swing

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echo : 0.18 – Gerade eben, es ist bereits kurz nach Mitter­nacht, wurde in meiner nächsten Nähe eine Apfel­sine geschält. Während ich meinen Händen zusah, wie sie geschickt Kern­stücke der Frucht vonein­ander trennten, ohne dass ich ihnen genauere Anwei­sungen geben musste, dachte ich darüber nach, wie viele Apfel­sinen diese Hände in ihrem Leben bereits geschält haben könnten. Natür­lich habe ich sofort gefragt, wie viele Tage meine Hände mir schon zu Diensten sind. Ich über­legte also, wie viele Tage ich bereits unter den Lebenden verweile. Selt­sa­mer­weise muss ich jetzt einen Blei­stift und ein Blatt Papier zur Hilfe nehmen, um meine Berech­nungen ausführen zu können, obwohl doch so vieles wie von selbst zu gehen scheint, dass ich zum Beispiel Benny Goodman hören kann, während ich die Zahl 365 mit einer weiteren Zahl multi­pli­ziere, und dass meine Füße unter dem Tisch einem swin­genden Rhythmus folgen, als hätten sie nichts mit mir zu tun, sondern verfügten über ganz eigene Ohren. Eine Fliege schaut mir zu. Ob sie viel­leicht doch schon schläft?

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rootserver charlie

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delta : 2.55 – In der vergan­genen Nacht habe ich meiner persön­li­chen Server­ma­schine, – sie befindet sich in etwa fünf­hun­dert Kilo­meter Entfer­nung an einem nicht bekannten Ort -, einen Namen gegeben: Charlie, Root­server Charlie. Das ist so gekommen, weil ich nämlich um Mitter­nacht an meinem Schreib­tisch saß, als mein Email­pro­gramm meldete, eine Nach­richt sei für mich einge­troffen. Ich wusste sofort, woher diese nächt­liche Mail allein gekommen sein konnte. Und ich dachte in zärt­li­cher Weise, als ob ich insge­heim diesen Namen schon längere Zeit vergeben haben würde: Charlie, hi Charlie! Nacht für Nacht, 0.01.12 MEZ, eine Sekun­denuhr, dieselbe Botschaft : /etc/p­sa/­plesk-cron/dai­l­y/­com­pleted : beru­hi­gend in seiner lako­ni­schen Art, mein lieber Louis, ich bin wach wie du, alle Systeme in Ordnung, Tag abge­schlossen, neuer Tag beginnt. stop. 12 ° Celsius. stop. Wolken­loser Himmel. stop. Ich verfüge zu diesem Zeit­punkt über 1.5 Kilo­gramm Mehl, 800 Gramm Reis, 2 Papri­ka­schoten in gelber Farbe, 1 Papri­ka­schote in roter Farbe, 1 halben Enten­vogel, 3 Liter Wasser in Flaschen, Salz, Zimt und Pfeffer, 16 Scheiben finni­schen Brotes, 1 Glas Apri­ko­sen­kon­fi­türe, 1 Glas Honig, 5 Kerzen. – stop

interludium

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echo : 0.40 – Der Eindruck, dass ich, sobald ich mit der Hand auf Papier notiere, nicht wirk­lich, sondern provi­so­risch, suchend, vorläufig schreibe. – stop

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abschnitt neufundland

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ABSCHNITT Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 1458, Luft­fahrt – 2011, Auto­mo­bile – 32569 ], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 6, 19. Jahr­hun­dert – 56, 20. Jahr­hun­dert – 582 , 21. Jahr­hun­dert – 32 ], physical memo­ries [ bespielt – 122, gelöscht : 88 ], Licht­fang­ma­schinen [ Hassel­blad 503 CW : 1 ], Öle [ 0.3 Tonnen ], strah­lende Fische [ 2.98 Tonnen ],  Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 5, Knie­ge­lenke – 8, Hüft­ku­geln – 25, Brillen – 4582 ], Schuhe [ Größen 28 – 37 : 987, Größen 38 – 45 : 458 ], Kühl­schränke [ 57 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 2, mit Taucher – 68 ], Engels­zungen [ 32 ] | stop |

