giuseppi

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olimambo : 2.05 – Eine Schwe­fel­wolke, von Feuer­wer­kern über dem Fluss an den Himmel gesetzt, walzt nachts durch mein Arbeits­zimmer. Ich warte in diesem Moment vor dem Bild­schirm und tele­fo­niere und beob­achte zur glei­chen Zeit, wie mein Verschlüs­se­lungs­pro­gramm meldet, irgend­eine Maschine habe in den vergan­genen 5 Minuten versucht, meinen Basis­schlüssel heraus­zu­finden. Ich erhalte 1218 Warnungen inner­halb 1 Minute per E-Mail zuge­stellt. Und während ich von Giuseppi Logan ( Hört ihm zu! ) erzähle, dem ich ohne es zu bemerken, im Jahre 2010 im Thomp­kins Square Park persön­lich begegnet sein könnte, geht das immer weiter so fort, in klei­neren Paketen treffen rasend schnell alar­mie­rende E-Mails bei mir ein. In diesem Moment könnte ich wirk­lich nicht sagen, ob ich nicht viel­leicht träume, was ich vor mir auf dem Bild­schirm beob­achte. Vorhin zählte ich Mari­en­käfer nahe der Lampen. Zur Zeit leben 22 Persön­lich­keiten in meiner Wohnung, 1 Käfer sitzt schon seit Stunden auf dem Gehäuse Esme­raldas fest. – stop

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giuseppi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Niemand klang in einem Ensemble so wie Giuseppi [Logan]. Bei seinem Spiel hielt er seinen Kopf weit zurück; dazu erklärte er: „Auf diese Art ist meine Kehle weit offen“, so konnte er mehr Luft einziehen. Er spielte in einem Umfang von vier Oktaven auf dem Altsa­xo­phon. Was ihn als Impro­vi­sator von anderen unter­schied, war die Art, wie er seine Noten plat­zierte und damit einen bestimmten Klang schuf, dem die anderen der Gruppe dann folgten. Seine Stücke waren aus diesem Grund sehr attraktiv; Giuseppi hatte seine ganz eigenen Ansichten über Musik …“ – Bill Dixon

kontrabass

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romeo : 6.15 – Das warme Licht, das im Holz der Kontra­basse brennt, ein Glühen, in das ich vernarrt bin, soweit ich zurück­denken kann? Die Schuhe eines uralten Bassisten, wie sie vor dem kleinen Jungen sehr fest auf dem Boden einer Keller­bühne stehen, während die Welt drum­herum aufge­wühlt ist, schwarze, spie­gel­blanke Schuhe, und irgendwo weit oben am Schne­cken­turm, dunkle Hände, die wie Echsen über Holz und kupferne Seile springen. Mein seltsam fühlender Bauch. Wunderte mich, dass sie mitein­ander spre­chen, während sie spielen, lachen, spaßen, sich befeuern und beim Namen nennen. Hört ich nicht gerade noch Thelo­nius Sphere Monks Stimme wie er im Jahre 1957 : Coltrane! Coltrane! ruft?  – Welches Geräusch würde ein Kontra­bass von Eis erzeugen? – stop / koffer­text

