emilia nabokov no2

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hima­laya : 5.15 – Vor längerer Zeit hatte ich von einem Freund erzählt, der den foto­gra­fi­schen Schatten einer Künst­lerin via Internet verfolgte. Er arbeitet selbst seit vielen Jahren in digi­talen Räumen, beinahe könnte ich sagen, dass er seit vielen Jahren in digi­talen Räumen zu exis­tieren scheint. Zahl­reiche seiner Arbeiten verbinden sich mit Arbeiten anderer Menschen, weil man auf ihn verweist, weil man auf ihn wartet, auf Texte, auch auf Bilder, Filme, Geräu­sche, die er aufnimmt, sobald er etwas Inter­es­santes zu hören meint. Mit jeder Minute der verge­henden Zeit wächst sein elek­tri­scher Schatten. Er macht das ähnlich wie eine New Yorker Foto­grafin, die stun­den­lang durch die Stadt spaziert und mit einem iPhone all das foto­gra­fiert, was ihr ins Auge fällt. Manchmal sind es hunderte Foto­gra­fien an einem einzigen Tag, die nur Sekunden nach Aufnahme von ihrem Foto­ap­parat, mit dem sie gleich­wohl tele­fo­nieren kann, an das Flickr – Medium gesendet werden. Mein Freund erzählte, dass er den Eindruck habe, die junge foto­gra­fie­rende Frau in Echt­zeit zu beob­achten, ihr im Grunde so nah gekommen zu sein, dass er kurz vor Weih­nachten fürch­tete, etwas Ernst­haftes könnte ihr wider­fahren sein, weil drei Tage in Folge keine Foto­grafie gesendet wurde. Am vierten Tag erkun­digte er sich mittels einer E-Mail, die er an Flickr sendete, ob es der schweig­samen Foto­grafin gut gehe, er mache sich Gedanken oder Sorgen. Man muss das wissen, mein Freund hatte der Foto­grafin nie zuvor geschrieben, kannte nicht einmal ihren wirk­li­chen Namen, sondern nur ein Pseud­onym: Emilia Nabokov No2. Ein halbe Stunde, nachdem die E-Mail gesendet worden war, erschien, als habe ihm die spazie­rende Künst­lerin zur Beru­hi­gung geant­wortet, eine Foto­grafie ohne Titel. Diese Foto­grafie erzählte davon, dass sich Emilia Nabokov No2 vermut­lich nicht in New York aufhielt, sondern in Montauk, weil auf der Foto­grafie ein Leucht­turm auf einem verschneiten Hügel zu sehen war, der eindeutig zur kleinen Stadt Montauk an der nord­öst­li­chen Spitze Long Islands gehörte. Im Hinter­grund das Meer, und vorne, ob nun mit Absicht oder nicht, ein Fuß in einem Gummi­stiefel von knall­roter Farbe. stop Es ist jetzt April 2014 geworden. Nach Erscheinen der Foto­grafie, die den roten Gummi­stiefel zeigt, wurden von der Künst­lerin Emilia Nabokov No 2 weitere 2756 Foto­gra­fien gesendet, im Oktober des vergan­genen Jahres dann die letzte Aufnahme, seither Stille. – stop

