kokons

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echo : 22.58 – Im bota­ni­schen Garten das leise, das Nicht­denken geübt. Ich legte mein Ohr auf einen hölzernen Tisch und dachte nichts. Aber da war etwas Merk­wür­diges, mein Ohr auf dem Tisch hörte sich selbst. Und das andere, zum Himmel gerich­tete Ohr, erlebte den Besuch einer Ameise. Also dachte ich doch an die Ameise, wie sie meine Ohrmu­schel unter­suchte. Wie gut, an Ameisen und an nichts Weiteres denken zu müssen. Dann schlief ich ein. Als ich erwachte, dachte ich sofort weiter an nichts. Die Ameise war verschwunden, aber ich hörte mein Ohr auf dem Tisch, und ich hörte den Gesang einer Nach­ti­gall, die zunächst geschwiegen, dann aber meinen Besuch viel­leicht vergessen hatte, weil ich reglos zu einer Pflanze unter anderen Pflanzen geworden war. Ich fragte mich, denke ich, in dem ich der Stimme eines Vogels lausche? Ist das Denken nur dann gedacht, wenn ich meiner denkenden Stimme zuhöre, mich und meine denkende Stimme also wahr­nehme? Immer wieder bemerkt, dass ich Sekunden zuvor noch an etwas oder über etwas gedacht habe, obwohl ich mir nicht zuge­hört hatte. Eine Gedan­ke­ner­in­ne­rung. Manchmal verhalten sich Gedanken wie Räume, Kokons, die verwi­ckelte Gedan­ken­pa­kete enthalten. Schall­plat­ten­ge­danken. Ich könnte demnach Schall­platten verzeichnen, die ange­nehme Stimmen und Stim­mungen wieder­holen, frohe Begeg­nungen und gelun­gene Gespräche.

segelohren

14

 

 

india

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEGELOHREN

Liebe Daisy, liebe Violet! Kühl ist die Luft geworden in den vergan­genen Tagen. Als ob Herbst geworden sei, so eine Luft voller Regen und Wind. Auf der Straße laufen Menschen herum, die haben sich Trop­fen­fänger unter ihre Nasen gebunden, die wund sind und geschwollen. Ich selbst noch wohlauf, was viel­leicht darin begründet sein könnte, dass ich bereits jetzt schon kräf­tige Wander­schuhe trage für den kommenden Winter in New York. Will Euch eine Geschichte notieren, an diesem schönen, nassen Sonntag, die ich tatsäch­lich genauso erlebt habe, wie ich sie erzähle, ob Ihr mir nun glauben werdet oder nicht. Stellt Euch ein geräu­miges Zimmer vor. Ein gutes Dutzend Ohren propel­lerten dort durch die Luft, sie waren Gästen entkommen, die in nächster Nähe eines Rund­funk­emp­fän­gers Platz genommen hatten, um Ella Fitz­ge­rald zu lauschen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merk­wür­diger Anblick war das gewesen, bald lagen kämp­fende Ohren in Schichten über zwei Laut­spre­chern des Radios, wie Foot­ball­spieler, sagen wir, eine rangelnde Bande zwit­schernder Ohren, so dass in dem Zimmer der Versamm­lung vom Konzert kaum noch etwas zu hören gewesen war, als diese Geräu­sche des Kampfes. Man kämpfte auch dann noch verbissen weiter, als das Radio längst ausge­schaltet worden war, vermut­lich deshalb, weil man meinte, die nun auftre­tende Stille sei nicht wirk­lich vorhanden. Ich habe drei Stunden in der Beob­ach­tung des Tumultes zuge­bracht. Dann bin ich nach Hause zurück ohne meine Ohren. Seither warte ich gera­dezu taub geworden auf ihre Rück­kehr. Bis bald einmal wieder. Cuccur­rucu! – Euer Louis

gesendet am
03.07.2011
20.05 MESZ
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stilltaub

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nordpol : 5.15 – Heute Morgen vor dem Fenster eine Stille, dass ich für einen Moment fürch­tete, mein Gehör verloren zu haben. – stop

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PRÄPARIERSAAL : erste schritte erste minuten

