den, denn es gibt Kör­p­er, die diese Eigen­schaft besitzen, wie etwa der Zuck­er, oder das Fleisch gewiss­er Mol­lusken und der Phos­phor aus Bologna. Die Häuser­fas­saden wer­den mit dieser phos­pho­reszieren­den Sub­stanz übertüncht wer­den müssen und ihre Ausstrahlung wird die Straßen hell erleucht­en. | stop | Pleiade, II | stop | End­plan. | stop | Regen.

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strichzeichnung

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8.27 — Strichze­ich­nung eines Mann, der Schritt für Schritt die Küsten dieser Welt spaziert. Er schläft vor den Meeren und ernährt sich aus den Meeren. Er sam­melt Dinge, die Meere an Land gewor­fen haben. Wenn er etwas sieht, das aus einem Meer gekom­men ist, dreht und wen­det er es mit der einen Hand in der anderen Hand. Dann beschreibt er seinen Fund, notiert Uhrzeit und Posi­tion, isst ihn auf oder legt ihn zurück auf den Boden. Der Mann, an den ich denke, schläft in einem Zelt, wenn es kalt ist oder wenn es reg­net. Er trägt sehr gute, feste Schuhe, ist aus­gerüstet wie Men­schen aus­gerüstet sind, die in den Bergen schwierige Wände durchk­let­tern. Sobald er sich bewegt, kann man ein Klimpern hören. Manch­mal passiert der Mann eine große Stadt. Dann beschle­u­nigt er seine Schritte. Der Mann weiß aus Erfahrung, dass er immer wieder zurück­kom­men wird an den Aus­gang­sort sein­er Reise die Küsten ent­lang. Heute, in den frühen Mor­gen­stun­den, habe ich diesem Mann einen Namen gegeben und ein Alter und eine Statur, eine präzise Angabe, in welch­er Höhe über dem Boden sich seine Augen befind­en, wenn der Mann aufrecht ste­ht.

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mercè rodoreda

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0.02 — Eine wun­der­bare Geschichte habe ich ent­deckt, eine Geschichte der kata­lanis­chen Schrift­stel­lerin Mer­cè Rodor­e­da. Ich darf sie rasch notieren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plöt­zlich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zer­streutheit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadi­gem Spe­ichel fest­genäht, ein Päckchen, und in diesem Päckchen, umgeben von Eiern und von Blau – rein­stes Indulin – ist der Ehe­mann. Dieser Ehe­mann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päckchen fall­en, das in dem Knie ist, woran es fest­genäht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päckchen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blu­menumhüllt sieht, das Päckchen auf­bricht und alles von blauem Saft über­schwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort los­fliegen, jedes mit seinem Päckchen im Knie … ein­ver­standen. Aber das sind bloße Ver­mu­tun­gen. Die Wahrheit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jed­er­mann ist ein bißchen durcheinan­der und ver­wirrt. — stop
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zeitort

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[ 0.08 ] — Ich schreibe diesen Text an einem Zeitort, der eigentlich nicht existiert. Habe mich um 0.05 Uhr an die Schreib­mas­chine geset­zt, aber noch ehe ich meine Hände auf die Tas­tatur gelegt hat­te, war schon 1 Uhr gewor­den und ich hat­te noch keinen einzi­gen druck­baren Satz notiert. Habe ich mir also eine zusät­zliche Stunde Zeit gemacht. Wieder war 0 Null Uhr gewor­den und ich dachte notierend über das Wasser­sprechen nach. — Ist es möglich unter ein­er Meere­sober­fläche Wörter aufzusagen? Ist es über­haupt Men­schen möglich, unter Wass­er so deut­lich zu sprechen, dass zu ver­ste­hen ist, was aus­ge­sprochen, das heißt, aus­geat­met wurde? Wie hört sich eine men­schliche Stimme an, die unter Wass­er spricht? Wie viele Sätze kann ich mit ein­er gesun­den, mit ein­er prall mit Luft gefüll­ten Lunge so deut­lich sprechen, dass von ein­er Unter­hal­tung die Rede sein kön­nte, wenn ich eine Antwort von einem weit­eren Tauch­er erwarten würde?

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milchstraße

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0.15 — Die Wahrnehmung, dass ich Stern­bilder, die ich als Kind noch aus­deuten kon­nte, in meinem Kopf und auch am Him­mel nicht wieder find­en kann.

