giuseppi

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oli­mam­bo : 2.05 — Eine Schwe­fel­wolke, von Feuer­w­erk­ern über dem Fluss an den Him­mel geset­zt, walzt nachts durch mein Arbeit­sz­im­mer. Ich warte in diesem Moment vor dem Bild­schirm und tele­foniere und beobachte zur gle­ichen Zeit, wie mein Ver­schlüs­selung­spro­gramm meldet, irgen­deine Mas­chine habe in den ver­gan­genen 5 Minuten ver­sucht, meinen Basiss­chlüs­sel her­auszufind­en. Ich erhalte 1218 War­nun­gen inner­halb 1 Minute per E-Mail zugestellt. Und während ich von Giusep­pi Logan ( Hört ihm zu! ) erzäh­le, dem ich ohne es zu bemerken, im Jahre 2010 im Thomp­kins Square Park per­sön­lich begeg­net sein kön­nte, geht das immer weit­er so fort, in kleineren Paketen tre­f­fen rasend schnell alarmierende E-Mails bei mir ein. In diesem Moment kön­nte ich wirk­lich nicht sagen, ob ich nicht vielle­icht träume, was ich vor mir auf dem Bild­schirm beobachte. Vorhin zählte ich Marienkäfer nahe der Lam­p­en. Zur Zeit leben 22 Per­sön­lichkeit­en in mein­er Woh­nung, 1 Käfer sitzt schon seit Stun­den auf dem Gehäuse Esmer­al­das fest. — stop

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giuseppi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nie­mand klang in einem Ensem­ble so wie Giusep­pi [Logan]. Bei seinem Spiel hielt er seinen Kopf weit zurück; dazu erk­lärte er: „Auf diese Art ist meine Kehle weit offen“, so kon­nte er mehr Luft einziehen. Er spielte in einem Umfang von vier Oktaven auf dem Alt­sax­ophon. Was ihn als Impro­visator von anderen unter­schied, war die Art, wie er seine Noten platzierte und damit einen bes­timmten Klang schuf, dem die anderen der Gruppe dann fol­gten. Seine Stücke waren aus diesem Grund sehr attrak­tiv; Giusep­pi hat­te seine ganz eige­nen Ansicht­en über Musik …“ – Bill Dixon

kontrabass

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romeo : 6.15 — Das warme Licht, das im Holz der Kon­tra­basse bren­nt, ein Glühen, in das ich vernar­rt bin, soweit ich zurück­denken kann? Die Schuhe eines ural­ten Bassis­ten, wie sie vor dem kleinen Jun­gen sehr fest auf dem Boden ein­er Keller­bühne ste­hen, während die Welt drumherum aufgewühlt ist, schwarze, spiegel­blanke Schuhe, und irgend­wo weit oben am Sch­neck­en­turm, dun­kle Hände, die wie Ech­sen über Holz und kupferne Seile sprin­gen. Mein selt­sam füh­len­der Bauch. Wun­derte mich, dass sie miteinan­der sprechen, während sie spie­len, lachen, spaßen, sich befeuern und beim Namen nen­nen. Hört ich nicht ger­ade noch Thelo­nius Sphere Monks Stimme wie er im Jahre 1957 : Coltrane! Coltrane! ruft?  — Welch­es Geräusch würde ein Kon­tra­bass von Eis erzeu­gen? — stop / kof­fer­text