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nordpol : 3.12 – Abends spät erreicht mich die E-Mail eines jungen Mannes, den ich längst vergessen hatte, ich meine, ich hatte vergessen, dass dieser Mann jemals exis­tierte, weil ich lange Zeit, ein Jahr unge­fähr, nicht an ihn dachte. Sein Name ist Elia. Elia hatte auf eine Frage, die ich ihm schrift­lich stellte, nicht geant­wortet. Irgend­wann habe ich aufge­hört zu warten, ich kann nicht sagen, wann genau das gewesen sein könnte, im Winter viel­leicht oder bereits im Herbst. Seltsam ist, das fällt mir in dieser Minute des Notie­rens auf, dass ich nie wahr­nehmen kann, wenn ich etwas vergesse, den exakten Zeit­punkt des Leich­ter­wer­dens genauer, weil ich das Vergessen stets mit einem Eindruck der Schwe­re­lo­sig­keit in Verbin­dung setzte. Das Vergessen scheint ein heim­li­cher Prozess zu sein, so heim­lich, dass ich erst dann, wenn etwas Verges­senes zurück­kehrt ins Leben, über­haupt in der Lage bin, sein Verschwinden zu bemerken. Nun ist sie also wieder hier bei mir, meine verges­sene Frage. Ich hatte Elia gefragt, wie er die ersten Minuten in einem anato­mi­schen Präpa­rier­saal erlebte. Er beob­ach­tete folgendes: > Zuerst habe ich das Gebäude von außen gesehen, die Milch­glas­fenster, die riesigen Röhren an den Fens­tern vorbei und die Rundungen des verhei­ßenden und mich ängs­ti­genden Raumes. dann hat mich das ehrwür­dige Gebäude verschluckt. die Treppe hinauf konnte ich diesen wider­li­chen Geruch atmen. ich fand es unglaub­lich, mit welcher Liebe zum Detail dieses Gebäude ausge­stattet ist. auf der Suche nach einem Ansprech­partner habe ich die Verzie­rungen im Boden bewun­dert. nachdem ich die Erlaubnis bekommen hatte, bin ich den langen Gang an den haut­far­benen Spinden vorbei­ge­gangen zur Tür des Präpa­rier­saales. sie war verschlossen. aber durch den kleinen Spalt konnte ich in eine Apsis voller mit rot leuch­tenden Wachs­tü­chern bedeckter Körper sehen. ich habe nur die Tücher gesehen, aber ich wusste, was darunter sein würde und war mir dabei trotzdem nicht sicher. ich hatte Angst. in der Nacht hatte ich Albträume und machte Sezier­ver­suche. am nächsten Tag hatte ich meinen frischen weißen Kittel dabei, der aber durch das Bevor­ste­hende schon jetzt mit einer selt­samen Schwere versehen war. ich wurde an ein paar Assis­tenten über­geben. willenlos folgte ich ihnen mit einer Mischung aus Angst und Neugier in den Saal. nach fünf Schritten blieb ich stehen. ich hatte das Gefühl, ich würde aufge­saugt vom Geruch und dem tosenden Lärm der klap­pernden Instru­mente. mir war heiß und kalt. ich musste mich wider­willig zwingen tiefer zu atmen. und atmete noch inten­siver den süßlich stechenden Duft des Forma­lins. diesmal mit den entspre­chenden Bildern vor meinen Augen. ich befahl mir genau hinzu­sehen. ich zwang meine Augen ihre Blicke über die Körper schweifen zu lassen. um nicht mit den Mosaiken im Boden zu verschmelzen, musste ich alle Bilder vor meinen Augen mit Wörtern versehen.

gramm

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lima : 0.15 – Das Wort Fuku­shima in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Fuku­shima denke. Wie viel Gramm?
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hummergeschichte

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india : 6.32 – Ein Sola­ris­schiff, von dem ich träumte, war derart nahtlos in ein düsteres Stadt­haus von enormer Größe montiert, dass niemand, der nicht in Kenntnis gesetzt worden war, seine Exis­tenz wahr­zu­nehmen vermochte. Natür­lich spielte die Fahr­stuhl­an­lage eine bedeu­tende Rolle. Dort war eine zentrale Achse des Raum­kreu­zers hinein­ge­dacht, umge­bende Wohnungen gehörten dazu, Teile der Küchen, Bäder, Flure, Wohn­zimmer, auch weiter entfernte Abtei­lungen des Gebäudes, in dem aller­orten Wasser von den Decken tropfte. An einem Abend, von dem ich präzise träumte, wurden wohnungs­weise rausch­hafte Feste unter Regen­schirmen gefeiert. Sie dienten einem einzigen Zweck, welt­raum­rei­sende Menschen nämlich von zurück­blei­benden Menschen zu sepa­rieren. Ich konnte im Traum den ein oder anderen Bewohner des Hauses leicht narko­ti­siert von einem Apart­ment in das nächste wandeln sehen. Als ich erwachte, hockte ein kleiner blauer Hummer an der Wand meines Zimmers. – stop

landscape

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bamako : 20.01 – Würde ich Hand für Hand je einen sechsten Finger wirk­lich­keitsnah erfinden, könnte ich die Substanzen dieses Fingers ( Knochen / Muskeln / Nerven / Sehnen ) nach Belieben benennen. Ein kleiner anato­mi­scher Gott wär ich in den Grenzen sprach­li­cher Logik.