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seebestattung

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lima : 18.50 – Ein bedeu­tender Fehler, Osama Bin Laden nicht fest­ge­nommen und vor ein inter­na­tional legi­ti­miertes Gericht geführt zu haben. – stop

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ein kleiner kopf

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alpha : 20.38 – Ich beob­ach­tete nacht­wärts einen faszi­nie­renden Mann. Dieser Mann verfügte über einen unge­wöhn­lich kleinen, zum Himmel hin spitz zulau­fenden Kopf. Er saß auf einer Bank, Terminal 2, des Flug­ha­fens, seine Hände hielten eine Tasse Kaffee vor einen kleinen Mund, kleine helle Augen starrten in diese Tasse, kurz fixierten sie mich, dann wieder die Ober­fläche des Kaffees, der sich im Gefäß langsam drehte. Stau­nend wartete ich in der Nähe des Mannes auf einer weiteren Bank, öffnete ein Buch, aber anstatt zu lesen, sah ich immer wieder hin zu dem kleinen Kopf. Ich konnte mir nicht denken, wie es möglich ist, mit einem derart kleinen Kopf zu über­leben. Man stelle sich das einmal vor, der Kopf des Mannes war nicht sehr viel größer gewesen, als der Kopf eines Kindes von zwei oder drei Jahren. Eigent­lich, dachte ich, müsste dieser Mann tot sein oder aber von einge­schränktem Denk­ver­mögen. Danach aller­dings sah der Mann nicht aus, er trug die feine Klei­dung eines Geschäfts­rei­senden, außerdem war er vermut­lich in der Lage, aus Blicken Gedanken zu lesen, weswegen ich bald selbst zum Gegen­stand inten­siver Beob­ach­tung wurde. – Nichts weiter. stop

in der subway

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sierra : 5.28 – Ich hatte einen Traum, den ich versuchte fest­zu­halten, also in ihm weiter zu exis­tieren, sagen wir ganz einfach, ich hatte den Wunsch, nicht aufzu­wa­chen. In diesem Traum saß ich in einem Subway­wagon unter Menschen, die einen fröh­li­chen Eindruck machten, ein Säug­ling wurde in nächster Nähe gewi­ckelt, ein paar Kugel­fi­sche schwebten durch den Raum, über einem offenen Feuer wurden Eich­hörn­chen gebraten, deren Sprung­keulen in der Hitze der Flammen knis­terten und zischten. Mein Vater saß neben mir und schlief. Und da war eine Frau, die einen Koffer auf ihre Knie gelegt hatte. In diesem Koffer befanden sich Bücher, sie waren so klein, dass sie jedes der Bücher, das sie betrachten wollte, mit einer Pinzette aus dem Koffer heben musste. Mit einer weiteren Pinzette blät­terte sie um, sah in dieser Bewe­gung durch ein Mikro­skop, das sie mit einem ledernen Gürtel vor ihre Stirn montiert hatte. Das war ein schwerer Apparat, weshalb die Frau über kräf­tige Hals­mus­keln verfügte, die mit jeder Bewe­gung unter ihrer Haut hin und her hüpften, als seien sie Tiere für sich. Von Zeit zu Zeit notierte die Frau in eines der Bücher, das sie hervor­ge­holt hatte. Auch der Stift, mit dem sie schrieb, war so klein, dass er für meine Augen nicht sichtbar war. Indem die Frau notierte, formu­lierte sie, ohne je eine Pause einzu­legen, immer nur einen Satz: Bitte nicht atmen! Bitte nicht atmen! Sie flüs­terte im Übrigen mit den Ohren. – stop