ping

aylan kurdi

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sier­ra : 23.25 — Ich hat­te bis zum späten Abend keine Zeitung gele­sen und auch die Fernsehmas­chine nicht angestellt. Gegen 22 Uhr rief ein Fre­und an, fragte, ob ich die Fotografie mit dem Jun­gen gese­hen hätte, der aus Kobane geflüchtet, vor einem Urlauber­strand der Türkei ertrunk­en und Land gespült wor­den sei. Er sagte, er habe mir die Auf­nahme ger­ade eben geschickt, und ich hörte genau in diesem Moment das Geräusch ein­er ank­om­menden E-Mail mit dem Betr­e­ff: Der Junge. Eine halbe Stunde später öffnete ich die Datei. Auf der Fotografie war der Kör­p­er eines Kindes am Strand zu erken­nen, ein­sam, unendlich ein­sam, so, als habe das Meer, in dem das Kind ertrunk­en war, seinen Kör­p­er behut­sam am Strand abgelegt, seht her, schaut was geschehen ist, öffnet die Gren­zen, lasst Flüchtlings­men­schen endlich mit Flugzeu­gen zu euch kom­men, wehrt sie nicht ab, errichtet keine Zäune, hört auf, Waf­fen zu liefern, mit welchen tat­säch­lich auf Men­schen geschossen wird, ich bin das Meer, aus dem ihr alle gekom­men seid. Mil­lio­nen elek­trische Exem­plare dieser Fotografie eines leblosen Kindes sollen sich inner­halb weniger Stun­den um die Welt ver­bre­it­et haben, eine Fotografie, die nie wieder ver­schwinden wird, ein Gedächt­nis­bild möglicher­weise, wie das Bild ( Pulitzer­preis 1973 ) der durch friend­ly fire schw­er ver­let­zten Kim Phúc und der Geschwis­ter des Mäd­chens, fliehend auf ein­er Straße im Süden Viet­nams, ein Gedächt­nis­bild, an das sich die Men­schheit nun gewöh­nen wird, das Bild betra­cht­en und bedenken, damit es seinen Schreck­en ver­liert, bis man es nicht mehr wahrnehmen wird. Der Name des Jun­gen: Aylan Kur­di. Er wurde 3 Jahre alt. Nicht alle wer­den sich gewöh­nen. — stop

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echo : 1.08 — Wie Men­schen nun Handys nicht länger an ihre Ohren hal­ten, son­dern vor den Mund. Vielle­icht auch deshalb, um gle­ichzeit­ig sprechen und lesen zu kön­nen, sprechen also und hören und noch etwas Weit­eres tun. — Wieder Nacht. In einem Moment der Stille beobachtete ich vor weni­gen Minuten ein Bücher­re­gal, das in meinem Arbeit­sz­im­mer ste­ht. Ich meinte wieder ein­mal, ein Geräusch wahrgenom­men zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bam­bus­rohr leg­en, durch welch­es Kiesel­steine fall­en. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Büch­er befind­en, die ich noch nicht gele­sen habe, wartende Büch­er, sagen wir, Mah­nende. Kurz darauf wan­derte das Geräusch in die Mitte des Regals, Christoph Rans­mayr klimperte, John Berg­er, Janet Frame, Anto­nio Tabuc­chi. Ich hat­te für einige Minuten den Ein­druck, das Geräusch oder seine Ursache kön­nte sich vervielfältigt haben. Wenn nun fol­gen­des geschehen wäre, dass sich die Büch­er meines Regals in Funkbüch­er ver­wan­del­ten, in Büch­er, die nur vorgeben Büch­er von Papi­er zu sein, in Büch­er also, die über Seit­en ver­fü­gen, die eigentlich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typ­is­che Geräusch ver­nom­men habe, das in genau dem Moment entste­ht, da der Autor eines Buch­es mit­tels Funkwellen eine erneuerte Fas­sung seines Werkes in die Zim­mer der Welt entsendet. Ich muss darüber nach­denken, was die Möglichkeit oder die Exis­tenz der Funkbüch­er bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören kön­nen, für Anfang und Ende ein­er Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zim­mer rascheln würde, oder Dan­tons Tod, Georg Büch­n­er? – Noch zu tun: Regen­wörter erfind­en. — stop

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mirabelle-acht

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delta : 2.55 — Im Waren­haus beobachtete ich, wie Preise für Fernse­hap­pa­rate stündlich fall­en, Fernse­hap­pa­rate sind inzwis­chen so gün­stig gewor­den, dass sie beina­he nichts mehr wert sind. Auch Hum­merteile wer­den immer bil­liger, Büch­er, Espres­so­maschi­nen, Seeanemo­nen, Wei­h­nacht­sen­gel, Schreib­maschi­nen. Oder die Preise für Fin­ger­hand­schuhe, gestrickt, das 8. Jahr in Folge. — Gegen 2 Uhr heute Nacht fol­gende Beobach­tung. Wenn ich um die Wort­gruppe schw­eres Wass­er ein Verze­ich­nis leichtsin­niger Assozi­a­tio­nen lege, ver­schwindet der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht vielle­icht Erin­nerung über­haupt in dieser Form organ­isiert sein kön­nte? — Zwei Uhr fün­fzig Minuten in Röszke, Ungarn. — stop

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al marj

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 102 hupende Rüs­sel­rosen, vor Al Marj gesichtet. Man wan­dert in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
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von schuhen