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lichtenbergfalter

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echo : 22.01 – Um das Jahr 1790 herum notiert Georg Chris­toph Lich­ten­berg folgende Sätze : Sollte sich nicht in anderen Körpern etwas finden was unserer Phan­tasie, ( unserem ) Schöp­fungs­ver­mögen analog ist? ( Wie ) würde unser Gehirn aussehen, wenn wir die Verän­de­rungen bemerken könnten, die die Gedanken in unseren Texturen hervor­bringen? – Lich­ten­berg zu lesen, begeis­tert mich wie John Coltrane mich begeis­tert, sobald ich ihn hören und spüren kann. Nie aber kann ich beide zur glei­chen Zeit wahr­nehmen. Der eine reist durch das Licht zu mir. Kurz darauf höre ich ihn mit meiner Stimme spre­chen. Der andere kommt durch Ohren und Haut herein. Ein Schwingen jenseits der Gedanken, aber doch eine Art Spre­chen, das Glück bewirkt, wie ande­rer­seits ein leuch­tender Satz aus einer Entfer­nung von 220 Jahren jene Art von Freude entstehen lässt, die dazu führt, dass ich einmal kurz auf der Stelle in die Luft zu springen habe. stop – Noch zu tun: Lektüre > Richard Powers Das Buch Ich. – stop

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PRÄPARIERSAAL : beine

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delta : 0.02 – Ich stellte mir einen Zeitort in der Zukunft vor. Früher Morgen. Sommer. Schnee­licht wie gezeichnet. Auf Arbeits­ti­schen eines anato­mi­schen Präpa­rier­saales ruhen mensch­liche Beine. Ein Forscher erklärt: Das sind Beine des 21. Jahr­hun­derts, und das sind Beine des 22. Jahr­hun­derts, und diese Beine hier sind im 23. Jahr­hun­dert entstanden, und das hier, das ist schon etwas ganz anderes. – Welche Sprache spricht dieser Mann? Wer hört ihm zu? Wie werden wir gestaltet sein? – stop

denkbare wesen

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india : 6.01 – Im Traum die Spur einer Fähre von Manhattan nach Ellis Island beob­achtet. Das Schiff drohte zu sinken. Menschen hingen in Körper­trauben von der Reling ins Wasser, sie sangen, sie lachten. Schep­pernde Musik von Laut­spre­chern her, auch Stimmen, die unver­ständ­liche Sätze formu­lierten. Steine regneten vom Himmel. Möwen, riesige, dunkel­graue Vögel, gelbe Säbel­schnäbel, rote Augen, bejagten den Luft­raum um das Schiff. Beob­ach­tete schla­fend das Geschehen vom Ufer aus. Tauben­grauer Himmel. Männer kauerten in der Nähe auf eigenen Füßen. Funk­feu­er­kon­solen in ihren Händen, steu­erten sie den Raub­vo­gel­schwarm über die spie­gel­glatte Upperbay. Einmal landete eine Möwe neben mir. Der Mann, zu dem die Möwe gehörte, strich ihr behutsam über den Kopf. Sie schloss ihre Augen indem der Mann ihren Kopf öffnete, um ein künst­li­ches Gehirn heraus­zu­nehmen, Schalt­kreise, Batte­rien, feinstes Werk. Bald warf er seinen Vogel zurück in die Luft. Das war präzise in dem Moment gewesen, als ich erwachte, montags also am Nach­mittag eine Stunde gegen fünf. Um sechs Uhr bereits war deut­lich geworden, dass Möwen dieser funk­ge­steu­erten Art auch im Wachen denk­bare Wesen sind.