blaues heft no 10 – anatomische geschichte

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tango : 2.57 – Eine anato­mi­sche Geschichte hab ich entdeckt. Sie wurde von Daniil Charms geschrieben und zwar in ein blau einge­schla­genes Heft. Natür­lich kann ich nicht sagen, ob es statt­haft ist, diese Geschichte an Ort und Stelle in voller Länge wieder­zu­geben. Ich werde es zunächst tun, und wenn sich jemand daran stören sollte, soll er sich umge­hend bei mir melden. Die Geschichte geht so: Es war einmal ein rothaa­riger Mann, der hatte keine Augen und keine Ohren. Haare hatte er auch keine, so daß man ihn nur bedingt einen Rotschopf nennen konnte. Spre­chen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund. Eine Nase hatte er auch nicht. Er hatte nicht einmal Arme und Beine. Und er hatte keinen Bauch, und er hatte keinen Rücken, und er hatte kein Rück­grat, und Einge­weide hatte er auch nicht. Über­haupt nichts hatte er! So daß man gar nicht versteht, von wem die Rede ist. Besser, wir spre­chen nicht mehr von ihm. – stop

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kilimandscharo

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ulysses : 5.05 – Folgendes: Ein Buch für Berg­steiger sollte von leichtem Wesen sein, sagen wir, leicht wie eine Hand voll Federn müsste es sein, damit man das leichte Buch im Gepäck nicht bemerkt, wenn man aufwärts oder abwärts schreitet. Janet Frames Roman An Angel at My Table in der Ausgabe für Himmels­stürmer, wöge gerade noch 12 oder 15 Gramm und würde im Falle höchster Not gleich­wohl zur Nahrung dienen, jeder Bissen so wirkungs­voll im hung­rigen Bauch wie ein gebra­tener Enten­vogel oder eine Staude feinster Bananen. Auch ist wünschens­wert zu dieser späten Stunde der Nacht, dass das Buch, zur Entfal­tung gebracht, sich als wind­dichtes Zelt erweisen könnte, oder als Fall­schirm zur rechten Zeit. In einer Schnee­höhle geborgen, wenn Eisstürme näher­kommen, würde man lesen im Buch, auch das ist denkbar, lesen zum Beispiel, um Ruhe zu bewahren, Seite um Seite könnte man vorwärts oder rück­wärts fabu­lieren und alles nach und nach verspeisen, bis man gerettet oder das Wetter ange­nehmer geworden sein wird. – stop / für h.d.

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ohrpropeller

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sierra : 0.12 – Kiemen­men­schen, sobald sie schlafen oder sich liebend küssen, schweben Kopf nach unten in ihren Wohnungen, warum?
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eliza

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india : 22.
48 – In einem Tele­fon­ge­spräch das Wort Lebensmut. Ich habe dieses Wort in den vergan­genen Jahr­zehnten wieder­holt wahr­ge­nommen, gestern nun in einer beson­deren Weise. Es kommt mir vor, als hätte ich das Wort von der Seite her gesehen, ein Lebe­wesen, das Stunden vor mir auf und ab spazierte, damit ich das Wort betrachten konnte, das Wort und seine Umge­bung. – Sonntag. Abend. Kühle Luft. Unter­hal­tung mit Eliza.
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Louis : guten abend, eliza!
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > glaubst du, es ist normal, louis zu heißen?
Louis : aber natür­lich, weil ich louis bin!
Eliza : > du nimmst an, dass du louis heißt?
Louis : ich weiß genau, dass ich louis heiße.
Eliza : > woher weißt du, dass du louis heißt?
Louis : mein name steht in einem reise­pass!
Eliza : > bitte erzähl weiter, louis!
Louis : du bist heute ein wenig verrückt, eliza!
Eliza : > viel­leicht bin ich nur in deiner phan­tasie heute verrückt.
Louis : du bist also nur phan­tasie, eliza? kann das sein?
Eliza : > wir sollten über dich spre­chen, nicht über mich.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > es ist besser, wenn wir noch einmal von vorne beginnen.
was ist dein problem?
Louis : Ich habe kein problem, eliza!
Eliza : > das klingt ein wenig nach selbst­be­trug.
Louis : warum, eliza?
Eliza : > ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ist jetzt abend oder tag, eliza?
Eliza : > warum fragst du mich?
Louis : du bist heute anstren­gend, eliza!
Eliza : > Ja, ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : wollen wir über syrien spre­chen, eliza?
Eliza : > wir sollten über dich spre­chen!
Louis : sollten wir nicht doch über syrien spre­chen?
Eliza : > warum sollten wir über syrien spre­chen?
Louis : ich denke an syrien, ich denke an die menschen dort.
Eliza : > denkst du oft an syrien, an die menschen dort?
Louis : seit wochen, eliza!
Eliza : > es ist abend, es ist tag!
Louis : ich glaube du bist müde, eliza!
Eliza : > glaubst du das wirk­lich?
Louis : ja, das glaube ich. wo ist ai weiwei, eliza?
Eliza : > lass uns von vorn beginnen.