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char­lie : 3.25 – Bahn­steig 23, Cen­tral­bahn­hof, Dien­stag, 28 Minuten nach 10 Uhr abends. Auf ein­er Bank sitzt eine Frau in dun­klem Gewand, über ihrem Kopf ein Tuch von eben­so schwarz­er oder dunkel­grauer Farbe, das ihr Haar lose bedeckt. Die Frau scheint von hohem Alter zu sein und müde und scheu, noch nicht ein­mal drei Stun­den ist es her, dass sie an diesem Ort eingetrof­fen ist. Ich höre, der junge Mann, der an ihrer recht­en Seite sitzt, sei ihr Enkel, er war es gewe­sen, der die alte Frau aus dem Zug getra­gen hat­te, weil sie nicht mehr laufen kon­nte, so erschöpft waren ihre Füße vom wochen­lan­gen Wan­dern durch halb Europa, außer­dem waren zulet­zt Schuhe kaum noch vorhan­den. Ein Mäd­chen hat ihren Kopf im Schoß der Urgroß­mut­ter gebor­gen und schläft. Eigentlich müssten da noch zwei Jungs sein, der ältere Brud­er des kleinen Mäd­chens, aber der ist tot, und auch ihr jün­ger­er Brud­er ist nicht da, weil er tot ist, und auch ihre Mut­ter nicht, da ihre Woh­nung von ein­er Granate getrof­fen wor­den war, als das kleine Mäd­chen auf die Straße ran­nte ganz allein, was eigentlich ver­boten war im Novem­ber des ver­gan­genen Jahres in einem Dorf 16 Kilo­me­ter weit ent­fer­nt von der Stadt Homs. Auch der Urgroß­vater des über­leben­den Mäd­chens ist nicht da, weil er tot ist. Allerd­ings ist der Urgroß­vater zur üblichen Zeit eines natür­lichen Todes gestor­ben und in Form ein­er Fotografie nach Europa mit­gekom­men, die die alte Frau in diesem Moment in ihrer Hand hält und betra­chtet. Ihr Sohn, der Vater des jun­gen Mannes, der seine Groß­mut­ter aus dem Zug getra­gen hat­te, spricht ger­ade mit ein­er fröh­lichen Per­son, die eine Weste trägt, welche leuchtet, dass es in den Augen nur so schmerzt. Er ver­sucht der jun­gen deutschen Frau zu erk­lären, dass er vor Stun­den seine Ehe­frau aus den Augen ver­loren habe, er sagt immer wieder ihre Namen auf, damit man unverzüglich nach ihr suchen könne. Sein Sohn, der junge Mann, der neben sein­er Groß­mut­ter sitzt, erzählt indessen in englis­ch­er Sprache, seine Groß­mut­ter habe das Dorf, aus dem die Fam­i­lie vor Monat­en geflüchtet war, in ihrem ganz Leben nicht ein einziges Mal ver­lassen, und jet­zt sitzt sie also hier auf ein­er Bank in diesem Nord­land, Bahn­steig 23, Cen­tral­bahn­hof, ver­ste­ht kein Wort, von dem was da so über­all um sie herum gesprochen wird, und stre­icht mit ihren Hän­den behut­sam über das Haar des schlafend­en Kindes. Immer wieder schaut sie zu ihren Füßen hin, als wäre sie nicht sich­er, dass diese Füße ihre eige­nen Füße sind. Vor­sichtig bewegt sie sie hin und her, noch keine Vier­tel­stunde ist ver­gan­gen, da hat­te sich ihr Enkel vor ihr niedergekni­et, um ihr nagel­neue feuer­rote Turn­schuhe anzuziehen von Puma. – stop

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pjöngjang

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himalaya : 1.58 — Über ein­er Geschichte Ita­lo Calvi­nos, die vom Bauch eines Geck­os erzählt, schlafe ich ein. Sofort aus der Woh­nung spaziert. Ich sage: Sei vor­sichtig, Du schläf­st! Wie ein alter Mann, der sich an dem Gelän­der ein­er Treppe fes­thal­ten muss, steige ich zur Straße hin ab, drei oder vier Stun­den, 52 Stock­w­erke, um meinen Briefkas­ten zu öff­nen. Ich finde dort eine Postkarte vor, die in der Stadt Pjöng­jang aufgegeben wor­den sein kön­nte. Selt­same Schriftze­ichen sind auf der Rück­seite der Postkarte zu lesen, die ich nicht entz­if­fern kann. Aber mein Name und meine Anschrift sind kor­rekt in lateinis­ch­er Schrift dargestellt, Buch­staben, sehr groß, wie gemalt. Auf dem Weg zurück nach oben, sage ich noch: Sei Vor­sichtig, Du schläf­st! Viele Stun­den wiederum bin ich unter­wegs hin­auf unters Dach. Men­schen, die ich nicht kenne, kom­men mir ent­ge­gen. Sie sind ohne Farbe, auch ich selb­st bin far­b­los gewor­den, meine Hände, meine Schuhe, meine Hose. Ein­mal begeg­ne ich einem Mäd­chen mit man­delför­mi­gen Augen. Ich zeige ihr meine Postkarte und sie lacht und wir set­zten uns auf eine Trep­pen­stufe und sie liest mir die Postkarte vor, weswe­gen ich nun weiß, wie die Wörter, die ich nicht lesen kann, klin­gen. — stop
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vor neufundland 2.12.16 uhr : die sterne sind rund