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PRÄPARIERSAAL : nachtzeit

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india : 20.18 – Regen. Schnüre von Regen. Dämme­rung heute bereits gegen 18 Uhr. Seit drei Stunden höre ich Tonband­auf­nahmen ab, Stimmen, die präzise formu­lie­rend vom Präpa­rie­saal und seiner Umge­bung erzählen. Immer wieder halte ich die Maschine an, schreibe auf, was ich hörte, stemple Zeit­an­gaben. Chris­to­pher kurz vor acht Uhr über seine Erfah­rung jenseits der Tage: > Was ich nachts gemacht habe? Meine Freundin sagt, ich würde in latei­ni­scher Sprache mit ihr gespro­chen haben : pause 2 sec : Viel­leicht habe ich etwas mimi­sche Musku­latur repe­tiert. Musculus fron­talis. Musculus corru­gator super­cilii. Musculus orbi­cu­laris oculi. Das war eine sehr wich­tige Nacht­ar­beit, die ich da verrichtet habe, verstehen Sie? Ich hatte Schwie­rig­keiten diese fremd­ar­tigen Wörter auszu­spre­chen. Wie sollte ich sie im Kopf behalten, wenn ich sie nicht spre­chen konnte! : pause 3 sec : Ich habe also nachts nicht wirk­lich geträumt, sondern nur Sprech­übungen gemacht. : pause 5 sec : Auch dann, wenn ich wach war, das können Sie mir glauben, habe ich Wörter geübt. : pause 4 sec : Das Wort Leiche wollte ich nicht ausspre­chen. Ich habe immer von Körpern gespro­chen. : pause 3 sec : In den ersten Tagen manchmal, sobald ich den Präpa­rier­saal betreten habe, hatte ich den Eindruck einer gewissen Unwirk­lich­keit der Situa­tion. Ich hatte den Eindruck, jene toten Menschen verkör­perten nur eine Vorstel­lung, als hätte man sie für uns herge­stellt, orga­ni­sche Ausstel­lungs­räume, mit Erde bezeich­nete Lehm­körper. Auch wenn das viel­leicht seltsam klingen mag, die erste Berüh­rung des Körpers auf dem Tisch war eine Bewe­gung, die der Verge­wis­se­rung diente, dass der Körper vor mir auf dem Tisch wirk­lich anwe­send war. : pause 2 sec : Körper also. Sie boten meinen Händen Wider­stand. Sie waren kühl und sie wirkten zeitlos. – stop
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the late, late blues

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sierra : 6.05 – Wieder der Versuch, einen Gedanken genau so zu denken, als wäre dieser Gedanke der letzte meiner Gedanken. Die Beob­ach­tung, dass sich bereits die Wahr­neh­mung dieses letzten Gedan­kens in einer Zeit nach dem Gedanken zu befinden scheint, als ob jedem Gedanken ein Echo folgte. Viel­leicht wird über­haupt jeder Gedanke niemals als Gedanke im Moment seiner Verfer­ti­gung, sondern immer nur in seiner Echo­spur für mich verfügbar. – Ausge­zeich­neter Gewit­ter­himmel gegen 5. Dazu Milt Jackson & John Coltrane: The Late, Late Blues. – stop

time

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tango : 22.01 – Einmal, viel­leicht auf Papieren, eine Stadt äußerst lang­samer Menschen besu­chen, eine Stadt, deren Bürger sich unter rasenden Vögeln, rasenden Wolken, rasenden Stra­ßen­bahnen, wie in Zeit­lupe bewegen. Jeder Gedanke dort ein Stun­den­ge­danke, die Stimmen der Menschen, sonore Linien, ich selbst kaum noch sichtbar, Augen, Arme, Mund, Unschärfen der Luft. – stop

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taubenstadt

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hima­laya

~ : oe som
to : louis
subject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.

Seit gestern endlich wieder ruhige See, ein wolken­loser Himmel über uns. Noe, wohlauf in 550 Fuß Tiefe, liest Javier Tomeos Tauben­stadt. Groß­ar­tiges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begonnen, Noes Stimme aufzu­nehmen. Wunder­volle Funk­ge­räu­sche seither ohne Unter­bre­chung. Als wir Noe berich­teten, dass wir seine lesende Stimme verzeichnen, dass man ihm zuhören könne in Lissabon, in Lima, in Shanghai, dass er eine Sensa­tion sei, ein Mann, der das Lesen wasser­fester Bücher erprobt, ein Mann im Taucher­anzug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlantik vor Neufund­land lebt, eine mensch­liche Station, ein beleuch­teter Körper in Licht­lo­sig­keit, – seit wir ihm gebeichtet haben, dass wir ihn konser­vieren, scheint Noes lesende Stimme ruhiger geworden zu sein. Wir haben den Eindruck, dass unser Mann nun fort jedes Zeichen genießt, das wir ihm zur Verfü­gung stellen. Nach wie vor heftige Debatten über die Tempe­ratur des Tees, den wir in die Tiefe leiten. Noe behauptet, der Tee sei zu kalt. Er wolle in diesem Tee weder baden, noch wolle er ihn trinken, wir sollten endlich alle Leitungen beheizen, die zu ihm führen. Viel­leicht weil er sich darüber heftig erregte, verlor Noe gestern, um 20 Uhr und zwölf Minuten, Ovids Liebes­kunst an das Meer. Eine Tragödie. In diesen Minuten, da ich Dir tele­gra­fiere, liest Noe wieder ruhig vor sich hin. Wir hören seinen Atem. Wir hören das Funken der Wale. Beste Grüße. Dein OE