polaroidflug

lichtbild : eine straße in manhattan

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ulysses : 8.05 — Einmal ent­deckte ich nach stun­den­lan­ger Suche in den Archi­ven der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek eine Foto­gra­fie auf einem Mikro­film­strei­fen und ich wusste sofort, dass ich die­ses Licht­bild besit­zen musste. Ich bat eine Biblio­the­ka­rin, aus dem Mate­rial das Beste her­aus­zu­ho­len, höchste Auf­lö­sung, wes­we­gen ich bald einen klei­nen Sta­pel Papiers ent­ge­gen­neh­men konnte, den ich im Arbeits­zim­mer an einer Wand zum Bild zurücks­or­tierte, wie in der vergan­genen Nacht noch einmal, zurück zur Ansicht einer Straße des Jah­res 1934 prä­zise, einer Straße nahe des Bel­le­vue Hos­pi­tals zu New York. Stau­bige Bäume, eilende Men­schen­schat­ten, die Sil­hou­ette einer alten, in den Kno­chen gebeug­ten Frau, der Wagen eines Eis­ver­käu­fers, ros­tige Hydran­ten, die spröde Stein­haut der Straße, zwei Vögel unbe­kann­ter Gat­tung, Spu­ren von Hitze, und ich erin­nere mich noch gut, dass ich eine Zeile von links nach rechts auf das Papier notierte: Diese Straße könnte Mal­colm Lowry über­quert haben, an einem Tag viel­leicht, als er sich auf den Weg machte, sei­nem Kör­per den Alko­hol zu ent­zie­hen. Und weil ich schon ein­mal damit begon­nen hatte, das Bild zu ver­fei­nern, zeich­nete ich in Wor­ten wei­tere Sub­stan­zen auf das Papier, Unsicht­ba­res oder Mög­li­ches. Einen Schuh notierte ich west­wärts: Hier flüch­tet Jan Gabriel, weil sie Mr. Low­rys Liebe nicht län­ger glau­ben konnte. Da lag ein Notiz­buch im Schat­ten eines Bau­mes und ich sagte: Die­ses Notiz­buch wird Mal­colm Lowry fin­den von Zeit zu Zeit, er wird es auf­he­ben und mit zit­tern­den Hän­den in seine Hosen­ta­sche ste­cken. Schon segel­ten fie­bernde Wale über den East River, der zwi­schen zwei Häu­sern schim­merte, ein Schwarm irrer Bie­nen tropfte von einer Fens­ter­bank, und da waren noch zwei Mäd­chen, bar­fuss, — oder tru­gen sie doch Strümpfe, doch Schuhe? — sie spiel­ten Him­mel und Hölle, ihre fröh­li­chen Stim­men. Ich gestehe, dass Daisy und Vio­let nicht damals, son­dern in die­ser letz­ten Stunde einer hei­te­ren Arbeits­nacht ins Bild gekom­men sind. – stop

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bonsaimenschen

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MELDUNG. Bonsai­men­schen, 12 Personen jüngeren Alters a 54 cm, nahe Tindouf [ Algeria ] zur Hitze­probe einge­troffen. Wüsten­wan­de­rung [ 125 Meilen ] : Mitt­woch, 5. April 2011, ab 14 Uhr mittel­eu­ro­päi­scher Sommer­zeit. Call : 00386 / 5476823 – stop

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o l i m a m b o

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delta : 22.01 – Nehmen wir einmal an, eine noch nie zuvor gehörte Sprache wäre über Nacht, während ich schlief, wie Regen vom Himmel gefallen und hätte sich in meinem Gehirn versam­melt, in dem sie alle dort gestern noch vorhan­denen Wörter und Wendungen ersetzte. Und wie ich nun erwache, sehe ich einen Lampi­gnon, eine Lampe, aber ich denke ein Wort, das ich nicht kenne. Und so wundere ich mich, und auch das Wundern selbst wird mit selt­samen Geräu­schen bezeichnet. Da ist ein Kühl­schrank, und da sind eine Compu­ter­ma­schine und ein Telefon, je Erschei­nungen ohne vertrautes Wort. Ich kann sie sehen, ich kann sie berühren, aber nicht eindeutig bezeichnen, wie meine Augen nicht und meine Nase und meinen Mund. In dieser ersten Stunde des Tages mit neuer Sprache vermag ich nur zu deuten, nicht zu erzählen. Ja, nehmen wir das einmal an, merk­wür­dige Sache. mika­di­ka­madu. – stop
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sierra : 3.28 – Jane Goodall erzählt eine faszi­nie­rende Geschichte von Wahr­neh­mung und Wirk­lich­keit in den ersten Minuten eines Doku­men­tar­films, der ihr Leben schil­dert. Sie sagt folgendes: Ich hatte es ziem­lich satt, dass mich die Leute für Diane Fossey hielten und sagten: Ihr Film Gorillas im Nebel war wunder­voll. Ich sagte dann immer: Sie haben den Film gesehen? – Ja! – Dann wissen die doch, dass die Dame getötet wurde, oder? – Ja!  -Aber ich bin doch da! – stop. Frühe Nacht. In diesem Jahr zum ersten Mal die Fenster nach Mitter­nacht geöffnet. Esme­ralda sitzt auf dem Brett neben Kakteen, sie scheint Sterne zu betrachten. Gedämpftes Licht vom nord­ost­wärts reisenden Staub der Sahara. Gestern noch träumte ich von einem Tele­fon­ge­spräch mit Jules Verne, der mit sehr heller Stimme Züge eines Schach­spiels meldete. Merk­würdig insbe­son­dere das Vorkommen einer Kentau­ren­figur im Spiel, welche sich durch Bewe­gung auf unsicht­bare Spiel­felder in der Luft vor jedem Zugriff in Sicher­heit bringen konnte. – stop