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aylan kurdi

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sierra : 23.25 – Ich hatte bis zum späten Abend keine Zeitung gelesen und auch die Fern­seh­ma­schine nicht ange­stellt. Gegen 22 Uhr rief ein Freund an, fragte, ob ich die Foto­grafie mit dem Jungen gesehen hätte, der aus Kobane geflüchtet, vor einem Urlau­ber­strand der Türkei ertrunken und Land gespült worden sei. Er sagte, er habe mir die Aufnahme gerade eben geschickt, und ich hörte genau in diesem Moment das Geräusch einer ankom­menden E-Mail mit dem Betreff: Der Junge. Eine halbe Stunde später öffnete ich die Datei. Auf der Foto­grafie war der Körper eines Kindes am Strand zu erkennen, einsam, unend­lich einsam, so, als habe das Meer, in dem das Kind ertrunken war, seinen Körper behutsam am Strand abge­legt, seht her, schaut was geschehen ist, öffnet die Grenzen, lasst Flücht­lings­men­schen endlich mit Flug­zeugen zu euch kommen, wehrt sie nicht ab, errichtet keine Zäune, hört auf, Waffen zu liefern, mit welchen tatsäch­lich auf Menschen geschossen wird, ich bin das Meer, aus dem ihr alle gekommen seid. Millionen elek­tri­sche Exem­plare dieser Foto­grafie eines leblosen Kindes sollen sich inner­halb weniger Stunden um die Welt verbreitet haben, eine Foto­grafie, die nie wieder verschwinden wird, ein Gedächt­nis­bild mögli­cher­weise, wie das Bild ( Pulit­zer­preis 1973 ) der durch friendly fire schwer verletzten Kim Phúc und der Geschwister des Mädchens, flie­hend auf einer Straße im Süden Viet­nams, ein Gedächt­nis­bild, an das sich die Mensch­heit nun gewöhnen wird, das Bild betrachten und bedenken, damit es seinen Schre­cken verliert, bis man es nicht mehr wahr­nehmen wird. Der Name des Jungen: Aylan Kurdi. Er wurde 3 Jahre alt. Nicht alle werden sich gewöhnen. – stop

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echo : 1.08 – Wie Menschen nun Handys nicht länger an ihre Ohren halten, sondern vor den Mund. Viel­leicht auch deshalb, um gleich­zeitig spre­chen und lesen zu können, spre­chen also und hören und noch etwas Weiteres tun. – Wieder Nacht. In einem Moment der Stille beob­ach­tete ich vor wenigen Minuten ein Bücher­regal, das in meinem Arbeits­zimmer steht. Ich meinte wieder einmal, ein Geräusch wahr­ge­nommen zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bambus­rohr legen, durch welches Kiesel­steine fallen. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befinden, die ich noch nicht gelesen habe, wartende Bücher, sagen wir, Mahnende. Kurz darauf wanderte das Geräusch in die Mitte des Regals, Chris­toph Rans­mayr klim­perte, John Berger, Janet Frame, Antonio Tabucchi. Ich hatte für einige Minuten den Eindruck, das Geräusch oder seine Ursache könnte sich verviel­fäl­tigt haben. Wenn nun folgendes geschehen wäre, dass sich die Bücher meines Regals in Funk­bü­cher verwan­delten, in Bücher, die nur vorgeben Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Seiten verfügen, die eigent­lich Bild­schirme sind, die man umblät­tern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typi­sche Geräusch vernommen habe, das in genau dem Moment entsteht, da der Autor eines Buches mittels Funk­wellen eine erneu­erte Fassung seines Werkes in die Zimmer der Welt entsendet. Ich muss darüber nach­denken, was die Möglich­keit oder die Exis­tenz der Funk­bü­cher bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören können, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zimmer rascheln würde, oder Dantons Tod, Georg Büchner? – Noch zu tun: Regen­wörter erfinden. – stop

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mirabelle-acht

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delta : 2.55 – Im Waren­haus beob­ach­tete ich, wie Preise für Fern­seh­ap­pa­rate stünd­lich fallen, Fern­seh­ap­pa­rate sind inzwi­schen so günstig geworden, dass sie beinahe nichts mehr wert sind. Auch Hummer­teile werden immer billiger, Bücher, Espres­so­ma­schinen, Seeane­monen, Weih­nachts­engel, Schreib­ma­schinen. Oder die Preise für Finger­hand­schuhe, gestrickt, das 8. Jahr in Folge. – Gegen 2 Uhr heute Nacht folgende Beob­ach­tung. Wenn ich um die Wort­gruppe schweres Wasser ein Verzeichnis leicht­sin­niger Asso­zia­tionen lege, verschwindet der Begriff in der Gestalt eines Atolls. Ob nicht viel­leicht Erin­ne­rung über­haupt in dieser Form orga­ni­siert sein könnte? – Zwei Uhr fünfzig Minuten in Röszke, Ungarn. – stop

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al marj

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 102 hupende Rüssel­rosen, vor Al Marj gesichtet. Man wandert in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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von schuhen