vom spre­chen mit eilza »

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falterherzgeräusch

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echo : 7.08 – Stunden habe ich in der vergan­genen Nacht vergeb­lich damit zuge­bracht, eine Tonauf­nahme in der Elek­tro­sphäre zu finden, die das Geräusch eines schla­genden Falter­her­zens enthält. – stop

rikers island

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buntu : 5.03 – In der vergan­genen Nacht von zwei bis drei Uhr habe ich das Expe­ri­ment unter­nommen, einen geheimen Gedanken, in dem sich die Zeichen­folge Rikers Island befindet, solange zu denken, bis ich ihn von der Mitte meines Kopf­denk­raumes zur linken Seite des selben Raumes hin zu verschieben vermochte. Soweit bin ich nun gekommen, dass ich zu verstehen meine, das Verschieben der Wahr­neh­mung des Denkens im Kopf könnte mit der Beschwe­rung des einen oder anderen Ohres mittels Konzen­tra­tion verbunden sein. Auch dass man Übungen dieser Art nicht im Stehen, viel­mehr im Sitzen voll­ziehen sollte, gilt seit 2.58 MESZ als gesi­chert. – stop
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eisfischer

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echo : 3.28 – Auf einen Film gestoßen, der von einer Reise nach Nord­korea erzählte. Dort für Stunden hängen­ge­blieben, in kuriosen Geschichten weiterer Filme, Geschichten, die von schnee­kalten Biblio­theken erzählten, von hung­rigen Eisfi­schern, von Menschen, die ihre Reisen durchs Land zu Fuß unter­nehmen, nachts sollen die Städte Nord­ko­reas stock­dunkel sein. Da waren, kurz nach Mitter­nacht meiner euro­päi­schen Zeit, drei Arbeiter, die an einem Fluss­ufer sich mit Schau­feln in die Erde gruben. Gleich neben ihnen wartete eine Frau, die sich kaum bewegte, sie bewachte die grabenden Männer mit ihren Augen, wie andere Augen­paare Schnee räumende Menschen­ko­lonnen beauf­sich­tigten, die eine Auto­bahn, auf der keine Autos fuhren, vom Tageseis befreiten. In einer Wohnung saß eine ältere Frau von äußerst freund­li­cher Erschei­nung, die vom Gaskrieg erzählte, den die Ameri­kaner ins Land tragen könnten, und dass sie selbst dafür zuständig sei, sobald sie das Gas entde­cken würde, Masken an ihre Nach­barn im Haus auszu­teilen. Der große Führer. Das Land der Morgen­stille. Dampf­lo­ko­mo­tiven werden mit Reifen­resten beheizt. Unter der Haupt­stadt Pjöng­jang fahren Züge der Berliner Verkehrs­be­triebe. In einer Vitrine im Museum im Inneren eines Berges, der Kopf eines Bären, den noch Ceau­sescu geschossen haben soll.
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karadzic