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bafra

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MELDUNG. Nahe Bafra, am Strand, wurden drei Ziegen von Welt­raum­ge­steinen getötet, deswei­teren ein Fischer auf seinem Boot. Einschläge auch in Sahli­kent: Klas­sen­räume 4 und 5, aber nach Schul­schluß gegen 6 Uhr am Nach­mittag. – stop

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lissabon

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nordpol : 22.01 – Unter Zeitungen, die sich in meinem Brief­kasten befanden, entdeckte ich eine selt­same Post­karte. Auf der einen Seite des Papiers war die Stadt Lissabon zu erkennen, eine gelbe Tram­bahn zwischen Häusern einer steil anstei­genden Straße. Es muss später Abend gewesen sein, als die Aufnahme gefer­tigt wurde. Menschen sitzen in beleuch­teten Abteilen, einige schlafen, andere schauen aus den Fens­tern der Waggons heraus. Wie ich sie betrach­tete, die Über­le­gung, manche der foto­gra­fierten Menschen könnten viel­leicht nicht mehr unter uns Lebenden sein, weil ihr Licht bereits Anfang der fünf­ziger Jahre einge­fangen wurde. Das jeden­falls ist so auf der Rück­seite der Ansichts­karte vermerkt, Lisboa 1952. Ihr Post­wert­zei­chen, das tatsäch­lich in Lissabon abge­stem­pelt worden war, ist eines, wie man sie zu jener Zeit verwen­dete, so dass ich vermu­tete, die Post­karte habe eine sehr lange Reise­zeit hinter sich gebracht. Sie ist in meinen Augen über­haupt eine erstaun­liche Erschei­nung. In diesem Moment ruht sie im Nacht­licht auf meinem Schreib­tisch. Wörter, die ich nicht kenne. Nicht einmal die Buch­staben, die Wörter bilden, vermag ich zu entzif­fern, äußert feine Zeichen, eine Art geheimer Schrift, Malerei, die viele Stunden Arbeit gefor­dert haben dürfte. Merk­würdig vor allem, auf der Post­karte ist keine Anschrift zu finden. So sehr ich nach meinem oder einem anderen Namen suchte, nichts ist zu entde­cken, was eine Begrün­dung dafür darstellen könnte, dass gerade ich diese Karte erhalten sollte. Ich habe keine Vorstel­lung, wer sie geschrieben habe könnte, auch nicht, ob eine Anschrift verse­hent­lich oder mit Absicht vergessen wurde. – Dämme­rung. Fleder­mäuse zwit­schern durch die Luft. Vor wenigen Tagen ist Urs Widmer gestorben, vor genau zwei Jahren mein Vater um 17.32 Uhr. – stop
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kili­man­dscharo : 2.05 – Ich über­legte, ob ich, wenn ich bei wolken­losem Himmel in 33000 Fuß Höhe befind­lich aus einem Flug­zeug­fenster spähen würde, ein Schiff erkennen könnte, ein Schiff von der Größe der Queen Mary sagen wir, einen Luxus­dampfer, der zur Zeit meiner Geburt noch regel­mäßig zwischen New York und Sout­hampton über den Atlantik hin und her gepen­delt war. – stop. Eine Reise von München südost­wärts in Worten: Vom Haupt­bahnhof in Rich­tung Bayer­straße starten 52 m weiter gesamt 52 m 2. Rechts abbiegen auf Bayer­straße 130 m weiter gesamt 180 m 3. 1. Abzwei­gung rechts nehmen, um auf Paul-Heyse-Unter­füh­rung zu wechseln300 m weiter gesamt 500 m 4. Weiter auf Seidl­straße 190 m weiter gesamt 700 m 5. Rechts abbiegen auf Mars­straße 270 m weiter gesamt 1,0 km 6.Weiter auf Elisen­straße Ca. 1 Minute 500 m weite gesamt 1,5 km 7. Rechts abbiegen auf Karls­platz 160 m weiter gesamt 1,6 km 8. Weiter auf Sonnen­straße Ca. 1 Minute 700 m weiter gesamt 2,3 km 9. Weiter auf Blumen­straße Ca. 2 Minuten 850 m weiter gesamt 3,2 km 10. Rechts abbiegen auf Frau­en­straße Ca. 57 Sekunde500 m weiter gesamt 3,7 km 11. Rechts abbiegen auf Isar­tor­platz 120 m weiter gesamt 3,8 km 12. Weiter auf Zwei­brü­cken­straße 250 m weiter gesamt 4,0 km 13. Weiter auf Ludwigs­brücke 230 m weiter gesamt 4,3 km 14. Weiter auf Rosen­heimer Straße 130 m weiter gesamt 4,4 km 15. Nach rechts abbiegen, um auf Rosen­heimer Straße zu bleiben Ca. 5 Minuten 3,0 km weiter gesamt 7,4 km 16. Weiter auf A8 (Schilder nach Salz­burg / Nürn­berg / Flug­hafen München) Teil­weise gebüh­ren­pflich­tige Straße Ca. 1 Stunde 7 Minuten 126 km weiter gesamt 133 km 17. Weiter auf A1 Gebüh­ren­pflich­tige Straße Ca. 1 Minute 2,1 km weiter gesamt 135 km 18. Am Auto­bahn­kreuz Knoten Salz­burg rechts halten und den Schil­dern A10/E55 in Rich­tung Villach / Salz­burg Süd / Italien / Ljub­ljana / Slowe­nien folgen. Weiter auf A10 Gebüh­ren­pflich­tige Straße Ca. 1 Stunde 39 Minuten 182 km weiter gesamt 317 km. 19. Bei Ausfahrt A11/E61 Rich­tung Slowe­nien / Kara­wan­ken­tunnel >
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stonington island