gesendet am
17.07.2011
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regentaucher

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sierra : 18.55 – Ich habe Geräu­sche entdeckt, Töne, die viele Jahre zurück einmal in meinem Leben exis­tierten. Ich lag damals oft auf dem Rücken in einem Wagen, der schau­kelte. Groß war ich zu jener Zeit noch nicht gewesen, ich war nicht länger als 50 cm. Meis­tens trug ich keine Schuhe. Ich erin­nere mich, dass die Wolken und der Himmel über mir schau­kelten, und da war ein hölzernes Röhr­chen, von dem weitere hölzerne Röhr­chen baumelten, die klim­perten, helle Geräu­sche, während sich der Wagen und ich bewegten, oder auch dann helle Geräu­sche, wenn der Wagen ange­halten war, weil ich sofort mit meinen kleinen Händen nach den Röhr­chen langte. Jetzt, da ich jene entfernten Geräu­sche erin­nerte und ihre Entste­hung, kann ich sie beliebig zur Auffüh­rung bringen, obwohl sie so unmög­lich in der Wirk­lich­keit sind, wie Geräusch des Regens für einen Tief­see­tau­cher uner­reichbar. – stop
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isaac bashevis singer

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sierra : 22.55 – Mitt­woch. Abend. Weiterhin Regen. Regen auch während ich schlief. Ich konnt ihn hören von zu Zeit zu Zeit, wenn ich auftauchte, ohne ganz wach zu werden. Von irgend­woher jetzt ein Geräusch, pling, pling, und Isaac B. Singers helle und zugleich raue Stimme, indem sie eine Geschichte erzählt, die ich in den vergan­genen Tagen wieder und wieder hörte. Die Geschichte geht so: Kurz nach meiner Ankunft ( in Amerika ) betrat ich zum ersten mal eine Cafe­teria, ohne zu wissen was das ist. Ich hielt es für ein Restau­rant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restau­rant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie igno­rierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirk­li­cher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kell­nern, und niemand beachtet mich! Irgend­wann begriff ich dann, was eine Cafe­teria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafe­te­rien wurden eine Art Zuhause für Flücht­linge aus Polen, Russ­land und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafe­te­rien, wo all diese Menschen aufein­an­der­trafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hinter­grund meiner Geschichten, die in Cafe­te­rien spielen. – stop

menschen und hände

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echo : 23.55 – Der beru­hi­gende Gedanke, dass ich mich in New York zu irgend­einem Menschen an irgend­einen Tisch setzen könnte und darum bitten, eine seiner Hände neben eine meiner Hände zu legen. Sogleich würden wir erkennen, wie ähnlich wir uns sind. Auch ein Tisch verglei­chender Hände in einer Bar am Strand von Mindelo wäre möglich, Hände auf dem Markt­platz von Bamako oder Hände in einem Nacht­club der Stadt Buenos Aires, einem Tabak­wa­ren­laden zu Barce­lona, einer Spiel­halle in Tokio. Wenn nun aber da oder dort an einer der vorge­zeigten Hände ein Finger fehlen würde, dann wäre das je bereits eine ganz eigene Geschichte. stop. Amy Wine­house ist im Alter von 27 Jahren gestorben.