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charlie : 3.25 – Bahn­steig 23, Central­bahnhof, Dienstag, 28 Minuten nach 10 Uhr abends. Auf einer Bank sitzt eine Frau in dunklem Gewand, über ihrem Kopf ein Tuch von ebenso schwarzer oder dunkel­grauer Farbe, das ihr Haar lose bedeckt. Die Frau scheint von hohem Alter zu sein und müde und scheu, noch nicht einmal drei Stunden ist es her, dass sie an diesem Ort einge­troffen ist. Ich höre, der junge Mann, der an ihrer rechten Seite sitzt, sei ihr Enkel, er war es gewesen, der die alte Frau aus dem Zug getragen hatte, weil sie nicht mehr laufen konnte, so erschöpft waren ihre Füße vom wochen­langen Wandern durch halb Europa, außerdem waren zuletzt Schuhe kaum noch vorhanden. Ein Mädchen hat ihren Kopf im Schoß der Urgroß­mutter geborgen und schläft. Eigent­lich müssten da noch zwei Jungs sein, der ältere Bruder des kleinen Mädchens, aber der ist tot, und auch ihr jüngerer Bruder ist nicht da, weil er tot ist, und auch ihre Mutter nicht, da ihre Wohnung von einer Granate getroffen worden war, als das kleine Mädchen auf die Straße rannte ganz allein, was eigent­lich verboten war im November des vergan­genen Jahres in einem Dorf 16 Kilo­meter weit entfernt von der Stadt Homs. Auch der Urgroß­vater des über­le­benden Mädchens ist nicht da, weil er tot ist. Aller­dings ist der Urgroß­vater zur übli­chen Zeit eines natür­li­chen Todes gestorben und in Form einer Foto­grafie nach Europa mitge­kommen, die die alte Frau in diesem Moment in ihrer Hand hält und betrachtet. Ihr Sohn, der Vater des jungen Mannes, der seine Groß­mutter aus dem Zug getragen hatte, spricht gerade mit einer fröh­li­chen Person, die eine Weste trägt, welche leuchtet, dass es in den Augen nur so schmerzt. Er versucht der jungen deut­schen Frau zu erklären, dass er vor Stunden seine Ehefrau aus den Augen verloren habe, er sagt immer wieder ihre Namen auf, damit man unver­züg­lich nach ihr suchen könne. Sein Sohn, der junge Mann, der neben seiner Groß­mutter sitzt, erzählt indessen in engli­scher Sprache, seine Groß­mutter habe das Dorf, aus dem die Familie vor Monaten geflüchtet war, in ihrem ganz Leben nicht ein einziges Mal verlassen, und jetzt sitzt sie also hier auf einer Bank in diesem Nord­land, Bahn­steig 23, Central­bahnhof, versteht kein Wort, von dem was da so überall um sie herum gespro­chen wird, und streicht mit ihren Händen behutsam über das Haar des schla­fenden Kindes. Immer wieder schaut sie zu ihren Füßen hin, als wäre sie nicht sicher, dass diese Füße ihre eigenen Füße sind. Vorsichtig bewegt sie sie hin und her, noch keine Vier­tel­stunde ist vergangen, da hatte sich ihr Enkel vor ihr nieder­ge­kniet, um ihr nagel­neue feuer­rote Turn­schuhe anzu­ziehen von Puma. – stop

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pjöngjang

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hima­laya : 1.58 – Über einer Geschichte Italo Calvinos, die vom Bauch eines Geckos erzählt, schlafe ich ein. Sofort aus der Wohnung spaziert. Ich sage: Sei vorsichtig, Du schläfst! Wie ein alter Mann, der sich an dem Geländer einer Treppe fest­halten muss, steige ich zur Straße hin ab, drei oder vier Stunden, 52 Stock­werke, um meinen Brief­kasten zu öffnen. Ich finde dort eine Post­karte vor, die in der Stadt Pjöng­jang aufge­geben worden sein könnte. Selt­same Schrift­zei­chen sind auf der Rück­seite der Post­karte zu lesen, die ich nicht entzif­fern kann. Aber mein Name und meine Anschrift sind korrekt in latei­ni­scher Schrift darge­stellt, Buch­staben, sehr groß, wie gemalt. Auf dem Weg zurück nach oben, sage ich noch: Sei Vorsichtig, Du schläfst! Viele Stunden wiederum bin ich unter­wegs hinauf unters Dach. Menschen, die ich nicht kenne, kommen mir entgegen. Sie sind ohne Farbe, auch ich selbst bin farblos geworden, meine Hände, meine Schuhe, meine Hose. Einmal begegne ich einem Mädchen mit mandel­för­migen Augen. Ich zeige ihr meine Post­karte und sie lacht und wir setzten uns auf eine Trep­pen­stufe und sie liest mir die Post­karte vor, weswegen ich nun weiß, wie die Wörter, die ich nicht lesen kann, klingen. – stop
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vor neufundland 2.12.16 uhr : die sterne sind rund