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tngo : 0.02 — Nehmen wir ein­mal an, man würde einen Vogel von der Größe eines Zeisigs kon­stru­ieren, ein Wesen, welch­es aus 1500 Einzel­teilen beste­hen wird, sagen wir aus Streben von sehr leichtem Met­all, einem hölz­eren Rumpf, Flügel von kost­barem Tuch, Schrauben, Farb­schicht­en, Dio­den, fein­sten Seilen, das wäre eine sehr feine Geschichte, einen Baukas­ten­vo­gel ent­deck­en für Mäd­chen und Jun­gen, die nun in ihren Zim­mern sitzen, um den Vogelkör­p­er zu mon­tieren. Sie wer­den vielle­icht zwei oder drei Monat Zeit in ihren Zim­mern ver­brin­gen, kaum etwas wird noch von ihnen zu sehen sein, als das Licht das bis spät in die Nacht ver­boten­er­weise aus ihren Zim­mern dringt. Wie sie zulet­zt ins Zen­trum ihrer Vögel, dort wo sie den Her­zort ihrer Vögel ver­muten, mit ein­er Pinzette und zit­tern­den Hän­den eine Atom­bat­terie verpflanzen, nicht größer als ein Reisko­rn, und wie sich nun ihre Vögel mit sur­ren­den Flügeln erheben und aus den Fen­stern segeln und flat­tern zur großen Reise ein­mal um die Erd­kugel herum. — Kurz nach Mit­ter­nacht. ich habe einen Funkspruch meines Fre­un­des Noe emp­fan­gen. Tiefe 828 Fuß. Posi­tion 81 Seemeilen südöstlich der Küste Neu­fund­lands. Fröh­liche Stimme, fol­gende Nachricht: ANFANG 2.12.16 | | | Habe lange zeit­en keine sterne gese­hen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte fin­ger von licht. s t o p füh­ler. s t o p als ob der wel­traum das meer durch­suchte. y e l l o w t u m b l i n g f i s h f r o m a b o v e. träumte yoko. s t o p ihre schul­tern. s t o p ihren mund. s t o p ihre stimme. s t o p spüre ihren atem an meinem hals. s t o p ihre lip­pen auf mein­er brust. s t o p coney island. s t o p wird man vielle­icht selt­sam in der stille? s t o p in der meer­esstille. s t o p schluss jet­zt. s t o p fan­gen wir noch ein­mal von vorne an. s t o p. t w o b l u e f i s h e s i n l o v e s t r a i g h t a h e a d. s t o p werde ich je wieder land betreten? s t o p | | | ENDE 2.14.02 — stop

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nahe centralbahnhof

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MELDUNG. Junge Kaimane, ein Schwarm, haben nahe Cen­tral­bahn­hof einen Imbiß über­fall­en. Von Mete­o­ren durch­schla­gen : Kioskdach, Limat 8, 9.02.03, 6.7 Gramm. Markise, Opern­platz 12, 3. Etage, 9.03.05, 0.8 Gramm. Mer­cedes Benz Coupe 107, Madrid­er­platz, 9.03.08, 12.01 Gramm. — stop
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nachtorte