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schneckenkäfer

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romeo : 18.52 – Wie, frage ich, sollte ein Wesen gestaltet sein, von dem niemand sagen könnte, ob es sich tatsäch­lich um einen Käfer oder doch eher um eine Schnecke handelte? Wo genau ist die Mitte zwischen Käfer und Schnecke zu finden? Exis­tieren Formeln für diese denk­bare Mitte, Para­meter, um typi­sche Merk­male der einen oder der anderen Art in ihrem Wirken zu gewichten? Wie schwer wiegt in einer Rech­nung das Vorkommen eines Schne­cken­hauses? Ist nicht viel­leicht ein Käfer, dessen geschlos­sene Panze­rung die Form eines Schne­cken­hauses nach­emp­findet, bereits als eine Schnecke anzu­sehen, die gerade noch miss­lungen ist? Dürfen Schne­cken fliegen?

PRÄPARIERSAAL : namen

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marimba : 22.51 – Feuchte Fliegen lungern am Abend auf dem Boden herum. Das sanfte, einschlä­fernde Geräusch des Wassers, Dunkel­heit kommt bald aus den Wolken gefallen. Unterm Schirm dort weiter anato­mi­sche Tonbänder verzeichnet. Vero­nika* erzählt eine feine Geschichte, die ich beinahe genau so wieder­gebe, wie ich sie vor wenigen Minuten hörte: > Ich stehe vor einem Tisch und betrachte einen Körper. Das ist ein Bild, das ich nicht erfunden habe, ein Bild, das jetzt zu meinem Leben gehört. Eine Frau, die in einem weißen Kittel vor einem Tisch steht, auf dem ein Mensch liegt, der tot ist. Ich habe mit den Ursa­chen dieses Todes nichts zu tun, ich empfinde keine Trauer, aber Respekt. In den ersten Minuten im Saal am Tisch habe ich nicht sehr geordnet, nicht syste­ma­tisch jeden­falls nach­ge­dacht. Ich glaube, ich habe zunächst versucht, ein Gefühl, ein geeig­netes Gefühl für diese Situa­tion zu finden, eine Posi­tion, meine Posi­tion. Kurz zuvor waren wir noch im Hörsaal gewesen. Unser Professor hatte ein Präparat mitge­bracht. Dieser helle Körper, der weit entfernt in einem Oval unter den hoch aufra­genden Sitz­reihen auf einer Bahre lag, hatte etwas Einsames an sich. Als ich mich dann an meinem Tisch stehend über den Körper eines Mannes beugte, den ich in den folgenden Wochen zerlegen würde, suchte ich unwill­kür­lich nach Spuren, die zu einer Vorstel­lung davon führen könnten, wie er einmal lebte. Aber da war nichts, was mich mit seiner Zeit noch verbinden konnte, kein Name. Das Haar des Mannes war entfernt, an seinen Ohren waren hölzerne Schilder ange­bracht, auch an seinen Hand­ge­lenken und an seinen Füßen, sein Gesicht war ohne jeden Ausdruck. Ich erin­nere mich, der Mann wirkte weder fried­lich noch so, als würde er nur schlafen, da waren weder Zeichen einer langen Leidens­zeit noch Spuren eines Kampfes. Das Gesicht war leblos, ein Gesicht ohne Ausstrah­lung, ohne Elek­tri­zität. Der Körper erin­nerte mich an eine große Puppe, er hatte etwas Sche­ma­ti­sches, aber viel­leicht war das bereits mein Blick, meine Perspek­tive gewesen, die diesen Eindruck erzeugte? Ein Bein und noch ein Bein. Ein Arm und noch ein Arm, und ein Kopf. Ich konnte das bald gut, diesen Mann, diesen Körper betrachten. Ich war ganz entspannt dabei. Ich wusste auch, dass sich dieser Körper sehr rasch verän­dern würde in der Folge meiner Arbeit. Ich war der festen Über­zeu­gung, dass wir dem Toten keinen Namen geben sollten. Ich war sehr froh, dass ich nicht wusste wie sein Name lautete, als er noch lebte. Ich habe, kurzum, versucht, diesen Körper auf dem Tisch als ein Präparat zu betrachten, als eine für uns kost­bare Hülle, als ein Vermächtnis. Meine Kommi­li­tonen haben ihm einen Namen gegeben, aber wir haben uns deshalb nicht gezankt. Ich habe mich an der Suche nach einem Namen ganz einfach nicht betei­ligt. - stop

* Name geän­dert
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anatomischer traum

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alpha : 18.02 – Im Traum die maßstabs­ge­treue anato­mi­sche Darstel­lung eines Tief­see­ele­fan­ten­rüs­sels auf der Madison Avenue entrollt. Leuch­tend rote Muskel­gruppen, stau­nende Passanten, Poli­zei­fahr­zeuge sperrten Kreu­zungen, Stunden rauschenden Glücks, bis ich Höhe 129th Street das Ende der Forma­tion ereichte. Unver­züg­lich mit der Subway down­town 23rd Street zurück. Abend war geworden, Nacht, ich begann im Licht einer Stirn­lampe, jeden einzelnen Muskel der 120000 Struk­turen hand­schrift­lich und anato­misch sinn­voll zu bezeichnen: musculus amazo­nius oriens. Arbei­tete einen Block nord­wärts, bald fehlten weitere Wörter. – stop

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j.e.