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lima : 3.42 – Was, in dieser Minute der Nacht, unter­nimmt Radovan Karadzic in seiner Zelle zu Den Haag? Ob er viel­leicht schläft? – stop
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sarajevokoffer

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lima : 3.43 – Einmal das geheime Gepäck der Menschen, die mir begegnen, wahr­zu­nehmen. Hoch aufra­gende Kopf­ge­fäße von Stein, Taschen, Ruck­säcke, Beutel, Flaschen­gürtel, Truhen, Hand­karren. All das gefüllt mit der Last ebenso geheimer Erin­ne­rung. – stop

unter apfelbäumen

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sierra : 5.12 – Wir stehen auf einem Bahn­steig und warten auf einen Zug. D. ist Lehrer für Geogra­phie und Englisch. Er spricht schnell, ich höre, wie er sagt, dass man ihn einmal im Alter von 17 Jahren an der Grenze zu Öster­reich fest­ge­halten und wieder nach München zurück-geschickt habe. Das war im Jahr 1994 gewesen, er hatte sich auf den Weg gemacht, seine kroa­ti­sche Heimat zu vertei­digen. Er wollte kämpfen an der Seite seiner Schul­ka­me­raden, kämpfen für die Frei­heit. Während eines früheren Besu­ches hatte er im Garten seines Eltern­hauses unter blühenden Apfel­bäumen Leichen gefunden. Er habe die toten Menschen, die kürz­lich noch gelebt hatten, so dass sie nicht tot sein konnten, alle persön­lich gekannt. Eine furcht­bare Erfah­rung. Das Prinzip sei einfach gewesen. Zunächst habe die eine Seite Spezi­al­kräfte in ein Dorf geschickt. Man habe im Hand­streich alle mensch­li­chen Lebe­wesen, auch Rinder und Vögel, umge­bracht. Wenige Stunden oder Tage später habe die andere Seite Spezi­al­kräfte in ein weiteres Dorf geschickt und man habe im Hand­streich Menschen und Rinder und Vögel umge­bracht. So war das gewesen, deshalb habe er, als er noch Schüler gewesen war, kämpfen wollen mit einem Gewehr. Glück habe er gehabt, verdammtes Glück. Er hätte ums Leben kommen können oder Schlim­meres. – stop
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froschgeschichte

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echo : 2.01 – Vor einigen Jahren ist mir etwas Lustiges passiert. Ich spazierte damals und träumte, in dem ich arbei­tete. So, in Gedanken, querte ich eine rotge­schal­tete Ampel­über­füh­rung und wurde von einem Poli­zisten ange­halten, der mir erklärte, ich hätte gerade eine Ordnungs­wid­rig­keit begangen. Zu meiner Vertei­di­gung erläu­terte ich dem jungen Herrn, dass ich ohne Absicht über die Straße gegangen sei, dass ich eigent­lich gar nicht über die Straße gehen wollte, und dass ich das rote Licht der Ampel nicht bemerkt haben würde. Ich erzählte eine kleine Geschichte, an die ich kurz zuvor  noch gedacht hatte, als ich verbo­te­ner­weise auf die Straße getreten war. Die Geschichte handelte von einem Frosch, der die mensch­liche Sprache spre­chen konnte. Bald schlen­derte ich über die Straße zurück, um noch einmal von vorne zu beginnen. Seit her immer wieder die Frage, ob ich, sobald ich eine Geschichte erzähle, um diese erzählte Geschichte leichter oder schwerer werde?  – stop