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whiskey : 2.32 – Das Labor der Eisbü­cher, mit dem ich vor wenigen Minuten tele­fo­nierte, befindet sich seit zwölf Wochen auf Stonington Island, einer felsigen Gegend am nörd­li­chen Rand des antark­ti­schen Konti­nents. Ich habe einen Text trans­fe­riert, der in diesen Minuten mögli­cher­weise von feinsten Fräsen in Eisblätter einge­tragen wird. Ich stelle mir vor, ein helles Geräusch ist zu vernehmen, in dem ein Roboter äußerst behutsam zu schreiben beginnt. Es geht darum, das Eisblatt nicht zu zerbre­chen, das so dünn ist, dass man mit einer Taschen­lampe hinter die Zeichen meines Textes leuchten könnte. Es ist kalt, der Wind pfeift um hölzerne Bara­cken, in welchen hunderte Schreib­ma­schinen bewe­gungslos warten, bis man sie anruft. Folgende Geschichte habe ich ins Telefon gespro­chen: Draußen, vor wenigen Stunden noch, rauschte Wasser vom Himmel. Aber jetzt ist es still. Es ist eine tatsäch­lich nahezu geräusch­lose Nacht. Die letzte Stra­ßen­bahn ist längst abge­fahren, kein Wind, deshalb auch die Bäume still und die Vögel, alle Menschen im Haus unter mir scheinen zu schlafen. Für einen Moment dachte ich, dass ich viel­leicht wieder einmal mein Gehör verloren haben könnte, ich sagte zur Sicher­heit ein Wort, das ich gestern entdeckte: Kaprun­biber. Das Wort war gut zu hören gewesen, meine Stimme klang wie immer. Aber auf dem Fens­ter­brett hockt jetzt ein Mari­en­käfer, einer mit gelbem Panzer, sieben Punkte, ich habe nicht bemerkt, wie er ins Zimmer geflogen war. Es ist nicht der erste Käfer dieses Jahres, aber einer, den ich mit ganz anderen Augen betrachte. Ich hatte für eine Sekunde die Idee, dieser Käfer könnte viel­leicht ein künst­li­cher Käfer sein, einer, der mich mit dem Vorsatz besuchte, Foto­gra­fien meiner Wohnung aufzu­nehmen, oder Gespräche, die ich mit mir selbst führe, während ich arbeite. Warum nicht auch ich, dachte ich, ein Ziel. Ich nahm den Käfer, der seine Gehwerk­zeuge unver­züg­lich eng an seinen Körper legte, in meine Hände und trans­por­tierte ihn in die Küche, wo ich ihn in das grelle Licht einer Tisch­lampe legte. Wie ich ihn betrach­tete, bemerkte ich zunächst, dass ich nicht erkennen konnte, ob der Käfer in der künst­li­chen Hellig­keit seine Augen geschlossen hatte. Weder Herz­schlag noch Atmung war zu erkennen, auch nicht unter einer Lupe, nicht die geringste Bewe­gung, aber ich fühlte mich von dem Käfer selbst beob­achtet. Also drehte ich den Käfer auf den Rücken und suchte nach einem Zugang, nach einem Schräub­chen da oder dort, einer Kerbe, in welche ich ein Messer­werk­zeug einführen könnte, um den Panzer vom Käfer zu heben. Man stelle sich einmal vor, ein sehr kleiner Motor wäre dort zu finden, Mikro­phone, Sender, Linsen, es wäre eine unge­heure Entde­ckung. Im Moment zögere ich noch, den ersten Schnitt zu setzten, es regnet wieder, jawohl, ich werde am Besten zunächst noch ein wenig den Regen beob­achten, es ist kurz nach drei. – stop