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nordpol : 6.38 – Die Ausbil­dung eines Schrift­stel­lers besteht einzig in den Büchern, die er gelesen hat. James Ellroy – stop

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menkem

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nordpol : 4.56 – Flug­hafen. Früher Morgen. Regen. Das Licht verspätet sich, Flug­zeuge, die weite Stre­cken gegen die Nacht geflogen sind, reihen sich, eine Kette zitternder Lichter, hinter­ein­ander bis zum Hori­zont. Neben mir auf einer Bank, den Blick auf die Lande­bahn gerichtet, sitzt ein alter Mann. Er heißt Menkem. Menkem lebt seit vielen Jahren in Deutsch­land, ein afri­ka­ni­scher Mann, der Italie­nisch flie­ßend spricht, Trigrinja und auch Deutsch, eine Sprache, die ihm nicht so leicht von den Lippen gehen will, weswegen er sehr langsam, Wort für Wort, formu­liert. Wir warten auf einen weißen Vogel, einen Airbus 380, Lini­en­flug LH 401 New York JFK – Frank­furt am Main, um 5 Uhr 15 soll das Flug­zeug eintreffen. Da noch Zeit ist, frage ich, ob sich Menkems Familie in Sicher­heit befinden würde oder ob sie viel­leicht von Hunger bedroht sei in diesen Wochen. – Lange andau­erndes Schweigen. – Dann antwortet mir der alte Mann. Er sagt: Afrika ist groß, sehr, sehr groß. Wir essen in Eritrea nicht vom Boden, wir sitzen immer auf einem Stein oder auf einem Stück Holz, wenn wir eines finden, oder wir haben ein Tuch, auf das wir uns setzen können. Wir sind einfache Mahl­zeiten gewöhnt, wir essen nicht kompli­zierte Dinge wie die Menschen in Äthio­pien, sofern sie nicht in Armut leben. Aber wir essen niemals vom Boden. Unsere Speisen sind scharf gewürzt. Oft haben wir sehr wenig. Immer müssen wir uns beeilen, essen, und dann sofort weiter. Der alte Mann macht eine schnelle Bewe­gung mit seiner Hand, als wollte er etwas von sich werfen. – stop

räume

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ulysses : 20.02 – Tatsäch­lich scheint das schrei­bende Denken ein Denken zu sein, das unver­züg­lich Körper von Zeichen bildet. Ich denke Wort für Wort gebremst, ich denke gerade so schnell ich schreiben kann. Von Wörtern aus eröffnen sich Räume, die ohne die Arbeit der Hände im Verbor­genen bleiben. – stop