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tngo : 0.02 – Nehmen wir einmal an, man würde einen Vogel von der Größe eines Zeisigs konstru­ieren, ein Wesen, welches aus 1500 Einzel­teilen bestehen wird, sagen wir aus Streben von sehr leichtem Metall, einem hölzeren Rumpf, Flügel von kost­barem Tuch, Schrauben, Farb­schichten, Dioden, feinsten Seilen, das wäre eine sehr feine Geschichte, einen Baukas­ten­vogel entde­cken für Mädchen und Jungen, die nun in ihren Zimmern sitzen, um den Vogel­körper zu montieren. Sie werden viel­leicht zwei oder drei Monat Zeit in ihren Zimmern verbringen, kaum etwas wird noch von ihnen zu sehen sein, als das Licht das bis spät in die Nacht verbo­te­ner­weise aus ihren Zimmern dringt. Wie sie zuletzt ins Zentrum ihrer Vögel, dort wo sie den Herzort ihrer Vögel vermuten, mit einer Pinzette und zitternden Händen eine Atom­bat­terie verpflanzen, nicht größer als ein Reis­korn, und wie sich nun ihre Vögel mit surrenden Flügeln erheben und aus den Fens­tern segeln und flat­tern zur großen Reise einmal um die Erdkugel herum. – Kurz nach Mitter­nacht. ich habe einen Funk­spruch meines Freundes Noe empfangen. Tiefe 828 Fuß. Posi­tion 81 Seemeilen südöst­lich der Küste Neufund­lands. Fröh­liche Stimme, folgende Nach­richt: ANFANG 2.12.16 | | | Habe lange zeiten keine sterne gesehen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte finger von licht. s t o p fühler. s t o p als ob der welt­raum das meer durch­suchte. y e l l o w t u m b l i n g f i s h f r o m a b o v e. träumte yoko. s t o p ihre schul­tern. s t o p ihren mund. s t o p ihre stimme. s t o p spüre ihren atem an meinem hals. s t o p ihre lippen auf meiner brust. s t o p coney island. s t o p wird man viel­leicht seltsam in der stille? s t o p in der meeres­stille. s t o p schluss jetzt. s t o p fangen wir noch einmal von vorne an. s t o p. t w o b l u e f i s h e s i n l o v e s t r a i g h t a h e a d. s t o p werde ich je wieder land betreten? s t o p | | | ENDE 2.14.02 – stop

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nahe centralbahnhof

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MELDUNG. Junge Kaimane, ein Schwarm, haben nahe Central­bahnhof einen Imbiß über­fallen. Von Meteoren durch­schlagen : Kiosk­dach, Limat 8, 9.02.03, 6.7 Gramm. Markise, Opern­platz 12, 3. Etage, 9.03.05, 0.8 Gramm. Mercedes Benz Coupe 107, Madri­der­platz, 9.03.08, 12.01 Gramm. – stop
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nachtorte