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ulysses : 1.15 — Und träume von früher. Als die Zeit noch eine Fig­ur war, die eine Rolle spielte. Damals dachte ich, dass, wenn bei uns Tag war, wir die Nacht auf der anderen Seite der Welt bewacht­en. Bis mir klar wurde, dass wir ihren Schlaf nicht bewacht­en, son­dern sie im Schlaf aus­raubten. Dann bin ich aufgewacht. — Diese Beobach­tung habe ich in ein­er Textsamm­lung Alis­sa Walsers ent­deckt: Von den Tieren im Notieren. Kurze Zeit später, auf dem Weg zum Fen­ster, erin­nerte ich mich an das Muse­um der Nachthäuser, das sich am Shore Boule­vard nördlich der Hell Gates Bridge befind­et, die den New York­er Stadt­teil Queens über den East Riv­er hin­weg mit Randilis Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Muse­um noch immer existiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fab­rikschlot erin­nert, ein Garten, in dem ver­wit­terte Apfel­bäume ste­hen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen kon­nte. Während eines Spazier­ganges, zufäl­lig, ent­deck­te ich dieses Muse­um, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nach­mit­tag, ich musste etwas warten, weil das Muse­um nicht vor Ein­bruch der Däm­merung öff­nen würde, ein Muse­um für Nacht­men­schen eben, die in Nachthäusern wohnen, welche erfun­den wor­den waren, um Nacht­men­schen art­gerecht­es Wohnen zu ermöglichen. Als das Muse­um dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde gewor­den, und weil ich der einzige Besuch­er gewe­sen, führte mich ein junger Mann per­sön­lich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notizbuch notierte, weil er span­nende Geschicht­en erzählte von jenen merk­würdi­gen Gegen­stän­den, die in den Vit­ri­nen des Muse­ums ver­sam­melt waren. Von einem dieser Gegen­stände will ich kurz bericht­en, von einem met­al­lenen Wesen, das mich an eine Kreuzung von Gecko und Spinne erin­nerte. Das ver­rostete Ding war von der Größe eines Schuhkar­tons. An je ein­er Seite des Objekt saßen Beine fest, die über Saugnäpfe ver­fügten, eine Kam­era thronte obe­nauf wie ein Reit­er. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instru­ment der Vertei­di­gung han­delte, aus ein­er Zeit, da Nacht­men­schen mit Tag­men­schen noch unter ein und dem­sel­ben Haus­dach wohn­ten. Das kleine Tier saß in der Vit­rine in ein­er Hal­tung als würde er sich duck­en, als würde es jed­erzeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war näm­lich seine vornehme Auf­gabe gewe­sen, Zim­mer­wände zu besteigen in der Nacht, sich an Zim­merdeck­en zu heften und mit kleinen oder größeren Ham­mer­w­erkzeu­gen Klopf- oder Schlag­geräusche zu erzeu­gen, um Tag­men­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits wenige Stun­den zuvor noch durch ihre erbar­mungs­los harten Schritte den Erfind­er der Geck­o­mas­chine, einen Nachtar­beit­er, aus seinen Träu­men geris­sen haben mocht­en. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewe­sen damals in dieser schreck­lichen Zeit, dass sich Tag­men­schen sich­er fühlten vor Nacht­men­schen, die unter ihnen lebten, die mit Schrit­ten Zim­merdeck­en ihrer Woh­nung niemals erre­icht­en. Aus und fini! — stop

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nabokovs uhr

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gink­go : 6.12 — Nabokov schrieb vor einiger Zeit, er habe mir eine ungewöhn­liche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie angekom­men sei. Ver­gan­genen Fre­itag erneute Frage: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich vor zwei Monat­en sendete, angekom­men? Gestern war Nabokovs Uhr endlich im Briefkas­ten, zol­lamtlich­er Ver­merk: Zur Prü­fung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öff­nung des Päckchens war nicht die min­deste Spur zu erken­nen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päckchen nun eine Schachtel von hellem Kar­ton, in der Schachtel Sei­den­pa­piere, von Nabokovs eigen­er Hand ver­mut­lich zerknüllt. In weit­ere Sei­den­pa­piere eingeschla­gen, besagte Uhr, wun­der­bares Stück, ovales Gehäuse, blech­ern, ver­mut­lich Trompete, welch­es schw­er in der Hand liegt. Kurioser­weise fehlt der Uhr das Zif­ferblatt, weit­er­hin kein­er­lei Zeiger, wed­er Dio­den noch Leuchtze­ichen. Ich ver­suchte das Gehäuse der Uhr zu öff­nen, verge­blich. Erstaunlich ist nun, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seitlich öffnet, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Streifen fein­sten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeit­punkt aufge­tra­gen wor­den ist. Sechssiebzehnzwölf. Allerbesten Dank, Nabokov, allerbesten Dank! — stop
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vom tattermandl