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PRÄPARIERSAAL : libelle

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echo : 6.12 – Ich habe  auf einem Fern­seh­bild­schirm Jona­than Franzen beob­achtet, wie er in seinem New Yorker Arbeits­zimmer sitzend von Appa­ra­turen erzählt, die ihm behilf­lich sein könnten, den Lärm der Stadt oder des Hauses, in dem er sich befindet, von seinen Ohren zurück­zu­halten. Er berichtet das unge­fähr so: Ich habe ein Menge Lärm­schutz­vor­rich­tungen. Ich schütze mich gegen Lärm mit Schaum­gum­mi­stöp­seln. Sie sind wichtig. / Und darüber hinaus habe ich meine Kopf­hörer. Und zudem noch rosa Rauschen auf CD. / Das ist wie weißes Rauschen, aber es ist etwas wärmer im Ton. Es beschränkt sich auf die nied­rigen Frequenzen. Es klingt wie eine Raum­kapsel in der Atmo­sphäre mit einem wunder­vollen Brausen, ein alles umhül­lendes Brausen, das plötz­lich verschwindet. stop. Weit nach Mitter­nacht, kühle Luft. stop. Lungere auf dem Sofa herum, höre anato­mi­sche Tonband­auf­nahmen ab, Wörter, Sätze, Gedanken einer ferneren Zeit, die sofort wieder sehr nahe kommen, viel­leicht deshalb, weil sie von typi­schen Geräu­schen jenes Ortes, an dem sie aufge­nommen wurden, begleitet sind. Das Rauschen der Stimmen hunderter Menschen. Pinzetten, die gegen Metall klopfen. Eine Laut­spre­cher­durch­sage: Denken Sie bitte daran, der Präpa­rier­saal wird vor dem Testat am kommenden Montag bereits um 7 Uhr geöffnet. Das kleine Wieder­ga­be­gerät, das neben mir auf einem Kissen ruht, bewegt sich nicht oder nur so leicht, dass meine Augen diese Bewe­gung nicht wahr­nehmen können. Einmal denke ich an etwas anderes, als das, was zu hören gewesen war, und bemerke in dieser Weise, dass ich, in dem ich an etwas denke, das entfernt ist, meine Ohren auszu­schalten vermag. Deshalb musste ich gerade eben das Band zurück­spulen und Thomas’ feine Geschichte wieder­holen, die von einer Libelle erzählt. Hört zu: Wir hatten einen Mann auf dem Tisch, einen männ­li­chen Körper von sehr dunkler Farbe und von außer­or­dent­li­cher Größe. Ich glaube, dieser Körper war der größte Körper des Kurses. Ich war erstaunt, weil ich mit einem Präparat, das größer sein würde als ich selbst, nicht gerechnet habe. Nein, einen Hünen hatte ich wirk­lich nicht erwartet. Sie müssen wissen, ich habe mir sehr bewusst keine genauen Vorstel­lungen von der Wirk­lich­keit des Anato­mie­saales gemacht. Ich hatte vermutet, dass die Luft kühl sein würde, aber an dem Tag, als wir unsere Arbeit aufnahmen, war es sommer­lich warm und ich schwitzte und hatte Mühe, ohne Unter­bre­chung daran zu denken, mir mit den feuchten Hand­schuhen nicht ins Gesicht zu fahren. Ich hatte erwartet, dass das Licht im Saal eher gedämpft sein würde, aber es war strah­lend hell, ein Licht, das kaum einen Schatten warf. Und ich hatte einen über­schau­baren Körper erwartet, einen eher kleinen Körper, den Körper eines uralten Menschen. Ich habe mit alternden Menschen immer Gestalten in Verbin­dung gebracht, die zerbrech­lich sind, Körper, die kleiner werden, die sich zurück­ziehen, die man stützen muss, führen, die noch im Leben durch­lässig werden für das Licht. Dort vor mir auf dem Tisch aber lag ein Mann, der gera­dezu strotzte vor Kraft. Er war nicht fett, sondern muskulös, und am Bauch und an der Brust, an Armen und Beinen sehr stark behaart gewesen. Ich werde diesen Anblick mein Leben lang nicht vergessen. Ich habe den Mann sehr lange Zeit betrachtet. Dieses geschwol­lene Gesicht war das Gesicht eines schla­fenden Boxers. Seine Augen waren geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt und seine Füße sahen ganz so aus, als hätte er sie schon vor sehr langer Zeit vergessen. Ich habe ihn mehr­fach umkreist, und dann haben wir ihn gemeinsam auf dem Tisch herum­ge­dreht. Sehr fest mussten wir zugreifen. Ich sage Ihnen, das ist nicht leicht, am ersten Tag in diesem Saal so fest zuzu­fassen. Man ist ja sehr vorsichtig und man ist dankbar für dieses Geschenk, das ein Mensch für uns zurück­ge­lassen hat. Und als wir ihn dann herum­ge­dreht hatten, konnten wir eine Libelle erkennen. Sie war links oben auf seinem Rücken eintä­to­wiert, regio scapu­laris, Sie verstehen? Ein erstaun­lich präzise gezeich­netes Bild, nicht sehr groß, viel­leicht gerade so groß wie ein Mittel­finger des Mannes und in blauen und roten und grünen Farb­tönen ausge­führt. In diesem Moment hatte ich eine Vorstel­lung, die in das Leben des Mannes auf dem Tisch zurück­führte. Ich habe mir vorge­stellt, wie er als junger Mann in einer Bade­an­stalt mit den Muskeln spielte, wie er seinen Insek­ten­vogel in Bewe­gung setzte, um einer Frau zu gefallen viel­leicht. Aber da war noch etwas anderes, da war die Frage, was wir sehen würden, sobald wir die Haut unter der Libelle so weit gelöst hätten, dass ein Blick auf ihre Rück­seite möglich werden würde.

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