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blaue schuhe

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0.56 — Ich hat­te mir vorgenom­men, eine kleine Notiz über eine Ameise zu schreiben, die ich gestern Nach­mit­tag in einem U-Bah­n­wag­gon angetrof­fen hat­te. Aber dann habe ich meine Hände gese­hen, wie sie dicht über der Tas­tatur der Schreib­mas­chine auf Anweisung warteten. Ich dachte, dass meine Hände jene anatomis­chen Struk­turen meines Kör­pers sind, die ich am Besten kenne, weil ich sie sehr oft betra­chtet habe. — Alle Hände, die ich erin­nern kann, sind die Hände eines Men­schen, der nicht mehr Kind ist. Aber ich erin­nere mich an Bewe­gun­gen, die Kissen in einem Kinder­wa­gen sortieren. Ich erin­nere mich an meinen Wun­sch, in meinem Kinder­wa­gen Ord­nung zu hal­ten. An hölz­ernes Spielzeug erin­nere ich mich, das vor mein­er Nase baumelte. Da sind jet­zt sehr kleine, blaue Schuhe in meinem Kopf. Sie bewe­gen sich, wenn ich wün­sche, dass sie sich bewe­gen.

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eisballon

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0.18 – Erste Vorstel­lung eines Polarkäfers notiert. Dieser Käfer ist so hell, dass nur sehr feines Schat­ten­licht auf seinem Panz­er Struk­turen eines Kör­pers sicht­bar wer­den lässt. Ich kön­nte vielle­icht sagen, das heißt, ich kön­nte behaupten, dass der Käfer heller ist als der Schnee und käl­ter als das Eis. Er verträgt keine Dunkel­heit, auch Däm­merung ist Dunkel­heit, und ernährt sich vom Fleisch sehr klein­er Kreb­se, die in Eis­bal­lo­nen vom Wind durch die Luft getra­gen wer­den. Stunde um Stunde, je eine Bewe­gung, schlägt sein Herz.

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lieber Eliot, bei uns ist jet­zt schon Dien­stag. Gestern, also am Mon­tag noch, war ich spazieren im schön­sten Garten der Stadt. Stür­mis­che Luft, alles ging verkehrt herum, es reg­nete aus dem Boden, die Sonne war auch irgend­wo da unten und ich kon­nte nicht notieren, weil mir mein Notizbuch davon geflo­gen war. Ich habe Dir deshalb nicht viel zu bericht­en, weil ich ohne mein Notizbuch nicht anfange zu denken. An den let­zten Gedanken, den ich in mein Notizbuch notierte, ehe es an den Wind ver­loren ging, kann ich mich ger­ade noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trompe­tenkäfer zu entwer­fen wün­sche, über die Lunge dieses Wesens, genauer über seine Luft­pumpe und ihre Posi­tion in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nachzu­denken habe, ander­er­seits, aus vor­wiegend physikalis­chen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu konzip­ieren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trompe­ten­ton zu erzeu­gen wün­scht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blüten­blatt oder einem men­schlichen Fin­ger zu ver­ankern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sich­er erwarten dür­fen, Wider­stand ent­ge­genset­zen zu kön­nen. Zu weit­eren Gedanken, lieber Eliot, war ich gestern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch herüber gekom­men sein. Diese E-mail ist schneller als der Wind. Dein Louis

gesendet am
11.03.2008
22.56 MEZ
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louis armstrong

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5.15 — Gestern, in den frühen Abend­stun­den, eine zauber­hafte Textpas­sage erin­nert, die ich vor langer Zeit ein­mal gele­sen habe. Sie erzählte etwas von der Liebe zu Honig­broten und von der Ruhe eines Mor­gens vor einem leeren Schreibtisch und von Louis Arm­strongs knur­ren­der und schnar­ren­der Stimme, und weil ich ger­ade in einem Super­markt unter­wegs gewe­sen war, habe ich mir ein Glas Honig gekauft. Ich wollte der Kassiererin erzählen, weshalb ich mir Honig kaufe und dass dieses Glas das erste Glas Honig sei, das ich seit Jahren mit mir nach Hause nehmen würde, und dass man, wenn es reg­net, zu Hause herum­sitzen könne und George Gersh­wins Sum­mer­time hören in 20 Vari­a­tio­nen. Dann wahrgenom­men, wie müde, wie erschöpft die Frau gewe­sen ist. Anstatt zu sprechen, etwas Schoko­lade ange­boten. Ihr selt­samer Blick ins rote Licht des Scan­ners. — Wenn man jahre­lang Bomben unter Men­schen wirft, genügt die Behaup­tung ein­er Bombe, um eine Men­schen­menge in eine tödlich wirk­ende Panik zu ver­set­zen.