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cadillac

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MELDUNG. Auto­mo­bile, folgende, wurden nach einem Kauf­haus­be­such zu London in Martha B., 87, vorge­funden : Magen – 1 Cadillac Fleet­wood 75 [ 1962 ], 1 Alfa Romeo Sprint [ 1950 ], Dünn­darm – 1 Citroen Avant [ 1942 ], Dick­darm – 1 Nash Rammler Combo [ 1952 ]. Wiederum wurde die Durch­su­chung des hoch­be­tagten Bauches von den Royal Courts of Justice zwin­gend ange­ordnet. – stop

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ulsysses : 5.08 – Ich kam ins Gespräch mit einem Mann, der vom Projekt einer Menschen­ge­stal­tung erzählte. Das war inmitten der Nacht im Café gewesen. Ich erin­nere mich, dass ich ihn fragte, ob er Forscher oder Desi­gner sei, weil er anato­mi­sche Zeich­nungen mittels eines iPads studierte. Eine der Zeich­nungen stellte einen Unterarm dar, wie er in der Wirk­lich­keit von oben her zu sehen sein würde. Auf diesem gezeich­neten Arm waren Erhe­bungen zu erkennen, waben­för­mige Forma­tionen von einem Zenti­meter Höhe, die mich an pocken­ar­tige Gebilde erin­nerten, aber doch regel­mäßig und eben künst­li­chen Ursprungs waren, mit Vorsatz erstellt. Ich hörte, dass es sich bei diesen Gebilden um kleine Häuser handeln soll, in welchen Tiere ange­sie­delt werden könnten, Zwerg­bienen, jedoch bevor­zugt Ameisen oder sehr kleine Fliegen. Stellen sie sich vor, sagte der Mann, was sie hier sehen an dieser Stelle, sind von Haut bewach­sene Habi­tate, dort exis­tierten tausende Tiere, die nur darauf warten, bei bester Gele­gen­heit auszu­schwärmen, sagen wir so. Unver­züg­lich flat­terte ein Nacht­falter von dunkel­blauer Farbe um den Kopf des Mannes herum. Weitere kamen hinzu, bald waren es so viele, dass ich sie nicht zählen konnte. Sie klet­terten unter dem Hemd des Mannes hervor, an den Armen und am Kragen. Ein leises Rauschen war zu vernehmen und die Luft schmeckte bitter. Ich hörte noch wie sich der Mann erkun­digte, ob ich nicht doch beein­druckt sei. Ich berich­tete ihm ausführ­lich von meiner Begeis­te­rung, von meinem Wunsch, selbst über Habi­tate dieser Art verfügen zu dürfen, es war eine nach­drück­liche Art und Weise zu spre­chen, und doch weiß ich nicht, ob der Mann mich zu diesem Zeit­punkt noch sehen konnte oder hören, so dicht war die Wolke flat­ternder Tiere geworden. Nach wenigen Minuten stand ich auf und ging davon und erwachte. Und weil noch Nacht war, schlief ich gleich wieder ein. – stop

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sierra : 0.05 – Kurz nach Mitter­nacht: Leichter Regen. Aber nicht wirk­lich Regen, sondern Regen, weil ich in mein Notiz­buch notierte: 18. April – Regen­ge­räuschwörter sammeln. Also spaziere ich durch die Wohnung und versuche, mangels wirk­li­chen Regens, Regen vorzu­stellen. Das ist eine sehr ange­nehme Übung: Regen in den Wäldern, Regen im Gebirge, Regen in der Stadt. Oder Nacht­regen, Herbst­regen, Regen, der auf ein Fähr­schiff fällt. Gestern Abend habe ich Regen­ge­räu­sche gehört, die durch ein Telefon über­tragen wurden. Als ich noch Kind war, verließ ich gern das Haus ohne Schirm, wenn es regnete. Kaum war ich auf der Straße, kamen Schne­cken unter den Bäumen hervor. Der Regen machte sie schnell und mutig. Sie kannten den kleinen Schne­cken­jäger noch nicht, der sie sammelte, der sie in Gläser steckte. Wenn ich sie betrach­tete, hatte ich den Eindruck, ihr schim­mernder Körper würde sich mit Regen gefüllt haben. Seither ist die Farbe des Regens von der Farbe der Schne­cken­füße. – stop