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ulysses : 1.15 – Und träume von früher. Als die Zeit noch eine Figur war, die eine Rolle spielte. Damals dachte ich, dass, wenn bei uns Tag war, wir die Nacht auf der anderen Seite der Welt bewachten. Bis mir klar wurde, dass wir ihren Schlaf nicht bewachten, sondern sie im Schlaf ausraubten. Dann bin ich aufge­wacht. – Diese Beob­ach­tung habe ich in einer Text­samm­lung Alissa Walsers entdeckt: Von den Tieren im Notieren. Kurze Zeit später, auf dem Weg zum Fenster, erin­nerte ich mich an das Museum der Nacht­häuser, das sich am Shore Boule­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befindet, die den New Yorker Stadt­teil Queens über den East River hinweg mit Randilis Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Museum noch immer exis­tiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Back­steine, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Garten, in dem verwit­terte Apfel­bäume stehen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen konnte. Während eines Spazier­ganges, zufällig, entdeckte ich dieses Museum, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nach­mittag, ich musste etwas warten, weil das Museum nicht vor Einbruch der Dämme­rung öffnen würde, ein Museum für Nacht­men­schen eben, die in Nacht­häu­sern wohnen, welche erfunden worden waren, um Nacht­men­schen artge­rechtes Wohnen zu ermög­li­chen. Als das Museum dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde geworden, und weil ich der einzige Besu­cher gewesen, führte mich ein junger Mann persön­lich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notierte, weil er span­nende Geschichten erzählte von jenen merk­wür­digen Gegen­ständen, die in den Vitrinen des Museums versam­melt waren. Von einem dieser Gegen­stände will ich kurz berichten, von einem metal­lenen Wesen, das mich an eine Kreu­zung von Gecko und Spinne erin­nerte. Das verros­tete Ding war von der Größe eines Schuh­kar­tons. An je einer Seite des Objekt saßen Beine fest, die über Saug­näpfe verfügten, eine Kamera thronte obenauf wie ein Reiter. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instru­ment der Vertei­di­gung handelte, aus einer Zeit, da Nacht­men­schen mit Tagmen­schen noch unter ein und demselben Haus­dach wohnten. Das kleine Tier saß in der Vitrine in einer Haltung als würde er sich ducken, als würde es jeder­zeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war nämlich seine vornehme Aufgabe gewesen, Zimmer­wände zu besteigen in der Nacht, sich an Zimmer­de­cken zu heften und mit kleinen oder größeren Hammer­werk­zeugen Klopf- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeugen, um Tagmen­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits wenige Stunden zuvor noch durch ihre erbar­mungslos harten Schritte den Erfinder der Geck­o­ma­schine, einen Nacht­ar­beiter, aus seinen Träumen gerissen haben mochten. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewesen damals in dieser schreck­li­chen Zeit, dass sich Tagmen­schen sicher fühlten vor Nacht­men­schen, die unter ihnen lebten, die mit Schritten Zimmer­de­cken ihrer Wohnung niemals erreichten. Aus und fini! – stop

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nabokovs uhr

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ginkgo : 6.12 – Nabokov schrieb vor einiger Zeit, er habe mir eine unge­wöhn­liche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie ange­kommen sei. Vergan­genen Freitag erneute Frage: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich vor zwei Monaten sendete, ange­kommen? Gestern war Nabo­kovs Uhr endlich im Brief­kasten, zoll­amt­li­cher Vermerk: Zur Prüfung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öffnung des Päck­chens war nicht die mindeste Spur zu erkennen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päck­chen nun eine Schachtel von hellem Karton, in der Schachtel Seiden­pa­piere, von Nabo­kovs eigener Hand vermut­lich zerknüllt. In weitere Seiden­pa­piere einge­schlagen, besagte Uhr, wunder­bares Stück, ovales Gehäuse, blechern, vermut­lich Trom­pete, welches schwer in der Hand liegt. Kurio­ser­weise fehlt der Uhr das Ziffer­blatt, weiterhin keinerlei Zeiger, weder Dioden noch Leucht­zei­chen. Ich versuchte das Gehäuse der Uhr zu öffnen, vergeb­lich. Erstaun­lich ist nun, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seit­lich öffnet, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Streifen feinsten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeit­punkt aufge­tragen worden ist. Sechs­sieb­zehn­zwölf. Aller­besten Dank, Nabokov, aller­besten Dank! – stop
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vom tattermandl