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larynx

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22.05 – Da war ein Tisch vor weni­gen Stun­den. Auf diesem Tisch lag ein geöffneter men­schlich­er Kör­p­er. In näch­ster Nähe lehnte eine hochgewach­sene junge Frau mit dem Rück­en an ein­er Wand, Augen geschlossen, als wäre sie eingeschlafen. Ihre Hände betasteten einen Kehlkopf, das heißt, genauer betra­chtet hüpften ihre Fin­ger über den kleinen hell­braunen Kör­p­er hin, als wären sie Lebe­we­sen für sich. Wenig später war die Frau wach gewor­den. Sie legte die fil­igrane Struk­tur auf den Tisch zurück, zog ihre Hand­schuhe aus und sagte: Aber natür­lich darf­st Du das wis­sen. Ich habe nachgedacht und geträumt zur gle­ichen Zeit. Rasch machte sie mit ein­er Hand eine Schale, hob den Kehlkopf mit der anderen Hand vom Tisch und legte ihn dor­thin ab: Ein Lar­ynx! Grandios, nicht wahr! Was ich mit meinen Fin­gern angeschaut habe, geht nie wieder fort! – Tauben­grauer Him­mel. Leichter Regen. Sturm von Süd­west.

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lichtschlitten

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0.12 — Am späten Abend, um 22 Uhr und 28 Minuten präzise, verze­ich­net der Google – Index 2.850.000 Ergeb­nisse für die Suche nach Albert Camus in 0,15 Sekun­den und für das Wort Sonne 31.500.000 Ein­träge in 0.03 Sekun­den. Ist es Men­schen möglich einen Zeitraum von 0.15 Sekun­den vorzustellen? Kön­nte ich, wenn ich übte, ein Gefühl entwick­eln für die Zeit­d­if­ferenz zwis­chen 0.15 Sekun­den und 0.03 Sekun­den? Wie lange Zeit müsste ich mit lauter Stimme sprechend zählen, bis ich die Zahl 850.000 erre­icht haben würde? Kön­nte ich soweit zählen, ohne ein­mal schlafen zu müssen? – Kurz nach Mit­ter­nacht. Ich scanne die Fotografie ein­er indis­chen Frau, die vielle­icht nie erfahren wird, dass die Auf­nahme ihrer Per­son unter der Beze­ich­nung darjiling.gif der Elek­tro­sphäre zuge­fügt wor­den ist. — Das feine Geräusch der Motoren, die den Lichtschlit­ten ziehen. Sieben Uhr achtundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop

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lowrysteine

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3.15 — Bei fein­er Coltrane­musik Notiz­par­ti­cles für Lowrys­to­ry über­tra­gen. Sagen wir : Atlantik : Dampfer : Kof­fer : Black­out : Ellis Island : Trompete : Mexiko : Höl­len­stein : Gin : Satel­lit : Vulkan : Belle­vue : Wal­fis­chvo­gel : Melville : Bat­tery Park : : lunar caus­tic. — Um nicht einzuschlafen, ver­bringe ich diese Nacht auf einem sehr harten, hölz­er­nen Garten­stuhl. 70 Meter tief unter der Wasser­ober­fläche, 2000 m hoch über dem Meeres­bo­den. | stop | Licht­blitze ein­er Meduse. | stop | Schlafende Wal­fis­che. | stop | Senkrecht schwebende Türme. | stop | Ein Granat­barsch, der sich um mein linkes Ohr bemüht. | stop | Salz im Mund. | stop | Suche nach neuen Pseu­do­ny­men. — Elf Uhr fün­fundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop