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am telefon

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sierra : 6.05 – Mein Freund Louis erzählte eine Geschichte von einem Mann, dem er vor wenigen Jahren in New York begegnet sein will. Ich werde kurz berichten, obwohl es schon spät geworden ist. An dem Tag, an dem Louis’ Geschichte sich ereig­nete, wanderte er durch die Stadt ohne Ziel. Manchmal stieg er in einen Zug der Subway und fuhr irgend­wohin. Einmal, es war Abend geworden, erreichte er Brighton Beach, aber anstatt den Strand zu besu­chen, fuhr er sofort wieder zurück. Das war ein großes Glück gewesen, denn hätte er nur einen oder zwei spätere Züge nach Manhattan genommen, wäre er dem Mann, von dem er mir erzählte, vermut­lich nie begegnet. Dieser Mann war ein kleiner, schmäch­tiger Herr, der breit­beinig vor einer Tür stand und zu tele­fo­nieren schien. Er sprach, ohne eine Pause zu machen, mit lauter Stimme Wörter, die Louis nicht verstehen konnte. Als der Zug nach einer halben Stunde Fahrt über den Dächern Brook­lyns in den Unter­grund tauchte, geschah etwas Selt­sames, denn der Mann sprach weiter in sein Telefon, obwohl jede Funk­ver­bin­dung im Tunnel­system sofort unter­bro­chen wurde. Kaum jemand unter den Fahr­gästen schien den kleinen Mann zu bemerken. Eine Fünf-Mann-Band betrat den Wagon, sie spielte einen Bras­stango, der Zug bebte und der schmäch­tige Mann tele­fo­nierte und lachte und spen­dete einen Dollar. In der Lexington Avenue, Höhe 63. Straße, stieg der Mann aus, fuhr mit der Roll­treppe in das Zwischen­ge­schoss, stieg zur Stra­ßen­ebene hinauf und lief weiter nord­wärts. Er hatte bis dahin, eine Stunde war seit seiner Entde­ckung vergangen, nie aufge­hört zu spre­chen, und auch jetzt, im Gehen, setzte er seine Rede fort. An der Ecke zur 83. Straße besuchte der Mann eine Pizzeria, auch Louis trat in den düsteren Laden ein. Er hörte dem Mann weiter zu, wie er mit vollem Mund seinen Text vollzog, als könnte er unmög­lich aufhören, als würde etwas Schreck­li­ches geschehen, wenn er nur einmal für eine Sekunde eine Pause machte. Bald trat der kleine, spre­chende Mann wieder auf die Straße und setzte seinen Weg in Rich­tung Harlem fort. Es war inzwi­schen später Abend geworden, die Luft kühler, Menschen saßen entlang der Häuser­wände auf Klapp­stühlen. Um kurz nach Mitter­nacht plötz­lich hielt der Mann an und verstummte. Er stand einige Minuten ganz still. Er schien zu über­legen. Dann legte er das Telefon auf den Boden ab, drehte sich um und machte sich auf den Weg zurück. Er ging zunächst südwärts über die Lexington Avenue, Höhe der 60. Straße bog er nach links ab, schlen­derte langsam zur Tramway – Station, gegen drei Uhr löste er ein Ticket. – stop
polaroidtram