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ulysses : 0.12 – Ich stellte mir, aus gutem Grund, einen Feuer­sa­la­mander vor, der über zwei Köpfe verfügt. Inwie­fern, fragte ich mich, würde sich seine beson­dere anato­mi­sche Gestalt auf die Art und Weise seiner Fort­be­we­gung auswirken? Wäre der Feuer­sa­la­mander noch in der Lage, sich fort­zu­be­wegen, wie es für Feuer­sa­la­mander leicht schau­kelnd üblich ist, oder würde sich das kleine Tier etwa im Kreise drehen, viel­leicht deshalb, weil der linke seiner Köpfe, sein Haupt­kopf, etwas schwerer wiegt als sein rechter Kopf, der über­haupt nur deshalb exis­tiert, weil ein früherer Sala­man­der­körper von einem Strah­len­teil­chen getroffen wurde, weswegen sich sein Zell­text verän­derte, weswegen für einen späteren, unseren illu­mi­nierten Sala­mander bereits im Larven­sta­dium ein zweiter Kopf vorge­schrieben war. Ich könnte viel­leicht sagen, dass der zweite Kopf des Sala­man­ders mit dem Eintreffen des strah­lenden Teil­chens zu einem Zeit­punkt, da er selbst noch gar nicht exis­tierte, unver­meidbar wurde. Vier Augen nun, von welchen zwei unmit­telbar in der Lage sind, sich zu betrachten, weil sie sich gegen­über­liegen, weil sie je seit­wärts, eben nicht gera­deaus, in die Welt hinaus schauen. Ich erin­nere mich an eine Foto­grafie, auf der ich selbst zu sehen bin, wie ich schlafe. – stop

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bahnsteig 24

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ginkgo : 2.32 – Central­bahnhof kurz nach 3 Uhr in der Nacht. Vier Stunden in der Zeit zurück sind zuletzt flüch­tende Menschen mit einem Inter­city – Zug auf Bahn­steig 7 ange­kommen. Einige junge Männer sitzen nun im Kreis in der Nähe der Aufnah­me­zone auf dem Boden. Zwei Fami­lien mit Kindern ruhen nicht weit entfernt auf Matten unter goldenen Isolier­de­cken geborgen, die schim­mern, in dem sich die Menschen bewegen. Sie sind erschöpft, schlafen, ein Junge aber ist noch wach. Er liegt auf dem Rücken, Hände und Arme über der knis­ternde Decke abge­legt, ganz still und schaut zum Dach der Halle hinauf. Viel­leicht beob­achtet er Vögel, die zu dieser Stunde noch immer hin und her springen von Eisen­strebe zu Eisen­strebe als wäre nicht Nacht, sondern Tag. Unweit hocken Frauen und Männer der städ­ti­schen Berufs­feu­er­wehr auf Bänken. Sie haben die Flüch­tenden, an diesem Abend sind es nicht so viele Menschen gewesen wie an den Abenden zuvor, empfangen. In einem Moment, da die Flüch­tenden ihre Namen in die Ohren der Über­setzer spra­chen, wurden sie zu Ange­kom­menen, viele zu Über­le­benden. Ich höre, eine der Fami­lien, die über Geld­mittel in Dollar verfügen soll, habe ihre Flucht von der Stadt Homs bis hierher nach Mittel­eu­ropa in nur fünf Tagen geschafft. Sie sind jetzt in meiner Gegen­wart, wirk­lich geworden. Menschen, die ich mögli­cher­weise auf einem Fern­seh­bild­schirm beob­achtet hatte, wie sie durch zerstörte, hölli­sche Straßen rennen, staubig, voller Schre­cken, wie flüch­tende Menschen in den Straßen Lower Manhat­tans kurz nach Einsturz der Twin Towers. Wenn nur für einen Moment in dieser nächt­li­chen Stille eines Bahn­hofes hörbar oder sichtbar werden würde, welcherart die Geräu­sche und Bilder sind, die sie vermut­lich in ihrer Erin­ne­rung tragen. – stop

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metamorphose

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tango : 2.28 – Nach stun­den­langer Recher­che­ar­beit der Verdacht, die Behaup­tung eines Freundes, es sei einem Walfisch aus anato­mi­schen Gründen unmög­lich, einen Menschen zu verzehren, das heisst, ihn verse­hent­lich bei leben­digem Leibe in sich sich aufzu­nehmen und in den Magen zu bewegen, könnte korrekt sein. Es bleibt nichts übrig, als geeig­nete Walfisch­gat­tungen zu erfinden. – stop

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