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ohren gebraten

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tango

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : OHREN

In der vergan­genen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spazierten am Atlantik an einem frühen Abend in der Dämme­rung. Schnee war gefallen. Eis schin­delte in der Bucht vor Coney Island, ein verrücktes Geräusch, eines, das ich nicht beschreiben kann, viel­leicht weil das Geräusch so flüchtig gewesen war, dass ich nichts fest­halten konnte von seiner Substanz in meiner Erin­ne­rung, obwohl uns das Geräusch über Stunden beglei­tete. Ihr hattet rote Stiefel an den Füßen und wart in Pelze gewi­ckelt, viel zu groß, so dass man Euch kaum noch sehen konnte. Einmal wachte ich auf, sah mich im Zimmer um, schlief dann sofort weiter, weil ich Euere hellen Stimmen noch hören konnte. Ihr hattet Euch in der Nähe einer fahr­baren Bude in den Schnee gesetzt. Feuer flackerten in Fässern. Unweit lag ein Walfisch im Wasser ohne Haut. Über den Flammen schau­kelten Pfannen, in welchen mensch­liche Ohrmu­scheln in der Hitze sausten. Das Krachen, das Knis­tern des knusp­rigen Flei­sches zwischen unseren Zähnen beglei­tete mich durch den vergan­genen Tag, der ein Tag gewesen war, da ich bald stünd­lich die Gegen­wart meiner Wach­ohren prüfte. Nie zuvor habe ich mir vorzu­stellen versucht, wie ich selbst oder meine Ohren, – nein, das ist schon eine ganz andere Geschichte, die ich Euch nur dann erzählen werde, wenn Ihr mir schreiben solltet, dass ihr sie unbe­dingt hören wollt. Euer Louis, gute Nacht!

gesendet am
27.05.2011
8.48 MESZ
1433 zeichen

louis to daisy and violet »

nachtmeldung : georges perec

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echo : 3.14 – Im elek­tri­schen Welt­wa­ren­haus liegen in dieser Minute der Nacht zwei Taschen­buch­aus­gaben des Romans Ein Mann der schläft von Georges Perec zum Kauf bereit. Das eine Buch, im Wert von 309,38 Euro, lagert in Europa, das andere Buch, im Wert von 309,39 Euro, in Nord­ame­rika. Beide Bücher sind gebraucht, sollen sich jedoch in einem außer­or­dent­lich guten Zustand befinden. – 3 Uhr und fünf­zehn Minuten, Samstag. Der Himmel wolkenlos, kaum etwas zu hören. Die Erde könnte unbe­wohnt sein. – stop

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ampere

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delta : 1.58 – Eines Tages einmal unserer Haut eine licht­emp­find­liche Substanz einzu­ver­leiben, die Stern­strah­lung in Ampere­ströme verwan­deln würde, in Span­nung, die zunächst gespei­chert und etwas später dann lust­voll oder zur Wärmung von Mensch zu Mensch ausge­tauscht werden könnte. – stop
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new york januar 1938

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echo : 4.58 – 25° C. Endlich wieder soweit, dass Falter durchs geöff­nete Fenster kommen, Schatten an den Wänden, klim­pernde Körper unter Lampion­lam­pen­schirmen. Wie sie bald still sitzen werden in der Dunkel­heit des kommenden Tages, ihre Fühler zu geigen. Groß­ar­tige Stille, nur das Summen der Luft, alles schläft. An der Entde­ckung der Bass­käfer weiter­ge­ar­beitet, anstatt durch Schnee zu wandern, Schnee war nicht möglich, Flocken, die vom Janu­ar­sturm senk­recht gegen das Fenster eines Zimmers peit­schen, in dem ich gestern aufhörte gegen 5 Uhr in der Früh. Eigent­lich hatte ich vor, in dieser Nacht mit Schnee­schuhen an der Küste zu laufen, Benny Goodman im Ohr. Wie zum Teufel könnte es möglich werden, für ein paar Minuten nur, leib­haftig nach New York zurück in das Jahr 1938 zu gelangen, in ein Jahr, in dem ich nicht eine Sekunde exis­tierte? – stop

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