ai : IRAN

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Berichte über Gefäng­nis­wär­te­rInnen, die im Trakt 350 des Evin-Gefäng­nisses in Teheran, in dem viele poli­ti­sche Gefan­gene inhaf­tiert sind, eine Razzia durch­führten, verstärken die Sorge um die Sicher­heit der Gefan­genen. Infolge der Unruhen haben einige Gefan­gene offenbar Verlet­zungen, darunter Rippen­brüche, erlitten. Berichten zufolge wurden mindes­tens 32 Personen aus Trakt 350 in Einzel­haft in Trakt 240 des Gefäng­nisses verlegt. / Medi­en­be­richten zufolge drangen am Morgen des 17. April Mitar­bei­te­rInnen des irani­schen Nach­rich­ten­dienstes sowie etwa 100 Wärte­rInnen in Kampf­aus­rüs­tung in den Trakt 350 des Evin-Gefäng­nisses ein, mögli­cher­weise um eine Durch­su­chung durch­zu­führen. Die genauen weiteren Gescheh­nisse sind nicht bekannt, doch es kam offenbar zu einer Konfron­ta­tion mit Gefan­genen, die die Razzia zu verhin­dern suchten, wobei einige Gefan­gene verletzt worden sein sollen. Mindes­tens vier der verletzten Gefan­genen wurden in ein Kran­ken­haus außer­halb des Gefäng­nisses einge­lie­fert. Berichten zufolge wurden weitere 26 Gefan­gene verletzt, doch ob sie inner­halb des Gefäng­nisses eine medi­zi­ni­sche Behand­lung erhielten, ist nicht bekannt. Mindes­tens zwei Gefan­gene, Esmail Barz­egari und Akbar Amini, sollen sich Rippen­brüche zuge­zogen und ein dritter einen Herz­in­farkt erlitten haben. Letz­terer wurde auf die Inten­siv­sta­tion eines Kran­ken­hauses außer­halb des Gefäng­nisses gebracht. / Weitere 32 Personen wurden in Einzel­haft verlegt, darunter der Anwalt Abdolfattah Soltani, der Akti­vist für die Rechte von Minder­heiten Sa’id Metin­pour, der selbst der aser­bai­dscha­ni­schen Minder­heit im Iran ange­hört, der ehema­lige Staats­an­walt Mohammad Amin Hadavi, der Arbeits­rechts­ak­ti­vist Behnam Ebra­himzadeh und die poli­ti­schen Akti­visten Behzad Arabgol und Hootan Dolati. All dieje­nigen, die in Einzel­haft verlegt wurden, sollen während der Verle­gung von Wärte­rInnen mit Schlag­stö­cken geschlagen worden sein. ” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 29. Mai 2014 hinaus, unter »> ai : urgent action

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odessa

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MELDUNG. Odessa, Lafa Hostel nahe Here’tska St., 3. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1024 [ Marmor, Carrara : 3.77 Gramm ] voll­endet. – stop

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safranmantel

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echo

~ : oe som
to : louis
subject : SAFRANMANTEL
date : april 24 14 10.55 p.m.

Es war, lieber Louis, vor zwei Tagen gewesen, als Noe die Lektüre der Meta­mor­phosen Ovids von einer Sekunde zur anderen Sekunde unter­brach. Er las noch folgende Sätze des 10. Buches: Durch die unend­liche Luft, vom Safran­mantel umhüllet, geht Hymenäus einher, zu dem kalten Gebiet der Cikonen, wo ihn umsonst anflehet der Ruf des melo­di­schen Orpheus. Jener erscheint ihm zwar; doch nicht heil­jauch­zende Worte bringt er, noch fröh­li­chen Blick, noch Ahnungen glück­li­cher Zukunft. Selbst die gehal­tene Fackel erzischt in beträ­nendem Dampfe immerdar und gewinnt nicht einige Glut von Bewe­gung. Schreck­li­cher war der Erfolg, wie die Deutungen. Durch die Gefilde Schweifte die jüngst Vermählte, vom Schwarm der Najaden begleitet, ach, und starb, an der Ferse verletzt von dem Bisse der Natter. Als zu dem Himmel empor der rhod­opei­sche Sänger lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versu­chen die Schatten. – Plötz­lich Stille, auch keine Atem­ge­räu­sche, Nacht. Marlen hatte Dienst. Nachdem sie, trotz mehr­fa­cher Versuche, keinen Kontakt zu Noe aufnehmen konnte, weckte sie uns. Wir lauschten gemeinsam in die Tiefe unge­fähr eine Stunde lang. Es war nichts Unge­wöhn­li­ches um uns her zu bemerken, auch auf dem Radar kein Hinweis auf Fisch­schwärme oder Wale, die Noe nahe­ge­kommen sein könnten. Am frühen Morgen, Taucher Noe hatte seine Lektüre nicht wieder aufge­nommen, aber er atmete gleich­mässig und hatte getrunken, machte sich Bob auf den Weg in die Tiefe. Zwei Stunden dauerte sein Abstieg, dann meldete er mit flüs­ternder Stimme: Ein U-Boot in unserer Nähe. Es scheint uns zu umkreisen, ein dunkler Schatten, ein beein­dru­ckend großes Schiff. Ich habe mich Noe genä­hert. Er lachte mich an. Das U-Boot trägt keinerlei Hoheits­zei­chen. Ein feiner Strahl von Licht bewegt sich in unsere Rich­tung wie ein Finger, ohne uns zu berühren. – stop. – Es ist Donnerstag geworden, später Abend. Bob befindet sich noch immer in 800 Fuß Tiefe bei Noe. Auch das U – Boot kreist weiterhin unter uns. Vor einer Stunde nahm Noe seine Lektüre wieder auf, unsi­chere Stimme, aber immerhin eine Stimme, die liest. Wir sind froh darum. Der Himmel über uns, ohne Wolken. Sterne. Prächtig. – Dein OE SOM

gesendet am
24.04.2014
2155 zeichen

oe som to louis »