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particlesmaschine

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5.48 — Die Beobach­tung, dass ich in der Par­ti­cles­mas­chine verge­blich mit der Mouse einz­u­fan­gen ver­suchte, was ich kurz zuvor noch durch einen Code in Bewe­gung geset­zt hat­te. Sofort ein Gefühl von Heit­erkeit. Ich kön­nte vielle­icht sagen, dass diese Beobach­tung des Scheit­erns an Objek­ten, die ich selb­st geschaf­fen habe, grund­sät­zlich zu tun haben kön­nte mit der suchen­den Bewe­gung schreiben­der Men­schen. Da schwebt zum Beispiel Ken­taur Bil­ly vor Neu­fund­land 70 Meter tief unter dem Meer­esspiegel. Eine Erfind­ung. Eine Erfind­ung, die zunächst eine Ent­deck­ung gewe­sen ist, die Wahrnehmung ein­er ural­ten, ein­er neu­rol­o­gisch fest ver­schal­teten Form, die unverzüglich, blitzar­tig, weit­erge­fal­tet wurde, ein Mod­ell wenig später mit Robben­fell an der ein oder anderen Kör­per­stelle, einem schö­nen Men­schenkopf, der Heck­flosse eines Wal­fis­ches und anatomisch klan­des­ti­nen Ver­dau­ung­sor­ga­nen eines Pfer­des. Sobald dieses Wesen vor mir schwebte und sprach, war es nie wieder einzu­holen, weil es in der Sekunde sein­er Ent­deck­ung, in jen­er ersten Sekunde sein­er Exis­tenz, sich sofort in eine jen­er Sub­stanzen ver­wan­delte, die nur unvol­lkom­men in einen erzäh­len­den Text zu trans­portieren sind, weil dieser tauchende Ken­taur wie alle anderen Wesen höchst feinen Gesang aus 1 Tril­liarde Zif­fern erwartet. — 12.58 in Tibet. Lhasa.

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kiemenmenschen

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2.21 — Träumte von Kiemen­men­schen, die in Schwär­men unter oder neben Mond­fis­chen leben. Selt­same Geschichte. – Zehn Uhr sech­sundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop

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google

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15.53 — Seit Wochen der Ver­such, mit der Such­mas­chine Google zu sprechen. Spiele, ver­han­dle oder kämpfe ich? Was ist ein Metatag? Eine Anweisung oder eine Bitte? — Die Vorstel­lung der Mil­liar­den mikroskopisch klein­er Riesen­räder, die sich langsam durch meine Blut­ge­fäße drehen. — Gene Kru­pa : Drum­mer­man.

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körperzeit

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15.35 – Kör­perzeit ken­nt nur eine Rich­tung. Die elek­trische Wahrnehmung der Wirk­lichkeit, der gegen­wär­ti­gen wie der ver­gan­genen Wirk­lichkeit, scheint dage­gen niemals lin­ear zu sein. Vielle­icht deshalb, weil sich die Sub­stanzen der Erin­nerung wie Flüs­sigkeit­en ver­hal­ten. Eine Ord­nung hineinzu­denken fordert Arbeit, ein Vorher und Nach­her zu iden­ti­fizieren, Kon­se­quenz. Nie kann ich sich­er sein, ob ich meine ver­gan­gene Zeit ger­ade wiederfinde oder ob ich eine ganz andere, nie dagewe­sene Zeit erfinde. — Habe einen Kat­a­log jen­er Erschei­n­un­gen erstellt, die ich in der Google Earth Pix­el­welt auf­suchen werde, beispiel­sweise Kamelkolon­nen auf ein­er Wüstenober­fläche oder die Spuren des Krieges in der Stadt Gros­ny, Ground Zero, Gold­gräber­sied­lun­gen am Ama­zonas, meine alten Spazier­wege in Paris, Eisverkäufer im Cen­tral­park, die kleine Stadt Petusch­ki und ihre Eisen­bahn, Ele­phan­tis­land, Menchenkarawa­nen auf dem Chomol­ung­ma, Sove­to, Lampe­dusa, Alca­traz. — Null Uhr siebzehn in Lhasa, Tibet.

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sames salter

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~ : louis
to : Mr. james salter
sub­ject : MARIT

Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wun­der­baren Erzäh­lun­gen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Fein­sten der Blatthaare eines Ele­fan­ten­fußbaumes, der neben mein­er Com­put­er­mas­chine ste­ht, und beobachtete mich aus mehreren winzi­gen schwarzen Augen. Ich habe über­legt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weit­eren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spin­nen vielle­icht hören, — ich lese oft laut vor mich hin, das soll­ten sie wis­sen -, und so wun­derte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzuge­hen, ob Spin­nen über Ohren­paare oder doch wenig­stens über einen zen­tralen Gehör­gang, wo auch immer, ver­fü­gen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzäh­le, seilte sich zur Tas­tatur mein­er Com­put­er­mas­chine ab. Ich hat­te den Ein­druck, dass ihr diese Luft­num­mer Freude machte, weil sie ihre Lan­dung immer wieder hin­auszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selb­st her­aus­gekom­men war, ver­speiste, demzu­folge verkürzte. Vielle­icht hat­te sie bemerkt, dass ich sie betra­chtete, das ist denkbar, weil ich aufge­hört hat­te, laut zu lesen für einen Moment, um nachzu­denken, vielle­icht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf mein­er Augen­höhe bleiben. Das war genau in dem Moment als Mar­it nach ihrer let­zten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe herun­tergekom­men war, Mar­it, die doch eigentlich seit Stun­den schon tot gewe­sen sein musste. Mar­it set­zte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sich­er wer­den Sie sich erin­nern an Mar­it, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weit­ere let­zte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Mar­it lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüt­tert war, weil das Gift nicht gewirkt hat­te. Ich saß vor meinem Schreibtisch und über­legte, ob auch sie, James Salter, erschüt­tert waren, als Mar­it so langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herun­terkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreib­mas­chine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mit ihren sehr kleinen Beinen, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wun­der, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon ein­mal bemerkt, dass es nicht möglich ist mit ein­er elek­trischen Schreib­mas­chine zwei Buch­staben zur gle­ichen Zeit, also übere­inan­der, auf das Papi­er oder den Bild­schirm zu schreiben? Immer ist ein­er vor, niemals unter dem anderen. Mit her­zlichen Grüßen. Louis.

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LUMUMBA

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2.27 – Das Geräusch eines Bleis­tifts auf Papi­er. Seit ich vor eini­gen Tagen bemerk­te, dass ich nach und nach die Fer­tigkeit des Schreibens mit der Hand ver­liere, notiere ich wieder mit dem Bleis­tift in ein Heft. – Fol­gen­des, sagen wir. Sobald ich ein Wort Zeichen für Zeichen lese, sobald ich das Wort in ein Geräusch ver­wan­delt habe, ver­liere ich seine Bedeu­tung. Das Wort LUMUMBA zum Beispiel, warm, tief, wohlk­lin­gend, leer. Alle Wörter, die ich nach diesem Wort LUMUMBA erfinde, tra­gen ein – u — in sich. Zu diesem Zeit­punkt kann ich sagen, dass ich gegen das inten­siv wirk­ende — u — in dem Wort LUMUMBA am Besten mit einem — i — ankom­men kann. — HIBISCILLI. — Das — i -, weiß der Him­mel warum, hat in meinem Kopf mit Freude, mit Glück zu tun. Also weit­er mit der Musik : begaioku : lid­abo­bi : basi­je­bu : pome­be­bu : bod­ibabe : mitusubu : cawari­ba : babun­abe : nufume­tu.

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real online kiss

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15.14 — Wieder etwas Fénéon gele­sen, feine Geschicht­en, die von schnellen Zügen, von rauchen­den Pis­tolen, von liebestollen Mördern, von Bomben und anderen Unglücksmo­menten erzählen. — Geschichte No 162 zum Beispiel : Kaum getraut, war das Ehep­aar Boulch aus Lam­bézelle ( Fin­istère ) schon so betrunk­en, dass man es auf der Stelle einsper­ren musste. — Oder diese Geschichte No 373 : Auf dem Dachfirst des Bahn­hofs von Enghien erhielt ein Maler einen elek­trischen Schlag. Man hörte noch das Klap­pern seines Gebiss­es, dann fiel er auf die Markise. — Muss neue Sprache ler­nen. rok = real online kiss. — Nichts weit­er.

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karpfenzungen

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18.15 — Ich hörte, eine U-Bahn­lin­ie soll ein­mal vor langer Zeit Europa ver­bun­den haben mit dem nor­damerikanis­chen Kon­ti­nent. Sie fol­gte dem 55. Bre­it­en­grad unter atlantis­chen Gesteinen, nahe Bryant Park, Man­hat­tan, stieg man zu. Dann fuhr man los. Man fuhr zwei Tage und drei Nächte, Zeit, viel Zeit, Geschicht­en zu erzählen. Wenn Nacht gewor­den war unter dem Meeres­bo­den, schlief man auf Hänge­mat­ten gebet­tet tief und fest, war wieder Tag gewor­den, saß man plaud­ernd vor den Fen­stern zu den Steinen. Am let­zten Abend der Reise endlich wurde getanzt bis spät in die Nacht. Schon mit­teleu­ropäis­ch­er Zeit, servierte man über offe­nen Feuern gebratene Täubchen. Die waren prall gefüllt mit Karpfen­zun­gen. Dann war’s fünf und Mor­gen über Budapest. Metro Vörös­mar­ty tér stieg man aus und jed­er ging sein­er Wege. – Zwei Uhr fün­fundzwanzig in Lhasa, Tibet. — stop

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