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ulysses : 0.12 — Ich stellte mir, aus gutem Grund, einen Feuer­sala­man­der vor, der über zwei Köpfe ver­fügt. Inwiefern, fragte ich mich, würde sich seine beson­dere anatomis­che Gestalt auf die Art und Weise sein­er Fort­be­we­gung auswirken? Wäre der Feuer­sala­man­der noch in der Lage, sich fortzube­we­gen, wie es für Feuer­sala­man­der leicht schaukel­nd üblich ist, oder würde sich das kleine Tier etwa im Kreise drehen, vielle­icht deshalb, weil der linke sein­er Köpfe, sein Haup­tkopf, etwas schw­er­er wiegt als sein rechter Kopf, der über­haupt nur deshalb existiert, weil ein früher­er Sala­man­derkör­p­er von einem Strahlen­teilchen getrof­fen wurde, weswe­gen sich sein Zell­text verän­derte, weswe­gen für einen späteren, unseren illu­minierten Sala­man­der bere­its im Lar­ven­sta­di­um ein zweit­er Kopf vorgeschrieben war. Ich kön­nte vielle­icht sagen, dass der zweite Kopf des Sala­man­ders mit dem Ein­tr­e­f­fen des strahlen­den Teilchens zu einem Zeit­punkt, da er selb­st noch gar nicht existierte, unver­mei­d­bar wurde. Vier Augen nun, von welchen zwei unmit­tel­bar in der Lage sind, sich zu betra­cht­en, weil sie sich gegenüber­liegen, weil sie je seitwärts, eben nicht ger­adeaus, in die Welt hin­aus schauen. Ich erin­nere mich an eine Fotografie, auf der ich selb­st zu sehen bin, wie ich schlafe. — stop

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bahnsteig 24

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gink­go : 2.32 — Cen­tral­bahn­hof kurz nach 3 Uhr in der Nacht. Vier Stun­den in der Zeit zurück sind zulet­zt flüch­t­ende Men­schen mit einem Inter­ci­ty — Zug auf Bahn­steig 7 angekom­men. Einige junge Män­ner sitzen nun im Kreis in der Nähe der Auf­nah­me­zone auf dem Boden. Zwei Fam­i­lien mit Kindern ruhen nicht weit ent­fer­nt auf Mat­ten unter gold­e­nen Isolierdeck­en gebor­gen, die schim­mern, in dem sich die Men­schen bewe­gen. Sie sind erschöpft, schlafen, ein Junge aber ist noch wach. Er liegt auf dem Rück­en, Hände und Arme über der knis­ternde Decke abgelegt, ganz still und schaut zum Dach der Halle hin­auf. Vielle­icht beobachtet er Vögel, die zu dieser Stunde noch immer hin und her sprin­gen von Eisen­strebe zu Eisen­strebe als wäre nicht Nacht, son­dern Tag. Unweit hock­en Frauen und Män­ner der städtis­chen Berufs­feuer­wehr auf Bänken. Sie haben die Flüch­t­en­den, an diesem Abend sind es nicht so viele Men­schen gewe­sen wie an den Aben­den zuvor, emp­fan­gen. In einem Moment, da die Flüch­t­en­den ihre Namen in die Ohren der Über­set­zer sprachen, wur­den sie zu Angekomme­nen, viele zu Über­leben­den. Ich höre, eine der Fam­i­lien, die über Geld­mit­tel in Dol­lar ver­fü­gen soll, habe ihre Flucht von der Stadt Homs bis hier­her nach Mit­teleu­ropa in nur fünf Tagen geschafft. Sie sind jet­zt in mein­er Gegen­wart, wirk­lich gewor­den. Men­schen, die ich möglicher­weise auf einem Fernse­hbild­schirm beobachtet hat­te, wie sie durch zer­störte, höl­lis­che Straßen ren­nen, staubig, voller Schreck­en, wie flüch­t­ende Men­schen in den Straßen Low­er Man­hat­tans kurz nach Ein­sturz der Twin Tow­ers. Wenn nur für einen Moment in dieser nächtlichen Stille eines Bahn­hofes hör­bar oder sicht­bar wer­den würde, welcher­art die Geräusche und Bilder sind, die sie ver­mut­lich in ihrer Erin­nerung tra­gen. — stop

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metamorphose

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tan­go : 2.28 — Nach stun­den­langer Recherc­hear­beit der Ver­dacht, die Behaup­tung eines Fre­un­des, es sei einem Wal­fisch aus anatomis­chen Grün­den unmöglich, einen Men­schen zu verzehren, das heisst, ihn verse­hentlich bei lebendi­gem Leibe in sich sich aufzunehmen und in den Magen zu bewe­gen, kön­nte kor­rekt sein. Es bleibt nichts übrig, als geeignete Wal­fis­chgat­tun­gen zu erfind­en. — stop

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