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MELDUNGEN : OE SOM TO LOUIS / FIN

vögel

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lima : 0.57 – Düstere Straße, düsteres Haus, düstere Treppe. Ich klin­gelte an einer Tür, ein Mann, der nicht mehr ganz jung gewesen war, öffnete. Kräf­tiger, bitterer Geruch strömte aus der Wohnung. Die Luft war warm, war feucht und dicht, meine Bewe­gungen, wie ich durch den Flur der Wohnung ging, mühe­voll, als würde ich unter Wasser laufen. Ich trat in ein Zimmer, ein Tisch, ein Sofa, zwei Stühle, keine Vorhänge vor den Fens­tern, hinter den Scheiben Kasta­ni­en­bäume, die blühten. An den Wänden des Zimmers klebte eine Tapete mit Kirsch­mo­tiven. Sie war an der ein oder anderen Stelle von der Wand gefallen. Auf hölzernen Stangen, dicht unter der Decke, hockten hunderte Vögel ohne Federn. Ihre Haut war von hellem Braun, ihre Schnäbel zitro­nen­gelb. Der Mann, der mich in das Zimmer geführt hatte, nahm einen der Vögel in seine Hände. Der Vogel lag auf dem Rücken ganz still. Er hatte seine Augen geschlossen, feine hell­blaue Häut­chen wie Schirme. Ich sollte an dem Vogel riechen, und so nahm ich ihn in die Hand. Der Leib des Vogels war warm. Er zitterte als ich mich mit meiner Nase näherte, als würde er frieren. Der Mann, der mich an das Zimmer der Vögel geführt hatte, sagte, dass sie noch nicht ganz reif seien. Der Vogel duftete nach gebrannten Mandeln. In einer Ecke des Zimmers auf dem Boden ein Schall­plat­ten­spieler, ein uraltes Gerät, das Tommy Dorsey spielte: I’m Getting Senti­mental Over You. – stop
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überlandfahrt

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whiskey : 2.12 – Ein äußerst geduldig dahin­fah­render Zug : 2.5 mm / Stunde. Indem der Zug eine Stadt verlässt, um in eine 5 Kilo­meter entfernte Stadt weiter zu fahren, wird er für 228 Jahre ohne Bahnhof sein. Wer könnte in dieser Zeit die Geleise behüten, wer garan­tieren, dass der Zug jemals einen von Menschen bewohnten Ort errei­chen wird? Wie schnell würden sich reisende Personen im Zug in den Augen eines Beob­ach­ters bewegen? Wären ihre Bewe­gungen über­haupt sichtbar? 5 Herz­schläge von Winter zu Winter. – stop

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remington : 6.56 – Beob­ach­tete wieder einmal meinen Fern­seh­bild­schirm, der so flach ist, dass ich meine, das bewegte Bild, welches er empfängt, müsste trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flügel. Ich könnte in dieser Vorstel­lung durch das Zimmer laufen, um jene Sequenzen, die von einem begin­nenden Krieg, von Brand­bomben, prügelnden Menschen, maskierten Soldaten erzählen, von der anderen Seite her zu betrachten. Erin­nere mich an Bohumil Hrabal, von dem berichtet wird, er würde bevor­zugt hinter seinem Fern­seh­gerät Platz genommen haben. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als Bild­schirme in den Rahmen mons­tröser Appa­ra­turen hockten, Röhren­bild­schirme genauer, die noch explo­dieren konnten. Indem Hrabal seinen Bild­emp­fänger von hinten betrach­tete, handelte er mit dem Ausdruck äußerster Verwei­ge­rung, er saß dort und konnte sich darauf verlassen, keines der empfan­genen Bilder sehen zu können, er war genau dort hinter jener Maschine, die die Bilder erzeugte, vor den Bildern sicher. Viel­leicht hatte er über­dies das Fern­seh­gerät ausge­schaltet, ich weiß es nicht, gern würde ich ihn fragen, ihm erzählen, wie ich das mache in diesen Tagen, da ich nicht mehr sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­scheiden zu können. Ich höre Stimmen der Kommen­ta­toren vom Arbeits­zimmer her, die weiter spre­chen, obwohl ich nicht da bin. Und ich höre den Regen, es regnet tatsäch­lich, dann hört es wieder auf. Nacht­vögel oder Fleder­mäuse fliegen vorüber. – stop

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